Part 27
Sie besann sich einen Augenblick, indem sie erwägend auf ihre nervös wippende Schuhspitze blickte. »Es ist doch seltsam«, sagte sie dann langsam, »daß du nicht wenigstens von ~einer~ Partei Nachrichten besitzest. Wozu habt ihr nun die Beichte? Oder beichtet Linde beim Vikar? Das wäre beinahe pikant. Und die Magd?« Und als er sie nur verständnislos ansah, fuhr sie noch ruhiger fort. »Sieh mal, irgendwo muß es jetzt doch bei dir hapern. Wenn du von der andern Seite nur halbwegs unterrichtet wärest, so würdest du außerordentlich billiger arbeiten. Du stürzest dich sehr hoch in moralische Unkosten, bemerkte ich. Ich habe mit Heinz, um die widerliche Sache offen auszusprechen, nichts zu tun gehabt, was man nicht wissen dürfte. Dagegen stelle ich mit Verwunderung fest, daß man den Leuten einen schönen Tod vorsterben und als halbe Heilige gelten kann, alles mit einer Beichtsünde, einer ganz derben Verschweigung im Gewissen. Da liegt sie nun weiß und fromm mit ihrem Mädchengeheimnis, ist absolviert und womöglich seliggesprochen, und du tappst über die gröbsten Vorgänge im Dunkeln. Nun, so höre. In jener Nacht -- du weißt, welche -- wollte ich mich in Heinzens Zimmer über gewisse Beobachtungen persönlich überzeugen. Es war ungefähr um ein Uhr. Als ich durch die Tür trat, fand ich das Zimmer leer und das Bett unberührt. Bei mir war er nicht, sonst hätte ich mir den Gang erspart. Wenn er nicht bei Linde war, so steckte er bei dir oder war auf Abenteuer aus. Du sagst, daß der Beweis auf dem Weg sei; ich sehe ihm mit Ruhe entgegen, sowenig angenehm es einem reifen Menschen sein kann, sich mit solchen Widerlichkeiten befassen zu müssen. Indessen, du willst es. Warten wir also ab.«
Sie erkannte beinahe augenblicklich, daß sie sich nicht im Mittel, denn sie besaß kein andres, aber in der Anwendung vergriffen hatte. Einem noch so schweren Anfall von Zorn oder Entrüstung hätte sie ruhig standgehalten, aber als er nun sein gutes, männliches Gesicht voll Widerwillen von ihr wandte und mit trüber Schwere unter dem menschlichen Schmerz, den er dadurch erlitt, stumm ans Fenster trat, zunächst offenkundig unfähig, sich zu einer weiteren Antwort zu bewegen, erbleichte sie. Wenn eine wirkliche Verleumdung nicht verfangen hätte, so wäre sie um neue Lügen vielleicht nicht verlegen gewesen; zu erleben, daß eine echte Wahrheit ihr in der Hand verfaulte -- unter solchen Umständen -- und zur gemeinen üblen Nachrede wurde, erschütterte sie. Der Vorgang fiel als Urteil ungesäumt in ihr Selbstbewußtsein zurück und ließ sie den Grad fühlen, bis zu dem ihre Leidenschaft ihre moralische Stellung und damit ihren menschlichen Kredit, der darauf beruhte, schon zerstört hatte. Eine bestürzende Empfindung durchfuhr sie auf einen Moment, die ungefähr besagte: »Es ist weit mit dir gekommen, Malva!« Ihr von Jugend auf unfrisches Herz tat einige rasche, nervöse Schläge, während ihr literarisch geladenes Hirn umsonst darüber war, neue Auskunftsmittel zu schaffen. Indessen tat der Dechant einen beschwerten Atemzug und begann wieder zu sprechen.
»Das ist ganz genau so, wie damals Linde sagte. Wer jemand nach dem Ganzen steht, der kann auch noch ein Buch gestohlen haben; es liegt nichts daran. Er kann das erlegte Wild auch noch verleumden; es wiegt kaum mehr. Malva, wir sind hier so von Kummer niedergedrückt und vom Schicksalsgefühl durchdrungen, daß einzelne Bösartigkeiten bei uns keinen Eindruck mehr machen. Ich wollte, daß du das begriffst, damit du dir besser dientest. Was uns angeht, so haben wir nicht nötig, Heinzens Zurückkunft abzuwarten. In dem Brief, worin er sie in Aussicht stellte, schrieb er von gewissen Verlobungs- und Heiratsplänen, an denen -- nicht Linde beteiligt ist. Willst du mehr Beweise? Was damals vorgegangen ist, kann, wenn es irgendeinen menschlichen Sinn haben soll, doch nur dazu der Auftakt gewesen sein. Ich füge noch hinzu, daß die arme Kranke, ich weiß nicht auf welchem Weg, und will es nicht wissen, von diesen abgeschmackten Aussichten erfahren hat; es war nicht möglich, daß sie wenigstens in Frieden starb. Nun tun wir das Ganze mit einemmal ab. Und so geh mit Gott!«
Endlich erkannte sie, daß sie diesem Mann gegenüber, der nichts mehr verlangte, wozu sie ihm verhelfen konnte, den Einfluß verloren habe, und erhob sich mit leise zitternden Knien.
»Ich kann mir ja nicht denken, daß wir schon miteinander fertig wären«, sagte sie bitter blickend. »Vielleicht hast du dir in der Erregung noch nicht klargemacht, ob du auch die Mittel besitzest, deinen Willen gegen mich materiell durchzusetzen. Linde habe ich nicht die Nachricht hinterbracht, ich kannte sie bis auf diesen Moment selber nicht. Sie ist sehr interessant. Nun, wir werden sehen.« Mit einem verfallenen und vereinsamten Zug um den Mund schob sie sich hinaus. Es schien, als ob sie nicht mehr Herrin ihrer Gelenke sei. Die Mitteilung von Heinzens Absicht, die sie sonst als Sieg gefeiert hätte, brannte ihr nun wie Galle im Eingeweide, und mit letzter Kraftanstrengung erreichte sie ihr Zimmer.
Darauf übernahm der Dechant wieder die Wache bei der Sterbenden. Die Morgensonne lag gnadenreich und hoffnungsvoll in ihren Fenstern, indessen der Föhn von außen daran rüttelte und die Amsel im Garten kühnlicher zu singen anhob. Er trat ans Fenster und sah sie ganz oben auf dem Bergamottenbaum sitzen, in dem ihn Linde im Herbst mit der Nachricht von der Ankunft des Leutnants überrascht hatte. Er erinnerte sich Bobs, der eifrig vorausgelaufen war, und der ganzen hellen Stunde, seufzte tief auf und wandte sich ab, wieder der Kranken zu. Brigitt hatte gebeten, sie wegen des Frühstücks zu rufen, wenn Linde erwacht sei; bisher war es noch nicht geschehen. Vor Sorge kam sie selber wieder sehen und fand sie, wie sie während ihrer ganzen Wache gelegen hatte, mit geschlossenen Augen kaum atmend unbeweglich in ihrem Kissen; nur daß sie jetzt durch den geöffneten Mund atmete. Brigitts bange Frage, ob das nun wohl zum Guten oder zum Schlimmen sei, versuchte der Dechant zu beruhigen, aber er selber machte sich auf das Ende gefaßt, und sie sah ihm wohl an, was er dachte. Indessen hieß er sie sich erkundigen, ob sie der Frau Professor, die abreisen wolle, packen helfen könne, und wies sie an, lieber die Hausarbeit dafür liegenzulassen. Einem überraschten und forschenden Blick der alten Seele wich er aus, doch kannte sie seine Gesichter gut genug, um zu merken, was der Auftrag zu bedeuten habe, und ihr Herz schwoll ihr in allem Leid hoch auf vor Dankgefühl, unter dem einen bittern Verlust wenigstens ihren Herrn wieder zurückkehren zu sehen. Sie nickte zwei-, dreimal zustimmend, nahm ihm erregt und ehrfürchtig ein Stäubchen von der Soutane und lief dann plötzlich davon.
Gleich darauf kam der Arzt, um zu sehen und zu hören. Auf den neuesten Bericht machte er ein etwas dummes Gesicht, fand dann, daß man die Kranke wegen der Nahrungsaufnahme wecken müsse, da sie sonst zu schwach würde, und beendete den angestellten Versuch mit der Erkenntnis, daß sie bewußtlos sei. Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas von geheimnisvollem Patienten und begann sich dann unvermittelt und beinahe bitter über Lindes Verstocktheit zu beklagen. Nach seiner Meinung müsse sie unbedingt Schmerzen und Krämpfe haben, der Henker möge wissen, warum sie sie verleugne. Als ob es sich um ein Liebesgeheimnis handle und nicht um eine Krankheit! Was man ihr nicht auf den Kopf beweisen könne, das sei nicht aus ihr herauszubringen, da müsse man schon ein Zauberer und Prophet sein, um ein richtiges Krankheitsbild zu bekommen. Wenn ihn einer frage, was mit dem Frauenzimmer los sei, so könne er nur sagen, daß er keine Ahnung habe. Na, man solle sich mal aufs Schlimmste gefaßt machen und das Beste tun, das rate er immer bei bedenklichen Krisen. Der Teufel möge es wissen, wiederholte er ärgerlich: gerade als ob die Krankheit eine Kapitalanlage wäre, aus der sie Zinsen zöge, oder ein gutes Geschäft, von dem sie die Konkurrenz fernhalten wolle. Dann verschrieb er im Zorn etwas, was kein Mensch lesen konnte, und fuhr ab. Draußen hörte ihn der Dechant noch zu Brigitt etwas von Nahrung einflößen sagen, aber vorsichtig, in ganz kleinen Quantitäten, damit nichts in die Luftröhre komme. Gleich darauf trat sie wieder ein und meldete, daß Frau Professor sich zu Bett gelegt habe, doch hoffe sie am Nachmittag wieder aufzustehen.
Dasselbe hofften der Dechant und Brigitt, die stillschweigend der Ansicht waren, daß ihr die heutige Aussprache auf die Nerven gefallen sei. Aber sie stand auch im Verlauf des Nachmittags nicht auf; am Abend meldete das Thermometer sogar Fieber, und in der Nacht überfiel sie ein so heftiges Erbrechen, daß sie etwas blutigen Schaum mit erbrach, nachher überhaupt nur noch Schleim und Blutschaum. Sie ächzte sehr, und die Glieder zitterten ihr, daß sie nichts anfassen konnte. Als der Kreisphysikus am andern Morgen kam, sprach er von möglicher Infektion im Verlauf der aufopfernden Pflege, Überanstrengung und einigen andern Dingen, glaubte aber übrigens doch nur an influenzöse Basis und verschrieb Diät und Ruhe.
Im Lauf des Vormittags traf dann ein Telegramm von Heinz und mit dem Abendzug er selber ein, etwas abgemagert und blaß und mit dem Arm in der Schlinge.
Drittes Kapitel
Heinz muß mit seinem Blut besiegeln, daß er kein Held mehr sein will
Des Leutnants Schicksale, soweit sie nicht aus seinen Briefen schon sichtbar wurden, bestanden seit jener Engländernacht äußerlich in den nervenzerrüttenden oder abstumpfenden Vorgängen des Schützengrabenkrieges und in periodischen dumpfen oder ausschweifenden Abwechslungen während der Zeiten der Reservestellung in den Dörfern und Städten hinter der Front. Mit Engländern hatte er's nach jenem letzten, furchtbaren Kampf nicht mehr zu tun bekommen; beim nächsten Vormarsch war sein Truppenteil gegen Franzosen und dann der Reihe nach gegen Turkos, Zuaven, Senegalneger, Marokkaner und Südfranzosen eingesetzt worden. In der letzten Zeit lag er einem Pariser Regiment gegenüber, das nach allgemeiner Bestätigung sehr mutig arbeitete; es war ein gefährlicher Gegner, der die größte Wachsamkeit und Aufopferung nötig machte, Fähigkeiten, an denen es andrerseits wieder im deutschen Truppenteil nicht mangelte. Die frischen Mannschaften, mit denen die damals beinahe aufgeriebenen Kompagnien neu aufgefüllt wurden, brachten nicht nur die hohen kriegerischen Eigenschaften ihrer Stämme mit, sondern übernahmen auch besinnungslos den besonderen Geist des Regiments, und so fanden die Pariser viel saure Arbeit, aber wenig Feste. Es gab genug junge Kräfte, die tatenlustig Heinzens frühere kühne Regsamkeit aufgegriffen, wo er sie hatte liegenlassen, und die jetzt ebenso von sich reden machten, wie ehedem von ihm geredet worden war. Er seinerseits ließ es in dem selbstbestimmten Umfang seiner Tätigkeit an keiner Aufmerksamkeit und strengen Pflichterfüllung fehlen. Dazu fand man ihn als »alten Krieger« im Besitz beider Eiserner Kreuze und von Orden, die sich infolge jener Kämpfe noch um einen vermehrt hatten, und wußte obendrein, daß er aus den gleichen Ursachen sehr früh zum Oberleutnant aufgerückt war. So besaß er bei den Jungen durchaus das Ansehen einer Respektsperson, und da er einen ziemlichen Befehlsbereich -- neuerlich, solange der Hauptmann beurlaubt war, einen Kompagnieabschnitt -- unter sich hatte, so verlangte auch niemand heldenhafte Ausfahrten von ihm, sondern man war es zufrieden, daß er die Verteidigung umsichtig und furchtlos führte und die Heldengänge den Jungen überließ. Seine Kameraden kannten ihn als vorsichtig, immer etwas zurückhaltend und stets um eine Spur lieber zum Abwarten geneigt als zum Zugreifen, und bei den Vorgesetzten hatte er die Geltung eines etwas schwerblütigen und pessimistischen aber talentvollen und durchaus verläßlichen Offiziers, bei dem eine Truppe gut aufgehoben war, und um den man sich weiter keine Sorge zu machen brauchte.
Über die Dinge in der Heimat war er fortlaufend gut unterrichtet, aber je länger, je ausschließlicher durch die Tante anstatt durch seine wahre Freundin, die immer schweigsamer wurde. Sein Einfluß auf die Entwicklungen nahm im gleichen Maß ab; sie beeinflußten ihn. Er sah auch ziemlich deutlich ein, daß er sein Schicksal aus der Hand verloren habe und in einer manchmal beunruhigenden Weise geschoben und Zielen zugestoßen wurde, über die er sich in Arbeit und Inanspruchgenommenheit durch seinen neuen Dienst lange nicht genügend Rechenschaft geben konnte. Er vermochte naturgemäß nur noch zu sehen, was man ihm zeigte. Da die alte Freundin sich zurückzog und die neue sich immer mehr in den Vordergrund schob, so dachte er, sich langsam gegen jene verstimmend, mehr an die neue und an ihre Kapitalien und Beziehungen. Etwas mußte ja nach dem Krieg im Frieden mit ihm geschehen. Da ihm aber ganz die geistige Freiheit abging, darüber nachzudenken, so war er es auf lange Strecken zufrieden, daß jemand anderer für ihn dachte, während er kämpfte, beaufsichtigte, Meldungen gab und Befehle entgegennahm. Trieb ihn nicht schon in der Nacht ein Alarm aus seinem Unterstand, so erhob er sich morgens mit schweren Gliedern und dumpfem Kopf von seinem Lager, erinnerte sich an den herrschenden Zustand und seine Obliegenheiten, und dann begann wieder die krachende und feuerspeiende und so eintönige als gefahrvolle Mühle des Tages. Abends spät sank er müde und ohne jeden Gedanken hin und schlief sofort ein. Die wenigen Ruhepausen waren mit Essen oder mit denselben ewig gleichen Gesprächen und Witzen ausgefüllt, die ebenso ewig gleich von einer Meldung, einem Befehl, einem höheren Besuch zur Inspizierung oder einer feindlichen Unternehmung unterbrochen wurden. Das übrige war für ihn Rauchen, Warten, Handeln, in Untätigkeit zurücksinken, sich wieder aufraffen, um sich über dies oder jenes Ereignis Rechenschaft zu geben, einen zweckmäßigen Entschluß fassen, das Nötige anordnen und dann von neuem warten, brüten, gleichgültige Worte wechseln, Verwundete vorbeitragen sehen, Munition anfordern, die Abgänge melden, Diensttagebuch führen, das Wasser aus den Gräben schaffen lassen, den Schlamm durch die Einführung von Steinen und Brettern bekämpfen, in nassen Kleidern frieren, gelegentlich hungern und immer weiter warten, warten, warten! Zum Lesen hatte er weder Zeit noch, wenn sich wirklich eine Stunde dafür fand, Lust. Was in der Heimat gedacht und geschaffen wurde, erfuhr er nicht. Die kulturpolitischen Gespräche seiner jungen Offiziere oder gebildeten Mannschaften blieben ihm gleichgültig, und er nahm kaum Anteil daran. Er stand oft durch viele Tage unter einem gleichmäßigen seelischen Druck, unter einer geistigen Verödung, die ihn stumpf leiden machte, ohne daß er durch das Bewußtsein darüber Herr wurde. Der Zustand ließ nach, verstärkte sich, ging und kam wieder, und Heinz handelte dabei auf weite Strecken wie eine aufgezogene Mechanik. Er ging halb bewußtlos mit Denkformen um, wandte Erfahrungen andrer Leute an, und wenn er einmal ins Bewußtsein seiner Lage auftauchte, so geschah es mit einer Regung der Ungeduld über ihre Unübersichtlichkeit, und tat er irgend etwas, nur um damit für diesmal wieder fertig zu sein, und zwar immer das Nächstliegende. Auf diese Weise, und weil sich Linde stets weiter aus seinem Blickfeld zurückzog, kam seine Antwort auf das drängende Entweder-Oder der Tante zustande, die dann Linde zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Er nahm auch dies Ereignis dumpf und bedrückt wie ein Gefangener zur Kenntnis und antwortete automatisch. Der neue philosophisch tröstende Brief seiner künftigen Braut brachte ihn wieder halb zum Bewußtsein, und so antwortete er unwirsch und von der Verwirrtheit der Dinge tief verdrossen. Vielleicht hatte er wirklich nicht genug Zeit gehabt, sich von den Schrecken jenes Kampfes mit den Engländern zu erholen, und war in einem unwiederhergestellten körperlichen Zustand in neue Schrecken gegangen. Sein Vorsatz, künftig nur das Unerläßliche zu tun, deutet nach dieser Richtung; daß dabei immer noch soviel Tüchtiges und Ganzes herauskam, spricht nur für den Wert und die bedeutende Gesamtanlage seiner Natur.
Inzwischen kam seine Verwundung, und damit hatte es einen sehr organischen und einfachen Zusammenhang. Während er damals trotz, oder, wie die Verhältnisse lagen, wegen seines unbegrenzten Heldentums unverwundet geblieben war, ereilte ihn diesmal wegen seines begrenzten das französische Bajonett. Die gegenüberliegenden Franzosen, leidenschaftliche Sucher der großen und Genies der kleinen Vorteile, hatten neuerlich angefangen, sich mit vermehrtem Eifer auf diese zu werfen, um jenen schrittweise näher zu rücken. Tag und Nacht arbeiteten die Mineure, und das Gefühl der Unsicherheit nahm außerordentlich überhand. Kaum war hier ein Minengang abgefangen, so meldeten die Horchposten das verräterische scharrende Geräusch an einer andern Stelle. Heldenhafte und erbitterte Kämpfe spielten sich geheim ab, auf die keine Sonne und kein Stern blickte, und bei denen der Ringer auf Leben und Tod auch das Bewußtsein entbehren mußte, wenigstens in Gemeinschaft von Kameraden zu bluten; sein Minenstollen wurde zugleich sein Grab. In der Luft kreisten zu jeder Tageszeit die behenden Flugzeuge des genialsten Dämons, machten photographische Aufnahmen, warfen Bomben, verfolgten und wurden verfolgt. Und unaufhörlich sprangen von der Erde die schwarzen Fontänen der Granateinschläge auf. In diesen Einschlägen verwickelte sich Heinzens Schicksal.
Den Parisern kam es darauf an, sich näher an den deutschen Schützengraben heranzuarbeiten, um beim nächsten Sturm einen kürzeren Sprung zu haben. Ob der Schuß bei der schweren Artillerie bestellt war oder nicht, jedenfalls schlug eines Nachmittags eine großkalibrige Granate genau in der Mitte zwischen beiden Linien in den Boden und warf einen ungeheuren Trichter aus. Der Staub und Rauch der Explosion lag noch in der Luft, da sah man schon einen Trupp Franzosen in voller Schnelligkeit herzulaufen, um sich in den Trichter zu werfen und den herwärtigen Rand zu besetzen. Sie hatten auch gleich ein Maschinengewehr mit, das in unglaublicher Schnelligkeit aufgestellt und schußbereit gemacht wurde; schon drohte die Mündung gegen die deutsche Linie, bereit, augenblicklich Blei und Stahl zu speien, sobald sich aus dem diesseitigen Graben etwas regte. Die kurze kriegerische Entfaltung hatte im deutschen Schützengraben allgemein imponiert, aber es dachte niemand daran, daß die verwegenen Burschen längere Zeit in dem Loch würden bleiben können außer tot, und eine Empfindung wie Bedauern klang aus den wenigen wortkargen Bemerkungen, die dazu gemacht wurden. Wie man sie heraustreiben oder darin mit den Nägeln des Todes festnageln sollte, darüber machte man sich weiter keine Gedanken; das war die Sache der Gefechtsleitung.
Die Gefechtsleitung war in diesem Fall Heinz. Er beobachtete mit düsterm Blick und starkem Unlustgefühl den ganzen erfinderischen Vorgang und war sich auch nicht über seine Tragweite im unklaren. Sein Graben bildete den Flankenteil einer vorspringenden Feldbastion; was ihm geschah, das geschah der ganzen Stellung, und es war nicht gut, daß die Franzosen in dem Trichter saßen. Er ließ die kühnen Männer unter gesammeltes Feuer nehmen, richtete seine Maschinengewehre auf sie und verschoß ziemlich viel Munition, obwohl er sparen sollte, ohne etwas Sichtbares auszurichten. Das feindliche Maschinengewehr vollends schwieg sich tückisch aus; es wartete eine andre Gelegenheit ab, um seine kostbare und abgezählte Munition an den Mann oder die Männer zu bringen. Einige Soldaten und Unteroffiziere, die schon an andern Plätzen erfahren hatten, was Krieg ist, erwarteten nun einen Aufruf von Freiwilligen, um das Nest auszuheben und selber zu besetzen, aber es kam kein Aufruf.
Dieser Zustand blieb etwa eine halbe Stunde so im Unentschiedenen schweben, als in einiger Entfernung von der ersten eine zweite schwere Granate einschlug, und zwar vor dem linken Flügel der Kompagnie, wo die Stellung an einen Steinbruch stieß. Die Leute eröffneten ungeheißen ein eifriges Feuer in den Pulverrauch hinein, aber als der Erdregen sich niedergeschlagen hatte, saß ein Trupp Franzosen auch im neuen Trichter; diese hatten sogar zwei Maschinengewehre mit. Auf dem Weg dazu lagen einige Tote und Schwerverwundete, aber das Loch schien dennoch stark besetzt zu sein; sie hatten also mit Abgang von vornherein gerechnet. Es erhob sich für die nächste Zeit wieder eine wütende Schießerei, an der sich aber die Männer in den Erdlöchern nur mit wenigen günstigen Schüssen beteiligten. Auch diese Maschinengewehre schwiegen und warteten. Nach einiger Zeit sah man am Auffliegen von Erde, daß zuerst im einen, dann auch im andern Trichter geschaufelt wurde, und zwar in der Richtung gegeneinander.
Heinz beobachtete und wartete, er wußte nicht, worauf. Schließlich stellte er das Feuer ab, um für die größern Vorgänge, die sich aus diesen kleinen entwickeln mußten, die Munitionsbestände zu sparen, gerade wie die Männer in den Trichtern, obwohl er fühlte, daß ihm ein andres Verfahren zukam. Es ist nie ganz aufgeklärt worden, aus welchen Beweggründen an diesem unglücklichen Tag Heinz handelte oder nicht handelte; das meiste erklärten sich seine Vorgesetzten schließlich wohlwollend mit seiner zu großen Jugend für die Verantwortung, die auf ihm lag. Was er dumpf und von seiner Unbeweglichkeit gepeinigt erwartete, das geschah. Mit großer, beinahe tollkühner Genauigkeit placierte die französische schwere Artillerie einen dritten Treffer zwischen die ersten beiden, worauf sich alles programmgemäß wiederholte, nur daß diesmal bei den Deutschen kein Schuß losging, zur großen Verblüffung der Pariser. Auch hier bemerkte man nach der Klärung der Luft eine Gruppe Schützen und schon arbeitende Pioniere nebst zwei Maschinengewehren. Der Grund, warum diesmal niemand geschossen hatte, lag darin, daß nun die meisten vermuteten, Heinz habe es auf eine mehr summarische Aktion abgesehen und wolle dafür vielleicht die Nacht abwarten; möglicherweise hatte man für den Zweck Verstärkungen zu gewärtigen. So war man denn im deutschen Graben getrost und rüstete sich auf die Dunkelheit, und den kecken Parisern wollte niemand weiter gram sein, zumal man sie am andern Morgen gefangen wegzuführen gedachte, versteht sich, wer den Spaß mit dem Leben überdauerte.
Aber es gibt im Frieden wie im Feld eine Art von seelischer Wetterkunde, eine hellseherische Witterung von der Dichtigkeit oder Flauheit einer moralischen Luft. Die Kommandanten des Gegengrabens fühlten flaue Luft von den Deutschen herüberwehen. Aus den Mitteilungen der Gefangenen ergab sich nachher für die deutsche Oberleitung etwas folgendes Entwicklungsbild. Den Parisern hatte das ganz unerwartete Verhalten der Deutschen lebhaft zu reden gegeben. Entweder, sagte man, seien sie schlecht kommandiert, und dann mußte man rasch zugreifen, oder sie planten eine eigene Unternehmung, dann mußte man ihnen zuvorkommen. Schließlich wurden die Kommandanten einig, daß es an der Führung fehlen müsse; es sprachen für diese Auffassung eine gewisse Reihe kleiner, aber belegender Tatsachen. Man verständigte sich mit der Brigade, und diese benachrichtigte die Artillerie, die plötzlich den deutschen Graben unter Präzisionsfeuer und nachher noch eine halbe Stunde unter Trommelfeuer setzte. Neue Schwärme kamen hinter diesem eisernen und feurigen Vorhang aus dem französischen Graben heraus, warfen sich zwischen die Trichter hin und gruben sich eilig oberflächlich ein. Kaum war der letzte Schuß der Artillerie gefallen, so schnellten sie mit großer Behendigkeit vom Boden auf und stürmten auf den deutschen Graben los.
Heinz hatte auch diese Entwicklung vorausgesehen, aber jetzt war es schon zu spät für irgendwelche Gegenbewegungen; seine Leute wären unter dem Feuer der vorgebrachten Maschinengewehre nur dem offenen Tod ins Haus gelaufen, ohne das geringste auszurichten.