Part 17
Nach dem Essen wurden der Dechant und die Klingse in seinem Zimmer, wo sie ihn jetzt manchmal ein bißchen besuchte, bei einer Tasse Kaffee über Lindes Fall noch vollständig einig. Linde zog es vor, gleich ihr Geschirr zu waschen, um nachher eine erlaubte Sonntagsruhestunde zu haben, die sie wohl brauchen konnte. Der Dechant war der Meinung der Tante, daß die Kinder mit dem Buch zu schaffen gehabt hätten, und daß das herausfordernde Scheinbekenntnis auf Wahrheit beruhe. Unterdessen wurde ihm das Verlangen nach dem seltenen und kostbaren Stück wieder rege, und als am Ende die Klingse eine Haussuchung bei dem Mädchen vorschlug, fiel die Anregung nicht ganz auf unfruchtbaren Boden. Seine Bedenken widerlegte sie leichthin. Manchmal müsse im Interesse des Ganzen die höhere Autorität durchgreifen, zumal das Mädchen ein unberechenbarer Kopf sei und von selber aus der Affäre niemals herausfinden werde. Außerdem wisse man doch auch nicht, welche Motive es über dem Buch so festhielten. Soviel sie wisse, enthalte es etwas drastische Illustrationen zu den angeblichen Schönheiten der christlichen Kirche, in Wahrheit der berühmten Sulamith, und zu dem Liebesverkehr zwischen ihr und Salomo. Der Dechant sei überhaupt zu tadeln, daß er solche Spezialitäten nicht sorgfältiger unterbringe; man könne nun nicht wissen, was das Buch sonst noch alles verschuldet habe. Der Dechant suchte sich ihrer etwas kahlen Bewertung des sanktionierten Buches zu erwehren, aber in der Anwendung auf das Mädchen schlug sie durch, und die Haussuchung wurde beschlossen; der Dechant erteilte der Tante den formellen Auftrag dazu.
Mit diesem Beschluß besserte er freilich nichts an der Beklommenheit, mit welcher er der morgigen Audienz beim Erzbischof entgegensah. Die Tante versuchte noch einmal vorsichtig, ihren lackledernen Schuh auch auf diesen Weg nach Canossa zu setzen, aber sie merkte, daß der Boden für sie Glatteis war, und zog den Fuß unauffällig zurück. Für den Rest des Abends wünschte er dann allein zu sein und brachte es auch zustande, ohne viel Vergnügen davon zu haben. Die Nacht schlief er nicht, und am andern Morgen saß er schweigend wie ein Grab im Abteil zweiter Klasse und fuhr zum Gerichtstag.
Der Anfang der geistlichen Unterhaltung wickelte sich genau so ab, wie er erwartete, der Fortgang nicht nach Wunsch, und der Schluß nahm eine strenge, überraschende Wendung. Ihn empfing ein hoher Greis in der schwarzen Soutane, mit wenig äußeren Abzeichen der Würde, dagegen, wie ihm schien, seit dem letzten Sehen noch vermehrten innern. Er wurde sitzen geheißen, und so begann das Verhör. Gegen die vernachlässigte Gemeindepflege und die vielen ausgefallenen Predigt- und Beichthandlungen konnte er sich nicht verteidigen; dafür nahm er gefaßt und düster einen wohlverdienten ernstlichen Verweis hin. Über die Ursache und Quelle aller dieser geistlichen Verdrießlichkeiten, die Kirchenrenovation, wurden dann die sehr ernsthaften Männer miteinander einig, das heißt, der Dechant wurde mit dem Erzbischof im Prinzip einig, daß diese ärgerliche Kirchenstörung jetzt ein Ende haben müsse. Der Erzbischof, eine freie, männliche Gestalt von bedeutender Eindrucksfähigkeit, erklärte sich noch des näheren dazu.
»Habe ich dich zum Kunst- und Totengräber der Gemeinde bestellt oder zum obersten Seelsorger? Hast du eine unüberwindliche Leidenschaft, zu graben, so grabe in deiner Gemeinde, aber nicht nach Kunst, sondern nach der göttlichen Natur, und nicht nach toten Dingen, sondern nach lebendigen Seelen. Dagegen wirst du genug Kunst und noch viel mehr herzliche Natur und Frömmigkeit brauchen, um die frühere Willigkeit und den verlorenen Kirchensinn deiner verwilderten Gemeinde wiederherzustellen. Du hast eine murrende und aufsässige Parochie, die dich denunziert, und eine solche Verfassung ist der rechte Boden für sittliche Verwahrlosung und für jede unbotmäßige und auflösende Anregung von außen. Die Altertumskunde steht auf keinem ausgesetzten Posten, aber deine Gemeinde. Als ich dich darauf setzte, versprach ich mir von deinen mystischen Kräften eine Erweckung der Seelen zu Gott und eine Erregung Gottes für deine Seelen, aber ich bemerke, daß du die Seelen, anstatt sie zu erwecken, verdrießest, und Gott ist nicht durch deinen großen Glauben erregt, sondern durch dein eigenwilliges und ungefaßtes Treiben gestört. Von der Fürstlichkeit deiner Mission zwischen Gott und deiner Gemeinde gibst du der Welt wenig Begriff. Wie soll die Welt glauben, wenn du ihr nicht Gott erscheinen läßt? Und wie soll Gott erscheinen, wenn du nicht täglich neu sein Schöpfer bist? Willst du aber Kunstgeschichte erscheinen lassen, so bewirb dich um einen Lehrstuhl. Du bewarbst dich um einen Auftrag der Ewigkeit, als du die Weihen nahmst, und hast bisher noch keine gegenteilige Erklärung getan. Das unendliche Wesen, das die Welt erfüllt, hat kein Interesse an alten oder neuen Kreuzen, Monstranzen und Meßgewändern, sondern an frommen und ergriffenen Seelen und am Glück seiner Erscheinung in der Zeitlichkeit. Wenn es nicht durch unsre erleuchtete Zeugungs- und Zeugenkraft in der Gemeinde erscheinen kann, durch welches Medium soll es dann erscheinen? Die Welt ist roh und zynisch, und das menschliche Hirn ist dumpf und eng. Mit diesen verhindernden und gottfeindlichen Eigenschaften hängst du durch deine Eitelkeit zusammen. Du bist der Ewigkeit zugewandt, oder du bist der Welt zugewandt. Steckte in dir nichts als ein beschlagener Pfaffe, von denen alle Wege wimmeln, so möchtest du auch noch laufen. Aber von dir will ich mystische Entfaltung sehen, und darum befehle ich dir durchaus: Laß diese Liebhaberei, die dich zur Liebe unfruchtbar macht! Sieh zu, daß du mir nicht länger deine Gemeinde im Glauben störst und Gott in der Erscheinung verhinderst. Du läufst Gefahr, zwischen diesen beiden Mächten vernichtet oder versteinert zu werden, aber ich würde nicht so lange zusehen.«
Nach dieser ernsten Zusprache wäre dem Dechanten eigentlich nichts anderes übriggeblieben, als sein Herz vollkommen zu geben oder vollkommen zurückzunehmen. Er tat immer noch keines von beiden, sondern war zwar zum ersteren grundsätzlich bereit, suchte sich aber vorher den Gewölbeschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg zu retten, was jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle getan haben würde. Und zwar versuchte er in aller Bescheidenheit den Gegenbeweis gegen die Behauptung zu erbringen, daß das höchste Wesen kein Interesse an Kreuzen und Geräten habe, besonders an solchen, die durch Alter und Geschichte geheiligt seien. Sobald es feststehe, daß die Kirche Gottes Offenbarung in der Endlichkeit sei, stehe es auch fest, daß diese Kirche Symbole und Mittel der Veranschaulichung brauche, und daß darunter jene die zweckmäßigsten seien, die den frommen Grundgedanken am frömmsten und am nächsten beim Grund erfaßten und ausdrückten. Diese Nähe könne sich dokumentieren sittlich und zeitlich, sittlich durch das augenblickliche starke Erleben, das aber jetzt ganz fehle, zeitlich durch das Herkommen aus stark erlebenden Epochen, wie die frühen Zeiten des Christentums und das Mittelalter welche gewesen seien. Solche Symbole könnten darum niemals tote Geräte sein, weil sie ihr Leben in sich trügen, das sie offenbarten ebenso durch die Erscheinung in der Wahrnehmbarkeit wie jedes Sein. Darum stehe er auf dem Standpunkt, die Aufdeckung solcher alten Formen der Frömmigkeit für ein verdienstliches Werk zu halten, weil eine Ergriffenheit immer die andere wecke, und zwar eben durch das sinnenfällige Erlebnis, welches sich dann in der Seele zum übersinnlichen umsetze. Den deutschen Katholizismus zum Beispiel aus der formalen Verflachung und Vergröberung aufzuschrecken oder herauszulocken, in die ihn der im Grund ganz weltliche und phantasielose jesuitische Barock gebracht habe, der jetzt überall herrsche, bedeute ihm eine Tat und eine Erweckung. Die großen Epochen der deutschen Kirche seien unter den Zeichen der Gotik gegangen, und eben diese innigen und ergreifenden Gestaltungen einer verlorengegangenen deutschen Gefühlsweise seien es, die er als Anschauungsmittel nicht nur der gedankenlosen modernen Kirchenindustrie entgegenhalten wolle, sondern auch dem romanisierten und ausländischen, undeutschen Kirchenstil im katholischen Deutschland. Was der Mensch sehe, das erlebe er. Erblicke er überall banale, leere, barocke Formen, pathetische, inhaltlose Heiligenbilder, Industriekreuze und Industriemonstranzen, -Leuchter, -Fahnen, -Weihrauchfässer und -Meßgewänder, so müsse auch das Erleben danach sein, das davon durch die Sinne in die Seelen eingehe, denn in der Kirche erblickten die Leute mit Recht das Vorbild und die große Erzieherin. Mit einem Wort, er sprach sich zu guten Quellen durch und wurde so geistig frei und eifrig, wie er nicht gedacht hatte, daß es ihm heute gelingen würde. Er machte sogar dem hohen Herrn nun einen gewissen Eindruck, so daß er anfing, aufmerksamer hinzuhören. Der Erzbischof war zwar zu alt geworden, um noch auf Worte viel zu geben, aber auch erfahren genug, um zu spüren, wo hinter ihnen ein Leben stand, und auf nichts so erpicht wie auf dieses. Der erweckte nationale Ton, der aus den Darlegungen des Dechanten klang, die Anrufung der gotisch-deutschen Kindlichkeit gegenüber der jesuitischen-barocken Altklugheit berührten ihn in einer Tiefe, wo während des langen schweren Krieges viele deutsche Menschen leidend und wach geworden waren. Als sich dann aber die Beweisführung wieder dem Kunsttrödel und im weiteren der alten Handschrift und dem Gewölbeschatz zuwandte, kehrte sich der Greis mit einer enttäuschten und etwas müden Bewegung von ihm ab.
»Woher nimmst du nur das viele Geld, das du in diese Liebhaberei steckst?« fragte er, um zunächst nur seinen Verdruß zu überwinden, aber mit einem immerhin so hörbaren unmutigen Ton, daß der Dechant, der nicht den Dom, aber das ganze darin errichtete Tabernakel seiner Ruhmsucht schon wanken sah, eilig mit Stützen herzusprang, nämlich mit dem Interesse, das seine Bemühungen schon in weiten Kreisen gezogen hätten, mit der indirekten geistlichen Wirkung auf Gesellschaftsschichten, die sonst der Kirche, besonders der katholischen, fernständen -- er dachte an die Klingse --, und mit dem dorther rührenden neuerlichen Hilfeangebot, alles in allem diplomatisch ganz brauchbare Argumente, nur daß sie auf den Erzbischof nicht wirkten oder dann höchstens verdrießlich.
»Sprichst du von der Verjesuitung der Kirche und bist selber ein Jesuit?« fuhr er ihn an, während seine deutschen blauen Augen ihn unter den weißen Brauen hervor erzürnt anloderten. »Und willst du es unternehmen, die Kirche mit einem so unsauberen und eitlen Besen zu kehren? Mein Sohn, deine Reden von der Kindlichkeit der deutschen Gotik und der innigen deutschen Seele scheinen mir zur Zeit noch blauer Dunst, den du Gott, uns und deiner Seele vorzumachen strebst, um deiner weltlichen Leidenschaft zu frönen. Deine ›interessierten Kreise‹ lassen mich ganz gleichgültig, und was deine Bemühungen angeht, so untersage ich dir, im Chor oder sonstwo in der Kirche auch nur einen Stein umzuwenden. Die Renovation ist das Werk der weltlichen Behörde; ich will nicht, daß du dich im mindesten weiterhin dareinmengst. Um noch auf deine vorigen klugen Beweisführungen zurückzukommen: was war zuerst da, ein erstes Äußeres oder ein erstes Inneres?«
»Unzweifelhaft ein erstes Inneres«, antwortete der Dechant ungern und verstimmt.
»Es ist gut. Vergiß das nicht wieder, dann wird es dir nicht zu schwer fallen, den vergrabenen Kirchenschatz zu vergessen. -- Ich erhalte Mitteilungen über dein häusliches Leben oder das Leben der andern in deinem Haus, die mir zweifelhaft erscheinen lassen, ob du deine Angelegenheit noch so in der Hand hast, wie ich es bei einem katholischen Geistlichen voraussetzen muß. Was ist das für eine Frau, die unter deinem Dach wohnt?«
Der Dechant sagte, daß sie die Witwe seines Stiefbruders, des Professors Klinger, sei, die in seinem Haus Heilung von einem Gemütsleiden suche. Wenigstens äußere sie sich in diesem Sinn.
»Hm. Was hat das mit den Geschichten auf sich, die um diese Frau gehen? Man erzählt sich von blutigen Ereignissen, an denen nach allem, was man hört, etwas sein muß. Das übrige ist zu abenteuerlich, als daß ich es anführen will. Was ist in Wirklichkeit vorgefallen?«
»Eminenz«, sagte der Dechant, während ihn sein ganzer menschlich-geistlicher Bankrott wieder anrannte: »Eminenz -- ich weiß es nicht.«
Der Erzbischof zog betroffen die Brauen hoch. »Du weißt es nicht?« sagte er verwundert. »Du weißt nicht, was in deinem Haus geschehen ist? -- Nun, dann bist du ein ebenso schlechter und blinder Hausvater, wie du ein Seelensorger scheinst. Ich glaube, daß deine ganze Aufmerksamkeit um den Gegenstand deiner Leidenschaft versammelt ist, und so bietest du das für einen höheren katholischen Geistlichen nicht eben würdige Bild eines balzenden Auerhahns.« Er betrachtete ihn einige Sekunden mit sichtbarem Zorn. »Hattest du denn keine Mittel, diese Geheimnisse in Erfahrung zu bringen? Oder hast du dich überhaupt nicht um sie gekümmert vor lauter Antiquitäten?«
Der Dechant berichtete in großen Zügen den Hergang seiner vergeblichen Bemühungen, hinter das Geheimnis zu kommen.
»Und die Beichte hat auch versagt?« fragte der Erzbischof.
Der Dechant bejahte, und der alte Mann schien einen Moment zu stutzen.
»Nun, ein Sakrament ist in der Hand eines Priesters, wozu es der Priester macht«, sagte er dann ernst. »Sei heilig, und deine Sakramente werden's auch sein. Sei eitel, und deine Sakramente sind's mit dir. Sieh zu, daß diese Frau bald wieder aus deinem Haus kommt. Und laß mich in einem Monat hören, wie es bei dir aussieht.«
Damit war der Dechant entlassen.
Sechstes Kapitel
Die weltliche Versuchung tritt an den Dechanten heran. Linde muß sich ein peinliches Verfahren gefallen lassen. Eine Geburtstagsüberraschung. Die Weihnachtsfeier
War der Dechant mit dem Schweigen eines Grabes hinausgegangen, so kam er vollkommen abgründig zurück. Der Tante meldete er ziemlich lakonisch den Erfolg der Audienz, und die Klingse sah ein, daß ihr ungefähr soviel mehr erlaubt war zu sagen, als er mit seinen Äußerungen hinter dem Erlaubten zurückblieb. So sagte sie denn, und es war allerlei Kahles und Abschätziges über die Weltfremdheit eines Kirchenfürsten dabei, und was sich sonst so mit guten Gründen unverfänglich noch zwischen die beiden Männer werfen ließ. Es tönte ihm lange nicht alles gut, dafür hatte er zuviel Ehrfurcht vor wirklicher Größe im Leib, aber es fiel ihm doch auch schwer, ihr geradehin unrecht zu geben. Einem gewissen Gedankengang, den sie heute zum erstenmal offener vor ihm ausbreitete, hörte er zwar schweigend, aber nicht unaufmerksam zu. Sie riet ihm, der Kirche sein Amt zur Verfügung zu stellen und sich ganz der wissenschaftlichen Karriere zuzuwenden, wenn er denn doch einmal seine Hauptbefriedigung auf diesem Gebiet finde. Sie könne ihm sagen, daß es ihm gar nicht so sehr an Konnexionen fehle, wenn er nur seinen Hang zur Selbstherrlichkeit aufgeben wolle. Zum genannten Ziel ständen ihm bei den einschlägigen Leuten viele, wenn nicht alle Wege offen. Längst sei man auf seine Tätigkeit aufmerksam geworden, und seine Publikationen hätten Eindruck gemacht. Dazu komme, daß er nicht als Fanatiker bekannt sei und man immer gern die Gelegenheit wahrnehme, der katholischen Kirche oder dem Ultramontanismus ohne Beschwerden eine Reverenz zu erweisen. Er solle sich darüber einmal klarwerden; was sie könne, das wolle sie ihm sehr gern vorarbeiten, und sie glaube, daß es nicht ganz unwesentlich sein werde.
Zu diesen Ausführungen sagte er also nicht viel, aber sie merkte wohl, daß sie ihm zu denken gaben, und war dann klug genug, ihm das übrige allein zur Weiterentwicklung zu überlassen. Dagegen nahm sie sich vor, gleich einmal einen ersten Fühler nach jenen Regionen auszustrecken. Ihren zweiten Vorschlag jedoch, sich ganz einfach über den Kopf des Erzbischofs hinweg mit der weltlichen Behörde ins Einvernehmen zu setzen oder noch besser die Nachgrabung mannhaft auf die eigene Kappe zu nehmen, indem er die Sorge um Gewinn oder Verlust ihr überlasse, das heißt, ihr den Verlust, während ihm in jedem Fall der Gewinn zufalle: diese Versuchung wies er kurz und bündig ab. Inzwischen erwürgte er beinahe an dem Verbot, und überfiel ihn jedesmal eine innere Tobsucht, wenn er durch die Kirche ging und sein Blick ins Chor fiel, dessen frisch gelegte, glatte, saubere Steinplatten solche Schätze bedeckten.
Übrigens kamen in dem Brief, den die Klingse nachher an einen großstädtischen Freund schrieb, folgende Sätze vor:
»Sie werden sich wundern, daß ich mir so lange in einem hessischen Kleinstädtchen gefalle. Aber erstens ist mein Schwager eine sehr bedeutende katholische Persönlichkeit, und die Gelegenheit, in das großartige Räderwerk der katholischen Kirche hineinzusehen, soll sich unsereins nicht entgehen lassen, denn was wissen wir lutherisches Volk von Rom. Es laufen hier schon allerlei Fäden zusammen, wie Sie sich denken können. Es ist die bekannte historische Stelle, wo jene germanische Eiche geschlagen wurde. Dann, wie Sie mich kennen, werden Sie auch begreifen, wenn ich unermüdliche Schrittmacherin des männlichen Talentes eine Gelegenheit nicht umgehen kann, meinem Schwager in einer schwierigen Zeit etwas beizustehen. So ganz kann ja auch ein katholischer Geistlicher nicht auf die spezifischen Fähigkeiten der Frau verzichten, wenn er vorwärtskommen will, und zu leicht verfallen diese Herren in den kleinen Verhältnissen, bevor sie auf große Plätze kommen, der Liebhaberei, den Gefahren des bekannten deutschen Gemütes. Er ist etwas metaphysisch versponnen, was der Sage nach nicht einmal einem kirchlichen Karrierejäger zuträglich sein soll, obwohl, ebenfalls der Sage nach, in der Kirche das Übersinnliche, die Kraft des Gemüts das A und O aller Spekulation bildet. (Sie schrieb diese Buchstaben griechisch, ohne Griechisch zu können.) Nun vollends bei einem Menschen, dem möglicherweise ein großer Weg in der Gelehrtenrepublik beschieden ist. Sie wissen ja genügend von den kunsthistorischen Studien des seltsamen Mannes und haben mir selber zu mehreren Malen etwas sehr Gutes darüber gesagt. Nun scheint es, daß er sich mit dem Gedanken trägt, die geistliche Laufbahn mit der weltlichen zu vertauschen. In Frage käme wohl ein kunsthistorischer Lehrstuhl, zu dem nach meiner Meinung die Qualifikation wohl erbracht wäre. Ich möchte, daß ihm in dieser Krise Förderung von außen entgegenkäme, und Sie habe ich dazu besonders designiert. Recherchieren Sie einmal beim Ministerium; Sie haben ja die offenen Wege dazu. Wenn Sie ernsthaft rekommandieren, so wird man sich dort nicht verschließen. Und dann wäre es sehr nett von Ihnen, wenn Sie einmal herüberführen, um sich die geleistete Arbeit an Ort und Stelle anzusehen. Ich befehle es Ihnen nicht geradezu, aber Gehorsam würde sehr guten Eindruck machen.
Sie sehen nun also, was für Interessen das sind, die mich über die Entbehrungen trösten, die einer verwöhnten Großstädterin immerhin bemerkbar werden. Aber nebenbei ist das ein so entzückendes, originelles Städtchen, ein so bezauberndes historisches Denkmal der alten, gemütvollen deutschen Seele, die, ach, so irrationell ist, daß man sich daran nicht leicht satt sehen kann. Jeden Tag ist es wieder neu. Außerdem ist es einfach eine Fundgrube für historische Studien, denen ich mich ergeben habe, eine ganz glänzende, einzigartige Gelegenheit, den charaktervollen Baustil einer vergangenen Zeit und eines rein erhaltenen erdenstarken, ursprünglichen Volkes zu studieren. Sie werden wieder sagen, daß die Kunstbegeisterung mit mir durchgehe, und daß ich die Menschen als Volk überschätze. Aber was wollen Sie? So ist man einmal geartet. Armseliger Volksfreund, den ein paar Fehler abschrecken! Und das Volk ist doch der Nährboden! Es enttäuscht nie! Das merken Sie sich nur, Sie kleiner Zyniker. Hier ist Gefühl, Kraft, Übersinnlichkeit und sind innere Mächte fortwährend an der Arbeit. Was wissen wir vom Volk!«
Was sodann das erzbischöfliche Gebot der Hausreinigung anging, so verharrte der Dechant ihm gegenüber vorläufig in einer verstockten und leidenden Regungslosigkeit. Abgesehen davon, daß die Tante jetzt in manchen ihm wichtigen Angelegenheiten seine einzige Mitwisserin geworden war, so hatte er sich auch sonst vielfach an sie gewöhnt, und war sie ihm in einer Reihe von Dienstleistungen, in denen sie nun doch Lindes Stelle vertrat, scheinbar unentbehrlich geworden. Freilich störte ihn in dem neuen Vertrauensverhältnis eine innere Unbehaglichkeit, die mit der Ermahnung des Kirchenfürsten wie mit einem Sonnenspiegel in der Hand vor ihm stand und ihn jedesmal in die Augen traf, wenn er sie eben mit einem offeneren Blick auf die neue Hausfreundin richten wollte, so daß er auch auf dieser Seite zu keiner Ruhe kam. Wie das Essen, so hörte allmählich das Leben auf, ein Genuß für ihn zu sein. Die Geschichte des Domes starrte ihn neuerlich an wie ein Klavier ohne Seiten und Tasten, und er brachte durch Wochen keine Zeile mehr zustande. Sogar das Museum verlor seinen heimlichen Glanz vor dem unheimlichen, den der Phantasieschatz in seinem Hirn ausstrahlte; die schönen alten gotischen Sachen rückten ihm fern wie auf höheren Befehl und sahen ihn von weitem fragend und ein bißchen befremdet an. Den anbefohlenen Bericht nach einem Monat blieb er weniger aus Trotz als aus Ratlosigkeit schuldig, unbeweglich den Maßnahmen entgegensehend, die der Erzbischof weiter gegen ihn verfügen werde. Aber er verfügte nichts, vor allem, weil er wußte, daß solche Entwicklungen nicht auf Befehl marschieren; es hätte ihn vielmehr befremdet, vom Dechanten per Ultimo pünktlich die erste Rate seiner Bekehrung zu empfangen. Der Dechant seinerseits bemerkte mit einer trüben Verwunderung, daß er vorläufig in Ruhe gelassen wurde.