Part 13
Anstatt zu lesen, saß sie jedoch leise fröstelnd in der Sonne und begann zu überlegen. An eine Abreise konnte sie zunächst wegen ihres Zustandes noch nicht denken, und außerdem war es ihrem Ehrgeiz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie den Platz verlassen würde, ohne eine Genugtuung von den hiesigen Menschen und Verhältnissen genommen zu haben. Sie war beleidigt, erbittert, verletzt, nicht nur körperlich, geschwächt und aufgebracht, und ihre Fassung war die Frucht von Anstrengungen, die mehr Kraft auffraßen, als ihr blutarmer Körper vorläufig von Tag zu Tag herstellte. Bisher hatte sie nur gelegen, gewartet, gehorcht, gespäht, wenn ihr jemand von den Hausleuten vor die Augen kam, ihre Schmerzen ertragen und in schlaflosen Stundenreihen sich fruchtlos und aufreibend mit den Vorgängen jener Nacht und allen Möglichkeiten, die sich daraus ableiten konnten, herumgeschlagen. Nach ihren ersten Auskünften über die Ursachen des Unglücks war zwar keine Frage mehr an sie gekommen, auch nicht die, vor welcher sie besonders auf der Lauer lag: die Frage nach der Blutspur. Inzwischen wurde es nicht nur peinlicher, sie noch zu stellen, sondern hatten sich auch Antworten für sie gefunden; es war wohl nichts natürlicher, als daß sie in ihrem Zustand Hilfe holen wollte. Auf einen offenen Skandal, dachte sie, werde es ohnehin niemand ankommen lassen wollen. Fortdauernde Sorge bereitete ihr die Magd, die nach ihrer Wiedererkräftigung aus religiösem Bedürfnis ihre ganze feine Rechnung über den Haufen rennen konnte, und zwar trotz ihrer rheumatischen Knochen. Sicher schien es der Klingse freilich nicht, denn wenn nicht alles täuschte, so sollte der Kranken eigentlich nach dem Attentat eine gewisse Scheu zurückgeblieben sein, die sie der ersten Wiederbegegnung mit der Feindin ebenso beklommen und ängstlich entgegensehen lassen mußte, wie die Klingse erregt und unfrei sich selber auf dies Ereignis gefaßt machte. Indessen versuchte sie sich damit zu beruhigen, daß es bis dahin noch Weile habe. Sollte die Magd plappern, so konnte sie sagen: allerdings, sie habe nach gewissen Geräuschen draußen sehen wollen und sei ganz plötzlich von dem alten Menschen, wohl im ersten Stadium der Krankheit, überfallen worden. Damit war das meiste abgeschnitten, und das andere blieb als Drohung für das Mädchen unausgesprochen in der Luft hängen. Und übrigens, so dachte sie, kam alles darauf an, zu sorgen, daß ihre wahren Pläne undurchsichtig blieben.
Diese Pläne hingen eng zusammen mit dem seltsamen Gedankenaustausch, der eben zwischen ihr und Heinz angehoben hatte. Sein erster Brief war von ihr mit tiefer und hilfloser Erregung entgegengenommen und wider den eigenen Wunsch, eigentlich nur aus Schwäche und Haltlosigkeit, gelesen worden. Die Kenntnisnahme hatte sie dann auf bittere Weise erheitert, weil Heinz sich auf Linde als Anregerin des »Schrittes«, wie er seinen Brief bezeichnenderweise nannte, ausdrücklich berief. Aber der ganze Vorfall war ihr doch zugekommen wie das Brettchen dem Schiffbrüchigen, und sie war nicht die Frau, die sich an dergleichen nicht eifrig und geschickt anklammerte. Das Anklammern war so recht ihre Kunst; sie glich darin jenen Brackwassertierchen, die man auf ganze Bündel von Hälmchen und Zweigen verankert findet, in ihrem Fall anerkannte Einrichtungen und persönliche Handlungen, Künste, Wissenschaften, Bäder und Bücher, und ihr Brackwasser war die gebildete Gesellschaft. Seit jenem Brief, den sie mit großer Mühe selber beantwortet hatte, fühlte sie in sich eine stille, lauernde Aufmerksamkeit, eine Behutsamkeit des geistigen Schrittes, die nun für die nächste Zeit keine, auch nicht die kleinste Veränderung ihrer äußeren Lage erlaubte, und das war ihr andrer Grund, warum sie an die Abreise zunächst nicht denken konnte. Bevor sie wußte, was aus der neuen Möglichkeit ungefähr werden wollte, schien es ihr nötig, auch äußerlich in den Umständen zu bleiben, in denen er sie kennengelernt hatte und ihr -- das war der richtige Ausdruck -- verschuldet worden war. Denn das hatte sie sofort herausgemerkt: seine Briefe diktierte das schlechte Gewissen, die Unsicherheit über seine moralische Lage, die unbefriedigte sinnliche Begehrlichkeit seiner Jungemannsnatur. Da war ein Erlebnis ungenossen geblieben, sogar ein außerordentliches; wie konnte er dabei beruhigt sein! Wie man weiß, hatte sie mit diesen Berechnungen leider recht. So verzweifelt ihr vorher ihre Umstände geschienen hatten, so interessant kamen sie ihr jetzt vor, und manchmal spiegelten ihr ihr Ehrgeiz und die blassen, dünnen Träume ihres Blutes für alle ausgestandene Schmach ein reiches Maß von Genugtuung und sogar eine Art von fraulichem Spätglück vor; aber in diese Träume sah sie noch sehr zweifelnd und dürr hinein, und sie war noch nicht so weit, daß ein längeres Verweilen dabei ihr ungestörtes Vergnügen bereitet hätte.
Über dem Denken und Erwägen sprang einmal unerwartet die Tür vom Wohnzimmer auf und kam Bob, der seinen Lieblingsplatz am Fenster aufsuchen wollte, hinter seiner schwarzen Nase her ins Eßzimmer. Sie erschrak zuerst heftig über die unerwartete Erscheinung, dann ärgerte sie sich über den kalten Luftzug, der aus dem ungeheizten Nebenzimmer durch die offen stehende Tür hereinströmte.
»Mußt du stupide Kreatur denn eine Tür immer wagenbreit aufstoßen, wenn du irgendwo hereinkommst?« schalt sie aufgebracht. »Nun soll ich wahrhaftig deinetwegen aufstehen und schließen. Aber ich werde dir deine wahre Stellung gegenüber den Menschen noch anweisen.« Bob hatte, als er ihrer ansichtig wurde, sofort die Ohren zurückgelegt und war unschlüssig stehengeblieben. Als sie sich nun erhob, duckte er sich etwas und stieß ein leises, unbehagliches Knurren aus. Darüber noch mehr erschreckt als empört, blieb auch sie stehen und fixierte ihn unruhig, während sie es durchaus für möglich hielt, daß er auf sie loszugehen beabsichtige. Aber seine brave Seele dachte nicht daran, sondern nachdem er sich den Achtungsabstand erknurrt hatte, drehte er sich langsam um und ging hinaus, froh, diese unerwünschte Gesellschaft verlassen zu können. Die Klingse jedoch, der die Knie vor Erregung wieder zitterten, setzte sich in ihren Stuhl zurück und verließ ihn zunächst auch nicht mehr, obwohl sie sich über den kalten Luftzug erbitterte. Nachdem sie dann doch wieder soviel Kraft gesammelt hatte, bekümmerte sie sich nicht so sehr um die Schließung dieser Tür als um die Öffnung der anderen im Haus. Wie sie richtig vermutete, war der befohlene Durchzug nicht gemacht worden, und um ihren Willen zu bekommen, machte sie ihn selber. Sie öffnete alle Türen samt der Haustür, dazu die Fenster, wo sie sie erreichen konnte, und dann stieg sie die Treppe hinauf, um auch dort für Lüftung zu sorgen. Zuletzt tat sie die Tür zu ihrem Zimmer auf, wo sie Linde immerhin dabei fand, mit dem Lumpen um den langen Schrupper den Boden unter dem Bett aufzuwaschen. Als sie eintrat, flogen vom Durchzug die Vorhänge weit ins Zimmer herein, denn es wehte, wie schon gesagt, eine frische Brise von den Bergen, aber das war es gerade, was sie wünschte. Daß Linde von Arbeit und Eile -- sie hatte sonst noch genug Geschäfte an den Fingern hängen, und das Essen wartete -- erhitzt war, regte sie weiter nicht zum Nachdenken an. Linde durchschauerte es auf dem Fleck von dem kalten Zug, aber auch sie achtete nicht darauf, sondern machte nur, daß sie fertig wurde.
»Die Fenster könnten ebenfalls gewaschen werden«, sagte die Tante noch, indem sie sich mit einem befriedigten Blick zurückzog. »Sie sind wirklich nicht mehr zu rein. Und oben über den Vorhängen fliegt Spinnweb.«
Linde besorgte das Zimmer fertig und machte nachher gefaßt die Fenster und Türen wieder zu, wie die Tante sie ungehalten aufgerissen hatte. Zu einer grundsätzlichen Erkältung hatte sie aber inzwischen genug Gelegenheit gehabt und sie, wie sich später herausstellte, nicht versäumt. Die offene Haustür war unterdessen von Bob benutzt worden, der sich draußen einen Platz in der Sonne suchte. Dort lag er verdrießlich und etwas erregt mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten und lauerte mit dem einen Auge auf fremde Hunde, aber es kamen keine.
Was Linde anging, so befand sie sich längst nicht mehr in guten Gesundheitsumständen. Sie litt viel an Magenbeschwerden, und eine genauere Untersuchung würde ergeben haben, daß sie unterernährt war, noch ganz abgesehen von der Überanstrengung ihrer feingliedrigen Konstitution durch übermäßige Arbeit und ihres Nervensystems durch Nachtwachen bei der kranken Magd oder über ihrem Liebesgeheimnis und ihrer Sorge um den fernen Freund. Die letzten Wochen waren ihr vergangen mit Fegen und Scheuern, Zimmeraufräumen, Kochen, Wassertragen, Waschen, Bügeln, und Gott wußte, was sonst noch alles. Den ganzen Tag hatte sie die Hände voll, wurde sie verlangt bald in den Krankenzimmern, bald vom Dechanten, bald von Leuten, die mit ihr zu unterhandeln hatten, plagte sie sich mit einem unbeweglichen, schweren Menschen, abgesehen von der Herbstarbeit in Garten und Keller und der Einmacherei, die auch getan sein wollte. Die Tante hatte ihr beizeiten vor Augen gehalten, wie unrecht und beschämend es wäre, dem Dechanten noch ein Weib ins Haus zu ziehen, nachdem schon viere darin lägen oder herumliefen. Wenn sie wieder auf sein würde, wollte sie selber mit angreifen, solange müsse Linde allein zustande kommen, zumal sie ein junger Mensch sei, der sich auch einmal etwas zumuten könne.
So mutete sie sich denn zu und war weder kleinlich noch ängstlich; sie hätte nur gern etwas frohere Beweggründe gehabt, der Tante zu Willen zu sein. Hatte diese früher gestört, so herrschte sie jetzt, mehr, als sie zunächst selber wußte, alles kraft des unausgesprochenen, drohend schwebenden Geheimnisses, von dem zwar das Mädchen die tatsächliche Seite besaß, das aber die Tante rücksichtsloser handhabte, so daß sie die Wirkung davon ausübte. Manche Leute haben ein besondres Geschick darin, einen andern »etwas spüren zu lassen« und ihn aus der Sicherheit des Herzens zu schrecken, ohne ihrerseits aus dem Hinterhalt zu treten, aber die rechten Künstler sind die, die auch noch faßbare Ergebnisse herauszuziehen wissen, während sie still und tückisch fortfahren, hinter dem Busch zu halten. Ein solcher verängstigter, unerfahrener Mensch gibt dann willig alles dran, nur um sein bestes Gut vor Entweihung und seinen Talisman vor Entkräftung zu bewahren. Dazu kam noch als weiterer moralischer Druck, daß Linde, wie gesagt, an einen Selbstmordversuch der Tante glaubte, wodurch eine Strenge und eine Verantwortung mehr auf ihre Liebe gelegt waren.
Nun hatte sie kaum die Kocherei weiter in Gang gebracht, so stieg sie heute schon zum zehntenmal nach oben unters Dach, um nach der kranken Magd zu sehen. Brigitt war jetzt fieberfrei und sah aus müden und alten Augen sehr schweigsam in den neugeschenkten Tag, dem sie offenbar noch nicht viel Freudigkeit entgegenbrachte, denn zunächst machte ihr der Anfall von Gelenkrheumatismus zu schaffen, und anstatt sich dem so nötigen Genesungsschlummer hingeben zu dürfen, litt sie an Schlaflosigkeit. Das bedeutete für Linde wieder Nachtwachen, besonders wegen der Herznot, die den geschwächten alten Menschen sehr ängstigte und mitnahm und ihn zunächst noch auf absehbare Zeit nicht vom Boden aufkommen ließ. Linde konnte sich eigentlich nie länger als auf eine Viertelstunde von der Kranken entfernen, und auch dies tat sie noch unter ständiger Unruhe. Ihre letzte Nacht war mittelmäßig gewesen, doch brachte dann der Morgen zwei Stunden leichten Schlaf, aus dem sie eben vorhin das Getöse eines im Durchzug zugeschmetterten Fensters aufgeschreckt hatte, dem noch drunten im Haus eine Tür gefolgt war.
»Ist's heut so windig?« fragte sie mit müder Stimme das eintretende Mädchen. »Es sieht draußen so warm aus.«
»Hat dich das Fenster geweckt?« fragte Linde mit geheimen Unmut zurück. »Ich hab's nicht aufgemacht, Brigitt.«
»Wer denn?« wunderte sich die Haushälterin. »Hast du jemand zur Hilfe eingestellt? Das wäre gut, Linde.«
»Nein, ich habe niemand eingestellt. Aber die Tante ist heute zum erstenmal aufgestanden und hat gefunden, daß im Haus schlechte Luft herrsche.«
»So, ist sie wieder auf?« Und nach einem kleinen bitteren Schweigen sagte sie noch: »Ich liege nun so weiter. Ich dachte immer: ›Welche wird die Geschwindere sein?‹ Sie war die Geschwindere. -- Aber es ist gut, so wird sie bald abziehen.«
Linde hatte sich für ein paar Minuten auf den Stuhl beim Fenster gesetzt.
»Die Pflegerin ist nun auch aus dem Haus«, berichtete sie, nur um etwas zu sagen.
»Siehst du?« griff Brigitt eifrig auf. »Dann geht sie auch bald, sonst hätte sie die Kienold nicht entlassen.«
Linde erwiderte nichts darauf, und eine Weile war es still in dem kleinen, sonnigen Zimmer. Auch hier hatte Linde für weiße Vorhänge gesorgt, und auf dem Tisch stand ebenfalls in einer Vase ein Strauß Astern. Vor dem Fenster hatte Brigitt dann noch einen ganzen kleinen Garten hängen, von dem aber nun das meiste verblüht war. Ein »fleißiges Lieschen« wimmelte mit seinen kleinen roten Blümchen zwar noch ganz uneingeschüchtert im Wind; aber die Geranie wehrte sich bereits in ernsterer Stimmung gegen den kränkenden Einfluß des Spätherbstes, und ein Nelkenstock verrichtete seine letzten Taten. An den Scheiben wumste eine dicke, pelzige Winterfliege herum. Draußen riefen ein paar Meisen. Endlich nahm Brigitt aus ihren trüben Gedanken wieder das Wort.
»Sag mal, Linde -- mir ist doch so im Kopf, als hätt' ich recht phantasiert«, hob sie behutsam an. »Was hab' ich denn so geschwatzt, hm? Ober hab' ich nichts geschwatzt?«
»Und ob du geschwatzt hast«, versetzte Linde. »Sogar gepredigt hast du wie ein Kapuziner. Man konnte es manchmal im ganzen Haus hören. Aber es kam nicht viel dabei heraus. Immer hattest du es mit einer Geflügelschere zu schaffen und mit einem mageren Fasan. Wenn man aber auf dich einging und etwas fragte -- der Onkel versuchte es ein paarmal --, so wurdest du ganz geheimnisvoll und fingst an, Kochrezepte auszukramen. So gut du sonst kochst, so möchte ich doch niemand raten, sich danach zu richten. Ich glaube, nicht einmal Bob würde es nehmen.«
»So, so, von einer Geflügelschere -- sag mal, wo ist sie eigentlich hingekommen, die Geflügelschere«, platzte sie plötzlich heraus. »Ich meine, wie -- wie ich darauf gekommen sein mag«, suchte sie erschreckt zu verbessern. »Etwas muß doch damit sein.«
»Ach, das weißt du noch?« wunderte sich Linde. »Du hast sie auf dein Zimmer geschleppt. Man fand sie auf dem Tisch. Ich habe sie dann heruntergenommen und versorgt. Der Kreisphysikus sagt, das kommt oft vor, daß sich eins so an Nebendinge hängt mit seinen Phantasien.«
»Sie haben darüber gesprochen miteinander, die Männer?«
»Nun ja, warum sollten sie nicht. Sie haben sogar viel darüber gelacht, das heißt der Kreisphysikus. Der Onkel hat nicht gelacht, der sah immer sehr ernst drein; ich glaube, er hatte große Sorge um dich. -- Ist dir etwas, Brigitt?«
»Nein, gar nicht. Nur die -- Geflügelschere. Weißt du, solche Phantasien -- sie laufen einem noch eine Zeitlang nach. -- Wie sieht sie denn aus -- die Klingse mein' ich. Und was war denn überhaupt los mit ihr?«
Linde zögerte einen Augenblick. »Sie sagt, daß sie beim Straucheln, während sie zu Bett wollte, die Nachtlampe vom Tisch gerissen habe und dann in eine Scherbe gefallen sei. Es scheint, daß sie viel Blut verloren hat. Man fand sie am andern Morgen ohnmächtig auf ihrem Teppich. Jetzt ist sie noch sehr nervös und bleichsüchtig.«
»In -- in ihrem Zimmer drin ist das passiert?« fragte Brigitt unter schwer niedergehaltener Erregung. »Und beim Ausziehen? Hm! Mir war doch, ich hätte sie so um ein Uhr herum droben gehört und -- sogar gesehen.«
»Du hast sie gesehen?« horchte Linde auf. »Das muß ich dem Onkel berichten. Es scheint, daß sie draußen Hilfe holen wollte. Wir haben nämlich eine Blutspur nachher gefunden, die fast bis an Heinzens Tür lief.«
»So, so, hat man die gefunden? Ich wollte sagen, ist das so zugegangen? Dann hat Heinz sie wohl nicht klopfen gehört, und sie ist umgekehrt. Wenn sie jetzt nur nicht sagt, daß er gar nicht im Zimmer -- du, wird dir nicht was überlaufen oder anbrennen in der Küche?«
»Ich werde sehen gehen«, sagte Linde, tief mit Rot übergossen, und erhob sich. »Kann ich dir irgend etwas tun?«
»Nein, mir ist ganz gut. Die -- Prozessionsmusik heut früh hat mir wohlgetan. Wie spät ist's? Ich denke, sie werden bald zurückkommen.«
Linde gab die Zeit an und ging, und Brigitt blieb erregt und mit sich unzufrieden allein zurück. »Ich bin noch ganz blödsinnig«, brummte sie verdrießlich. »Ich hab' mich fast immerzu verraten und zum Schluß das Mädchen erröten gemacht. Wer seine fünf Sinne nicht beisammen hat, muß das Maul halten und mit dem Ausfragen warten, bis er wieder klar denken kann.« Inzwischen verhehlte sie sich nicht ein deutliches Gefühl der Erleichterung über die immerhin eingebrachten Auskünfte, und nachdem sie so lange in einem übel schaukelnden kleinen Schiffchen zwischen Wind und Wellen der Ungewißheit getrieben hatte, war sie endlich in ihr richtiges und wirkliches Bett zu liegen gekommen, das auf seinem gehörigen Platz stand, und von dem aus man die Dinge wieder mehr verwalten und bearbeiten konnte. Sie sah, daß die Klingse bisher geschwiegen hatte, und schloß daraus, daß sie den Vorfall weder für sich als siegreich abgelaufen betrachtete noch von einer polizeilichen oder auch häuslichen Anzeige sich etwas versprach. Linde wußte überhaupt nichts, und der Dechant, der, wie es schien, immerhin um die Sache herumgetastet hatte, mußte notwendig um Lindes willen weiter in seiner Unwissenheit erhalten bleiben. Soviel schien für jetzt klar, und mehr brauchte es nicht. Wenn dann einmal die Feindin aus dem Haus und die Kriegstrauung -- hoffentlich! -- vorüber war, konnte man ja mit den wirklichen Tatsachen herausrücken. Etwas zu schaffen gab ihr die Frage nach der Beichte, aber bis dahin hatte es noch Zeit; bevor sie wieder kirchfähig war, erwartete niemand eine von ihr. Das noch bleibende leise Gefühl der Beunruhigung legte sie zu den anderen Ungewißheiten, die auch nach der heutigen Vergewisserung noch übriggeblieben waren.
Sie hatte sich schon vorher von Linde einen Fensterflügel öffnen lassen, um die Prozession von möglichst weither zu hören, wenn sie dem Fluß nach zurückkam. Eben trug ihr der Wind wieder die ersten fliegenden Klänge der Musik zu, und sie faltete fromm die verkrümmten Hände, um in Gedanken mitzusingen. Nachher holte sie sich unter Mühe und Schmerzen den Rosenkranz herbei und begann demütig zu beten aus einem leise tragenden Dankgefühl heraus, weil nun alles sich so zum Guten wendete, die Feindin bald abreiste und für die restierenden Umstände eine freundliche und treue Entwicklung bevorstand. Darüber schlief sie sogar ein, überhörte auch das neuerliche Kommen ihrer Pflegerin und erwachte erst wieder, als die Prozession das Städtchen heraufzog und die Musik dröhnend allenthalben aus den engen Gassen hervorbrach. Da ging es schon gegen ein Uhr und kam Linde mit dem Krankensüppchen.
Drittes Kapitel
Das Unheil spinnt sich an. Man wehrt sich gegen Übergriffe, wobei die Tante gegen den Dechanten und Linde über die Magd siegt. Dann siegt Linde auch noch über ihre Körperschwäche
Es geschah an jenem Sonntag noch mancherlei im Haus des Dechanten, was des Erzählens wert wäre, wie denn in Gottes Augen, durch die die erweckten Priester und Dichter ein wenig mit sehen, nichts von allem ohne Bedeutung und ewigen Schein ist, was von Menschen getan, gesprochen und gedacht wird bei Tag und bei Nacht. Das hauptsächlichste von allem war ein Blick, den der Dechant von der Prozession mitbrachte, mit dem er seine Nichte beim ersten Wiedersehen noch einmal voll und tief erfaßte, unter dem sie von neuem die Augen niederschlug und sozusagen ihr Visier schloß, und den er schweigend durch viele Tage hindurch, denn er war ein guter Schmoller, in gleicher Erwägung und gleicher ernsten Drohung mit sich herumführte, wenigstens begegnete sie ihm überall, wo sie dem Dechanten begegnete. Die Tante war, als sie die Prozession die Stadt herauf spielen und singen hörte, aufgestanden und nach ihrem Zimmer gegangen, um sich vollends anzuziehen. Als der Dechant eintrat, fand er sie bereits in ganzer Toilette lächelnd seiner warten. Er begrüßte sie in aller Luftfrische, die er mitbrachte, und beglückwünschte sie zu ihrer Wiederherstellung, was sie dankend entgegennahm.
»Und du, mein Freund?« fragte sie anteilnehmend. »Hast du einen schönen Morgen gehabt? Ich habe euch beinahe ein bißchen beneidet. Wenn man von solchen Empfindungen als ›beinahe‹ spricht, so heißt das bekanntlich immer ›ganz‹. Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß du einer ausgemachten Rationalistin und Protestantin solche Geständnisse abnötigst. Die Magd ist noch immer krank, höre ich. Das tut mir leid für Linde! Nun, dafür fange ich nun langsam an, im Haus bemerkbar zu werden. Ich denke, wir werden ganz ordentlich miteinander das Pensum deiner unersetzlichen Kraft aufarbeiten. Linde ist ein bißchen blaß geworden die Zeit, findest du nicht auch? Das wird sich jetzt bald geben. Ich bin ordentlich gerührt, daß ich wieder in diesem altmodischen Speisezimmer sitzen kann. Wie ich die Sachen so gewissermaßen neu vor die Augen bekomme, geht mir doch allerlei Schönheit an ihnen auf, sogar das Irrationelle daran kann ich schon -- fast mit deinen Augen sehen. Nun, da kommt die Suppe. Essen wir also.«
Sie ließ sich nicht weiter davon anfechten, daß der Dechant auf zwanzig von ihren Worten kaum eines erwiderte. Dagegen betrat sie unauffällig und gewandt jeden Strich Boden, den Linde beim Dechanten verlor. Je weniger er mit dem Mädchen sprach, desto mehr unterhielt er sich notwendig mit der Schwägerin, und seine natürliche Offenheit, die er dem Mädchen entzog, kam, wenn auch sehr abgekühlt, unwillkürlich jener zu. Sie war weder die Frau, noch befand sie sich in der Lage, gefundenes Gut von diesem Wert nicht aufzunehmen und sorgfältig zu pflegen. Der Dechant freilich blieb unter ihren behutsamen Griffen ein ziemlich sprödes Material, das leicht splitterte. Das erfuhr sie am gleichen Mittag. Er klagte beiläufig darüber, daß sich bei ihm die Schreiberei so hoch aufgehäuft habe, und gab zu erkennen, daß sie ihm lästig war, weil sie ihn von seiner gegenwärtigen Haupt- und Lieblingsarbeit, der Geschichte des Domes, abzog.
»Nun, was das angeht«, meinte die Klingse, »das soll dir keine übermäßigen Sorgen machen. Ich bin ja jetzt wieder disponibel und will dir gern als Sekretärin dienen, da doch Linde keine Zeit für dich hat. Sage mir, wann ich morgen antreten soll.«
»Ich denke«, erwiderte der Dechant ablehnend, »daß du morgen zunächst noch fortfahren willst, deine dünne Krankenhaut wieder in ein richtiges Alltagsfell zurückzuverwandeln, das einen Landregen und auch -- einen Eisenbahnstoß verträgt. Ansprüche wollen wir hier auf dich weiter nicht machen, sondern« -- er neigte sich ihr höflich zu -- »lieber Ansprüchen von deiner Seite zur Verfügung stehen.«
Linde, die auf seine Antwort mit einiger Spannung gewartet hatte, atmete heimlich auf, und die Tante fand es für besser, auf dem Thema nicht zu bestehen, sondern brachte ruhig über den Korb hinwegsteigend ein anderes vor. Später bemerkte Linde nebenbei, wenn jetzt die Tante ihre Post wieder selber erledigen könne, so werde sie schon Zeit finden, dem Onkel bei der seinen zu helfen, aber darauf sagte er überhaupt nichts. Aus allem ging hervor, daß er sich zwischen den beiden Frauen einen ziemlich genauen Standpunkt gewählt hatte, den er aber auf die Dauer kaum halten konnte. Die Klingse ihrerseits bemerkte, daß es besser sein werde, diesem Mann nicht durch Verkündigungen Anlässe zu Regierungshandlungen zu verschaffen, sondern mehr in der Stille wirkend aufzutreten und sich ganz unauffällig da und dort auf seinem Weg finden zu lassen.