Der Dechant von Gottesbüren

Part 24

Chapter 243,632 wordsPublic domain

Unter dem hohen Ernst des Augenblicks eilig dahinschreitend, suchte sich der Dechant nach so langer Zeit zum erstenmal wieder die Lage des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen, dem er durch vielleicht sehr schwere Wochen seine Großmut und die Kräfte seiner väterlichen Liebe entzogen hatte. Mit der Klarheit des Blitzes und der Eindrucksfähigkeit des Donners erkannte er urplötzlich in anklagender Deutlichkeit, was er bisher immer als dumpf beunruhigendes Gefühl verdrossen beiseitegeschoben hatte: die weite, trostlose Einsamkeit, die Linde in diesem Haus und in dieser Gesellschaft erduldet haben mußte, und vielleicht ein nie wieder gutzumachendes Unrecht, das sie still und bescheiden bis in diese Minute ertrug. Zwar im nächsten Moment wurde das natürliche Empfinden schon wieder heftig bestritten von seiner verletzten männlichen und priesterlichen Eitelkeit und von den Schuldbeweisen, die sich in seiner Vorstellung gegen Linde nachgerade zu einem festen System von Tatsachen aufgebaut hatten, aber nun forderte ihn die Pflicht, und schon trat er bei dem Küster ein, um Geläut und Geleit zu befehlen. Indem er darauf die widerspruchsvolle und gar nicht göttlich gefaßte Brust mit den symbolischen Gewändern bedeckte, wandelte ihn wieder als ein tiefer Verdruß die Unentschiedenheit seines geistlichen Zustandes an, und ganz seltsam überkam ihn eine Sehnsucht nach Lindes einfacher Gottes- und Lebensfrömmigkeit. Indessen sah er, daß auch dies nur ein Symbol sei, daß die Wahrheit viel tiefer und schwieriger liege, und rüstete er sich ebenso ratlos als eigensinnig, mit der Sterbenden die letzte Unterhaltung zu führen, denn angesichts des Todes und der letzten Dinge mußten sich nach seiner Meinung die geheimsten Türen auftun.

Der Küster schwatzte vieles über das Gewitter und wo es eingeschlagen habe, welche alten Leute sich an ähnliche Anormalitäten erinnerten, und daß es einen Nachwinter bedeute; er hörte nur mit halbem Ohr. Als dann die Glocke vom Turm erklang und er mit dem Allerheiligsten den Gang antrat, war er immer noch nicht im höchsten Wesen gefaßt, aber doch in den Gewalten und Bedeutungen, mit denen ihn die Kirche versehen hatte, und die von seiner persönlichen Würdigkeit oder Unwürdigkeit nicht beeinflußt werden konnten. Sie waren mehr als das Menschliche, das ihnen als Träger diente; aber sie waren niemals mehr als die lebendige Seele des Priesters, wenn sie ihnen in Gott geweckt ein persönliches und geheimnisvolles Leben verlieh. Inzwischen kämpfte sein eigenes abseits, und so näherte sich durch den leise nachhaltenden Schneefall einem einsamen kranken Mädchen ein einsames Allerheiligstes. Auch das Glöckchen in der Hand des Begleiters tönte mit einem verirrten und verlassenen Klang über den Domplatz, auf den mit wenigen erleuchteten Fenstern die Bürgerhäuser und hoch im Schneetreiben dunkelnd die alten, strengen Türme herabsahen. Doch indem er dann in sein Haus trat und die Treppe hinanstieg, versank ihm auch die letzte Selbstheit, denn bereits kam ihm mit schwereren Drohungen aus Lindes Zimmer die fremde Atmosphäre des Todes entgegen, jenes besondere weite Schweigen, das jeden Zweifel eisig durchdringt und Kaiser ist, wo es auftritt.

Er kannte diese Atmosphäre von vielen hundert Sterbegängen, doch war es das erstemal, daß er einem so nahen Anverwandten beim Austritt aus der Welt helfen sollte -- sein Vater war sehr früh und seine Mutter überraschend in der Ferne ohne ihn gestorben --, und um sein Herz schwoll eine Bangigkeit auf, wie er sie bisher noch nie empfunden hatte. Der Klang seiner Schritte droben auf der Diele und der Ton des Glöckchens erschienen ihm wie Todesurteile für die Kranke, und der Duft des Weihrauchs, den die Zugluft in blassen Streifen durch den Korridor wehte, legte sich ihm schwer und ahnungsvoll auf die Seele. Als er die stille, dunkle Tür erblickte, hinter der er das junge Leben mit dem Tod ringen wußte, schien es ihm auf einen Moment ganz unmöglich, in dieser Bedeutung und mit diesem Auftrag durch sie einzutreten. Indessen erklang das Glöckchen des Begleiters wieder, und sie öffnete sich so bereitwillig und demütig vor ihm, daß er abermals erschrak und er die alte Person, die ehrfürchtig daneben in die Knie sank, sekundenlang bestürzt ansah.

Mit dem nächsten Blick fiel ihm das traurige Bild der jungen Kranken in die Augen, die im blütenweiß bezogenen Bett sehr blaß dalag und eben mit einer überraschten Bewegung das Gesicht nach ihm wandte. Sie schien voll bei Bewußtsein und sogar wieder Herrin ihrer Glieder, denn beinahe zugleich richtete sie sich hastig in die Höhe, um mit einer aufgestützten Hand sitzend ihm entgegenzusehen; die andere tastete blind und unbewußt und mit unruhigen Bewegungen an dem gekräuselten Besatz ihres Nachthemdes auf und ab, und in ihren Augen malte sich das ganze furchtbare Grauen, das ihre Jugend vor dem nahenden Aufzug empfinden mußte. So erwartete sie bis auf die irrende Hand vollkommen bewegungslos das Zeichen, dessen Begleiterscheinungen durch ihr Gehör, ihr Gesicht und bereits auch durch ihren Geruch erschütternd auf ihre Seele einstürmten, dieselbe Seele, die sich eben still und dankbar zum Weiterleben aufgerafft hatte. Sie vergaß, sich zu bekreuzigen, und alles erschien ihr wie ein grandioser, heiliger, aber vernichtender Traum, der sie mit überlegener Schnelligkeit gefangennahm und sie ganz in seine überirdische Stimmung schlug, indem er ihre weltliche zerstörte. Von einem Lichtreiz getroffen, wandte sie flüchtig die Augen zur Seite und bemerkte in dem Weihrauchnebel, der bereits das Zimmer zu erfüllen begann, brennende Kerzen. Noch einmal schimmerte ihr Stübchen mit allen vertrauten Gegenständen irdisch auf; dann verblaßte es und versank. Die kniende Gestalt an der Tür erhob sich schattenhaft und schwankte still schluchzend hinaus, die Tür hinter sich zuziehend, und während sich Linde zitternd in ihr Kissen zurücklegte, verlor sie auch sich selber aus dem Gefühl, wuchs der fromm-schauerliche Auftritt des Todes von allen Seiten riesengroß neben ihr auf, mit den endgültigen Gebärden eines Domgewölbes über ihrem versunkenen Leben zusammenschlagend.

Die Anschauung eines hochgewölbten Domraumes hielt ihr Geist als einzig faßbaren Begriff lange fest und suchte ihn zu betrachten und mit sich selber in Beziehung zu bringen. Bekannt und zugleich beklemmend fremd schimmerten die Lichter, wallte und duftete der Weihrauch und schwebte die sprechende Stimme des Dechanten in dem weiten Raum. Sie sprach Worte und Rhythmen, die ihre Ohren noch nie vernommen hatten, in einem Klang, der ihren ertrinkenden Lebensfunken immer wieder kämpfend aufzucken machte. Ihr Kopf war ganz klar und fieberfrei, nur befangen und voll ungewohnter Erscheinungen. Einmal hörte sie das Sterbeglöckchen vom Turm klingen. Dann bellte irgendwo ein Hund, und sie dachte flüchtig an Bob. Darauf herrschte wieder nur die einsame, tiefe Stimme des Dechanten in dem umgebenden hohen Schweigen und der ergriffene Tonfall seiner Sterbebegrüßung. Linde hörte ihm zu wie durch Ewigkeiten, obwohl es bloß nach Minuten dauerte, treu und still und in seiner neuerwachten väterlichen Innerlichkeit sich heimlich von ihrer Panik sammelnd. Die Stimme war voll Sorge, Liebe und Schmerz, und was Linde davon nicht sofort klar zum Erlebnis zu bringen vermochte, das zog ihr doch hoffend in die verstörten Herzkammern, wohin sich ihr armes Erdengefühl erkaltet geflüchtet hatte, und bewirkte dort wieder einige geheime Regung. Indem begann auch ihr Blick schüchtern aus seinem Grab nach seinem Blick aufzusteigen, glühte aber an dem allerheiligsten Zeichen geängstigt auf und flüchtete sich zu den frommen Lichtern, um auch von dort neuerschreckt abzuirren und wieder in Grauen zu versinken und im weiteren in eine Betäubung, die nahe an Bewußtlosigkeit grenzte, so voll dunkel drängender Vorstellungen und dumpf dahintreibender Empfindungen sie auch war.

Aber auch in diesem Zustand verharrte sie nicht lange. Sie erwachte wieder an der Stimme des Dechanten, die jetzt aus großer menschlicher Nähe dringend ihr Gehör suchte, während sie seine Hand auf ihrer fühlte und aufblickend sich dicht unter seinen ernst bewegten Augen fand. Eine Zeitlang sah und hörte sie nur, ohne zu verstehen. Endlich begriff sie, daß er von ihrem Leben und Tod und von ihrer unsterblichen Seele sprach. Er gebrauchte zarte und doch zugleich mächtige Ausdrücke für das, was er fühlte und wollte, Ausdrücke, wie sie sie von ihm lange nicht mehr vernommen hatte, und aus denen eine Anteilnahme an ihrem Dasein leuchtete, die sie vollständig erloschen glaubte. Dann schien er an Geschehnisse und Vorgänge zu erinnern, von denen sie zuerst das Gefühl hatte, daß sie ein ganzes Leben zurücklägen, und daß sie ihr nie wieder ganz lebendig werden würden. Aber unversehens wurden sie's dennoch, und je näher er nun nach ihrem Geheimnis vorstieß, desto lebhafter kam ihr wieder in aller Schwäche zum Bewußtsein, daß es eins war. Und dann begann ihr zum erstenmal seit der Erkenntnis vom Untergang ihres irdischen Seins die sichere Überlegenheit ihres geistigen Besitzes aufzugehen und des kühnen, unabhängigen Sinnes, in welchem sie es unter allen Rückschlägen weiter verwaltete. Daraus trat deutlich wie ein Erzengel eine gewisse scheue, heilige Feindschaft gegen die rohe Unruhe der Welt hervor. Eine fromme Abneigung gegen die grobe Wirkung ihrer Organe warf sie vollends in sich selber zurück und gab ihr in großer Bescheidenheit doch eine Stellung jener äußerlichen Welt gegenüber, die sie für alle Vorstöße, auch die des Dechanten, beinahe unerreichbar machten.

»Mein Kind! Mein Kind!« schloß der Dechant ergriffen: »Der davonzieht, der leistet nicht das schwerste Stück, sondern das leichteste, wenn er mit offenen Händen zieht. Bekenne und heilige deine Sünden; sie sind die Stufen, auf denen wir zur Unseligkeit oder zur ewigen Seligkeit steigen. Laß keine Bettler und Gläubiger unbefriedigt hinter dir. Mache deinen Frieden mit Gott und uns, und dann fahre in des ganzen Himmels Wohlgefallen! Unsre Sehnsucht nach deiner Erleuchtung wird dich begleiten!«

Er schwieg, beinahe erschöpft von der Kraftanstrengung, die ihn in diesem Fall die Ausübung seines Amtes kostete und das stumme Ringen seiner fordernden Seele mit ihrer abwehrenden. Er sah alt und eingefallen aus, und um seinen Mund prägten sich sehr tiefe Züge des Mannesleids aus. Seine Hand auf der ihren lag heiß und zitterte leise. Sein ganzes Leben stand in seinen Augen, aber da es von dem ihren abhängig war, so fand Linde es nicht königlich, wie es seiner Sendung entsprochen hätte, sondern in große kämpfende Teile zerrissen. Was sie für ihn empfand, das war vor allem Mitleid, aber während sie für ~ihn~ litt, stieg ihr auch alles Leiden auf, das er ihr geschaffen hatte, und erschüttert, wenn auch mit schwacher Stimme und zitterndem Herzen, brach sie aus:

»Ich gehe mit ganz leeren Händen von euch. Ich habe euch nichts genommen. So laßt mich in Frieden gehen. Ich liebe euch. Ich segne euch. Ich werde vor Gottes Thron für euch beten! Habe ich denn nicht alles weggeschenkt? Ich dachte es wiederzugewinnen, das ist wahr. Ich werde es vielleicht im Himmel zurückbekommen. Gott muß zwischen uns allen richten.«

Mit einem Schluchzen der Schwäche brach sie ab, und auch der Dechant vermochte nicht gleich wieder zu sprechen. Endlich sagte er erschüttert:

»Gott wird uns nicht allein richten, sondern er wird jedes durch das andere richten. Mich durch dich und sich selber durch uns. Seine Seligkeit wird mit der unsern steigen und fallen. Hast du alles weggegeben, so wirst du alles wieder empfangen. Ich glaube dir, wenn auch dieser Glaube mich zu deinem Schuldner macht. Gott helfe mir abzahlen; es ist eine hohe Summe, wie ich fürchte. Aber warum hast du nicht deine redliche Beichte durch die Kommunion bestätigt? Heiliger Himmel, vor welchem Unrecht hättest du mich bewahren können!«

Über ihr blasses Gesicht ging ein zartes und himmlisch freundliches Lächeln. Sie wollte sagen: »Kein Unrecht!« aber eine Herzschwäche befiel sie, und statt dessen sagte sie mit wegsinkendem Blick und dem vorletzten Funken der verlöschenden Kraft:

»Ich -- ~will~ kommunizieren!«

Er empfing die Willenserklärung wie ein Urteil, während die kühle Klarheit dieser wenigen Worte sich ihm augenblicklich mitteilte, und zwar als eine Aufwallung des Schrecks, nicht als ein Gefühl der Befreiung. Seiner nicht wieder gutzumachenden Schuld tief und schmerzvoll bewußt, faßte er erneut nach ihrer erkaltenden Hand, und während er sich in der weiten Welt hoffnungslos vereinsamen sah, bat er mit rauher Stimme vor Leid und Reue:

»Wir sind sterbliche Menschen und wissen nichts trotz aller Eitelkeit. Du bist jetzt mehr als wir alle. Verzeih uns, was wir dir angetan haben! Wir haben die christliche Demut und die Liebe ganz vergessen, und so hat uns der Friede Gottes vergessen!«

Das vorige Lächeln kehrte noch einmal in ihr Gesicht zurück, aber blasser und müder, um nach den ersten Worten gleich zu verlöschen.

»Ich habe -- nichts zu verzeihen!« sagte sie kaum hörbar. »Verzeiht mir. Ich muß -- sterben. Gott sei uns allen gnädig!«

Mit einem erstickenden Laut der Klage verstummte sie. Darauf begann sie zu beten, um nicht in seiner Kümmernis unterzugehen, und er eilte, ihr die letzte Wegzehrung zu reichen. Sie empfing seine Worte und Handlungen in hoher Schwäche, aber in voller Gegenwart des reisefertigen Geistes, und während er aus der Finsternis ihrer Todesversunkenheit den ersten Stern ihrer Ewigkeit schon aufglänzen sah, gab er ihr den Leib des Herrn auf den Weg zur Herrlichkeit des Herrn mit. Heftig, ja herrisch gegen sein Weinen ankämpfend schritt er zur letzten Ölung. Er bekreuzigte sich und salbte ihr mit dem heiligen Chrisma Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände, jene Augen, die eine Zeitlang an der Wohlgestalt des Soldaten so freundliches Gefallen fanden, die Ohren, die einst so innig beglückt seinen Liebesreden lauschten, den Mund, der unter seinen Küssen seine fromme Kühle in ebenso frommes irdisches Feuer wandelte, die Hände, die eine Nacht lang gläubig seine beseligende Gegenwart hielten, und die Nase, mit der sie seine sinnlichen Düfte und erschauernd ihre eigenen atmete. So an Haupt und Händen entsündigt hieß er sie ergriffen ziehen. Voller Liebe betete er, daß sie mit ebenso geheiligtem und reinem Herzen sich von der trüben Anziehungskraft der Erde zu lösen vermöge, denn über ihr Herz, das fühlte er nach wie vor betroffen, besaß er keine Macht mehr.

So hatte er alles in allem wohl einen Blick in den dunklen Spiegel getan, aber seine Seele blieb unerleuchtet. So heimatlos wie zuvor, nur mit schwererer Schuld beladen, verließ er die Kranke. Die Kerzen brannten unruhig und trübe. Draußen kniete schluchzend die Magd. Das Glöckchen des Begleiters läutete ihm suchend voraus. Und noch lange lag auf seinem Weg hinter ihm der leere und erkaltete Duft des Weihrauchs.

Zweites Kapitel

Der Prediger Salomo. Der Versucher tritt in neuer Gestalt auf. Die Austreibung

Noch während der Dechant das Haus verließ, trat die Tante aus der Tür des Salons und sah den letzten Schein des Auftritts. Sie hatte das Glöckchen des Küsters für die Hausglocke gehalten und war aufgestanden, um nachzusehen, warum die Magd nicht öffne. Zuerst machte sie eine Bewegung, als ob sie dem Dechanten nachgehen wolle, dann ließ sie es und wandte sich mit leicht verzogenen Lippen dem Treppenhaus zu. Etwas rascher als sonst stieg sie die Stufen nach dem oberen Stockwerk hinauf, befremdet und widerwillig den Weihrauch atmend, der nun alle Räume des Hauses erfüllte. Als sie die Tür zu Lindes Zimmer öffnete, fand sie die Magd darin. Brigitt wandte sich ihr entgegen mit einer Miene und einem Blick, die sie jetzt nicht zu mißachten wagte. In diesem Moment war nichts mehr vom Dienstboten an ihr, sondern ihre Haltung zeigte die natürliche Größe und Unerbittlichkeit des Menschen, der gerade ein ungeheures Leid in der tiefsten Erschütterung der Ehrfurcht erlebt. Die Klingse stand eine Weile prüfend und erwägend nur in der Tür, kaum daß sie einen Blick nach dem Bett zu tun vermochte, das von Weihrauchwolken wie von Engelscharen umwallt war, und zog sich dann zurück, mit vorgeschobenem Kinn und bereits lebhaft denkend, und der erhobenen Nase widersprach durchaus der beunruhigte Blick und die scharfe Falte zwischen den dichten Augenbrauen.

Der Tante fehlte beinahe jede ursprüngliche Seelenwitterung, und auf diesem Gebiet war sie ganz hilflos. Aber es fehlte ihr nicht an einem gewissen Polizeischarfsinn, und was sie nicht selber errechnete, das wandte sie aus ihren literarischen Gleichungen und aus ihrer wissenschaftlichen Lektüre an. Die Liebe gehörte ihr im Grund zur Gattung der Gemütskrankheiten, wie auch Aufwallungen der Vaterlandsliebe und der Religiosität. Diese Liebespsychose der jungen Leute beurteilte sie nun so, daß es für sie, die Gesunde und Kühle, in den Augen des Liebenden nicht günstig wirken konnte, wenn das Mädchen gerade jetzt in dieser kritischen Wendung das Zeitliche segnete und in der Verklärung nicht des Himmels, aber in die des schmerzlich ergriffenen und aufgewühlten Liebenden einging. Von den »noch nicht durch Verstand vernichteten unreifen Gefühlsabhängigkeiten« des »trotz allem poetisch veranlagten« jungen Menschen konnte sie nur eine sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche Schwenkung von ihr, der überlegenen Frau, weg dem entschwindenden Schatten nach erwarten. Sie durfte nicht hoffen, daß sie noch die sinnliche Überzeugungskraft und den Trostreiz ausstrahlen werde, um die moralische Verwicklung rasch in ihm zu besiegen, so rasch, daß der Sieg ohne Übersetzung geradehin ihr zugut kam. Es lag nach keiner Richtung in ihrem Interesse und hatte nie darin gelegen, daß die Rivalin von der Erde verschwand. In ihrem Interesse lag bloß die Erniedrigung und Entwertung des verehrten Bildes in der Betrachtung des Leutnants; während sie aber ihr Verfahren der letzten Zeit überprüfte, fand sie, daß sie dieser Erkenntnis lange nicht so aufmerksam nach gehandelt habe, als sie jetzt wünschte, daß es geschehen sei. Sie bemerkte mit Unbehagen, daß sie sich bei aller Kälte von ihrem Haß doch auf ganze Strecken beinahe aufsichtslos hatte führen lassen. So hätte sie als überlegene Person, als die sie sich selber gern betrachtete, in keinem Fall das ebenso hinfällige wie hinterhältige Persönchen im Gewitter allein lassen dürfen, sondern hätte alles daransetzen müssen, die unzuverlässige Gegnerin über den Naturschrecken hinwegzulügen und sie so gleichzeitig in der Hand zu behalten. Statt dessen hatte diese die Gelegenheit benützt, ihrer Wächterin zu entwischen, und jetzt konnte niemand wissen, was weiter kommen würde.

So war sie aus schwerwiegenden Ursachen außerordentlich unzufrieden mit sich selber. Heimlich erregt und bereits auf der ersten Stufe einer trüben Lebensverdrossenheit ging sie auf ihr Zimmer. Pessimistisch grübelnd saß sie lange am Ofen in ihrem Lehnstuhl und sah dem enttäuschenden Vorbeimarsch der Ereignisse und Gestalten der letzten Zeit zu, die ihr die Fehler in ihrer Rechnung aufdeckten und sie sogar bereits ahnen ließen, daß die ganze Rechnung als solche falsch angelegt war und auf ganz irrigen Voraussetzungen beruhte. Indessen faßte sie sich achselzuckend und wurde mit sich selber insoweit einig, daß man jetzt eben abwarten müsse. Es war nicht gesagt, daß das Mädchen wirklich sterben und dann auch gleich der Soldat dazukommen würde, und sollte ihn ein Zufall oder bei der Verzögerung des Hinscheids ein Telegramm des Dechanten herführen, so stand es auch nirgends geschrieben, daß die ganze »rührende Chose« andere Empfindungen in ihm anregen werde als Bedauern und etwas reputierliches Mitleid. Seine letzten Briefe hatten nicht eben sentimental geklungen, und eine Karriere blieb auf alle Fälle eine Karriere. Trotz allem fühlte sie sich bei der Aussicht eines Wiedersehens zwischen den beiden Jugendfreunden keineswegs sicher, da sie auch nicht wissen konnte, was ihm das Mädchen über sie, die Rivalin, für Eröffnungen machen würde, und für das beste hielt sie es, ein Wiedersehen auf alle Fälle zu verhindern. Das geeignetste Mittel dazu schien ihr, jetzt stracks auf ihr Ziel loszugehen und die Kriegstrauung zu veranlassen. So setzte sie sich an ihren Tisch, um Heinz zu schreiben, daß er unbedingt suchen müsse, sofort Urlaub zu bekommen, da sie sich mit ihm in Köln zu treffen wünschte. Sie nahm sich vor, ihm dasselbe noch zu telegraphieren. Außerdem wollte sie sich jetzt endlich aus diesem Kampf mit den »übersinnlichen Kräften«, der nachgerade zur »Manie«, zu einer Art von fixer Idee ausgeartet war, losreißen, ihre Koffer packen und von morgen an wieder die freie Frau sein, die sie vordem gewesen war. Mochte der Dechant römischer Pfaffe bleiben oder Kunstpfaffe werden -- das konnte ihr wirklich gleichgültig sein. Die Hauptsache war, daß sie sich nun von allen kränklichen Einflüssen befreite und wieder zu handeln begann.

Gedankenvoll, zu Taten entschlossen und mit Nerven, die beinahe zum Zerreißen gespannt waren, erschien sie endlich zum Nachtessen. Dort empfing sie, noch bevor sie ihrerseits irgendeine Absicht anzuzeigen vermochte, zwei Nachrichten, von denen die eine sie vor eine ganz neue Lage stellte. Die erste unterrichtete sie auf ihre Frage, daß jedenfalls bis jetzt das Mädchen noch lebte, und die zweite teilte ihr mit, daß der Dechant von Heinz einen Brief bekommen hatte, worin er schrieb, daß er verwundet sei und, sobald der Arzt ihm die Reise freigebe, auf Urlaub kommen werde. Was für eine Verwundung es war, schien nicht gesagt zu sein, und was darüber hinaus wirklich noch gesagt war, das verschwieg der Dechant, so aufmerksam und prüfend er sie übrigens daraufhin ansah. Heinz hatte noch geschrieben, daß er beabsichtige, sich mit Frau Malva Klinger zu verloben und auch gleich kriegstrauen zu lassen, wenn er alles so finde, wie es den Anschein habe. Er für seinen Teil glaube nicht mehr an Ideale, und man werde ihn auch nicht so rasch wieder glauben machen. Die schönsten Worte trögen am meisten, und es sei nirgends eine größere Leere als hinter hingebenden Blicken. Man werde ihn in Zukunft sich an das Reale halten sehen. »Als ob er sich bisher an viel anderes gehalten hätte!« dachte der Dechant unwillig verwundert, während er sich an jene unglückliche Reihe von lauten und schiefen Ankündigungen erinnerte. Aber im übrigen glaubte er jetzt, durch den Brief im Übermaß belehrt, mit sich im reinen zu sein über die Verteilung von Schuld und Unschuld an diesem Platz, und was seine Schwägerin anging, so erwog er den Gedanken, ob es nicht richtig wäre, wenn er sie jetzt ersuchte, ein Haus zu verlassen, worin sie sich so vielfach zur Geltung gebracht hatte. Doch war ihm aus ihrem Verhalten noch nicht das sichere Gefühl geworden, daß sie von diesen neuesten Dingen grundsätzlich wußte; die Verwundung jedenfalls war ihr neu, und ihre hastige Frage nach dem Lazarett des Soldaten ließ ihm einige Hoffnung, abgesehen von dem Umstand, daß er ihm, dem Oheim, den ersten Brief nach der tödlichen Erfahrung geschrieben hatte, und nicht der Tante, freilich auch nicht Linde. So gestand er sich, daß er im ganzen großen wenig von den Dingen wußte. Unterdessen überhörte er auch ihre zweite Frage nach dem Lazarett, in welchem Heinz liege, und nachdem er noch eine Weile in zunehmender Scham mit seinem neuen Widerwillen gegen diese Frau gekämpft hatte, erhob er sich und überließ ihr den Tisch.