Part 10
Heinz hatte seinen Posten mit Bedacht gewählt, weil vor ihm der Drahtverhau beinahe vollständig weggeräumt war und ein ganz freies Einbruchstor offen ließ. Es wurde auch von den suchend und eilig hin und her huschenden Gestalten gefunden und mit Leidenschaft benutzt, daher stand er bald erwarteterweise im Mittelpunkt der Nahkämpfe. Die ersten Eindringenden erledigte er durch gezielte Revolverschüsse; was übrigblieb, das stachen Infanteristen mit den Bajonetten nieder. Indessen taten die englischen Handgranaten ihre Wirkung, und allmählich vereinsamte Heinz auf seinem Posten. Als er den Revolver leer geschossen und keine Zeit hatte, ihn frisch zu füllen, warf er ihn weg und griff zu seinem Seitengewehr. Den ersten Engländer, einen jungen Offizier, der zu ihm in den Graben sprang, bekam er mit einem raschen Griff an der Brust zu fassen; ehe es ihm noch gelang, Stand zu nehmen, brach ihn Heinz schon rückwärts über das Grabengeschütz, wo er seinen letzten Seufzer tat. Dem nächsten, der sich wie ein Tiger auf ihn stürzte, wich er aus, so daß er zunächst in die Knie brach; bevor er sich wieder erheben konnte, empfing er seinen Todesstoß, der ihn vollends hinstreckte. Obwohl nun die Handgranaten schon rings um ihn krepierten, blieb er doch wunderbarerweise heil. Zwischen zwei Angriffen fand er noch rasch Zeit, auch seinerseits die Gasmaske vorzubinden, denn die englischen Handgranaten erfüllten den Graben nach und nach mit einem schweren, beizenden Qualm. Er wußte nicht mehr, was die andern taten, blickte sich auch nicht nach ihnen um. Einmal kam irgendein Infanterist hergelaufen, um ihm zu helfen; eine Handgranate krachte, und er sank weg, als ob er nie dagewesen wäre. Einen Stürmer erledigte Heinz, als er seine Handgranaten aufgebraucht hatte, durch einen Steinwurf vor die Brust, bevor er an den Rand des Grabens kam. Den Dienst des fehlenden Drahtverhaus begannen nun die gefallenen Körper der Engländer zu leisten, die sich dunkel gegen den Horizont häuften.
Aber es schien, daß die englische Heeresleitung die vielverwünschte deutsche Bastion heute nacht um jeden Preis endlich in ihre Hand bekommen wollte. Den Londonern folgten Schotten, diesen Kanadier, ihnen Inder; darauf kamen Australier und wieder Inder, von den grausamen, viehischen Bergstämmen, deren Ausdünstung schon so widerlich ist. Heinz tat, was er konnte, schlug und stach an seinem Ort noch ein Erkleckliches um sich, alles in voller Zweckmäßigkeit, aber schon ganz mechanisch, stieß einem Inder das Seitengewehr durch den aufgerissenen, schreienden Mund in den Hals, schlug einen andern mit dem Schädel auf das Geschützrohr, bis ihn die Kräfte verließen; inzwischen fühlte er freilich ebenso die seinen abnehmen, und sah er mit fatalistischer Gelassenheit den Moment voraus, der auch für ihn der letzte sein würde. Doch fand ihn der übernächste Brust an Brust mit einem kanadischen Unteroffizier am Boden liegen und um sein Leben ringen, während der fortgesetzte Sturm der englischen Massen nun schon ganz ungehemmt über ihn weg und tiefer in die deutschen Stellungen hineinfuhr. Weil droben nur jeder vorwärts wollte, blieb Heinz im Graben mit dem Unteroffizier und dieser mit ihm allein. Er lag, wie ihn der Anprall des großen Menschen hingeworfen hatte, auf dem Rücken im Grabenschlamm, mit der linken Hand den Messerstoß des Kanadiers aufhaltend, und von diesem gleicherweise selber am Zustoßen gehindert. Mit einer gefährlichen Aufmerksamkeit, jeder des andern Blick bewachend, strebte zunächst jeder angestrengt nach der ersten freien Bewegung, die dem andern das Leben kosten mußte. Ein nur halb parierter Stoß des Kanadiers hatte Heinz die Gasmaske weggerissen, zu seiner Befriedigung, da er ihm Blick und Atem befreite. Bald wußte jeder, daß er es mit einem vollgültigen Gegner zu tun habe, und dachte jeder auf eine überraschende Wendung, um den andern zu verwirren und in der nämlichen Sekunde abzutun, zugleich aber seinerseits mit größter Anspannung der Geistesgegenwart auf ähnliche Unternehmungen des andern gefaßt.
Das stumme Todesspiel dauerte bereits nach Minuten, und eben überlegte Heinz, daß, wenn er plötzlich die Stoßhand des andern fahren ließe und blitzschnell dessen Kopf an sich risse, er vielleicht durch die Überraschung seine eigene Hand befreien könnte, um jenem im gleichen Moment die Schlußrechnung zu machen -- als ihm ein unbewachtes leichtes seitliches Abirren im Blick des Kanadiers auffiel, dem er ebenso unwillkürlich folgte, ohne freilich etwas anderes zu bemerken als die Toten und Sterbenden, die um ihn herumlagen; in demselben Bruchteil einer Zehntelsekunde war er schon wieder mit ganzer Spannung über seiner Todesrechnung für den Feind. Nebenher fiel ihm ein gewisses Nachlassen der körperlichen Anstrengung beim Gegner auf, das er sogleich unbedenklich in die Kalkulation mit einsetzte. Wenn er, so dachte er, nun den Kopf des Kanadiers rasch niederriß, während dessen rechte Hand in der Luft frei wurde und die linke zunächst fortfuhr, Heinzens Stoßhand an der Erde festzuhalten, so mußte er notwendig im ersten Augenblick nach seiner rechten und also Heinzens linker Seite fallen; raffte nun Heinz alle Kräfte in einen Moment zusammen, so konnte es ihm gelingen, sich mit dem Kanadier schnell nach links hinüberzuwerfen, und als beinahe sicher durfte er erwarten, daß der Unteroffizier über der doppelten Überraschung weder sofort daran dachte, mit dem nun freien Messer zuzustoßen, noch sich augenblicklich an das drohende Seitengewehr des Deutschen erinnerte, sondern nach aller Wahrscheinlichkeit würde er ganz instinktiv der Umwälzung begegnen wollen. In der Zeit würde aber Heinz schon zustoßen.
Nun war er seiner Sache so gewiß, daß er einem neuerlichen Abirren im Blick des andern nach derselben Seite überhaupt nicht folgte, sondern sich in aller Tiefe auf den Augenblick zu sammeln begann, in dem er seinen Plan ausführen wollte. Dunkel ging es ihm noch durch den Kopf, daß er in seiner nächsten Nähe einen scheinbar schwerverwundeten Inder bemerkt hatte, der sich, immer noch den Dolch in der ausgestreckten Hand, wohl sterbend noch einmal regte; gleich erinnerte er sich auch, daß es der Mensch war, dem er das Seitengewehr in den Schlund gestoßen hatte. Er wollte eigentlich noch einmal hinsehen, aber eine wiederholte, sehr merkliche Schwächeäußerung des Kanadiers, oder was Heinz dafür hielt, bestimmte ihn, sofort die Tat auszuführen. Eben spannte er seine Nerven und Sehnen zur höchsten Leistung, als plötzlich neben ihm eine dunkle Hand mit einem indischen Messer in die Höhe flog, um niederfahrend mit einem fühlbar harten Stoß seine Brust zu treffen. Der halb aufgerichtete indische Soldat hatte freilich mit dieser Unternehmung alles gegeben, was er vermochte; er brach neben Heinz röchelnd zusammen, indem er aus seinen weit geöffneten Augen, die vieles Weiß zeigten, voll befriedigten Hasses ihn aus nächster Nähe anstarrte. Zugleich spürte Heinz, wie eine freudige Bewegung durch die Glieder des Unteroffiziers ging; ebenso rasch wurde er sich klar, daß der Stoß an seiner gefüllten Brieftasche sich gebrochen hatte, und bevor der völlig überrumpelte Kanadier irgendeinen Vorteil ausnützen konnte, fühlte er durch den Deutschen mit einem harten Ruck seinen Kopf herabgerissen, seinen ganzen Körper gewaltig herumgeworfen, und seufzend empfing er das deutsche Eisen seitlich in die Lunge.
Ohne ihm noch einen Blick zuzuwenden, erhob sich Heinz. Aber er merkte sofort, daß er für die nächsten Stunden nicht zu brauchen war. Vor seinen Augen hing es wie Trauerflor. Seine Knie wankten unter ihm, und von seinem Herzen ging ein Zittern aus, das sich dem ganzen Körper mitteilte. Nachdem er sich einige Schritte hingeschleppt hatte, ohne zu wissen, wohin, setzte er sich auf die umgestürzte Schützengrabenkanone, und dort fanden ihn die zurückkehrenden Deutschen, als sie die Engländer vor sich hintreibend die Bastion wiedernahmen. Zwei Tage sprach er nicht. Am dritten begann er wieder, aber mit einem tief veränderten Ton. Unterdessen kam sein Regiment in die Reservestellung, um wieder aufgefüllt zu werden. Das indische Messer hatte etwa acht Briefe durchstoßen, sechs von der Klingse und nur zwei von Linde, und noch in seine Brust eine etwa zolltiefe Wunde geschlagen. Dazu kam, daß die Briefe der Klingse schöngeistig und wenigstens achtseitig waren, die Lindes einfach liebend und nur vierseitig, machte im ganzen dreißig Blätter von der Tante und nur vier von der Geliebten. Es war also nicht schwer zu sagen, wer ihm das Leben gerettet habe. Am Abend des vierten Tages schrieb er zwei Briefe, einen an Linde und einen an die Klingse. Der an Linde lautete:
»Liebes Mariechen, wir sind abgelöst nach einer verdammt dreckigen Nacht, in der nicht viele von uns übrigblieben. Aber was hilft das üble Leben? Jetzt liegen wir in Reserve und sollen erst wieder aufgepumpt werden. Bis dahin fahre ich jeden Tag nach Lille hinein und genieße meine Jugend. Das Messer eines Shiks fing meine Brieftasche auf; zwei Bogen von Dir sind auch daran beteiligt. Daß Ihr überhaupt noch von Seele, Nation und dergleichen zu reden wagt. Wartet, bis wir wiederkommen. Sonst habt Ihr nichts zu tun. Und dann seht, was wir mit Euch machen. So steht das. Mein Zielfernrohr ist in Scherben geschossen. Mag's der Teufel haben. Ein neues wird nicht angeschafft. Für mich ist die Heldenlaufbahn vorbei. Von jetzt an wird die Pflicht getan. Fasse das aber nicht in Deinem übersittlichen Sinn auf; das wäre ein Irrtum. Ich habe es einfach satt, mit dem Tod zu spielen. Das Leben hat dafür zuviel Reize. Laß Dir's gut gehen. Herzlich Dein Heinz.«
Linde schrieb ihm zurück:
»Liebster Heinz! Ich habe eine Kerze gestiftet zum Dank dafür, daß Du heil aus der Gefahr gekommen bist. Oder vielleicht nicht einmal so rein aus Dank als aus Freude darüber, und in der Freude tut man gern etwas, das hübsch ist und wohl lautet. Wenn mir jemand sagte, ich wäre unfromm, so würde es mich sehr treffen, aber ich fürchte, daß sich jemand finden wird, und daß ich ihm nichts werde erwidern können. Der Onkel sieht mich manchmal verwundert an, und auch der Brigitt gebe ich zu denken; ich sehe es wohl. Aber ich kann's nicht ändern. Und, lieber Heinz, ich bitte Dich herzlich, werde wieder ein Held, auch wenn ich je länger, je weniger eine Heldin bin. Es steht Dir so wohl, daß wir alle um Dich Angst haben; Gott verzeihe mir die Lästerung. Wie soll ich mich erklären? Das Herz läßt sich nicht gern etwas nehmen. Du denkst daran, daß ich damals sauer dazu sah. Heut seh' ich süß. Liebster Schatz, ändere nichts; Gott wird Dich bewahren! Mehr kann ich heute nicht schreiben; in mir braust's wie ein Bienenvolk, und jeder Flügel will zu Dir. Man hätte viel Honig. Wenn Du aber auf Urlaub denkst, so folge dem Gedanken nicht. Schicke mir die vier Blätter oder eins davon; ich will sie sehen, dann bekommst Du sie wieder. Deine Marie Linde.«
Sie bekam sie nie, aber der Klingse hatte er von sich aus eins von ihren geschickt. Dazu schrieb er folgendes:
»Liebe Tante Malva! Ich habe vor einigen Tagen mit den Engländern eine ekelhafte Nacht erlebt und darüber allerlei Scheu verloren. Sieh Dir das beiliegende Blatt an. So sehen sechs Briefe von Dir aus, etwa dreißig Blätter, die ich in der Brieftasche trug. Ohne sie wäre ich wohl nicht mehr in der angenehmen Lage, an Dich zu schreiben, denn der betreffende Shik hat, obwohl sterbend, doch noch ganz anständig zugestoßen. Ich kann es also betrachten, wie ich will, so hast Du mir das Leben gerettet. Und ich kann auch das betrachten, wie ich will, so habe ich Dich nicht in gleicher Weise vor dem Stoß bewahrt. Das ist der Sinn von dem, was ich von der verlorenen Scheu sage. Du bist eine große Frau, und ich bin ein deutscher Offizier, und wir werden einander nichts mehr vormachen. Sieh mal, in mir war bis neulich die Lust, ein übriges über meine Pflicht zu tun, mit dem Schicksal anzubinden, denn da war etwas, was verausgabt sein wollte, die Lust am Besonderen, die ihre Abenteuer forderte. Damit bin ich jetzt fertig. Ich habe meine Orden und meine beiden Eisernen Kreuze. Weiter komme ich ohnehin nicht mehr. Und das Eiserne erster wird mir später im Frieden schon die Türen auftun, die ich offen haben will. Meinen Anteil am Krieg habe ich geleistet, das übrige ist Pflicht, nicht mehr, nicht weniger. Es war ein Moment, da gehörte ich schon mehr dem Tod als dem Leben; von einem solchen Standpunkt aus bekommt manche Sache ein anderes Gesicht. Jetzt habe ich den Wunsch durchzukommen, weil ich nachher mit meiner Jugend und Kraft etwas anzufangen weiß. Es soll mir keiner mehr mit dem Kaisertum der deutschen Seele und der deutschen Weltanschauung die Ohren vollreden. Was ist das, die deutsche Weltanschauung? Du mußt hören, was sie gerade vor meinen Fenstern singen. ›Denn dieser Feldzug geht auch vorüber, und diese Schweinerei ist bald vorbei.‹ Wir haben alle die Nase voll vom Heldentum. Nehmt Euch in acht, wenn wir zurückkommen. Manchmal leben wir in einer ganz gefährlichen Wut, aber meistens denken wir nicht weiter als in unsre Patronentaschen und Brotbeutel. Jetzt hat man uns in Reserve gestellt, um das Bataillon wieder aufzufüllen. Vorläufig bin ich jeden Nachmittag in Lille. Etwas elegantes Leben zu sehen tut wohl nach der Dreckhamsterei. Alles was wahr ist, für solche Frauen kann sich der Franzose schon schlagen. Wofür schlagen wir uns eigentlich? Ich frage für die andern; für mich bin ich nicht im Zweifel. Aber um ehrlich zu sein: noch lieber hörte ich jetzt mit der Schlägerei auf, und zwar aus der gleichen Betrachtung. Leb wohl und vergiß mich nicht. Dein Heinz.«
Die Antwort der Klingse lautete folgendermaßen:
»Mein lieber Junge! Wenn ich's genau überlege, so muß dieser furchtbare Stoß Dich noch getroffen haben. Warum verschweigst Du mir das? Hast Du Dich unnötigerweise in diese Gefahr begeben, so muß ich Dich heftig tadeln. Und hat die Nacht, von der Du sprichst, Dich von einer Jünglingsschwärmerei geheilt, so sei sie immerhin gesegnet. Deinen Entschluß kann ich nur billigen. Nach dem Krieg kommt wieder ein Frieden; was hilft er dem, der ihn nicht erlebt? Wohl Dir, daß Du weißt, wofür Du kämpfst, und noch besser, wofür Du leben bleiben willst. Was dann Eure Wut angeht, so werden wir uns schwerlich sehr in acht nehmen, wenn Ihr zurückkommt. Dazu sind wir schließlich wohl auch nicht da. Nun, was Du noch nicht weißt, das wirst Du ja erfahren. Kannst Du nicht einen Urlaub bekommen? Es ist ja nicht gesagt, daß Du ihn wieder in einer Kleinstadt bei Kleinstädtern verbringen wirst. Sei ein Mann, mein Junge, und rechne mit Deinen Kräften, damit ich auf Dich stolz sein kann. Deine Malva.«
Nach diesem Brief beantragte er sofort Heimaturlaub, aber er wurde ihm abgeschlagen, weil die Wiedereinrichtung des Bataillons bereits in vollem Gang war. Da faßte er sich ziemlich kalt und begann seine neue Soldatenlaufbahn.
Zweiter Teil / Ehrgeiz
Erstes Kapitel
Der Gregorianische Lobgesang wird noch einmal angestimmt. Linde fällt in Verdacht, Geheimnisse zu haben. Eine Prozession führt zu keinen andern Einsichten als in das Wesen der Unwissenheit
Inzwischen fand unter der Anführung des Dechanten die alljährliche Herbstprozession auf den Kalvarienberg statt. Man betrachtete sie als einen Erntedankgang, aber sie stammte unter allerlei Umbildungen aus einem früheren Jahrtausend, und gelehrte Leute, zu denen auch der Dechant gehörte, wußten, daß sie ursprünglich im Land der Wotanseiche mit dem herbstlichen Lichtwechsel zu tun gehabt hatte. Früher war der Festtag im Monat festgelegen, aber in Anbetracht des unsicheren Wetters hatte der Dechant den Gang unter der Billigung seiner Behörden auf den Sonntag vor dem Vollmond gelegt, da dort nach der Erfahrung von alters her noch am sichersten gutes Wetter angetroffen werden konnte. Bisher war ihm auch noch keine Prozession verregnet.
Aber mit dieser hatte es seine besondre Bewandtnis. Nicht als ob einer sternenhellen Nacht niederträchtig ein trüber Morgen gefolgt wäre. Die Frühstunden brachen vielmehr in tiefer und reiner Bläue aus der Himmelshöhe herein, nachdem nur einmal der Morgennebel gehörig in der Tiefe verarbeitet war. Auch an den Hausgenossen ereignete sich, nach den Seltsamkeiten jenes Abschiedsmorgens, keine neue Überraschung. Zwar hüteten noch die beiden Frauen das Bett, jede das ihre, aber Brigitt ging es weiter nicht bedenklich, obwohl schmerzhaft genug, und die Tante hatte sogar angezeigt, daß sie heute zum Mittagessen zum erstenmal wieder aufstehen werde. Der Dechant betrachtete diese Meldung sogar mit besonders zufriedenen Blicken, nicht weil sie ihm wieder die anregende Tischgesellschaft der großstädtischen Verwandten versprach, sondern weil er sie für eine Voranzeige ihrer endlich in nähere Sicht gerückten Abreise hielt. Obwohl sie bei seinen Krankenbesuchen religiöse, sogar katholische, Lektüre in ihren Händen sehen lassen und mit ihm ebensolche Gespräche geführt hatte, für eine protestantische Rationalistin sogar ordentlich einsichtige, und obwohl sie von ihm verschiedentlich auf weichen und zugänglichen Stimmungen betroffen worden war, so hatte es ihm doch nicht gelingen wollen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Auch nahm er ihr ernstlich übel, daß sie das Liebesglück der jungen Leute zu stören versucht hatte, und wenn er auch lange nicht alles wußte, so war schon dies genug, um ihm mit einiger Deutlichkeit zu zeigen, daß ihre Wirkung auf die Geselligkeit der Menschen, jedenfalls seines Hauses, sich seit zehn Jahren nicht verändert hatte.
Von Seite der Tante erwartete er also in nächster Zeit nur Erfreuliches. Was Linde anging, so war sie neuerlich etwas blaß und sah mitgenommen aus; er setzte den Zustand auf Rechnung der Sorge um ihren entfernten Geliebten, und außerdem hatten ihr die letzten Wochen bei ihrem Eigensinn, keine Hilfskraft zu nehmen, Tag für Tag ein sicheres Übermaß von Geschäften im Haus und um die beiden Kranken gebracht, von dem es ein Wunder schien, daß sie es bei ihrer zarten Konstitution noch so lange zu treiben wußte. Der Dechant selber war dabei mit ihr längst nicht mehr auf seine Rechnung gekommen, da sie für ihn wenig oder keine Zeit hatte, und so versprach er sich von der bevorstehenden Abreise der Tante auch für das Mädchen etwas. Er stand so lebhaft unter dem Gefühl dieser angenehmen Aussicht, daß sie ihn noch viel sonntäglicher stimmte, als er's ohnehin schon war, und während er sich in seinem schönen alten Mahagonischlafzimmer rasierte und ankleidete, summte er nach so langer Zeit zum erstenmal wieder den Gregorianischen Lobgesang. Darauf zog er ein Paar festere Schuhe an, da er doch einen Gang über Land vorhatte, tat einen letzten Blick in den Spiegel, setzte das schwarze Pfaffenmützchen auf, freute sich noch einmal, wie still und gediegen das Morgenlicht auf den Formen des polierten Mahagoniholzes spielte, und stieg dann mit dankbaren Gefühlen nicht nur für die Jahresernte, sondern auch für die seines bisherigen Lebens die Treppe hinunter, um sich zum Frühstückstisch zu begeben, von Bob, der schon eine Weile eifrig an der Tür gekratzt hatte, freudig begleitet.
Dort hatte Linde schon alles hergerichtet. Auf der goldenen Maserung der Birkenmöbel lachte die offene Sonne. Die blauen Sessel mit den weißen Nägeln leuchteten erfreut auf, als ihr Herr eintrat. Die edlen Formen des Gläserschranks belebten sich unter seinen Blicken. Violette und blaue Astern standen in Vasen oder als lebende Pflanzen in Töpfen auf guten Plätzen. Bemerkte er noch die weißen angenehmen Mullgardinen, so fand er, daß nachgerade in dem Zimmer ebensoviel von Lindes Wesen sich aussprach als von seinem. Just trat sie auch wie eine kleine Siederei mit dampfenden Kesseln und Kannen durch die Tür, klar und entschieden in aller Arbeit und Plackerei, der sie sich eigenwillig unterzog, und mit hellem Morgengruß auf Stirn und Lippen.
»Nun, da bist du ja, du unverbesserliche Unruhe«, begrüßte er sie nicht durchaus mißfällig. »Was hast du denn schon wieder um halb sieben heute früh im Haus herumzuwirtschaften gehabt?«
Linde lachte eine Spur. »Warum schläfst du nicht, anstatt mir aufzupassen?« sagte sie freundlich aber ein wenig betreten. »Ich bin doch so leise bei dir vorbeigegangen. Daß die Dielen knarren, dafür kann ich freilich nichts, soviel ich mich darüber ärgere.«
»Sieh nur zu, daß du bei diesem Betrieb übrigbleibst!« versetzte der Dechant ernster. »Hast du dafür gestern in alle Nacht hineingearbeitet, daß du nicht einmal den Sonntag mit einer christenmäßigen Beschaulichkeit beginnen kannst?«
»Wenn du soviel redest, Onkel, so wirst du zu spät zum Hochamt kommen«, erwiderte sie bescheidentlich ablenkend. »Vergiß auch nicht, daß du vorher ordentlich essen mußt. Willst du zuerst Brot mit Käse und dann mit Wurst oder umgekehrt?«
Er wollte es umgekehrt, und sie richtete ihm alles geschickt und sorglich her, goß ihm Kaffee ein und begann derweilen von ihrer Patientin zu berichten, nämlich von Brigitt, der es heute erträglich ging, da sie fieberfrei war. Die Tante hatte sich ihrerseits eine berufsmäßige Pflegerin kommen lassen, ein Weib zwischen dreißig und vierzig, nicht vom allerbesten Ruf und mit einem ziemlich üblen Mann behaftet, aber die einzige in ihrem Fach und besonders von den protestantischen Familien, die sich nicht gern der Nonnen aus dem Kloster bedienen mochten, in den vorkommenden Notfällen zugezogen. Nun hatte man sie schon um die drei Wochen schmutzig, unverschämt und ewig spionierend ungern ertragen, ohne gegen ihre Tyrannei etwas Wirksames unternehmen zu können, da sie an der Tante einen Rückhalt zu haben schien. Das bequeme Leben, das ihr diese im Haus machte, war auffällig. Daß sie als einzige Person Butter und belegte Brote zu jeder Tageszeit haben mußte, mochte noch hingehen, aber sie hielt ihr auch jede gröbere Arbeit fern, die ausnahmslos Linde zufiel. Da sie außerdem noch Anspruch auf Lindes Sekretärdienste machte -- sie diktierte ihr eine Reihe literarischer und gedankenreicher Briefe an großstädtische Freunde --, so wußte der Dechant wohl, warum er nichts mehr von dieser hatte, und warum sie mit Nachtstunden verlorene Tagesstunden ersetzen mußte, aber er wußte nicht, welchen Narren die Tante an dem unerquicklichen Weibsstück gefressen hatte, daß sie es so verwöhnte.
Übrigens trat gleich darauf dieses selber im Eßzimmer auf, um die gute Morgenstimmung doch in etwas zu stören, und zwar durch ein Ei vom Frühstück der Tante, das schlecht sein sollte. Linde roch und konnte nichts daran finden, sagte übrigens gehalten, daß sie für heute kein anderes im Haus habe, da Eier jetzt schwer zu bekommen seien, und die Pflegerin ging ab mit dem Ei, das sie nachher mit Genuß selber aß, und mit einer unverschämten Glosse über die Hausordnung, gegen die nichts zu sagen war, wenn man sich nicht in einen endlosen Zank verwickeln wollte. Beim Hinausgehen klemmte sie noch den nicht ganz saubern blauen Rock zwischen die Tür, die sie noch einmal aufstieß und dann offen hinter sich stehen ließ, während sie schimpfend die Treppe hinaufstieg.