Part 15
Unterdessen hatte auch der Dechant seine Morgenlektüre beendigt, und sie war von einer Qualität, daß sie ihm die aufmerksam auf die heutige Leistung gesammelte Stimmung, mit der er zum Frühstück erschienen war, von Grund auf störte, ja in der Folge davon verspürte er sogar Lust, den andern ihre friedliche zu verderben. Indem er sie aber der Reihe nach betrachtete, fand er nur sehr schwache Spuren davon an ihnen, und bemerkte er weiterdenkend, daß der Friede in seinem Haus überhaupt eine fragliche Ware geworden sei. Die Tante lebte zwar mit ihren Büchern und ihrer ausgebreiteten Korrespondenz ihren gewohnten weltläufigen Stil weiter und hatte sich nachgerade so geschickt ins gestörte Hauswesen eingefügt, daß sie manchmal geradezu unentbehrlich schien. Andererseits hatte sie ihn bis auf diesen Tag schon zu allerlei widerstrebenden Freundlichkeiten halb verführt und halb gezwungen, und während er sich daran erinnerte, wandte er den Blick unbehaglich zu Linde. Die hatte schmale Wangen und dunkel unterstrichene Augen, und es fehlte ihr weder an Güte noch an strengen Lieblichkeiten, aber am rechten glücklichen Jugendlicht, obwohl sie eben einen Liebesbrief aus der Hand gelegt hatte. Es brauchte manchmal nicht viel, daß er sie freundlich zwang, eine Hilfskraft ins Haus zu nehmen, aber es brauchte doch noch etwas, nämlich daß von den beiden zähen Schmollern einer dem andern einen Vorsprung ließ. In der Zeit beruhigte er sich damit, daß ihr ja die Tante einen großen Teil der Arbeit abnehme. Jetzt saß sie freilich da und rührte traurig sinnend in ihrem Kaffee, ohne etwas zu genießen, und mit einem verdrossenen und heimlich aufgebrachten Blick erhob er sich so plötzlich und ungeduldig, daß beide Frauen fragend die Augen nach ihm wandten. Aber er hielt sich nicht mit Erklärungen auf; bloß an der Tür drehte er sich noch halb um und sagte: »Komm dann nachher einmal zu mir herauf, Linde; ich habe mit dir zu sprechen.« Bald darauf hörten sie ihn mit unruhigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehen.
Eine Weile horchten die Frauen stumm auf das einsame Geräusch, Linde mit den Gedanken bei dem entfernten Freund, die Tante sich zum beabsichtigten Gefecht rüstend. Schließlich räusperte sie sich.
»Warum ißt du nicht?«
»Mir ist heute nicht ganz gut«, erwiderte Linde einfach. »Ich will ein wenig fasten.«
»Heinz schreibt, er hätte dir geraten, den Ort zu wechseln, und ich solle ihm dabei helfen. Ich werde ihm natürlich nicht helfen, sondern denke, daß du hierbleiben wirst.«
»Warum denkst du das?« fragte Linde, auf eine Feindseligkeit gefaßt.
»Ich könnte sagen, weil der Dechant dich braucht, und hätte sonst gar nichts nötig«, erwiderte sie singend und etwas von oben herab. »Aber es wäre nur halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß du die Nachsicht deines Onkels nötiger brauchst als er deine Dienste. Es haben jetzt nicht alle Leute soviel Gutmütigkeit, ein kränkliches und nicht übermäßig tüchtiges junges Mädchen um einiger Nettigkeiten willen zu unterhalten. Du hast immer noch nicht begriffen, daß wir Krieg führen, und was das in seinem ganzen Umfang bedeutet: Krieg! Nun, manchen hat Gott ihren sanften Egoismus gegeben, daß sie sich leichter haben, aber sie sollten wenigstens begreifen, daß andere das Leben nicht so leicht finden, und ihre Haltung danach einrichten. Mir scheint deine christliche Selbstgenügsamkeit etwas billig, und es wäre gut, wenn du dich bemühtest, wieder etwas mehr zum allgemeinen Leben beizutragen.«
»Insofern wäre es vielleicht doch besser, auf eine Zeitlang den Ort zu wechseln, da ich dir hier soviel Anstoß gebe«, meinte Linde.
»Insofern wäre es besser, deine Tonart zu wechseln«, versetzte die Tante schärfer. »Ich bewundere nichts an dir als die Stirn, die du nach allen Vorgängen noch hast.«
»Von was für Vorgängen sprichst du?« begehrte Linde aufhorchend zu wissen, während auf ihren Wangen eine leise Röte erschien. Die Tante lächelte.
»Viel Sicherheit tönt nicht aus deiner Frage«, spottete sie. »Obwohl ich immer fand, daß Personen deines Schlages überraschend dickfellig sind. Ich besitze ja wirklich kein Bedürfnis, von dir um Verzeihung gebeten zu werden; solche frommen Scherze liegen mir gar nicht. Aber es hätte für dich gesprochen, wenn du während der langen Zeit meines Hierseins einmal Gelegenheit genommen hättest, eine begangene kindliche Niedertracht ins gleiche zu bringen. Auf deinen Charakter hab' ich mich nie verstanden.«
»Wenn du keine Bitte um Verzeihung erwartest, was verstehst du dann darunter, etwas ins gleiche zu bringen?«
Die Tante bemerkte mit Ärger die Herausforderung in dieser Frage. Einen Moment stutzte sie sogar darüber. »Oh, ganz einfach und von Mensch zu Mensch«, brach sie dann mit einem etwas unangenehmen Lachen los. »Ganz natürlich! Es ist nicht die mindeste Übernatürlichkeit dabei. Wir sind nur gewöhnliche Weltmenschen, aber wir halten auf gute Sitten, obwohl wir manchmal auch höhere Ideen hätten. Man kann ja Kindereien begehen aus Dummheit, aus Bosheit, ja aus Bequemlichkeit; du siehst, es fehlt mir nicht an Toleranz. Aber wenn man ältere Personen in Mitleidenschaft gezogen und sogar menschliche Verhältnisse auf lange hinaus verdorben hat, und man fängt dann einen frommen Wandel an, so glaubte ich bisher, dergleichen beginne damit, daß man zuerst seine persönlichen Verhältnisse ordnet auch mit solchen Personen, die man nicht besonders gut leiden kann, trotz aller Heiligkeit. Abneigungsmotive sollen ja sonst bei wirklich frommen Menschen nicht mehr wirksam sein. Aber vielleicht bist du noch eine sehr grüne Heilige, und dann muß man dir manches nachsehen. Nun, ich in meinem Teil stehe auf dem Standpunkt, daß ich mein Verhalten zu dir ganz von deinem Verhalten zu mir abhängig mache. Du kannst mich so erleben und kannst mich anders erleben. Das wollte ich dir schon lange einmal sagen. Richte dich also danach. Auf schöne Worte gebe ich aber nichts; damit bin ich schon lange nicht mehr zu fangen.«
Linde saß nun wieder mitten im gerechten Zorn. »Hattest du etwa das Gefühl, daß es mir darauf ankomme, dich mit irgend etwas zu fangen?«
»Ich brauche dir über meine Gefühle ja wohl nicht Rechenschaft zu geben«, achselzuckte die Tante etwas dürr und erhob sich. »Wenn dir daran liegt, sie kennenzulernen, so mußt du dir, wie schon gesagt, einen andern Umgangston dafür aussuchen.«
»Den Ton in diesem Haus gibst ja gegenwärtig du an«, bemerkte Linde.
Die Frau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Sehr nett«, anerkannte sie hochmütig. »Aber ich werde nicht mit dir zanken, meine Liebe. In einem so vertraulichen Verhältnis stehen wir ja nicht zueinander.«
»Das war auch immer meine Auffassung!« bestätigte das Mädchen ernst. Der Tante fiel der schwermütige Gesichtsausdruck auf, mit dem sie diese Worte sprach, und er gab ihr nachher noch zu denken. Für jetzt erwiderte sie lächelnd und mit vorgeschobenem Kinn:
»Wie du meinst, mein Kind. Dann gehst du aber etwas unbequemen Zeiten entgegen.«
»Ich bin davon noch nicht ganz überzeugt«, sagte Linde um einen Schein blasser und bitterlich ihren Blick festhaltend. »Ich denke, wenn du dagegen bist, daß ich den Platz hier verlasse, so will das heißen, daß du ihn bald räumen willst.«
Der Hieb saß. Die Frau, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, fuhr getroffen herum und tat beinahe unbewußt einige Schritte zum Mädchen zurück, das noch auf seinem Stuhl saß. »Ich bin dir immerhin verbunden, daß du endlich dein wahres Gesicht zeigst«, erklärte sie, nun ebenfalls mit zitternder Stimme, aber vor Wut und ein wenig zischend, sosehr sie sich auch Gewalt antat. »Mein Kindchen, um eine solche Haltung mit Erfolg durchführen zu können, bist du ein bißchen zu provinzlerisch, und dazu hast du schließlich auch nicht den sittlichen Standpunkt. Zum Glück stehen noch Mächte und Personen hinter uns, die dir Autoritäten bedeuten, und bei denen dir an deinem guten Ruf etwas gelegen ist. Nein, meine Liebe, ich werde den Platz zunächst noch nicht räumen; darüber beruhige dich nur. Es liegt mir im Gegenteil daran, ihn noch länger mit dir zu teilen. Hast du mir sonst noch einen zartfühlenden Vorschlag zu machen? Es scheint nicht. Nun, ich stehe dir ja jederzeit zur Verfügung.«
Nach diesen Worten ging sie ziemlich rasch ab, solchermaßen das letzte behaltend. Linde erhob sich wenig später müde und unter einem großen innern Schweigen, um ihre Tagesgeschäfte fortzusetzen. Nachdem sie in den untern Räumen fertig war, stieg sie zum Dechanten hinauf, um zu hören, was er ihr zu sagen hatte.
Über den Dechanten hatte in jener Zeit die Kunstleidenschaft vollständig die Herrschaft gewonnen. Die Stunden, die er nicht auf dem Bauplatz verbrachte, wozu ihm die Kirche jetzt ganz geworden war, steckte er in seinem Museum oder im Arbeitszimmer über alten Chroniken und über seiner neuen, zusammenfassenden, von der gegenwärtig eben die ersten Kapitel wurden. Anders als kunsthistorisch beschäftigt sah man ihn überhaupt nicht mehr im Dom. Die gottesdienstlichen Handlungen samt der Beichte und der Predigt überließ er unbeschränkt seinen Hilfsgeistlichen, die erstere, weil ihm die Stimmung dazu fehlte, die letztere, weil ihm die Vorbereitung zuviel Zeit weggenommen hätte, denn er besaß bereits einen auf den Termin festgelegten Vertrag mit einem Verleger. Gegenwärtig wurden die photographischen Aufnahmen gemacht, mit denen nachher das gelehrte Werk ebenso anschaulich unter- und überbaut als kurzweilig geschmückt werden sollte. Der Dechant lebte ständig in einer gewissen geistigen, aber nicht geistlichen Erregung, und für alle nicht kunstgeschichtlichen Verhältnisse und Beziehungen seines Lebens verlor er in zunehmendem Maß die Aufmerksamkeit und den Sinn. Außerdem spannte ihn ein Ereignis, von dem noch die Rede sein wird. Er lebte abwesend, wühlend und in einem ständig seine Glut steigernden Vorfeuer des weltlich-wissenschaftlichen Ehrgeizes nach Erfolg und Ruhm. Das war auch mit ein Grund, warum die Tante in ihrer Hauspolitik schließlich von ihm unbehelligt blieb; jetzt schob er alles auf und hinter sich, was an ihn sonst noch Ansprüche stellte, und zwar nicht lässig und lahm, sondern mit heftig entschiedenen Bewegungen und stets reizbarer, leidenschaftlicher Abwehrgebärde.
In diese Stimmung hinein hatte ihn diesen Morgen ein Schreiben des Erzbischofs getroffen. Es beschäftigte sich mit seiner Kirchenrenovation, über die er einige grundsätzliche Bedenken äußerte. »Wir haben es gutgeheißen«, stand darin, »daß Du nebenbei einige Gelegenheit benutztest, um das eine oder andere alte Gerät wieder ans Licht zu bringen, was Dir denn auch vielfach gelungen ist. Du weißt, daß Wir von vornherein keinen sehr großen Nachdruck auf diese Möglichkeit legten, von der Wir nur als Gelegenheit sprachen. Wir meinten daher auch keineswegs, daß, wie es seither immer mehr den Anschein gewonnen hat, Du das ganze Werk auf eine Liebhaberei und auf eine Leidenschaft einstellen würdest, die weniger Gott und der Gemeinde dienen als der weltlichen Wissenschaft. Laß Du die Kunstgeschichte denen, die diesen Zweig von vornherein für sich gewählt haben. Du hast, soviel Wir wissen, den Dienst Gottes an der Seele der Menschen für Dich gewählt. Die Klagen über Deine so ungebührlich in die Länge gezogene Kirchenrenovation mehren sich. Ich weiß, daß Du in einseitigem Eifer mit der weltlichen Behörde Abmachungen trafst, die den Termin der Wiedereinweihung Deines Domes um Monate hinausgeschoben haben. Darüber wirst Du Dich noch besonders vor Uns zu verantworten haben. Die Gemeinde kniet im Maurerstaub. Die heiligen Geräte und Symbole der Jetztzeit liegen im Schuppen, während Du alte ausgräbst, und die Gläubigen sehen auf eine zerstörte Stätte, auf Attrappen aus unbemaltem Karton und auf rohe Gerüste, die längst wieder aus der Kirche sein sollten. Wir wollen daher, daß Du am nächsten Montag Dich bei Uns einfindest, um Uns Rechenschaft über den Stand der Dinge zu geben und Unsern endgültigen und unwidersprechlichen Entschluß über die weitere Führung jener Geschäfte zu erfahren. Wir werden dann auch noch andere Fragen zu besprechen haben, die Dein persönliches Leben und Deine Hausordnung angehen, und die ebenfalls Unser lebhaftes Bedenken erregen. Sieh zu, daß Du über alles befriedigende Auskünfte geben kannst, die Wir Uns gerade von Dir herzlich wünschen. Inzwischen empfange Unsern Segen.«
Vom Segen spürte er diesmal nicht viel, sosehr er den alten Herrn bisher verehrt hatte; er steckte jetzt voll weltlich erregter Ströme, die einem solchen frommen Einfluß widerstrebten. Heftiger brandeten sie freilich an dem unerwartet entgegengestellten Hindernis auf, und der Unmut dieses Sohnes der Kirche über die vorgesetzte väterliche Gewalt war nicht klein, aber sofort stark von schlechtem Gewissen bestritten. Nun wäre die Erregung in solchem Umfang trotzdem nicht ganz zu verstehen und würfe ein schlechtes Licht auf den Charakter des Dechanten, wenn man nicht erführe, daß er gerade diese Tage über eine alte Handschrift geraten war, die alle seine Leidenschaften aus dem Grund neu aufregte. Denn in dieser Handschrift stand klipp und klar, daß unter dem Boden des Chores, da, wo in der darunterliegenden Krypta alle Traggewölbe nach dem Mittelpfeiler zusammenlaufen, in diese Vereinigung zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein Kasten mit goldenen Geräten, die schon in der Handschrift als alt bezeichnet wurden, versenkt worden sei. Mit dieser Nachricht erklärte sich dem Dechanten erstens auf einen Schlag die auffällige Armut des alten, vielverehrten Gotteshauses an goldenen Geräten und an Edelsteinen, an denen viel jüngere und weniger berühmte Dome unverhältnismäßig reicher waren, zweitens der Umstand, daß er nirgends auf einen Hinweis über den Verbleib der unzweifelhaft vorhanden gewesenen Votivgaben gestoßen war, und drittens weckten sie in dem einfach lebenden und persönlich so anspruchslosen Mann urplötzlich einen rechten Heißhunger, eine geistige Wolfsgier nach kirchlichem Besitz, Gold und Edelgestein, Reichtum und schwerer Pracht, daß er seit den Tagen, die er mit diesen schwülen Vorstellungen im Kopf herumlief, sich selber nicht mehr kannte. So gut ihm die Armut und Einfachheit seines Domes bisher gefallen hatten, so ehrgeizig wild, um nicht zu sagen: verwildert, umflogen nun seine Gedanken die Stelle im Chor, in welcher ein solcher Glanz verborgen war. Durch die Hebung des Schatzes konnte womöglich sein Dom von einem Tag auf den andern alle übrigen an Besitz und geschichtlicher Bedeutung überstrahlen, abgesehen von dem Ruhm, den ihm die Tat persönlich einbringen mußte.
Die Schwierigkeit dabei war aber die, daß der Architekt ein bedenkliches Gesicht machte, nicht über die Urkunde, an die glaubte er ebenso wie der Dechant, aber über die technische Ausführung der Hebung. Er wollte sie nicht wagen ohne eine ausgiebige Stützung des Gewölbes, und zwar des ganzen, da man nie wissen konnte, welche Überraschungen man mit einer alten Krypta erlebte, wenn man sich mit ihrer Struktur einließ. Der Bau war im ganzen nicht mehr sehr kernig und hing hauptsächlich durch sich selber zusammen; ein Turm war schon vor dreißig Jahren eingestürzt, und ein Eingriff wie der beabsichtigte war ein Unternehmen von ernstlicher Tragweite an Mitteln, Zeit und Geld. Anstatt eines günstigen Zufalls nun, der dem Dechanten weitergeholfen hätte, kam dieser Brief des Erzbischofs seiner Leidenschaft außerordentlich unerwünscht in die Quere, und wenn es ihm nicht gelang, den hohen Herrn am Montag für die Ausgrabung zu gewinnen, so wußte er nicht, was weiter werden sollte. Indessen glaubte er im letzten Grund nicht, daß der Erzbischof auch unter diesen Umständen an seinem Einspruch festhalten würde, und nötigenfalls ließ sich vielleicht zwischen ihm und der weltlichen Behörde ein Abkommen zustande bringen, nachdem er sich noch ein bißchen länger geduldete und die weltliche Behörde einige Arbeiter mehr stellte.
Für diese Angelegenheit rüstete er sich also mit einigem Mut, für die auferlegte Rechtfertigung mit Ergebenheit, zum voraus wissend, daß er sie nicht zum besten bestehen werde, und was den letzten Satz des Hirtenbriefes nicht an die Herde, sondern an den zweifelhaften Unterhirten anging, der sich mit dessen privaten und häuslichen Angelegenheiten befaßte, so sah er sich zu seinem tief betroffenen Verdruß nun doch genötigt, zwischen allen Geheimnissen einen Austrag zu suchen, denn das Geraune oder Geschwätz, wenn es kein Geschrei war -- er wußte ja nicht mehr, was in der Gemeinde vorging --, hatte offenbar bereits den Weg ins erzbischöfliche Palais gefunden und kam ihm von dort in der Form einer sehr ernsten Drohung und einer Vorladung zurück. Er mußte also über diese Dinge zumindest Bescheid wissen, und das war der äußere Grund, warum er Linde zu sich befohlen hatte. Die innere Veranlassung besaß er schon lange.
»Setze dich, Linde«, sagte er nicht ungütig zum Mädchen, als es eingetreten war, und wies ihm einen Stuhl an. »Du kommst nicht zu oft dazu. Warum nimmst du nicht wieder einmal dein Mittel ein? Mir scheint, daß du's brauchen könntest. Am besten wäre gewesen, du hättest damals eine Aushilfsköchin angestellt, als ich's dich hieß. Nun, wie du willst. Hoffentlich geht's mit der Brigitt bald wieder aufwärts. Wie war die Nacht?«
Linde gab Auskunft und wartete wieder. »Hm!« machte der Dechant und ging nachdenkend und mit seiner Verstimmung kämpfend einige Male auf dem Teppich vor dem Bücherregal auf und ab. »Deshalb habe ich dich übrigens nicht herbestellt. Du hast mir vor einiger Zeit eine Auskunft verweigert, du weißt welche, du hast sie sowenig vergessen wie ich. Es brauchte weiter nichts dahinter zu stehen; eine Störung in den innerlichen Beziehungen, sonst nichts. Vom übrigen, dachte ich, werde das Haus von selber rein werden. Nun, derlei Angelegenheiten haben die Eigenschaft, daß sie um sich greifen wie Petroleumflecken. Wo sie hindringen, verbreiten sie üble Gerüche und verraten, daß etwas nicht in Ordnung ist. Heute stellt der Erzbischof dieselben Fragen an mich, die ich damals an dich stellte. So weit haben wir das gebracht, daß man uns von außen ins Haus greifen kann. Du bist mir immer noch die nächste, mit der ich über diese Dinge reden mag. Ich gebe dir jetzt Gelegenheit, unser Vertrauensverhältnis wiederherzustellen. Benütze sie, Kind. Was ist jene Nacht um die Tante vorgegangen?«
Nun war für Linde der Augenblick der Rache da, ganz ungesucht zu benützen und mit dem besten Gewissen zur allgemeinen Befreiung zu wenden. Sie mußte freilich bedenken, ob es möglich sein werde, das Geheimnis der Frau preiszugeben, ohne das eigene zu gefährden, aber sie bedachte es nicht, sondern sagte nach kurzem Zögern: »Ich weiß es nicht!«, ohne eine einzige egoistische Nutzanwendung angestellt zu haben. Aber weil ihr einmal die Triebkraft ihrer Handlungen aus zwei Quellen flossen, der Liebe und der Feindschaft, so erkannte sie neben ihren innersten Gründen der Vornehmheit gleichzeitig einen äußern, der ebenfalls zu einem innern wurde: sie durfte nicht dazu beitragen, die Tante von hier zu vertreiben, denn aus der fortdauernden körperlichen Gegenwart der bittern Frau gewann Linde etwas wie ein Sicherheitsgefühl dafür, daß mit ihrer schwebenden Liebesmöglichkeit -- die Liebe selber hing für diesen Frühling erfroren am Baum -- keine eingreifende Veränderung geschah. Solange sie um Heinzens Geschick sozusagen unter seinen Augen mit der Feindin kämpfen durfte, solange konnte er weder ihr noch sich selber ganz verlorengehen. Nebenher fand sie freilich ihre Gewissenslage gegenüber dem wohlmeinenden Mann und der geistlichen Person fortgesetzt ungünstig.
»Hm!« machte der Dechant, wieder enttäuscht. »Ich hoffe, daß dich kein unangebrachtes Feingefühl hemmt.«
»Mich -- hemmt kein Feingefühl«, sagte sie und glaubte es selber.
»So weißt du auch nicht, was es mit der Geflügelschere der Magd auf sich hat und mit ihrem Nervenfieber? Dergleichen kommt nicht vom Kuchenbacken an eine sonst so robuste Person. Sicher hat sie dir Mitteilungen gemacht! Ihr seid ja wie Mutter und Tochter.«
»Ich weiß -- nichts«, erwiderte Linde mit Anstrengung. »Die Geflügelschere hat sie wohl zuletzt in der Hand gehabt.« Und auf die vorige Frage zurückkommend, sagte sie noch: »Die Tante spricht ja selber von der Lampenglocke.«
Von ihren etwas eintönigen Ableuchtungen gereizt, trat der Dechant ihr ungeduldig näher. »Das ist nicht die Miene, mit der man Wahrheit spricht«, bemerkte er bewegt. »Es fällt mir schwer, dir geradezu ins Gesicht zu sagen, daß du lügst, aber du solltest bedenken, daß ich dich von Kind auf kenne. Nach der Blutspur werde ich dich nun gar nicht fragen; du wirst mir antworten, daß die Tante Hilfe haben wollte. Aber warum fand ich dich am Prozessionsmorgen, als der Betrunkene dagewesen war, so vollständig erschüttert und niedergebrochen? Das sage mir. Darüber mußt du Bescheid wissen.«
Gequält ließ sie ihn wieder einen Augenblick auf Antwort warten. »Ich -- erschreckte mich über den Menschen«, sagte sie dann tonlos und wartete weiter, sie wußte nicht worauf.
Ihm schlug das Herz vor Unmut, und der Blick trübte sich ihm, was bei ihm stets mit großen Gemütserregungen verbunden war. Rasch trat er vollends auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr mit einer innerlich heftigen, doch nicht unzarten Bewegung den Kopf zurück. »Linde«, sagte er leise, beinahe knurrend: »Linde, du weißt, daß ich dich in der Beichte fragen kann! Willst du's darauf ankommen lassen?« Aber als sie ihm nur mit abgewandtem Blick das blasse Gesicht wies und mit festgeschlossenen Lippen schwieg, ließ er ihren Kopf schwer verdrossen fahren und wandte sich, um seine ruhelose Wanderung wieder aufzunehmen. »Es ist gut, du kannst gehen«, sagte er endlich, nachdem er sich wieder gefaßt hatte, mit einer Stimme, die sie noch nicht aufgab, aber die ihr tief erzürnt drohte. »Ich werde die Wahrheit ja von andern Personen im Haus erfahren, aber es wird dir nicht zugut kommen, daß ich zu ihnen gehen muß.«
Linde erhob sich mit einem Seufzer, stand noch einen Augenblick schweigend mit düsterm Blick und verließ dann langsam und unter einem Frostschauer das Zimmer. Draußen fiel sie nach der schlaflosen Nacht und den Erregungen des Morgens eine solche Schwäche an, daß sie zuerst ihr Zimmer aufsuchte, um sich ein wenig auf dem Bett auszuruhen. Sie sank sofort in eine fieberige Bewußtlosigkeit, aber nicht ganz, sondern ein wenig wache Qual blieb immer noch vorhanden. Aus der gewollten Viertelstunde wurden zwei und mehr, so mühselig sie auch um die Herrschaft über ihre Glieder kämpfte. Endlich, als die Tante sie lange nirgends mehr gesehen hatte und auch nicht in der Küche fand, obwohl es ihr längst Zeit zum Kochen schien, ging sie sie suchen und fand sie, wo und wie sie zu finden war. Da sie auch auf kalte und spöttische Worte sich diesmal nicht aufraffte, hieß sie sie mehr, als daß sie ihr erbarmend half, sich vollends zu Bett zu legen. Sie war heute zum erstenmal in diesem Zimmer, das mit einigen Abwandlungen aussah wie überall die Kammer eines gedankenreichen, warmherzigen und reinlichen Mädchens. Alles blickte ihr von Wänden, Tisch und Kommode freundlich und geordnet entgegen. Vor dem kleinen Altärchen der Mutter Gottes standen farbige Strohblumen still und liebreich, und ebenso standen sie vor einem Bild des Leutnants auf der Kommode nicht zum Vergnügen der Tante, und indem sie sich daran erinnerte, was in diesem Zimmer sich gegen ihre Wünsche zugetragen hatte, überfiel sie ein ärgerlicher Verdruß, den sie schwer verbarg. Unterdessen sagte sie singend und unteilnehmend: »Dann sieh nur, daß du morgen wieder zu brauchen bist!« und verließ sie, ohne nach einem Wunsch gefragt zu haben.