Der Dechant von Gottesbüren

Part 3

Chapter 33,690 wordsPublic domain

Der Garten fiel mit seinen Büschen und Bäumen steil zwischen alten Mauern zum Bach hinab; man beging ihn meistens auf Treppen außer den Querwegen, auf die die hängenden Beete stießen, und den Rasenplätzen, auf die man sich setzen konnte, um zu träumen oder nach Gefallen zu wachen. Die jungen Menschen taten immer beides durcheinander. Die Zwetschen waren reif und sahen amethystblau aus dem grünen Laub hervor. Heinz half Linde schütteln und auflesen. Dann half sie ihm Gravensteineräpfel pflücken und einbringen. Einmal wollten sie auch der alten Brigitt bei ihrer Gemüseernte zur Hand gehen, aber sie war sehr kurz und hieß sie ihre eigenen Wege suchen. Das taten sie denn auch, etwas verlegen über die behördliche Erlaubnis und zufrieden über die Möglichkeiten, die sie ihnen eröffnete. Es stellte sich heraus, daß Heinz in der Fremde manches von dem alten Städtchen vergessen hatte. Was er sich am wenigsten verzeihen konnte, war, daß er das Stück Stadtmauer und den runden Turm nicht mehr gewußt hatte, woran der Garten Anstößer war. Dort standen große, ehrbare Holunderbüsche. Auch den reifen Holunder pflückten sie miteinander; Brigitt kochte Suppe davon, und den Rest machte sie ein. Heinz holte eine Leiter herbei, und sie stiegen nacheinander zum Turmloch hinauf, um zu sehen, ob Eulen drin säßen. Sie fanden ihrer vier, aber Linde erlaubte nicht, daß Heinz sie ängstigte. Inzwischen litten sie ohne das schon genug Angst.

Mit dem Dechanten gingen sie manchmal den Fortgang der Kirchenarbeit besehen. Das hübsche gotische Sakramentshäuschen war eben wieder von den Gerüsten frei geworden und stieg nun mit seinen Säulchen und Blumen so rein und leicht wie der Liebesseufzer einer frommen Jungfrau zur Wölbung des Mittelschiffes hinan. Die Ehrfurcht und das religiöse Grundgefühl, aus denen der ganze ernste Bau gewachsen war, vermochten freilich auch die Steinhobel und Hebeisen der Maurer nicht aus den sonst entkleideten Bogengängen zu vertreiben; sie wallten mit dem Staub und den Sonnenstrahlen feierlich in alter Weise vor den farbigen hohen Fenstern auf und ab und umdämmerten unerfaßlich und mit dem Charakter der Ewigkeit das ewige Licht, das uns die Wiederkehr des göttlichen Menschen und des menschlichen Gottes verspricht. Der Dechant beklagte sich bei Heinz darüber, daß auch Linde im geheimen an seiner Frömmigkeit zweifle, weil er den notwendigen Mut gefunden habe, mit Schaufel und Karre in das geweihte Lokal einzuziehen, aber Linde hatte heute nicht genug strenge Heiligkeit im Leib, um dies Thema zu spinnen, und wich ihm aus. Heinz sprach ganz weltlich von dem Bedürfnis eines alten Gebäudes nach Pflege und immerwährender Fürsorge keinem ganz zur Zufriedenheit und keinem geradehin zum Unbehagen; sie spürten beide, daß er ihnen zu Gefallen auf fremde und ihm gleichgültige Dinge einging, und so ließ auch der Dechant den Gegenstand fallen. Als er aber seinen Neffen in sein kleines Museum führte, wo die aufgefundenen heiligen Geräte und Gegenstände sich wieder ans Tageslicht gewöhnten, hatte der moderne Soldat ganz ordentlich mit der seltsamen Empfindung zu schaffen, die uns immer überkommt, wo wir einen leibhaften Zeugen von mehr theoretisch bekannten alten Historien vor die Augen bekommen.

Eine persönliche Verwirrung hatte Linde mit sich selber abzumachen. Am zweiten oder dritten Tag, als Heinz noch nicht wieder ganz vertraut mit ihr war und auch schon nicht mehr ganz unvertraut, hatte er in der Nähe des Mauerzahns ein kurzes Gespräch mit ihr. Was diese Ruine angeht, so kann man sagen, daß Heinz sich von ihr allgemein und besonders angezogen zu fühlen schien, während Linde sie lieber umging und, in ihrer Nähe angekommen, stets Zeichen von Unruhe und Befangenheit gab, die Heinz eher zu vermehren Lust hatte als zu vermindern. Als sie sogar einmal errötete, sprach er sie mit etwas spöttisch verzogenen Lippen darüber an.

»Wie ist das nun eigentlich?« sagte er andeutend mit einer Kopfbewegung nach der Mauer. »Alles beim alten? Konservativ wie immer? Oder in aller Stille in Ordnung gebracht? Zwar dann hätte ich etwas davon gehört. Wie steht's?«

»Wie soll's stehen?« erwiderte sie mit weggewandtem Blick. »Frage dich selber.«

»Also noch beim alten. Bewahrte Erinnerung. Sag mal, warum weiß er nichts davon? Das ist doch unter Umständen inzwischen eine Gewissensfrage geworden, wenn man bedenkt, wie er daran hing. Hast du's wenigstens gebeichtet?«

»Nein.«

»Nun seht einmal dies verstockte Herzchen an. Nicht einmal gebeichtet hat sie's. Und hast immer nett und gut die Kommunion mitgemacht mit der ungebeichteten Sünde im Gewissen? Du, wie machst du das dem lieben Gott plausibel?«

»Wieso ist das jetzt eine Sünde?« fragte sie unzufrieden. »Als du kamst, war's noch eine Dummheit.«

»Nun, was denn ist's? Also ein gutes Werk! Na, die Bilderchen waren ja wirklich etwas drastisch. Wenn du's ehrlich und fest dafür ansiehst, so mag's angehen, obwohl du neulich nicht danach gesprochen hast und augenblicklich auch nicht danach dreinsiehst. Es ist dir ins Gewissen gewachsen, und du hast dich schon ordentlich tief darein verstrickt.«

»Ich konnte nichts tun, solange ich mich nicht mit dir verständigt hatte. Wir haben doch gemeinsam daran teil.« Diese Worte sagte sie beinahe heftig, aus einer Erregung heraus, aus der Heinz die jahrelange Spannung zu vernehmen glaubte.

»Haben wir?« fragte er aufmerksam. »Überlege dir das noch einmal, Mariechen. Haben wir nicht, so fällst du zwar dem Gericht deines Gewissens und so weiter unters Urteil, aber du hast's doch nur mit der höhern Macht zu tun. Haben wir aber, so bist du in der Hand eines Menschen gegeben, und ich bin nicht immer sauber. Siehst du nun, wohin solche Kinderstreiche führen, wenn man sie konserviert? Ach, ihr Leutchen da in der Heimat, wie seid ihr so deutsch und so tiefsinnig und so gewissenhaft. Und so gar nicht amerikanisch! Warum hast du nicht einen guten Sport draus gemacht und ›es‹ ihm ganz einfach eines Tages gesagt, ihm zum Geburtstag die Schwarte stillvergnügt auf den Tisch gelegt? Du konntest ja die Schuld auf mich schieben.«

»Ich sagte dir schon, daß wir das zusammen besitzen.«

»Ach, besitzen. Ich besitze gar nichts, Mariechen, außer wenn ich damit etwas anfangen kann zu meinem Vorteil oder zu meinem Vergnügen. Werde ich also eine Erinnerung besitzen? Rechne einmal. Aber wenn ich heute oder morgen mit diesem Handel Ernst mache, so werde ich dich besitzen, das ist das Lange und Breite. Wie willst du mir nun eine Sünde verreden, wenn ich Lust dazu bekomme, nachdem ich dich selber in einer bis an die kleinen hübschen Ohren sitzen gefunden habe? Ich will mich noch besinnen, ob ich dich herausziehen werde. Es kommt alles darauf an, ob ich dich reizend finden werde oder nicht. Sei also Weib oder Betschwester, was dir besser vorkommt. Danach wird sich alles richten.«

Sie sagte nichts mehr dazu, da sie außerdem einsah, daß mit Worten hier wenig zu richten war. Dagegen schien es dem weltlichen Vetter bald, daß Linde sich dafür entschieden habe, Weib zu sein, und das bereitete ihm unter allen andern die größte Überraschung, ja beinahe eine Art von Bestürzung, denn was sollte er mit einer solchen Beute machen, wenn sie ihm in die Hand fiel? Das war doch kein landläufiges Liebchen, sondern eine Jungfer mit Beziehungen und Qualitäten, und zur Hälfte gehörte sie sogar schon dem Himmel; mit dem trat er aber am allerwenigsten gern in Konkurrenz. Es wurde ihm immer gewisser, daß sie ziemlich genau wußte, was sie tat, und welchen Weg es mit ihr nahm, ebenso, daß sie anderseits der Entwicklung selber rat- und hilflos gegenüberstand, ohne die Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, weil im Grund alles seltsame, gefährliche und liebliche Wesen aus ihrem heimlichsten Blut erblühte. Bedachte er dann diese ihre Zwangsläufigkeit, so fühlte er beinahe Mitleid mit ihr. Etwas Gefährlicheres konnte er gar nicht fühlen, denn es weckte zu gleicher Zeit seine Begehrlichkeit und Abenteuerlust, und sein Blut trieb sich bunt schäumend und voller Mannesträume durch seine Adern, aber es machte ihm auch schwermütige Stunden und einsame Nächte voll Furcht und Grillen, für einen jungen Mann mit einer so handlichen Philosophie recht seltsame Stimmungen und Gemütszustände. Bei jeder andern hätte er sich auf den Kopf zugesagt, daß er verliebt sei, und keine andern Folgerungen daraus gezogen, als daß man nun eben suchen müsse, ihrer habhaft zu werden. Und dann hätte er sie erwischt, oder sie wäre ihm entwischt, und er hätte sich in jedem Fall mit verschärftem Appetit nach der nächsten umgesehen. Daß hier sein lohnender Turnus so peinlich gestört war, wollte ihm am allerwenigsten gefallen, und manchmal dachte er verärgert: Laß doch das ganze preziöse Persönchen zum Teufel gehen oder in den Himmel fahren, und sieh, daß du noch ungeschoren davonkommst, ein honetter junger Mann, der du bist. Aber dann mußte ihm nur einfallen, wie sie sich drehte, oder wie ihre Stimme klang, so war es um den ganzen honetten jungen Mann wieder geschehen und war er entschlossen, sich weiter scheren zu lassen. Was in dieser Schur fiel, das waren seine sündigen blonden Locken, und es wäre eine unnötige Gewalttätigkeit, behaupten zu wollen, daß er diesem leisen Schneefall der Eitelkeit nicht mit der allertiefsten Wehmut beigewohnt habe.

Indessen hatte diese Art von Leben für ihn auch angenehme, ja schöne Stunden. Wenn er mit dem zutraulichen Kind, zu dem sie aus einer wachsamen Jüngerin der Gottseligkeit geworden war, die steilen Gassen und Treppen der alten Stadt auf und ab stieg und in seinem Gemüt wie in einem Brennglas der Hoffart alle Ehrungen einfing, die ihm zuflogen, teils als Begleiter einer so geehrten und frommen Jungfer und andernteils doch auch aus eigenen Verdiensten, nämlich als Besitzer und Träger beider Eiserner Kreuze und von zwei kleinen Fürstenorden dazu, so fand er die hessischen Giebelhäuser, die bunt und quer auf seine moderne Existenz herabsahen, genau so originell und hübsch, wie Linde es wünschte, und er sprach nicht einmal davon, daß es drinnen doch recht niedrige und enge Buden habe. Und tatsächlich schwebte auch soviel silbernes Gespinst nicht nur des Herbstes, sondern auch der Geschichte in der Luft, hing an Giebeln und Türmchen, machte die Brunnen heimlich und die Plätze weise wie alte Bücher, daß es ihm oft war, als habe er sich aus seinem fortgeschrittenen Jahrhundert in irgendeine mittelalterliche Epoche verirrt, und dann war er seiner unentwegten Begleiterin dankbar, daß sie mit ihrer zeitgenössischen Figur ihn wieder mit der berühmten Gegenwart verband, in der er zu Hause war, und die er kannte wie seine Hosentasche, wenigstens glaubte er's. So erlebte er sie jedesmal in einer neuen Beziehung, und die Hauptsache: er erlebte und fühlte sie unausgesetzt, ob er wollte oder nicht. Sie beschäftigte seine Gedanken und Sinne und war auf lange Striche der einzige Mensch, der ihn nicht bloß mit dem Augenblick, sondern mit der ganzen weiten Welt und selbst mit dem hohen geneigten Schöpfer verband. Hatte er seine altkluge Nase nicht oben zwischen den Fenstern und Erkern der engen Bürgerhäuser, so waren sie sicher bei ihren kleinen Mädchenfüßen, die sie immer so flink und wohlgemut unter ihren Rocksäumen hervorbrachte und so eigensinnig fest aufs Pflaster setzte. Redete sie einmal ein Kind an, um es nach Geschwistern oder der Mutter zu fragen, so blieb er wohlgesinnt stehen, bis die heilige Unterhaltung zu Ende war. Und als ihn einmal ein naseweiser Junge am Rock zupfte und ihn andächtig fragte: »Sie, haben Sie denn immerzu gesiegt?«, freute er sich, als ob er beschenkt worden wäre, und er wurde es auch aus heiterm Himmel, denn so losgebunden hatte Linde die ganze Zeit noch nicht gelacht und gescherzt wie diesen Nachmittag. Das Geschenk bestand darin, daß sie zum erstenmal über seinen kriegerischen Charakter sprach, heiter und in verzwickten Neckereien, für die er in der Eile gar nicht genug flüchtigen Geist aufzubringen vermochte, aber die Scheu davor schien doch gebrochen, und jenes schmerzliche Mitleid hatte sich zu einem launigen Bedauern für allen Schmutz, Hunger und sonstigen soldatischen Notstand gemildert, den er im Feld erleiden mußte. Wenn sie ihm auch seine wahre Größe nicht richtig einzuschätzen schien, denn sie ging ihm gar zu selbstherrlich damit um, so war er's doch zufrieden, daß sie nicht mehr als Befremdung zwischen dem Mädchen und ihm stand, sondern ihm nun in ein allgemeines Weiberwohlgefallen aufgelöst als Liebeslaune von ihr zurückstrahlte, wenigstens legte er sich die Sache so aus. Den ernsten, wachsamen Hintergrund, auf dem ihre Laune leuchtete, merkte er nicht; dafür waren seine Augen zu roh, sein Blick zu oberflächlich und sein seelischer Tastsinn noch zu unentwickelt. Etwas Niggerhaftigkeit hängt jedem Amerikaner an, auch dem nachgemachten deutschen.

Der besagte Nachmittag führte aber das Paar an sehr gütigen Fäden aus der Stadt hinaus über die Felder, die schon frisch bestellt wurden, an herbstlichen Wiesen vorbei, auf denen Vieh läutete, zwischen Büschen mit Schlehen und Hagebutten hin, in denen Kinder hingen. Da und dort wurden Kartoffeln ausgemacht. Feldfeuer brannten. Allenthalben sah man gefangene Franzosen und Belgier zwischen dem eingesessenen Bauernvolk arbeiten, und manche radebrechten ein wenig miteinander. Rings auf den Hügeln standen neben den Wäldern die grauen Wachttürme und sahen wie vor alters in die Täler hinab. Aber sie hatten nichts mehr zu bewachen; das Wächteramt war an andere Gewalten übergegangen, und auch die Kriege nahmen heute andre Wege. Aber die Wolken flogen noch ihre alten heiligen Straßen. Auch die Wetter zogen noch aus den gleichen Himmelsgegenden her. Und die Gestirne durchwandelten an ihrem Ort ihre Ewigkeiten wie von Anbeginn. Wälder wuchsen, wurden geschlagen und wuchsen neu. Die Täler waren im Wechsel grün und weiß. Ab und zu brach irgendwo ein Feuer aus, brannte seine Zeit und erlosch wieder. Das war's, was die Türme noch vom Zeitlauf zu sehen bekamen. Vom gegenwärtigen ungeheuren Krieg war ihnen nichts bewußt, und das erschien als das Ergreifende an ihnen, obwohl niemand zu sagen vermochte, warum.

Zu einem von diesen uralten Türmen wanderten die beiden jungen Menschen hinaus. Linde sang leise vor sich hin und dachte, sie wußte nicht, woran. Sie fühlte sich jung und kräftig wie noch nie und bereit, das Leben der Liebe in sich aufzunehmen, und diesem rätselhaften Leben blickte sie mit vertrauenden, beinahe klaren Augen entgegen, doch mehr dem künftigen als dem gegenwärtigen, von dem sie doch noch ein leichter Schleier von Scheu und Ängstlichkeit schied. Im künftigen war alles schon geschehen und erfüllt, was sie am gegenwärtigen noch schreckte und erregte; das Heute war in aller Süßigkeit voll Unruhe und widersprechender Empfindungen, die sie manchmal einschüchtern wollten. Sie trieb im Ungewissen und konnte sich nicht aufhalten, und wenn ihr Tod darauf stand, so war es ihr unmöglich, von den beiden Wegen, die ihr Heinz eröffnet hatte, einen andern zu gehen als den hellen, auf dem er sie sehen und lieben konnte. Daneben hörte sie nicht auf, Mitleid zu empfinden für seine Lebensgier und für seine ganze innere Armut, die er mit so grober Kost und alltäglichem Kram in Bedeutung und Besitz zu verwandeln hoffte, und manchmal schwebte sie eine Geisterluft an, daß sie vielleicht dazu berufen sei, durch irgendein frommes Opfer ihn, wenn es sein mußte gegen seinen Willen, zum wirklich reichen Mann zu machen und ihm eine Bewegung zu verursachen oder vorzubereiten, aus der dann seine wahre beseelte Persönlichkeit hervorbrechen konnte. Inzwischen sie aber so fleißig und mit aller Treue an sein Inneres dachte, versäumte sie nicht, sein mannhaftes Äußere weiterhin anzusehen, das, wie sie deutlich erkennen konnte, nicht nur ihr gefiel. So wurde aus liebendem Mitleid, freundlicher Eifersucht, Wohlgefallen und Furcht vor dem eigenen Blut wie aus vier Morgenröten, wovon eine immer die andre überschäumte oder durchleuchtete, in ihrer Mädchenwelt der erste tiefe und wildkeusche Morgen der Liebe, dem es sowenig an gottesfürchtigen Lerchen wie an naturfrommen Rehen und Hasen fehlte, und in dem sie den endlichen Regen jetzt schon deutlich voraussah, denn der Geliebte war bestimmt, nach dieser Zeit von ihr weg in den Krieg zurückzukehren, und sie wußte, ohne fragen zu müssen, daß er sich auf das Wiedersehen mit seinem guten Gewehr freute und auf den Tag, an dem er durch das Zielfernrohr wieder den ersten Engländer visierte.

Beim Turm angekommen, setzte sich das Paar auf die verfallene Ringmauer und ließ die Blicke zunächst ziemlich still durch die Landschaft gehen. Hin und wieder wies eins das andre wie auf ein Geschenk auf irgendeine besondere Erscheinung, wie sie das Licht gerade hervorhob. Drunten wand sich der Fluß durchs Tal; seine Windungen erinnerten beide an die Inschriftenbänder, die man oft auf alten Bildern flattern sieht, und Linde meinte, hier würde irgendein schöner Spruch vom Frieden darauf stehen. Das Städtchen stand mit seinen Türmen und Dächern und dem hohen Dom gegen den hellen Abendhimmel wie eine Burg Gottes, in der es nur Freunde Christi und stille Priester gibt und gastliche Herbergen für Pilger. Der Dom teilte der ganzen Landschaft eine ernste, milde Stimmung von Ehrfurcht vor dem Unsagbaren mit, das hier als Geschichte und Legende lebendiger als sonstwo und zugleich so einfach wie nirgends zur Seele sprach. Hier hatte der große Heilige der Vorzeit furchtlos das Unternehmen gewagt, das Kreuz seines Herrn aufzupflanzen und den verehrten Baum mit der Axt zu fällen.

»Du, mir ist etwas eingefallen«, sagte Linde, die wie ein geistiger Spiegel immer alle Lagen und Zeiten ihrer Umwelt nachdenklich bewegte. »Eine alte Eiche zu schlagen, das muß doch damals mit den schwachen Werkzeugen eine sehr schwere Arbeit gewesen sein. Man lernt das so leichthin: ›Und dann schlug er die Eiche!‹ Ich meine, weil es äußerlich so schwierig war, so erhöhten sich doch auch die geistigen Schwierigkeiten; die frommen Männer werden nur unterschätzt, wenn man davon aus falscher Scham oder aus Gedankenlosigkeit nicht spricht. Es hat mir den Heiligen noch viel lieber gemacht, seitdem ich mir denken kann, wie mühselig und mit wie unvollkommenen Mitteln er sich für seine große Idee plagen mußte.«

»Tja«, erwiderte Heinz, »sobald man das Dings an der Quelle studiert, so schrumpfen die berühmtesten historischen Ereignisse zu Kindereien zusammen im Vergleich mit den modernen Errungenschaften und Vorgängen. So ein Weltkrieg zum Beispiel! Da stehen einander vielleicht vierzig Millionen Soldaten gegenüber. Wieviel werden's in den griechischen Feldzügen gewesen sein? Fünfzigtausend Männchen etwa. Und was für Lärm haben sie davon gemacht! Und dann unsre heutigen Kriegsmaschinen. Ein Römer, wenn man ihn in eine moderne Schlacht brächte -- glatt blödsinnig würde er. Selbst der berühmte Julius Cäsar. Nero würde sich vielleicht halten aus perversem Wohlgefallen, aber außer Schußweite. Bonifazius? Er tat, was er konnte; du mußt nicht zu scharf ins Gericht gehen mit ihm. Man soll überhaupt die mythischen Tatsachen möglichst unbesehen hinnehmen, sonst verlieren sie an Bedeutung, und den Schaden haben wir davon. Etwas Poesie muß man sich zu erhalten suchen; sie verschönt das Leben. Sonst wird der moderne Zeitlauf gar zu kahl und das Volk zu materialistisch.«

Auf diesen unerwarteten Sermon hatte Linde nichts zu sagen, und sie schwieg beinahe erschreckt unter einer erneuerten heftigen Aufwallung ihres Mitleids. Er seinerseits horchte etwas ernüchtert seinen klugen Ausführungen nach, und noch bevor ihm ihr Schweigen auffiel, kamen sie ihm schon irgendwie dutzendmäßig und bubenhaft vor. Doch war er gescheit genug, die Sache nicht durch erweiterte Erklärungen noch schlimmer zu machen, und als er nachher sagte, daß ihm der Begriff der lärmvollen großen Welt noch nie so aufgegangen sei wie hier an diesem stillen Erdenfleck, während er an das Draußen denke, so hatte er sogar eine gefühlte und gute Bemerkung gemacht, die ihr außerdem zeigte, daß er durchaus nicht der stupide Esel war, als der er manchmal zu erscheinen für nötig hielt. Als eine Art von Dank machte sie ihn dann -- zum erstenmal und nicht ohne Scheu -- von seinen Kameraden im Schützengraben reden und von seinen Obliegenheiten, vom Hergang eines Sturmangriffs und manchen andern Dingen, von denen sie wirklich nur ihm zuliebe Augenzeugenbericht empfing. Sie fürchtete sich von Herzen dabei, obwohl er sehr zurückhielt und bestrebt war, sie zu schonen, und zwar aus einem ritterlichen Verständnis für die natürliche Sorge der liebenden Frau, den geliebten Mann in so traurigen und gefährlichen Lebenslagen zu sehen. Was sie sonst noch sah, das war die liebende Schnelligkeit, mit der sich ein Erdenkörper, in wenig Tagen ihren frommen Mond ganz verfinsternd, zwischen sie und ihren Sternenhimmel schob und Gewalt über sie bekam; während sie unruhvoll der Entfernung von ihrem Heil beiwohnte, tröstete sie sich bald schwach und bald stark an der schweren Süßigkeit, die in allem Schmerz der seelischen Übermannung enthalten war, und die sie nachgerade doch beinahe mehr förderte als leidend ertrug. Heinz konnte nun schon sein Verhalten einrichten, wie er wollte, so diente es immer zur Schürung ihrer ganz sterblichen Leidenschaft. Seine Schönheit entzückte und seine Häßlichkeit verwundete sie, aber sie gehörte zu den seltsamen Menschen, die an ihren Wunden stärker werden. Er, der weit weniger von seiner Seele wußte, ahnte dies und jenes von der ihren, und während er sich zu Zartheit und zu ungewohnten Rücksichten zwang, verstrickte er sich tiefer in ihre verletzbaren Bedürfnisse, ließ sich halb willig und halb widerstrebend von ihrem hohen Feinsinn reizen und verlor auf seiner Seite immer mehr Position, während er auf der ihren alle gewann; er bemerkte mit wahrer Zaghaftigkeit und einer ihm ganz neuen Furcht, wie sie zusehends reif wurde.

Als bereits der Abendrauch aus den Kaminen der Stadt aufzusteigen begann und die Glocken in den Dörfern den Feierabend einläuteten, der mit erfülltem Frieden hinter den Wäldern dämmerte, sagte Linde ein Wort, das Heinz sofort naheging und ihn beinahe bestürzte. »Morgen kommt Besuch. Tante Klinger wird ein paar Wochen bei uns sein.« Sonst nichts, aber die halbe Stimme und der sorgenvoll ins scheidende Licht verlorene Blick sagten ihm alles, was er wissen mußte, und viel mehr, als dem Rest seiner Ruhe dienlich war. Der Name Klinger bedeutete Friedensstörung, Übellaune und Verdruß, das wußte er noch sehr gut, nicht zu reden von dem kahlen Bildungs- und Literaturwesen, dem das unglückliche Weib so sehr ergeben war, daß es auch seine Umgebung unerbittlich in die ausgelaugte Stimmung wie in eine Krankheit tauchte. Im ersten Gefühl nahm er Lindes Hand.

»Das ist ja jetzt nicht mehr zurückzutun«, sagte er dann tröstend. »Man muß es hinnehmen wie ein Regenwetter. Viel Freude wird für uns nicht dabei herausspringen. Sag mal, Linde, würdest du sie noch einmal einladen, wenn du's heute zu tun hättest?«

Sie schüttelte stumm den Kopf, während ihr das stille einsame Herz zu zittern begann und sie mit ihrer Sehnsucht plötzlich riesengroß aus allen bisher gewohnten und erlaubten Maßen herauswuchs. Aber bevor sie sich allein in eine Einsamkeit verlor, um auf einer höheren Ebene vielleicht doch wieder ihrem strengen Gott zu begegnen, fühlte sie sich menschlich von Armen ergriffen und an eine sterbliche Brust heimgenommen, und empfand sie die dunkel bedrängte Wonne des ersten Liebeskusses.