Part 21
Linde in ihrem Teil war ihrem fernen Freund in zunehmendem Maß dankbar, daß er ihre Bitte erfüllte und sie nicht durch Erklärungen beunruhigte, die bloß neue Unklarheiten bringen konnten, oder sie mit Abrechnungen peinigte, die auf moralische Pfennigspaltereien hinauslaufen mußten. Irgendwo in ihrer Seelentiefe schwebte ja ein armes Fünkchen von Hoffnung auf und ab und bat, er möchte dennoch schreiben, um ihr rettungslos mitzuteilen, daß sie von ihm mit ihrem Trennungsvorschlag das Unmögliche verlange, das er durchaus nicht zu leisten gesonnen sei, sondern was er wirklich leisten könne, sei höchstens das Gegenteil, wenn es nicht eben in seinem Herzen längst geleistet wäre. Immer wieder in ihren Träumen sah sie ihn auf seinen hoch aufgelaufenen Reichtum zurückgreifen, um sie zu bitten: »Laß mich nicht damit einsam verderben!« In dieser Weise schwebte sie auf sehr hohen und dünnen Sommerfäden der Hoffnung schon etwas erdenfern und doch zugleich mit der kühnen Seele äußerst erdennah über ihr wartendes Land, lebte von Vorstellungen und ein bißchen Essen, und niemand wußte, woher sie nach einer Krankheit, ohne den bekannten unternehmenden Rekonvaleszentenhunger zu entwickeln, die Kräfte nahm, über die man sie freimütig verfügen sah.
Sie besuchte wieder wie ehedem alte Weiblein und kranke Kinder, focht mit jenen geistlich und tröstete diese irdisch, und Bob machte das meiste ernsthaft mit. Was früher etwa von Altklugheit an ihr gewesen war, das schien nun ganz in Erfahrung und warmherzige Seelenklugheit aufgelöst. Einige besonders heilige Weiblein fanden sie freilich weltlich angehaucht und brummelten künftig unzufrieden hinter ihr herum, jedoch alle andern Freunde fielen ihr noch herzlicher bei, und zu den alten gewann sie neue. Auch Bob gewann einige neue Gönner, verständigte sich aber jedesmal durch einen Blick mit Linde, daß er nichts Besonderes davon halte. Linde schenkte viel und bekam geschenkt. Manchmal war es beinahe ein Verhältnis wie zwischen einem zur Abfahrt gerüsteten Auswanderer und seinen Verwandten und lieben Freunden, und später fanden sich auch Leute, die diese Stimmung aussprachen, wenn von Lindes letzten Zeiten die Rede war. Sogar an Bob war eine besondere zärtliche Erregtheit, so daß er ihr nicht von den Fersen wich und ihretwegen mit Hunden Händel anfing, mit denen er bisher ganz gut gestanden hatte. Dies war übrigens auch die einzige Zeit, in der die Tante sich ihr gegenüber ohne wirksame Macht befand. Es fehlte ihr durchaus nicht am Willen, aber einmal schien Linde geradezu entrückt, und dann wußte sie nicht, auf was für einer Grundlage sie fußte, solange Heinz nicht schrieb oder seine Briefe ausblieben.
Als dann aber gänzlich unerwartet von Heinz ein Brief an Linde eintraf und nur an Linde, erregte das Ereignis gleichermaßen bei beiden Frauen Bestürzung, und erbleichten beide vor Schreck, während sie, jede an ihrem Ort, Brigitt durchs Haus schreien hörten: »Lindchen, ein Brief vom Herrn Heinz!« Linde nahm ihn mit leise zitternder Hand entgegen und beinahe geistesabwesend, so daß ihr der alte Mensch mitleidig übers Haar strich. »Ach Gottchen! Ach Gottchen! Nun, siehst du wohl! Da ist er ja wieder! Was hab' ich immer gesagt?« Mit einer Freudenträne im linken und einer Kummerträne im rechten Auge hob sie sich wieder davon, denn die letzten Ereignisse hatte sie doch, was den Herrn Heinz anging, zur Skeptikerin gemacht. Indessen ließ sie beide hängen und paßte nur auf, welche zuerst herunterfiel; die linke sollte Glück bringen. Aber obwohl sie sogar ein bißchen mit Zwinkern nachhalf, fiel die rechte. Da brummte sie erbost: »Aberglauben und Zauberwesen! Wer sich damit einlassen wollte!« Gleich darauf zerbrach sie einen Topf, und nun hatte sie auch ein ~gutes~ Zeichen, und zwar ein altangesehenes.
Indessen las die Linde ihren Unglücksbrief. Er war kurz und drangvoll. »Liebes Mädchen, was soll ich sagen! Du willst, daß ich Dich nicht mit einer Antwort quäle, aber hast Du auch an mich gedacht? Ich bin Offizier. Auch ein Mann läuft nicht aus der Schule. Verlange nicht von mir, daß ich jetzt mehr aus mir herauspresse. Um mich kracht und donnert es. Eben muß ich das Blatt abschütteln, weil Erde von einer Granatfontäne draufgefallen ist. So sieht es hier aus. Hab' Geduld mit mir; woher sollen wir Augenmaß nehmen? Hoffentlich hat die Morderei bald ein Ende. Herzlich Heinz.«
Die Antwort war also so schlimm ausgefallen, als Linde irgend fürchten konnte; selbst ewiges Schweigen wäre besser gewesen. Außerdem, daß sein Ton verletzend klang, bemerkte sie mit leise erregendem Schmerz das Fehlen des zueignenden Fürworts am Schluß vor seinem Namen, und da es für die Liebe keinen Zufall gibt, so durfte sie nichts anders, als einen trauervollen Schluß daraus ziehen. Sie tat es in sehr anständiger Haltung. An ihrem Glauben änderte sie nichts. Ihren Liebeswillen hielt sie aufrecht. Den Brief des Freundes ließ sie unbeantwortet. Aus Morgen und Abend begann jedoch eine neue Leidenszeit für sie auch körperlich. Das Fieber fand sich wieder ein, wie es schien geradezu zur Befriedigung des Kreisphysikus, welcher erklärte, daß es sich um einen Influenzarückfall handle, der ihm wie gerufen komme; das kleine wichtige Fräulein müsse ja in dieser Zeit ganz voll Bakterien aus Armeleuts- und Krankenstuben hängen, und es sei ein Wunder, daß sie überhaupt nicht viel öfter krank werde. »Zu früh aufgestanden, mein Kindchen. Da haben wir's wieder! Quarantäne! Vor vier Wochen lass' ich dich nicht wieder 'raus.«
Die Klingse hatte abermals ihre besondern Gedanken über den Fall. Wenn sie erwog, daß Linde gestern einen Brief von Heinz bekommen hatte, der diesen Erfolg bewirkte, so fühlte sie etwas unter ihren Füßen wie Festigung des Bodens. Weiter brachte sie ihr Literatursinn auf die Vermutung, daß Heinz bei seinem weichen Gemüt natürlicherweise mit den Dingen nicht so überlegen fertig zu werden verstehe wie ein älterer und härterer Mensch, und daß es an ihr liege, ihre Zurückhaltung nun aufzugeben und ihm weiterzuhelfen, nachdem er offenkundig den großen Schritt ihr entgegen getan hatte. Sie hielt ihn noch für zu wund und zu erregt, um nun auch gleich die Folgerungen ihr gegenüber zu ziehen, und vielleicht war er auch zu geschmackvoll. In allen diesen vorausgesetzten Regungen sah sie achtenswerte »ideale Momente«; mindestens wollte sie sie jetzt achten, weil sie ihr den Weg zu ihm, den sie schon verschüttet gesehen hatte, wieder frei machten und es ihr ermöglichten, aus ihrer nachgerade unerträglichen Vereinsamung herauszutreten. So setzte sie sich denn noch am ersten Tag von Lindes Neuerkrankung hin und schrieb an Heinz, ohne länger seinen berichtenden Brief zu erwarten.
»Mein lieber Freund! Es drängt mich, Dir mit einem Wort zu schreiben, daß ich manches sehe und vieles empfinde; das übrige vermag ich zu konstruieren. Ich verstehe das, was Dir schwer ist, wenn dergleichen mir auch längst nicht mehr schwer scheint. Mein Freund, wir tun gut daran, die Dinge vom Standpunkt des Mondes aus zu betrachten; ich für mein Teil bin bereits auf dem Sirius angekommen. Wie klein ist diese Welt, und wie bedeutungslos ist das, was man so gemeinhin Schicksal nennt! Du kannst mir glauben, daß sich noch jeder und jede getröstet hat, und der Prozeß geht immer viel schneller, als wir denken. Tragödien ereignen sich nur auf dem Theater, und der Realismus hat auch mit den Theatertragödien schon aufgeräumt. Am schwersten hat es immer der, den das Beharrungsvermögen der Menschen zwingt zu handeln. Mein lieber Junge, was sich in der Welt so ›gut‹ nennt, und wen man ›schuldig‹ spricht, darüber reden wir einmal mündlich. Hoffentlich nun bald! Mir ist beinahe religiös zumut. Wir werden unser Leben künftig nicht mehr durch Gefühle aufhalten, sondern wie es uns ziemt, gut englisch auf +business+ einstellen. Die Karriere, mein Freund, die Befriedigung des Ehrgeizes, das sind die wahren Genugtuungen. Die Wege dazu sind mir bekannt; ich werde dich führen. Das Geheimnis besteht in der Verachtung der Menschen, während man den Anschein erweckt, sie zu schätzen. Wohl Dir, daß es Dir so früh kund wird. Nun sorge Dich um nichts und genieße Deine Jugend. Lebe Dich frei und versäume keine Gelegenheit. Das ist die ganze Weisheit des Glückes. Ich bin wie immer herzlich Deine Malva.«
Nach weitern zehn Tagen Wartens traf endlich seine Antwort ein.
»Liebe Malva! Ich danke Dir für Deinen Brief und die guten Ratschläge. Ich werde sehen, was sich davon in die Wirklichkeit umsetzen läßt. Bei uns hier draußen hat eben manches ein anderes Gesicht, und wenn man so einen Monat wie den andern im Dreck herumbuddelt, so ist es nicht leicht, den Standpunkt des Mondes einzunehmen oder gar die Welt vom Sirius aus zu betrachten. Jeder Tag bringt seine Granaten; das ist ~unsre~ Weisheit, und eine andere brauchen wir vorläufig nicht. Gestern hatte ich wieder einmal den Rachen voll Erde. Ums Haar hätte ich mich daran verschluckt. Ich war so verdast von dem Schlag, daß ich nicht einmal darauf verfiel, mir mit dem Finger Luft zu schaffen. Ein Musketier erwies mir noch schnell den Dienst, ehe ich erstickte; ich hatte keine Zeit, mir seine Kralle näher anzusehen. So geht es aber, wenn man den Mund zu weit aufreißt. Daran zu denken, daß ihr euch in der Heimat in der Zeit um uns balgt, das gibt manchmal ein putziges Gefühl. Versteh mich nicht falsch, aber unser höchster Wunsch ist jetzt, daß das alles zuerst einmal vorbei wäre; dann wollen wir weitersehen, soviel von uns übrigbleiben. Wenn ich aber die Menschen verachtete, so wollte ich's ihnen auch zeigen; darin stimme ich mit Dir nicht überein. Nun, was wissen wir noch voneinander! Habt ihr Überblick, so kann's uns nur lieb sein; wir haben längst keinen mehr. Du hast recht, man müßte wieder einmal miteinander reden. Also hoffen wir. Eben kommt mein Bursche und meldet, daß sie unsern Unterstand eingeschossen haben. Zum Glück war niemand drin. Ich muß sehen gehen. Herzliche Grüße. Heinz.«
Dieser Brief war nun dazu angetan, auch der Klingse Fieber zu verursachen, und die Stelle: »-- daß ihr euch in der Zeit um uns balgt --« verletzte und verdroß sie unsäglich. Aber kühl erwägend sagte sich ihr Verstand, daß, wenn Linde Ursache für einen neuen Fieberanfall gefunden habe, für sie vernünftigerweise keine bestehen könne. Was sie erlitt, das erschien ihr, überlegen betrachtet, ein ungezogener Vorstoß von übler Laune und Nervosität gegen eine eingebildete Bedrängung, die Schlechtberatenheit eines jungen Menschen, der sein augenblickliches kriegerisches Übergewicht gegen seine moralische Hilflosigkeit geltend zu machen suchte, »irrationell«, wie er von seinen Lehrern kam, und sachlich noch gar nicht eingeschult. Da sie ihn aber auf ihre Art wirklich liebte, so sah sie's ihm nach in der Erwartung, noch Zeit genug zu seiner Erziehung zu bekommen, wenigstens bildete sie sich ein, die Frau dazu zu sein, während niemand weniger für eine solche Aufgabe geeignet war als sie mit ihrem gespenstischen Fatalismus, ihrer Verständnislosigkeit für Leidenschaftsausbrüche und ihrem Mangel an Würde und Wehrhaftigkeit gegenüber wirklichen Ungezogenheiten. Und während sie sich nach den Mitteln und Wegen umzusehen begann, wie seine Karriere in der Welt vorzubereiten und im größeren Stil durchzuführen sei, schrieb sie bereits die ersten Briefe, die nötig waren, um nach jenen Richtungen die wünschenswerten Beziehungen bereitzustellen.
In dieser Zeit wurde sie für Bob die Beziehung zum Untergang, und zwar hatte das erbarmungslose Ereignis folgenden Verlauf. Bob kam, seitdem seine Freundin wieder zu Bett lag und die Klingse von neuem die Vermittlung zwischen dem Hauswesen und der Geschäftswelt führte, selten mehr zum Ausgang; wenn er Anregung haben und in der Stadt auf dem laufenden bleiben wollte, so mußte er sich schon an die unbeliebte Person halten. Nun hatte die Klingse wenig Lust, sich mit dem lebhaften und sehr unternehmenden Tier zu befassen, aber da der Dechant wünschte, daß Bob seine tägliche Bewegung bekomme, so nahm sie ihn mit. Trotz seiner gelegentlichen Wildheit war er hochsinnig und zartfühlend, und wo er ein wenig Interesse für seine Art und seine Bedürfnisse bemerkte, da zeigte er sehr genauen Appell. Eine Rauferei zum Beispiel zu verhüten, war nicht immer möglich, aber wenn man rasch weiterging und ihn abrief, so schloß er ganz richtig, daß man sich mit dem gegebenen Beweis seines Eifers begnüge, und kam nach, ohne auf der Austragung des Falles zu bestehen, obwohl es sonst nicht seine Art war, einen Streit halbgenäht hängen zu lassen; daß er vorzeitig davon abließ, tat er wirklich nur seinem Herrn oder seiner Herrin zu Gefallen. Mit kleineren Hunden, als er war, ließ er sich nicht ein; seine Feinde begannen erst in den Reihen der größeren Terrier, und dort machte er noch zur Bedingung, daß er oder sein Begleiter zuerst in unflätiger Weise beschrien werden mußte. Bei Wölfen, Dobermännern, Neufundländern und Bernhardinern dagegen ging er selbständig an und desto sicherer, je größer die Feinde waren. Darum war es nötig, daß man etwas die Augen für ihn brauchte, um ihn beizeiten ablenken zu können, denn schließlich war er nicht mehr jung, und durch den Verlust des einen Auges entstand ihm mancher Nachteil, zumal in letzter Zeit auch das andere angegriffen schien. Er suchte immer auffälliger dämmerige Plätze zum Liegen, und manchmal bemerkte man, daß er an Gegenstände anstieß, die eigentlich mit normalem Gesicht nicht wohl zu übersehen waren. Nun schien ihn auch der Schmerz in dem verletzten Auge und das scharfe Tageslicht zuzeiten zu reizen und ihn etwas rauher und weniger ritterlich zu machen, als er sonst war. Alles in allem verlangte er also ungefähr die Aufmerksamkeit und Vorsorge, die man einem lebhaften und phantasiereichen Knaben auf der Straße zuwendet, und bei seinem bedeutenden Reichtum an sonstigen wertvollen Eigenschaften, Treue, Wachsamkeit, Selbstgefühl, Unbestechlichkeit, Dankbarkeit, und der ganzen Entschiedenheit seines Wesens war es keine Frage, ob er jene verdiente oder nicht.
»Nun, so komm also!« sagte die Tante kaltsinnig und etwas verdrießlich zu ihm, der schon nach ihr sehend vor der Tür wartete und hoffend den kurzen Schwanz bewegte. »Ich bitte mir eine anständige Aufführung aus. Nicht aus dem Haus schießen!«
Aber er schoß bereits, und für den fremden Hund, der jetzt gerade nicht dastand, war es ein wahres Glück, denn Bob fühlte sich diesen Morgen besonders begierig und gereizt, weil ihn Brigitt nach dem Willen der Klingse neuerlich wiederholt im Futter zurückgesetzt hatte. Er suchte noch schnell die bekannteren Plätze ab, dann setzte er sich gesammelter und leise gespannt auf die vorkommenden Abenteuer am Dom vorbei nach der Sattlergasse zu in Bewegung. Zuerst begegnete ihm ein kleiner Wachtelhund, der ihm respektvoll aus dem Weg ging. Nachher kam ein großes, graues Windspiel des Weges, das zur Präsidentin des Roten Kreuzes, dem Fräulein von Epstein, gehörte. Aber Windspiele hielt er nicht für Hunde; er hatte schon von Kind auf eine Verachtung für sie gehabt. Auf den Anruf des Fräuleins von Epstein kam er zwar her und ließ sich gnädig den Kopf streicheln, doch an ihrem Gespräch mit der unbeliebten Person nahm er keinen Anteil, und sobald es der Anstand erlaubte, machte er sich davon.
In der Hauptstraße begegnete er dem braunen Jagdhund des Kaufmanns Felge, der dessen Boten auf einem Gang begleiten durfte. Mit diesem setzte es eine kurze grundsätzliche Anremplung um der Ordnung willen; im übrigen waren sie alte Bekannte, die an diesem Platz schon viel Wechsel gesehen hatten. Der Jagdhund war als Eingeborener freilich schon dagewesen, als man Bob mit der Eisenbahn brachte, wenn auch erst die zehn Wochen, die er alles in allem damals zählte, aber da gehörte Bob bereits unter die Erwachsenen, und diesen Vorsprung an Geltung hatte der Jagdhund nie ganz einholen können, zumal Bob überhaupt als Ausnahme betrachtet wurde und darum allen Respekt und alles Übelwollen genoß, das die Mittelmäßigkeit für solche Erscheinungen immer bereit hat. Zu Ehren des Jagdhundes muß gesagt werden, daß er von Übelwollen nur so lange besessen war, als er sich mit Bob zu raufen hatte; sonst war er ein Ehrenmann, der fremde Verdienste zu schätzen wußte.
Nach dem braunen Jagdhund des Herrn Felge kamen die beiden weißen Pudel der Frau Oberförster, einer anspruchsvollen, reichen Frau, in Begleitung des Dienstmädchens. Das Mädchen bemerkte den Boxer schon von weitem und nahm die Pudel vorsichtig an die Leine, da sie zu seinen besten Feinden zählten; er konnte die zierigen, eingebildeten und hochtrabenden Tiere, die immer farbige Bänder am Halsband und Decken mit Monogrammen und weißen Taschentüchern trugen, in den Tod nicht ausstehen, und wo er eines von ihnen erreichbar fand, ging er es sicher nicht vorbei. Nachher hatte er das Maul voll weißer Pudelwolle und etwa einen neuen Biß am Kopf oder an der Brust, denn die Pudel waren trotz ihrer Zierigkeit nicht von schlechter Rasse und schlugen wütend zu. Wenn sie aber an der Leine gingen, fing er nichts mit ihnen an. Zur Durchführung dieses großmütigen Grundsatzes war es dann freilich nötig, daß er weder von den Pudeln beschrien -- Knurren vertrug er in solchen Fällen auch nicht -- noch von seiner Begleiterin verwarnt wurde, sonst vergaß er auch die Leine und fuhr unhaltbar drein.
Nun beging die Klingse, die sich noch nie die Mühe genommen hatte, ein Tier zu verstehen, die große Torheit, beim Nahen der Pudel Bob ausdrücklich und von vornherein über den möglichen Ungehorsam indigniert zu vermahnen. Bob dachte also, daß sie von den Pudeln eine Gefahr besorge; er leckte sich die Zähne, und seine Miene nahm bereits einen drohenden Ausdruck an. Die Pudel ihrerseits fühlten sich von der scharfen und nervösen Stimme der Klingse erregt und glaubten, daß dort ein Angriff befohlen werde. Bob ging den Pudeln mit langsamen, steifen Schritten und gespanntem Rücken entgegen. Die Pudel schlugen Lärm und rissen unruhig an der Leine. Die Klingse verwarnte und rief aufgebracht Bob beim Namen. Das Dienstmädchen begann zu schreien und suchte, mit den Pudeln wegzukommen. Aber schon fuhr der sehnige, dunkle Körper des Boxers in die weiße Pudelherrlichkeit hinein und diese flockig und leidenschaftlich über ihn her. Was dann geschah, war nicht mehr im einzelnen zu erkennen. Einmal schien sich Bob in einem Pudelohr festgebissen zu haben. Einmal hing ein Pudel an Bobs rechtem Vorderlauf, dicht unterhalb der Brust. Das Dienstmädchen schlug mit der Peitsche dazwischen und konnte nichts Dümmeres tun, denn jede Partei setzte die empfangenen Hiebe der andern aufs Konto und steigerte ihre Angriffswut. Die Klingse versuchte sich mit ein paar Fußtritten, ließ dann aber, jetzt mit Grund indigniert, jede weitere Bemühung, um nach Männern auszusehen, die helfen konnten.
Die erschienen in Gestalt von zwei Arbeitern, die Eisenstangen und Werkzeuge trugen. Sie ließen sich lachend bereit finden, den Krieg auseinander zu bringen. Zuerst probierten auch sie es mit Fußtritten, und da das Dienstmädchen wie auch die Klingse einstimmig angaben, daß Bob den Streit angefangen habe und er außerdem als Raufer bekannt war, machten sie es sich zum besondern Vergnügen, einmal dem Hund eines katholischen Pfarrers zu zeigen, was rechte genagelte Arbeiterschuhe sind. Er bekam also alle Fußtritte allein. Als die Schuhspitzen nicht auszureichen schienen, versuchten sie sich mit den Absätzen. Schließlich war es natürlich, daß Bob, den die Fußtritte und die allgemeine Parteinahme gegen ihn verwirrten, blindhin nach den Feinden biß; dabei erhaschte er einen der Männer flüchtig am Schuh. Der Zahn hatte, wie sich nachher zeigte, nicht einmal das Leder durchschlagen, aber nach der Art aller rohen und stupiden Menschen, die auf eine Niedertracht eine Abfertigung erhalten, schlug seine vergnügte Stimmung schnell in Wut um. Er ergriff eine der Eisenstangen, die er bei sich trug, und begann damit auf Bob loszuschlagen. Der erste Hieb traf ihn auf die Schulter, so daß er erschreckt herumfuhr und sich bei seiner Führerin in Sicherheit zu bringen suchte. Die Absicht war auch ganz deutlich, aber der Arbeiter schrie: »Was, du elendes Vieh, du willst noch mehr beißen? Da hast du fürs Beißen!« und führte einen zweiten Schlag, der ihn auf den Kopf traf; das Blut floß sofort nach. Und weil er doch einmal am Schlagen war, versetzte er dem hilflos taumelnden Tier, das vor Blut nichts mehr zu sehen vermochte und vom Schlag halb betäubt war, einen dritten Hieb ins Kreuz, unter dem es leise stöhnend zusammensank.
Das Mädchen hatte unterdessen längst seine weißen Pudel aus dem Streit zurückgezogen, etwas gezaust und schmutzig, aber übrigens heil, und sich mit ihnen davongemacht; man konnte es eben noch die Nebengasse hinauflaufen sehen, in der Herr Felge wohnte, und die Pudel sprangen munter mit. Auch die Klingse, als sie sah, daß der Krieg beendigt war und Bob »seinen Denkzettel erhalten« hatte, wandte der Szene den Rücken. »Das hat dir schon lange gefehlt«, bemerkte sie noch belehrend zu ihm, der sie mit blutüberströmten Augen blind suchte. »Das nächste Mal wirst du besser gehorchen.« Mit dieser angenehmen Aussicht wandte sie sich wieder auf ihren Weg, im ganzen befriedigt, nur daß ihre schwachen Nerven noch etwas von der gehabten Aufregung zitterten. Den Hund hatte sie so wenig aufmerksam angesehen, daß sie nicht einmal bemerkte, wie er die Hinterbeine kraftlos am Boden schleppte. »Der hat genug!« lachte der zweite Arbeiter, der nicht geschlagen hatte, halb verlegen. »Komm.« Auch darauf achtete sie nicht. Sie ging die Stadt hinunter, die Arbeiter machten sich nach der andern Richtung davon, und nur einige Kinder standen halb neugierig, halb erbarmungsvoll um das verlassene Tier.