Part 22
Als Bob erkannte, daß man ihn allein gelassen hatte, war er zuerst bestrebt, seinen Blick wieder zu befreien. Er fuhr sich einige Male hastig und ungeduldig, weil er nicht mehr Herr aller Glieder war, mit einer Vorderpfote über das heile Auge. Endlich gelang es ihm, es klar zu bekommen, so daß er wenigstens die Richtung erkennen konnte, die er heimwärts nehmen mußte. Mühselig mit seinem schleppenden Hinterkörper setzte er sich die Stadt hinauf in Bewegung. Da das Blut weiterfloß, wurde er bald wieder blind, aber nun halfen ihm die Kinder; sie riefen: »Komm, Bob!« und wiesen ihm so die Richtung weiter. Aus der barmherzigen Erfindung wurde dann ein Sport, und dermaßen kam das stumme, traurige Tier mit großem Geleite und einigem Hallo langsam durch die Stadt vorwärts; aber die ganze Reise dauerte eine halbe Stunde und mehr, während sie sonst in fünf Minuten leicht zurückzulegen war. Auf dem ganzen Weg fand Bob keinen Freund, der sich über ihn erbarmt, und auch kein menschliches Herz, das sich aus Naturfrömmigkeit seiner angenommen hätte. Die Erwachsenen, die ihn blutend seines Weges kriechen sahen, eskortiert von der Kinderrotte, hatten für ihn wenig andere Regung als die einer befriedigten Neuigkeitssucht, und das Wort des Arbeiters: »Der hat genug!« wurde noch einigemal hinter ihm laut, begleitet von keineswegs immer freundlichen Kennzeichnungen seines Wesens und Treibens. Die etwas gespannte oder aber gleichgültige Stimmung der Leute für seinen Herrn schlug sich auch auf ihn nieder, und wenn er einmal für ein paar Minuten erschöpft liegenblieb, war er inmitten aller Leute, die er wie in seiner Todesstunde kommen und gehen hörte, in einer für ihn mehr ehrenden als nützlichen Weise einsam. Es fand sich nicht einmal jemand, der ihm einen Schluck Wasser gebracht hätte, obwohl er an mancher Haustür vorbeikam, durch die er dem Dechanten oder Linde auf einem Hilfsgang gefolgt war, und nicht nur einmal. Man hatte ihn stets mit ausgesprochenen Freundschafts- und sogar Achtungsbeweisen empfangen, aber nie dazu gebracht, einen Bissen Brot oder einen Knochen von jemand anzunehmen, und es war bei solchen Ehrungen immer eine gewisse Verlegenheit an dem feinnervigen Tier zu bemerken gewesen, die es durch angelegte Ohren, leises Knurren und durch mitteilende Blicke auf seinen Herrn oder die Herrin äußerte. Bob war auch immer sehr erleichtert, wenn es wieder hinausging, so gern er stets mit hereinkam, denn die Aufsuchung von fremden Verhältnissen schätzte er über alles, dagegen weniger deren Insassen; dafür hatte er von jeher den richtigen Instinkt besessen.
Die Tante war inzwischen zur Post gegangen und dann zu Herrn Felge, ohne den Hund besonders zu vermissen; sie sah, daß er nicht bei ihr war, und sonst dachte sie sich nichts. Nach vollbrachter Verrichtung kehrte sie auf einem andern Weg nach Hause zurück und war noch vor Bob da. Sie fragte nicht nach ihm, sondern gab Brigitt eine Küchenanweisung und stieg dann zu Linde hinauf, um mit dem Hinweis auf das schöne Wetter -- es war gar nicht übermäßig schön -- ihr Fenster zu öffnen, das sie von unten geschlossen gesehen hatte. Auch sie zog bloß Schlüsse von sich auf andere Leute, um ihnen damit unbequem zu werden, denn während sie in gesundem Zustand sehr auf Wärme hielt -- sie war fortdauernd blutarm --, konnte man ihr, wenn sie unpäßlich war und zu Bett liegen mußte, nicht bald genug frische Luft machen, weil sie es dann bei ihrem leicht hysterischen Zustand immer etwas mit Hitzen zu tun bekam. Unterdessen hatte Brigitt dem Hund seine Schüssel zurechtgemacht und ging, ihn rufend, durch die Zimmer, darauf vors Haus, und dort sah sie den betrüblichen Zug herankommen, voraus das Tier, das mit den letzten Kräften seinen gelähmten Leib nach Hause schleppte, und dann die Kinderrotte, die sich jetzt mehr im Hintergrund verhielt und nur noch sehen wollte, wie Bob empfangen wurde.
Als Brigitt nach dem ersten Schreck erkannte, worum es sich handelte, lief sie eilig herzu, das Tier, viel tiefer erschreckt, als sie selber wußte, beim Namen rufend. Bob hob aufhorchend den blinden Kopf. Über seinen zerstörten Körper lief ein Zittern, und vor Erregung und Schwäche brach er wieder zusammen. Die Magd ließ sich erschüttert bei ihm nieder, um ihm vor allem mit der Schürze das schon eingedickte Blut vom Auge zu wischen. Er blickte sie, als er wieder sehen konnte, hilfesuchend und mit einem so kummervollen Ernst an, daß ihr das Weinen in die Kehle drang. Es war nun durchaus nichts Hündisches mehr an ihm, sondern nur noch die schweigende Bereitschaft der Kreatur, die den Tod wittert. Sie streichelte ihm ergriffen und unfähig, zu sprechen, den schönen, ausdrucksvollen Kopf, und er lag leise klagend, doch nicht winselnd, auf dem Pflaster, ab und zu um Luft kämpfend und keinen Blick von ihrem Gesicht wendend.
Inzwischen besann sich Brigitt, daß etwas mit dem Tier geschehen müsse; da sie sich aber nicht getraute, es anzufassen, schickte sie ein Kind nach dem Dechanten. Das traf ihn bereits auf der Treppe; er hatte den Aufzug ebenfalls bemerkt und sich eilig auf den Weg begeben. Als Bob ihn kommen sah, machte er eine Anstrengung, ihm entgegenzukriechen, blieb aber halb aus Schwäche und halb unter Brigitts mitleidsvollem Widerstand liegen; nur das Spiel seiner Ohren und die Spannung seiner Miene verriet die Bewegung, in die ihn das Wiedersehen mit seinem Herrn versetzte. »Um Gottes willen, was ist hier geschehen?« rief dieser bestürzt, bei der Gruppe ankommend. »Brigitt, so rede doch!« Diese hatte unterdessen von den Kindern so viel erfahren, um über die Hauptsachen Bescheid zu wissen. Sie kämpfte um Worte. Sie wisse es nicht, würgte sie endlich hervor, ohne ihn anzusehen. Die Frau Professor sei mit ihm ausgewesen. Da sie seinen Blick vermied, so sah sie auch nicht den Schatten, der bei ihren Worten über sein Gesicht ging, und wenn sie ihn bemerkt hätte, so hätte sie den schlechten Eindruck in ihrer neuen Demut sich zugeschrieben, nicht der Feindin. Er bezog sich aber auf die Verwandte.
Da man das Tier nicht auf dem offenen Platz liegenlassen konnte, trug es der Dechant mit Brigitt in ihrer Schürze ins Haus. Bob knurrte zuerst, ließ sich dann aber von seinem Herrn zureden. Sie brachten ihn in die Küche; Brigitt holte sein Lederkissen herunter, und darauf betteten sie ihn. Nachher lief sie zum Tierarzt; der Dechant blieb solange beim Hund. Der Arzt war über Land gefahren und nicht vor Mittag zurückzuerwarten. So war vorläufig nichts weiter zu tun, und der Dechant suchte seine Schwägerin auf, um von ihr Näheres über die Vorgänge zu hören.
Es war ihr neu, daß das Tier erst jetzt nach Hause gefunden habe; von seinem Zustand wußte sie überhaupt nichts, und was sie sonst erzählte, verwischte keineswegs die peinliche Empfindung, die dem Dechanten Brigitts Worte bereits gemacht hatten, im Gegenteil, es verstärkte sie noch wesentlich. »Du hättest dich besser um das arme Tier kümmern sollen, anstatt es von fremden Leuten zuschanden schlagen zu lassen«, sagte er, unfähig, seine Erregung ganz zu verbergen.
»Was willst du?« wunderte sie sich. »Du wirst doch nicht von mir verlangen, daß ich mich in die Raufereien deines Hundes mische!«
»Du hast recht; irgendwo hat jedes menschliche Verhältnis seine Grenzen«, bestätigte er erkältet und verließ sie, um auf sein Zimmer zu gehen.
Bob lag in der Küche auf seinem Kissen, den Kopf zwischen den Vorderpfoten und mit unruhig belebten Sinnen allen Vorgängen um ihn aufmerksam folgend, während sein Hinterkörper ohne Bewegung und leblos an ihm hing, auch schon ganz gefühllos, denn seine Exkremente gingen ohne sein Bewußtsein von ihm, bei einem so peinlich hausreinen Tier ein bekümmernder Anblick. Brigitt hatte ihm seine Wunden ausgewaschen und ihn vom Straßenschmutz gereinigt. Ab und zu stieß er einen tiefen Seufzer aus; sonst lag er still und auf irgend etwas wartend da. Nahrung nahm er nicht mehr zu sich; Wasser trank er immer wieder mit Begier. Brigitt kochte weinend das Mittagessen. Linde wagte niemand etwas zu sagen, weder der Dechant noch Brigitt, und die Tante hielt den Vorfall für keine mitteilungswürdige Tatsache, zumal sie der Dechant über deren wahre Tragweite im ungewissen gelassen hatte. Schließlich merkte Linde an gewissen Anzeichen, für die der Kranke eine feine Empfindung hat, daß im Haus etwas nicht in Ordnung sei, und auf ihre Frage bekam sie von der Tante die trockene Nachricht, daß der Hund wieder eine Rauferei gehabt und dabei wohl eine etwas derbe Lektion erhalten habe.
»Wieso?« fragte Linde aufhorchend. »Weißt du das denn nicht sicher? Wer war denn aus mit ihm?«
»Ich war aus mit ihm, meine Liebe«, erklärte sie sehr kühl und kampfbereit. »Was willst du damit sagen?«
»Daß er dann mit dir wenig Glück gehabt hat«, versetzte Linde erregt. »Was ist mit dem Tier?«
»Ich bewunderte immer eure Auffassung, daß sich die ganze Stadt nach eurem Köter richten solle«, sagte sie mißmutig. »Aus diesem Kult wünsche ich herauszubleiben. Ich werde dir die Magd herschicken, damit du die Dinge in der gewünschten Aufmachung erfährst.«
Brigitt kam ungern und wollte dann nicht mit der Sprache heraus, so daß endlich Linde in Ungeduld und wahrer Angst aus dem Bett sprang, ohne auf etwas weiteres zu hören einige Kleider anzog und in aller Leibesschwäche sich an den Wänden und dem Treppengeländer hintastend nach der Küche hinunterstieg, gefolgt von der händeringenden und still vor sich hinweinenden Magd. Als Bob seine liebste Freundin bemerkte, raffte er sich eilig auf und kroch, bevor ihn jemand halten konnte, seinen Hinterleib nach sich schleppend, auf sie zu, und als sie mit den zitternd hervorgebrachten Worten: »Mein armes Tier, was haben sie mit dir gemacht?« bei ihm niedersank, stieß er einen so klagenden und zugleich von ihrer Nähe erschütterten Laut aus, daß Brigitt haltlos aufschluchzend sich gegen die Wand warf und Linde sich bis ins Mark erbleichen fühlte. »Willst du dich -- nicht wieder auf dein Bett legen?« bat sie ihn mit wankender Stimme, umsonst bestrebt, ihr Entsetzen über seinen Zustand zu verbergen, und mit ihrer blassen, kranken Hand leise seine Wunden abtastend. Er kroch noch näher zu ihr hin, um seinen Kopf eng an ihren Fuß zu schmiegen, und sie hatte nicht die Kraft, gegen diese Gebärde der Liebe noch etwas zu unternehmen. Dieser Augenblick war es aber, auf den er die ganze Zeit gewartet hatte.
Schließlich besaß aber Linde nicht mehr so viel Kräfte, um einen derartigen Ansturm von Empfindungen und dazu noch den Anblick und die Nähe der dem Tod verfallenen Kreatur lange zu ertragen. Als sie den Zustand seines vorigen Platzes bemerkte und sah, daß der Weg von dort bis hierher über den Zementboden mit den Spuren seiner Schwäche gekennzeichnet war, überfiel sie ein furchtbares Mitleid, dem sie mit einem hilfesuchenden Blick nach Brigitt stumm erlag. Sie sank ohnmächtig neben dem Tier nieder, und Brigitt konnte mit knapper Not verhindern, daß sie den Kopf auf dem harten Boden aufschlug. Dann rief sie laut durchs Haus nach dem Dechanten, der neu erschreckt herbeikam, sich, wie vorhin Linde über den Hund, jetzt über ihre Anwesenheit in der Küche entsetzte und dann das bewußtlose Mädchen beinahe ganz allein, Brigitt hielt sich mehr daran, als daß sie heben half, über die Treppe hinauf in sein Bett zurückbrachte.
Bob blieb solange allein in der Küche. Das Wegsinken der Freundin neben ihm und dann die folgenden Vorgänge, die mit der Entfernung aller Personen endeten, hatte er mit ernster und trauriger Miene beobachtet und auch noch aufmerksam die folgenden Geräusche im Haus droben verfolgt, darunter unsäglich erregt die haltlos und beinahe wild aufweinende Stimme des wieder erwachten Mädchens. Als es dann endlich still wurde und Brigitt allein und seufzend zu ihm zurückkehrte, ließ er sich in sein Schicksal ergeben wieder auf sein Kissen betten, und die nächste Stunde lag er regungslos wie vorher, den Kopf beobachtend und ständig Schlüsse ziehend zwischen den Vorderpfoten, auf seinem Lager, nun auf nichts wartend als auf seinen Tod.
Den brachte ihm endlich, noch bevor das Mittagessen ganz fertig war, der Tierarzt. Er hatte sich gleich mit allen Instrumenten versehen und für den äußersten Fall auch mit Blausäure. Nun, diesen äußersten Fall fand er gegeben, und er betrieb die Zurüstungen still und schonend. Er konnte weder dem Tier noch den Hausgenossen die Pein ersparen, jenem die Kiefer mit einer handfesten Schnur zuzubinden, und da er wußte, mit was für einem Hund er's zu tun hatte, betrieb er diese Vorbereitung sogar besonders umsichtig und gewissenhaft. Bob hatte sich von selber auf die Vorderbeine aufgerichtet. Er schnaufte etwas erregt und sah fragend nach seinem Herrn, ob das in der Ordnung sei. Der Dechant redete ihm wieder zu und strich ihm beruhigend mit der Hand über die phantasievolle, hochgewölbte Stirn. Der Tierarzt, ein schmächtiger, blasser Jude mit blondem Schnurrbart und dünnem Haar, suchte dem Dechanten und der Magd die Furcht vor dem Kommenden zu nehmen. Sie sollten ganz ruhig sein; er werde jetzt nur die Spritze rasch ins Herz einführen; mit dem nächsten Pulsschlag trete die Blausäure ins Gehirn und werde sofort Bewußtlosigkeit bewirken. Was dann noch folge, das vollziehe sich nur mechanisch und ohne daß das Tier etwas davon wisse.
Bob wurde schonend gelegt und dann auf den Rücken gedreht. Der Arzt füllte die Spritze mit Blausäure, suchte die Stelle zwischen den Rippen und stieß dann schnell zu. Das Tier ließ einen mehr verwunderten als schmerzhaften kurzen Laut vernehmen, während der Arzt die Spritze in seinen Körper entleerte. Darauf warteten alle, auch das Tier. Es verging eine halbe Minute, eine Minute, und dann noch eine zweite und dritte, ohne daß die angesagte Bewußtlosigkeit eintrat. Bob blickte aus seinem gesunden Auge unruhig und seinem Schicksal, aber durchaus nicht dem Gift erlegen um sich. Ab und zu machte er eine nervöse Bewegung, um sich den Händen zu entwinden, die ihn niederhielten; nach der dritten Minute wurden diese Anstrengungen heftig und nachhaltig, so daß der Arzt nicht länger mit seinem Erstaunen zurückhielt. Ein derartiger Fall sei ihm im ganzen Verlauf seiner Praxis noch nicht vorgekommen, erklärte er befremdet. Er habe bisher noch nie etwas anderes erlebt, als daß ein Hund nach der ersten Injektion bewußtlos hinzucke und nach einer halben Minute spätestens tot sei. Um den Prozeß zu beschleunigen, gab er eine zweite Spritze. Bob hielt wieder betroffen inne, wartete ein Weilchen und erneuerte seine Anstrengungen, sich zu befreien. Der Verlauf fuhr nun dem Arzt schon sichtbar in die Nerven. Der Dechant litt schweigend mit dem Tier, und Brigitt biß sich wild auf die Lippen, um ihre Fassung zu behalten.
Schließlich gab Bob ermüdet und schwerer schnaufend nach, aber er schien noch bei Bewußtsein. Kopfschüttelnd und verständnislos wiederholte der Arzt zum fünften- oder sechstenmal: »Eine fabelhafte Vitalität! Eine ganz unheimliche Natur!« ohne daß er wagte, den Blick von dem Hund auf die Anwesenden zu richten.
Darüber waren nun bereits zehn Minuten vergangen, und von jeder neuen hofften die Anwesenden, daß es die letzte sei. Aber es wurde noch eine dritte, besonders große Dosis Blausäure nötig, bevor die vorausgesagten Wirkungen nacheinander endlich eintraten, die Bewußtlosigkeit rasch, das ringende Atem der Lungen langsam, um dann einen desto zäheren und heftigeren Verlauf zu nehmen. Dieser hoffnungslose und hastige Kampf um Luft war vielleicht von allen Erscheinungen die, die seinen Freunden am bittersten zu Herzen ging, zumal er dabei noch einmal den ganzen rassigen Bau seines Körpers zur Anschauung brachte. Darauf stieß er schnell hintereinander zwei, drei Schreie aus, begann zu zittern und zu zucken, und endlich fühlten der Dechant und Brigitt mit wahrem Dank gegen Gott seinen Widerstand unter ihren Händen nachlassen, und zwar ganz plötzlich. »Geben Sie ihn jetzt nur frei«, sagte der Arzt leise. »Es ist vorüber.« Er sah noch eine Weile zu, wie das geheimnisvolle letzte Beben durch seine bereits erschlaffenden Glieder ging. Dann löste er ihm die Verschnürung von den Kiefern. Sein Kopf sank schlaff über die erbarmungsvoll stützende Hand Brigitts zu Boden nieder, und die Zunge hing ihm aus dem Maul. In diesem Moment hatten alle einen kalten und scheuen Begriff vom Wesen des Todes, und eine Weile betrachteten sie den schönen leblosen Körper, ohne doch verstehen zu können, was im Grunde damit vorgegangen war.
Durch die Stille drang von droben schneidend der neu aufweinende Ton von Lindes Stimme. Sie hatte läuten gehört und aus allen Geräuschen im Haus drunten den richtigen Schluß gezogen. Bis zu Bobs letzten Schreien hatte sie sich noch gefaßt, weil sich die Tante wieder bei ihr im Zimmer aufhielt. Jetzt brauste der Jammer um das liebenswürdige und edle Tier widerstandslos in ihr auf, aber nicht nur der Jammer, sondern auch das Grauen vor der Person, die ihn mit ihrer Gefühlskälte verschuldet hatte, und die leidenschaftliche Abneigung gegen sie. Als sie ihr mit überlegenen Belehrungen den wilden und schädlichen Ausbruch verweisen wollte, schrie sie gepeinigt und außer sich: »Laß mich allein! Geh! Ich will nichts hören! O Gott! Mußte denn das sein?« Da erhob sich die Tante, den bittern Ernst mit Verdrießlichkeit erkennend, und verließ das Zimmer. Nachher kam Brigitt, um durch die letzten Mitteilungen Linde wenigstens wieder in den Kreis der Geschehnisse zu ziehen und ihr die Ruhe zu bringen, die stets aus vollendeten Tatsachen, besonders solchen, fließt. Diese Ruhe verbreitete sich in ihr mit jener geheimnisvollen, schauernden Bewegung des Nebels im Herbst nach einer vollbrachten Jahreszeit; sie war bang und ahnungsvoll und, wie die Folge zeigte, von recht bedenklichen Einwirkungen auf ihren Zustand begleitet.
Dritter Teil / Die letzten Dinge
Erstes Kapitel
Das überirdische Wintergewitter. Die Herzenskälte fährt fort, Unheil anzurichten. Linde stürzt in die letzten Dinge. Die letzte Ölung
Die Tante, die in der letzten Endes doch ziemlich geheimnisvollen Krankheit des jungen Mädchens ein neues Hindernis für ihre Abreise fand, übernahm nach solchen Vorspielen vollständig die Pflege, ohne von jemand einen Widerspruch zu erfahren, wenn auch der Dechant jetzt nicht mehr so überzeugend dafür sprach. Bevor sie wußte, welche Wendung es mit den vorliegenden Dingen und jenen andern, die dahinter lauerten, schließlich nahm, war es ihr unmöglich, den Platz zu räumen. Ihre Zentralweisheit, von der sie alle andern Erkenntnisse und Schlüsse ableitete, bestand in dem Grundsatz, daß sie, ohne dieses Mädchens sozusagen körperlich versichert zu sein, sich auf nichts verlassen konnte, nicht einmal auf seine Krankheit, die sie für gar keine rechte Krankheit hielt, sondern mehr für einen Eigensinn oder eine Finte, zumal auch der Kreisphysikus noch gar nichts von einem wirklichen Ernst wissen wollte, jedenfalls solange das Fieberthermometer keine höheren Temperaturen zeigte. Daß achtunddreißig Grad für einen Organismus unter Umständen soviel bedeuten konnten wie neununddreißig oder vierzig für einen andern, das war diesem selbstvergnügten Bauerndoktor noch nicht aufgegangen, und wenn die Tante auch sonst mancherlei an ihm auszusetzen hatte, so war sie jedenfalls im Glauben an die Zahl und das Meßgerät jeder Art -- ausgenommen das kirchliche -- mit ihm durchaus einig.
Das Pflegeamt verwaltete sie unerbittlich nach allen ihr bekannten Grundsätzen der modernen Krankenpflege. Die Fenster wurden bei jedem Wetter weit und lange geöffnet, weil das fortgeschrittene Heilverfahren Licht und Luft verlange. Es wurde viel Durchzug erregt, weil er die Atmosphäre reinige und die Bakterien hinausfege, und was die paar Unbequemlichkeiten anging, die die Patientin zu ertragen hatte, so wünschte ihr die Tante, einmal in die ganz modernen Kliniken und Spitäler hineinzusehen, um zu erfahren, wie man heutzutage mit Kranken und Frischoperierten umgehe. Früher beim tiefen Stand der Medizin seien Krankheiten mit einigem Recht als Unglücksfälle betrachtet worden, denen sich die allgemeine Teilnahme zugewendet hätte, freilich auch ohne etwas zu helfen. Heutzutage bedeute eine Krankheit nichts als einen Fall, den die Medizin geschäftsmäßig in die Hand nehme, um ihn zu erledigen, so wie es der Fall und die Medizin verlange, nicht wie es der wehleidige Patient und der noch wehleidigere Angehörige etwa wünsche. Zu bemitleiden gebe es dabei nichts, weil jeder Patient bei der glänzend entwickelten Wissenschaft sofort in die ideale Lage versetzt werde, und das ganz automatisch, ohne wie früher von den religiös fanatisierten Heilzauberern erst nach seiner Schuld gefragt zu werden und dann nach seinem Glauben. Daß man heute auch ohne den mindesten Glauben des Patienten heilen könne, ja gegen seinen Willen, zum Beispiel bei todesschuldigen Verbrechern, das bedeute den wahren Triumph der modernen Wissenschaft.
Alle diese Ausführungen machte sie in einem leicht überlegenen weltmännischen Ton, ohne sich auf eine Miene oder auf Worte weiter einzulassen. Wenn es in Lindes Zimmer wieder warm war, so setzte sie sich hinein und schrieb Briefe oder las moderne Literatur. In der Folge geriet sie auf die Idee, dem Mädchen vorzulesen, damit es auch erfahre, was draußen gedacht und geschrieben werde, zumal der Mensch nie empfänglicher sei für neue und tiefe Eindrücke als in Krankheitsperioden. So hörte Linde von ihrer dünnen, singenden Stimme und ihrem unteilnehmenden Tonfall vorgetragen allerlei Novitäten oder auch Ausgrabungen, weltläufige Romankapitel, kultivierte Novellen, witzige Enthüllungen über den Wert von Moral und Religion, kaltherzige, ausgerechnete Sketches allerneuster Prägung, mit einem Wort alle jene wichtigen Nichtigkeiten und »gerade jetzt fortgeschrittensten« Wahrheits- und Kunstleistungen, mit denen Weiber wie sie und Männer, die ihnen glichen, die eigene Phantasielosigkeit unterhielten und den stets leeren Kropf füllten, um in der Gesellschaft eines Winters den Inhalt als Bildung mit Ansehen zu leeren, indes die verworrene kleine Welt für noch fortgeschrittenere Sketches und noch mutigere Enthüllungen unermüdlich tätig blieb.