Der Dechant von Gottesbüren

Part 12

Chapter 123,622 wordsPublic domain

Inzwischen lief der Schlosser zum Arzt, unter dessen Händen endlich die Kranke erwachte. Ihre erste Handlung war, daß sie außer diesem alle Personen hinausschickte; was sie dann mit dem Arzt allein sprach, erfuhr niemand. Inzwischen wurde sie verbunden, und nach einer Stunde kam die fremde Pflegerin ins Haus. Der Arzt war noch nicht mit der Tante fertig, so begann Brigitt zu schlottern und mit wachen Augen zu phantasieren; als sie sich zu Bett zu schleppen versuchte, blieb sie unterwegs auf der Treppe liegen, und dort fand sie Linde laut predigend und von einem mageren Fasan erzählend, dem sie mit der Geflügelschere beigekommen sei. Darüber erschreckte sie sich nun viel heftiger. Sie rief in der ersten Aufwallung nicht etwa den Dechanten, sondern Heinz, und mit dessen Hilfe brachte sie den alten Menschen unter Dach und unter die Bettdecke. Der Arzt fragte nachher lachend, ob das nun so weitergehen solle. Was Brigitt anging, so sah es ihm nach Nervenfieber aus, und er verordnete Eis. Es war alles in allem ein verhetzter, regenkalter, unwirtlicher Morgen gewesen, nur nicht für den Liebesverein. Die jungen Leute machten den Eindruck, als hätten sie die Sonne für sich gepachtet; wenigstens schien sie ihnen wie den transparenten Kürbisköpfen aus Augen, Mund und Nase, und alle Erregung störte ihnen nicht eine innerliche Heimlichkeit und Gewißheit, die sie sich überall neu bestätigten, wo sie einander vor die Augen kamen. Schließlich war der Dechant nur froh, als es für den Soldaten endlich Zeit war, zur Bahn zu gehen. Begleiten konnte ihn niemand. Der Dechant hieß ihn mit Gott gehen. Wie aber in der letzten Sekunde die Liebenden dann noch einmal aneinanderhingen und sich küßten, das ging ziemlich weit über Freundschaftsbezeigungen und sogar über bräutliche Liebesweise hinaus. Er erklärte sich diese Leidenschaftlichkeit lange mit den Schrecken des Krieges, in die das Mädchen den Soldaten wieder hineingehen sah, aber er stand noch heute unter dem beinahe körperlichen Eindruck, den ihm der Anblick gemacht hatte, und er konnte das Mädchen die nächsten Tage nicht ohne eine gewisse Scheu ansehen.

Die Voraussage des Arztes bestätigte sich; Brigitt hatte ein tüchtiges Nervenfieber durchzumachen, währenddessen sie sich auffallend mit der Klingse herumschlug und ewig nicht von einer gewissen Geflügelschere loskam. Fragte man sie aber danach, so wurde sie geheimnisvoll und fing an, Kochrezepte auszukramen, die meisten über Fasanen. Im Verlauf der Krankheit stellte sich auch noch ein Gelenkrheumatismus ein, so daß der alte Mensch genug zu schaffen hatte und der junge, der ihn pflegte, auch, nämlich Linde. Von der Tante erfuhr man weniger und nur, was sie wollte. Sie erklärte nach einigen Tagen vollständiger Abschließung von der Hausgemeinde, daß sie gestrauchelt und in eine Scherbe von der Glocke der Nachttischlampe, die mitgestürzt sei, gefallen sein müsse. Wirklich hatte man solche Scherben an jenem Morgen vom Boden aufgelesen, und alles schien eigentlich hinlänglich erklärt. Trotzdem spürte er, daß ihn aus den Vorgängen Geheimnisse anstarrten und ihm drohten. »Unwissenheit ist stets ein würdeloser Zustand!« dachte er unbehaglich. »Sie steht gleich neben der Unreinlichkeit.« Währenddessen sang unter dem Vorantritt der Musik die Gemeinde die Strophe: »In deiner heiligen Huld ertrinkt nun unsre Schuld. Es enden alle Pfade im Abendrot der Gnade! So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!« Berührt hörte er auf diesen Text, der ihm in seiner mystischen Selbstherrlichkeit immer zu denken gegeben hatte, und auf die nächsten fünf Minuten vergaß er seine Fragen über die des tiefsinnigen alten Liedes.

Darauf näherte man sich dem bunten Waldrand und der ersten Passionsstation. Unter einer uralten Buche stand ein steinernes Kreuz und eine kleine Kapelle mit der Darstellung des betenden und kämpfenden Erlösers im Garten Gethsemane. Dort hielt er eine kurze Andacht, worauf der Zug wieder weiterging, zuerst auf einem etwas ausgefahrenen Waldweg an der Flanke des Hügels aufwärts und dann mit einer scharfen Kehre nach der waldfreien Kuppe, wo nun einem Feldweg nach von hundert zu hundert Metern die anderen Kapellen standen, fast alle unter wilden Apfelbäumen; jede enthielt ein Bild vom Leidensweg des Herrn, und vor jeder machte der Dechant einen kurzen, ehrfürchtigen Aufenthalt. Zuletzt auf der Höhe der Kuppe kam man zu einem alten Friedhof mit einer kleinen, ebenfalls alten und schon etwas verwitterten Kirche, das Ganze umstanden von einem Kranz gewaltiger hundertjähriger Buchen, die hier an Stelle einer Orgel aus sehr vollen Registern im Wind rauschten. Darunter lagen in Reihen die alten und die neuen Toten und warteten auf die Auferstehung des Fleisches. In die Kirche zog der Dechant mit seinem heiligen Gerät ein, das er dort auf den Altar stellte, unter den Klängen der Musik, die in der morschen Totenkirche wunderlich von den Wänden und der hölzernen Decke hallte. Währenddessen hatte sich die Mehrzahl der Gemeinde draußen um die aufgeschlagene Freikanzel aufgestellt, die der Dechant kurz darauf betrat, um den Leuten eine gedrängte und seltene Erntepredigt zu halten.

Zuerst verwies er auf die abgeernteten Felder hier oben auf dem Hügel und drunten im Tal -- man sah sie zu beiden Seiten des Flusses erdbraun und frisch bestellt in der Sonne ruhend liegen und darüber auf ihrem Berg die alte Hessenstadt mit dem ehrwürdigen Dom -- darauf auf die kleineren Felder des Kirchhofs, auf denen noch die letzten Blumen der Liebe blühten, und endlich auf die großen draußen in Frankreich und Rußland, wo der Tod die Ernte hielt, aber nicht behielt, denn er mußte alles bis zum letzten Hälmchen dem Schöpfer in die Scheunen der Ewigkeit einliefern; dort wurde der Segen nach seinem Willen von der Spreu befreit und in die Äcker der Unendlichkeit noch einmal ausgesät, um nun zu weisen, was darin steckte. »Und ihr könnt mir glauben, daß Gott eine schlechte Ernte nicht weniger fürchtet als wir«, sagte er. »Denn wie unser Glück und unsre Kraft ist sein Glück und seine Kraft von einer Jahresernte abhängig. Eine gute Ernte macht ihn froh und reich, eine schlechte schwach und arm. Wie habt ihr vorhin gesungen? ›So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!‹ Wer das bedenkt und begreift, dem wird Gott unentbehrlich, und der wird Gott unentbehrlich. Habt ihr schon darüber nachgedacht, wer Gott ist? Vielleicht. Aber ihr wißt es nicht. Ich weiß es auch nicht. Seit tausend Jahren predigen und singen wir von Gott und kennen ihn nicht. Wir wissen nur, daß er unser Gericht sein wird. Und sicher werden wir seine Ernte sein. Aber wer er ist, dies schreckliche Geheimnis, meine Freunde, wird sich erst dort klären. Und erst dort wird sich auch in vollem Umfang das schreckliche Geheimnis klären, wer wir sind. Es kann sein, daß wir uns voreinander entsetzen und unsern Anblick nicht ertragen! Es kann auch sein, daß wir einander liebend in die Arme stürzen, durch Ewigkeiten und Unendlichkeiten unaussprechlich beglückt stürzen, weil wir grenzenlos sein und nach dem letzten Ende keins mehr finden werden. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir! Singt diesen Vers zu Hause euch noch oft vor und bedenkt ihn noch öfter. Er kann euch sehr frei und übermütig machen, nämlich in Gott.

Aber wir wollen zu den großen Erntefeldern in Frankreich und Rußland zurückkehren. Es ist die Frage aufgeworfen: Hat Gott diesen Krieg gewollt, oder hat er ihn zugelassen? Meine Freunde, wer von euch in seiner Ernte einen Apfel fände, wie das eine Frage ist, der würde wenig Freude daran haben. Wollen wir ein Gewitter? Manchmal wünschen wir eins, und dann kommt's, oder es kommt nicht. Lassen wir's zu, wenn es kommt? Wir könnten's nicht abhalten, wenn wir schon wollten. Glaubt ihr denn, Gott sei allmächtiger als wir? Wenn ihr's glaubt, warum sündigt ihr dann noch? Wenn ihr's aber nicht glaubt, warum seid ihr nicht stolzer? Wenn der Frühling mit Stürmen und Gewitterregen kommt, was tut ihr? Ihr bestellt euren Boden. Das Wetter ist da, und ihr seht, daß eine Ernte daraus wird. Denkt nicht, daß Gott ein schlechterer Landwirt sei als ihr! Glaubt nicht, daß es für ihn nicht auch gutes Wetter und schlechtes Wetter gebe! Vielleicht ist ein großer Krieg für ihn ein fruchtbarer Sommer. Ist er für uns nicht auch einer? Wofür führen wir eigentlich diesen Krieg? Was wollen wir kriegen? Meine Freunde, wenn wir nicht in diesem Krieg Gott und unsre Seele kriegen, so verlieren wir den Krieg! Was glaubt ihr aber, wofür Gott in den Krieg ging? Um uns zu strafen? Kann ich mit einem Hagelschlag, in den ich gehe, meine Kinder strafen? Ich könnte mir's einbilden, aber es wäre keine sehr großartige Einbildung. Er ging in den Krieg um seine Ernte. Er sucht uns auf jede Weise und in jedem Wetter zu kriegen, weil er's ohne uns nicht machen kann, kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag. Er hat mehr Leidenschaft als wir; das unterscheidet ihn von uns. Er ist immer, was wir sind, wenn wir in einer heftigen Liebe liegen. Darum, wenn nun einer von euch kommt und fragt: ›Was soll ich mit diesem Krieg?‹, dem bin ich um keine Antwort verlegen. Ich sage ihm, verhalte dich dazu wie Gott, nur von der andern Seite. Hänge dein ganzes Herz daran mit aller Leidenschaft, als ob er deine Liebste wäre. Versteh mich recht, du sollst nicht dein Herz an die Zöpfe und Zähne deiner Liebsten hängen, das wäre eine Erbärmlichkeit gegen ~dich~, denn du bist unsterblich, und ein Unrecht gegen ~sie~, denn sie ist sterblich.

Was aber Gottes nächste Ernte angeht, um die kümmern wir uns nicht! Grundsätzlich nicht. Das ist seine Sache. Wir kümmern uns nur um unsre demütige Leidenschaft, daß sie die rechte Farbe hat, um unsern heiligen Zorn, daß er immer heiß und gerecht brennt, und um unsere Frömmigkeit, daß wir weiterhin die Herzen damit bewegen. Ich sage euch, Gott wird sich ebenso in Leidenschaft, Frömmigkeit und Zorn um uns bekümmern, denn wir sind seine Ernte. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir! Wir singen jetzt diese Strophe noch einmal miteinander.«

Das war die Bergpredigt, die nachher soviel von sich reden machte, und die ihn angesichts der schweigenden Gräber, der brausenden Bäume und des weiten, hellen deutschen Landes geradeso überfallen hatte, wie er die Gemeinde damit überfiel. Seine Hilfspfarrer, die ihn bei allen Aussetzungen, die sie an ihm machen mußten, aufrichtig liebten, taten in der Folge, was sie konnten mit Auslegen und Deuten, bis er wenig oder nichts anderes gesagt hatte, als was die Kirche schon seit tausend Jahren sagte, und was alle andern auch sagten. Aber jedenfalls hatte er sich seine innere Spannung und seine Erregung vom Herzen gesprochen, wenigstens für jetzt und hier.

An die Predigt schloß sich eine kleine Frühstückspause an, in welcher jeder seinen mitgebrachten bescheidenen Mundvorrat verzehrte. Der Dechant legte es der Gemeinde ans Herz, ihre Papiere wieder einzustecken, als ob sie Banknoten wären, um nicht den geweihten Platz durch ihr Nachgelassenes zu verunzieren. Er trat fragend und hörend zu dieser und jener Gruppe, eine Unternehmung, über die sich jedermann baß verwunderte, denn er war in den letzten Zeitläuften nicht mehr oft unter den Leuten zu sehen. Wenn er nicht zwischen dem Mauerschutt steckte, so saß er in seinem Arbeitszimmer, und die Seelsorge hatte er beinahe ganz auf seine Gehilfen abgeschoben. Wer etwas von ihm wollte, mußte ihn ausdrücklich erst auftreiben und hatte dann noch leicht an seiner Ungeduld zu leiden oder an seiner menschlichen Teilnahmlosigkeit. So war er nach und nach aus einem Bruder oder Vater zu einem großen Tier geworden. Wo er hinkam, da hörten denn auch die Leute auf zu essen, machten Reverenzen, wenn sie standen, und erhoben sich eilfertig, wenn sie saßen, und andere als ehrfürchtige oder scheue Antworten bekam er nirgends zu hören.

Zweites Kapitel

Die Tante wird geschröpft. Die Herzenskälte bereitet Unheil vor. Die Unwissenheit fährt fort, im Haus eine Rolle zu spielen

Inzwischen machte die Tante ihre Ankündigung wahr und stand zum erstenmal wieder auf; die Prozession hatte sie bereits bei fortgeschrittener Toilette betroffen. Sie war etwas blaß und litt noch an ihren Nerven, so machte der fromme Aufzug eine gewisse Wirkung auf sie, wie ja Genesende für rührende oder feierliche Eindrücke überhaupt empfänglich sind. Sie hielt sich freilich für »religiös beeindruckt« und machte sich über ihre »Ergriffenheit« allerlei schöne und literarische Gedanken, worin das liebe Volk und die deutsche Seele hauptsächlich auftraten, aber Gott und die kühnen Wahrheiten der christlichen Lehre nur nebensächlich. Eben hatte sie festgestellt, daß religiöse Stimmung und »rationalistische« Lebensauffassung sich gar nicht widersprächen, weil sich diese ja auch zum Beispiel mit Lyrik und Musik und mit dem Traumtanz vertrügen, also ebenfalls mystischen Stimmungen, und sie war im besten Zug, noch eine ganze Reihe wohlunterrichteter Feststellungen zu machen und sich noch an viele andere, die sie gelesen hatte, zu erinnern, als die Pflegerin hereintrat und die Neuigkeiten des Morgens brachte, und zwar so mürrisch, wie sie sie noch nicht gesehen hatte.

»Hier sind die Briefe und Zeitungen«, warf sie hin, ihr die Post reichend. »Und dann wollte ich sagen, daß ich jetzt gehe. Ich habe von diesem Haus genug.«

»Wieso?« fragte die Klingse verwundert. »Ich habe Ihnen ja noch nicht gesagt, daß ich Sie entbehren kann. Warten Sie doch, bis ich Sie entlasse.«

»Was ist da viel zu warten? Bin ich nicht mein freier Herr? Sehen Sie, daß ich meinen Lohn kriege. In einer halben Stunde will ich heraus sein.«

Über diese patzige Antwort mit Recht etwas geärgert, meinte die Klingse: »Nun, das ist vielleicht süddeutsch.« Daneben bemerkte sie mit Mißfallen, wie rasch ihre Nerven in Schwingung gerieten. »Hier hat man ja über viele Dinge andere Begriffe. Wir sind nicht gewöhnt, daß eine Krankenwärterin mitten aus der Pflege davonläuft.«

Natürlich begann sich die Pflegerin nun auch zu ärgern. »Die Pflege, was die Pflege ist, die ist fertig«, sagte sie, indem sie zum erstenmal nun auch gegen ihre Patientin unverschämt wurde. »Wenn Sie mehr wollen, so müssen Sie sich eine Maniküre bestellen. Sonst gehen Sie vielleicht in ein Sanatorium; dort ist alles los.«

»Sie überlassen das wohl mir!« bat sich die Klingse aus. »Was ist das für ein Ton? Sagen Sie, was ich Ihnen schuldig bin, und dann wird es mir auch lieb sein, wenn ich Sie nicht länger sehen muß!«

»Mir kann man hier nicht großartig kommen«, erwiderte die Person mit einer vielsagenden Kopfbewegung. »Unsereins sieht doch, was in einem Haus los ist. Ich kann die Leute hier nicht besonders leiden; der Pfaffe hat mir sogar heute früh die Tür gewiesen, weil mein Alter besoffen hereinstolperte und Krawall machte. Aber bessere Säfte haben Sie schon. Soviel war in den drei Wochen zu riechen, besonders als Ihre Wunde noch offen war. Was für eine Wunde war denn das, wenn man fragen darf? Das mit dem Scherben von der Lampenglocke machen Sie ja mir nicht weis. Wissen Sie was? Ich glaube an die Geflügelschere der verrückten alten Magd, mit der sie das Haus vollschreit; ich hab' mir sie daraufhin angesehen. Dann hab' ich mir doch auch die Blutspur im Gang angesehen; sie kam von dem Zimmer, in dem der Leutnant die letzte Nacht geschlafen hat -- oder auch nicht geschlafen, was geht's mich an. Man soll also keine großen Worte an mich hinreden. Oder meinen Sie, ich sehe nicht, was Sie dem Mädchen zu schaffen machen? Es wird die Magd aufgestiftet haben. Schön, ich hätte sie auch aufgestiftet. Mir haben Sie gute Tage gemacht. Warum? Sie dachten, ich werde Ihre Partei nehmen. So geschwind nimmt unsereins nicht Partei. Meine Taxe ist fünf Mark den Tag. Vier ganze Nachtwachen zu zwanzig und sechs zu zehn. Macht zusammen zweihundertundfünfzig Mark. Die Taxe nämlich.«

Die Klingse spannte ihre Augenbrauen sehr hoch. »Soll das ein Erpressungsversuch sein?« fragte sie etwas schrill. »Dann hätten Sie sich in mir verrechnet.«

»Ich habe Ihnen die Taxe gesagt. Über Versuche unterhalten wir uns nicht.«

Noch einen Moment behielt die Genesende den erhabenen Schein bei, dann fühlte sie sich unter dem kalten und teilnahmlosen Blick des Weibes von einer menschlichen Schwäche angewandelt, in deren Verlauf sich alles zur Zufriedenheit der Pflegerin abwickelte, und zwar unter vollkommenem Schweigen. Der Klingse freilich zitterten die Hände vor Erregung und Ärger, und zum Schluß konnte sie sich doch nicht enthalten, noch einen großen Abschluß zu versuchen.

»Ich hätte Sie gegen den Herrn Dechanten im andern Fall verteidigt, daß Sie noch länger bleiben konnten, denn eine so gute Stelle werden Sie nicht jeden Monat bekommen. Aber bei dieser Aufführung ist mir die Lust dazu natürlich vergangen.«

»Schon gut«, meinte die Person kurz und strich ihr Geld ein. »Wenn Sie wieder Bedarf bekommen. Wünsche bald vollständige Wiederherstellung.« Damit ging sie. Ihr Handkoffer stand schon gepackt vor der Tür. Unten an der Treppe begegnete ihr Linde.

»Gehen Sie denn schon, Frau Kienold?« fragte sie bedrückt. »Wollen Sie nicht vorher etwas essen?«

»Kann mir selber Essen kochen«, erwiderte die Gefragte übellaunig. »Sie bilden sich wohl ein, daß man nichts zu tun hat, als auf Ihren Fraß zu warten. So schlecht wie bei Ihnen habe ich lange nicht mehr gegessen, das muß ich schon sagen, und so elenden Kaffee habe ich überhaupt noch nie getrunken. Es ist eine Schande, daß man so was einer Krankenpflegerin zu bieten wagt. Aber das ist wohl katholisch.« Sie überflog sie mit einem mißfälligen Blick. »Es hat's nicht jede so bequem, eine Wache vor die Tür zu stellen, wenn sie mit einem Offizier Abschied feiert«, sagte sie dann anzüglich. »Aber eine Person, die Augen und Ohren hat wie ich, hätte ich etwas mehr traktiert an Ihrer Stelle. Nun, das wird sich alles noch lernen; ich habe auch gelernt. Mahlzeit.«

Es wäre ihr sehr schwer geworden, bei ihrem Abzug ihrem Ruf etwas nachzugeben, und sie tat sich darum diesen Zwang auch nicht an. Linde dagegen, die von den Menschen immer mehr Gutes als Übles erwartete, sah sie mit Bestürzung ziehen. Sie machte zum erstenmal in ihrem Leben die traurige Erfahrung, daß es kein unbedingtes Geheimnis gibt, denn es finden sich immer Leute, die es wittern oder es aus gewissen Naturschlüssen voraussetzen, weil es wenigstens als Möglichkeit in der Luft liegt. Doppelt schwer zu ertragen schien es ihr, ihrem reinen Besitz so entstellt und durch die Gemeinheit verzerrt zu begegnen, und über allem stand sie unerwartet vor der Frage, wie sie sowohl der Entwertung als der Entdeckung überhaupt entgegentreten wolle, denn sie begriff wohl, daß ihre ganze Würde und der sittliche Wert des Erlebnisses davon abhingen, ob sie Herrin und Verwalterin des Geheimnisses blieb, oder ob es zum kurzweiligen Histörchen geworden in der Leute Mäuler und als Vergehen zur Aburteilung kam.

Sie war noch auf keinen Entschluß gestoßen, als die Tante in einem weißen Kimono langsam und blaß die Treppe herabstieg. Sie sah sich mit den Blicken einer Genesenden großäugig nach allen Seiten um, aber zu gespannt, um beschaulich zu sein. Lindes teilnehmend gütige Frage nach ihrem Ergehen wies sie ab und fand dafür, daß im Haus keine gute Luft herrsche, und daß allgemeiner Durchzug gemacht werden müsse. Mit der Gelegenheit könne Linde ihr Zimmer einmal gründlich vornehmen, das es schon lange nötig habe; mit Reinlichkeit und Akkuratesse sei sie nicht gerade inkommodiert worden, obwohl diese heute zum ersten Erfordernis der Krankenpflege gehörten, aber hier gehe nun einmal alles mehr provinzmäßig zu. Auch Eier gehörten zur Krankenpflege; ob sich Linde inzwischen welche verschafft habe, damit sie wenigstens zum zweiten Frühstück eines bekommen könne? Linde bot etwas Schinken an, aber die Tante dankte; wenn sie Eier wünsche, so wünsche sie nicht Schinken. Ob im Salon geheizt sei? Linde verneinte; sie habe das Eßzimmer geheizt, das gegen Süden liege. Die Tante lachte geärgert. Sie wolle aber nicht im Eßzimmer sitzen, sondern im Salon; wozu sei ein Salon denn da? Bürgerliche Hausordnungen seien die irrationellste Sache von der Welt; sie werde nie dahinterkommen, warum zum Beispiel hier immer zuerst das Speisezimmer aufgeräumt werden müsse, sogar dann, wenn eine Kranke zum erstenmal wieder aufstehe und Bequemlichkeit verlange. Mit leicht geröteten Wangen entgegnete Linde, daß sonst die Wohnstube zuerst aufgeräumt werde und sie gerade heute die Ausnahme gemacht habe, weil sie gedacht habe, daß ein Genesender die Sonne suche; an Bequemlichkeit werde es ihr nicht im Eßzimmer fehlen, da sie den alten Lehnstuhl zum Fenster gerückt habe.

»Es ist schon gut«, machte die Tante abwinkend. »Du brauchst dich nicht zu erklären; du hast ja immer die besten Intentionen gehabt, wenn es etwas zu monieren gibt. Das ist man gewöhnt. Mache jetzt nur Durchzug im Haus, damit die stickige Luft hinauskommt; es ist ja hier nicht zu atmen. Mein Zimmer laß ordentlich durchlüften. Hole mir vorher von oben das Buch, das auf meinem Nachttisch liegt, und bringe mir's in Gottes Namen ins Eßzimmer. Daß ihr auf dem Land diese Angst vor frischer Luft habt. Aber bei dem versteckten Leben, das ihr führt, ist das ja schließlich kein Wunder.«

Linde ging das Buch holen und brachte es mit verschlossenem Gesicht; wer sie kannte, der wußte, daß sie zürnte.

»Hast du auch die Brille? Du weißt, daß ich ohne Brille nicht lesen kann. Ich finde dich nicht übertrieben aufmerksam. Du sprachst damals im Roten Kreuz so vieles von den herzlichen Beziehungen zu den Kranken und Verwundeten. Vielleicht erstrecken sich die mehr auf das männliche Geschlecht. Mir in meinem Teil ist Exaktheit lieber. Bringe mir auch mein Plaid mit.«

Linde holte schweigend auch die Brille und das Plaid.

»Es wäre nötig, daß der ganze Boden in meiner Stube endlich einmal aufgewaschen würde«, bemerkte die Tante noch mit zuckenden Nerven und in einem solchen Zustand von Erregtheit, daß Linde sich innerlich über sie entsetzte. »Ich wollte die Pflegerin heute ausnahmsweise damit beauftragen, weil ich aufstand und ich sie solange nicht brauchte, aber da man in diesem Haus über mich weggreift, so kann ich dir nicht helfen. Diese Tannenböden und Fugen entwickeln bei der mangelhaften Sorgfalt nämlich einen Staub, daß bei jedem Tritt eine Wolke aufsteigt und sich dann natürlich auf den Kranken legt. Ich habe ständig Schmerzen in den Bronchien und Hustenreiz. Besonders unter den Möbeln muß naß aufgenommen werden. Du hast ja wohl noch soviel Zeit; die Prozession soll nicht vor zwei zurück sein.«