Part 20
Es war um die Zeit der weissagungsvollen Zwölf Nächte. Als Brigitt das Mädchen so rasch von der Kraft kommen sah, fuhr ihr ein heilloser Schreck in die Glieder, der sie auf Wege trieb, die einer frommen Katholikin eigentlich nicht erlaubt sind: sie ging unter die Zeichendeuter und Zauberer, um mit der Hilfe der Zwölfnächtegeister ein bißchen hinter die Geheimnisse zu sehen und von den zu jener Zeit waltenden besondern Kräften welche einflußreich und heilend auf die Patientin zu ziehen. Sie legte Karten unter die Sterne aus, versuchte wie Gideon Gott durch Zeichen, aber nicht mit einem Schaffell, sondern mit Kaffeesatz, und zündete Rauchwerk an in der Vorgabe, bessere Luft zu machen, in Wahrheit, um die bösen Geister zu vertreiben und die gütigen anzuziehen.
Die Sterne steigen in jenen Nächten mit einem besondern Glanz schon aus der Abendröte herauf, die sich aus dem Gehalt ereignisvoller Tage als das Gold der Erfüllung beglückt und früh niederschlägt. Daran prophetisch entzündet, leuchten alle himmlischen Lichter in beseelterem Feuer auf. Sie sind umdrängt von Gestalten und Geistern, die, blasse Zeugen der Geburt des Herrn, auf ihre Erlösung warten, und durch die dynamischen der Sterne treten die Systeme des Schicksals drängend hervor und werden in vielen gläubigen und frommen Blicken zur Erscheinung. Brigitt war nun freilich mehr in Liebe eifernd als fromm, und andererseits glich ihr Glaube sehr dem schicksalbewegten Sternenhimmel: er war voller Ahnungen und Wünsche. Mithin arbeitete ihre Weissagung unter optischen Trübungen, und die wenigen Klarheiten, die sie gewann, waren Stichlichter von schmerzender Überschärfe. Die Seele zieht wie die vom Licht getroffene, aber noch nicht entwickelte photographische Platte die chemischen Stoffe der Erkenntnis, auch der übersinnlichen, nur nach der geheimnisvollen Leitung des noch unsichtbaren Bildes an oder stößt sie ab, und nach seinen Gesetzen deckt sie sich mit Schwärzen oder bringt Helligkeiten hervor, alles im Entwicklungsbad der Empfindung, um dann im Fixierbad der Erfahrung bestätigt und haltbar zu werden.
Nun fand sich in Brigitts Karten, so sehnsüchtig und zornig sie sie für Linde auf Liebe und Glück mit der Seele anschrie, stets ein störender Einfluß, und alles lief auf Tränen und auf einen dunklen, traurig bewegten Abgang hinaus. Es war dabei ganz gleich, ob sie auf die Herzdame oder auf den Herzbuben legte; der Herzbube war immer so übel daran wie die Dame, und zwischen sie schob sich stets alles Unglücksgesindel von schwarzen Karten ein, das es überhaupt gab, aber vor allem das Kreuzweib, das der Herzdame mit großer Beharrlichkeit nach dem Leben stand, während es dem Herzbuben auf den Fersen nachzog als ein gefährliches und unheildrohendes dunkles Gestirn. Das war ihr zwar alles nichts Neues; es bestürzte sie nur mit jedem Mal heftiger, daß die Karte mit solcher Hartnäckigkeit, sie konnte mischen und abheben, wie sie wollte, bei ihrer Aussage blieb und sich durch kein Zureden etwas abhandeln ließ.
Lange hatte sie gebraucht -- nicht einen Tag, wie sie sich damals auf dem Krankenbett wünschte, sondern Tage und Wochen --, bis sie dahinterkam, auf welche Weise sich jetzt, da der Soldat nicht mehr da war, die Feindschaft des Weibes gegen Linde zur Wirkung brachte, und was für Methoden es dazu anwandte, denn von den geheimen Vorgängen blieben ihr die meisten verborgen, zumal Linde nicht einmal durch einen Blick, geschweige durch ein Wort oder sonst einen Fingerzeig, ihr darin zu Hilfe kam. So blieb sie auf ihre eigene Wachsamkeit angewiesen, doch mußte sie viel Zufallsworte, Mienen, Blicke und abgerissene Gespräche auffangen und wie im Zusammensetzspiel gegeneinanderhalten, bis sie ein ungefähres Bild von den jetzigen Verhältnissen auch nur ahnungsweise und unvollkommen erhielt.
Am wenigsten von allen nahm sich noch der Dechant in acht; der redete und blickte, wie es ihm zumut war, und da es ihm je länger, je schwerer zumut war, so gab er mancherlei harte und unwirsche Worte und düstere Blicke. Sie merkte bald, daß Linde in Ungnade stand, und ingrimmig, daß sich die Klingse in einer ganzen Reihe von Gelegenheiten bei ihm an ihren Platz gebracht hatte. Er diktierte ihr seine Predigten und ließ sie Auszüge machen. Die Korrespondenz besorgte er zwar selber, so nahe sie es ihm wiederholt legte, sie ihr zu übertragen; aber auch Linde entzog er sein Vertrauen: sie hatte dies Amt nach Brigitts Genesung nicht wieder angetreten. Wenn er etwas aus dem Hauswesen wissen oder haben wollte, so wandte er sich an die Tante, und nur sofern er bemängeln oder schelten wollte, rief er, wenn es gesund war, das Mädchen.
Die Haushaltung ging, wie die Tante wollte; Zuwiderhandlungen und Aufsässigkeiten der Magd wurden vom Dechanten, durch den die Klingse nun mit ihr abrechnete, unwidersprechlich kaltgestellt. Tägliche Anweisungen gab die Dame des Hauses über ihre Schultern oder über die Magd weg in die Luft, ohne sie anzusehen, mit gleichgültiger Stimme und hochmütigem Gesichtsausdruck, hinter dem sie ihr Leiden an diesem »kommunen Menschen« verbarg. Brigitt ihrerseits gab sich je länger, je weniger Mühe, ihr dies Leiden durch Zurückhaltung zu erleichtern; immer rücksichtsloser kehrte sie ihren völkischen Triumph gegenüber der gedemütigten vornehmen Feindin hervor, und je weniger sie nachgerade dazu Ursache hatte, denn die Feindin herrschte nun durchaus, desto eifriger wandte sie sich wieder ihrem groben Verfahren zu, die Frau durch persönliche Verdrießlichkeiten, Störungen und Verachtungsbeweise zu kränken. Wenn diese auf eine nachträgliche Denunziation nun vollkommen gerüstet war, so ging ihr das etwas breite Gehaben doch sehr auf die Nerven, und die Magd brachte sie mehr als einmal zum Zittern vor Wut. Aber zu einem Ausfall ließ sie sich nicht hinreißen, erstens weil sie sich den Methoden der Magd nicht gewachsen fühlte, zweitens weil zu solchen Herausforderungen bloß noch Linde die moralische Fähigkeit besaß, und drittens weil sie gegen den Dienstboten mit ihren Mitteln auf eine andere Auszahlung hinarbeitete; sie ging darauf aus, den verdienten alten Menschen vom Dechanten zu trennen, indem sie diesem ganz unauffällig das Gefühl beizubringen suchte, daß eine Magd von solchen Lebensgewohnheiten für eine Übersiedlung in die Welt ungeeignet sei. Die Klagen über ihre gelegentlichen Verfehlungen führte sie maßvoll, und die nicht zu umgehenden Bemerkungen über ihre zunehmenden Alterserscheinungen begleitete sie mit einem bedauernden Achselzucken, aber sie umging sie jedenfalls nicht, und jeder neue Einwand wirkte verdrießlicher auf den Dechanten.
Dieser hatte noch einen besondern Grund, der Magd gram zu sein. Nachdem sie angefangen hatte, wieder ihr Leben zwischen den Gesunden aufzunehmen, bewegte er immer öfter die geheime Hoffnung in seinem Herzen, bei ihrem ersten Kirch- und Beichtgang über jene Geheimnisse, die ihm das Leben verdüsterten, endlich das so zornig ersehnte Licht zu gewinnen. Nun führte sie ihr erster Ausflug auch wirklich in den Dom, aber nicht in den Beichtstuhl, den sie mied wie das offene Feuer, im Gegenteil, sie hielt sich mit großer Vorsicht in jenen Bezirken des weiten Raumes auf, die dem Beichtstuhl möglichst entlegen waren. Wenn sie von diesem Kirchgang auch etwas still und angegriffen zurückkam, so bedeutete er für den Dechanten nichtsdestoweniger eine Enttäuschung. Dabei blieb es. Brigitt fehlte an keinem Sonntag im Frühamt, aber obwohl dort die Beichtmöglichkeit so nahelag wie der Juni dem Sommer, kehrte sie doch stets in ungebeichtetem, völlig winterlichem Zustand ins Haus zurück. Endlich sah er ein, daß diesen Wandel nicht der Zufall lenkte und auch nicht die Vergeßlichkeit, sondern daß ein Bewußtsein dahinterstand. Wo sie dem Dechanten begegnete, da blickte es aus ihren Augen und hing zugleich als Schleier der Behutsamkeit vor ihrer Miene, schien als Wortzähler in ihrem Mund zu stecken und als Watte in ihren Ohren, denn sie hörte auf seine Freundschaft lange nicht mehr so fein wie früher -- freilich drückte er sie auch nicht mehr so leicht und glaubhaft aus, aber das setzte er nicht in Rechnung --, und ihre ganze neue Aufführung seit ihrer Krankheit faßte er in einen grollenden Begriff zusammen: Widerspenstigkeit! Die Verschwörung dauerte fort, und wirklich hatte er auch keine Ursache, einen Hausgenossen, der auf diese Weise hartnäckig die Hausgemeinschaft verschmähte, auf die Dauer zu ertragen.
Den schwelenden Zustand brachte Lindes Erkrankung zum Ausbruch, und zugleich gab sie der Magd zum erstenmal wieder einen festen Anhalt vom wahren Stand der Dinge, gewissermaßen einen Zipfel vom Gewebe der Feindin, in die Hand. Eines Tages gegen Abend begegnete ihr die Tante im Hausgang drunten und meldete im Vorbeigehen über die Schulter: »Sie möchten einmal zum Herrn Dechanten hinaufkommen.« Da sie gerade Zeit hatte, ging sie gleich, obwohl solche Zitationen neuerlich nicht mehr zu ihren Vergnügungen gehörten. Wirklich hatte ihr die Feindin wieder eine Suppe eingebrockt.
»Brigitt, ich habe nun schon viel Klage über deine neuerliche Ungebärdigkeit hören müssen, und ich habe dir gegenüber keinen Zweifel daran gelassen, daß Frau Professor Klinger jedenfalls jetzt in diesem Haus die Befehlende ist, während du die Gehorchende zu sein hast«, begann er ärgerlich, um sofort von ihr unterbrochen zu werden.
»Es ging früher ohne die Frau Professor. So krank ist Fräulein Linde nicht, daß sie nicht angeben könnte, was geschehen soll, und dann bin ich alt genug, um das selber zu wissen.«
»Es ist auch eine deiner unleidlichen neuen Gewohnheiten, mir ins Wort zu fallen, wenn ich dir etwas zu sagen habe«, tadelte er. »Laß das in Zukunft. Über die Einrichtung der Hausordnung werde ich mit dir nicht streiten --«
»Die Hausordnung war lange eingerichtet«, bemerkte sie.
»Du warst krank«, suchte der Dechant zu erklären »Und da Linde nicht nachkam, wurde es nötig, daß jemand das Ganze in die Hand nahm. Jetzt ist Linde krank --«
»Aber ich bin gesund. Früher war auch Fräulein Linde manchmal krank, und es ging mit mir allein.«
»Das tut es eben nicht mehr«, betonte er, zufrieden, gegen sie frisch ansetzen zu können. »Du wirst älter, und die Verhältnisse haben sich durch den Krieg geändert --«
»Sie haben sich nicht durch den Krieg geändert.«
Diesen Einwurf überhörte er, um schärfer fortzufahren. »Und bei deiner unverständigen Renitenz muß ich noch froh sein, wenn sich sonst jemand um eine vernünftige Ordnung kümmert. Was soll das heißen, wenn du der Frau Professor den Kaffee über das Kleid schüttest und dich nicht einmal entschuldigst? Wenn du morgens den Besen gegen ihre Tür wirfst, damit sie nicht mehr schlafen kann? Wenn sie dir aufträgt, ihr Bänder aus der Stadt zu bringen, und du sie absichtlich nicht bringst? Ihre Briefe liegenläßt, die du mitnehmen sollst, und sie zwingst, sie selber zur Post zu tragen? Entweder sind das Aufsässigkeiten, oder es sind Dummheiten eines alterskindischen Menschen. In beiden Fällen sind es Erscheinungen, die ich nicht an einem Dienstboten zu bemerken wünsche. Das sollst du künftig bedenken.«
»Ich dachte, die Frau Professor sei hier nur auf Besuch!« entgegnete die Magd gereizt.
Der Hieb saß, aber er kam ihr nicht zugut. »Ich habe dir gesagt, daß ich deine Unverschämtheiten nicht länger dulden will«, bemerkte der Dechant mit kalter Miene. »Du bist hier eine Dienstmagd mit kündbarem Verhältnis. Entweder die Umstände behagen dir, und du fügst dich ihnen, oder sie behagen dir nicht, und du verläßt sie. Sonst gibt es darüber zwischen uns beiden nichts zu reden. Dabei fällt es noch ganz dir zur Verantwortung, daß du es soweit kommen ließest. -- Für heute wollte ich dir mitteilen, daß Frau Professor Klinger bereit ist, trotz deiner Widerspenstigkeiten deine Tagesarbeit zu erleichtern, indem sie dir die Pflege des Mädchens abnimmt --«
»Die Pflege gebe ich nicht ab«, versetzte Brigitt erregt und schnell. »Ich will nichts von der Frau Professor abgenommen haben. Hat mich Fräulein Linde gepflegt, so werde ich sie wieder pflegen. Das ist alles. Mit meinem Tagewerk werde ich schon allein fertig werden.«
»Aber Brigitt«, versuchte der Dechant erneut zu mahnen, »du vergißt schon wieder, daß über diese Angelegenheiten ich zu entscheiden habe --«
»Verzeihung, Hochwürden, darüber muß ich entscheiden. Wie Fräulein Linde gepflegt werden muß, und was ihr bekommt und was nicht, das weiß ich von lange her, und wenn ich's besorge, so weiß ich, daß es recht besorgt ist.«
»Du wirst nicht so kindisch sein, zu glauben, daß Frau Professor Klinger das nicht auch recht besorgen wird«, wunderte er sich.
»Davon bin ich nicht so überzeugt«, erklärte sie düster.
Er lachte geärgert. »Linde ist in ärztlicher Behandlung. Was hast du da noch zu zweifeln?«
»Weiß der Herr Kreisphysikus, woher diese Krankheit kommt? Nun also. Bis er's weiß, behalte ich meine Meinung. Linde pflege ich selber.«
»Du bist ganz und gar närrisch«, sagte der Dechant sehr verdrießlich. »Du verläßt dich darauf, daß ich dir nicht auf gewöhnlichem Weg kündigen und dich auf die Straße setzen werde. Und das werde ich auch nicht, aber ich werde dich ins Altersasyl einkaufen oder dir eine Rente aussetzen, aber in meinem Haus wirst du unter diesen Umständen nicht mehr sehr lange sein. -- Ich habe dir mitgeteilt, daß Frau Professor Klinger die Pflege bei Linde übernehmen wird. Finde dich damit ab, wie du willst. -- Du hast nicht den besten Geist, Brigitt. Ich fand dich früher gottesfürchtiger. Sieh zu, daß du mit dir selber wieder ins reine kommst.«
Mit diesen Worten war sie entlassen, und sie wußte von jedem genau, was es zu bedeuten hatte. Die letzten spielten auf die hinausgeschobene Beichte an, die sie Gott nach der schweren Krankheit und der endlichen Genesung schuldig war, und die andern stellten sie vor die Wahl, entweder das Haus zu räumen, den Dechanten einem gleichgültigen neuen Dienstmädchen und Linde der Feindin auszuliefern, oder zu gehorchen, um wenigstens bei den Vorgängen zu sein, wachen und beten und vielleicht in irgendeinem Moment als Retterin oder Rächerin einspringen zu können. Was sie wagen durfte, um beim geistlichen Herrn ihre Rechte durchzusetzen, das hatte sie heute gewagt und mehr als das. Er forderte von ihr Verzicht auf alle Hoffart, und sie verzichtete erschüttert um Lindes willen. Im Lauf der Nacht faßte sie den schweren Entschluß, den Krieg gegen die Feindin aufzustecken, alles zu tun, was sie ihr hieß, zu lassen, was sie ihr verbot, und vorläufig in diesem Haus keine andere Rolle mehr zu spielen als eine stumm gehorchende, auch wenn sie mit offenen Augen sah, wohin der Kurs steuerte. Besondere Freudigkeit konnte sie dabei nicht versprechen, und für den Mund, der ihr fortan verboten war, wollte sie die Ohren desto mehr brauchen, unvergessen die Zunge -- nicht zum Lästern, sondern zum Schmecken! -- und die Nase zum Riechen, denn an ihrem Verdacht, so kindisch er in der Tat war, hielt sie fest.
So zeitigte denn diese Unterredung das wunderbare Ergebnis, daß beinahe eine ganze Woche lang nichts über Brigitt zu klagen war. Sie tat ihre Pflicht, schwieg, gehorchte, gab zu, ließ sich gefallen, war korrekt wie ein Reserveoffizier und zurückhaltend wie ein Hauslehrer, und nur mit der Abtretung der Krankenpflege harzte es noch etwas; aber die Klingse war damit nicht barsch, und wenn sie ihr wieder eine Verrichtung aus der Hand nahm, so geschah es leichthin und ohne grundsätzliche Verdrießlichkeiten. Bald war sie in aller Stille und Noblesse beinahe ganz aus dem Krankenzimmer gedrängt. Auf die stumm drohende Gebärde ihres Zurückweichens und den tief knurrenden Unterton in ihrem: »Jawohl, gnädige Frau!« achtete diese nicht weiter; wenn nur das Tier gehorchte und sie mit ihrem Herrentum durchdrang. Sie genoß ihren Sieg, ohne ihn zu mißbrauchen; doch war sie streng darauf bedacht, ihn nach allen Seiten unmißverständlich auszubauen und keine Gelegenheit übrigzulassen, bei welcher Brigitt nicht gedemütigt und mit großer Selbstverständlichkeit als Dienstmagd behandelt war.
Nach einer solchen Woche voll büßender Selbstüberwindung war dann Brigitt am kommenden Sonntag in der richtigen Verfassung, um die schuldige Beichte abzulegen. Sie nahte sich in demütiger und sorgenvoller Stimmung dem Beichtstuhl, aber nicht dem des Dechanten, sondern dem seines ersten Gehilfen, der auf der andern Seite der Kirche stand. Dort legte sie eine große und schwere Last ab, ein gewichtiges Bündel von Eitelkeit, Hoffart, Haß, Gewalttat, bösen Gedanken und widerspenstigem Wesen gegen ihren Herrn, blieb nichts schuldig, verbarg keine Regung, die ihr bewußt war, verschwieg auch nicht ihre Gründe, warum sie das alles anstatt ihrem Dienstherrn, der doch der nächste dazu war, dem Hilfsgeistlichen bekannte: aber von Linde war kein Hauch dabei, und der junge Priester konnte ihr Bekenntnis drehen und wenden, wie er wollte, so fiel davon nicht der leiseste Schatten auf die rechtmäßigen Bewohner des Pfarrhauses. Das Verlangen der büßenden Botmäßigkeit und Demut, das der Geistliche darauf an sie stellte, war schon zum voraus erfüllt, und schließlich nahm sie ihre Absolution mit innerlich schweigendem Dank ohne Hosianna entgegen, denn vorläufig war ihr Gram noch nicht kleiner als ihre Schuld, und nachdem sie diese Last los war, fand sie, daß das Gewicht ihrer mütterlichen Sorge um Linde und der andern um den Dechanten wenig an Druck verloren habe. Sie kommunizierte unter sehr ernsten Gedanken, und dann ging sie doch etwas getröstet nach Hause, weil sie wieder an der Hand Gottes war. Mit solcher Bedeutung angetan und mit dieser heiligen und gerechten Macht im Einverständnis sah sie auch dem nächsten Zeitlauf gefestigter entgegen, und konnte sie eher hoffen, aus der harten Demütigung ihre menschliche und katholische Würde zu retten.
Der Dechant genoß nun von Brigitts Unterordnung doch nicht die Genugtuung, die er sich davon versprochen hatte. Es blieb ihm natürlich nicht verborgen, daß sie zu seinem Untergebenen beichten ging, und das gab ihm schließlich mehr zu schaffen als alle andern Verdrießlichkeiten zusammengenommen; das war kein neues Ärgernis, sondern ein stiller, demütiger Bruch mit seiner Vergangenheit, die auch die ihre war. Sie hatte alle Hauptstationen seines Priesterlebens getreulich mit ihm durchgemacht, von der ersten kleinen Hinterwaldpfarre an bis ins Dechanat, immer ihm blind ergeben, auf seinen Ruhm und seinen Vorteil bedacht, in seiner Zufriedenheit und seiner Anerkennung ihren höchsten Lohn erblickend -- um sich nun in seiner schwersten Zeit von ihm zu scheiden und ihm ihre geistliche Kundschaft zu entziehen samt ihrem Vertrauen und ihrem Glauben an seine priesterliche Person. So war ihm zumut, als ob ihm seine besten Jahre und seine Jugend den Rücken gewandt hätten, und da ihm seine Mutter diese Magd aus ihrem Besitz ausdrücklich abgetreten hatte, so schien auch sie fragend und zur Anklage bereit auf ihn herzublicken. Zu diesem innern Unbehagen kam noch ein äußeres. Es erbitterte ihn noch einmal ganz besonders auf die alte Person, weil er sich sagte, daß man draußen über ihre Abwendung von ihm reden und Schlüsse ziehen und daß das ganze vermaledeite Geschwätz nun frisch aufleben würde. Da sie aber ihren neuen Wandel mit großem Ernst betrieb, so fehlte es ihm an Anlässen, seine Gereiztheit gegen sie zum Ausdruck zu bringen.
Andrerseits war sie nicht zwanzig Jahre lang seine Magd und Verehrerin gewesen, um am Ende nichts von ihm zu verstehen. Sie sah mit mehr als nur zwei Augen, wie er entartete und verwilderte und auf großen Strecken die Ähnlichkeit mit sich selber verlor. Es fehlte ihm nachgerade überall am richtigen innern Halt und an der Festigkeit des reinen Gewissens. Seine Seele war voll von fressenden Zweifeln. Es gab Zeiten, in denen er sich uralt und erzverloren vorkam; dann hielt er zerrissene und leidende Predigten, über die sich mancher wunderte, und die die Gemeinde in Unruhe erhielten, solange er sprach und noch darüber hinaus. Man fand ihn bitter, scharf und schwer verständlich. Im Beichtstuhl war er von dumpfer Gleichgültigkeit oder von ergreifender Eindringlichkeit; manche verließ ihn weinend, und an solchen Tagen machte er auch den Männern zu schaffen.
Als aber die Klingse sich anschickte, mit einem Buch in der Hand sich für längere Zeiten im Zimmer der Kranken einzurichten, stand diese ganz unerwartet auf und setzte ihren früheren Lebenslauf wieder fort.
Neuntes Kapitel
Heinz wird ganz unbegreiflich. Die Herzenskälte richtet neues Unheil an, und Bob findet einen tragischen Untergang
Eigentlich hätte die Klingse schon vor vierzehn Tagen ihre Koffer packen und mit dem letzten Brief des Soldaten in der Tasche heimfahren können, um von dort aus das Verhältnis in einer angenehmeren Umgebung weiterzupflegen. Aber erstens spannte sie der innere Prozeß des Dechanten, den sie den Ehrgeiz hatte, aus einem »nicht ungefährlichen katholischen Geistlichen« zu einem weltlichen Gelehrten zu »rationalisieren«. Dann war auch ihre Villa eigentlich noch nicht fertig. Aber vor allen Dingen: sie schwebte noch in Ungewißheit über Lindes Verhalten auf jenen Brief des Soldaten. Nicht darauf gefaßt, daß das Mädchen so kühn und schnell das Richtige getan haben werde, fing sie nach acht Tagen bittrer Genugtuung wieder zu gären an. Als sie ihre Einsamkeit nicht länger ertrug, denn auch die Bewachung einer Feindin wird schließlich zum Bedürfnis, focht sie mit dem bekannten Erfolg die Magd in ihren Pflegevorrechten an. Wie aber Linde durch ihre Wiederherstellung ihre Einrichtungen über den Haufen warf, mit sichtbarer Kraft weiterlebte und bei allem eine Entschiedenheit und Elastizität an sich bemerken ließ, die man vorher lange an ihr vermißt hatte, so diagnostizierte der Kreisphysikus nachträglich eine Influenza, aber die Klingse diagnostizierte eine befreiende Handlung oder eine, die Linde dafür ansah, und erwartete mit Spannung und von vornherein mit Mißtrauen den Bericht des Soldaten darüber. Spannung und Mißtrauen schienen ihr gegenüber einer Gegnerin, die ständig auf unkontrollierbare Weise neue Kräfte zog und Größe gewann, wohl angebracht, doch inzwischen erlebte sie wirklich üble Zeiten, weil der Bericht länger ausblieb, als sie gern ertrug.
Die ersten vierzehn Tage faßte sie sich leidlich, weil die Post von der westlichen Front in der letzten Zeit überhaupt unregelmäßig kam. Die dritte Woche verbrachte sie in widerstrebender und äußerst aufreibender Stimmung, zwischen Furcht und Selbstgefühl peinlich eingespannt, mit innerlich gehetzten Tagen und auch äußerlich ruhelosen Nächten, in denen sie kaum das Bett aufsuchte. Brigitt mußte ihr am Abend den Ofen frisch einheizen, was gewöhnlich bis gegen zwei Uhr vorhielt. Solange saß sie brütend und mit unbekannten Faktoren rechnend in ihrem Lehnstuhl, nervös und schreckhaft und manchmal mit einem Modebuch, um sich an seiner oberflächlichen und billigen Sensation etwas abzulenken. Aber von ihrem tiefsten und tragischsten Leiden lenkte sie sich niemals und durch kein Mittel ab; ihre kalte und hochmütige Einsamkeit begleitete sie in jedes Verhältnis und ließ sie aus jedem kalt und einsam herausfallen. Sie saß wirklich, wie sie dem Dechanten erzählt hatte, über Kellern voller Leichen, aber nicht solchen, die sie mit Wissen und Willen dazu gemacht hätte, dazu fehlte es ihr vor allem an Natur, sondern sie hatte das peinliche Geschick, daß in ihren gespenstischen Händen jedes Leben bald erkältet den Geist aufgab. Dann barg sie das Tote in den besagten Kellern, aber wiederum nicht aus mütterlich untröstlicher Trauer, sondern aus literarischem Interesse, um das »furchtbare Bewußtsein« zu haben, nach dem sie dann ihre gesellschaftliche Haltung einrichtete. Inzwischen litt sie nichtsdestoweniger an ihrer lemurischen Unfruchtbarkeit und sehnte sich nach Wärme und Jugend, wie sich nur ein Gespenst sehnen kann.