Part 18
In der Zeit ging die Haussuchung bei Linde vor sich. Die Klingse übereilte sich nicht damit, sondern nahm sich eine Woche Zeit, bis der Dechant selber danach fragte. Dann ging sie mit seinem vollen zeitlichen Wissen daran. Das Hohelied fand sie nicht, dagegen hübsche und ordentlich zusammengelegte Mädchenwäsche, einige stille Bücher, darunter Calderons »Ein Leben, ein Traum«, eine kleine Ausgabe von Schillers Werken und ein schönes Legendenbuch der hauptsächlichsten Heiligen. Ferner fand sie, was sie ungern entdeckte: die Liebesschriftstellerei des Soldaten an Linde. Sie warf diese Literatur eines Gestorbenen innerlich erregt aus ihrem pietätvollen Begräbnis, einem Ebenholzkästchen mit Silberbeschlägen, konnte aber dann doch nicht dem schmerzenden Drang widerstehen, einen Blick hineinzutun. So las sie mit geröteten Wangen und raschem Puls und Atem einige Seiten aus seinen ersten Feldbriefen, die noch seine kindliche Seele und sein reines sinnliches Feuer enthielten. »Geliebtes einziges Mädchen!« stand auf der einen. »Das vergess' ich Dir meiner Lebtage nicht! Du weißt, daß mir die Frau nicht fremd war, aber das, Du wahrhaftige Schönheit und Güte, das gibt es auf der Erde einmal in Dir und nicht wieder. Ich weiß nicht, ich muß ganz verwandelt sein. Manchmal meine ich, ich müsse Dir gleichen. In meinen Händen habe ich ein Gefühl, als seien es die Deinen, und als würde ich nie wieder eine Niedrigkeit damit begehen, nicht einmal eine Gewöhnlichkeit. An Dir ist ja alles so ungewöhnlich und unsagbar vornehm in aller Leidenschaft der Liebe. Ich hätte niemals erwartet, daß soviel Weibs in Dir steckt. Glaube nicht, daß ich der Narr bin, der so was jemals vergißt und aus den Händen läßt. Dafür ist schon meine Habsucht zu groß, meine männliche Gier nach Erlebnis und dem Außerordentlichen. In Dir sind ja Welten von Überraschungen, Wohlgerüche, die in Wolken aus Dir aufsteigen. Ich rieche noch völlig nach Dir. Nein, nein, Du Weib aller Weiber, wo ein Mann einmal in einen solchen heißen Strudel des Frauenlebens hineingeraten ist, der doch so kristallen und rosenrein und blumenbunt -- Was sind Worte! Hätt' ich Dich wieder in den Armen! Ach du mein Gott, was sind alle Gewitter der Schlacht und des Todes gegen diesen Lebensorkan!« Soweit las sie, um dann mit einer erbitterten Aufwallung plötzlich die »ganze idiotische Schreiberei« wegzupacken, das meiste in die Schachtel zurück und den ärgerlichen Rest, den sie nachher noch bemerkte, in irgendeine Schublade. So verschaffte ihr das Unternehmen doch nur einen gewissen Triumph, nämlich einen gallenbittern und ganz in Haß bebenden. Sie gab sich keine Mühe, Spuren verwischen zu wollen, sondern hinterließ das Zimmer in dem Zustand, in den sie es gebracht hatte, die Wäsche verwühlt und zerknittert, das Bett aufgerissen und durcheinandergeworfen, Schranktüren und Schubladen offen, Bilder umgestürzt und Bücher heruntergeworfen, das alles aber nicht aus bewußter verletzender Absicht und vorgefaßter Berechnung, sondern aus einer nervösen Hast, die einem hysterischen Anfall glich, im Bestreben, möglichst bald wieder aus einer Atmosphäre herauszukommen, in der sie wieder alles mögliche erlebt hatte, nur keinen moralischen Sieg. Um sich von ihrem Anfall zu sammeln, brauchte sie außerdem nachher auf ihrem Zimmer eine ganze Reihe von vernunftmäßigen Erwägungen und sogar einige Mixturen, Kölnisches Wasser und eine Stunde unbewegliches Liegen auf ihrem Langstuhl, und zum Essen erschien sie immer noch unruhig und reizbar genug.
Linde erschien bleich und mit dunklen, stillen Augen, ohne sich eine Mädchenblöße zu geben, denn im Leid besaß sie nun schon Erfahrung.
»Man ist heute in meinem Zimmer gewesen«, sagte sie, als auch der Dechant da war, mit beherrschter Stimme. »Meine Sachen sind alle untereinander gebracht. Kann mir jemand sagen, was das zu bedeuten hat?«
Die Tante wechselte einen Blick mit dem Dechanten. »Du nimmst also ohne weiteres an, daß jemand von uns daran beteiligt war?« fragte sie mit einiger Spitze zurück. »Sieh mal an, was für ein feinfühliger Mensch du bist, und was für ein reines Gewissen du hast!«
»Ein Verbrecher hätte sich anders bewegt«, entgegnete sie kurz und angewidert von ihrer Verstellung; auch dem Dechanten war sie unangenehm. »Er hätte meine Uhr und meine Ringe mitgenommen.« Sie schien das Thema fallen lassen zu wollen, aber die Haltung des Mädchens reizte die Tante so auf, daß sie gegen ihre Absicht schneidend versetzte:
»Und was hat man dir so mitgenommen?«
»Mir fehlen Briefe im Kasten«, antwortete Linde, indem sie ihrer Gegnerin in die Augen sah.
Einen Moment betrachtete die Frau das Mädchen, verblüfft von dieser Tollkühnheit, dann lachte sie amüsiert und ohne jeden Mißklang auf, so daß der Dechant, der selber einen Moment gestutzt hatte, ihr glaubte und sich gegen Linde wandte.
»Wenn du schon solche Maßnahmen gegen dich nötig machst«, sagte er unwillig, »so solltest du mit deinen Äußerungen in diesem Haus doppelt vorsichtig sein, denn wegen besonderer Wahrheitsliebe stehst du gegenwärtig nicht im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Die Briefe, wenn sie dir wirklich an einem Ort fehlen, werden an einem andern zum Vorschein kommen, wenn du suchst. Dagegen wirst du die Tante wegen dieser Geschmacklosigkeit um Verzeihung bitten, und zwar sofort.«
Die Angelegenheit hatte dieser aber nicht erst jetzt eine unerwünschte Wendung genommen, und sie legte sich abwehrend ins Mittel.
»Laß nur, Klemens«, sagte sie weise und welterfahren. »Bei solchen erzwungenen Versöhnungsszenen kommt nie etwas heraus; keinesfalls sind sie nach meinem Geschmack. Die Briefe werden in eine Schublade geraten sein, und die ganze Bagatelle lohnt nicht die Worte. Inzwischen muß sie erfahren, worum es sich überhaupt handelt. Meine Liebe« -- wandte sie sich, jetzt wieder erhaben singend, an Linde --, »der Onkel hat mich beauftragt, wegen des Buches in deinem Zimmer Haussuchung zu halten. Hast du noch weitere Beschwerden, so wende dich bitte an ihn. Ich darf mich wohl nach erfülltem Auftrag aus der Angelegenheit zurückziehen.«
So hatte sie sich nicht nur wiederhergestellt, sondern noch auf ein vornehmes Piedestal gebracht, und dem Dechanten erschien es zum erstenmal, daß dies Weib wirklich weltmännische Lebensart besitze. Er richtete unwillkürlich sein weiteres Verhalten danach ein, und sie bemerkte, daß sie Eindruck gemacht hatte. Da er ja ohnehin immer öfter in sehr verschwiegener Erwägung nach der großen Welt ausblickte, wo nach vielen glaubwürdigen Autoren Freiheit und Glück herrschen, so gewann sie ihm als deren Vertreterin eine ganz besondere Bedeutung, die jetzt immer mehr in den Vordergrund seiner Betrachtung trat; er ließ sie in der letzten Zeit freier und breiter zum Sprechen kommen, froh, daß er in der Hauptsache schweigen durfte, und sie war beflissen, vor seinem schwermütig wühlenden Blick das Gespinst des geselligen Lebens und der ungehemmten Personalmöglichkeiten auszubreiten, von denen ihm, wie er selber dachte, zur Zeit das strengste Gegenteil zugemessen schien. Doch gelang es ihr nicht, die steckengebliebene Geschichte des Domes durch ihren Einfluß wieder in Gang zu bringen, sowenig wie sein ganzes steckengebliebenes Leben, das unruhig vor dem Hindernis stand und dunkel strudelnd und seine Überschwemmungstrümmer im Kreis treibend seine Wassermarke höher schob.
Im Dezember näher bei Sankt Niklaus als bei Weihnachten hatte Linde ihren Geburtstag. Sie bekam vom Dechanten ein paar neue Schuhe und Briefpapier. Sein Glückwunsch lautete nur ihre Gesundheit betreffend klar, sonst hielt er sich in mehr ausweichenden Wendungen und deutete höchstens an, daß man sich von ~ihr~ etwas mehr Glück wünschen möchte, aber die Aussichten dazu Gott anheimstellen müsse. Die Tante schenkte ihr eine zu elegante, verschließbare und »diebessichere« Kassette mit Geheimschloß und Metallbändern, das Ganze mit einem etwas maliziösen Lächeln und mit dem Wunsch, daß sie im neuen Jahr viele recht angenehme Briefe darin unterzubringen haben werde. Von Heinz war pünktlich einer eingetroffen, doch ohne besonders angenehm zu sein. Er wünschte in freundlicher und teilnehmender Weise für das neue Jahr eine bessere Gesundheit und berichtete übrigens wieder von harten Kämpfen, alles ein wenig enttäuschend und geschäftsmäßig. Die große freudige Geburtstagsüberraschung wurde nicht von diesen Hauptpersonen, sondern von der Magd ins Werk gesetzt und zu einer Tageszeit, als Linde schon keine mehr erwartete.
Sie bestand darin, daß Brigitt am Nachmittag, als das Haus still war, zum erstenmal sich wieder aus dem Bett herauswand, sich warm anzog und hinunterkroch, um zu sehen, ob es auch einigermaßen geburtstagsmäßig im Haus zugehe; für ihre Person hatte sie nichts davon bemerkt, und die Unruhe ließ sie nicht länger im Bett. Sie fand eine sauber aufgeräumte aber ganz gleichgültige und kalte Küche, eine leere Speisekammer und so werktägliche, unfestliche Verhältnisse, daß ihr vor Zorn das Salzwasser in die Augen sprang. Dabei blieb sie freilich nicht stehen, sondern sie gab nicht eher nach, als bis sie durch anhaltendes Fechten und Winken ein Kind ins Haus zog, das sie dann auf Einkäufe schickte zum Bäcker nach Semmeln und Kuchen und zum Gärtner nach einer blühenden Pflanze und mit dem Auftrag, noch ein zweites Kind unverweilt zu ihr zu beordern. Das schickte sie um Butter und Eier, Schinken, einem Hühnchen oder zwei und was ihr sonst einfiel und nötig schien, mit einem ganzen langen Zettel zu ihrem besonderen Freund Felge, und zwar zu Arnold Felge in der Oberstadt, denn es gab im ganzen Ort wenigstens zwanzig dieses Namens, allein vier Metzger. Dieser Arnold Franz besaß besondere Verbindungen und Vorratskammern, auf die er für seine bessern Kunden zurückgriff, und es gab beinahe nichts, was er nicht herbeizuschaffen vermochte in kürzester oder etwas längerer Frist, nie in langer. Da Brigitts Zettel mit den Worten schloß: »Oder was Sie sonst haben, denn es ist der Geburtstag des Fräuleins Linde!«, so erschien in kurzer Zeit nicht nur das Kind, sondern in seiner Begleitung der sichere Bote des Herrn Arnold Franz Felge, von der Magd schon an der Tür abgefangen, weil sie keinen Glockenlärm wollte, und samt Bob, der keine Boten und Briefträger leiden konnte, zur größten Lautlosigkeit beschworen. Er brachte kein Hühnchen, aber eine schöne Ente, ließ übrigens die Wahl zwischen diesem oder einem Hasen, der auch im Korb lag -- Brigitt nahm beide --, und alles übrige war in wünschenswerter Menge und Qualität vorhanden. Die Rechnung blieb sie vorläufig schuldig, aber nicht das Trinkgeld, und da das andere Kind schon früher zurückgekommen war, so konnte sie in vollkommener Ungestörtheit ihre geheimen Geschäfte betreiben.
So kam es, daß Linde, als sie wieder im Haus unten erschien, um den Nachmittagskaffee zu rüsten, den Tisch festlich hergerichtet fand, ihren Platz mit Efeu aus dem Garten phantasievoll und reichlich bekränzt und durch zwei dunkelblühende Alpenveilchen ausgezeichnet, außerdem durch einen schönen, braunen Napfkuchen von nicht geringem Umfang, den das Kind beim dritten Bäcker, bei dem es anfragte, glücklich aufgetrieben hatte, auch den bekränzt, und zwar mit Immergrün aus Brigitts eigenem Stubengewächs, das ihr Linde solange treulich gepflegt hatte. In der Küche stand die Magd selber in der wohlbekannten blauen Schürze vor dem Herd, in dem ein wildes Feuer brannte, auf dem Milch und Kaffee und für Linde Schokolade kochte, und wo Brigitt außerdem gerade beschäftigt war, eines jener Hausgebäcke aus Weißmehl, Butter, Eiern und Zucker herzurichten, die in jeder Landschaft einen andern knusprigen Namen tragen und überall von Geburtstagen und Liebesbeweisen unzertrennlich sind. Brigitt hatte im Sinn gehabt, Linde gehörig wegen der puritanischen Geburtstagsküche abzukanzeln, und Linde wollte dasselbe der leichtsinnigen und tollköpfigen Magd gegenüber, aber beiden kam das Weinen eher, zuerst dem alten Mädchen und dann dem jungen mit zwei sehr nassen Augen vor Rührung. Aber mitten aus dem Gefühlserguß fuhr Brigitt furios auf, weil ihr das Backwerk wieder einfiel, das die Aufsicht noch weniger entbehren konnte als eine Kinderschule oder ein hessisches Pfarrhaus. Sie setzte also das Fräulein rücksichtslos ab und begann wieder mehr Rührung in der Pfanne zu bewirken. In das werdende Backwerk fielen immer dick und emsig ihre Tränen, und durch die des zusehenden Mädchens brach ein beglücktes Lachen, weil ihm die Komik aller Umstände aufging. Nach einem unwirschen Aufblick lachte auch die Magd mit, und im weitern schwang sie die Pfanne mit einer Verwegenheit herum, als ob sie nicht gegen das sechzigste Jahr liefe, sondern im zwanzigsten einem Feuerwehrball zu. Nebenher fing freilich dennoch die liebevolle Abkanzlung an, und da keins dem andern etwas schuldig zu bleiben brauchte, die Magd aber mit ihrem Durchgriff wesentlich und überzeugend im Vorteil war, so kam man zu keinem unliebenswürdigen Verständnis.
Vom Lärm angelockt und auch vom Duft, der sich nun schon festlich im Haus verbreitete, erschienen nacheinander vorzeitig die Klingse und der Dechant. Die erstere nahm schweigend mit zusammengepreßten Lippen Kenntnis davon, daß die Feindin wieder auf dem Plan sei, und schob sich etwas blaß und mit vorgestrecktem Kinn langsamer aus der Küche, als sie hereingetreten war. Bob verharrte in der Zeit knurrend vor dem Herd, den er gegen jede Anfechtung durch unbeliebte Personen zu verteidigen entschlossen schien. Wer ihn näher kannte als die Klingse, wußte außerdem, daß ihn die lang entbehrte Anwesenheit der Magd in der Küche leidenschaftlich erregte, nicht als Freßmöglichkeit, sondern als seelisches Erlebnis. Die Magd ihrerseits machte den Eindruck, als ob sie den kurzen Besuch nicht bemerkt hätte, aber Linde sah wohl die Röte, die ihr in die Augen stieg, und für die nächste Zeit war sie schweigsam, während ihre Bewegungen einen ingrimmigen, heftigen Charakter annahmen. Nachher trat weniger unliebsam und respektvoll begrüßt der Dechant auf, bekam aber immerhin das Ergebnis der Wallung in einer gedrängten, trotz des Gemurres wohlverständlichen Ansprache entgegenzunehmen, die den unfestlichen Feiertag zum Thema hatte. Er verteidigte sich damit, daß Linde ja selber das Küchenregiment führe, und sie schwieg, weil sie wußte, daß es die Klingse führte wie jedes andere, und weil sie für heute keinen Verdruß wollte. Nachher gab sie besser aufgeräumt Auskunft über ihr Befinden. Sie wolle jetzt wieder langsam ins Geschirr fahren, möge der Arzt nun reden oder singen. Wenn man auf so einen Kreispfiffikus hören wolle, so könne man im Bett liegen, bis man von selber verfaule und nicht einmal mehr das Sterben nötig habe. Aber das heiße um die Auferstehung kommen, die man nur durch das rechte christliche Verscheiden erwerbe, und so ziehe sie es vor, christlich zu leben und christlich mit Tod abzugehen.
Der Dechant setzte sich nach langer Zeit zum erstenmal wieder mit etwas erheiterter Stirn zu Tisch, und da die Magd diesmal nicht nur den Eß-, sondern auch den Gesprächsstoff lieferte, zumal der Dechant aus ihrer langen Geschichte in seinem Dienst hundert eigenartige Episoden und charakterfeste Züge wußte, so verging eine Teestunde einmal heiterer, als man's sonst gewohnt war, wenigstens zwischen dem Dechanten und Linde, die für diesen Gesprächsstoff seine eigentliche Zuhörerin war, während die Tante eher im Dunkel saß und wenig unterhaltend aussah. Davon merkte er aber nicht viel, weil der Mitteilende gern wie Mörikes Schönheit »in ihm selber selig« ist; war er nicht selig, so war er doch erleichtert, und das kann für einen Hochbeschwerten unter Umständen dasselbe bedeuten. Die gute Stimmung dauerte auch noch über das Abendessen, zu welchem die Ente in ihrem letzten Kleid auftrat, goldgelb und mit Äpfeln gefüllt, ein rechter Vogel, um vergnügliche Laune zu machen, und zwar ganz ohne jede ergreifende Singstimme. Linde verwaltete und verteilte ihren vergänglichen Leib, gab den andern viel und behielt für sich wenig, und der Dechant, der nun doch noch eine Flasche Wein aus dem Keller geholt hatte, fand heute abend das Gemüt zu einem zweiten, etwas herzlicheren Geburtstagsspruch. Auch Brigitt mußte hereinkommen und mit anstoßen; sie tat es nur mit Linde und dem Dechanten, mit diesem ehrerbietig, mit jener zärtlich und mit nassen Augen wegen Lindes leidwissenden. Etwas später stieg sie unter Lindes Hilfe müde und voll süßen Weins, sie hatte den ihren gegen die Säure gezuckert, auf ihre Kammer und schlief wie ein heimgekehrter Wallfahrer befriedigt und siegreich ein.
Für diese Woche hielt sie es noch mit dem Nachmittagsturnus, und der Arzt wollte weiter nicht mehr dagegen sein, als er sah, wie es mit dem eigenwilligen Patienten wirklich einen guten Weg nahm. Aber er war dafür bekannt, daß er keinen Kranken unter zwei Monaten aus dem Bett ließ; hatten es die Nieren nicht mehr nötig, so konnte es doch den Nerven nicht schaden, und es schadete ihnen meistens auch nicht. Die nächste Woche stand sie zum Kochen auf. Die folgende war Weihnachten, und da trieb es Brigitt wie immer. Zu den Bäckereien ging ihr Linde zwar noch zur Hand, aber nur geduldet; dafür nutzte Brigitt die Gelegenheit wieder gewaltig aus, weil sie heimlich hoffte, daß der Soldat auf Urlaub kommen könnte. Allein er kam nicht.
Nebenher hatte Linde zur richtigen Zeit die Hände frei bekommen für die kleine Weihnachtsfeier, die sie jährlich mit einem gewissen Kreis von bedürftigen Kindern im Pfarrhaus zum Heiligen Abend abhielt. Es pflegte dabei viel weniger hoch als freundlich herzugehen, entsprechend dem freundlichen und trostvollen Ergebnis, das an diesem Tag die ganze Christenheit feiert. Die Kinder sangen etwa ein paar Lieder. Linde las ihnen die Weihnachtsgeschichte vor. Das übrige tat der Baum mit seinen Lichtern und seiner ganzen freudenreichen Erscheinung. Zum Schluß bekam jedes ein kleines Geschenk, ein Paar Strümpfe, wollene Handschuhe, ein Mützchen oder eine hübsche Schürze, wie es sich traf, oder wovon Linde gerade wußte, daß es not tat. Zum Zweck steckte der Dechant sonst zu Sankt Niklaus ein Goldstück in Lindes Schuh vor der Tür, immer in den rechten; dies Jahr war er leer geblieben. Nun, es war auch ohnehin allerlei von ihrem Eigenen dazugeflossen, so mochte heuer noch ein bißchen mehr fließen. Brigitt buk auf den Tag, was sie konnte, knetete Teig, walzte ihn aus, stach wie im Turnier Sterne und Kreuze, Herzen und Halbmonde, damit nach alter Übung bei dem Notwendigen sich auch etwas Angenehmes finde.
Als die Tante von den Zurüstungen und ihrem Zweck Wind bekam, setzte sie sich hin und schrieb ein paar Bestellzettel an ihre großstädtischen Lieferanten. Nach einigen Tagen kamen Pakete und Kisten für sie an, für die sie ganz sehenswerte Schecks ausfüllte. Brigitt mußte ihr die Kisten öffnen und die Pakete aufschnüren, und am Heiligen Abend, als Linde beinahe mit allem fertig und in der Vorerwartung warm und beglückt war, erschien sie mit Armen voll Kleidungsstücken, Wollsachen, Spielzeug, Büchern und Eßwaren. »Du gestattest wohl, daß ich auch etwas beisteuere«, sagte sie norddeutsch singend und steckte das Kinn vor. »Wo kann ich ablegen? Vielleicht bist du so liebenswürdig und nimmst mir ab?« Linde war wie vom Schlag gerührt, denn an eine Friedensstörung hatte sie heute am allerwenigsten gedacht. Es war ihr klar, daß es das Weib darauf abgestellt hatte, sie mit seinen großstädtischen Geschenken an die Wand zu drücken und dem bescheidenen Fest den rechten modernen Schwung zu geben.
»Der Stuhl dort ist noch frei«, entgegnete sie kurz, indem sie mit ein paar Blicken den ganzen pompösen Bettel überflog, den die Klingse daherschleppte, alles ohne eine Hand für oder gegen sie zu regen. Die Klingse legte auf dem Stuhl ab und wandte sich zunächst dem Baum zu, den sie ganz hübsch und kleinbürgerlich fand, und dem Geschenktisch, den sie lächelnd musterte. »Du mußt mir dann sagen, wie ich in jedem Fall zweckmäßig ergänzen kann«, meinte sie. »Du hast ja doch wohl deine Geschenke individuell angepaßt.« Linde antwortete nicht, und die Tante verschwand zunächst noch einmal, um ebenso hoch beladen wie vorhin wieder unter der Tür zu erscheinen. Sie hatte sich selber einen weitern Platz zum Ablegen frei gemacht; indessen hatte sie auch aufgehört zu lächeln. »So, und nun wollen wir sehen«, sagte sie darauf. »Wo hast du die Plätze für Mädchen und die für Jungens?«
»Das ist wohl nicht so schwer herauszufinden«, erwiderte Linde, die jetzt finster und feindlich an der Wand neben dem hohen Spiegel stand. »Die Mädchenschürzen sind nicht für Buben und die Bubenmützen nicht für Mädchen.«
Etwas gereizt fuhr die Tante nach ihr herum, dann schien sie sich aber zu fassen. Und nachdem sie das Mädchen einen Moment schweigend fixiert hatte, sagte sie hochmütig: »Ich werde mich von deinem Prinzessinnentum nicht beirren lassen. Dafür müßte mehr hinter dir stecken als etwas wurmige Tugend und Tücke. Ich finde, daß du die Dünkelhaftigkeit zu weit treibst. In diesem Fall hast du froh zu sein, daß dein Bettelvölkchen zu ein paar anständigen Kleidungsstücken kommt; mit deinen selbstgerechten Lümpchen wird's nicht weit laufen.«
»Lumpen«, erwiderte Linde leise, um ihren Abscheu zu verbergen, aber die Tante merkte ihn dennoch: »Lumpen sind Dinge, die sich jeder nach Belieben kommen lassen und kaufen kann, wenn er das Geld dazu hat.«
»Wenn du nur endlich deinen hungerleiderischen Provinzhochmut aufgeben wolltest!« zischte die erboste Frau. »Was willst du denn machen, wenn dein Liebster dir vor der Nase weg eine andere heiratet?«
Linde zuckte leicht zusammen. »Heinz bedauern!« erwiderte sie langsam und mit einem Unterton, der die Tante lange nicht so befriedigte, wie sie sich's von diesem Augenblick versprochen hatte. Etwas ernüchtert wandte sie sich zu ihrem Geschäft zurück.
»Wie alt ist dieser Junge?« fragte sie. Und Linde gab Auskunft: »Acht Jahre.« Die Klingse legte einen norwegischen weißen Sweater zum baumwollenen grauen Mützchen. Das folgende Mädchen war zwölf Jahre alt und bekam drei Hemden mit Achselschluß und gesticktem Einsatz, seine vierzehnjährige Schwester eine zurückgesetzte englische Bluse. Linde sah voraus, daß man morgen im Städtchen mit Fingern auf die Kinder zeigen würde, die von ihr beschenkt herumliefen und nicht wußten, wie ihnen geschah, und sie taten ihr zum voraus leid, weil sie sie liebhatte. Zum Schluß verfeuerte die Klingse auch noch ihre Kuchenpakete und Spielzeuge, und sah der Weihnachtstisch aus wie eine Jahrmarktbude; Linde war jetzt neugierig, wie die alten, einfachen Weihnachtslieder und die stille, reine Evangeliengeschichte dazu klingen würden.
Darauf war es wie jedes Jahr. Die Kinder schoben sich unten durch die Haustür herein mit saubern Schuhen und geputzten Nasen und vor lauter Vornehmheit über ihre eigenen Füße stolpernd, aber noch mehr aus Angst vor der Magd, die ihnen gewaltig aufpaßte, so herzlich sie sich für sie geplagt hatte, und dem Hund, der jeden Ankömmling einzeln und eingehend beroch. Die letzten, die hereintröpfelten, sahen schon von unten die ersten Lichter am Baum brennen, sogar durch die zugezogenen Vorhänge; die ersten bemerkten dasselbe durch das unverstopfte Schlüsselloch. Darauf läutete das Glöckchen, ging die Tür zum Bescherungszimmer auf und begann sich die Kinderrotte über die Schwelle zu schieben. Mit den Mädchen ging es noch; die waren neugierig und zutraulich. Aber was ein rechter Junge ist, der hat schon nicht mehr das reine Gewissen wie im Mutterleib und ist vorerst von einer würdevollen Mischung aus Welterfahrung, Mißtrauen und Tölpelhaftigkeit sehr erfüllt; jedenfalls im Beginn einer zivilisierten und gesellschaftlich mehr gemischten Angelegenheit beherrscht diese verzwickte Stimmung sein Benehmen durchaus. So drückten sich die Herren Buben zunächst eher verdrießlich scheinend an der Tür herum und blinzelten erwägend in die Lichter des Christbaums, und je älter einer war, desto tiefer versenkte er die Hände in den Hosensäcken und duckte er den Kopf zwischen die Schultern.