Der Dechant von Gottesbüren

Part 11

Chapter 113,475 wordsPublic domain

Mit diesem rostigen Nadelöhr und dem zugehörigen schlechten Faden schlug sie dann die besondere Bewandtnis zur Naht, von der schon die Rede war. Eben bemerkte der Dechant halb verdrossen und halb verwundert, daß die Person ein ganz hübsches Weib sein könnte, wenn sie nur etwas ordentlicher leben wollte, als die Hausglocke schrill anklang, Bob wuffend vom Fensterbrett herunterfuhr und Linde, die sich gerade vom Schließen der Tür wieder gesetzt hatte, von neuem aufstehen mußte. Gleich darauf ertönte draußen die krähende Stimme eines betrunkenen Menschen und die abwehrende Lindes, von der andern eifrig überschrien, die nun schon im Haus zu sein schien, und über allem der zornige Alarm des Hundes, mit dem sich der Besucher ebenfalls auseinandersetzte. Der Dechant erhob sich, um selber zum Rechten zu sehen. Im Hausgang stieß er mit einem Menschen zusammen, der durch seinen Atem wie durch unmißverständliche Worte und Gebärden das erschreckte Mädchen vor sich her trieb und überaus unternehmungslustig nach dem Pfaffen verlangte. Beim Licht der offenen Küchentür war es der stadtbekannte liederliche Ehemann der Pflegerin. Streng nach seinem Begehr gefragt, blieb er dabei, daß er den Pfaffen sprechen wolle, und erst, als ihm bedeutet wurde, daß hier kein Pfaffe sei, aber draußen viel frische Luft, begann er sich den Mann im dunklen Hausflur näher anzusehen und fand, daß es der Pfaffe selber sei, obwohl er eigentlich von vornherein nichts anderes erwarten konnte. Da begann er gewaltig herauszurücken. Er war gar kein so übler Schlag Mensch, ordentlich gewachsen und nicht eben dumm aussehend, aber unsäglich verkommen und verhetzt.

»Sehen Sie mal an, Sie sind ja -- ja der Pfaffe selber!« rief er, ganz überrascht von dem Glückszufall und immer in der Tiefe gegen Bob kämpfend, vor dem er sich zu besorgen schien. »Hören Sie mal, Sie Herr Pfaffe, ich -- ich glaube nicht an Sie. Es gibt keine Pfaffen. Tja. Nicht die kleinsten Pfaffen gibt es für einen gebildeten Weltbürger. Denn wenn es den kleinsten Pfaffen gäbe, so stände ich doch nicht hier und sagte: ›Es gibt keinen Pfaffen, nicht einmal den allerwinzigsten!‹ An Ihren Hund glaube ich, der hat mich ins Bein gebissen. Das ist eine Belialswirtschaft hier! Weg! Aber wenn Sie ein Pfaffe sein wollen und erlauben in Ihrem ei--eigenen Haus so -- so unsaubere -- so anstößige Dinge -- so -- solche Unzucht, was? Und Mord und Totschlag und Blutvergießen! -- Befehlen Sie mal Ihrem Hündchen, sonst muß ich ihm zu meinem Bedauern die Schnauze zertreten. -- Tja, was glauben Sie denn? Wenn ich nicht ein Lu--Lungenleiden hätte, so wäre ich doch auch ein He--Held draußen im Schützengraben. Aber wir haben den na--nationalen Auftrag, im Land die Sittlichkeit aufrechtzuerhalten. Mittels moralischer Kontributionen an der fehlbaren Bourgeoisie. Sobald wieder Frieden ist, sollen Sie einmal sehen, wie da aufgeräumt wird mit der Bourgeoisie. Bringen Sie gefälligst in Anschlag, daß ich ein gebildeter Ma--Mann bin, der bessere Tage gesehen hat. Und daß ich nicht umsonst hier vor Ihnen stehe. Und dann sagen Sie mir, Sie Herr römischer Pfaffe, warum liegt denn die feine Dame droben im Be--Bett? Ihre -- geehrte Frau Verwandte? Haben Sie sich nie gesagt, daß das meinem Geist zu denken geben muß? Was?«

Der Dechant hatte ihm bisher mit groß aufsehenden Blick zugehört, während seine Miene zugleich einen stark nach innen gekehrten Zug annahm und die Zornader an seiner Stirn schwoll.

»Es ist gut, daß jedenfalls Ihre Bildung festgestellt ist«, sagte er ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton. »Mehr ist für den Augenblick wohl nicht nötig. Wenn Sie morgen noch den Schwung in sich verspüren sollten, dies Gespräch fortzusetzen, so kommen Sie wieder, aber in nüchternem Zustand; es soll Ihnen dann nicht an Auskunft fehlen!«

»In -- in nüchternem Zustand?« stotterte der Mensch verblüfft: »Ich bin in nü--nüchternem Zustand, sogar in einem sehr gebildeten nü--nüchternen Zustand, wenn Sie gestatten. Wenn Sie ihn aber noch nüchterner wollten, so müßte ich sagen: ›Wie -- wie soll ich dann das Geschäft der moralischen Kontribution an der hiesigen Bourgeoisie ausüben?‹ Dazu muß ein gebildeter Mann schon etwas angetrunken sein, wie Sie leicht begreifen werden. Aber es ist gut; Sie wollen Zeit, um sich zu bedenken. Ich werde morgen wiederkommen. Aber in nü--nüchternem Zustand, Sie römisch-katholischer Spaßmacher? Wissen Sie die Geschichte von der Thronbest--besteigung des Kaisers, als der Kaiser gesagt hatte: ›Und daß ich das halten werde, glaube ich, schwöre ich!‹ Und als er das gesagt hatte also, und der Wilhelm Lehmann hatte nicht verstanden, denn er war taub auf dem linken Ellbogen, Sie Spaßmacher, Sie! Ich könnte mich schief lachen über Sie! Nüchtern soll ich Ihnen kommen? Psch -- hihi! Aber wissen Sie, was der Fritz Schulze dann sagte, als der Wilhelm Lehmann mit seinem tauben linken Ellbogen nicht verstanden hatte? ›Dann zieh dir det nächste Mal den Rock aus, du Affe, damit du besser hören kannst. Er hat jesacht: Und daß ich det halten werde, det jloobe ich schwerlich!‹ Wie haben Sie gesagt? Nüchtern soll ich Ihnen kommen? Sie, ich will Ihnen was sagen: Das glaube ich schwerlich! Jawohl, ich gehorche Ihrem sanften Druck nach der Türe. Ich warne Sie freundschaftlich davor, mich als einen gemeinen Verbrecher zu betrachten! Aber wenn Sie skandalöse Dinge im Haus geschehen lassen, Hochzeitsnächte ohne den Segen Gottes und Blutbäder, und wer weiß was sonst noch: ach Sie Spaßmacher, und da soll ich Ihnen nüchtern kommen? Daß Ihnen der Nabel abdorre! Morgen um zehn Uhr vormittags bin ich wieder hier.«

Weiter mit sich selber redend und mit den Händen fechtend, stolperte er über die Schwelle und aus dem Haus. Als er sich umdrehte, um noch einmal auf die Nüchternheit zurückzukommen, schlug schon die Tür ins Schloß. Er machte eine tief grüßende Bewegung gegen sie und torkelte plaudernd davon, und alles in allem erweckte er den Eindruck eines ausnehmend glücklichen und harmlosen Menschen.

Der Dechant fühlte von dieser Stimmung nichts an sich. Als er mit schwer denkender Stirn ins Eßzimmer trat und sein Blick Linde suchte, fand er sie blaß mit aufgestütztem Kopf am Tisch sitzen. Seinen Augen zu begegnen vermied sie. Sie starrte mit einem verständnislosen Gesichtsausdruck vor sich hin, und in ihrer Haltung war etwas, was ihn für sie leiden und auf eine gewisse männliche Art betreten machte. Unwillkürlich fiel ihm ein, daß sie seit Heinzens Abreise nicht mehr zur Beichte gewesen war. Schließlich wurde ihm ihr Anblick beschwerlich, und er trat ans Fenster, um einige Augenblicke auf den Platz hinauszusehen. Dann erinnerte er sich an die Pflegerin, wandte sich ins Zimmer zurück und ging nach dem Hausflur, wo er ihren Namen rief. Als sie nicht antwortete, stieg er die Treppe hinauf, um sie zu suchen. Er fand sie in ihrem Zimmer, wo sie sich stellte, als ob sie mit Ordnen beschäftigt sei. Sie blickte ihm scheinbar verwundert und unwirsch entgegen, und er sah ihr an, daß sie um alles wußte.

»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, warum ich Sie suche«, bemerkte er, nachdem sie den Blick unsicher von ihm abgezogen hatte. »Sie standen ja wohl über der Treppe und machten Ihrem Mann Zeichen. Sehen Sie zu, daß ich Sie bei meiner Rückkehr von der Prozession nicht mehr hier vorfinde.«

Sie antwortete nur mit einem Achselzucken, indem sie ihm den Rücken drehte. Er zog die Tür zu und stieg langsam die Treppe wieder hinunter. Drunten fand er Linde in der gleichen Haltung wie vorher. Er konnte es nicht verhindern, daß ihm ein fremdes, leise erkältendes Gefühl von Mißtrauen durch die Seele ging.

»Hat dich denn der Betrunkene so sehr erschreckt?« fragte er endlich immer noch nicht ohne Güte, aber mit beschatteter; er legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr den Kopf leicht zurück, eine Liebkosung, die er gern brauchte, weil es ihn immer freute, ihr reines und offenes Gesicht mit den stillen Augen und dem feinen Mund unter seinem Blick aufgeschlagen wie ein schön gedrucktes Brevier beschaulich zu lesen. Jetzt war es nicht offen, oder es hatte sich verblättert. Die Augen sahen ihn zwar an, aber ohne Ausdruck und Mut. Und der Mund blieb geschlossen; sie hatte ihm auf seine Frage nichts zu antworten, nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. »Kind, hast du mir etwas -- anzuvertrauen?« fragte er noch. Sie ließ den Blick nicht sinken; es fehlte ihr ebenso an Freiheit, ihn wegzunehmen, wie an Mut, seinem von innen heraus mit Festigkeit zu begegnen. Schließlich ließ er sie. Indem er sich zu seinem erkalteten Kaffee setzte, geschah es mit einem Gefühl väterlicher Betroffenheit; beinahe war er ratlos. Sie schenkte ihm eine frische Tasse voll, legte ihm auch noch vor, alles mit sozusagen verlorenen, hilflosen Bewegungen und mit gewohnheitsmäßig offener aber leerer Gebärde. Er genoß nicht mehr viel, schob schließlich das Ganze von sich und stand auf; es wurde auch Zeit, daß er in die Kirche kam. Gern hätte er ihr, von der ihn ja noch nichts Handgreifliches trennte, ein gutes und entlastendes Wort zurückgelassen, aber er vermochte keins zu finden, das ihm zugleich entgegenkommend und würdig schien. »Sie sieht doch aus wie eine Schuldige!« fuhr es ihm wieder ganz unwillkürlich durch den Kopf. Darüber erschreckt und besorgt zwang er sich doch noch zu einigen gleichgültigen Worten.

»Frau Kienold« -- das war die Pflegerin -- »wird im Laufe des Vormittags das Haus verlassen. Nun, darüber reden wir noch. -- Ich denke um ein Uhr zurück zu sein.« Sie nickte stumm. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Während der Dechant zur Sakristei ging, begann seine Erinnerung lebendig zu werden. Es begegneten ihm festlich gekleidete Kirchgänger, die ihn ehrfürchtig grüßten; er antwortete gedankenabwesend. Verfolgte er die Zeit von der Abreise seines Neffen zurück bis zu dessen Ankunft, so fand er alles einfach, klar und verständlich. Der Morgen der Abreise hatte ihm schon damals zu denken gegeben; heute gewannen ihm noch einige Wahrnehmungen während der vorvergangenen Nacht an Bedeutung. Zuerst etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht glaubte er etwas schwere, ungleiche Schritte den Korridor hinuntergehen zu hören, die nach seiner Meinung von der Magd herrührten. Etwas später war es ihm, als vernehme er das heftige Geflüster oder Geraune einer erregten Person, und zwar wiederum Brigitts, worauf nacheinander aus der Gegend von Heinzens Zimmer zwei Personen weggingen, die eine nach dem Zimmer der Tante, wo die Tür hörbar ins Schloß fiel, die andere etwas später und viel langsamer nach der Treppe zur Mansarde, deren Stufen dann unter ihr deutlich knarrten. Nachher spielten sich in Brigitts Zimmer, das über seinem lag, die bekannten Nachtgeräusche ab.

Darauf morgens um vier Uhr weckte ihn aus einem seltsam unruhigen Schlaf eine männliche Stimme, die ihm mit halb unterdrücktem Klang zu sagen schien: »Gute Nacht, mein Liebling!« Aber die Worte waren noch in seinen Schlaf gefallen, so daß er nicht sicher wußte, ob er sie nicht bloß geträumt habe. Das Geräusch einer Tür dagegen, und zwar deutlich derjenigen des Soldaten, vernahm er dann in vollkommen wachem Zustand. Nun hatte er sich vor dem Einschlafen, unwillkürlich beunruhigt von den vernommenen Geräuschen, noch Gedanken gemacht über das Liebesverhältnis der jungen Leute zueinander, und den gehörten Ausruf konnte er sich als Traumvorgang sehr leicht erklären. Wie ein körperlicher Schlag hatte es ihn jedoch am andern Morgen getroffen, als er von Heinzens Tür schräg über den Korridor und den Teppich eine Blutspur zur Tür der Tante gehen sah, nicht sofort in der dunklen Frühe, sondern nachdem Heinz schon fort und es Tag geworden war. Später fand er Linde darüber, diesen blutigen Pfad mit Wasser und Bürste auszutilgen; obwohl er nicht mit ihr darüber sprach, merkte er doch, daß auch sie davon betroffen war, und wenn während der nächsten Tage die Rede auf die Tante kam, so zeigten ihre Züge immer eine gewisse Verwirrung und innere Not, die erst nach dem Eintreffen der ersten Feldpostbriefe sich langsam zu lösen schienen.

Bei diesen Ereignissen und Resultaten war zwar nun genug Geheimnis und Unruhe, aber das Mädchen hatte er bisher im Licht herwärts derselben unbeteiligt auf seiner Seite stehen sehen, die Beteiligten im Dunkel drüben und die Magd ungewiß dazwischen hin und her fackelnd. Heute zum erstenmal erfuhr vor seinen Augen dies Verhältnis eine grundsätzliche Veränderung. Linde rückte plötzlich zu den andern in die Dunkelheit, und hatte er bisher geglaubt, mit der Entfernung der störenden einen Person die ganze äußerlich haftende Hausfrage loszuwerden, so bemerkte er heute zu seinem erkältenden Unbehagen, daß die Frage ihm ziemlich tief im eigenen Fleisch saß.

Unterdessen war er aber in der Sakristei mit den Meßgewändern bekleidet, und da ihn darauf fürs erste die Vorgänge des Gottesdienstes in Anspruch nahmen, kam er mit seinen Erwägungen nicht weiter. Indem er das heilige Gerät ergriff und den Opfergang zum Hochaltar antrat, fühlte er sich im höchsten Symbol ebenso erfaßt und ergriffen wie die ganze auf die Knie niederfallende Gemeinde, deren Mittler mit Gott er in dieser Stunde war. Die wiedererstandene Orgel brauste ihn begrüßend auf und dämpfte ihren Ton, das heilige Gleichnis bedenkend, scheu zum ehrfürchtigen Gesang. Der Weihrauch strömte in dichten Wolken aus den geschwungenen und leise klirrenden Gefäßen der Meßknaben. Das Glöckchen ertönte gebieterisch durch den hohen Raum, und die Hände der Gemeinde regten sich fromm zum Zeichen des Kreuzes. Jetzt sah er keine Gerüste und keine Baugeschäfte mehr; in seiner priesterlich erregten Phantasie spürte er nur noch hinter sich seine trübe Gemeinde und ahnte er vor sich die klare Gottheit, und jetzt wie immer überfiel ihn angesichts der hohen dunkelleuchtenden Fenster des Chors die Anschauung, daß wie durch diese das Tageslicht in den Dom durch seine dunkelleuchtende ~Seele~ das Licht der Ewigkeit gedämpft in das versammelte Dasein der Gemeinde falle. Er erfüllte durchaus jeden Satz seiner lateinischen liturgischen Feier mit Leben und priesterlicher Leidenschaft zur stets neuen verwunderten Ergriffenheit seiner Vikare, die ihm still dienten.

Heute ragte zum erstenmal wieder über dem Hochaltar das gewaltige, kühne Kruzifix aus dem Mittelalter, das der Dechant gegen die Begehrlichkeit der Museumsleitungen und den mittelbaren Druck der Regierungsorgane so zäh als erfolgreich verteidigt hatte, und blickte aus seiner furchtbaren Stimmung von Leiden erschüttert und durch Leiden erschütternd auf die Gemeinde und den Priester herab, und das Kyrie des Dechanten hatte lange nicht mehr soviel gegenständliche Wucht der Wirklichkeit entfesselt wie heute unter dieser alten wild-großen Darstellung des dämonischsten und zugleich heiligsten Menschen. Zum Gott in diesem brauste dann wieder desto schimmernder das Gloria der Orgel auf, immer von der tiefen, betrachtenden Stimme des Dechanten unterbrochen und neu erregt. Sein Credo aber erdröhnte von den unwandelbaren Fundamenten seiner christlichen Sicherheit mit männlich reifer Kraft voll und unwidersprechlich, so daß seine gläubige Stimme den ganzen tiefen Raum organisch füllte und jeden, auch den unbelebten Gegenstand darin im Gedanken an seinen Schöpfer auf einen Augenblick lebendig bewegte. Lebendiger bewegte und tiefer füllte er noch die bereiten Seelen mit dem Gedanken an den Erlöser, der für sie geboren, gemartert, getötet und wieder erweckt wurde. Im Wort von der heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche baute sich dann menschlich erkennbar die gotische Architektur des christlichen Bewußtseins über jedem Herzen als Gewißheit des Lebens und des Sterbens irdisch-himmlisch auf, und jedes Herz war solchermaßen gefaßt und stark gemacht zum strengen Erlebnis des Opfers, der durch die Gnade Gottes und den Glauben des katholischen Menschen ewig wiederholten Inkarnation jenes höchsten Wunders am Kreuz. In der bang ergriffenen Stille der knienden Gemeinde und dem unerbittlichen Laut der dreimal schrillenden Glocken starb jedes fromme Herz den Tod des Erlösers nach, während jede Hand, ihre Menschlichkeit bekennend, an Brust und Busen schlug. Erlöst und erneuert atmeten sodann Seelen und Lichter auf, während die Glöckchen das Zeichen der Wiedererhebung der Leiber gaben, der Priester vor dem Altar das Dankgebet anstimmte und die Orgel mit leisem Singen einfiel.

Bald darauf begannen die Glocken zu läuten, womit Stadt und Land der Auszug der Prozession aus dem Dom verkündet wurde. Nach vollbrachtem Dank erfaßte der Dechant das Allerheiligste und wandte sich damit erneut der Gemeinde zu, um nun über die Stufen des Altars hinabsteigend durch den Mittelgang den Dom der Länge nach zu durchschreiten, gefolgt von seinen beiden Gehilfen und von den Ministranten. Vor dem Portal stand ihm der Traghimmel bereit, unter den er feierlich trat, indessen die Orgel mit vollem Ton ins Geläute fiel, die Flügel des Portals sich weit auftaten und das freie Tageslicht breit in den von Weihrauchgewölk und Kerzenschein erfüllten Raum hereinflutete. Hinter den Ministranten setzten sich die Kinder an, die Mädchen in weißen Kleidern, aber darunter mit warmen Unterröcken und Tüchern so wohlversehen, daß sie sich mit einiger Mühe darin regten, dann die Blechmusik, darauf die Männer und endlich die Frauen, zuletzt die alten, auch diese vorsorglich eingepackt. Das Fest war dieses Jahr spät in den Monat gefallen; die Sonne schien zwar ungehindert, aber dazwischen regte sich ein frischer Wind von den Bergen. Aus andern Gegenden Deutschlands waren bereits Nachtfröste gemeldet.

Nun bewegte sich der Zug unter dem vollen Glockengeläut und dem ersten Choral der Blechmusik vom Dom über den Platz, dann durch eine alte Bürgergasse nach der Hauptstraße, diese hinunter über den Markt mit dem bunten Brunnen und den schönen, phantasiereichen Fachwerkbauten, etwas steiler abwärts zum Fluß und dort über die ehrwürdige, steinerne Brücke dem jenseitigen Uferweg nach dem Kalvarienberg zu. Von Zeit zu Zeit dröhnte ein Böllerschuß aus einem der schwebenden Stadtgärten, die farbig herüberleuchteten. Die Glocken läuteten volltönig weiter. In gleichmäßigen Zeitabständen klang von der Blechmusik eine Strophe des Chorals dazwischen, der auf einer eigenartigen altkirchlichen Melodie ging. Schon bauten sich drüben die Gassenzüge der Stadt mit allen Mauern und Wachttürmen, Treppen, Toren, Birken und Obstgärten frei zum klingenden Dom auf, über sich den blauen Himmel, zu Füßen den geruhigen Fluß, und das Ganze heimatlich eingesäumt von einem Kranz herbstlicher Berge und Wälder. Die nächste Erhebung jenseits des Tales war der Kalvarienberg, und er trug auch von allen den buntesten und schwermütigsten Wald. Eine Viertelstunde führte der Weg dem Fluß nach; beim breiten Wehr bog er nach links ab. Die Kirchenfahnen wehten rein und fromm im Wind. Die Kreuze schimmerten sehr hell in der gütigen Herbstsonne, und ihr Silber oder Gold stand nicht vertraulich, doch freundlich zu allen Gegenständen der offenen Welt Gottes und geheim lebendig zu ihren Farben und ihrem Licht.

Dem Dechanten, der, einmal die Augen hebend, des Domes und daneben seines Hauses ansichtig wurde, fiel wieder das Geheimnis auf die Seele, das sich darin drohend eingenistet hatte. Während hinter ihm das ziehende Volk abwechselnd eine Strophe des Chorals sang oder die hochsinnigen Stationen des Rosenkranzes betete, bald sich seinem himmlischen Vater im Paternoster zuwendend, bald der Heiligsten Mutter in der engelmündigen Begrüßung, begannen seine Gedanken von neuem jene Ereignisse zu umschweben. Er fand seit dem letzten Hinsehen ihre Gebärde noch befremdender geworden; besonders mit Sorge erfüllte ihn das Verhalten der beiden Liebenden am andern Morgen. Sie hatten einander mit Blicken betrachtet nicht anders als Jungverheiratete. Sie lächelten und schwiegen, standen eins im andern versunken herum, und anstatt des Trennungswehs, das er von ihnen erwartet hatte, zeigten sie seit dem letzten Abend einen Stimmungsumschwung, dem notwendig ein in ihren Augen grundsätzliches Ereignis vorausgegangen sein mußte.

Dann begannen die großen Überraschungen des Morgens zunächst mit dem Umstand, daß die Tante nicht zum Frühstück erschien und Linde, die sie holen wollte, mit einer Art von wissender Miene den Bescheid brachte, sie habe sich eingeriegelt und gebe keine Antwort. Der Dechant fragte, ob sie gesagt habe, daß Heinz fort müsse; sie meinte, das wisse jene doch. Als er sie noch einmal hinaufschicken wollte, um zu erfahren, ob die Tante etwa krank sei, machte sie Umstände. Mehr als klopfen und rufen könne sie doch nicht; wenn eins nicht antworten wolle, so sei ihm nicht weiter zu helfen. Der Dechant horchte verwundert auf. Warum denn in Gottes Namen solle sie nicht antworten ~wollen~? Darauf gab Linde keine Auskunft. Schließlich stieg er selber hinauf, um mit dem gleichen Ergebnis herunterzukommen. Nach einer ganz seinerseitigen Besprechung mit den jungen Leuten wurde er unruhig, und als sie auch nach dem Frühstück nicht antwortete, befahl er Brigitt zum Schlosser. Sie murrte, sie habe keine Zeit; wer denn dem Soldaten den Reiseproviant rüsten solle. Die Frau Professor schlucke ja schachtelweise Schlafmittel; vielleicht wirkten die noch. Es brauchte am Ende ein ernstliches Machtwort, damit die alte Person aus dem Haus kam; als er ihr nachblickte, bemerkte er dann freilich, daß sie sehr übel ging, und er dachte, daß sie vielleicht deshalb so wenig Lust bezeigt habe. Zu alldem blickten die Kinder überraschend selbstverständlich und einmütig drein, und so, daß ihnen jedermann ansehen konnte, wie gut sie ohne den Abschiedsgruß der Tante weiterzuleben hofften. Nun, dann kam der Schlosser und brach die Tür auf mit dem Erfolg, daß man die Tante bewußtlos in ihrem Blut liegend fand. Das war kein kleiner Schreck, wenigstens für den Hausherrn. Die jungen Leute erschraken zwar auch etwas mit, aber mehr sozusagen aus allgemeinen Gründen, und die Magd, wie es schien, gar nicht, sie sah sogar aus, als ob sie alles schon gewußt hätte. Da er aber die Magd im allgemeinen und ihre Gefühle für die fremde Frau im besonderen hinlänglich kannte, so brachte er sich wohl darüber auf, daß sie nicht einmal ordentlich mit anfassen zu wollen schien, als es darum ging, die Bewußtlose zu Bett zu bringen -- sie war auf dem Teppich zusammengebrochen -- aber sonst fiel ihm zu jener Stunde noch nichts weiter ein.