Part 23
Die Sachen waren dem einfachen Gefühl und dem geraden Sinn des Mädchens unendlich verwirrend und quälend, und schließlich taten diese Lesestunden ebensoviel zu Lindes fortdauernder Ermüdung und Entkräftung wie das Fieber, indem sie ihr neben dem körperlichen noch ein geistiges erzeugten. Diese künstlerisch und wissenschaftlich maskierten Frivolitäten, Lügenhaftigkeiten und Verstandslaster wirkten so ernüchternd und niederschmetternd auf ihren Glauben an die Güte und den Edelmut aller Menschen und auf ihre kindliche Vorstellung von der Steigerung der Tugend mit dem Bildungsgrad, daß sie sich vor Ratlosigkeit nicht zu helfen wußte und sich zum Sterben verödet und verwüstet der Gegend zuwarf, in der sie sonst ihren Gott fand, um dort dieselbe Öde und Wüste zu finden. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Frömmigkeit, Glauben, Achtung vor dem Menschen, Hingebung ans Vaterland, Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen: das waren ihr alles Sicherheiten des Lebens, von Gott aus seinem unendlichen Sein den Menschen für ihr zeitliches verliehen als wirksames Abbild seiner höchsten Wesenhaftigkeit und seiner höchsten Weisheit, Sinn von seinem Sinn, Tatsache von seinen Tatsachen, Wahrheit von seiner Wahrheit. So lebte in ihr dieselbe einfache und gläubige Weltstimmung, die sie in der Art deutscher Männer mit Andacht verehrte, und die ihr auch überall als die Art des Volkes entgegentrat, wo das Volk sich selbst darstellte. Dagegen die schadenfrohe Unterstreichung der menschlichen Not und Armut, die spitzfindig-schlaue Auslegung der göttlichen Gebote anstatt der würdigen Unterordnung unter sie, alle überklugen Wenn und kränklich unreifen Aber und die eitle Hervorkehrung der eigenen Entartung und Häßlichkeit waren Züge am Menschen, die sie nicht einmal begriff; sie erfüllten sie nur mit einem leidenden Grauen vor der gespenstischen Unwesentlichkeit eines solchen Treibens und mit einem Mitleid, das stark mit Abwehr versetzt war.
Aber mehr noch als die vorgetragenen Sachen selber fürchtete Linde bald den selbstgerechten, wohlbelehrten Tonfall der Vorlesenden und die banalen und dürren Nutzanwendungen, die sie nachher aus dem Gelesenen zog. Die bizarren oder leeren Figuren der literarischen Phantasie gingen in ihre Fieberträume ein und trieben dort ihren peinigenden Spuk selbständig handelnd fort, aber die traurigen Behauptungen der Tante über Gott und Welt verdichteten sich ebendort zu einer grauenhaften Gestalt der Verwandten, die sie nun auch in deren Abwesenheit als ihre Stellvertreterin weiter verfolgte. Durch viele Stunden der Nacht und des Tages vermochte sie sich aus dem niederziehenden Gestrüpp des Fiebers nicht loszuwinden, eilig und angstvoll immer bestrebt, der unvermeidlichen Gestalt zu entfliehen, und stets von neuen Phrasen oder Romanfiguren aufgehalten und von schamlosen Handlungen in eine andere Richtung geschreckt, wo sie die gleichen Hindernisse und nur durch andere Laster einen Ausweg vorgespiegelt fand, stets unentrinnbar die Stimme oder Erscheinung hinter sich. Die fieberfreien Zeiten lag sie dann müde und abgehetzt und sehr blaß zwischen ihren Kissen mit der flehenden Bitte in den Augen, sie allein zu lassen und ihr Ruhe und Erholung zu gönnen. Aber wenn eben ihre Gedanken sich leise auf die eigenen Wege davonheben wollten, wo auf den Wiesen links und rechts ihr Glaube herzlich blühte und sie hoffen konnte, dem Sinn ihres Lebens zu begegnen, erklang wieder der Unsinn und begann der aufgeklärte Aberglaube seinen Tanz um sie. Manchmal traf alles im gleichen Augenblick und an demselben Ort zusammen, der Widersinn der gehörten und der gehäufte Unsinn der gleichzeitig geträumten Phrasen, die Ereignisse der Lektüre und die fiebrige Übersetzung in die Wahnvorstellung, die unerbittliche Stimme der Vorleserin und die eintönigen Androhungen der Verfolgerin, und über allem marterte sie gesteigert die hoffnungslose Hast, sich aus dem Fieber und dem vernichtenden Doppelzustand zu befreien.
Eine solche auf Bildung zielende Unternehmung der Tante fiel auf einen der späteren Februarnachmittage. Die Tante hatte sich bereits Licht angesteckt. Sie saß in einiger Helligkeit beim Fenster am Tisch, während Linde mehr im Hintergrund im Halbdunkel lag. Nach einer kurzen Winterzeit herrschte wieder der Föhn in der Luft. Es regnete in den frischen Schnee hinein, und laue und kalte Windströmungen erregten eine solche atmosphärische Spannung, daß auch die Gesunden eine schwer erträgliche Unruhe befiel, geschweige die Kranken. Obwohl Linde von der grauschwarzen Wand aus Dunst und Strichregen, die im Süden und Westen beinahe unverrückbar stand, nichts sah, fühlte sie sie doch, und unter der erregenden Einwirkung des Föhns sah sie in ihrem schwachen Zwielicht außerordentlich leidend aus. Ihre Augen glänzten fieberig und sozusagen transparent. Ihre Haut schien durchsichtig, und in den von Natur freundlichen Ausdruck ihrer stillen Züge hatte sich längst eine tiefe Melancholie eingenistet. Ihre Hände tasteten unruhig auf der Bettdecke hin und her. Ihr Mund stand wie nach Kühlung verlangend offen, und sie litt an Durst. Doch hatte sie es immer noch nicht dazu gebracht, daß ihre Krankheit außer Brigitt von jemand im Haus ernst genommen wurde.
Die Tante las aus einem ganz auf verstandesmäßiger Nervenspannung aufgebauten allerneuesten Roman, dessen Figuren schon an sich wie Ausbrütungen eines fiebernden Hirnes wirkten, und dessen Vorgänge unheimlich und wühlend aus kranken Gründen aufbrachen, um ebensolchen zuzutaumeln, während ein schmerzlich überwacher Geist glossierend über dem Ganzen schwebte wie eine unfaßliche Lästerung des Lebens und Gottes. Ab und zu prellte ein Regenschauer an die Fenster. Der Föhn heulte und wimmerte um alle feststehenden Körper und rüttelte an den beweglichen.
»Bist du nun dem Gedanken des Autors gefolgt?« fragte die Tante, als sie endlich das Buch sinken ließ. »Hast du begriffen, was er will?«
»Ja, ja!« sagte Linde hastig, während sie in der Phantasie über treibende Eisschollen sprang, hinter sich die furchtbare Gestalt, vor sich in Kähnen maskierte Figuren von übler Bedeutung, die nach ihr griffen, und jeden Augenblick von einer Eisscholle ins Wasser abgleitend, stürzend, sich wieder aufraffend und von neuem stürzend. »Ich weiß! Man soll nicht mehr so alles glauben, weil -- weil ja doch alles anders ist --«
»Auch das«, gab nachsichtig lächelnd die Sprecherin am Fenster zu; die geäußerte Erkenntnis hatte den Inhalt ihrer gestrigen Belehrung gebildet. »Obwohl diesmal von etwas anderem die Rede war. Du hast wieder nicht aufgepaßt. Wenn man so viel Mühe an deine Bildung wendet, so solltest du dich ein bißchen anstrengen. Du kannst nicht wissen, ob das bequeme Leben hier immer dauern wird, und mancher hat einen Halt verloren, auf den er sich bereits verlassen zu können glaubte. Freundschaft geht nach der Nützlichkeit, und die hat ihre Phasen wie alles. Und die Liebe ist nichts als ein sinnlicher Reiz aus körperlichem Wohlgefallen. Entferne den Liebenden, und er hört nach einiger Zeit auf zu lieben, weil ihm andere mehr einleuchten, die jetzt um ihn sind. Oder es kann auch sein, daß ein glänzenderer Gegenstand in der Ferne seine Augen auf sich zieht. Wovon willst du leben, wenn der Dechant aus der katholischen Kirche austritt und nur seiner Kunstliebhaberei nachgeht? Auf deine Frömmigkeit werden dir die Leute nichts halten, wenn du mit leeren Händen zu ihnen kommst. Jeder will nehmen, keiner geben. Für dich wär's am besten, du gingst in ein Kloster. Auch das ist ja ein Schwindel, wie das ganze römische Räderwerk. Eine verkriecht sich mit ihren unreinen Gedanken, ihrer Faulheit oder Schlechtigkeit und ist nun eine Braut Christi. Aber wenigstens hat sie zu essen und ein Dach überm Kopf. Du glaubst, Gott herrscht in der Welt, aber die Gemeinheit herrscht; die Natur verlangt ihre Rechte. Das ist der Grund, warum die Dichter Poesie machen. Zum Beispiel dieser da verdient ein Vermögen mit seinem Buch, weil es über der Wirklichkeit schwebt und die Gemeinheit in poetisches Grauen auflöst. Dichter haben die Wollust des Schmerzes. Jeder hat seine Wollust. Junge Mädchen haben die Wollust der Heuchelei, solange sie keine andere haben können. Es wird immer gut sein, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?«
Linde warf sich erregt herum, weil eine Hand aus dem Kahn nach ihr griff und eine viehische Stimme schrie: »Wir wollen das Nönnchen hereinholen, damit man ihm einmal ins Gesicht sehen kann. Höchstens gibt es eine Wollust des Schmerzes, oder auch eine andere.« Dann hörte sie die Tante fragen: »Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?« und sie strengte ihren schmerzenden Kopf furchtbar an, um sich zu erinnern, während die Fiebergestalt hinter ihr drohte: »Die Natur verlangt ihre Rechte. Die Linke verlangt sie auch.« Gerade daß sie die Linke auch verlangte, war die entsetzlichste Drohung, sie begriff sehr wohl, daß sie dann vollkommen verloren war, und lief, was sie konnte, um zwischen der Gestalt und den Kähnen durchzukommen. Darauf erinnerte sie sich, daß sie etwas antworten sollte, und nahm sich wieder zusammen, obwohl sie an allen Gliedern zitterte. »Damit die Poesie nicht in der Welt ausstirbt!« sagte sie endlich gehetzt. »Und damit die Gemeinheit sich in poetisches Grauen auflöst.« Aber eben brach sie wieder zwischen die Schollen ein, und wenn nicht ein Mensch mit einem Bocksgesicht sie festgehalten hätte, so wäre sie unter den Kahn geraten. Sie lächelte ihm dankbar zu, erschüttert vor der natürlichen, wenn auch rohen Güte, die sich in seinen Zügen ausdrückte, aber zugleich entsetzt von seiner tierischen Begehrlichkeit. Wimmernd riß sie sich aufs neue los, um die Jagd fortzusetzen. Jemand legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie rückwärts. Die Stimme hinter ihr sagte mit schauerlicher Bedeutung: »Die Dirnen sind gegenwärtig sehr rar; sie haben die Schamlosigkeit, sich zu verbergen.« Der Ausspruch stand in Zusammenhang mit irgendeiner schlimmen Schuld, die auf Lindes Gewissen lastete, und von der die Verfolgerin wußte. »Ja, ja, es wird noch eine Revolution geben!« rief Linde aus, indem sie sich die Hand entwand und sich nach Atem ringend im Bett aufrichtete. Noch im Verhallen hörte sie, was in Wirklichkeit gesprochen worden war.
»Nur die Dirnen sind wahr. Die Schamlosigkeit hat nichts zu verbergen. -- Revolution wird es schon nicht geben, mein Kind«, fuhr dann die lehrhafte Stimme fort. »Dafür sind die Menschen bereits zu sehr ans Wohlleben gewöhnt. An die Wahrheit sind sie weniger gewöhnt. Die Wahrheit ist ja immer mehr für die andern. Du machst auch keinen übertriebenen Gebrauch von ihr. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß du dein Geheimnis gebeichtet hast, obwohl es nach eurer Auffassung eine Sünde darstellt. Nicht, als ob der Onkel mir etwas davon gesagt hätte, aber man hört doch so, was er von dir weiß, und was er nicht weiß. Schließlich zeigst du uns einen Zustand, in dem man sich sonst Rechenschaft über gewisse sogenannte letzte Dinge gibt. Obwohl ich glaube, daß du reichlich spielst.«
Linde hatte sich ermüdet in ihre Kissen fallen lassen, um sofort wieder in ihren marternden Doppelzustand zu versinken. Sie hörte, wie die Stimme der Tante von ihren Geheimnissen und von der Beichte sprach, und obwohl sie lange nicht alles begriff, quälte es sie doch unendlich. Gleichzeitig rief die Verfolgerin hinter ihr: »Mit dir ist's Matthäi am letzten. Mache deine Rechnung. Übermäßig schlau bist du ja nicht, so wirst du wohl draufgehen in deinen jungen Jahren.« Nach Erbarmen suchend, sah sie sich zwischen den Kähnen um, ob sie nicht unter den fratzenhaften Insassen ein menschliches Gesicht erblickte. Plötzlich bemerkte sie ihren Liebsten, der mit einer Katze auf dem Schoß lächelnd dasaß und sich eine Zigarette anzündete. Als er sah, daß sie nach ihm blickte, bog er sich zur Seite und versteckte sich hinter einem Menschen, der aussah wie ein Leichenbegleiter. Zwar ging der auf ihre Bitte weg, aber nun verkroch er sich hinter den Mann, der ihnen damals die Äpfel geschenkt hatte. Wie auch der zur Seite trat, war Heinz überhaupt verschwunden. »Suche ihn nur«, lachte die Gestalt hinter ihr. »Der sitzt bei mir zu Hause am Tisch und sortiert goldne Ringe!« Indem kam sie wieder zu sich und hörte eben noch die letzten Worte mit einem dumpf dröhnenden Geräusch gegen die Wände ihres Zimmers schlagen. »Es donnert ja!« rief sie halb erstickt und warf sich mit erschreckten Augen nach der Tante herum, wie um ihre Meinung darüber zu hören. Wirklich zog ein Gewitter über die verschneite Landschaft herauf; der ferne Donner war die erste Ankündigung gewesen. Die Klingse lächelte wieder.
»Ich habe keine Ursache, mich davor zu fürchten«, sagte sie gleichgültig. »Da ich mit Gott weiter nicht stehe, so ist es mir ganz uninteressant, ob es donnert oder nicht. Du solltest versuchen, dich auch zu dieser Unabhängigkeit durchzuarbeiten. Wir würden uns viel besser verständigen können, wenn du etwas von deinem Aberglauben abgäbest. Was hast du nun von allen übersinnlichen Vorstellungen? So, wie du's jetzt treibst, richtest du dich zugrund und bringst dich obendrein immer mehr in ein falsches Licht. Sieh mal, früher als Kind, da warst du mir nur manchmal unangenehm. Inzwischen hast du's verstanden, mir beschwerlich zu werden. Ich muß mich oft dagegen wehren, in dir das lästigste und widerstrebendste Geschöpf zu erblicken, das ich mir denken kann, und eine solche Beobachtung an sich selber macht kein reifer Mensch zu seinem Vergnügen. Du kannst dir denken, daß niemand einen Geschmack daran findet, dich zu bekämpfen, aber man wird sich ebenso ungern von einem subalternen jungen Wesen ins Unrecht setzen lassen. Auch das öffentliche Leben wird sich nicht von dir ins Unrecht setzen lassen; es wird aber in seinen Antworten bedeutend grausamer sein als wir. Nun, du wirst nach dieser Krankheit in keinem Fall auf den alten Punkt zurückkehren. Ich möchte dir nur noch sagen, daß ich dir ebenso gern zu deinem Fortkommen in der Welt behilflich sein werde, wenn du etwa Wert darauf legst. -- Es gibt ein richtiges Gewitter. Wie verrückt! In dieser Jahreszeit! Das Donnern ist nicht nach meinem Geschmack; ich pflege dabei stets Musik zu machen. Brauchst du noch etwas? Du kannst ja klingeln. Ich gehe jetzt nach unten.«
Unter den letzten Worten hatte sie sich bereits erhoben. Nun verließ sie das Zimmer, indem sie die Tischlampe löschte, etwas atmosphärisch beunruhigt, aber sonst in ihrem gewohnten kühlen und unverbindlichen Aussehen. Linde hörte unter aller Fiebernot aus dem Nachhall des Donners eine Stimme, merkwürdigerweise die des Dechanten, die sagte: »Sie redet doch wie gedruckt!« Das Wort stammte aus einer Zeit, in der er sich noch zu seiner Nichte über die großstädtische Verwandte ausgelassen hatte, und es traf den Nagel auf den Kopf, denn unter allen geäußerten Weisheiten war kaum eine laut geworden, die nicht aus einem Buch oder einer Zeitschrift gezogen war. Ihre ganze Bildung und ihr Bewußtsein als modern fortgeschrittener Mensch war Niederschlag aus Büchern und Zeitschriften. Sogar die Meinung, daß Linde ihren Lebenskonflikt durch die Entscheidung Welt oder Kloster lösen müsse, hatte sie aus einer neuerlichen Lektüre. Sie trieb damit das bekannte Spiel der Kinder, die die gummierte Bildchen in ihre Hefte abziehen und sich einbilden, daß sie große Künstler seien. Ihrerseits hielt sie sich für eine große Lebenskünstlerin.
Nun lag da Linde unter dem leisen Schüttern des Donners und dem Schein der Blitze, der vom Schnee bleich zurückgeworfen wurde, und wunderte sich über den menschlichen Zuspruch ihrer Feindin und darüber, daß sie auf einmal ins Kloster sollte. Sie setzte sich wieder im Bett aufrecht, um sich leichter den Delirien des Fiebers zu entwinden. Die Donnerschläge hatten einen dumpfen, erstickten Klang, und bald nahmen auch die Blitze ein solches Licht an, weil es während des Gewitters zu schneien begann. Gleichzeitig drang die Dunkelheit der Dämmerung zu, und alles in allem erlebten die Menschen eine so seltsame und erregende Abendstunde, daß sie an tausend Dinge und Nichtdinge dachten, die ihnen sonst selten einfielen, und wenn es einem Mann, etwa dem Dechanten, möglich gewesen wäre, das Unfaßbare in der Atmosphäre und in den Seelen zu fassen, so hätte er eine heilig betroffene Frömmigkeit gestaltet, wie sie seit den ersten Tagen des Christentums alle hundert Jahre einmal eine Gemeinde ergriff. Aber er war jetzt nicht der erweckte Mann, der dazu eine Berufung in sich finden konnte, und die heilsame Stunde fand nur Verwunderung und etwas abergläubische Furcht.
Linde saß und horchte lange auf den überirdischen Gang dieses Gewitters, und erblühte in jedem Blitz als eine Lilie der scheuesten Andacht. Ihr Kopf freilich war ihr so schwer, daß sie ihn mit Mühe aufrecht hielt, und er ihr doch immer wieder vor die Brust oder auf die Schulter sank. Aber diese frühe Jahrespredigt Gottes erschreckte sie nicht etwa. Abgesehen davon, daß Linde nach wenig in dieser Zeit so lechzte wie nach Einsamkeit, um ihre innere Verstörtheit wieder zu sammeln und ihre bestürzte Welt in der Stille neu zu schaffen, so war sie nichts oder beinahe nichts mehr von der kleinen spinösen Heiligen, als die ihre Tante sie immer noch betrachtete. Die Stimme Gottes war ihr willkommen in ihrem reinen und großartigen Naturlaut, der die Brust erschütterte und die innere Anschauung von der Bedrücktheit befreite. Dazwischen überfiel sie zwar immer wieder eine Fieberphantasie, der ein Schwindel folgte oder eine halbe Bewußtlosigkeit; dann fand sie sich erwachend auf dem Kissen liegen, aber zu ihrer Befriedigung hielt das Gewitter an, und die Zustände konnten also nicht lange gedauert haben. Im nächsten Augenblick raffte sie sich wieder auf, und für eine Minute oder zwei sank das dumpfe und quälende Fiebergrauen unter sie und stieg ihr Geist blaß und müde, aber mit liebender Reinheit einsam aus dem Abgrund auf, um die Quelle aller Not ihres Leibes und der Seele zu suchen und das Gestirn, aus dem ihr solche bittere Traurigkeit aufs Herz tropfte. Sie fand den Quell in dem untröstlichen Brief ihres einstigen Geliebten, den sie schon mit so vielen heimlichen Tränen beweint hatte, und das Gestirn erschien ihr nun zum erstenmal ganz klar aus dem Nebel ihrer Verwirrung heraustretend als der Gedanke an den Tod, geweckt von den Worten der Tante und in enger Verbindung mit allem, was auf der Erde süß ist und zum Bleiben lockt, was sie, kaum besessen, schon verloren hatte und doch mit allen Kräften ihres sehnsüchtigen Herzen zurückwünschte.
Weit davon entfernt, sterben zu wollen, weil der Geliebte sich von ihr entfernt hatte, wußte sie von keinem andern Trieb, als ein neues Leben, das sie durch ihn entdeckt hatte, fortzusetzen, schon deshalb, weil nur der Lebende von Hoffnung weiß. Das Fieber war ihre ganze Not, und ohne diese neue Krankheit, so dachte sie, stände sie auf einem ganz andern Fleck und wäre der vorübergehenden Bestürzung viel rascher Herr geworden. Sie mußte siegreich hindurch und wieder gesund werden, und zwar bald, um die zerrissenen Fäden frisch aufzunehmen, um den Raum zwischen ihm und ihr nicht zerfallen zu lassen und die Zeit, die stehenbleibend verdorren wollte, durch die selbstlose Entfaltung ihrer Seele zum Weiterblühen zu zwingen. Darin lag der Sinn ihrer heldenhaften Gegenwehr, wie jetzt der Panik, die mit jeder Minute oder halben Minute mehr Gewalt über ihr junges Herz bekam. Denn nun vielleicht sterben zu müssen, den Atem auszuhauchen, tot zu sein und im Grab fern von allem Leben zu zerfallen: diese Vorstellung traf sie so furchtbar, daß sie im ersten jähen Schreck bis in die Herzkammer erkaltete und ihr auf einen Moment der ganze weite Weltlauf stehenblieb. Im nächsten schrie ihr Herz leidenschaftlich auf, und warf sich ihre verängstigte Seele ungestüm Freiheit fordernd gegen ihr Gefängnis, den armen Leib, ohne zu bedenken, daß diese Freiheit ja eben ihre Auflösung bedeutete. Als sie's bei einem Blitzstrahl einsah, erkannte sie auch die furchtbare Verlassenheit alles Fleisches unterm Schweigen Gottes, und jetzt war es das tief verletzte Leibesgefühl, das aufbrandend vom erschütterten Geist Zusicherungen verlangte, die er nicht zu geben hatte. Und plötzlich wurde ihr klar, daß sie in jedem Fall verloren war, eben weil sie lebte, durch die Tatsache ihrer Geburt unweigerlich eingestellt in den Kreislauf der Vergänglichkeit und der Verwesung.
Nun fiel doch unter dem bleich zuckenden Gewitterschein und dem Rollen des Donners die Einsamkeit in das Leben der Kranken ein. Das vom Schneefall wie von unhörbarem Schluchzen erfüllte Gefangenenlicht der Dämmerung löste ihren ganzen sittlichen Besitz auf und vernichtete die plötzlich gegenstandlos gewordene Selbstachtung, womit sie jedem Grauen und jedem wilden Urgefühl ausgeliefert war. Ächzend und mit einem vergeblichen Versuch, um Hilfe zu klingeln, weil ein Rest von Scham sie daran verhinderte, die Tante zu dieser Niederlage herbeizurufen, warf sie sich wieder hin, und mit verhülltem Gesicht und Gehör, am ganzen Leib zitternd, erlitt sie das Weh dieser Stunde zu Ende, indessen die Figuren des Fiebers sich wieder fratzenhaft über sie machten und die Gestalt hinter ihr, mit einem goldenen Armband wie mit höchster Gewalt angetan, die Hand hob und laut durch den Raum rief: »Da ist sie jetzt! Sie hat Gott verlassen, darum verließ sie der Soldat.« Zu gleicher Zeit ging fern am Horizont Christus vorbei mit dem heiligen Kreuz auf der Schulter, das er nun nach einer andern Weltgegend trug, ohne einen Blick auf ihre Not zu wenden. Mit vielfach erhöhter Angst nahm sie ihre ziellose Flucht über die treibenden Schollen von neuem auf, bis endlich ein erlösender Blutsturz der ganzen Grausamkeit ein Ende machte und sie bewußtlos unter den letzten zuckenden Scheinen des abziehenden Gewitters liegenließ.
Inzwischen kam die Magd von einem Ausgang nach Hause, völlig verschneit und von dem Naturereignis wie alle Welt erregt, und sah von der Straße aus Lindes Fenster dunkel. »Als ob ein Totes dahinter läge!« dachte sie erschreckt, und dann zornig: »Bei einem solchen Wetter lassen sie sie allein liegen!« Hastig trat sie ins Haus, stellte schnell ihren Korb weg -- den Schnee hatte sie schon draußen abgeschüttelt -- und stieg rasch die Treppe nach Lindes Kammer hinauf. Nachdem sie an der Tür einen Augenblick gehorcht hatte, drückte sie sachte die Klinke herab, öffnete etwas und fragte dann mit ganz zarter Stimme: »Kindchen, schläfst du?« Da sie keine Antwort hörte und auch keine Atemzüge vernahm, trat sie auf den Zehenspitzen ein und schlich zum Bett vor. Gleichzeitig fuhr ziemlich in der Nähe wie ein Nachzügler ein letzter Blitzstrahl herab und übergoß den blutigen Schauplatz und die bleiche Kranke, die in einem Versuch, sich aufzurichten, nach vorn seitlich auf den Bettrand gesunken war, mit beinahe taghellem Licht. Mit einem Blick übersah Brigitt alles, die leblos überhängende Hand, die bläulichen Blässen des Gesichts, den herabgesunkenen Unterkiefer, die tief eingefallenen geschlossenen Augen. Ohne Zeit mit Wehklagen zu verlieren, lief sie eilig, noch unterm Nachrollen des Donners, um zunächst den Dechanten aufzujagen, denn nach ihrer Meinung lag Linde im Sterben. Er folgte ihr betroffen und konnte am Ort nach seiner Erfahrung mit Sterbenden auch nichts anderes sagen. Brigitt hatte das elektrische Licht angedreht, das den ganzen untröstlichen Zustand mit übermäßiger Deutlichkeit zeigte. Noch war Atem in dem Körper, doch wollte sich das Bewußtsein trotz einiger rasch versuchten Mittel ungern wieder einstellen; als es endlich doch zurückkehrte, schien es nur noch ein sehr dürftiges Flämmchen. Da entschloß sich der Dechant zur letzten Ölung, und indem er die Kranke der Magd überließ, entfernte er sich schnell und bestürzt, um alles Nötige zu veranlassen.