Der Dechant von Gottesbüren

Part 4

Chapter 43,653 wordsPublic domain

Wie sie dann doch nach Hause gekommen waren, das wußten sie nachher jedenfalls in der Eile nicht zu sagen, und Bob konnte darüber auch weiter nichts mitteilen. Bei Tisch glaubte man, sie hätten sich gezankt, so scheu gingen sie im Licht und in der Gesellschaft andrer Menschen aneinander vorbei, nicht aus Kälte, sondern aus schwer verhaltenem Feuer der Zärtlichkeit zueinander. Einmal hatte sie auf dem Heimweg eine Schafherde umwimmelt, und weil Bob begriff, daß ihn jetzt niemand beachtete oder auf seine Wachsamkeit Anspruch machte, kam er zur Abwechslung an den Schäferhunden vorüber, ohne eine Rauferei anzufangen, wenn auch mit steifen Beinen und gesträubter Bürste. Dann sprach ein Kind Linde an, weil seine Mutter es wieder so schlimm in der Brust habe; sie streichelte ihm liebreich den Kopf, und die Frau mußte sich heute sonstwie behelfen. Linde wußte nachher nicht einmal, welches Kind es gewesen war, obwohl sie jeden Flachskopf in der Stadt kannte und die dunklen auch. Sowenig sie sich auf dem Heimweg um Bob gekümmert hatte, soviel machte sie sich bei Tisch mit ihm zu schaffen, und er nahm alles in charaktervoller Munterkeit hin, was geboten wurde, als Hund mit Familienanschluß längst an die Wandelbarkeit der Gestirne gewöhnt. Indessen ließ sich Heinz willig, doch ohne Aufmerksamkeit, obwohl er welche heuchelte, über die besonderen Reize der frühgotischen Webereien unterrichten, die in der Tat auch nicht klein waren, aber er wußte sich noch stärkere und zeitlich näherliegende.

Als man beinahe mit Essen fertig war, läutete es draußen. Nach einer Weile erschien Brigitt und meldete wie einen Geldverlust die Frau Professor Klinger, durch welche Anzeige sie einiges Aufsehen erregte. Die Angemeldete folgte der Magd auf dem Fuß, schlank, vierzigjährig, in einem eleganten Reisekostüm, über mittelgroß, ordentlich hübsch, doch sehr kühl und gerade, obwohl wieder beinahe etwas Rührendes, Mädchenhaftes an ihr war, und mit einem interessanten aber spähenden und unverbindlichen Gesichtsausdruck, der es bewirkte, daß einfache oder nicht verbildete Naturen unwillkürlich Stellung gegen sie bezogen. Bob fuhr ihr sofort knurrend entgegen, und das galt sonst als schlechtes Zeichen. So bemächtigte sich auch der engeren Familie bei ihrem Anblick eine gewisse Betretenheit, weil man sie nicht von der Bahn abgeholt hatte, und die Worte und das Lächeln, womit sie die entsprechenden Entschuldigungen abwehrte, fuhren den Fehlbaren wie ein Schnupfenfrost in die Glieder.

Die Sache stellte sich so heraus, daß Linde sie auf morgen erwartet und der Dechant in derselben Meinung heute noch einen guten Tag genossen hatte. Nun, der Genuß war kein Wahn gewesen, aber die Voraussetzung; denn als Linde nachher den Brief der Tante herbeiholte, fand es sich, daß sie richtig auf dies Datum und diesen Abend angesagt hatte, und die Tante war nicht ganz im Unrecht, wenn sie leichthin meinte, der Dechant hätte den Brief selber lesen können, zumal er sonst gegen mündliche Überlieferungen so vorsichtig sei. Linde bat verwirrt und mit wenig Hoffnung um Entschuldigung. Die Tante sagte ungerührt und mit einer überlegen lächelnden Miene, als die Dame von Welt, die sie war, man solle nun ein Verhältnis nicht gleich mit Entschuldigungen und Verzeihungen beginnen; ein Fehler sei ein Fehler, man müsse sich eben bemühen, wenn möglich, keinen mehr zu machen. So schob sie mit wenig Worten, ohne sie zu berühren, die Schuldhaftigkeit und die Verantwortung für die etwa kommenden Folgen den andern zurück, und anstatt, daß ein früherer schlechter Eindruck durch einen neuen angenehmen gutgemacht wurde, schien zur Betretenheit der Hausgemeinde jener frisch bestätigt, ja Linde war auf einen Moment geradezu erschüttert von der totenhaften Kälte, die aus dem Wesen dieser Frau wehte, und von dem Egoismus und der Menschenverachtung, die neben aller geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung ihre wenigen guten Züge so mit abstoßenden und schreckenden vermischten, daß sie sie beinahe zerstörten. Heinz freilich fühlte sich angenehm enttäuscht und fand die Frau in Wirklichkeit nicht so unhold, wie sie ihm in Erinnerung stand, aber er behielt diese Beobachtung für sich.

Drittes Kapitel

Die Tante beweist ihre Bildung und führt eine neue Hausordnung ein, die nicht allen Leuten bekommt

Von der besagten geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung gab die Tante gleich nach dem Nachtessen eine Probe, als sie mit vorgestrecktem Kinn und schmalen Lippen durchs Haus ging, um sich wieder darin umzusehen, von Bob, der ihr nicht von den Füßen wich, unausgesetzt berochen und beknurrt. Das Haus des Dechanten stand voll hübscher alter Möbel, die er durch viele Jahre mit Liebe und Zähigkeit zusammengebracht hatte, Schränke, Tische, Kommoden und Stühle aus jenen goldenen Zeiten, in denen die Tischlerei noch eine persönliche Kunst gewesen war, und in denen es weder Fabrikanten gegeben hatte, die diese zerstörten, noch Professoren, die mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit und Prinzipien für vermögliche Leute auch noch nichts Glückhaftes an ihre Stelle setzten.

»Da hobeln sie jetzt mit tiefsinnigen Theorien ein Kunstgewerbe zurecht, das von sämtlichen nachgerühmten Eigenschaften nur eben die eine hat, daß es modern ist«, führte der Dechant aus, um, von einem Gegenstand angeregt, endlich ein wirkliches Gespräch und womöglich ein Einvernehmen in Gang zu bringen. »Sieh nur diese Sachen, das sind Phantasien, Erfindungen, Träume, Wunscherfüllungen. Etwas Schöneres läßt sich übrigens auch von der sogenannten hohen Kunst nicht sagen, wo sie's wirklich hochgebracht hat. Es hängt alles davon ab, daß den Leuten etwas einfällt, daß sie zu erzählen, zu musizieren, zu malen ~haben~, nicht aus Büchern, und was weiß ich, woher lernen, abstrahieren, und dann etwas aus dem Verstand daherrechnen, das keines Menschen Wünsche erfüllt und weder von Träumen noch von Einfällen weiß. Heut sind sie stolz darauf, daß sie endlich wieder das ›Material‹ entdeckt haben und kein Holz mehr als Metall oder Gips als Holz auffrisieren. Lieber Gott, das sind doch ziemlich alte Fortschritte. Betrachte das, wie diese Schreiner mit einem Birkenholz umzugehen wußten; da zeigt sich ein Material immer von seiner besten Seite. Jetzt brauchen sie hohe Schulen, um wieder so klug zu werden, wie ihre Urgroßväter schon in der Lehre waren.«

»Nimm mir's nicht übel«, sagte die Tante mit ihrem etwas singenden norddeutschen Tonfall und aufrichtiger, als für heute nötig war: »Ich kann mir aus diesen Antiquitäten nun gar nichts machen. Das ist für mich nur ein künstliches und leeres Spiel mit Formen. Ich kann begreifen, daß man dergleichen in Museen stellt, oder daß Leute in der Provinz noch dazwischen wohnen mögen, aber ein moderner Mensch geht mit seiner Zeit. Dieser Schrank zum Beispiel ist ja ganz falsch gebaut. Da ist zuerst ein hoher Kasten mit griechischem Giebelabschluß. Ein Abschluß ist ein Abschluß, und der Schrank wäre also fertig. Aber nun kommt über dem Giebel noch einmal ein Kasten, und zwar mit Säulchen, die einen zweiten, kleineren Giebel tragen. Du rühmst die alten Tischlermeister. Nun, ich muß sagen, man kann sehen, daß diesen Schrank nur ein Tischler gemacht hat. So kindisch kann bloß ein Handwerker mit klassischen Formen der Architektur umspringen. Das ist so willkürlich und irrationell, daß einen modernen, vernünftigen Menschen ein Schwindel darüber erfaßt. Und dann, du sprichst von Echtheit. Der untere Schrank ist ja als Sekretär maskiert, obwohl er ein Kleiderschrank ist; ist das Echtheit? Ich muß gestehen, du argumentierst etwas wunderlich, beinahe wie der Tischler, der diesen komischen Schrank machte. Er wußte das Holz zu behandeln, das ist aber auch alles«.

Der Dechant lächelte. »Wie ist das mit dem Wort vom Fühlen und Begreifen und dem andern von der Schulweisheit?« fragte er spottend. »Sieh mal an, irrationell sind diese Möbel ja wirklich. Dieser Giebel und diese etwas gebauchten Säulchen kommen an keinem einzigen griechischen Tempel zusammen; dafür will ich selber einstehen. Aber der Schreiner wollte ja auch keinen Tempel bauen, sondern einen schönen, fröhlichen und recht praktischen Schrank. Und ich kann dir sagen, in meinen Augen ist ihm alles ausgezeichnet gelungen. Der Schrank stimmt mich zu Fröhlichkeit, wenn ich ihn ansehe, und von Schönheit gibt er mir auch jedesmal einen verständlichen und anschaulichen Begriff. Was aber meine Kleider angeht, die hängen drin wie in einem Paradies. Liebe Marie, laß mich nur ungeschoren mit eurem Rationalismus, mit eurer steifen, unfruchtbaren, selbstgerechten Lebens- und Weltweisheit. Wo bisher Künstler und Dichter aus ›rationellen‹ Epochen glücklich waren, da waren sie's durch ihre irrationellen, nicht verstandesmäßigen, nicht meß- und nachweisbaren Einfälle. Ich habe zufällig kurz vor dem Krieg in einer illustrierten Kunstzeitschrift Abbildungen von eurem neuen Landhaus und seiner Einrichtung gesehen, entworfen von Herrn Professor Soundso. Ich weiß also Bescheid. Es ist alles sehr schön und richtig, es stimmt alles aufs Haar, und es ist nirgends ein Fehler. Die Flächen sind Flächen und hören nimmer auf wie die Liebe. Die Kästen sind wirkliche Kästen und die Leisten richtige Leisten. Sie haben das Prinzip des Rechtecks und das Prinzip des Quadrats auch. Die Prinzipe heiraten sich und scheiden sich, und die Linien laufen ewig und kommen nie an, oder sie werden notgedrungen abgebrochen, weil auch das Landhaus des seligen Professors Klinger nicht der unendliche Himmelsraum ist, obwohl sie gut und gern weitergehen könnten, denn eine geometrische Figur kann man sich bekanntlich in jeder Ausdehnung vorstellen. Dieser Schrank dagegen, ins Unendliche erweitert, ergäbe eine ausgemachte Absurdität, denn er ist auf endliche Verhältnisse für endliche Menschen gedacht. Das ist auch das Geheimnis seiner Vollkommenheit und sein Reiz. Alle Reize sind nämlich sterblich, geliebte Schwägerin, auch die deinen.«

»Nun«, meinte sie und streckte das Kinn vor, »meine Reize sollen eigentlich nicht das Thema eines katholischen Geistlichen sein. Ich begreife aber, daß gerade ein katholischer Geistlicher sich mit solchen Möbeln umgeben muß. Sie müßten für euch vorgeschrieben sein wie die Soutane. Es sind in wesentlichen Zügen katholische Möbel.«

Der Dechant neigte halb zustimmend den Kopf. »Dein Gesichtspunkt wird manchem etwas streng vorkommen, wenigstens was die deutsche Birkenmode angeht. Dies sogenannte Biedermeier war doch auch der Stil des protestantischen, ›aufgeklärten‹ Berlin, dem es für eine Generation die Physiognomie gab. Aber es war zugleich das Berlin des E. Th. A. Hoffmann und das Deutschland der katholisierenden Romantik, also immerhin eine sehr fruchtbare und, wie ich gern zugebe, eine ziemlich dunkelleuchtende Ausgabe von Aufklärung. Vor allen Dingen: eben eine katholisierende, was nicht nur meine Möbel trifft, sondern auch deinen Rationalismus. Folgt daraus: wir sind immer katholisch, aber ihr seid nicht immer rationalistisch.«

»Wenn wir nur immer protestantisch sind, Klemenz, dann ist mir für den Fortschritt der Welt nicht bange, trotz Rom.«

»Nun, mir wäre bange«, lächelte der Dechant. »Vom protestantischen Fortschritt hat man mich noch nicht vollkommen überzeugt. Denk an Goethe. Seinen katholischen Weg zum zweiten Teil des Faust macht doch jeder tiefer denkende protestantische Deutsche einmal im Leben durch.«

»Ich werde ihn jedenfalls nicht durchmachen, mein Lieber.«

»Habe ich denn gesagt, daß ich dich für einen tiefer denkenden protestantischen Deutschen halte?« lachte der Dechant.

Sie hob die Nase in die Luft. »Es ist jetzt auch nicht die Rede, wofür du mich hältst«, erwiderte sie kühl. »Jedenfalls bewahren wir die Welt vor dem Versinken in den leeren Formalismus von der Art, wie du ihn da in deinem Haus herumstehen hast, und wie ihn eure Kirchen zeigen.«

»Ich will dir etwas sagen, Marie: es gibt einen sinnlichen und einen unsinnlichen Formalismus. Den sinnlichen Formalismus seid ihr freilich los samt der sinnlichen Form. Eure Architektur beweist es und nicht nur die. Dafür habt ihr die deutsche Nation in den unsinnlichen Formalismus der Ziffer gestürzt. Da liegt sie nun drin und erlebt wie in einem wüsten Traum, wie alles Leben zum Einmaleins wird. Die Alten da trieben ein Spiel mit Formen, aber ein hoffnungsvolles und freudiges; ihr treibt ein hoffnungsloses mit Zahlen, und eure Freude ist dann auch zum Amüsement geworden. So verhält es sich mit dem Rationalismus von heute. Katholisierend ist er nicht; wäre er wenigstens protestantisierend! Wißt ihr noch etwas von der alten gottheiligen Kreisberechnung der Seelenkraft? Radius mal Radius mal Pi, das ist verdeutscht: das Ich mal das Ich mal Gottvertrauen gleich dem Kreis der unendlichen Wirkung. Nun, der fromme Mensch Hindenburg hat uns diese Rechnung ja wieder vorgemacht; ein Rationalist ist er aber nicht.«

»Wir haben ja jetzt das Biedermeier wieder«, meinte die Klingse. »Sieh nur mich an. Wenn ich meinen Koffer auspacke, so werde ich dir noch ganz anders kommen.«

»Ja, ihr habt's, aber nicht selber gemacht. Importiert aus dem neunzehnten Jahrhundert. Was importiert ihr nicht alles! Es ist gut, daß es mit der Importiererei zunächst ein Ende hat, so besinnt ihr euch wieder auf eure deutsche Fruchtbarkeit und Schöpferkraft. -- Was ist übrigens aus dem Landhaus geworden?«

»Was wird geworden sein? Sollte ich allein das große Haus bewohnen? Sobald ich einen guten Käufer fand, schlug ich's natürlich los. Ich bin wieder in die alte kleine Villa gezogen. Eben wird sie frisch hergerichtet; so bin ich sozusagen heimatlos.«

»Und die modernen Unendlichkeitsmöbel?«

»Die Möbel sind selbstverständlich ins Haus komponiert und im Haus geblieben. Was willst du dich über Möbel lustig machen, die du bloß in der Zeitschrift gesehen hast! Was aber das Importieren angeht, so finde ich dich hier doch auch ziemlich fleißig dabei, sogar aus allen Jahrhunderten, wenn ich mich nicht irre. Hast du etwa diese Mahagonisachen selber geschaffen? Und warum läßt du die alten Fetzen und Geräte nicht im Schutt liegen, sondern hebst sie auf und richtest sie wieder her? Import, mein Lieber! Wir sind ein Volk von Kaufleuten. Das ist's.«

»Ja, das Wort geht jetzt durch die Zeitungen«, bemerkte der Geistliche, der seine Verwandte kannte, etwas trocken. »Es ist bequem zu handhaben und nach allen Richtungen zu konjugieren.«

»Was du sagst, steht allerdings nicht in den Zeitungen«, erwiderte die Tante ein wenig spitz und tat dann vor Bob einen nervösen Seitenschritt. »Willst du nicht den häßlichen Hund an dich nehmen; es ist nicht erfreulich, ständig berochen und beknurrt zu werden.«

Der Dechant rief das Tier zu sich. »Er wittert nur nach Wohlwollen«, sagte er. »Wenn er keins findet, so knurrt er.«

»Das heißt, du sprichst dem Tier Seele zu?«

»Nein, ich denke nicht daran«, erwiderte er verwundert. »Kann ich dir Augen zusprechen? Du hast sie, ob ich sie bestätige oder nicht. So verhält es sich mit der Seele eines Tieres. Du bildest dir vielleicht ein, bloß ihr, du und die andern sechs Neunmalklugen in Berlin, hättet Seele. Seid froh, daß man euch nicht daraufhin untersuchen kann.«

»Das sind Fragen des geistigen Hochstandes!« sagte sie und hob die feine Nase. »Gegenüber einem Tier habe ich Herrengefühle. Es erfüllt seinen Zweck, und ich lasse es abschlachten oder verkaufe es. Was darüber hinausgeht, sind Sentimentalitäten.«

»Hoffentlich hast du noch andere Unterlagen für dein Herrengefühl«, bemerkte der Dechant. »Aber nun bewundere ein immerhin seelenloses Tier, das dir diesen geistigen Hochstand abgerochen und beknurrt hat.«

»Da würdest du wohl auch keine Nachtruhe für ein Tier drangeben?« fragte Linde, die bisher schweigend zugehört hatte, mit etwas feindlichen Augen. »Voriges Jahr ist er nämlich überfahren worden. Brigitt brachte ihn in einem Korb blutend und halbtot nach Hause. Er hatte Lungenverletzungen und konnte kaum mehr atmen. Der Tierarzt wollte ihm Gift geben, aber ich ließ es nicht zu. Wir trugen ihn auf mein Zimmer hinauf. Damit er sich nicht verkroch mit seinen Schmerzen, verstellten wir ihm alle Möbel. Nun saß er da traurig Stunden und Stunden und kämpfte um Luft. Seine Lunge ging wie eine Rassel. Liegen konnte er nicht, weil er sofort Erstickungsanfälle bekam. Schließlich begann er vor Schwäche umzufallen. Da baute ich ihn ganz mit Kissen ein und unterstützte ihm auch die Brust. Ab und zu hielt ich ihm ein Tellerchen mit Milch vor, weil er durch den Blutverlust durstig wurde; davon nahm er immer ein bißchen. Wenn ich mich bewegte, so blickte er sofort mit seinen großen, dunklen Augen nach mir hin, weil er fürchtete, daß ich ihn verlassen wolle. So verbrachten wir die erste Nacht. Als der Tierarzt am andern Morgen kam, wunderte er sich, daß der Hund noch lebte, aber er glaubte immer noch nicht, daß er durchkommen werde. Nun, er ist durchgekommen. Seither ist das Tier von mir unzertrennlich, und von dem Unglück an hat es ein ganz anderes Verhalten zu mir.«

Die Tante verzog den Mund etwas. »Das ist mir in der Tat zu hoch«, achselzuckte sie. »Du hättest dem +beast+ eine qualvolle Zeit ersparst, wenn du es sofort hättest töten lassen. Mehr kann ich dabei nicht sehen. Eine inferiore Kreatur dürfte mir keine Unbequemlichkeiten verursachen.«

»Du sagtest, der Hund sei häßlich«, erwiderte Linde mit roten Wangen. »Vielleicht erscheinst auch du ihm -- abstoßend. Wenigstens hat er sich noch nie gegenüber einem Gast so verhalten.«

In der Tat saß Bob neben seinem Herrn, das eine Auge unausgesetzt auf die fremde Frau gerichtet, und knurrend, sobald sie sich regte oder zu sprechen begann; ab und zu ging ein erregtes Zittern über seinen Leib, weil er seinen Platz nicht verlassen durfte, und in seinen treuen, mutigen Zügen drückte sich ein unverkennbares Leiden aus, das ihm das Mißtrauen gegen diese parfümierte Person erregte. Die Klingse zuckte wieder die Achseln.

»Jetzt fehlt nur noch, daß ihr den Hund zum Richter über euren menschlichen Wert macht«, sagte sie hochmütig und selber ein bißchen erregt, weil ihr die so rückhaltlos geäußerte Abneigung des Tieres immerhin peinlich war.

»Auch das wäre zu denken, daß wir unter Umständen durch ein Tier gerichtet werden«, versetzte der Dechant ernsthaft. »Wir werden ja auch durch Tiere gerettet. Sicher gibt es viele Beziehungen zwischen dem Tierreich und uns, von denen wir nicht einmal etwas wissen. Alles Unrecht und alle Grausamkeit, die an Tieren verübt worden sind, leben als Handlungen und als Wirklichkeit ebenso weiter wie die Guttaten und die erwiesenen Barmherzigkeiten sowie jene Beweise der Großherzigkeit und des Edelmutes, den andrerseits wieder unsre Freunde aus dem Tierreich uns geliefert haben. Vor Gottes Auge ergibt das eine Summe, die nicht wenig gelten kann. Vielleicht gibt es sogar Gerechte, die die Prüfung durch die Armen und selbst durch die Kinder bestehen, und die am Tier scheitern. Aber wollen wir nicht noch ein wenig in mein Zimmer treten? Bob wird sich solange auf sein Bett im Korridor legen. Hast du gehört, Bob?«

Bob hatte gehört. Durch einen ernsten, kummervollen Blick auf seinen Herrn und dann auf das junge Mädchen teilte er noch mit, wie schwer ihm in diesem Fall das Gehorchen werde, und wie wenig er den Befehl verstehe; darauf begab er sich widerstrebend mit gesträubter Rückenbürste und steifbeinig wie vor einer Rauferei auf den kommandierten Platz, nicht ohne unterwegs noch einmal zu knurren, als die Klingse mit ihrem seidenen Unterrock rauschte.

Der Soldat hatte von der ganzen gebildeten Unterhaltung wenig begriffen. Er hörte, daß es sich um modern oder altväterisch handelte, und da er als junger Mann, der in Amerika gewesen war, zu einer weltmännischen Gesinnung verpflichtet hielt, so leuchtete ihm eigentlich das, was die Tante sagte, besser ein. Als moderne Frau nahm er aber noch einen besondern Augenschein von ihr, der wiederum nicht ungünstig ausfiel, und im großen ganzen fand er, daß der Dechant sie wohl gelten lassen könnte, und daß Linde einen Fehler begehe, sich so feindlich zu ihr zu stellen, nachdem sie sie doch einmal eingeladen hatte, abgesehen von dem Beispiel, das sie sich in vielem an ihr nehmen konnte. Aber auch von diesen Erkenntnissen verlautete er nichts.

Das waren die Begleiterscheinungen, unter denen sich der Einstand der Tante vollzog. Für den Rest des Abends sprach man nur noch von unverfänglichen Dingen, so daß die Klingse nicht mehr nötig hatte, auf Zeitungsartikel und gehörte Kunstvorträge zurückzugreifen. Aber am nächsten Morgen trat sie mit vorgeschobenem Kinn und schmalen Lippen das Hausregiment an. Zuerst, noch droben im Hausgang, ordnete sie an, daß die Möbel in ihrem Zimmer umgestellt würden, weil sie nicht genug zum Frisieren sehe und nachts durch das Rauschen der Bäume gestört werde. Als sie etwas später zum appetitlich hergerichteten und nicht eben ängstlich besetzten Frühstückstisch kam, überblickte sie ihn im Niedersitzen mit unbestechlichen Augen; darauf, während sie die Serviette nahm, sagte sie etwas singend, doch immerhin Ärgernis nehmend:

»Ihr habt ja Eier und Butter. So üppig sind wir's lange nicht mehr gewöhnt. Ich finde, ihr könntet euch bedürfnisloser einrichten; es gibt jetzt soviel Elend. Ihr wißt so schöne Dinge über die Hunde zu sagen; denkt auch ein wenig an das deutsche Volk.«

Die Hausgemeinde fühlte sich von diesen Worten so auf ihrer Unanständigkeit betroffen und bloßgestellt, daß niemand wagte, mit einer klugen oder festen Entgegnung das Hausrecht zu behaupten. Man erkundigte sich bestürzt nach der Not in der Hauptstadt, bemerkte kleinlaut dies und jenes Allgemeine über den Gegenstand und fragte die Tante schüchtern, ob denn sie nicht auch ein wenig gehamstert habe, worauf sie einigermaßen verwundert antwortete: »Aber warum denn? Man kann sich ja für Geld noch genug kaufen!« Vom nächsten Tag an kam nur noch Marmelade auf den Tisch, zwar auch keine schlechte, und die Tante fand sie viel zu süß, aber das war nun nicht mehr zu ändern. Zum ersten Mittagessen sagte sie noch nichts, aber beim Tee nahm sie an den schneeweißen Brötchen Anstoß und erklärte es als ein Vergehen an der Allgemeinheit, jetzt so weiße Brötchen zu essen. Nun war es wirklich unmöglich, dunkleres Kleingebäck zu bekommen, aber um die Stimme des Gewissens zu beschwichtigen, aß man künftig grobes Schwarzbrot zum Tee, obwohl dem Dechanten und besonders Linde so schwere Kost übel bekam; schon der Abgang der Butter und des frischen Eies am Morgen bedeutete für Linde eine rechte Lebensverschlechterung, und die Folgen stellten sich bald als Magenschmerzen ein, aber sie ertrug sie still.

Am zweiten Tag ließ sich die Tante über das Abendessen aus, am dritten über den Mittagstisch. Es sah niemand ein, welches Interesse das verwünschte Weib daran hatte, sich selber die Kost zu verschlechtern. Das Nachtessen war die Hausgemeinde warm gewöhnt; man genoß einige leichte, angenehme Dinge, die den Schlaf nicht erschwerten und am andern Morgen ein erquicktes Erwachen versprachen. Damit räumte die Klingse auf. Man aß jetzt Brot mit Schmierkäse zu Nachgewärmtem oder zum Tee, auch etwas Aufschnitt und hinterher einen Apfel; auch liebte die Klingse Weintrauben und Nüsse. Dem Hund wurde der Speisezettel ebenfalls nachgeprüft und nach Menge und Gehalt streng beschnitten. Man briet nicht mehr mit Butter, obwohl die Bauern sie willig und reichlich ins Haus brachten und die alte Brigitt lästerlich schimpfte, sondern mit Schmalz, und im weiteren zeigte sich, daß die Tante überhaupt gegen die Braterei war; man solle mehr kochen und sieden, um das Fett für das deutsche Volk zu erhalten.