Part 16
Von Lindes Zimmer weg stieg sie in die Küche hinunter, um zu sehen, was zu tun sei. Kochen war nun gerade die Angelegenheit, von der sie am wenigsten verstand. Außerdem wäre es zu einem richtigen Mittagessen zu spät gewesen. So fand sie zu ihrem und zum Glück des Dechanten einen Teller kalte Kartoffeln, die sie briet, und ein Töpfchen mit ebensolchem Kohl von gestern, den sie aufwärmte. Der Dechant fand das Glück jedoch nicht übermäßig, und er aß mit geringer Begeisterung. Da er nun außerdem dem Weib, um das sich soviel Dunkelheit und gefährlicher Schein zusammenzog, am Tisch allein gegenübersaß, war ihm auch innerlich nicht wohl, und flogen seine Gedanken wie Schwalben, denen man das Haus zerstört hat, irrend und unermüdlich um sein zerstörtes. Sie beobachtete ihn eine geraume Weile; schließlich fand sie es für gut, das Wort an ihn zu richten.
»Du bist heute schlechter Laune, mein Freund«, redete sie ihn leicht lächelnd an. »Ich glaube, daß du diesen Morgen üble Post bekommen hast. Darf man nichts davon hören? Es wird ja doch mit dem Kirchenbau zusammenhängen, mit dem dein ganzes Wohl und Weh verknüpft ist. Ist dir wieder ein Vorgesetzter in den Weg gefahren?«
Der Dechant zuckte die Schultern. »Es ist die alte Leier«, sagte er unlustig. »Den Leuten dauert alles zu lang; sie glauben, ein Münster bessert sich in einem Tag aus wie ein Ziegenstall.«
»Mit dem Unterschied, daß unter einem Ziegenstall keine besonders wertvollen Geräte gefunden werden«, meinte sie mit leichter Laune. »Mein Freund, man muß nicht mit Leuten über Dinge disputieren, die sie nicht verstehen. Wer etwas durchführen wollte, hat es noch allemal allein schaffen müssen.«
»Ja, wenn die verschiedenen Instanzen nicht wären«, brach er los; ihre Anteilnahme löste ihm die Sprache wie Malzzucker den Husten, und so kam er, ob er wollte oder nicht, auf seine alte Chronik und den Schatz im Chor zu sprechen. »Gut, wenn ich davon nichts wüßte, so möchte doch jeder zu seinem Recht kommen. Aber zu denken, daß wir das Chor schon vorgehabt haben und vielleicht nur zehn Zentimeter mit der Spitzhacke von dem Gewölbe entfernt waren --!« Er schlug sich leidenschaftlich mit der flachen Hand vor den Kopf, ohne zu vollenden.
»Nun, und wer steht dir im Weg zu diesem Schatz?« fragte sie.
»Der Erzbischof!« achselzuckte er lakonisch; sie hörte, daß hier vor seinem Zorn eine Barre über dem Weg lag, und hielt es für gut, sie zu achten.
»Er wird dir schon nicht die Handschrift in Luft auflösen«, sagte sie tröstend.
»Das ist's ja«, zweifelte er trübe. »Wird er was darauf geben? Um einer alten Handschrift willen, die nicht einmal beglaubigt ist, darf er nicht einen solchen Aufwand an Zeit und Mitteln neuerlich zulassen.«
»Wird das einen so großen Aufwand geben?« erkundigte sie sich. Er erklärte es ihr.
»Mit den nötigen Leuten wäre alles zu leisten, aber die kosten auch wieder Geld, und ich bin zu Ende. Ob wenigstens die Regierung auf die Handschrift sich bewegt, ist mehr als fraglich, ohne Beziehungen, wie ich dastehe. Wäre sie mir doch ein Vierteljahr früher in die Hände gekommen. Ist aber das Haus einmal geweiht, so kann ich überhaupt an nichts mehr denken.«
»Das heißt«, warf sie lächelnd ein: »Du wirst an gar nichts anderes mehr denken als an den vergrabenen Schatz. Aber wie wäre es, wenn wir die Sache in der Stille miteinander machten? Wieviel brauchst du denn? Fünftausend? Zehntausend? Ich stehe dir vollständig zur Verfügung. Du wirst doch keine unüberwindliche Abneigung gegen protestantisches Geld haben?«
Aber der Dechant schien eine zu haben. »Liebe Malva«, sagte er erkältet und spröde abspringend: »Das ist gutgemeint, und ich danke dir, aber darüber können wir nicht reden. Ich habe ohnehin schon genug Geschrei um mich.«
Sie merkte, daß sie sich wieder zu weit vorgewagt hatte, und schwieg ein Weilchen. Dann versuchte sie, der Sache von einer andern Seite beizukommen. »Sieh mal«, sagte sie endlich, »du solltest mir nicht die einzige Gelegenheit verwehren, die lange Gastfreundschaft, die ich hier genieße, durch einen kleinen Dienst ein bißchen auszugleichen. Du wirst mich nämlich noch nicht ganz bald wieder loswerden, außer wenn du aggressiv gegen mich vorgehst. Die kleine Stadt und das stille Haus mit seiner saubern und einfachen Atmosphäre tun mir wohl. Ich habe nicht die beste Zeit hinter mir. Davon sprachen wir noch nicht. Du weißt vielleicht noch, wie äußerlich und verhastet du mich von Anfang fandest. Es war etwas Aufgelöstes und Zielloses in mir. Gott, dieser Krieg mit seinen Aufregungen! Dann die Prozesse um den wissenschaftlichen Nachlaß meines Mannes, bei denen beinahe jede menschliche Gemeinheit wenigstens einmal irgendwo durchschlug. Degoutant ist die Eitelkeit und Perfidie in dieser wissenschaftlichen Republik. Nachher das ungeregelte Leben mit Schauspielern und Literaten, durchdisputierte und -gerauchte Nächte auf Diwans oder auf Teppichen am Boden -- wild, selbstbetäubend -- alles um die Öde des Lebens zu füllen, während da draußen das Große vor sich ging. Nun, ich will dich nicht mit Einzelheiten beschweren. Genug, von dieser Unruhe -- vielleicht war's auch eine Hysterie, die in der Zeit lag -- davon habe ich hier schon vieles verloren. Inzwischen wird meine kleine Villa fertig werden; in die Großstadt zurückzugehen hätte ich jetzt einen Schauder. Bist du also nicht durchaus gegen mich eingenommen -- ich bin ja nicht immer ein bequemer und vergnügter Mensch --, so möchte ich bei dir erst ganz zum innern Gleichmut kommen, bevor ich mich wieder weiter hinaus wage. Ich bin immer noch nicht gewisse quälende und verfolgende Traumgesichte los. Manchmal ist's mir, als ob ich über Kellern mit Leichen lebte. Aber reden wir nicht weiter davon. Du hast also gewissermaßen eine Mission an mir. Und nun also, wie gesagt, wäre ich dir geradezu dankbar, wenn du mir Gelegenheit gäbest, auch dir in einem dir wichtigen und wertvollen Handel zu helfen. Ich müßte sogar sagen, daß es mir nicht möglich wäre, länger hier zu sein, wenn du mich daran verhindertest. Das Leben ist doch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.«
Der Dechant war mit einiger Verwunderung in den Augen diesen Ausführungen gefolgt, und die vertraulichen Eröffnungen machten immerhin einen gewissen Eindruck auf ihn, wenn auch keinen durchaus angenehmen. »Du kannst natürlich bei uns bleiben, solange du dir einen inneren Vorteil davon versprichst«, sagte er, über Widerstände zustimmend. »Ich wußte nicht, daß dein Besuch bei uns etwas wie eine Flucht vor der Welt darstellt. Und da auch Linde gegenwärtig nicht zum besten im Stand ist, so kann es nichts schaden, wenn sonst noch jemand sich um das Haus kümmert. Darin würde ich schon Vergeltung genug sehen. -- Was dann das andere angeht, darüber können wir ja noch reden«, schloß er, froh, mit einem guten Abgang den Tisch aufheben zu können.
Im Lauf des Nachmittags zeigte er ihr aber immerhin die alte Chronik, da sie darum bat, und die Pläne des Münsters und ging sogar mit ihr in die Kirche hinüber, um die Anstalt am Platz zu betrachten. Er konnte gar nicht recht hinsehen vor Herzweh und Leidenschaft, indessen die Klingse allerlei Interessiertes und sogar Gescheites über die Sache vorbrachte und jedenfalls in aller Zurückhaltung ganz seine Partei war. Das tat ihm dann doch wieder wohl, und er begann heimlich mit schwach gelichtetem Mißtrauen nach den fünf- oder zehntausend Mark zu schielen, aber doch immer noch mit Mißtrauen.
In der Zeit -- es ging wohl an die zwei Stunden -- lagen die beiden Patienten mutterseelallein im Haus und konnte mit ihnen passieren, was wollte. Brigitt hatte richtig nichts zu essen bekommen, und der Dechant dachte vor lauter ungehobenen Schätzen auch nicht an sie. Über Lindes Zustand besaß sie Nachricht. Das Mädchen hatte sich trotz aller Schwäche einmal hergeschleppt, um zu sehen, ob sie auch zum Ihren gekommen sei. Brigitt log: ja, und trieb nur erschreckt, daß Linde wieder ins Bett kam. Unterdessen litt sie erheblichen Hunger.
Als man ins Haus zurückkehrte, erinnerte er sich ihrer, aber nicht wegen ihres leiblichen Wohls, sondern wegen des bischöflichen Sendschreibens. Bald darauf trat er durch ihre Tür. Sie dachte, er wolle sie nur so wieder einmal besuchen, und war sehr erfreut.
Die Eingangsfragen des Dechanten nach ihrem Befinden beantwortete sie mit einer dankbarlich stolzen Miene, denn wenn ihr Herr sie mit einem Besuch bedachte, so befand sie sich wohl. Darauf kam sie mit einer ernstlich besorgten auf das Mädchen zu sprechen, und er wurde schweigsam. Als er darauf seinem Ziel näherrückte, wurde ~sie~ schweigsam. Schließlich schwiegen sie beide, sie mit peinlich verschlossenen Zügen, denn sie dachte an Lindes Verbot, wenn sie auch in Angst gehorchte, er mit ratlosen und erbitterten, denn jetzt blieb ihm nur noch die Tante übrig oder vor dem Erzbischof das Bekenntnis, daß er nicht wisse, was in seinem Haus vor sich gehe, abgesehen von einer Verschwörung gegen seine Person, deren Grund oder Absicht er aber ebenfalls nicht kannte. Still, doch unbehaglich grollend verließ er endlich die Magd, die in Kummer über die notgedrungene Verschweigung zurückblieb, außerdem selber ein bißchen grollend über seine ablehnende Haltung, als sie ihm von Lindes Zustand gesprochen hatte. Fehlte es ihrem Leib daher noch bis abends, wo ihr die Tante durch ein fremdes Kind ein bißchen Essen hinaufschickte, durchaus an Nahrung, so hatte ihr Geist dafür mehr als genug, wenn sie an die drei Hausgenossen dachte, an jeden mit den zugehörigen Gefühlen. Zum Glück hatte ihr Linde heute früh das ungebärdige Wesen gebrochen, so daß ihr Herz einen geduldigen und ziemlich treuen Takt schlug. Früh nach dem Nachtessen, von dem sie wenig aus der Hand der Feindin genoß, schlief sie ein; als sie nachts doch einmal von ihrem Herzen erwachte, fand sie Linde neben sich.
Der Dechant beschloß, die Tante aus diesem Spiel zu lassen. Er sah Linde, die am nächsten Tag ihren gewohnten Wandel fortsetzte, wenn auch trotz ihres Ruhetages unerquickt, durch den Schluß der Woche stets ergrimmter zu. Am Sonnabendvormittag stellte er sie im Hausgang oben. »Ich erwarte dich morgen zur Beichte«, sagte er fremd und leidend, blickte ihr noch einmal beunruhigt ins blasse Gesicht und ging dann mit raschen Schritten nach seinem Arbeitszimmer. Er hatte vor, die Predigt zu machen, die er morgen zur Abwechslung wieder halten wollte, weil er sich dazu aufgeregt fühlte. Aber es wollte ihm heute kein Satz gelingen, so nahe ihm das Material dafür -- er dachte über die Krankheit der falschen Leidenschaft zu reden -- zur Hand lag, nicht nur in der Person seiner Nichte, sondern viel näher in der eigenen, aber davon war ihm zur Zeit nichts bewußt. Fünf Blätter ballte er ärgerlich zusammen und warf sie in den Papierkorb, bis eines auch noch vielgeflickt und verschmiert zu den andern kam. Als er fertig war, wußte er durchaus nicht mehr, wie der Eingang lautete, und beim Nachlesen bemerkte er, daß dieser nicht im geringsten zum Schluß stimmte. Gereizt und in ziemlich unfrommer Stimmung erschien er zum Mittagessen, das ihm denn auch nicht bekam. Es befielen ihn bald nachher Magenschmerzen, und er mußte Pfefferminztee bekommen; als der nicht half, rüstete ihm Linde eine heiße Leibflasche, die etwas Linderung brachte. Insofern hatte Linde ihre eigene Magenschwäche nicht gestohlen; sie lag in der ganzen Familie. Auf den Nachmittagstee verzichtete er, und zum Abend genoß er nur zwei Stückchen Zwieback, obwohl es Heringe mit Kartoffeln gab, die er sonst zärtlich liebte. Auch dies schrieb er dem Mädchen auf die Rechnung. Er konnte es vor Groll fast nicht ansehen, obwohl es immer noch viel lieblicher dasaß als die Tante, mit der er im wohlgebildeten Hin und Her der Unterhaltung in aller Verstimmung höflich die Blicke kreuzte. Zeitig nach einem verpfuschten Tag zog er sich zurück und konnte beinahe nicht schlafen vor Erregung und vor Herzspannen auf den Morgen.
Fünftes Kapitel
Der Beichtgang. Ein alter Prozeß wird wieder betrachtet. Der Gerichtstag
Als Linde am Sonntagmorgen zur Beichte ging, stand Bob umsonst erwartend und mit kurzen, anfragenden Bewegungen seines Schwanzes da, ob er mit dürfe. »Aber mein armes Kind, du bist doch ein Heidenseelchen«, sagte sie und streichelte ihm den dunklen, ausdrucksvollen Kopf. »Wie willst du denn mit Frauchen beten gehen? -- Das Auge ist heute wieder schlimm; wir müssen's nachher ein wenig waschen. -- Und dann riecht sein Fell wieder nach Mäusen, und das ist immer das schönste an ihm!« schloß sie plötzlich leidenschaftlich, drückte ihn rasch an sich und ging aus dem Vorgarten, während er ihr mit seinem gesunden Auge ernst und denkend nachblickte. Darauf führte er, irgendwie heimlich von ihr erregt, plötzlich die vordere Streckung aus, nachher die hintere, um noch eine ganze Weile unmutig herumzustreichen.
Linde war die Nacht wieder spät zu Bett gekommen. Über dem Schreiben an Heinz und dem Denken an ihn war ihr die Zeit nicht eben glücklich aber schnell vergangen, und schließlich hatte sie ihr doch etwas wie eine Befriedigung zurückgelassen, denn es war ihr gelungen, ihm in freien und lebendigen Worten zu sagen, warum sie dableiben müsse, wo sie war, aber das Beste von allem hatte sie unter die Zeilen versteckt wie die Mutter die Ostereier unter die Buchsbaumhecken im Garten; dort konnte er suchen, wenn seine Sehnsucht am grünen ordentlichen Buchs noch nicht satt wurde. Indessen hatte er der Klingse erst neulich angedeutet, welche Art es mit seiner Unersättlichkeit auf sich habe, und zwischen den Zeilen las er jetzt mehr bei ihr als bei seiner wahren Geliebten. Daß er dabei immer tiefer ins Hungern geriet, bemerkte er halb und halb, und er gab ganz dem Mädchen die Schuld daran, weil es ihn am richtigen Zugreifen hindert.
Nachdem Linde den Brief in den Kasten geworfen hatte, trat sie in den Dom. Der Beichtstuhl des Dechanten stand vorn im Schiff, linker Hand vom Hochaltar. Sie kniete lange auf der andern Seite vor dem einzigen Nebenaltar, den seine Altertumswut der Gemeinde gelassen hatte. Sie betete nicht und dachte auch nicht an weltliche Angelegenheiten, nicht einmal mehr an ihren Geliebten; sie war nur allein mit ihrer unbeschrienen Stunde, ihrem Gefühl von sich und mit der Heiligkeit des Ortes. Über diesem Ausruhen in Gott und im Anschauen der warmen, fromm belebten Kerzenflammen, der Blumen und der heiligen Figuren auf dem Altarbild versäumte sie beinahe die Zeit.
Der Dechant erwartete sie mit ebensoviel Ungeduld als Furcht, seitdem er sie hatte durch die Kirche gehen sehen. Es würde ihn schwer betroffen haben, wenn sie nicht gekommen wäre. Nun sie gesammelt geradeaus zu ihm kam, wünschte er beinahe, sie wäre weggeblieben, und nur die Hoffnung, daß sie wirklich zum Beichten bereit sei, verhinderte ihn daran, ihr zu sagen, daß sie in Gottes heiligem Namen wieder gehen solle, ehe sie diesen gelästert habe. Die formalen Eingangsfragen stellte er mit Mühe und die nach ihrer Mitwisserschaft an fremden Vergehungen beklommen und ohne Hoffnung; sie beantwortete sie ruhig und still vertieft mit bescheidener Stimme und mit hingegebener Gebärde, die ihn doch wieder etwas an sie glauben machen wollte. Als er aber zur Hauptsache kam und sie ernst, doch nicht unväterlich auf eine eigene Verfehlung zum erstenmal geradeheraus ansprach, zögerte sie wieder einen Moment, während ihm das große Herz vor Angst klopfte; dann erklärte sie fest, wenn auch mit derselben milden Stimme und der gleichen ehrfürchtigen Haltung, daß sie sich keiner Verfehlung bewußt sei. Sie war einmal unweigerlich entschlossen, das Geschick ihres Liebsten, das sie in bekannter großherziger Weise auf sich genommen hatte, als eine nicht durch menschliche Gespräche zu verwirrende Angelegenheit zwischen ihm, ihr und Gott zu betrachten und zu erhalten. An diesem Priester hinderte sie, daß er zugleich ein Mensch war; sie hätte einen Erzengel gebraucht, und es war noch sehr die Frage, ob sie diesem gebeichtet hätte. Darum lehnte sie auch des Dechanten dringende Aufforderung, ihr Geheimnis der unpersönlichen Kirche Gottes zur Beurteilung und Absolution zu übergeben, still und streng ab, denn die Kirche, was sie davon begriff, stand auf persönlichen Menschen. Sie kniete da mit blassen, ernsten Zügen, die neuerlich viel bisher verborgen gewesene Lieblichkeiten ergreifend zeigten, und verweigerte in völliger Gefaßtheit, so daß er die seine darüber verlor. Einige Augenblicke schwieg und überlegte er, einen geistlichen Zornanfall schwer niederkämpfend. Endlich sagte er noch ganz darin lodernd und rauchend wie in einem feurigen Busch: »Die Kirche hat Macht, zu lösen und zu binden. Sie löst und bindet dich zugleich. Sie stellt dich auf dein Gewissen, wohin du dich selber gestellt hast. Der Weg zur heiligen Kommunion steht dir frei, aber auf deine Verantwortung. Geh in Gott, wenn du's vermagst.«
Was ihn am heftigsten erschütterte, war die Erfahrung, daß ein Sakrament, das er bisher für eine unbedingte Macht gehalten hatte, die er nur im vollen Ernst zu handhaben brauchte, um ihrer sozusagen automatischen Wirkung gewiß zu sein, ihm in einem ernsthaften Fall wie eine schlechte menschliche Waffe in der Hand splitterte und wirkungslos am seelischen Gegner zerbrach. Das bestürzte ihn geradezu und griff ihm als Schreck an seine apostolische Grundlage, wo wie der Staub beim Erdbeben sich in geheimer Regung der Zweifel vom Boden löste und in Schleiern aufzuwallen begann. Inzwischen kniete Linde noch ein Weilchen betend und in sich gekehrt, wie ihm, der sie mit brennenden Blicken beobachtete, schien. Dann erhob sie sich, um langsam, aber mit gewissen, sicheren Schritten die Kirche zu verlassen. Zur Kommunion trat sie nicht an, und sie hatte auch nicht die Absicht dazu gehabt. Sie wollte ihm nur zu Willen sein, soweit sie das vermochte; darüber hinaus ging sie den selbstherrlich betretenen eigenen Heilsweg weiter, in ihrem Herzen nicht weniger katholisch als zuvor und jedem freien, heiligen Symbol leidenschaftlich zugetan. Er seinerseits, als er die ganze Reihe der Kommunikanten versehen und sie nicht darunter erblickt hatte, atmete auf wie nach einer glücklich überstandenen großen Gefahr, aber nicht im Gefühl, daß damit etwas gewonnen sei. Der Abgrund, der einige Augenblicke sie und ihn hinabzureißen gedroht hatte, drohte weiter, nämlich die finstere Erscheinung ihrer Schuld, von der er jetzt fest überzeugt war. Als er das Mädchen beim Mittagessen nach vollbrachter Predigt wiedersah, schien es ihm fremd und unheimlich wie eine Kranke, die eine Gehirnentzündung zwar mit dem Leben überstanden, aber darüber die Gnade der Vernunft verloren hat.
Im Verlauf dieses Essens brachte die Tante, die jetzt allerlei neue Regsamkeit entfaltete, die Unterhaltung auf Familienzerwürfnisse und was damit zusammenhängt oder dabei in die Brüche geht und kam auf diesem Weg, worauf die ganze Anstalt angelegt war, auf ihr eigenes mit diesem Haus zu sprechen, leicht und lächelnd, wie man lange verwundene und beinahe ganze vergessene Vorkommnisse behandelt, die inzwischen Gesprächsstoffe geworden sind.
»Ja, was ist eigentlich seither aus dem mysteriösen Buch geworden?« fragte sie wie aus einem frischen Einfall heraus. »Hat es sich inzwischen irgendwo gefunden?«
Der Dechant verneinte, und sie fuhr im gleichen angeregten Ton weiter.
»Tolle und eigenwillige Tage waren das eigentlich. Wir waren alle jung und rigoros. Mit der Zeit geht man mit seinen Freundschaften sparsamer um, und daß Menschen einander im wahren Wert entdecken, dazu gehören auch Gelegenheiten. Ich bin ja überzeugt, daß die Kinder mit dem Buch zu tun hatten. Sie waren in jedem Fall Racker, wie übrigens alle echten Kinder. Man muß Kinder nie mit den gewöhnlichen moralischen Maßstäben messen. Daß sie nicht von besonderer Liebe zu mir besessen waren, das haben sie ja reichlich und stets unmißverständlich manifestiert; Linde legte sogar meinen Namen ab. Es ist nichts so amüsant als ein großer Zank, wenn er vorbei ist. Sieht man zurück, so haben sich fast immer alle blamiert und ihre übelsten Seiten aufgedeckt, die sie sonst sehr sorgfältig verbergen. Aber ich meine, Linde könnte uns jetzt schon verraten, wo sie mit dem Buch geblieben ist. Die Verheerungen, die sie angerichtet hat, sind ja inzwischen repariert, und die Heimlichkeit hat keinen Sinn mehr. Wo ist das Buch, mein Kind?«
Der Dechant horchte einigermaßen überrascht von den neuen Ausblicken auf einen alten Prozeß auf und war sofort davon überzeugt, daß seine Schwägerin ihre Gründe habe, sich in dieser Weise hören zu lassen. Schon ordnete er das Vernommene in das neue Charakterbild seiner Nichte ein und fand, daß alles genau zu den übrigen Tatsachen paßte. Daß Linde dann unbewegt mit feindlicher Miene sagte, sie habe das Buch nicht, schien ihm nur programmatische Bedeutung zu haben, indem sie damit ihr System der Heimlichkeiten und Ableugnungen fortsetzte. Die Tante lachte.
»Das will ich schon glauben, daß du es nicht in der Tasche mit dir herumführst. Aber wo ist's hingekommen? Sicher habt ihr's verkauft, um Konfekt und Feuerwerk dafür zu erstehen. Man wird euch heute doch nichts mehr nachtragen; das wäre geradezu töricht, ebenso wie die fortgesetzte Geheimniskrämerei eurerseits. Daß du aber mit dem Buch nichts zu tun gehabt habest, das wirst du jetzt ja wohl selber nicht mehr behaupten wollen.«
Nun lag Linde nichts mehr an diesem alten kindlichen Symbol, das durch ein neues, reifes längs ersetzt war, und wenn der Teufel in eigener Person gekommen wäre, um sie danach zu fragen, so hätte sie's einfach zugestanden, selbst auf die Gefahr hin, dafür geradeswegs in die Hölle fahren zu müssen. Auch dem Dechanten hätte sie auf eine gute, unherrische Frage bescheiden und offen Auskunft gegeben, aber in diese hochmütig falsche Physiognomie war es ihr schlechterdings unmöglich. »Ich kann dir den Gefallen tun oder nicht tun«, sagte sie, ihren geheim drohenden Blick feindlich aushaltend. »Du scheinst dir etwas davon zu versprechen. Gut, wir haben das Buch weggeschafft. Inwiefern bist du jetzt besser daran?«
»Du willst also noch heute den Anschein erwecken, daß ich damals die Schuldige war?« entgegnete die Tante etwas schrill. »Solch ein Widersinn! Wenn sich hier jemand etwas verspricht, so scheinst doch du es zu sein, meine Liebe. Aber ich fürchte, du wirst dich am Ende verrechnet haben. Das Leben geht weiter, gutes Kind.«
»Dann weiß ich nicht, was du willst«, versetzte Linde unbewegt. »Ohnehin vermengst du die Dinge. Ich habe nicht gesagt, daß ich in dem Menschen, der das Buch genommen hat, auch den wirklich Schuldigen erblicke. Das kann doch gut wieder eine Sache für sich sein. Warum läßt dich die Geschichte nicht ruhen? Wenn ich jemand nach dem Ganzen stehe, so kann ich doch meinetwegen auch noch ein Buch entwendet haben. Was liegt also daran!«
Beinahe verlor die Klingse ihre vielberühmte gute Haltung in allen Lebenslagen.
»Das Mädchen ist doch wirklich sonderbar!« sagte sie zum Dechanten gewendet mit einem etwas dünnen Lächeln, das er nicht erwiderte. »Wem willst du denn nach dem Ganzen stehen, du Kücken?« wandte sie sich mißtönig auflachend wieder an Linde. »Ich glaube, du solltest etwas niederschlagende Mittel einnehmen. Ich habe dich nachgerade im Verdacht, daß du in deiner ständigen Erkältung immer mit einem leisen Fieber herumläufst. Willst du dich nicht in ärztliche Behandlung geben?«
»Vielleicht«, sagte Linde, ihren falschen Ton kurz abweisend, und erhob sich, um das Geschirr abzuräumen und den Nachtisch aufzutragen. Die Tante sah ein, daß sie es nachgerade mit einer nicht ungefährlichen Gegnerin zu tun hatte, und über ihre herausfordernde Haltung machte sie sich ernsthaft Gedanken, weil sie nicht wußte, wozu sie dadurch unter Umständen verlockt werden konnte. Sie beschloß, solche Angriffe in Gegenwart des Dechanten künftig lieber zu unterlassen und sich auf scheinbar harmlosere Anlässe zu verlegen, bei denen sie zustechen konnte, ohne dem Mädchen Gelegenheit zu größeren Gegenschlägen zu geben.