Der Dechant von Gottesbüren

Part 14

Chapter 143,725 wordsPublic domain

Vor allem verwendete sie viel Aufmerksamkeit darauf, daß Linde immer fern vom Dechanten vollauf beschäftigt war, da ihr an einem verständnisvollen Beisammensein der beiden wenig liegen konnte; von der bereits bestehenden Verstimmung zwischen ihnen hatte sie zunächst noch keinen Wind. Es fiel ihr nicht eben schwer, denn mit dem Wetterumschlag verschlimmerte sich der Zustand der Magd wieder und machte vermehrte Pflege nötig. Nebenher schickte sie sich an, versprochenermaßen in der Wirtschaft mit einzugreifen, das heißt, sie übernahm die Obliegenheiten der Dame des Hauses vornehmlich in der Verwaltung des Dechanten und überließ alle wirkliche Arbeit der Nichte, die sie leise aber unerbittlich kommandierte. Sie kümmerte sich persönlich um die Versorgung des Hausherrn und um seine Socken und Hemden und ließ sich sogar dazu herbei, in den ersteren die Löcher zu stopfen. Und während er ihre Fleischbrühe trank, fing er in einiger Einsamkeit an, sich darüber zu beunruhigen, daß noch immer nichts von ihrer Abreise verlautete. Da er jetzt niemand mehr hatte, mit dem er ohne Umstände darüber reden konnte, so stellte sich als nächste und sehr männliche Folge davon schlechte Laune bei ihm ein. So schmollte er sozusagen auf beiden Mundwinkeln, und jedenfalls fand man ihn diese Zeit nicht sehr gesprächig. Daß sich die Tante immer zu feineren Teilen wie Gold in den Danziger Schnaps ins Hauswesen mischte, konnte er nicht verhindern. Wenn ihm auch nicht schien, als ob es dadurch an Wert und Reiz gewänne, so mußte er doch ihre Sachlichkeit und Unaufdringlichkeit anerkennen, aber gerade mit diesen Vorzügen machte sie ihn immer öfter stutzen.

In jener Zeit schlug sich Linde bereits mit einer beginnenden Krankheit herum, die sie sich im Durchzug der Tante zugezogen hatte, hustete, fröstelte, ertrug tagelang, ohne etwas davon zu sagen, ihre Kopfschmerzen und eine bleierne Gliederschwere, Müdigkeit, Erbrechen und auch gelegentliche Magenkrämpfe. Leider steckte sie die Magd mit ihrem Schnupfen an, die ihn am wenigsten brauchen konnte, aber dafür wachte sie auch nächtelang bei ihr und plackte sich mit ihrem unbehilflichen Körper wie ein ganz Gesundes, und darüber hinaus fehlte es ihr nie an einem freundlichen Wort, an einem Trost oder an der rechten gemütsfesten Heimweisung einer Klage Brigitts über die viele Mühe und Arbeit, die sie mit ihrer unnützen alten Person verursachte. Es war nicht immer leicht, mit dem verdrießlichen und mißtrauisch gewordenen Menschen fertig zu werden. Ihren Schnupfen ertrug sie christlich, aber den des Mädchens beschrie sie laut. Darüber hinaus brachte sie sich über die Leute auf, die Linde in diesem Zustand herumlaufen und arbeiten ließen. Sie wollte den Dechanten darüber zur Rede stellen, aber der Dechant ließ sich selten mehr bei ihr sehen. »Warum kommt der Dechant nicht mehr? Warum zieht man keine Hilfe ins Haus? Und warum reist die Klingse immer noch nicht ab?« Diese Fragen stellte sie nachgerade täglich mindestens sechsmal, ohne von Linde eine andere Antwort darauf zu bekommen als ein Achselzucken oder eine Vertröstung. Dann schien es ihr, daß auch Linde anfange, ihrer überdrüssig zu werden, daß ihre Liebe nachlasse, und daß sie sie mit vorwurfsvollen Blicken betrachte.

Neuerlich begann sie wieder mit geschärften Ohren und Augen aus ihrem Bett nach Zeichen auszuspähen, die ihr verrieten, daß sich die Hausgenossen, wenigstens der Dechant und die Klingse, über ihre Untat ausgesprochen und geeinigt hätten, und daß sie bereits in ihren Augen als Verurteilte, in denen Lindes mindestens als Unglückliche gelte. Diese Annahme war ihr dann entsetzlich bitter, da sie für ihre Tat, mochte sie nun christlich sein oder nicht, wenigstens Verständnis und Gegenliebe verdient haben wollte, wenn sie nicht zu bescheiden gewesen wäre, auch nur in Gedanken einen Lohn zu beanspruchen. Dann warf sie wieder auflodernd wie ein brennender Wald ihre ganze Liebe auf das junge Mädchen, setzte es testamentarisch zu ihrer Erbin ein, trieb eine geradezu unchristliche Abgötterei mit ihm unter strengem Ausschluß aller andern Sterblichen und beobachtete mit hilfloser Angst, wie Lindes Wangen blasser und ihre Augen trüber wurden, und wie sich in ihrem Lächeln eine sichere Trauer einnistete, womit sie aller Welt etwas Gutes und Schönes zu versprechen schien, nur sich selber nicht. Ihre zarten, feinen Hände waren rot und verarbeitet. Brigitt küßte erbarmungsvoll jeden neuen Schnitt und jede Brandblase. Wenn Linde, wie es gerade in der letzten Zeit häufiger vorkam, still und müde vor sich hinblickte, so kochte der alte Mensch gallig auf; verfiel sie aber einmal in ihre frühere Art, zu scherzen und zu plaudern, so hörte Brigitt gerührt und ungläubig zu, fest davon überzeugt, daß das Mädchen trotzdem schwerkrank sei und ins Bett gehöre. Zu sehr Partei, um eine gute Partie zu sein, gab sie nicht gerade die geeignete Kammerfrau ab für ihre verlassene und verstörte Prinzessin, denn inzwischen begann der briefliche Verkehr zwischen Heinz und der Tante jene überraschende Wendung zu nehmen und kam für Linde die Zeit heran, in der sie eigentlich der Weisheit einer Mutter bedurft hätte.

Auch von diesen Entwicklungen fühlte ihr der treue Mensch das Hauptsächliche ab. Wenn dort alles gut gestanden hätte, so wäre an Linde über aller Müdigkeit ein anderes Licht zu sehen gewesen; darüber kannte sie sich nun schon aus. Als sie endlich den Geduldsfaden verlor, begann sie zuerst allgemeine Bemerkungen in die Unterhaltung zu streuen von den Offiziers im besonderen und den heutigen jungen Männern im allgemeinen, nur um zu hören, wie das aus ihrem Wald zurückhallte. Aber es hallte gar nicht, weder lang noch kurz, auch nicht, wenn eben ein Brief von Heinz gekommen war. Brigitt wußte, daß er mit der Klingse ebenfalls in Verbindung stand, und das übrige dachte sie sich, da sie im Verlauf ihres Dienstlebens bei einem vielgesuchten und vielverlassenen Geistlichen zur Pessimistin geworden war. So schien es nun, als ob alles umsonst gewesen sei, daß sie sich um einen undankbaren Burschen und luftigen Wicht zur Attentäterin gemacht und ihr Gewissen mit Protestantenblut besudelt habe, und am Ende war ihr Mitleid mit sich selber beinahe ebenso groß wie das mit Linde, größer als beides der Zorn auf die menschliche Natur, am größten die brennende und nagende Ungeduld, Klarheit zu bekommen, damit man unter Umständen wieder etwas unternehmen konnte. Denn an allem gab sie unerbittlich der Klingse die Schuld, und wenn es im mindesten gefährlich stand, so sollte sie das Ganze bezahlen, indem sie mit Schande aus dem Haus fuhr und Heinz von ihr, Brigitt, alles schwarz auf weiß zu lesen bekam. Blieb bloß noch die Frage übrig, ob sie alter Topf mit dieser Einsicht über dem Feuer ihres Verdrusses anbrennen oder überlaufen wollte; da sie nie zu den kargen Köchinnen gehört hatte, lief sie über.

Es war nach einer Nacht voll ärgerlicher und aufreibender Schmerzen -- sie hatte auch einige Herzanfälle gebracht -- und ebensolcher Betrachtungen. Die Magd atmete noch rasch und erzürnt, während Linde übermüdet im alten Lehnstuhl saß und in einem trüben Halbschlaf vor sich hindämmerte. Die Zeit ging gegen vier Uhr; um diese Stunde trat gewöhnlich die Erleichterung ein. Auf dem Nachttisch brannte mit kleiner Flamme unter dem Schirm das Lämpchen. Eine Motte umschwirrte es, von zwei sonst sehr eifrigen Mottenjägerinnen nicht beachtet. Linde sah eben ihren Geliebten, der auf einen Engländer zielte, abdrückte und sich lachend umdrehte mit der Bemerkung: »So, den hat's!« Drüben flogen zwei arme Hände auf, genau so, wie er's damals beschrieben hatte, und ihr war furchtbar weh ums Herz für den Engländer und für Heinz. Da wurde plötzlich Brigitts erboste Stimme neben ihr laut.

»Wie ist denn das jetzt mit ihm? Mit dem Soldaten? Dem Offizierchen? Warum kriegt man davon gar nichts zu hören? Ich bin überzeugt, dem Bob erzählst du; mich schweigst du an, daß mir alle Glieder knacken. Sonst hieß es, man vertritt Mutterstelle an dir. Jetzt liegt die Brigitt im Bett, gleich ist's aus mit der Mutterstelle, und man ist ein alter Besen, um den sich keiner mehr kümmert. Denn was weiß die Brigitt, nicht? Sie kann noch einigermaßen Knödel kochen, aber sie ins Vertrauen ziehen -- da sei Gott vor. Als ob die Brigitt lange wartete, bis man sie erst ins Vertrauen zieht. Du, ich hab' auch meine Geheimnisse, und könnt' ich noch gehen, so hätt' ich viel mehr. Was meinst du denn, warum ich im Bett liege? Hab Nervenfieber bekommen. Schön, Nervenfieber bekommt man vom Kuchenbacken. Verachtet nur die alte Brigitt. Daß ihr mich überhaupt hier behaltet. Im Krankenhaus wäre ich doch noch viel weiter vom Geschütz. Bringt mich doch fort, damit es hier vollends drunter und drüber gehen kann! Und damit ich vor Denken und Grübeln noch ganz verrückt werde. Du, wie steht das mit dem Soldaten? Sei gut zu einem alten kranken Menschen, der dir redlich gedient hat. Gott wird dir's vergelten. Schreibt er dir fleißig? Und schreibt er nett? -- Hm! Ich dachte, du seist gut aufgehoben. Du seist an den Mann gekommen! Ich bin ein altes Mensch und hab' geheult vor Freude. War meine letzte Freude für lange Zeit. Ich sage dir, Mädchen, laß mich nicht so daliegen und betteln. Ich bring's fertig und krieche aus dem Bett und fall' dir zu Füßen. Wie steht's mit dem Soldaten, du? Wann ist Kriegstrauung?«

Sie machte Miene, sich zu erheben, und Linde fuhr aus ihrer Verwirrung auf. »Brigitt, wirst du liegenbleiben!« schrie sie die Kranke erschreckt an. Die Magd, die ihren in Scham brennenden Blick bemerkte, ließ sich einigermaßen eingeschüchtert ins Kissen zurückfallen, aber aus ihren bleichen, unzufriedenen Zügen flackerte gereizt die aufsässige Forderung weiter.

Auch Linde war eine gute Schmollerin und durch den frühen Tod ihrer Eltern, besonders ihrer Mutter, an Einsamkeit und Selbstverantwortung gewöhnt. Es fiel ihr schon schwer, Erfahrungen, die in Familien aufgewachsene Menschen ganz leichthin mit andern bereden, preiszugeben, geschweige persönliche Angelegenheiten von dieser Tragweite, und so hatte sie immer einen schwierigen Stand zwischen ihrer Selbstherrlichkeit und ihrer überstrengen Keuschheit. Indessen kratzte Bob an der Tür, weil er reden gehört hatte und notwendig überall dabeisein mußte, wenn etwas Grundsätzliches verhandelt wurde, und Linde stand auf, um ihm zu öffnen. Er dankte ihr durch ein kurzes heftiges Wimmeln seines Schwanzstummels und ging dann schnaubend zu Brigitts Bett, an dem er sich einmal hin und einmal her rieb, um sich endlich mit einem Seufzer auf die Vorlage niederzulassen.

»Was soll denn stehen, Brigitt?« antwortete das Mädchen endlich, seine Aufwallung niederkämpfend. »Und wer wird jetzt an Kriegstrauung denken? Du weißt, daß er regelmäßig schreibt; es wird ihm oft schwer genug fallen bei dem Leben, das er führen muß. Plage doch nicht dich und andere mit Grillen.«

»Es ist schon gut«, nickte die Magd, die mit ihren tiefliegenden dunklen Augen jede Regung in ihrem Gesicht verfolgte. »Aber er schreibt auch der andern. Wenn er das ließe, so würde es ihm gleich viel weniger schwerfallen, dir auch einmal einen Brief extra zu schreiben. -- Viel Lustiges scheint nicht eben in seinen Briefen zu stehen. Ich wette, daß die Klingse an ihren mehr Spaß hat.«

»Wir wollen dies Gespräch lassen«, sagte Linde beklommen. Und dann scheinbar heiterer: »Du hast's nun einmal gegen die Tante; da wird man dir ohnehin keine andere Ansicht beibringen.«

»Nein, das wird man auch nicht«, fuhr die Magd, wieder hitzig werdend, von neuem auf. »Sie ist ein Laster und bleibt eins, höre auf mich. Hat sie etwa besonders viel Glück in dies Haus gebracht? Was aber deinen Offizier angeht, so kann sich der einmal vor den Schädel schlagen; ich weiß, warum ich das sage. Ist das Dankbarkeit und Charaktergröße?«

»Brigitt, willst du mich mit Gewalt böse machen?« warnte Linde und war es schon halb, ganz in Glut getaucht. »Es gibt dir niemand das Recht, so zu sprechen.«

»Das Recht? Es gibt mir niemand das Recht? Mein Kindchen, das Recht habe ich mir längst selber gegeben. Laß dir das gesagt sein. Und das Gespräch wollen wir gar nicht lassen. Im Gegenteil. Du willst mich aufs trockene setzen; also steht es liederlich. Das ist doch einfach; man muß dich nur ansehen. Aber das soll sie mir büßen. Alles Übel kommt von ihr. Warum geht sie immer noch nicht? Weil sie hier ihre Absichten verfolgt, weiß Gott, welche. Sie schleicht und schweigt und spinnt derweil des Teufels Garn. Oh, nur einen einzigen Tag möchte ich wieder einmal unten im Haus sein, um zu sehen, was da geht.«

Für eine Weile verstummte sie wühlend, und Linde hatte keinen Grund, sie zu stören. Bob legte den Kopf zwischen die Pfoten, weil er glaubte, das Gespräch sei jetzt zu Ende. Auch Linde war bereits dieser Meinung, als die Magd plötzlich wieder anfing.

»Wenn man so viel Dreck am Stecken hat!« rief sie verwundert und erbost aus. »Es kostet mich doch ein Wort, und es ist aus mit ihr! Aber sie hält mich wohl auch schon für tot oder blödsinnig geworden. Über diese Sache laß du dir nur keine grauen Haare wachsen, Kindchen; darüber hat die Brigitt zufällig etwas zu sagen. Ich garantiere dir dafür, daß sie in zweimal vierundzwanzig Stunden aus dem Haus ist.«

»Ich weiß«, versetzte Linde bedrückt, »daß du Geheimnisse hast. Aber ich will sie nicht kennenlernen. Laß du jetzt die Hand aus den Dingen. Ein Übel erzeugt nur immer ein anderes.«

»Du weißt?« zweifelte Brigitt sehr. »Woher weißt denn du? Und was weißt du?«

»Ich weiß seit dem Prozessionssonntag.«

»Seit meinem Geschwätz von der Geflügelschere und so weiter«, nickte die Magd. »Nun, ich hab' mir das auch gleich selber gesagt, aber ich hielt die Unsicherheit nicht mehr aus. Wie jetzt auch wieder.« Sie sah das Mädchen mit einem spähenden Blick an. »Schließlich, was nützt das alles«, fuhr sie unaufhaltsam getrieben fort. »Kindchen -- sie war selbe Nacht im Zimmer des Leutnants. An der Tür attrappierte ich sie. Wenn das der Dechant erfährt, so fliegt sie. Augenblicklich. Und wenn Heinz erfährt, wie eine Magd seine feine Dame ausgezahlt hat, so wird ihn das nicht sehr hochmütig auf sie machen.«

Linde erbleichte auf eine erschreckende Weise; aber anstatt ohnmächtig vom Stuhl zu sinken, richtete sie sich stolz und erzürnt auf, und ihre Augen funkelten vor verhaltener Entrüstung. »Brigitt«, rief sie mit bebender Stimme: »Wenn du willst, daß ich dir in meinem Leben noch ein gutes Wort gebe, so hüte dich, an diese Dinge künftig auch nur mit einem Blick zu rühren. Du bist hier die Haushälterin und sonst nur, was man aus dir freiwillig macht. Ich verbiete dir, dich noch in irgend etwas zu mengen, was hier vorgeht oder damit zusammenhängt. Die Tante ist unsre Verwandte und unser Gast, solang es ihr gefällt. Und ich bin alt genug, mein Leben selber zu betreiben. Du hast dich hier in deinem Bett in Hirngespinste verwickelt und meinst, das, was du weißt, sei alles, was man wissen könne, willst klüger sein als Gott und behender als das Schicksal. Ich weiß, daß du alles von Herzen gut meinst, und das ist das einzige Versöhnliche und Schöne daran. Aber man darf auch aus Gutmeinen nicht in anderer Menschen Dinge hineingreifen und sie mit ihren Geheimnissen beschämen.«

Brigitt traute unter dieser Standrede ihren Ohren und nachher noch lange ihren Augen nicht, bis sie sich allmählich mit Wasser füllten; als sie dann endlich die Zunge wieder zum Reden fand, wurde ein ungeschlachtes und herzbrechendes Weinen daraus, das Linde mächtig ans Herz griff, leider auch der Magd selber, so daß der Anlaß völlig in Vergessenheit geriet und alle Aufmerksamkeit der Folge zugewendet werden mußte. Nun, sie überstand auch den zweiten Schreck, kam nachher noch einmal ins Weinen, dann ins Klagen und Beteuern, obwohl ihr Linde schon alles zum voraus zugegeben hatte, hörte diese mit redlicher Inbrunst trösten und gut zureden, und wenn sie am Ende nicht vom Fleck weg beruhigt einschlief, so lag sie jedenfalls tränenmüde und ihrer schmerzhaften Überspanntheit ledig still mit geschlossenen Augen da, bereits in Lindes Ratschluß ergeben, obgleich noch nicht ohne wahres Vertrauen und innerlich über die herrische Zurechtweisung noch ein wenig nachschluchzend.

Hatte Linde noch auf ein Stündchen Morgenschlummer gehofft, so sah sie sich durch eine nervöse Erregung, die sich nachher in äußerlichen Frost umsetzte, darum gebracht. Immer stand ihr die schweigend drohende Verwandte vor Augen. Wenn sich die Tante aussprach und ihre Gesinnung äußerte, so konnte sie wenigstens ertragen werden, aber gegen ihr Schweigen gab es keine Mittel, weder tätige noch leidende. Die Zeit war längst vorbei, in welcher Linde mit ihrem Mitleid für sie gekämpft hatte, und auch die folgende, in der sie es bereute, ihm so weitherzig nachgegeben zu haben. Sie hätte sich vielleicht zugestehen können, daß ihre Sache verloren sei, aber es gab zwei bewußte Empfindungen, die es nicht litten: ihr Stolz und ihre Einsamkeit in der Welt. Darüber hinaus waren freilich noch einige weniger bewußte aber ursprünglichere wirksam, die Sehnsucht nach dem eigenen Frauentum, die Hoffnung auf das Wunder »Dennoch« und nicht zuletzt der Glaube an das geistige Teil in Heinz, von dem sie nie Verrat erleben würde, was auch sonst geschehen mochte. Mit diesen fünf Engeln durfte sie gegen zwei Dämonen -- das Weib und den Dämon in ihm selber -- noch für eine Zeit durchzukommen hoffen, und inzwischen stießen ihr wohl Hilfsvölker zu, von denen heute noch nichts zu sehen war, die sie aber bereits glaubte marschieren zu hören.

Nachdem sie sich so bis gegen Morgen mit ihrem innern und äußern Zustand leidlich obsiegend beholfen hatte, die letzte Stunde noch auf ihrem Bett, und eben aufstehen wollte, um ihren überfrühen Tag zu beginnen, ereilte sie ganz unversehens ein Blutsturz, kein sehr schwerer, doch da sie ohnehin nicht mehr viel Kräfte zuzusetzen hatte, so sank sie zitternd ins Bett zurück, wo sie dann wie ein Stein in Schlaf oder in Bewußtlosigkeit fiel. Etwas später als sonst war sie aber noch vor dem Hellwerden wieder bei der Hand. Von dem Vorfall erfuhr niemand etwas, und von der Versäumnis hatte sie durch erhöhte Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit bis zum Frühstück bereits wieder einiges eingebracht. Wenn sie Ansprüche an sich selber stellte, so blieben sie selten unerfüllt.

Viertes Kapitel

Es kommen erregende Briefe, und alles geht an Linde hinaus; sie wird von der Tante angefochten und vom Dechanten zur Beichte vorgeladen, nachdem der Dechant vom Erzbischof zur Verantwortung vorgeladen wurde

Es gibt Tage, die besonders mit Ereignissen geladen scheinen, von denen wie die Kirschen des Pagen Seydlitz immer eins das andere nach sich zieht. Zum Frühstück, das man elektrisch beleuchten mußte, weil draußen nun aus einem schweren, tiefen Spätnovemberhimmel der Regen troff, brachte der Postbote drei Briefe, die alle naß geworden waren, erstlich den bekannten des Leutnants an Linde, worin er ihr vorschlug, auf eine Zeit das Haus zu verlassen, zweitens einen ebenfalls vom Leutnant an die Tante und dann noch einen an den Dechanten, von dem nachher die Rede sein wird.

In dem Brief an die Tante gab sich Heinz zum erstenmal in gewissen verschleierten Wendungen, die sonst nicht seine Art waren, Rechenschaft über schwebende Fragen oder solche, die ihm mit der Zeit diesen herausfordernden Charakter angenommen hatten, ungewissen Aussichten, die noch keins von beiden bisher berufen mochte, obwohl sie schon seit geraumer Zeit zwischen ihnen standen. Nachdem er dann noch dies und das von der Sehnsucht und Unersättlichkeit des Mannes, in welche Regung er nachgerade viel Einblick zu haben glaubte, so scheinbar »objektiv« als heimlich erregt und erregend geschrieben hatte, teilte er ihr den Vorschlag an Linde mit und bat sie, ihm darin zu helfen.

»Ich kann verstehen«, hieß es da wörtlich, »daß Du bei den letzten schweren, wie Du schreibst, beinahe vernichtenden Erfahrungen in der Großstadt die Ruhe und Geborgenheit des Pfarrhauses und der kleinen Verhältnisse noch brauchst, und wenn ich zurückdenke, so machtest Du auch mir einen etwas aufgelösten und ziellosen Eindruck, an dem heutigen gemessen. Daß Du bei Lindes Überbürdung mit dem häuslichen Kleinkram, wozu sie immer sehr geneigt hat, dem Dechanten viel sein kannst, sehe ich auch ein. Er wird mit der Zeit deinen weltmännischen und großzügigen Einfluß sehr schätzen lernen; vielleicht wirst du unermüdliche Schrittmacherin der männlichen Talente sogar anfeuernd und fördernd auf ihn wirken und ihn aus seiner Theologie herauslocken. Das wäre freilich ein großer Triumph deines Rationalismus. Bei alledem stört mich nur die Vorstellung, das Mädchen neben dir im Haus zu wissen. Es ist wie ein Stilfehler, der mich innerlich unfrei macht und mir, wie du vielleicht begreifst, nicht sehr erwünscht sein kann. Also hilf mir bitte in dieser -- ich möchte sagen: Korrektur des dortigen Bildes.« Und so weiter.

Nun wußte sie sofort, warum die Vorstellung ihn unfrei machte, und was für eine Vorstellung das überhaupt war. Der letzte Grund seiner Unlustgefühle bestand in der Achtung, die er nach wie vor auch bei scheinbar schwindender Liebe der jungen Respektsperson und seinem Verhältnis zu ihr darbrachte. So glaubte sie zwar, daß in der Entfernung sein Liebesgefühl abgenommen habe, zumal es durch sie bestritten wurde, aber sie glaubte nicht an eine Erschütterung der Liebesgrundlage, vielmehr war sie vorläufig davon überzeugt, daß alles neu da sein werde, sobald die jungen Menschen einander wieder zu sehen bekämen, und dies, obwohl der heutige Brief des Leutnants ohne jede Gewaltsamkeit und Selbsttäuschung, denn sie hatte ihn nicht erwartet, als Heiratsbetrachtung ausgelegt werden konnte, und zwar mit ihr, Malva Klinger. Sie lächelte viel mehr erwägend als spöttisch, während sie ihre Rivalin mit einem Blick streifte. Ihr war zuviel bekannt von den unfruchtbaren Qualen der Sehnsucht, den ziehenden Leeren der Einsamkeit und den kalten Schrecken des unerbittlich anrückenden Alters, als daß sie ein solches Angebot nicht sehr sorgfältig bedacht hätte, zumal in einem Fall wie dem vorliegenden, wo sie längst liebte und für ihr Gefühl nicht wenig gelitten und geduldet hatte. Ein Entschluß jedenfalls stand ihr sofort fest, noch während sie den Brief zusammenfaltete und wieder in den Umschlag steckte: sie würde Heinz nicht bei der Entfernung des Mädchens helfen, da sie alles Interesse daran hatte, Linde in dem »störenden Verhältnis« zu erhalten und ihn in seiner »unerwünschten Unfreiheit«. Wenn sie Aussicht besaß, die Liebesgrundlage zu erschüttern, so war es durch die Pflege dieses wertkränkenden Umstandes, und obendrein gewann sie darin -- durch sein Leiden an den Dingen -- in Tiefen Gewalt über ihn, die ihr sonst nicht zugänglich geworden wären.

Die Stimmung, die sie aus diesem ganzen Tatbestand zog, empfand sie sofort als vermehrte Lebenssicherheit und als Geneigtheit zu vorsichtiger Unternehmung. Vorläufig wußte sie noch nicht, was in ihr größer war, die Liebesbeziehung zu Heinz oder die Haßbeziehung zum Mädchen. Zwischen ihr und Linde, so kam es ihr manchmal zu ihrer peinlichen Verwunderung vor, schwebte vielleicht mehr als nur eine Reihe von Zufällen und Anlässen, bei denen sie einander hassen und fürchten gelernt hatten, sie verband unter Umständen eine Feindschaft von Anbeginn, die ihren Austrag verlangte und ihr Opfer wollte. Möglicherweise bedeutete die Liebe zu demselben Mann nur ein Symbol, dann freilich ein sehr bedeutsames und unausweichliches. Inzwischen beschloß sie, gleich nachher mit der Feindin in dieser Richtung ein Vorpostengefecht herbeizuführen.