Part 26
Dieser Traum hielt auch noch stand, während er mit seinem Begleiter den Dom betrat. Als er vor dem Allerheiligsten vorbeigehend mit dem Zeichen des Kreuzes sich tief verneigte, fühlte er eine bedeutsame Überlegenheit gegenüber dem verständigen klugen Mann, der nichts sah und nichts fühlte und darum auch nichts zu verehren hatte. Noch einen Moment gehörte ihm der ganze heilige Dom mit seiner Geschichte und Tradition, aber während sein Blick die strengen Formen und die ernsten Räume durchflog, erinnerte er sich an das sterbende junge Leben, und wurden seine Augen wieder trüb. Eine Stimme raunte ihm zu: »Es ist alles eitel!« und so schien's ihm auch schon der Gedanke an seine große Steigerung in Gott und seine Zukunft als geheiligte und unantastbare geistliche Großmacht, zumal der Kunsthistoriker wieder mit seinem bewanderten Geschwätz zu plätschern begann und in kurzer Zeit außerordentlich viel Nüchternheit um sich verbreitete, so daß ihm der Dom zu einem aufgetürmten Steinhaufen wurde und das ganze geweihte Wesen zu einer Rumpelkammer. Damit schien ihm freilich nichts anderes daraus geworden, als was die angebliche neugeschichtliche Aufklärung schon längst aus dem Leben und dem Weltplan gemacht hatte, und indem der Dechant diese Gleichung stellte, entsank ihm auch die letzte gesteigerte Vorstellung von sich selbst, und wandte er sich bitter seufzend von dem großstädtischen Klügling ab.
Doch ging ihm sehr anschaulich das Gebiet auf, wo er einer ganzen berühmten Klasse von Menschen überlegen war. Er konnte unter den Bettlern immer noch den König spielen, wenn er die Professur annahm, und war auch dies eine Eitelkeit, so war es doch eine bescheidene, auf wirklichen Verdiensten begründete. Nun hatte der feine Herr wieder viel Aussichten bei dem zweifelvollen Geistlichen, aber wieder fiel es diesem auf, diesmal beim Austritt aus dem Dom, welche Kraft und Bedeutung gegenüber dem andern ihm die Ehrfurchtbezeigung vor dem höchsten Zeichen in seinen eigenen Augen verlieh, ohne daß er sie gesucht hätte. Es überdrang ihn aus jener Gegend her und durchwehte ihn ein Strom göttlicher Wirkung, der ihn so lange durchaus verwandelte, als er ihn empfand, und es gereichte ihm zur ahnungsvollen Beunruhigung, zu fühlen, daß er selber einen Einfluß darauf hatte, wie lange diese Durchdringung und die Verwandlung dauern sollten. Draußen wurde noch der stille, kindlich fromme Vorbau besprochen und kunsthistorisch eingeschätzt. Darauf führte der Dechant seinen Gast ins Haus und ließ die Tante benachrichtigen, daß Besuch da sei.
Die Klingse erschien, und der Dechant wurde stumm und steif Zeuge einer weltläufig herzlichen und wortreichen Begrüßung, an der, wie er deutlich fühlte, kein Zug echt und kein Wort wirklich und alles genau so dreist und hohl war, als ob man sich auf einem großstädtischen Parkett befunden hätte. »Diese Leute«, dachte er erzürnt, »bringen ihre Atmosphäre überallhin mit wie das amerikanische Stinktier.« Der Museumsmensch erklärte den Grund seiner Anwesenheit, und die Klingse nahm ihn unter aller geheimen Bitterkeit mit laut geäußerter Genugtuung entgegen, zu der auch der Dechant seinen Anteil als Anerkennung ihrer Verdienste um ihn beitragen sollte. Aber er trug nicht bei. Inzwischen war sie geschickt genug, eine gute, vielleicht letzte Gelegenheit zu benutzen und die seinen des näheren herauszustreichen, und der Kunstwissende half ihr eifrig, weil er ihren Einfluß jedenfalls für die nächste absehbare Zeit noch keineswegs entbehren konnte, sowenig wie ihre Geldmittel für seine Spezialsammlungen, mit denen er einmal seinen Aufstieg zu den höchsten Staffeln zu unterlegen hoffte. Andrerseits hatte sie nach wie vor als leise alternde Frau ein Interesse daran, sich solche karrieremachende Männer zu verbinden, um im Kreis des Geschehens zu bleiben.
Während der Dechant nach Linde sehen ging, erzählte die Klingse dem großstädtischen Freund die Geschichte des unglücklichen jungen Mädchens, das sie so lange in dieser Stadt festhalte, und der Freund hörte sie gerührt an, obwohl sie ihm, das hätte er beschwören können, herzlich gleichgültig war. Gleich darauf machte er denn auch der Klingse Lobsprüche für ihr frisches und jugendliches Aussehen bei allen Nachtwachen und Gefühlserregungen, und verbreitete sich, als der Dechant ernst und innerlich erregt wieder eingetreten war, noch des näheren über ihre elastische Natur und ihre schöne Aufopferung. Er sollte sich auch dazu äußern, aber er schwieg hier wie dort, und sogar mit stichhaltigeren Gründen. Der Klingse war es bei diesem Gespräch auch nicht wohl, und sie brachte rasch die Kunst wieder aufs Tapet, womit ein entzücktes Geplauder anhob über dies Gemälde und jene »pikante« Kleinplastik, Rembrandt, französische moderne Impression, alte englische Frauenbildnisse, die auch »nicht ohne« seien, »schmalbrüstige, spitzgiebelige deutsche Gotik« und lebenslustiges Pariser Rokoko, die neuesten Museumsleistungen, Raumgestaltungen, Umgruppierungen, Wert und nähere Umstände von Neuerwerbungen, so daß dem Dechanten schließlich war, nicht als ob er nun in einem Museum, sondern als ob er in einem Irrenhaus wäre, zumal schließlich die Unterhaltung auf das ergiebige und vielbesuchte Gebiet der Personalchronik überging, nicht von einigen Künstlern und öffentlichen Charakteren, von deren Haltung etwas zu gewinnen gewesen wäre, sondern von den gesellschaftlichen Modesäuglingen des Tages, ihren interessanten Gehversuchen, ihrem okkulten Gestammel, ihren Ammen und Gespielinnen, ihren neuesten Verdauungsstörungen und nächsthin zu erwartenden Revolutionsversuchen.
Soviel oberflächliches Geschwätz und konventionellen Tratsch und Klatsch hatte er noch in seinem Leben nicht gehört, und er mußte an die Ankündigung denken: »Wahrlich, ihr sollt Rechenschaft ablegen von einem jeden Wort, das aus eurem Munde gehet!« Indem er aber alles summierte, dachte er, daß dann das Jüngste Gericht sehr lange dauern könne und die Seligen noch weithin auf ihre Seligkeit zu warten hätten, indes die Verdammten eine Galgenfrist gewännen, bevor sie endgültig hinunter müßten. An den Gesprächen beteiligte er sich wenig oder gar nicht, sondern saß meistens stumm und über sich wie ein Berg brütend da, mit allen Anzeichen, daß er auf die Entfernung des störenden Gastes wartete. Schließlich brachte er ihn mit einer Kriegslist auf eine Stunde noch vor dem Essen ins Freie. Er sagte ihm, daß ein Trödeljude einen sehr schönen alten Schrank, ein wahres Museumsstück, aufgetrieben und bei sich stehen habe; ob er's nicht ansehen wolle. Der Kunstmaulwurf wollte und fuhr sofort aus dem Haus, begleitet von seiner Freundin. Auf den Gassen hoben sie miteinander ein lautes und bedeutendes Auslegen der alten Motive und Ornamente an den Bürgerhäusern an, der Abwechslung von gotischen mit Ideen der Renaissance, dem echten hessischen Fachwerkbau, wie er war, und wie er sein müsse, und weissagten so gelehrt und gewaltig, daß es ihnen ob ihrer eigenen Schläue grauste und die guten Leute wunderliche Gesichter aus den Fenstern machten. Den Schrank fand man dann originell, aber nicht stilrein, da eine Zierleiste zuviel daran war und der Beschlag aus einer andern Epoche stammte. Mit aller Wichtigtuerei hatte man aber Zeit versäumt, und schließlich fand der behende Herr kaum noch so viel, geschwind im Pfarrhaus einen Bissen hinunterzuschlingen, sich daran den Hals zu verbrennen und dann zum Bahnhof zu laufen, um eben gleichzeitig mit dem Zug dort anzukommen. Über den Hauptantrag hatte man nicht mehr weitergesprochen; der Dechant wollte in einigen Tagen Bescheid schreiben.
Bald darauf trat dieser wieder seine Nachtwache an. Bei Linde hatte sich seit der großen lebensgefährlichen Veränderung nichts weiter gewandelt. Sie lag still, manchmal schlummernd, manchmal traumhaft denkend, nie lange mit offenen Augen, wie wartend da, auf ganze Strecken beinahe erfüllt, wenigstens schien es dem Dechanten so, ohne Worte und auch meist ohne Regung, und auf Fragen oder Mitteilungen gab sie selten ein Zeichen des Verständnisses. Aber in jener Nacht, nach ein Uhr -- der Dechant saß eben mit seinem Leben tief versunken über dem Evangelium, das mit der großen Erkenntnis beginnt: »Im Anfang war das Wort!« -- regte sich die Kranke, und als der Dechant aufsah, begegnete er ihrem dunklen Fieberblick, in dem doch soviel gesammelte Klarheit lag und neuerlich immer mehr Wissen um die fortgeschrittenen Dinge des Lebens und des Todes; jetzt wand sich darin eine irdische Frage aus den überirdischen Verstrickungen los, die ihm zu verraten schien, wohin immer noch ihre Gedanken sich wendeten, wenn das Bewußtsein auf fliehende Augenblicke nach der Erde zurück aufklärte. »Wann -- will Heinz kommen?« begehrte sie zu wissen. »Hat er darüber -- geschrieben?«
Der Dechant wußte es nicht. »Er wird gewiß kommen, sobald er kann, Kindchen«, versuchte er zu trösten, indem er ihre weiße Hand streichelte. Daß er ihm telegraphiert hatte, er solle seine Reise beschleunigen, wenn er Linde noch lebend treffen wolle, mußte er verschweigen, aber sie dachte es sich. »Er ist möglicherweise etwas schwieriger verwundet, als wir wissen, vielleicht an einem Fuß.«
Sie sagte nichts dazu und lag wieder eine längere Weile mit geschlossenen Augen, so daß er nicht wußte, ob sie schlief oder nur dachte. »Ist Tante Malva noch da?« fragte sie darauf, ohne den Kopf zu wenden oder die Augen zu öffnen.
Der Dechant bejahte. »Möchtest du sie gern sehen?« fragte er einigermaßen zweifelhaft. Er hätte gern noch etwas Vermittelndes, ihr Fernbleiben Erklärendes hinzugefügt, aber er vermochte es nicht.
Sie schien einen Augenblick darauf zu warten. Dann bewegte sie leise verneinend den Kopf. Und wieder nach einigen Momenten Zögerns tastete sie still nach seiner Hand. »Ich danke dir, daß du bei mir wachst. -- Und Brigitt«, setzte sie noch hinzu.
Etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde verharrte sie so mit ihrer heißen hinfälligen Hand in seiner kühlen, erdensicheren, während seine Gedanken sich um Erinnerungen bewegten, die ihm aus dem sozusagen unterirdischen Verhältnis zwischen den beiden Frauen neuerlich immer deutlicher und schärfer bezeichnend entgegenkamen. Er begann sogar mit schwerem Herzen zu ahnen, daß dies Verhältnis ein Verhängnis gewesen sei nämlich für Linde, obwohl er von allen Schuldtatsachen noch keine einzige kannte und nicht von weitem den wahren Umfang und die wirkliche schicksalhafte Abgründigkeit dessen gewärtig war, was er jetzt schon Verhängnis nannte. Inzwischen überraschte sie ihn durch eine Mitteilung. Sie schlug die Augen wieder ganz auf und wandte ihm das schmale Krankengesicht zu.
»Wenn Heinz kommt, so frage ihn nach dem Hohenlied«, sagte sie plötzlich ganz klar. »Er weiß von allem. Wir haben es miteinander weggeschafft. -- Und sage ihm, er soll -- sie nicht heiraten. Er würde sehr unglücklich sein. Seine Jugendgespielin läßt ihm das sagen.«
Ermüdet von der Anstrengung des Sprechens legte sie sich in ihre Kissen zurück und regte sich diese Nacht nicht wieder. Als bald darauf Brigitt kam, um den Dechanten abzulösen -- es ging gegen zwei Uhr --, nahm sie keine Notiz davon, und auf eine leise Frage, ob sie trinken wolle, gab sie keine Antwort. Der Dechant verließ sie wie vom Donner gerührt, obwohl ihre Stimme nicht viel stärker geklungen hatte als das entfernte Zirpen einer Grille, und nachdem er die erste Nachthälfte bei ihr verwacht hatte, verbrachte er auch die zweite schlaflos um sie und über den Geheimnissen, die sich nach wie vor um ihre stille Person bewegten. Warum, fragte er sich ebenso unruhig wie vergebens: warum hatte sie so lange und hartnäckig über das Buch geschwiegen, sie, die sonst so offene und klare Seele? Warum war damals, als es sich um die Einladung der Tante handelte, das Spiel mit verdeckten Karten gewesen? Nun befanden sie sich also doch alle im Unrecht gegenüber dieser bitteren Frau! Wer wußte jetzt, wie dies eine Unrecht weitergewirkt und Verhältnisse verdorben und verzerrt hatte? Ferner, was war dem Kind von den Absichten des Soldaten auf die Tante bekannt? Und woher wußte Linde davon, wenn nicht durch die Tante selber? Indessen, mochte diese Frau nun schuldig oder unschuldig sein, war sie selber ein Opfer ihres Verhängnisses, während sie andre ebenfalls dazu machte, so wollte er ihr jede Billigkeit zugestehen, aber sonst nichts mehr. Sie hatte wieder auf ihrem ganzen Weg Zwietracht und Verderben gesät; er sah es an der Saat, die jetzt überall aufging. Der Friede des Hauses und Lindes Leben waren zerstört, ein junger Mensch verführt und ein alter zerrüttet; was der nächste Zeitlauf noch alles ans Licht bringen würde, sollte er hilflos dagegen erwarten, und dem ganzen Ergebnis wohnte sie, täglich schwerer zu ertragen, als die Siegerin bei. Das war der Tatbestand, den er feststellte, und aus dem er im Verlauf der Nacht und der Morgendämmerung Schlüsse zog.
Es war noch nicht hell, als er, unfähig, länger liegenzubleiben, sich erhob. Der Südwind herrschte noch in der Luft. Die Sterne zitterten und schwankten; der Himmel schien ganz in warme Luftströme aufgelöst, und über den Türmen des Domes stand unsicher die dünne Sichel des angehenden Mondes. In der Luft rauschte es wie von großen feuchten Flügeln; die Vögel, zu denen sie gehörten, sangen wunderbar durch den enteisten Raum für Liebende und Sterbende und für Menschen mit frisch aufgestörten, unbewachten Herzen. Jetzt begann auch die Glocke zur Frühmesse zu läuten. Ihr folgte der Dechant, den es zu gesicherten Gegenständen des Lebens zog. Zur Verwunderung des Vikars erschien er aus dem Dunkel des weiten Raums ernst und suchend im schwachen Lichtschein der Morgenhandlung, und von allen seinen Gläubigen war er der hungrigste und letzte. Der Kruzifixus blickte gewaltig und auffordernd auf ihn herab. Die Kerzen flackerten belebt und erwartend. In den Fenstern webte der erste Tagesschein. Die Bilder darin standen noch schlafend, aber einige Farben träumten morgendlich. Nachdem der Dechant lange einsam in einer Bank gesessen hatte, verließ er tief gesammelt den hohen Bau, ohne ein einziges Mal an die Altertumsschätze zu denken, die unter dem Chor begraben lagen.
Den Kaffee trank er früh und allein auf seinem Zimmer. Der Magd gab er den Auftrag, die Frau Professor zu ihm zu bitten, wenn sie gefrühstückt habe. Inzwischen vertiefte er sich wieder in das abgründige Eingangswort des Evangeliums. Wie so viele vor ihm und wenige mit ihm fühlte er, daß sich in dem kleinen Satz der reifste Gedanke des gottwissenden Menschen darstellte, jener Gedanke, der aus dem Bewußtsein des diesseitigen Lebens zum jenseitigen einmal und nicht wieder ohne Verwandlung durchgebrochen und unvernichtet zurückgekehrt war, beladen mit der Erkenntnis des menschwissenden Gottes, die ihm dort als ~Gottes~ tiefste entgegengetreten war. Gleich neben diesem Wort steht für alle Zeiten der verständige Deutungsversuch des Dichters: »Im Anfang war die Tat!« und der Dechant bedachte auch diese eigenwillige Unternehmung. Aber er kam immer wieder auf denselben Schluß zurück, nämlich daß sie nichts erreichte und erreichen konnte als die ausgeleerte Form des kühnsten Gedankens, eine Handlichmachung des ungeheuren Ergebnisses, Fassung des Unfaßbaren und damit dessen Verkleinerung, um es der sinnenmäßigen Übersicht zur Nutzanwendung zu vermitteln. Je länger er die Umwertung betrachtete, und er betrachtete sie schon seit seiner Jugend, desto verdächtiger kam sie ihm vor, und desto deutlicher glaubte er sie zu erkennen als den genialen Versuch des Weltmenschen, den übersinnlichen Begriff in zwei Teile zu spalten, ihm den unendlichen Gott auszutreiben, um desto vernünftiger mit dem Rest auf Erden leben zu können, und, versteht sich, desto ansehnlicher. Denn, so dachte er weiter, es ist schon im Ursachenzusammenhang unmöglich, daß im Anfang die Tat war. Nie ist eine Tat der Anfang, und sie als erstes setzen, heißt den Gottessohn zum Funktionär der Handlung erniedrigen, wie es denn auch gekommen ist. Jetzt sehen sie nichts mehr als die Tat. Der Weg abwärts ist beschritten. Die ursprünglich hohe Tat wird zum Tun, das Tun zum Handeln und zum Handel, und schließlich besteht die Tat in der Tonnenzahl einer Ausfuhr. Sobald sich das weltliche Denken, auch das erleuchtetste, eines göttlichen Gedankens bemächtigt, geschieht es auf weltliche Art und führt es zur Verderbnis des Gedankeninhalts, der unbürgerlich und unfaßbar ist. Darum empfand der Dechant auch stets beim Lesen des Wortes: »Im Anfang war die Tat!« eine Ernüchterung, eine Entheiligung, wie er sie sonst nicht bei Goethe erlebte, der Gemeines zum Ungemeinen zu erheben wußte. Hier schien er ihm, trotz der bekannten Forderung der Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen, als Ausrufer der Tat lediglich am Beginn eines ernüchternden Zeitalters zu stehen.
»Nein«, sagte er laut, indem er feierlich die Hand auf den tiefen Text legte, »so ist es: ~Am~ Anfang war die Tat, aber ~im~ Anfang war das Wesen, durch das alle Dinge gemacht, also getan sind. Goethe verschiebt den Schauplatz aus dem Innern ins Äußere, um zu seinem Resultat zu kommen. Weltfrömmigkeit ist nicht Gottesfrömmigkeit, aber diese enthält jene in sich, wie das Wesen die Tat enthält. So war im Anfang das Wesen, und das Wesen war bei Gott, und Gott war das Wesen. Wie er's noch ist, denn indem ich ihn ausspreche, ist er, und das ist allerdings die Tat. Verschweige ich ihn, so ist er nicht, und das ist die wahre Untat. Da ich in ihm bin oder nicht bin, so werde ich mit ihm mein Leben aussprechen oder mit ihm tot sein. Indessen geht die Tat ihren Weg und kommt zu ihrem Ende. Aber Gott, der das Wesen ist, und das Wesen, das Gott ist, gehen keinen Weg und kommen auch zu keinem Ende, sondern sie sind in unvergänglicher Wesenhaftigkeit sie selber, stürzen aus sich selber wesenhaft in die Seele des ehrfürchtigen Menschen, der durch seinen Glauben im Wesen begriffen ist, und aus der Seele wesenhaft in Gott zurück, der der Anfang ist. Das ist der unfaßbare und unbeschreibliche Kreislauf des göttlichen Wesens durch die Wesenhaftigkeit der gläubigen Seele, welche hier als die Beschließerin des Wesens und Vollenderin Gottes, ihres Vollenders, auftritt. Die wahre Tat aber ist ihrer beider lebendige Zeugung.«
Es ging ihm übrigens seltsam. Während er diese Vorstellungen und Begriffe empfand und im erregten Geist hervorbrachte, stand in schweigender Bedeutung die hohe Gestalt des Erzbischofs über ihm und sah nicht ungnädig auf ihn her. Er selber war nicht groß und nicht klein, nur bereit und offen, und seine größte Größe bestand in seiner Möglichkeit, die er dunkel als grenzenlos empfand. Aber wieder erinnerte er sich des sterbenden Lebens in seinem Haus und seiner ungelösten Fragen, und der Bruch ging hart und unversöhnlich durch seine Schöpfung. Denn wenn das Leben im Wesen alles bedeutete, wie ging es dann zu, daß ein abgedorrter Buchstabe das Leben vernichtete? Oder hatte nicht eine Leiche aus der großen Welt ein gottseliges Kind mit aller Liebe und Frömmigkeit zur Strecke gebracht? Da stand er wieder an, genau so, als ob er die greisenhafte Weisheit von der Eitelkeit alles Tuns betrachtete (in die auch jene verständig-unmystische Auslegung des mystischen Gott-Wesens zurückführen mußte) und nicht den sprudelnden Quell des ewigen Wesens selber.
Im rechten Augenblick trat daher das störende Gestirn seines Himmels bei ihm ein. Während sie die Tür auftat und er aus einer andern Welt gerissen nach ihr blickte, gab es eine Sekunde, in der er sich ungeheuer alt, verstaubt und reisemüde vorkam gegenüber dieser wohlgepflegten und aufs beste gekleideten Erscheinung, die immer nach einem frischen Parfüm duftete und sich niemals in einem Schmutz zu wälzen schien. »Nun«, meinte sie nach der Begrüßung, seine verwühlte und übernächtige Miene übersehend, denn ihr ging es selber nicht zum besten: »Du willst mir wohl mitteilen, daß du dich entschlossen hast, den Ruf an die Universität anzunehmen?« Dabei ließ sie sich uneingeladen in seinem Polsterstuhl nieder, zwar nicht ganz so geschmeidig wie sonst, doch mit der Selbstverständlichkeit, die sie sich als seine Hauskatze angewöhnt hatte. Er beobachtete diese Anstalt mit einer unruhigen Art von Zorn.
»Das hätte ich dir wohl auch im Vorbeigehen mitteilen können, ohne dich zu einer so ungewohnten Zeit in mein Zimmer zu bitten«, erwiderte er langsam, ihre Erscheinung mit einer neuen Art von Verständnis ins Auge fassend. »Heute haben wir ein Geschäft miteinander, das weiterführen wird. -- Erinnere dich bitte an eine bestimmte Reihe von Vorgängen, die sich in meinem Haus ereignet haben. Es handelt sich um Dinge, die drohend und sündenbeladen mit deiner Person zusammenhängen. Du führtest damals aus, daß dir mein Haus etwas wie ein Zufluchtsort vor der Welt sei, in dem du eine neue Innerlichkeit schaffen oder erwerben wolltest. Nun, dein Wandel widerspricht einer solchen Auslegung in wesentlichen Stücken. Du hast wiederum Zerfall und Unheil um dich verbreitet. Tat man damals vielleicht ohne Willen dir unrecht, so hast du das Unrecht nicht zehnfach, sondern hundertfach bewußt vergolten mit Handlungen, die von einem Gast Vergehen darstellen, wenn sie« -- seine Stimme wurde rauh und brüchig -- »nichts Schlimmeres sind. Du weißt, was hier bei uns in diesen Tagen vor sich geht. Ich überlasse es Gott, zu urteilen, inwieweit die Tragödie mit dir als dunkler Heldin zu schaffen hat. Ich werde nicht richten, um so weniger, als ich mich durch Unwachsamkeit und Gehenlassen in die Schuld mit verwirrt fühle. Aber eines ist eine unerbittliche Notwendigkeit: unsre Wege müssen sich scheiden, und das bald. Packe deine Koffer und klage nicht über Bruch des Gastrechts; du hast's lange gebrochen. Was zerstört ist, ist zerstört; wir können's nicht wieder aufbauen. Aber die letzten Stunden und Handlungen wollen wir rein und unangefochten begehen. Du hast einen feindlichen Geist. Hüte dich künftig vor den Kindern Gottes. Es wird dir nicht leicht werden, Lindes Schicksal zu verantworten.«
Er wandte sich von ihr ab, weil er Mühe hatte, ihren Anblick zu ertragen, und wartete auf ihr Gehen. Aber sie dachte noch nicht daran. Zuerst war ihr ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren, denn jetzt das Haus zu verlassen bedeutete für sie, die nicht einmal des Leutnants Adresse wußte, unweigerlich den Verlust der letzten Hoffnungen und den Beginn des Alters; während der Dechant den jungen Mann den Wirkungen aussetzte, die von der Sterbenden auf ihn übergingen, schloß sich dort der Kreis wieder und wurde sie einsamer, als sie je gewesen war. Aber auch in diesem gefährlichen Schreck wußte sie sich zu beherrschen, und nachdem der Dechant mit Anstrengung geendet hatte, zeigte sie nichts hiervon als einen leicht verzerrten Zug um die dünnen Lippen.
»Das -- sind ja allerdings sehr interessante Eröffnungen«, sagte sie darauf. »Hoffentlich hast du die Übersicht insoweit behalten, daß du zu bemerken vermagst, wie du mit der Tür ins Haus fällst. Mit deinen Gemeindeangehörigen verfährst du juristischer; du gibst ihnen Gelegenheit, sich zu verantworten, und unternimmst nichts ohne Beweise. Dafür springst du bei mir mit einem herrischen Saltomortale zum Urteil über, und ich habe den Platz zu räumen. Ich werde dir in diesem Charakterfehler nicht zum zweitenmal helfen, sondern die Überlegenheit behaupten und hierbleiben. Ausgenommen den Fall, daß du Beweise gegen mich aufbringst. Nun, den kann ich abwarten. Nachher wirst du froh sein, daß ich dich vor der Wiederholung einer peinlichen -- Unedelmütigkeit bewahrt habe.«
Der Dechant hatte sich mit einer Röte im Gesicht etwas hastig nach ihr umgedreht; doch faßte er sich, und ruhig erwiderte er: »Die Beweise sind mit Heinz auf dem Weg hierher. Ich werde sie dir nachschicken.«