Der Dechant von Gottesbüren

Part 25

Chapter 253,579 wordsPublic domain

Auf sie selber wirkte die Nachricht von der Verwundung und dem in Aussicht stehenden Urlaub, wie immer ein Blitz wirkt, ob erwartet oder unerwartet. »Er hat dem Dechanten geschrieben und nicht mir?« fuhr es ihr kalt befremdend durch den Kopf. Dann mit einer spähenden Hoffnung: »Aber vielleicht ist sein Brief an mich hängengeblieben und kommt nach!« Daß sie auf ihre Frage nach Heinzens Lazarett ohne Antwort blieb, zeigte ihr ihre ganze neuerliche Hilflosigkeit in diesem Haus. Ihr kühn gefaßter Plan, die Sterbenden hier sich selber zu überlassen, war schon gegenstandslos geworden, denn wo sollte sie jetzt den Soldaten finden? Nun hieß es von neuem: warten und sich gedulden. »Bereit sein ist alles!« dachte sie literarisch. Aber die Blicke, mit denen sie dem schweigsamen Dechanten folgte, waren bitter und feindselig, und ihre Miene war aufgebracht. So hatte auch sie aus dem Gewitter noch ihren Nachzügler erhalten.

Der Kranken selber fiel gegen alles Erwarten nach den Schrecken der heutigen Schneedämmerung und nach dieser leise bewegten Nacht, die sie doch ohne besondere Ereignisse verbrachte, ein stiller, milder Frühlingstag zu, in dem sogar die ersten Amselrufe erklangen trotz der Prophetie des Küsters von einem Nachwinter. Sie genoß ihn und noch einen folgenden und einen dritten blaß und schon sehr fern. Die Nachricht von Heinz erfuhr sie durch Brigitt; sie gab keine Zeichen von Erregung, höchstens daß sie ihr eine leise Steigerung des Fiebers verursachte, aber es war nicht mehr quälend, sondern gestaltenlos und reiner Zustand. Ob sie Heinz erwartete oder nur noch ihren baldigen Hingang, konnte niemand mit Sicherheit von ihr sagen.

Die große Änderung im Verhältnis des Dechanten zu ihr zeigte sich zunächst in dem Zustand, daß er sich mit Brigitt in die Wachen bei ihr teilte. Er übernahm außer den Stunden des Vormittags die erste Nachthälfte bis um ein oder zwei Uhr, Brigitt versah sie die übrige Zeit. Die Tante hatten sie ohne viel Worte ausgeschaltet, und die wenigen, die der Dechant aus dem Anlaß zu ihr zu reden hatte, waren kühl und merklich fremd. Zwischen ihm und Brigitt war die Anordnung weiter kein Gesprächsthema gewesen, aber sie bildete unausgesprochen eine erste Wiederverständigung zwischen der alten treuen Seele und ihrem Herrn, wenn auch der neue Verkehr auf dieser schwebenden Brücke zunächst noch recht sparsam und vorsichtig hinüber- und herüberging. Die Verwandte betreffend barg sich der Dechant vor einer unliebsamen Notwendigkeit noch einmal in der Erwartung, daß sie doch wohl jetzt die Folgerungen ziehen und gehen werde, wo sie so deutlich sah, wie überflüssig und entsetzlich fremd in dem ganzen strengen Vorgang sie war. Die Menschen machen immer die gleichen Rechenfehler, und zwar die ihnen eigentümlichen.

So stand das Leben in dem nun sehr stillen Pfarrhaus völlig unter dem Zeichen der Sammlung und Erwartung. Brigitt benutzte die erste Schwächung in dem Einfluß, den die Tante auf das Hauswesen ausübte, um zur früheren, ihrer Pflicht und der Gesundheit des Herrn angemessenern Lebensweise zurückzukehren; außer ihrem eigenen Tod hätte sie an diesem Handstreich unter den herrschenden Umständen keine Gewalt der Welt verhindern können. Sie richtete mit den verschiedenen Lieferanten die alten Gewohnheiten wieder ein und genoß so unter allem Kummer um das Kind doch eine oder zwei Stunden der Befriedigung. Als das aber getan war, wandte sie sich wieder mit allen Gedanken und Empfindungen der Kranken zu, für die sie noch einen Vormittagsgang in den Dom machte, wo sie an demselben Fleck, auf dem Linde damals vor der Beichte gekniet hatte, lange um deren Genesung oder seligen Hingang betete. Auf dem Heimweg stieß sie mit dem Kreisphysikus zusammen, der auch zum Pfarrhaus wollte. Er fragte nach den Ereignissen der Nacht und der Temperatur und fand alles ausgezeichnet. Am Krankenbett verstärkte sich ihm dieser vorteilhafte Eindruck noch. Obendrein bekam er endlich einmal den Dechanten selber zu fassen, von dem es ihn schon lange verdroß, daß er seiner medizinischen Person so wenig Ehre antat. Also benützte er die Gelegenheit, seinen geistlichen Hochmut mit einem scharfsinnig und launig zusammengefaßten Vortrag über die ganze Krankheitsgeschichte zu bekämpfen, zumal diese Krankheitsgeschichte jetzt »lächerlich deutlich wie ein aufgeschlagenes Kinderbilderbuch« vor seinen Augen dalag. Diesem Natürchen habe er nämlich wirklich mit List und Geduld seine letzten Geheimnisse abgeluchst, richtig abgeluchst. Ach du lieber Gott, der Arzt, der sich nicht mit der Geschicklichkeit eines Marders zwischen dem Tod und dem Patienten hinzuschleichen wisse, der solle sich nur lieber gleich um einen Lehrstuhl an der Universität bewerben. Er gehöre ja gar nicht zu jenen Angstdoktoren, die sich von jedem Schwindsüchtchen oder Karzinömchen ins Bockshorn jagen ließen. Was sei denn dabei, wenn jemand nun wirklich einen kleinen Magenkrebs habe? Es gebe wirklich schlimmere Dinge. Neulich sei doch ein Junge zu ihm gekommen, der sei in eine Sense gefallen und habe sein Gedärmchen in der Hand vor sich her getragen. Eine außerordentlich einfache Sache. Er habe ihn auf einen Stuhl sitzen und warten heißen, bis er mit seinem Kaffee zustande gekommen sei, denn an der Tatsache habe er ja auch nichts mehr ändern können. Das sei die Natur. Er wünsche sich nur einmal den Dechanten unter die Finger zu bekommen mit einer ordentlichen Pneumonie oder dergleichen, da sollte er einmal den wahren Arzt kennenlernen. Dies Natürchen da, das sei ja zum Lachen. Gucke so vergnügt und schlau aus seinen Kissen heraus und besinne sich gerade auf neue Finten und Hasensprünge. Nur nicht verblüffen lassen. Oberster Grundsatz: Glaube nichts, bevor du's siehst. Die Theologie lehre das Gegenteil, dafür sei sie auch die Theologie. »Nur so weiter, du kleines heiliges Satänchen. Liegst jetzt ordentlich fest auf dem Rücken. Hat dir schon lange einmal gefehlt, damit du deine Wirtschaft wieder sanierst. Hast verteufelt schlecht Haus gehalten. Hut ab vor der Natur. Vor einem Vierteljahr kommst du mir nicht aus dem Bett heraus. Sie kann jetzt ein bißchen gehacktes rohes Fleisch kriegen. Auch Zwieback, damit sie die Zähnchen nicht verliert. Hab' lange nicht einen solchen witzigen Fall gehabt. Der reine Humor. Na, Gott befohlen. Morgen wieder. Habe die Ehre.«

Mit diesen Worten hob er sich auf, griff zu Stock und Hut, die er auf Lindes Bettdecke gelegt hatte, und verabschiedete sich vom Dechanten. Der hatte zu dem ganzen vergnügten Vortrag sehr wenig gesagt und endlich überhaupt nicht mehr hingehört, und der Kreisphysikus verließ das Haus im ganzen großen doch etwas unbefriedigt von dem Eindruck, den er auf den Geistlichen gemacht hatte.

Während der Kreisphysikus sich höchstens auf die hippokratischen Züge des leiblichen Patienten und da nicht immer verstand, besaß der Dechant eine große Erfahrung in der Todesmiene der Seele, weil er nicht nur mit den Augen sah, sondern mit dem Geist. Es wäre ihm nie möglich gewesen, an einem Sterbebett anders als mit allen priesterlich geweihten Kräften seines naturstarken Herzens anwesend zu sein, und so lange war er immer ganz ohne Eitelkeiten. Darum besaß er soviel undilettantischen, tiefernsten Scharfblick, um im Gegensatz zum Arzt sich keinen spielerischen Hoffnungen hinzugeben, sondern wohnte bereits mit voller Einsicht Lindes Auflösung bei. Was sich nebenher oder unmittelbar damit für ihn selber auflöste, das ahnte er zur Zeit mehr, als daß er es mit irgendwelchen Worten auszudrücken vermocht hätte; es wäre ihm nicht einmal gegeben gewesen, es anzudeuten, so aufrührerisch wurde mit seinen bisherigen Anschauungen vom Leben verfahren, und so anarchistisch waren die Witterungen, die ihn unter dem Schatten dieses selbstherrlichen und schweigsamen Sterbens überkamen. Von der Lüge des Lebens erhielt er gerade aus den Finsternissen des Todesgeheimnisses die blendendsten Erkenntnisse. Manchmal sah er sich an der Grenze des immer tendenziösen Seins angelangt und wollte schon mit dem ersten Schritt in die ungeheure, grenzen- und tendenzlose Wahrheit des Nichtseins stürzen, da trat sein tastender, unsichtbarer geführter Fuß wieder auf ein klug gepflastertes und organisiertes gesellschaftliches Übereinkommen, und die Wanderung ins Unbestimmte ging weiter mit ihm. Dabei war in seiner Seele ein geheimes Kommen und Gehen von Erscheinungen, ein Wirken und Weben von Empfindungen aus längst vergangenen Lebensepochen, die nicht seine schlechtesten gewesen waren, ein Aufblühen und Verblassen einstiger Stimmungen und einstiger Träume, und allem Knüpfen und Lösen hielt er stand, ohne etwas vorenthalten oder beiseitebringen zu wollen. Soviel Ehrlichkeit und Würde war lange nicht mehr in ihm enthalten gewesen, aber wenn er glaubte, nun bald den Gipfel zu erreichen oder -- der Tod verändert ja alle Richtungen -- im Abgrund zu versinken, weil er sich schon soviel einsichtiger und weiser vorkam, als er vorher gewesen war, so befand er sich immer noch in keiner andern Gegend des Weltplanes als in seiner alten wohleingerichteten Lehre, in der er groß und schon ein bißchen grau geworden war. Auch wenn er in seiner versunkenen Stimmung den Prediger Salomo vornahm und den Text zu der Vergänglichkeitsmusik, die in ihm klang, aufschlug, so brachte ihn auch diese Lektüre nicht weiter, als morgenländische Gehirne Tausende von Jahren vor ihm gewesen waren.

Er las beim Schein der Krankenlampe: »Was hat der Mensch mehr von aller Mühe, die er sich macht unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde bleibet ewiglich.« Erstens, dachte er, irrt sich der Prediger in der Voraussetzung, da die Erde eben nicht ewiglich bleiben wird, und mit diesem wirksamen Kontrast fällt seine ganze Erkenntnis in sich zusammen, zumal der Mensch von seiner Mühe wirklich etwas zu haben scheint, nämlich seine Sicherheit, sein zeitliches Wohlergehen, sein Haus, seine Kinder, seine Freuden und die materiellen und geistigen Erfolge seiner Persönlichkeit. Es war ihm nicht möglich, dem morgenländischen Prediger bis zum nihilistischen Ziel seiner Philosophie zu folgen, weil er das durch das Gewissen gesteigerte Tun des ~christlichen~ Menschen höher einschätzen mußte, trotz seiner Endlichkeit und deutlichen Beschränktheit, die er mit jenem Orientalen teilte. Dennoch fühlte er mit beunruhigender Bestimmtheit, daß ihn das große »Eitel« an seiner Stelle traf, wo auch er ihm nicht zu entrinnen vermochte, wo er standhalten und zusehen mußte, daß ganze gepflegte Hühnerhöfe seiner sittlichen Begriffe vom Marder der Vergänglichkeit abgewürgt wurden, und es waren sehr wertgehaltene Exemplare darunter.

Aber das war noch nicht alles. Denn indem er weiterlas, ging ihm das unheimliche Licht auf, daß auch das große Eitel des Predigers und aller Menschen, die sich persönlich denkend mit dem Leben befaßten, unheilig und ungeordnet, wie es war, selber zu den Eitelkeiten gehörte. Denn was geschah nun mit der weiteren Erkenntnis? »Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder aufgehe. Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht und wieder herum an den Ort, da er anfing. Was ist es, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonne.« Das war schließlich auch nichts anderes als der Versuch eines alterseitlen Mannes, das Leben der andern jugendstarken zu verneinen und recht zu behalten. Nein, dachte er, auch die Weisheit des Alters ist eine Eitelkeit. Die Begründung, daß alles schon dagewesen ist, reicht nicht aus, das Leben zu verneinen. Freilich gibt es ein grandioses, heiliges Aber, das sich gegen das Leben richtet. Wo finde ich es? Vielleicht, grübelte er weiter, war es in den nachfolgenden Wegleitungen zur rechten, aus Weisheit stammenden Glückseligkeit enthalten. Aber wohin er blickte, fand er nichts als zerbrechliche Denkform, Filigranwerk der menschlichen Erfahrung, erlernbare Anweisungen, die der Selbstsüchtige und der Erkaltete ebenso befolgen konnte wie der Erweckte und Ergriffene, um genau zu demselben Ziel zu kommen, von dem der Prediger als letztem Schluß der Weisheit sprach: zur Herstellung der irdischen Glückseligkeit und zur Bewahrung vor Fallen und Schädigungen. Auch diese letzte »Weisheit« erschien ihm eitel, denn sie war ebenso vergänglich und nur um vieles weniger geheimnisvoll als die Mühe des Menschen, die er hat unter der Sonne, das Wehen des Windes und das Ereignen der Zeit.

Bedrückt und verwirrt schloß er endlich das berühmte Buch, um dann bloß wieder dem so kühnen als stillen Weben der Auflösung in der bekannten Gestalt zuzusehen, auf das überirdische Sausen der Stille zu hören, die ihn umgab, und der unermeßlichen Einsamkeit, in welcher er sein und das Leben aller Menschen nun irren und suchen sah. Nachdem er so begriffen hatte, was das hieß, allein sein und auch die letzte Eitelkeit des Gedankens vernichtet wissen, gab es nichts mehr, was er nicht willens war, mit zu opfern und dem allgemeinen Untergang des Irdischen, der sich in ihm ereignete, nachzustoßen, unbekümmert darum, was weiter aus ihm wurde, und mit der großartigen Gebärde des in Bescheidung still Verzweifelnden. Er verzichtete auch auf die Hoffnung, daß ihm seine Bescheidenheit schließlich doch noch einen schlechten Freiplatz im Theater der Allmacht einbringen werde, von dem aus er auf den Zehen stehend der Weltkatastrophe oder der Katastrophe der fünf Sinne als kleiner Zuschauer beiwohnen könne, in seinem Teil immerhin das Ganze mit dem Leben überstehend.

In diesen Tagen des innerlichen Wandels bekam der Dechant einen Besuch, der ihm sonst nicht wenig geschmeichelt und ihn in seiner letzten Absicht vielleicht sehr erregt hätte. Ein Beamter der Berliner Museumsverwaltung sprach ganz unangemeldet bei ihm vor, um mit ihm über die Dinge zu reden, die seinen Kirchenbau betrafen, und sich seine kleine Sammlung zeigen zu lassen. Es war ein mittelgroßer, magerer Herr in den vierziger Jahren, mit einer Physiognomie, der etwas Spitzmäusiges anhaftete, mit einer großen Brille aus dunklem Glas auf der Nase, mit englisch geschnittenem Schnurrbärtchen und schneiderhaft mit Bändern eingefaßtem, dunklem englischen Jackett. Er begann sofort zunftgerechte und zweckmäßige Fragen zu stellen, die der Dechant etwas verwundert beantwortete, und forschte sich in kurzer Zeit durch die ganze Geschichte der Renovation und der Ausgrabungen durch. Worum der Dechant lange ahnend und in gewissenhafter Sorge gestrichen war wie der Jüngling um den Gegenstand seiner Wünsche, ehe er den betreffenden Zugriff tat, da packte der Herr ohne falsche Scheu zu, und es fiel weder eine Verneigung vor dem Allerheiligsten noch ein Achtungsbeweis für die geistliche Behörde ab, beides Dinge, die auch wirklich nicht in sein Fach schlugen. Wenn es nun dem Dechanten darauf angekommen wäre, gegen den Erzbischof einen Wunsch oder ein Interesse auf Umwegen über die weltliche Macht durchzudrücken, so hätte er die beste Gelegenheit dazu besessen, aber zunächst dachte er gar nicht daran.

Inzwischen führte er den kunstbewanderten Herrn in seinem kleinen Museum herum, und es zeigte sich, daß der Besucher alles mit treffenden und manchmal entzückten Ausdrücken an den richtigen Ort heimzuweisen wußte. Dies Kreuz gehörte jener Werkstatt, und jener Pokal wies die und die orientalischen oder maurisch-spanischen Einflüsse auf, Beziehungen, die dem Dechanten natürlich genau bekannt waren, und die er längst für seine Person festgestellt hatte -- er widersprach dem findigen Mann sogar in einer Sache und behielt recht --, die ihm aber lange nicht so wichtig waren, und bei denen ihm höchstens vor der weltfertigen Gelehrsamkeit des andern wind und weh wurde. Denn darin hatte er vor dem Erzbischof keineswegs geflunkert, daß ihm jedes Kreuz ein Erleben des christlichen Gedankens bedeutete und er in einer alten gotischen Monstranz zuerst und zuletzt das Gottesgefühl erkannte und nachspürte, das sich darin zum Ausdruck gebracht hatte. Ob nun die oder jene Werkstatt, der östliche oder südwestliche Geschmack hier den Griffel geführt und dort das Modellierholz beeinflußt hatte, galt ihm erst in zweiter Linie, und auch da zuvörderst durch die Erkenntnis, daß auch diese anregenden Führerformen religiösen Vorstellungen entsprungen waren. Das war der Zug, den der feine Herr aus Berlin sehr rasch als das dilettantische Leitgefühl seiner kunstgeschichtlichen Tätigkeit erkannt haben würde, wenn nicht der Dechant verdrossen von dem gelehrten Gallimathias, den der Besucher von sich gab, meistens den Mund gehalten hätte, und über die Wurzeln seiner Leidenschaft am meisten. Da tönte es von Linienführung, Stilprinzipien, technischer Überlegenheit oder primitiver Kindlichkeit, und was solcher Zensuren mehr waren, so daß er vor Unmut über das gespreizte moderne Kerlchen, das mehr einem altklugen Jungen glich als einem Mann, der so leichthin über diese durch Alter, Geschichte und Gebrauch geheiligten Gegenstände urteilen durfte, bald nicht mehr wußte, wie gleichgültig und kühl er reden sollte, nur um sich vor peinlichen Empfindungen zu bewahren, die mit der Preisgabe selbst des kleinsten Gefühlsanteils unweigerlich verbunden waren.

»Es zeigt sich doch immer wieder«, sagte der Herr mit der dunklen Brille, indem er sich eifrig schnaubte: »Alles ist Auge. Die Leute hatten damals mehr Auge als wir.«

»Goethe meinte: Alles ist Gefühl!« erwiderte der Dechant beinahe unwirsch. »Man könnte ebensogut sagen, daß die Leute von damals mehr Gefühl hatten.«

»Ganz richtig«, stimmte der Herr zu. »Gefühl des Auges. Augengefühl. Augenkultur. Daß dann mit solchen Kultgeräten der Gottesdienst ebenfalls Intensität und Schwung bekam, ist nur natürlich. Eine Kunst weckt die andere. Die Anschauung einer edlen Monstranz erregt im Musiker die melodiöse Linie; die neue Messe ist da. Der Maler wird zu neuen Bildern und Glasfenstern angeregt, der plastisch begabte Mensch zu Skulpturen. Und alles zusammen erregt dann jenes unbestimmt gehobene Lebensgefühl, das man früher Religion nannte. Heute heißt es Kultur. Bei unsern Nachbarn nennt man's Zivilisation. Aber am Anfang steht das Gerät.«

Der Dechant stand halb ungeduldig, halb schwermütig da, weil er an seine Sterbende dachte. »Im Anfang war das Wort«, sagte er, für den andern unnötig gewichtig, so daß der ihn überrascht anblickte. »Sie können nicht glauben, daß am Anfang der Religion das Gerät stand, wenn Sie dann noch einen einzigen vernünftigen Gedanken in Ihrer Kunstgelehrsamkeit weiterdenken wollen. Das ist derselbe Widersinn, den uns die Naturwissenschaft auftischt, wenn sie sagt: Am Anfang des Lebens ist die Urzelle, der Urkeim. Was wissen wir nun? Andere erklären uns, das Leben sei als Keim von einem andern Stern auf die Erde gekommen. Das nennen sie exakte Forschung, und solche Knabenhaftigkeiten hoffen sie dann an Stelle der alten religiösen Mythen und der christlichen Grundwahrheiten zu setzen. Herr, am Anfang der Kunst und auch des Geräts war das Gottgefühl. Es war am Anfang alles menschlichen Tuns, der Kultur, der Zivilisation, und wessen Sie sonst wollen. Ich wollte Ihnen das nicht sagen, weil Sie's vielleicht doch nicht begreifen. Wenn Sie nun den Dom sehen wollen --«

»Aber natürlich!« erklärte der Kunstbeamte mit gewinnender Miene und ganz ungetrübt, indem er den großen Mann -- der Dechant überragte ihn um mehr als den Kopf -- interessiert betrachtete. »Sie geben da sehr bedenkenswerte Erklärungen und Zusammenhänge. Sie haben einen Standpunkt. Sehen Sie, auch daran fehlt es dem modernen Kunstbetrieb, am Standpunkt. Auch der Architektur. Sie verstehen sich auszudrücken und Ihre Vorstellung an den Mann zu bringen. Leute wie Sie braucht man heutzutage, weil sie als Anreger und frische Impulsgeber in unsrer schon etwas ausgeleierten Zeit unerläßlich sind. Sie besitzen Urkraft; das ist heute ein rarer Stoff. Sie bemerken, daß wir ganz unvoreingenommen sind. Übrigens sind wir auch selber nicht so absolut von dem Linien- und Nurfarbenwahn besessen. Eine Ahnung davon, daß es noch andre Gesichtspunkte gibt, haben wir immerhin auch noch. Uns fehlt nur die Kraft, wie gesagt. Kommen Sie zu uns. Es dürfte nicht schwer halten, Ihnen einen Lehrstuhl, zum Beispiel an einer katholischen Universität, zu verschaffen. Was Sie dann obendrein mit Ihrer Wissenschaft wirkten, und wie weit Sie damit kämen, wäre Ihre Sache. Allein schon Ihr Einfluß auf die katholische Kirchenkunst müßte sehr beträchtlich sein, denn Sie sind nicht bloß Kraft, sondern auch Intelligenz. Ich kann Ihnen ja nun sagen, daß ich -- ganz unverbindlich -- sondieren darf, was Sie zu einem derartigen Vorschlag zu sagen hätten. Ich für meinen Teil, der ich nun die Ehre habe, Sie persönlich zu kennen, kann Ihnen dazu nur aufrichtig raten. Überlegen Sie sich die Sache; Sie brauchen nicht sofort zu antworten. Inzwischen gehn wir zum Dom. Wohnt nicht gegenwärtig Ihre Verwandte, Frau Professor Klinger, bei Ihnen? Eine talentvolle und hochgebildete Dame. Sie ist an dem Antrag nicht ganz unbeteiligt, obwohl natürlich die Möglichkeit dazu Ihr Verdienst gegeben hat, ohne das auch in Preußen nichts ist. Aber ein Anstoß muß überall sein. Hoffentlich darf ich nachher die Dame sehen?«

Indem der Dechant den Kunsthistoriker zum Dom begleitete, ging es ihm seltsam. Immerzu sah er einen Menschen in seinem Alter und von seinem Aussehen auf dem Katheder stehen und bedeutende, anfeuernde Vorlesungen halten, während eine große und stets wachsende Zahl von jungen Männern zu ihm aufsah, die Augen voll frommer Erregung und die Mienen gespannt in der Aufmerksamkeit auf ein göttliches, in der Zeitlichkeit sichtbares Thema, das er allgemeinverständlich entwickelte mit klaren und wissenschaftlichen Worten. Oder er sah den Menschen Bücher schreiben, die von Hand zu Hand gingen, deren Geist sich betrachtend und hinweisend am Rand des göttlichen Erscheinungsfeldes bewegte, und deren Materie, von der Geschichte herausgereicht, anzeigte, daß dort drin der Sternnebel der Ewigkeit gestaltenzeugend die unendliche Hochzeit seines seienden Werdens feiere, geformte Meteore der Kunst wunderbar ins gemeine Leben hinausschleudernd, die in der Reibung der sündigen Atmosphäre noch einmal aufglühten und dann in der Geschichte erstarrten. Vor allem aber, er stand draußen und zeugte draußen weltlich, während ungeheuer brausend der Orkan des lebendigen Gottes, in sich selber drinnen heilig erschaffen, lebte und heilig erschaffend mitriß, was sich den Wirbeln seiner Unendlichkeit gläubig und reinen Herzens überließ. Darauf warf er wie eine Weiche die Anschauung um und sich selber hinein, um Gottes teilhaftig, ~Verfüger~ über Seine Allmacht und Weisheit, vor dem Abgrund Seiner Liebe für das Draußen zu zeugen, ohne das es Sein Drinnen nicht gab, für das Tiefe, ohne das Er nie hoch war, und das Unwissende, in dessen Nacht allein Sein Sternnebel so unbegreiflich wild und schön aufbrannte. Und nach dem Draußen hin zeugte er nun anstatt mit dem erstorbenen Meteor mit der schleudernden Kraft selber, für die es kein Oben und Unten gab. Das Tiefe machte er durch seinen Glauben zur Höhe, wie vom Firmament aus betrachtet das irdische Meer ein kristallenes Gebirge von tief hingetürmtem Wasser ist; aber das Unwissende erhob er durch die Wucht seiner Liebe zur wahren göttlichen Wissenschaft. Er sah sich stehen mit einem großen Herzen voll gewaltiger Hinneigung und einer Seele voll unbesieglicher Aufstrebung, angetan mit dem Gewand eines Kirchenfürsten und mit dem schwersten Ernst des Lebens.