Part 1
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Die Dekoration am Anfang des Dritten Teil fehlt im Original; sie wurde zur Vervollständigkeit eingefügt.
Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt worden: ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+.
Der Dechant von Gottesbüren
+JAKOB SCHAFFNER+
Der Dechant von Gottesbüren
~Roman~
Deutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. +~BERLIN~+
Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung, vorbehalten
Erster Teil / Liebe
Erstes Kapitel
Ein halbfrommer Mann singt den Gregorianischen Lobgesang. Es wird Besuch empfangen und noch eine Einladung erwogen
In einer schönen alten hessischen Kleinstadt steht ein ebensolcher Dom, an dem ein Mann von bedeutenden Qualitäten als Dechant wirkt. Das heißt, die Qualitäten fangen eben erst recht an, wie ein Sternnebel zu atmen und zu leuchten; eine Zeitlang schien es, als sollten sie sich in Liebhabereien so aufbrauchen und der Rest in die allgemeine Luft verpuffen, und als sollte ein süddeutscher Christ und Katholik nach nicht unernsten Jugendwegen sich so sachte ins weltbürgerliche Wohlgefallen verlieren. Die Welt sah diesem Spiel mit Ruhe zu, aber der Erzbischof hatte seine eigene Meinung darüber, und Gott hatte noch eine eigenere. Aus der Entwicklung dieser und anderer Verhältnisse, von denen sofort die Rede sein soll, entstand dann durch Herbst und Winter ein Schicksal, das sich mit Nutzen erzählen lassen wird.
Als der Erzbischof den damaligen frommen, hoch- und tiefsinnigen Pfarrer Klemenz Ekkard auf das Dechanat gestellt hatte, war es in der Meinung geschehen, einen etwas ausgesetzten Posten mit einem lebendigen und treuen Mann zu versehen, denn ringsum standen und drehten sich auf den Türmen im Wind der Zeit die Hähne des Protestantismus um die steilen, hohen Kreuze des Domes. Als dann der Dechant im zweiten oder dritten Jahr als erste öffentlich sichtbare Amtshandlung die Renovierung des Domes beim Erzbischof anregte und nach dessen Zustimmung bei der Regierung forderte, lag die Notwendigkeit dazu mit vielen Zerfallsmerkmalen deutlich vor, und widersprach die Unternehmung in keiner Weise den Erwartungen, die sein hoher Vorgesetzter sich von ihm machte, obwohl sie auch nichts Unmittelbares mit dem christlichen Kernpunkt zu tun hatte, denn das Licht der Welt ist in einem Stall aufgegangen, und in großen, herrlichen Gotteshäusern hat man schon viel Verderbnis und Todesstarre gesehen. Inzwischen stellte es sich aber heraus, daß die endlich nach jahrelangen Verhandlungen eingeleitete Arbeit dem Dechanten mehr Stoff gab zu schönwissenschaftlichen, als zu geistlich frommen Anregungen. Aus der männlich gottseligen Entschiedenheit leiteten sich sachte gewisse Kunsttrödeleien ab. Der hellsinnige Freund Gottes entwickelte sich zu einem Freund von hübschen Altertümern; er wurde ein Truhen- und Bücherwurm, ein Schürzenjäger nach alten Meßgewändern, ein blonder Maulwurf der zünftigen Kunstgeschichte, der seinen gelehrten Rüssel bald überall ansetzte. Wo die Hacke der Arbeiter aufschlug, da war er sofort mit seinen Fingern dazwischen, um ein zugetünchtes oder vergrabenes Altertum herauszuklauben, und bald ging überhaupt das ganze Baugeschäft mit der begeisterten Mithilfe des Architekten nach seinem kunstgeschichtlichen Interesse. Jeden Morgen sah man den ziemlich großen, ernsten Mann mit sauberer Soutane in das Trümmerfeld kriechen, in das er die Stätte der Andacht nach und nach verwandelt hatte, und mittags kroch er mit schmutziger und mit den Lungen voll Mauerstaub wieder heraus, um sich zuerst einigermaßen wieder zurechtzuschütteln und zu husten und dann wie ein Maurergeselle zum Mittagessen zu gehen.
Die erste Person, mit der ihn dies neue Leben in Widerspruch brachte, war weder Gott, der viel Zeit, noch der Erzbischof, der etwas weniger hatte, sondern seine alte, treue Haushälterin. Das war ein gottesfürchtiges und redliches Weib von einigen fünfzig Jahren, das noch einen Zahn besaß, damit aber tüchtig zubiß, und ein braves, unerschrockenes Herz, dem man zu Unrecht Härtigkeit nachredete, sondern was so aussah, das war Notwehr. Im Haus eines Dechanten am Dom einer nicht eben reichen Kleinstadt laufen die Möglichkeiten, Geld auszugeben, wie Hühnerscharen die Treppen auf und ab, und wenn nicht ein guter Haushund zum Rechten sieht, so kann der Dechant gegen das Ende des Vierteljahres selber auf den Bettel gehen, wenn er nicht seine Opferstöcke angreifen will. Eine gewisse geistliche Verwegenheit im Ausgeben von Geld war aber außerdem ein Zug an ihrem Herrn, den sie verehrte, und um dessentwillen sie ihn mit liebte -- er hatte für sie noch andere, mit denen sie weniger zankte --; die liebende Verehrung hörte bei ihr höchstens einmal auf, wo die großmütige Neigung den Gang des Hauswesens in Gefahr brachte und zur vollkommenen Kassenöde führte, was leider immer wieder vorkam. Obwohl er nun schweres Geld in seine Privatliebhaberei steckte und sogar sein Kapital dafür angriff, und obwohl er ihr beschmutzte Schuhe und zerrissene Soutanen genug ins Haus brachte, setzte ihr Widerstand doch nicht auf der irdischen Linie ein, sowenig ihr auch diese Dinge gefielen, sondern in ihren Augen hing sich ihm, seitdem er den heiligen Ort zur Rumpelkammer gemacht hatte, je länger, je sichtbarer ein Gespinst von Gotteslästerlichkeit an. Wenn er gegen ihr Gemurre mehr oder weniger geduldig die Notwendigkeit und den Zusammenhang der Maurerarbeiten ins Treffen zu führen suchte, so hatte er den Schein der Wahrheit für sich, aber auch nur den Schein, und die alte Person hieb keineswegs ins Blaue, wenn sie meinte, daß er darum doch nicht das ganze Münster einzureißen brauche, außer wenn er ein völlig neues bauen wolle, aber soviel sie wisse, sei eine Ausbesserung im Werk, kein Neubau. Wenn er also die Gemeinde einen Sonntag wie den andern im nachgelassenen Maurerstaub zwischen groben Gerüsten und umgestürzten Altären auf dem bloßen Erdboden knien lasse -- denn auch die Platten waren allenthalben aufgebrochen --, so müsse man doch sagen, daß eine Kirche für den Gottesdienst da sei, und sie ihrerseits pfeife ihm auf seinen gebildeten Architekten, der ihn nur noch mehr verführe, und auch auf die alten Meßgewänder, die man unter den Platten gefunden habe, Gott möge ihr die Sünde verzeihen. Ihr sei die Andacht verdorben, und wenn sie während des Hochamts weltliche und zanksüchtige Gedanken beschlichen, so trage er daran die Schuld.
Nun war er nicht der Mann, dergleichen Einsprüche auf die leichte Achsel zu nehmen, und die Zweifel einer gläubigen Seele hatten ihm je und je starken Eindruck gemacht. Aber hier handelte es sich nachgerade um eine Leidenschaft. Wo er hinguckte, da sah er geschichtliche Niederschläge und Kunst oder Unkunst, aber keine göttlichen Beziehungen mehr, und kaum noch menschliche, wie dem Pilzsucher mit der Zeit überall Pilze aufstoßen, schließlich kann er kein Stückchen Wald oder magern Rasen sehen, ohne ihn auf Pfifferlinge und Champignons einzuschätzen. Er hätte am liebsten auch den unendlichen Himmel abgekratzt, um zu sehen, ob nicht Fresken darunter zum Vorschein kamen. Sogar die Orgel hatte er abbrechen lassen, weil nach alten Chroniken früher dort die Empore der Landgrafen oder Kurfürsten gewesen sein sollte; wirklich fand er an den Wänden ein paar Malereien und hinter dem Orgelkasten einen vergessenen oder verlorenen Hut aus dem siebzehnten Jahrhundert, den die Motten schon halb aufgefressen hatten. Indessen sang die Gemeinde zu einem kleinen, eingestaubten Harmonium auch noch nicht übermäßig schön, und dazu blickte sie zu unbemalten Nachbildungen aus Pappe auf, die an Stelle der entfernten Heiligen überall aufgestellt und -gehängt waren.
In diesem stillen Haus lebte noch eine dritte Person, ein junges Mädchen namens Linde, das seine Nichte war und der alten Brigitt, lieber noch ihm selber zur Hand ging, aber nicht in seinem antiquarischen Maulwurfstreiben, sondern in seinen mehr menschlichen und seelsorgerlichen Angelegenheiten. Linde empfing seine Besuche, besorgte ihm den laufenden Briefwechsel, soweit er nicht zu vertrauliche Dinge betraf, und die Armen- und Krankenpflege stand beinahe ganz auf ihren zwei schmalen Schultern. Sie trug die Last mit vielem Ernst, mit natürlicher Liebe und einigen übernatürlichen Kräften, da sie mit gleicher frommer Innigkeit zwischen den Geheimnissen der Finsternis und den Holdseligkeiten des Lichtes stand. Die Menschen fürchtete sie nicht, und vor ihrem Schmutz schreckte sie nicht zurück, so rein sie in ihrem Teil lebte. Es gab also viele Leute, die sie suchten, um sie auszunutzen, und wenige, die ihr außer ihrem Elend etwas dafür zurückgaben, und dieses erwiderte sie sofort durch Mitleid. Sie war hübsch, mittelgroß, sehr ziervoll, blauäugig, braunhaarig und zart von Gesundheit. Auch sie fand in ihrem gottesfürchtigen Herzen, daß es der Dechant mit seiner Kunstgräberei etwas zu wild betreibe, aber gegen eine kirchliche Respektsperson, die er ihr war, hätte sie nie gewagt, mit einem Wort oder einem Seufzer zu verraten, wie sie an der zerstörten Kirche litt, und nach ihrem Gefühl versündigte sich die alte Person mit ihren aufsässigen Reden. Sie glaubte nicht, daß ein erwählter Diener Gottes auf die Dauer etwas ganz Verkehrtes tun könne, und sah Gottes Ratschluß darin, daß nach so langer Verborgenheit die schönen alten Meßgewänder, Bilder, Kreuze, Bücher, Pokale und Monstranzen aus ihrem Schutt wieder auferstanden, um vielleicht an dem frommen Werken der Längstvergangenen die Gegenwärtigen zu ebensolchen zu entzünden. Mit solchen Gedanken aber auch mit keinen andern, suchte sie den Oheim zu beruhigen, wenn er sich einmal klagend über den Unverstand und die Bockbeinigkeit der Gemeinde und Behörden gegen sie ausließ, und das war für ihn außer dem verwandtschaftlichen, um nicht zu sagen väterlichen, noch ein weiteres Verständnis, das ihn mit dem stillen, tiefgründigen Mädchen und dessen fruchtbarem Wandel verband. Obwohl er im Lauf der stets breiter ausgreifenden Arbeiten im Dom gelernt hatte, mit den Füchsen zu bellen oder auch einmal allein kräftig anzuschlagen, um seinen Willen durchzusetzen, so lag dies Treiben doch sehr wenig seiner geistigen und im Grund freien Natur, und das Mädchen schätzte er vielleicht am höchsten deshalb, weil es ihm jene Natur rein und ungekränkt zu enthalten schien, sei es als Beruhigung, sei es als Versprechen auf eine spätere Zeit, in welcher auch er dazu zurückkehren würde, und was ihm immer wieder neben aller kindlichen Unfertigkeit an ihr Achtung abgewann, das war, wenn nicht die Größe ihrer seelischen Richtung, so doch die Möglichkeit zur Größe.
Ein großer Charakter ohne Wenn und Aber war jedoch der Hund, der noch zum Haus gehörte, ein dunkelgrauer, lebhafter Boxer von ausgesucht rassigen Körperformen und mit einer Vergangenheit, die allein so viele Kapitel umfaßte wie die aller andern Hunde des Städtchens zusammengenommen, weil die Unternehmung das Element seines Lebens war. Jedoch das Fundament dazu gab eine unbestechliche Treue gegen seine Herrschaft, ein angeborener Hochsinn, der sich durch seine Stellung als Hund einer geistlichen Respektsperson und durch den nahen Umgang mit dieser und der auch nicht sehr ungeistlichen der jungen Nichte noch gesteigert hatte. Eine gewisse innere Erwecktheit war die Furcht seiner besondern Anhänglichkeit an Linde. Als weitere Eigenschaften zeigte er Stolz, Phantasie, Verstand, unermüdliche Aufmerksamkeit, aber nicht die knechtische des Hofhundes, sondern sozusagen eine vergeistigte, die auch auf andere Dinge achtete, als die mit dem Futter- und Besitzneid des Hundes zu schaffen haben, und eine vollkommene Furchtlosigkeit. Dazu kam noch eine immer frohgestimmte Angriffslust, die ihn zum unabhängigen Beherrscher seines Reviers machte; sie hätte ihm viele materielle Vorteile einbringen können, aber er bezweckte nichts mit ihr, als immer wieder seine Überlegenheit festzustellen, und es war noch nie vorgekommen, daß er einen Knochen von der Straße aufgenommen hätte. Seinen ausdrucksvollen, ernsten Kopf zierten unzählige große und kleine Narben und Bißwunden, und infolge eines Feldkampfes mit einem Fuchs hatte er die Sehkraft des linken Auges verloren, das grau und den Leuten etwas unheimlich in seiner Höhle stand, aber dafür blickte das andere um so launiger und unternehmender in die Welt.
In diese Hausgemeinde fuhr eines Nachmittags unvermutet noch ein fremder Geist herein, und zwar trug sich der Einzug folgendermaßen zu. Es war im Herbst. Der Dechant saß zur Abwechslung einmal nicht auf einem Schutthaufen und weissagte mit dem Architekten über alte Pläne des Domes, sondern er stand im Geäst eines Birnbaums in seinem Garten und pflückte Bergamotten. Er hatte einen Sack um die Schultern gebunden, in den er immer mit der gefüllten Hand hinein- und mit der leeren verlangend wieder herausfuhr. Dazu summte er leise und versponnen die Melodie des alten Gregorianischen Lobgesangs vor sich hin, wie es sich für einen frommen deutschen Menschen schickt, wenn er in diesem strengen Kriegslauf einen gesegneten Obstbaum ansieht, der mit seinen Früchten fürstlich am Licht steht. Der gegenwärtige sah nun nicht bloß, sondern er hing als eine andere Frucht Gottes, aber eine unreife, lose schwankend zwischen dem reifen Jahressegen und machte unter allem stillen Einheimsen im Kopf den Überschlag, wieviel davon nach der Stadt zu kriegsbedürftigen Verwandten und Freunden auf den Weg gebracht werden müsse; es kam nicht wenig dabei heraus. Aber wenn er von seinem Ast einen Umblick tat, so sah er in lauter fruchtschwere Apfel- und Birnbäume hinein, die alle in seinem Garten standen, und über hundert und tausend andere, die drunten in den Bürgergärten und im Tal dem Flüßchen nach und gegen den Wald hinauf ihre Habe an der Sonne gar kochten. Ab und zu schoß ihm ein Vogel wie ein Schatten an der Nase vorbei oder sank ihm ein Räupchen an langem Faden sachte auf den Ärmel, und wenn ihm eine Birne zu Boden fiel, so sagte er: »Dummes Tier, was hast du nun davon? Eine Beule, und daß du zuerst gegessen wirst; das ist nur weniger vornehm.« Wenn ein Korb voll war, so blies er in eine Holzpfeife, und dann kamen seine Frauen und holten ihn. Die Viertelstunden schwebten ihm verträumt wie Goldgespinst von den nahen Türmen des Domes herab und woben ihn so ins Nachmittagslicht ein, als sollte er nun ewig Birnen pflücken und den Gregorianischen Lobgesang summen; nachher begann er ihn auch leise zu singen.
Plötzlich fuhr aber Bob den Gartenweg herab, sauste zweimal um den Baum, ohne den Dechanten zu finden, begann suchend am Boden zu schnüffeln, entdeckte plötzlich seinen Herrn im Gezweig, wo er sonst nur Vögel sah, und fing, darüber aufgeregt, aus vollem Hals zu jaulen an. Er machte sogar Versuche, die Leiter hinaufzuspringen, weil er sich nichts anderes denken konnte, als daß der Dechant durch einen Unglücksfall dort hinaufgekommen sei und sich entsprechend übel befinde. Als er Linde denselben Gartenweg herkommen hörte, rannte er ihr entgegen, um sie von dem außerordentlichen Mißstand zu unterrichten. Sie schien auch wirklich selber erregt zu sein, wenigstens lief sie schnurstracks zum Baum, um über und über rot hinauf zu melden, daß ein Leutnant da sei, packte dann den halbvollen Korb bei den Ohren und fuhr wie der Wind damit ab, ohne links und rechts zu sehen. Ihr dunkelblonder Scheitel leuchtete golden und klug den Gartenweg hinauf. Über ihre weiße Bluse spielten die freundlichen Sonnenlichter des Herbstes. Indem ihre schlanke Figur um eine Himbeerhecke verschwand, ging dem Dechanten ein Gedanke durch den Kopf, den er schon oft gedacht hatte, wenn er sie irgendwo unvermutet erblickte: »Nein, sie ist gar nicht mehr klein«, murmelte er. »Manchmal möchte man sogar glauben, daß sie ordentlich unters Maß gewachsen sei. Man muß sie einmal an den Türpfosten stellen.« Etwas betrübt wegen der Störung kletterte er mit dem Sack über der Schulter Tritt für Tritt die Leiter hinab, erinnerte sich drunten, daß Linde den Korb weggeschleppt hatte, ohne einen andern dafür herzusetzen, und verfolgte kopfschüttelnd ihren Weg dem Haus zu. Bob gab durch einige ungestüme Bewegungen schnell zu verstehen, wie er sich freue, seinen Herrn wieder in normalen Umständen zu sehen, und flog davon, Linde nach; er machte einen Buckel vor Eifer und feuerte mit den Hinterbeinen breit rückwärts heraus, daß der Kies flog. Aber schon kam er in langgestrecktem Galopp zurück und hinter ihm her Linde mit dem leeren Korb. »Gib nur her«, sagte sie betriebsam. »Daß der Leutnant nicht warten muß. Und bürste dich vorher ein bißchen ab. Vergiß das nicht.« Der Dechant wollte noch etwas über den Krieger fragen, aber Linde schob ihn mit den Worten: »Er ist naseweis und hat ein kurzes Gedächtnis!« beinahe zornig den Gartenweg hinauf, und der Dechant ging leise schmunzelnd vollends dem Haus zu. »Sie ist auch nicht anders als die übrigen Evastöchter, gottlob!« dachte er vergnügt. Aber bevor er den Leutnant näher ansah, trat er in sein Schlafkabinett, um gehorsam einiges Spinngeweb von seiner Soutane zu bürsten.
Als er dann dem fremden Militär gegenüberstand, fand er gar keine besondere Erscheinung in ihm, sondern nur seinen von früher her wohlbekannten Neffen Heinz, den er freilich viele Jahre nicht mehr gesehen hatte; seit seinem letzten Bubenbesuch war das Flüßchen etwa achtmal zugefroren, ungerechnet die beiden warmen Winter, in denen es zu keinem Eis gelangt hatte. Inzwischen war der junge Mann durch verschiedene Lehren gelaufen, auch in Amerika gewesen, hatte schon einen ordentlichen Vertrauensposten versehen und war nach dem Ausbruch des Krieges als Heizer im Kohlenraum eines holländischen Schiffes nach Deutschland zurückgekehrt, um als Reserveoffizier seinen Mann zu stellen. Diese Absicht hatte er bereits so weit verwirklicht, daß seine Brust beide Eiserne Kreuze und noch dazu zwei landesfürstliche Auszeichnungen schmückten, und daß er in seinem Regiment als eine »große Kanone« galt.
»Nun sieh mal an«, rief der Dechant dem gesunden und frischen Offizier erfreut entgegen. »An dich habe ich gerade heute gedacht. Grüß Gott, Heinz. Haben dich denn die Engländer wirklich am Leben gelassen? Daran taten sie unklug, was ihr Interesse angeht, obwohl ich's sehr zu loben weiß. Es scheint auch auf die Linde einen gewissen Eindruck zu machen. Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß das Mädel ohne Kopf im Garten herumschießt; es ist sonst das kapitalfesteste und kaltblütigste Frauenzimmer, was das Mannsvolk angeht. Setz' dich, lieber Junge. Wirst du ein paar Tage bei uns wohnen? Hoffentlich recht viele!«
»Na, wollen mal sehen, wie mir das Klima bekommt«, lachte der Krieger. »Aber wer ist denn die Linde, wenn man in einem so frommen Haus nach dergleichen fragen darf?«
»Nun, eins von euch scheint sich sehr verändert zu haben«, wunderte sich der Dechant. »Aber sie sagte schon, du habest ein kurzes Gedächtnis. Kennst du wirklich das kleine Mädchen nicht wieder, mit dem du vor zehn Jahren hier in den Himbeerbüschen gehaust hast? Gott erbarme sich, wie hat sich die Brigitt über euch erbost! Und wie kam ihr nachher das Haus leer vor!«
»Wahrhaftig, sie erinnerte mich doch an sie«, wunderte sich nun auch der Soldat. »Aber damals war sie strohblond und pumpelrund und hieß Marie.«
»Ja, diese Veränderung ihres äußern Menschen ist auch eins von ihren Geheimnissen«, nickte der Dechant ernsthaft bestätigend. »Was den Namen angeht, so schrieb mir kurz nach eurem Besuch ihre Mutter, daß sie ihn aus eigener Machtvollkommenheit geändert habe. Eines Tages sei sie mit dunklen Augen aus dem Garten gekommen und habe erklärt, die Linde sei ein sehr schöner und heiliger Baum, und sie wolle Linde heißen. Nun sagte man ihr, die Mutter Gottes sei eine noch viel schönere und heiligere Frau; warum sie denn nicht mehr Marie heißen wolle? Worauf die merkwürdige Antwort kommt, Tante Klinger, ihre Patin, sei keine schöne und keine heilige Frau und heiße auch Marie. Und dabei bleibt sie. Auf den Vorhalt, Tante Marie werde sich beleidigt fühlen, schweigt sie hinterhältig. Wirklich waren die beiden auch keine besonderen Freunde; nun, das weißt du wohl selber, du hast der Linde bei manchem Indianerstück gegen sie geholfen, als ihr alle gleichzeitig hier das Haus unsicher machtet. Eine Zeitlang nannte man sie scherzhaft Linde, um sie zu necken, wie das so geht in einer Familie, und dann blieb der Name an ihr hängen. Er ist ein bißchen heidnisch, aber gar nicht roh, da hat sie schon recht, und die Linde war von früh auf der Schirmbaum der Mutter Gottes. Nun, du wirst noch mehr Wunderlichkeiten bei ihr finden, wenn du dir die Zeit dazu nimmst.«
»Besondere Geschäfte hat sie seither körperlich nicht gemacht«, meinte Heinz zweifelnd. »Damals war sie handfester. Nicht, daß sie eben elend aussähe, aber ein bißchen unsolid für irdische junge Männer. Hat sie's denn an der Lunge?«
»Muß es ein Mensch gleich irgendwo haben, wenn er zarter registriert ist?« spottete der Dechant. »Sie hat einen empfindlichen Magen wie alle Ekkarde; das ist alles. Dem einen fehlt's mehr an körperlichen Organen, dem andern an geistigen. Es kommt alles auf die geheimen Reserven an. Ihr seid ja eine ziegenfräßige Gesellschaft, muß ich sagen. Ich dachte, ihr würdet etwas bescheidener aus dem Krieg heimkommen, aber hochfahrender seid ihr geworden. Nun, Gott mit euch, ihr Galgenvögel!«
»Aber ich habe ja nichts gegen das Mädchen einzuwenden!« lachte der junge Mann. »Gut, ich sage nicht unsolid, sondern zierlich. Für uns läuft's auf dasselbe hinaus. Woran sollen wir uns halten? Vielleicht hat uns der Krieg verdorben. In Frankreich gibt's wirklich hübsche Weiber. Die unsern wollen mehr von innen genommen sein; das ist zeitraubend. Ich glaube ja nicht besonders an diese Innerlichkeit; das soll ein Ersatz sein für das mangelnde Temperament. Nun, wenigstens hat sie Grazie; das ist schon etwas. Ist sie denn noch frei?«
»Jedenfalls bist du's«, sagte der Dechant doppelsinnig. »Wenigstens gibst du dich so.« Doch war zu hören, daß er ihm wohlwollte, und der Ermahnte hörte es.