Part 2
»Ich bin jetzt eigentlich gar nicht zu Frechheiten aufgelegt«, bemerkte er beinahe nachdenklich. »Mir ist eher sentimental zumut, elegisch wegen dem Wiedersehen mit der Heimat und so weiter. Denn von der Heimat hab' ich noch wenig gesichtet seit Amerika; ich kam doch gleich aus dem Schiffsbauch in den Schützengraben. Aber was die Linde angeht, so ist es mir nicht sicher, daß du wirklich weißt, was hinter ihr steckt. -- Ach, die Väteruhr. Sie hat immer noch ihr Ewigkeitspendel. Dann die braven deutschen Birkenmöbel. Die blauen Sessel. Mehr Blumen sind da als früher; das ist wohl die Hand des Mädchens? Die dicken Mottenvorhänge hat gewiß auch sie abgeschafft und Mullgardinen dafür aufgehängt. Eine Art von Übertragung des Ewigweiblichen nach außen. Zudem stehen sie besser zu den Birkenmöbeln und sind sogar stilreiner. -- Tja, ihr habt eure Atmosphäre. Bei uns stinkt's nach Pulver und Gas; aber einen gewissen Stil kann man auch uns nicht abstreiten. -- Hm, also das Mädchen. Wie sie da hereinkommt und mich zuerst sieht, macht sie doch eine Bewegung, als ob sie mir geradeswegs in die Arme laufen will. Die Heimat, denke ich, denn mir ist doch alles Heimat hier, was mir in die Arme läuft, oder wem ich in die Arme laufen kann. Im übrigen bin ich ein heimatloser Gesell, an dem schon die ganze Nation Vaterstelle vertreten muß. Sohn des Volkes. Auch gut. Also sie erkennt mich sofort, ich sie nicht. Das merkt sie denn und bekommt auf den Schlag ein anderes Gesicht, ganz junge Dame und ungeheuer reserviert. Was der Herr Leutnant wünsche. Und dann läßt sie mich mit aller Dummheit stehen, und mir ist doch so hinter ihr her, als hätt' ich etwas Rechts verpaßt. Derweil ist's nur eben grade meine gewesene Spielschwester. Zu komisch, was so aus den Leuten wird, wenn sie auseinander wachsen. -- Sag' mal, hat sich jener alte Druck wiedergefunden, das Hohelied Salomonis, das Büchelchen mit den kurzweiligen Bildern, das auf einmal verschwand? Es gehörte ja auch nicht gerade in ein so gottseliges Milieu. Hast du wieder etwas davon gehört oder gesehen?«
»Nein, das hat sich nicht wiedergefunden.«
»Glaubst du noch, daß die Klingse es geklaut hat?«
»Du meinst die Tante Marie. Das ist eine dunkle Sache. -- Wir sprechen eben von eurer Klingse«, wandte er sich ernsthaft gegen die wieder eintretende Jungfrau, die mit dem Geschirr für den Nachmittagstee kam. »Der Name enthält beinahe ein Programm, nämlich eins des Unbehagens. Es ist eine bittere Frau; Gott mache sie süßer. Heinz bringt mich darauf, daß ihr damals vielleicht Unrecht geschehen ist.«
Sie streifte die Gegend des Offiziers mit einem halben Blick, um dann das Teegeschirr abzustellen.
»Vielleicht«, sagte sie leicht errötend. »Hat dir der Herr Leutnant Anhaltspunkte gegeben?«
»Anhaltspunkte? Nein, eigentlich nicht. Es ist mehr eine Gefühlssache.«
»Dann mußt du deinem Gefühl nachgehen.«
»Nun, der Handel hat doch seine Tragweite«, meinte er bedenklich. »Habe ich ohne klare Beweise ihr unrecht gegeben und soll nun wieder ohne klare Beweise mir unrecht geben? Solche Dinge werden mit den Jahren schwerer beweglich; vollends Gefühlen nachzugehen, wird man fortgesetzt mißtrauischer.«
»Na, diese liebe Verwandte ist auch wirklich kein besonders begeisternder Mensch«, warf Heinz lachend ein. »Seid froh, daß ihr sie los seid. Ihr tut ja so, als ob ihr euch nach der Möglichkeit sehntet, euch wieder einmal recht ausbündig zu ärgern und euch am Leben stören zu lassen.«
Wenn Heinz mit der Bemerkung bezweckt hatte, Lindes Augen auf sich zu ziehen, so erlebte er jetzt allerdings einen Erfolg, aber nicht in der gewünschten Richtung. Sie wandte sich einigermaßen fragend nach ihm um und dann mit bemerklicher Würde ihrem Oheim zu.
»Kannst du den Herrn nicht veranlassen, wenn er mit dir so gut bekannt ist, sich auch mir vorzustellen?« erkundigte sie sich, vom Kopf bis zu den Füßen eine einzige Verwunderung. »Vorher möchte ich mich nicht auf ein so ernstes Thema mit ihm einlassen.«
»Donnerwetter!« sagte der Soldat verblüfft und erhob sich, um ihr eine halb scherzhafte, halb verlegene Verbeugung zu machen. »Verzeihung, Heinz Ekkart. Die junge Dame hat sich etwas unerwartet entwickelt, darum erkannte ich sie nicht gleich wieder -- wenigstens nicht mit den Augen, wenn auch das Gefühl sprach.«
»Dann mag's weitersprechen«, erwiderte sie, noch wenig besänftigt. »Aber was die Tante Marie angeht, so weiß man entweder nichts Besonderes und läßt die peinliche Sache auf sich beruhen, oder man weiß und findet dann für seinen Anteil etwas warmherzigere Ausdrücke. Vor dem Unfrieden der Tante Marie habe ich keine Angst, aber schwerer weiß ich mich mit wirklichem Unrecht abzufinden. Lieber Onkel, ich glaube, wir sind uns allen nun etwas Großmut schuldig und müssen Tante Marie bitten, uns auf ein paar Wochen zu besuchen.«
Dabei blieb sie, und keine Einrede, auch nicht des nun völlig verdutzten Leutnants, brachte sie davon ab. Der Dechant suchte sich noch eine Weile zu entziehen, denn wenn Linde behauptete, keine Angst zu haben vor dem Unfrieden der Tante Marie, so hatte er um so mehr; die zehn Jahre, in denen er seine Schwägerin nicht mehr gesehen hatte, dünkten ihn besonders friedlich und ungestört. Aber über diese Sache gab Linde noch eine besondere Ansicht ab.
»Wenn ich einen wirklich schlimmen Verwandten hätte, einen Verbrecher zum Beispiel, so müßte ich auch meinen Verwandtenanteil an seinem Verbrechen tragen. Hier handelt es sich, wie du selber sagst, um eine Unglückliche; darf man sich von einem Unglück ausschließen?«
»Das Unglück ist nicht direkt mit uns verwandt«, wendete der Dechant ein. »Es ist angeheiratet.«
»Da muß es doch irgendwie verwandt sein, wenn es ein Verwandter von uns geheiratet hat, sonst hätte er es eben nicht geheiratet.«
»Es ist ja gar nicht gesagt«, versuchte sich der Leutnant wieder, »daß ihr etwas daran liegt, euch wiederzusehen. Diese Dummheit hat sie sicher längst vergessen. Vielleicht ist es ihr gerade so wohl bei der Trennung wie euch.«
»Mir ist nicht wohl dabei«, sagte Linde streng und sichtlich verstimmt. »Ich kann mich auch nicht erinnern, daß es damals auf Dummheiten abgesehen gewesen wäre, wenigstens konnte ich es die ganze Zeit nicht so auffassen. -- Will sie aber nicht kommen, so haben wir wenigstens das unsrige getan.«
»Verzeihung, aber das sieht doch verflucht nach Selbstkasteiung aus«, platzte der Soldat nun heraus. »Das läßt sich ja alles brieflich erledigen. ›Liebe Tante, Dir ist Unrecht geschehen. Wir haben's heute miteinander ausgeknobelt. Willst Du's in der Zeitung lesen, so setzen wir's hinein. Wie immer Deine und so weiter.‹ Aber im übrigen kann ich euch vor dieser Frau nur warnen; das ist keine Gesellschaft für euch.«
»Aber du bist eine Gesellschaft für uns?« fragte Linde mit aufblitzenden Augen und nun ein wenig lachend. »Du kannst nur einen guten Einfluß ausüben, keinen beunruhigenden und aufstörenden. Nun, auch das muß sich weisen.«
»Wieviel Zeit willst du mir dazu bewilligen?«
»Keinen Tag länger, als bis wir darüber ins klare gekommen sind.«
»Dann will ich mich nur mit meinen Erklärungen vorsehen«, meinte er doppelsinnig. »Angenehme Bekanntschaften, besonders weibliche, soll man nicht durch solche Demonstrationen abkürzen.«
»Ich glaube kaum, daß du dir das Leben durch sie schon sehr verbittert hast; wenigstens siehst du nicht so aus.«
»Nun, du siehst auch nicht aus, als ob du deine Rechnung sehr darauf gesetzt hättest«, wandte er den Spott in einen Lobspruch. »Wenigstens ist mir noch kein Mädchen vorgekommen, das es so gut ohne den Mann zu machen weiß.«
»Du weißt viel«, spottete sie errötend. »Ist erst fünf Minuten im Haus und hat schon alles weg.«
»Nun also, da habt ihr ja wieder Bekanntschaft gemacht«, schloß der Dechant diese Auseinandersetzung. »Was dann die Tante Marie angebt, so will ich dir die Angelegenheit in die Hände legen. Ladest du sie ein, so will ich mich darein schicken. Wenn nicht, dann ist's nicht nötig, und ich kann beruhigt sein. Und jetzt will ich eine ordentliche Begrüßung unter dem jungen Volk sehen. Der Mann kommt aus dem Feld und hat Ansprüche zu machen.«
Das war nicht ganz gegen Lindes Meinung gesprochen. »Wir werden ihm nichts schuldig bleiben, was ihm zusteht«, sagte sie nun freundlich lächelnd und ging ihm mit dargebotener Hand entgegen. »Ich hatte mich viel um dich geängstigt und bin froh, daß du heil dastehst. Du selber, nicht?« fügte sie scherzhaft hinzu, um eine Verlegenheit zu verbergen. »Ich kann mir's vorstellen. Was werdet ihr so über uns Schwätzer und ofenwarmes Stubenvolk denken? Man sollte uns wirklich so lange den Mund zubinden, denn was Gescheites kommt doch nicht heraus. Wie ist's dir jetzt, da du das Ganze so weit hinter dir hast?«
»Gar nicht besonders«, kopfschüttelte er. »Wie soll mir sein? Ich bin doch im Schützengraben jetzt heimischer als in der Heimat. Hier kenne ich mich schwer aus. Wenn ich so sehe, wie hier eine friedliche Menschheit sich weiter dem kleinen Handel und Wandel nachtreibt, so ist's mir direkt, als ob ich in den Traum eines andern Menschen hineinguckte. Ich will ja nichts gegen den Frieden sagen, aber ich verstehe nicht mehr, wie ich früher gelebt habe, ohne vor Langeweile einfach einzugehen. Seht doch unsre Kerls an, was die für Farbe und Wucht bekommen haben. Weltgeschichtliche Haltung haben sie. Das gibt's im Frieden nicht. Jetzt bin ich schon vier Tage schlafen gegangen, ohne wenigstens einen Engländer hinter der Schießscharte weggeblasen zu haben. Das kann man nämlich genau kontrollieren. Wenn man abdrückt, und es fliegen gleich darauf zwei Hände in die Höhe, so weiß man Bescheid. Geradezu komisch ist das manchmal. Wie in der Schießbude. Ich hab' ja sonst mit dem Gewehr nichts zu tun, aber man will doch eine Unterhaltung haben, wenn nicht was Besonderes los ist. Diese Englishmen liebe ich geradezu; sie sind so kolossal zuverlässig. Sich nun vorzustellen, daß eines Tages der Friede ausbricht und die ganzen interessanten Beziehungen plötzlich aufhören sollen -- lächerlich. Wirklich lächerlich. Manchmal ist's geradezu eine Panik. Na, vorläufig sind wir ja noch für 'ne Weile sicher. Tja, Mariechen, so ist das Leben. Auf welcher Seite der Hund in den Dreck fliegt, auf der wird er schmutzig. Zu schnurrige Leutchen seid ihr da in eurem Biedermeierzimmer aus Birke und mit den alten Großmuttertassen und -kännchen, dem ernsthaften Familiensofa und den Bildern von längst verstorbenen Verwandten an den Wänden. Na, immerhin will ich dafür sorgen, daß ihr beizeiten auch eins von mir bekommt; es muß sich da nicht übel hängen. Und so rahmt uns, wenn wir tot sind, und verwöhnt uns, derweil wir leben. Seid recht nett zu uns, besonders ihr Mädchen, so nett ihr könnt sogar, nämlich solang ihr uns habt. Wollen sehen, Kusinchen, was du in dieser Richtung leisten kannst.«
Linde hatte diesen kriegerischen Ausführungen mit erst vergrößerten und dann vertieften Augen zugehört, und nach und nach war ihr eine Röte der Anteilnahme oder der Erregung in die Wangen gestiegen. Denn indem sie diesen hübschen jungen Menschen mit den roten Lippen und den blauen, kühnen Westfalenaugen betrachtete, wußte sie nicht, was bei ihm größer war, seine Grausamkeit oder seine Unschuld, sein Selbstbewußtsein oder die einfache Bescheidenheit, mit der er in einer einmal gestellten Aufgabe aufging, und wenn sie noch so dumpf oder fürchterlich war. Indem sie ihn dann inmitten einer Welt von Leid und Jammer interessiert und munter tätig an seinem Schießstand erblickte, seiner Mutter, seiner Kindheit und seiner eigenen Sterblichkeit vergessend, so überkam sie ein so heißes Mitleid mit seiner lebendigen Seele, daß sie ihm nicht anders antworten konnte, als mit ergriffenem Gefühl:
»Du armer, armer Mensch!«
Seine Verblüffung über diesen Eindruck war ziemlich groß. Sonst war er gewöhnt, daß ihn die Mädchen bei solchen Reden bewundernd und in allem Grausen vor seiner hartherzigen Kriegerbrust gerade nach dieser als nach einem verläßlichen Fels verlangend ansahen, und daß er dann nur seine Wahl zu treffen und keine andere Sorge zu haben brauchte, als daß er nicht neben die Rechte griff. Er hätte es auch noch verstanden, wenn Linde eine Lebensbetrachtung wie die geäußerte schroff abgewiesen oder verspottet hätte, ohne darum von seiner Selbstbewunderung etwas aufgeben zu müssen. Aber daß etwas Bedauernswertes an ihm sei, das war ihm bisher weder von jemand gesagt worden, noch vollends von selber eingefallen. Ganz verdutzt von dem Wort machte er: »Nanu? Wieso denn?« und schlug eine verlegene Lache auf, da aber niemand mitlachte, Linde auch offenbar zu weitern Auskünften nicht bereit war, so gab er's achselzuckend auf.
»Ihr seid wohl immer noch die alte seltsame Gesellschaft!« meinte er gutgelaunt. »Also gut, bedaure mich; es soll mir auch recht sein. Warum hast du mich eigentlich noch nicht gefragt, weshalb ich keinen Degen trage, sondern ein gewöhnliches Seitengewehr? Das wollen sonst alle Mädchen wissen. Den Degen braucht man nämlich im Schützengrabenkrieg nicht. Er kommt einem höchstens zwischen die Beine und macht einen stürzen, oder er verrät einen bei den gegnerischen Schützen, die auf Offiziere besonders erpicht sind. Und dann ist das Seitengewehr eine ganz gute Handwaffe, nicht zu verachten. Hat mir schon einigemal gute Dienste geleistet. Sonst« -- er sagte es mit einem einfachen und liebenswürdigen Lächeln -- »sonst säßen wir hier nicht so hübsch beisammen.«
Dem Dechanten wurden die Augen trübe. »Du stehst etwas tief im Blut, mein Junge!« sagte er ernst. »Ich weiß nicht, ob die Heimat so viel von dir verlangt.«
»Was denn? Krieg ist Krieg. Was soll die Heimat verlangen? Ich vergesse meinen Ersten meiner Lebtage nicht. Es war ein netter junger Englishman. Höchstens neunzehn Jahre. Er sah mich mit ganz großen, erstaunten Augen an, ein bißchen vorwurfsvoll und traurig. Ein paar Tage lief's mir doch nach. Das zweitemal sah ich nicht lange hin; das ist viel besser. Und dann -- heute dir, morgen mir. Da hilft schon nichts.«
»Die Liebe würde helfen. Aber wer hört heute darauf? Obwohl keiner im Grund seines Herzens nach etwas anderem verlangt. Kannst du während solcher -- Vorgänge oder gleich nachher an Jesus Christus denken?«
»Na, dazu ist er wohl auch nicht da!« meinte der Soldat verdutzt. »Daran denkt wahrscheinlich immer nur der, den's trifft. Und da es nacheinander alle trifft, wenn's nur lang genug dauert, so -- tja, das ist noch eine Vorstellung. Thema für eine Predigt, lieber Onkel. Aha, da kommt die Brigitt mit dem Kaffee. Grüß Gott, alte Dame. Obwohl sie kein bißchen älter geworden ist die Jahre durch, das muß wahr sein. Nicht einmal den Rücken beugt sie tiefer. Schade, daß nun so was keinen Jungen dastehen hat. Das kommt von der übergroßen Keuschheit. Man sollte alles mit Maß treiben, meinst du nicht auch, Brigitt?«
»Du übertreibst die Keuschheit jedenfalls nicht«, erwiderte die alte Person halb erbost, halb lachend. »Die Mäuler, die die jungen Herren aus dem Krieg heimbringen, sind schlimm genug, aber sie sind immer noch nicht das Schlimmste an ihnen. Gott bessere sie zeitig, sonst wird's bald zu spät sein.«
»Amen!« sagte Heinz. »Aber du mußt zugeben, daß manchmal auch ganz brave Dinge von uns verrichtet werden. Nicht?«
»Wenn ihr nachher im Frieden halb so große Kerle seid, so will ich euch loben«, meinte sie vorsichtig. »Ich habe gefunden, daß manchmal mehr Mut dazu gehört, seinen Gott zu bekennen, als einen auf Kommando totzuschlagen. Warst du verwundet? Nein? So wird's Zeit dazu, daß du endlich wieder zum Denken kommst. Siehst gut aus. Na, Gott mit dir.«
Mit diesen Worten ließ sie ihn und ging aus der Tür, geradeso gemessen, aufrecht und gesammelt, wie es einer alten Frau in ihrer Stellung und mit ihren Lebensgewohnheiten zukam. Übrigens trug sie ein blaues Waschkleid von hessischem Leinen, das ihren tüchtigen Rücken fest umspannte, aber weit um die Hüften und Beine fiel, und starke schwarze Lederpantoffeln, mit denen sie bei jedem Schritt den Rocksaum hinten etwas in die Höhe stieß. Diese erlaubte sie sich seit etwa zwei Jahren, weil ihre alten Füße hohe Schuhe nicht mehr gut vertrugen; in der Kirche mußten sie's freilich dennoch.
Übrigens war Bob mit dem jungen Mädchen ins Zimmer gekommen, hatte den Soldaten berochen und mit einem Blick auf Linde mitgeteilt, daß man ihn anerkennen könne, und darauf seinen Platz auf dem Fensterbrett aufgesucht, um von dort aus den Zuzug oder Durchgang fremder Hunde auf dem Domplatz zu bewachen. Jetzt rief ihn Brigitt, um mit ihm auszugehen. Er wedelte einen kurzen Abschied und fuhr aus der Tür.
Zweites Kapitel
Linde entwickelt sich. Ein Soldat bekommt Zweifel und löst sie praktisch. Die Tante tritt an
In der Folge sah niemand einen Grund, verhindern zu sollen, daß die beiden jungen Leute wieder so gute Freunde wurden, wie sie vorher gewesen waren, auch nicht die alte Brigitt, obwohl nach ihrer Meinung der junge Soldat es mit der Keuschheit nicht genau nahm, aber Linde wußte sie in guter Hut, denn sie ging mit den Engeln schwesterlich um. So wandelte diese denn mit ihrem frühen Jugendgespielen und ihren spätern Schutzgeistern die Gartenwege des Dechanten auf und ab und nachher, als sie etwas kühnlicher wurde, auch die Gassen und Stiege der alten kleinen Heiligenstadt, vergaß bald ihre Engel über dem Soldaten und bald den Soldaten über den seligen Geistern, die ihr zuflüsterten, aber doch immer etwas häufiger und länger die Engel. Die Engel konnte sie auch wirklich nachher, wenn der Soldat weg war, wieder genug haben, aber den Jugendgespielen hatte sie bloß vier oder sechs Tage, je nachdem es ihm bei ihr gefiel. Sie legte es nicht geradeheraus, doch still besorgt und mit gütigem Herzen darauf an, daß es ihm jedenfalls nicht mißzufallen brauchte, zündete jeden Morgen in ihren ernsten Augen ein neues Lichtchen an und manchmal auch schon abends, wenn sie mit der Überzeugung ins Bett stieg, daß er in gar keinem Fall ein schlechter Mensch sei und in diesem und jenem ihr sogar den Eindruck eines lieben und von Gemüt wahrhaft freundlichen Knaben gemacht habe, gottlob, denn das Gegenteil hätte ihr leid getan. Sie trug sogar nach und nach ein wenig frische Farbe auf ihren Wangen und Lippen auf, nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem holden Engelsfinger der erlaubten Lebensfreude und auch nicht zu hastig, aber immerhin so beseelt aus ihrem dankbaren Sinn heraus, daß er es merkte und sie den Tag über manchmal daraufhin ansah.
Es ging von ihrer tiefen Gehaltenheit etwas auf den irdischen jungen Mann über, das ihn ergriff und rührte. Manchmal meinte er, es sei ihre zarte Gesundheit, dann glaubte er, es komme von dem musikalischen Seraphim, der in ihrer Stimme wohnte, dann von dem besondern aus sich seligen Strahl, der oft aus ihren blauen Augen brach, und wiederum schien es ihm, die Wirkung rühre her von Qualitäten und innerlichen Kräften, die ihm zur Zeit und vielleicht für immer verborgen bleiben müßten, denn er war ein Weltkind, aber sie ein Kind Gottes und nicht nur dem Geist nach. Wenn er ihre reinen, langen Hände betrachtete mit den leichten und vornehmen Fingern, die sowenig von sich selber wußten, ihre fromme Stirn, hinter der neben aller Erdenklugheit so unirdische Gedanken wuchsen, und die ganze freundliche Gestalt auf dem feinen Knochengerüst, die ihm, dem gesunden Soldaten, doch eher hinfällig als stark erschien, soviel Federkraft und Leistungsfähigkeit sie auch sonst entwickelte, so überkam ihn ebensooft etwas wie Sorge, daß sie am nächsten Morgen etwa plötzlich nicht mehr da sein könnte, wie Verwunderung darüber, daß sie's dann doch immer wieder war, sich nie auf müden Stimmungen oder Abwesenheiten ertappen ließ und neben allen gemeinsamen Jugenderinnerungen, die er vergessen hatte, noch so mancherlei Einfälle und Reize aufbrachte, die zu seiner Sinnlichkeit sprachen und offenkundig aus Sinnlichkeit kamen, so daß ihm schließlich nichts anderes übrigblieb, als sie auf eine wachsame und etwas verlegene Art zu verehren und ohne vieles Gefrage zu nehmen, was sie ihm bot, und wie sie's bot.
Darüber hinaus mußte er zugeben, daß aus dem Mädel von einst in der Tat ein vollgültiges Fräulein geworden war, mit dem man sich sehen lassen konnte, und das jeden zur Aufmerksamkeit reizte, sobald sie den Mund auftat, manchmal sogar schon vorher, wenn sie lächelte oder nachdenklich den Kopf neigte. Immer sah sie aus wie jemand, der sich etwas denkt oder dies und das schon selber erfahren hat, und wo sie hinkam, da verbreitete sie Vertrauen um sich. Immer häufiger wurden auch die Momente, in denen er sie geradezu reizend fand. Sie, Weib genug, um das zu merken und zwar sofort, freute sich darüber, gab errötend ein weiteres Stück ihres scheuen Jungfernwesens heraus, das er dann sofort ebenfalls bewunderte, und so kam es, daß sie in Wahrheit in kurzer Zeit derart an Lieblichkeit und Weibergut von Gottes Gnaden zunahm, daß es auch die andern Leute merkten und man sie sogar damit necken konnte. Das besorgte der Dechant, der als ein erfahrener Freund aller Schönheit das Auge dafür hatte. Ihm schien sie ein Stück wiedererstandene leibhafte Gotik, und manchmal war es ihm, als müsse er in seinem Münster oder im Schuppen, wohin er seine Figuren und Bilder während der Renovation untergebracht hatte, nachsehen, ob ihm nicht eine aus einem Rahmen oder von einem Sockel verschwunden sei. Denn um falschen Vorstellungen zu begegnen, so fehlte ihr keine von allen Leibesliebenswürdigkeiten, die auch die wundersamsten Gestalten der Gotik an sich hervorbringen, und die das Auge des liebefähigen Mannes je nachdem mit melodiöser Sehnsucht oder mit Formen- und Linienglück erfüllen. Die der beredeten Männer füllte sie nun mit Glück, zumal sie einiges von ihrer gottseligen Strenge aufgab und jetzt mehr geneigt war, die Natur reden zu lassen, als den Geist der reinen Lehre. Die alte Brigitt sah vieles und dachte sich, was zu denken war, aber sie sagte nichts, dagegen lebte sie manches in ihrer alten Seele mit, wie Mütter bei ihren Töchtern zu tun pflegen. War sie nicht Lindes Mutter, so fühlte sie sich doch so, da sie's aber trotzdem nicht war, so ergab sich als Effekt der mütterlichen Veranstaltung bei ihr eine gewisse altmädchenhafte Verweltlichung auf eigene Rechnung. Es war ihr wichtig, daß die schöne und stille Zeit nicht durch »Unflätigkeiten« von ihrer Seite, durch »Schmutzereien« und »Liederlichkeiten« gestört und der Jüngling vielleicht durch sie verstimmt oder gar vertrieben würde. Nicht daß sie ihm um den Bart ging, dazu besaß sie schon nicht das Temperament, sondern wenn sich die Gelegenheit bot, sein Großmannstum ein wenig zu ducken und ihm seine sittliche Minderwertigkeit zu Gemüt zu bringen, da versäumte sie nichts, dagegen setzte sie zeitweise allerlei alte Garderobe außer Gebrauch und erschien in neueren, hübscheren Sachen, und schließlich dachte sie auch, daß man sich an ihren Pantoffeln stoßen müsse, und zog wieder Schnürstiefel an. Da sie aber um den Abend gar zu mühselig daherhumpelte, wurde Linde darauf aufmerksam und verbot ihr die Hoffart. Brigitt gehorchte dankbar, und die Stiefel wurden wieder nur dem lieben Gott geweiht.