Der Dechant von Gottesbüren

Part 19

Chapter 193,612 wordsPublic domain

Aber die frommen Geister, die mit gütigen Herzen im Baum schwebten und ihnen die schon prosaischen Augen und die abwartenden Mienen beglänzten, weckten und lockten auch rasch das Träumerische in ihren Seelen, die darum, weil sie's enthielten, nicht ~weniger~ männlich waren, sondern ~mehr~, obwohl sie's anders glaubten. Eine Zeitlang verscheuchte sie noch die fremde Dame, die vornehm in einem Lehnstuhl saß und sie mit falscher Teilnahme, wie sie sofort witterten, und herrischen Augen musterte; aber dann begann ihnen der Duft von Lebkuchen und Hausgebäck in die Nasen zu steigen, und darüber vergaßen sie auch die Großstädterin. Den Mädchen machte diese weniger zu schaffen, obwohl auch sie sie als störend empfanden. Indessen klang das alte, selige Weihnachtslied unter Lindes Händen vom Klavier auf, und unter dem Vortritt der Mädchen ließen auch die Buben sich zu einigem Gesang herbei, der sich bis zum Schluß der letzten Strophe ganz ordentlich steigerte, einesteils aus Wirkung von innen heraus, anderseits von außen herein, denn auf der langen Tafel lag diesmal nicht wenig. Vorher hatten sie noch die schöne Evangeliengeschichte mit anzuhören, die sie zwar schon kannten, von denen ihnen aber doch manches heute wieder plausibel und vielversprechend vorkam, besonders ihre drei Glanzpunkte, nämlich daß jedermann in seine Stadt ging, um sich vom Kaiser Augustus schätzen zu lassen, dann daß das Kindchen in eine Windel gewickelt und in eine Krippe gelegt wurde, und endlich daß die Engel nach dem Gesang wieder gen Himmel fuhren; dies sahen sie sogar am deutlichsten und leuchtete ihnen am meisten ein, weil sie gewöhnt waren, nach dem Singen auch immer abzufahren.

Nach dem zweiten Lied durften sie dem Geschenktisch näher treten und hörten sie von Linde, daß die schönsten Sachen von der Frau Professor Klinger kämen, die da säße, und der sie nachher dafür danken müßten. Linde war jetzt wieder ganz frei und in ihrem Element sicher, und es gewährte ihr eine besondere Genugtuung, daß sie der Feindin nicht das mindeste schuldig zu bleiben brauchte. Die Mädchen ergriffen von ihren teuren Geschenken sofort und ohne Hemmungen Besitz, aber die Buben, die von übler Nachrede und von der Unrätlichkeit, durch irgend etwas Besonderes in der Welt aufzufallen, bereits genügend Bescheid wußten, hielten sich mehr an die gewohnten Gaben, die auch besser in ihre etwas nüchterne Stimmung paßten. Das meiste Mißtrauen erregte das elegante und »fortgeschrittene« moderne Spielzeug, Gedächtnis- und Geduldsübungen, Lehrspiele, Erziehungsspiele, Diabolo, das in den Großstädten längst aus der Mode war, Rollschuhe veralteter Konstruktion, die sie auch mit der neuesten auf ihrem Wackensteinpflaster nicht brauchen konnten, gesittete Kartenspiele, Kinderkrockets aus zurückgesetzten Beständen und was sonst so die großstädtische Unternehmung gern aufs Land abschiebt, um es noch an den Mann zu bringen, wobei zu bemerken ist, daß die Klingse sehr wohl wußte, was vollgültige Marken waren und was nicht; sie war nicht etwa übertölpelt worden.

Zur Geschenkbesichtigung hatte sie sich erhoben, um von Gruppe zu Gruppe gehend einige Anweisungen über den Gebrauch der Dinge zu erteilen, die mit Befremdung über den norddeutschen Dialekt und mit Unglauben über den Inhalt entgegengenommen wurden, denn sie sah den Kindern nicht aus, als ob sie in ihrem Leben jemals gespielt hätte. Linde allerdings wußte weiter auch nicht Bescheid darüber, doch fühlten ihr die Kinder ab, daß sie wenig begeistert war, und aus ihren innerlich vornehmen Bemühungen, ihnen die Ware mund- und handgerecht zu machen, witterten sie nur die Verdächtigkeit des Umstands, daß sie das überhaupt für nötig hielt. Nebenbei sah sie, daß die prachtvollen wollenen Stücke auch nicht wenig Baumwollenes an sich hatten und übrigens durch teilweise schon deutliche Vergilbungen ihren Charakter als Ladenhüter ohne übertriebene Scheu anzeigten. Die Klingse gehörte zu jenen Wohltäterinnen, die für ihre Betriebsamkeit sehr sorgfältige Verbindungen mit allerlei Ramschgeschäften und Saisonausverkäufen unterhalten, und denen für sich nicht bald etwas gediegen und frisch genug scheint, aber für andere immer rasch.

Indessen kam auch diese Feier zu ihrem Ende. Die Kinder sangen noch ein Schlußlied und konnten abziehen. Eins nach dem andern bedankte sich gebräuchlicherweise mit dem Respekt oder der Verehrung, die man vor ihr hatte, bei Linde und mit angemessen erzeigtem Vergnügen. Um die Dame aus Norddeutschland bemühte sich weiter niemand. Nur zwei oder drei magere, bleiche Dinger, die durch eine besondere Bettelhaftigkeit bekannt waren, näherten sich ihr untertänig und mit dem früh entblößten Blick der jugendlichen Verdorbenheit; die Klingse konnte sicher sein, nächstens von deren Eltern einen ausführlichen Bericht über das herrschende Elend zu bekommen und, wenn der nicht half, auf der Straße angesprochen zu werden. Sie sah von ihrem Erfolg wenig entzückt aus und mit kalten Augen zu, wie sich alle Köpfe blond und dunkel um Linde wie um einen leibhaftig herabgestiegenen Engel drängten, dem sie in ihrem weißen Kleid den Abend auch mehr glich als der irdischen Rivalin einer so vielvermögenden Weltdame.

»Es hätte dir angestanden, die Kinder auch zu mir zu schicken«, sagte sie nachher mit mißfälliger Schärfe aus ihrem Lehnstuhl heraus, wohinein sie sich vor Verdruß wieder geworfen hatte. »Sie können nichts für ihre plebejischen Gewohnheiten, aber für dich als Erzieherin ist es kennzeichnend, daß du sie benutzt, um einen billigen Triumph zu feiern!«

»Was willst du? Du hörtest selber, daß ich sie angewiesen habe!« entgegnete Linde versöhnlich, vor allem bestrebt, sich ihre gute Stimmung nicht verderben zu lassen. »Übrigens bin ich nicht die Erzieherin der Kinder, sondern die Freundin.«

Mit diesen Worten ließ sie sie sitzen, zumal auch der Baum gelöscht war, und ging zu Brigitt in die Küche hinunter, die sie wegen ihres weißen Kleides mit Gebrumm, aber wegen der heitern Augen erfreut empfing, denn diese zeigte sie in der letzten Zeit nicht mehr oft. »Die Rangen haben mir doch wieder die Treppe versaut«, sagte sie kopfschüttelnd. »Aber der Karpfen ist schön heuer.« Das war ebenfalls keine übelklingende Weihnachtsbotschaft, wenn auch nicht gerade ein Engel sie sang, aber der fromme Fisch wurde auch keineswegs von lauter Engeln verspeist, sondern es half daran alles in allem ein halber oder sterblicher wenig, eine Art vom Gegenteil mehr und ein dunkel belebter geistlicher Adam mit Hingabe und heute zum Frieden gestimmt. Leider kam er nicht dazu, obwohl ihn die Engel gerade wieder vernehmlich aus der Höhe riefen; es fehlte zur Zeit Gott noch zu merklich an Ehre und daher dem Adam an Wohlgefallen. Die Tante gab die Vorgänge der Kinderfeier, nun bereits ins Anekdotische verkleidet, mit Laune zum besten, aber mit säuerlicher, und der Dechant fand auch, daß Linde die Jugend besser zum Danken hätte anhalten müssen. Linde schwieg, wieder um einen Breitegrad vereinsamt, doch fortgesetzt darauf gesammelt, ihr eigenes Christgeschenk in der Seele unzerstört über den Abend zu retten. Sie rettete damit den Abend, weil sie heute mit der Gutmütigkeit des Dechanten rechnen durfte.

Siebentes Kapitel

Linde erkrankt infolge eines üblen Briefwechsels ernstlich

Noch am selben Abend schrieb die Tante an Heinz einen Brief, der ihn vor eine vorläufige Entscheidung stellte, nur der Form nach unvermittelt, denn der Sache nach hatte er ihr ja schon längst vorgebaut.

»Mein lieber Junge«, so lautete dies Schreiben, »es scheint mir nun Zeit, daß wir uns endlich über gewisse Dinge klarwerden. Du schriebst einmal, Du seist ein deutscher Offizier, und mir gabst du das Epitheton einer großen Frau. +Well.+ Aber diese Charaktere haben ihre Tragweite. Ich werde als große Frau kaum weibchenhaft Bewegungen inszenieren, die einmal der Mann auslösen muß. Du als Mann, der zu leben weiß, wirst anderseits nicht schriftliche und prinzipielle Erklärungen loslassen wollen, denen keine Wirklichkeit auf dem Fuß folgen kann. Das sehe ich ein. Warten wir also ab, bis Du wieder Urlaub bekommst. Inzwischen würde ich Dich freilich gern in einiger männlichen Freiheit sehen, unbehängt mit heimatlichen Sentimentalitäten und verblichenen Kinderspielen, die Dich als deutschen Offizier nicht absolut gut kleiden. Ich denke, daß Du mich verstehst, da Du weder dumm noch in hypertrophem Maß idealistisch veranlagt bist. Wir sind Realisten des Lebens, mein Freund. Hast Du ein Interesse daran, mir in der Gestalt und dem moralischen Milieu zu erscheinen, worin ich Dich zu sehen wünsche, so ziehe die Konsequenzen daraus. Und bedenke das eine: Poesie ist immer für money zu haben. Da ich nicht liebe, Geschäftliches und Gefühlvolles zu vermengen, so halte ich mit andern Elogen zurück, die mir immer naheliegen, wenn ich an Dich denke. Mit den herzlichsten Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen Malva.«

Drei Tage nach Weihnachten traf schon die Antwort des Soldaten ein. Sie hatte folgenden Wortlaut:

»Liebe Malva, ich weiß Deine Trennung von Geschäftlichem und Gefühlvollem zu schätzen und folge Dir auf diesem Weg, zumal uns hier draußen überhaupt nicht mehr besonders gefühlvoll zumut ist, jedenfalls nicht mir. Um die andern kümmere ich mich eigentlich zuwenig, um genau für ihre Stimmung einstehen zu können. Es ist auch ganz meine Meinung, daß wir uns nicht mit theoretischen Erklärungen unterhalten; wir sind Menschen der harten Wirklichkeit. Was die anhängenden heimatlichen Sentimentalitäten angeht, so trifft auf sie der Ausdruck verblichen wohl richtig zu. Indessen solltest Du mir's nicht übel anschreiben, daß mich etwas wie Achtung vor Deinem ganzen Geschlecht hindert, wenigstens sehr bald mit rauher Hand durchzugreifen. Etwas anderes ist es aber nicht als Achtung vor Deinem Geschlecht. Wenn Du Mittel und Wege finden kannst, so prüfe mich darauf. Ich stelle Dir alles frei. Hier draußen fehlt uns auch die schonende Form für dergleichen Notwendigkeiten. Die Faust ist kriegsgewohnt, und in der ewigen Schießerei geht einem schließlich die geistige Beweglichkeit verloren. Ich bitte Dich nur, was Du tust, so tue es schonend, was ich aber bei Deinem vornehmen Sinn, den Du überall bekundest, gar nicht besonders zu bemerken brauchte. Das ist's ja eben, was mich so mit Dir verbindet, nicht nur Deine äußere Eleganz, sondern auch Deine innere, Deine absolute seelische Sauberkeit und der große Zug Deines Wesens bei aller weiblichen Feingliedrigkeit. Nun bin ich doch in Elogen verfallen. Hier geht's wie immer, nämlich dreckig, aber ich bin noch gesund, und die feindliche Erde sah bis jetzt kein Blut von mir. Leb wohl, Du hohe Frau, ich muß noch sehr wachsen, um an Dich heranzureichen. Herzlich Dein Heinz.«

Als die Klingse diesen Brief gelesen hatte -- es war beim Nachmittagstee --, war sie nicht lange im Zweifel darüber, was nun zu geschehen habe. Wie sie ihn von den Augen sinken ließ, noch in den letzten Erwägungen darüber, reichte sie ihn Linde über den runden Tisch.

»Der Brief geht diesmal dich mit an«, sagte sie kühl und ein bißchen singend. »Es ist besser, du liest ihn selber, als daß ich dir ein Exzerpt daraus gebe.« Darauf wandte sie sich leicht angeregt an den Dechanten. »Ich finde, daß Heinz so außerordentlich viel reifer geworden ist, seitdem er hier war, sozusagen moderner. Es ist ein männlicher, berechnender Zug in seinem Wesen erschienen, während er früher etwas knabenhaft für sein Alter in den Tag hineinlebte. Ich liebe es nicht, wenn ein Mann seine Fähigkeiten herumliegen läßt und metaphysischen Vorstellungen nachhängt, anstatt seine Erfolge zu betreiben.«

»Nun, ich kann nicht eben sagen, daß ich an Heinz viel Metaphysik bemerkt hätte«, erwiderte er etwas trocken. »Er scheint mir im Gegenteil ein junger Mann, der sich mit auffallend wenig Übersinnlichkeit herumzuschlagen hat, und der ausgezeichnet in euren modernen Tag paßt oder in das, was ihr so nennt. Mir ist immer noch nicht ganz klar, daß die rechte Modernität vornehmlich im Seelenschwund zu bestehen habe.«

Sie zog die Brauen ein wenig hoch. »Ich dachte doch, wir beide seien über diese Frage im Prinzip einig«, sagte sie lächelnd und bedeutsam. »Sie ist ja auch aus der Geschichte leicht zu beantworten. Als die Deutschen metaphysisch und romantisch lebten, waren sie arme Teufel und wurden unterdrückt. Als sie mit der Metaphysik und der Romantik aufräumten und reale Erfolge anzustreben begannen, kamen sie zu Ruhm und Reichtum. Ohne die französische Aufklärung und die geschäftliche Lebensauffassung der Engländer gäbe es aber keine Industrie und keine wirtschaftliche Expansion. Was Wunder, daß die jungen Leute von den irrationalen Kräften nichts wissen wollen und den persönlichen Erfolgen nachgehen. Sagt, was ihr wollt, das Geld herrscht heute beinahe unbeschränkt und wird morgen absolut herrschen. Was ist das für ein Unsinn, daß ihr gegen England Krieg führt; England ist unbesieglich und könnte euch zu noch ganz anderen Erfolgen helfen. Was könnte Rußland werden, wenn es den westeuropäischen Händlerlehren Eingang verschaffte und sie zur Herrschaft brächte. Aber gerade dort gehört der Mystizismus zum guten Ton. Es ist daher begreiflich, daß unsere Jugend ihre Vorbilder nicht dort sucht, sondern allen asiatischen angeblich gesteigerten Vorstellungen den Rücken wendet. Das kann ich jedem Mann raten, der etwas aus sich machen will.«

»Ja, das rate ich auch jedem«, sagte der Dechant kurz und unangenehm berührt. Und etwas sarkastisch setzte er noch hinzu: »Mit den Asiaten war ja auch noch nie viel los.«

Sie blickte ungewiß auf, um zu sehen, wie er das meinte, aber inzwischen hatte Linde den Brief gelesen, widerstrebend und ohne eigenen Willen und von vornherein auf nichts Kleineres gefaßt als auf das, was er enthielt, zu edel, um mit falscher Großartigkeit eine Demütigung abzuweisen, und zu kühn, um sich vor dem Schmerz zu hüten, der auf sie wartete. Nun gab sie das beschriebene Blatt zurück, langsam, doch innerlich mit derselben Schnelligkeit denkend und Entschlüsse fassend wie die Feindin. »Ich danke dir«, sagte sie, mehr von Vorstellungen erfüllt als erschüttert. »Du hattest recht, keinen Auszug zu geben. Dergleichen muß im großen genommen werden.« Im Grund hatte sie ja auch nichts so auffällig Neues gelesen. Die Tante hob den Blick vom Dechanten weg und richtete ihn mit demselben mißtrauischen Ausdruck auf das Mädchen; sie brauchte ihn nur noch ein bißchen höher zu spannen, sonst paßte er beim einen Ekkart wie beim andern; beide waren sie in dieser Zeit lakonisch und erschienen ihr gewissermaßen orakelhaft. Auch der Dechant sah einen Augenblick fragend her, weil Lindes Ton ihm auffiel; aber daran gewöhnt, nun ohne sie zu leben, wandte er sich in Gedanken wieder seinen eigenen Angelegenheiten zu. Der Tante blieb sodann nichts übrig, als vorerst die beiden Abfertigungen einzustecken und sich darüber zu ärgern, über die kleinere wenig und über die größere mehr, und das alles, obwohl sie sich vorgenommen hatte, Linde in des Dechanten Gegenwart keine Gelegenheit zu Ausfällen mehr zu geben.

Im Laufe desselben Vormittags traf Linde auf den gelesenen Brief ihre Gegenmaßregeln, indem sie ihrerseits einen an Heinz schrieb. Er war kurz und bestand aus folgenden Sätzen.

»Liebster Heinz! Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es besser ist, wenn ich Dir Deine Freiheit zurückgebe. Nicht weil ich mir davon eine Verbesserung für mich verspräche, obwohl ich Anlaß haben könnte, mir eine zu wünschen, aber ich kann nicht sehen, woher sie bei der Unfreiheit kommen soll, die uns alle befallen hat. Verzeih, daß ich Dich zunächst ein wenig beunruhigen muß, aber ich habe lange genug über Dich nachgedacht, um zu wissen, was auch Du nötig hast, nämlich eben Freiheit. Schreibe mir bitte nicht mehr, es würde mir schmerzlich sein. Wir werden einander nicht vergessen, aber wir werden uns auch nicht auf falsche Wege drängen durch eine falsche Treue, die bloß Eitelkeit und Ehrsucht wäre. Liebster Mann, ich werde für Dich beten. Leb wohl. Bitte, gehorche mir, und verursache uns nicht unnötige Schmerzen. Herzlich Marie Linde.«

Sie besorgte mit Bob ihre Einkäufe, warf den Brief im Vorbeigehen bei der Hauptpost ein und kam von diesem Gang fiebernd nach Hause. Den Tag über wehrte sie sich noch; gegen Abend jedoch wurde ihr Zustand stärker als sie, und sie mußte sich vorzeitig zu Bett legen. Im Verlauf der weiteren Entwicklung fehlte es dann Brigitt nicht an Gelegenheit, empfangene Pflege und Wohltat zu erwidern.

Für die erste Nacht zwar wollte Linde keine annehmen und blieb mit großem Ernst dabei. Aber am andern Morgen, als das Thermometer achtunddreißig Grad zeigte, bekam Brigitt Oberwasser und wurde der Arzt gerufen. Die Magd glaubte ihrerseits an eine geheime Vergiftung durch die Tante, und man hätte ihr leichter ein Bein ausgedreht als diesen Aberglauben verredet. Da sie ihn aber zu niemand äußerte, so konnte ihn ihr auch niemand verreden, und sie blieb seine ungestörte Besitzerin, leider nicht auch die der Patientin, denn es stellte sich sofort heraus, daß die Tante ganz selbstverständlich im Verkehr mit dem Arzt die Rolle der Hausfrau übernahm, und für die Magd fielen nur die Neuigkeiten ab, die sie nebenher erhorchte, oder die sie dem Arzt selber abfragte.

Der Arzt war ein semmelblonder, großer, wohlgenährter Mann mit etwas eingedrückter Nase und wasserblauen Augen, mehr geschäftseifrig als medizinisch hochbegabt, obwohl er mit dem Titel eines Kreisphysikus herumging, aber jemand mußte ihn doch tragen. Dieser vielgegrüßte Mann also nahm die zuständige Untersuchung vor und hielt dann der Tante einen Vortrag über den Befund, da sie ihm besonders imponierte. Im ganzen großen wollte er nicht viel Neues entdeckt haben, und das konnte man ihm aufs Wort glauben, denn er sah danach aus. Nach seiner Meinung handelte es sich um die alte gastrische Schwäche, durch zuviel Arbeit und die Kriegsernährung etwas gesteigert, wie ihm denn die Patientin einen heruntergewirtschafteten, vernachlässigten Eindruck machte. Alles in allem: Ruhe, Diät, Wärme, etwas Medizin und Nährpräparate. »Aber das Fieber?« zweifelte die Klingse besserwissend. »Fieber sei doch immer ein schlechtes Zeichen.« -- »Ja, das Fieber«, spottete er. »Schön, die Patientin habe eben Fieber, und er und die Frau Professor hätten kein Fieber. Eines Tages könne es umgekehrt sein, und es gehe auch noch nicht gleich zum Tod.« Die Klingse, die an seinem Umgangston wenig Geschmack fand, ließ mit gerunzelter Stirn etwas von Tuberkulose hören, aber er lachte sie aus. Von einer örtlichen Ursache sei gar keine Rede; das sei ein so elastisches und seidenweiches Mägelchen bei aller geheimen Festigkeit, daß ihm die gnädige Frau schon glauben müsse, wenn er ihr und sich nie einen schlechteren +estomac+ zu haben wünsche. Mit diesem Scherz machte er ihr eine Verbeugung und hob sich davon. Er trug einen schönen warmen Pelzmantel. Vor dem Haus stand sein Wägelchen und wartete auf ihn. Es ging ihm nichts ab, und er hatte immer recht, ob die Patienten starben oder leben blieben.

Er behielt auch in Lindes Fall recht, obwohl er bei weitem nicht ahnte, daß man es hier mit einer viel mehr geistigen als körperlichen Erscheinung zu tun hatte. Der Mensch, wie er geboren wird, antwortet auf feindselige Anfechtung mit Trauer, wird er kräftig, mit Gegenfeindschaft, wird er stark, mit Verachtung oder mit Taten, ist er zart, mit Kummer, und dann gibt es noch Menschen, deren Leibliches so vergeistigt ist, daß ihre Trauer und ihr Kummer wie ihr Schreck und ihre Gegenfeindschaft kränkend auf den ganzen durchseelten Organismus wirken, der sich dann genau wie gegen eine stoffliche Infektion ritterlich mit Fieber zur Wehr setzt. Bei ihr war nun noch außerdem das große Geheimnis, daß sie sich mit diesem Fieber nicht nur für sich wehrte, sondern auch für den an der gleichen Krankheit miterkrankten Geliebten, um mit beiden zu einer neuen Gesundheit durchzubrechen. Der Kreisphysikus hätte wirklich das sein müssen, was ihn das Volk nannte: ein Kreispfiffikus, wenn er von dergleichen vornehmen Krankheiten einen Begriff hätte haben sollen.

Achtes Kapitel

Brigitt zaubert und wahrsagt, wird aufsässig, erfährt eine Zurechtweisung und unterwirft sich. Linde steht unerwartet wieder auf

Der neue Zustand brachte für Linde insofern einen Vorzug, als sie sich in ihrem Fieber wie in einer Zauberburg vor dem persönlichen Verkehr mit der Feindin zunächst geschützt fand. Sie spann still versunken ihre leise quälenden Phantasien, tauchte freundlich und müde daraus in ihre klaren Stunden auf, sah die alte Magd kommen und gehen, wirken und weissagen und schätzte am höchsten die Teile des Tages, in denen sie ganz allein war. Dann führte sie einen großmütigen Kampf mit ihrem Weh und ertrug kampflos die Anstürme ihrer ungebrochenen Liebe, weil sie genau wußte, was sie wollte, und in aller Jugend schon so stark und kühn war, zwischen dem Wanken und Brechen ihres irdischen Glückes den Sieg ihres überirdischen Liebeswillens vorauszusehen. Sie sah auch den Preis voraus, um den er aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, aber wenn sie wirklich aus Kleinmut hätte markten wollen, so hätte es ihre Hingenommenheit vom hohen Wert des Gegenstandes nicht zugelassen. Nicht als ob sie ihre Jugend und ihre Lebenshoffnung weniger geliebt hätte als jene persönlich sittliche Vorstellung, die sie sich vom höchsten Sinn ihrer Liebe machte: der Befreiung ihres Geliebten aus der Gewalt der Feindin; sie liebte sie sogar viel heftiger und zärtlicher, und es war ja eben die Voraussetzung ihrer verwegenen Rechnung, sich noch das Ganze zu retten, indem sie das Angefochtene freigab. Sie wäre auch kein Mensch gewesen und vor allem kein Mädchen, wenn sie nicht die unermüdliche und zähe Hoffnung besessen hätte, am Ende und schließlich auch irdisch zu triumphieren. Was die Klingse vom Kreisphysikus so ungläubig vernahm, nämlich daß ihr Fieber sozusagen in der Luft schwebe und mithin gar keine richtig begründete Sache sei, das klang ihr wie ein Evangelium, und außer dem jüngst gelesenen bei der Kinderfeier wußte sie sich kein süßeres.

So war sie denn getrost und fest und fuhr innerlich freudig fort, auf dem Fundament ihrer irdischen Zuversicht das fromme Sakramentshäuschen ihrer überirdischen mit immer schwebenderen Blumengittern zur Höhe zu führen. Aber in Stunden der einsamen Zaghaftigkeit, als das Fieber immer eher zum Steigen Neigung zeigte als zum Sinken und die krampfartigen Schmerzen, so hartnäckig sie sie dem Arzt verschwieg, nicht nachlassen wollten, schüttelten ihren zarten Körper harte Weinanfälle und plagte sie unsäglich die Versuchung, ihr wertvolles Heiligtum stehenzulassen und zu ihrem Liebsten zu laufen mit dem natürlichen Schrei: »Nimm mich wieder!« Und dann brauchte sie auch nicht weniger als die volle Einsicht in die Schädlichkeit einer solchen Wendung, in die Einbuße an innerm Wert, die sie sich selber zufügen und den bequemen, spöttischen Vorsprung, den sie der Feindin dadurch verschaffen würde, um sich von einer so bedenklichen Anwandlung zurückzuhalten. Indem sie endlich still wieder den Standpunkt betrat, den ihre Selbstachtung und die Notwendigkeit gleichermaßen von ihr forderten, tat sie's doch unter Vorbehalt aller persönlichen und diesseitigen Hoffnungen, so bereit sie war, für ihren höchsten Liebesgedanken weiterhin zu leiden und nach dem Leibe weniger zu werden.