Der Dechant von Gottesbüren

Part 28

Chapter 283,265 wordsPublic domain

Den Parisern glückte es nun freilich nicht so schnell, wie sie gerechnet hatten. Die erste Sturmwelle, oder was davon nach vorne kam, mußte vor den Drahthindernissen liegenbleiben. Die Pariser taten es weiterfeuernd und mit erbitterter Zähigkeit in Erwartung der Unterstützung. Inzwischen hatten sich die Trichter und die Zwischenstellungen neu angefüllt und wieder geleert, aber auch die zweite und dritte Welle kam nicht zum Ziel, doch bildete sich aus allem Getröpfel etwas wie eine Rinne oder eine allervorderste Angriffslinie dicht vor den deutschen Gewehren, und jetzt begannen auch die fünf Maschinengewehre zu spielen, die von den tollkühnen Männern aus den Trichtern herausgeschafft und auf dem Feld frei aufgestellt worden waren.

Unter allem schweren Verdruß bemerkte Heinz den großen Unterschied zwischen dem damaligen englischen Angriff und dem heutigen französischen. Die Engländer führten ihren Krieg als sportliche und brutale Einzelleistung, während die Franzosen als ausgemachte Gesellschaftsmenschen geschickt und oft dämonisch fein einander in die Hände arbeiteten und in der Mechanik einer gemeinsamen Unternehmung von keinem Volk der Erde übertroffen wurden. Es war ihm später nicht einmal möglich, alle Einzelvorgänge sich zu vergegenwärtigen, durch die sie ihn überrascht, unterlaufen, festgenagelt und gelähmt hatten, um dann mit einem wütenden Gesamtschwung den entscheidenden Vorstoß anzusetzen. Den ließ er freilich nicht untätig über sich ergehen, aber auch nicht tätig genug. Er fragte zwar nicht danach, ob er sich aussetzte oder nicht, war da, war dort, schrie Anordnungen durch den höllischen Lärm der Handgranaten, schickte Leute auf entblößte Stellen, jagte Leichtverwundete auf ihre Posten zurück, schoß auch den einen oder andern eindringenden Franzosen mit seinem Revolver nieder und machte durchaus den Eindruck eines tätigen, umsichtigen und aufopfernden Truppenführers. Aber als sein vorderstes Maschinengewehr, um das sich der Kampf schließlich zuspitzte, den letzten Mann verlor und nur noch allein starr geradeaus feuerte, bis das Band abgelaufen war, um dann plötzlich zu verstummen, sprang er nicht helfend ein, obwohl er der Nächste dazu war und mit der Mechanik umzugehen wußte, sondern indem er den unheimlichen Vorgang irgendwie gespenstisch berührt beobachtete, sprach eine Stimme zu ihm: »Jetzt ist's um alle geschehen!« und kam eine solche unerträgliche Trübung über seinen Geist, daß er auf einen Moment daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Er sah noch, wie ein junger Offizier im Stahlhelm elastisch neben dem Maschinengewehr in den Graben sprang, nach links und rechts je eine Handgranate schleuderte und dann mit schnell gezogenem Revolver auf ihn zulief. Aber gleichzeitig empfing Heinz einen Stoß von hinten in die Schulter, der ihn vornüber zu Boden warf und ihm sehr wahrscheinlich das Leben rettete. Wie sich nachher zeigte, stammte er von einem französischen Bajonett. Der Stich war ihm über dem Schulterblatt in den Rücken und unter dem Schlüsselbein aus der Brust gedrungen. Was weiter geschah, wußte er nicht, weil er ohnmächtig wurde.

Die Pariser wurden nun trotz dieses Erfolges nicht warm in dem deutschen Graben. Sie hatten kaum Zeit, die unverwundeten Gefangenen und die marschfähigen Verwundeten wegzuführen, so setzte schon die Gegenaktion aus den flankierenden deutschen Nachbargräben ein; das Vorgelände wurde für französische Unterstützungen durch Artilleriefeuer gesperrt und die fremde Besatzung von beiden Seiten Mann für Mann aufgerieben, bis sich die letzten sechs ergaben, auch schon reichlich blutend und mit leeren Gewehrläufen. Die aufgehenden Sterne fanden die Deutschen wieder im Besitz des Grabens und Heinz zur ersten Not verbunden auf dem Weg zum Etappenlazarett. Seine Lunge war nicht verletzt, dagegen hatte er während der Rückeroberung des Grabens noch ein deutsches Gewehrgeschoß in den Oberarm bekommen, mit dem zweiten glücklichen Umstand, daß der Knochen nicht getroffen war. Die Trübung seines Geistes hatte sich nicht gelichtet, sondern war noch schwerer und qualmiger geworden. Sie hielt auch die nächsten Tage noch an und machte ihn wortkarg und finster. Dazu erfüllte ihn eine unerklärliche Unruhe, die ihn im Schlaf schreien und aus wirren Träumen auffahren ließ und sich im Wachen als unaufhörlicher Drang äußerte, irgend etwas zu tun, anzuordnen, einzuschreiten, zur Ruhe zu bringen. Der Oberstabsarzt sagte lächelnd zu ihm, für ihn sei es auch Zeit gewesen, daß er einmal verwundet worden sei, aber etwas weniger hätte hingereicht. Heinz verstand ihn nicht und maß den lächelnden Mann mit einem feindlichen Blick. Aber indem ihm mit fortschreitender Ablösung von der kriegerischen Spannung seine bürgerlichen Verhältnisse wieder nähertraten, warf sich seine verdrossene Unruhe auf diese, und in der Meinung, sich Befreiung zu verschaffen, schrieb er jenen Brief an den Dechanten, worin er seine bevorstehende Ankunft und die beabsichtigte Verlobung mit der Tante anzeigte. Daß beides zusammen eine unbegreifliche Roheit ergeben mußte, fühlte er dunkel und geplagt, aber es war ihm unmöglich, sich der Zwangsvorstellung zu entziehen. Nur ahnungsweise war ihm bewußt, daß er mit der Roheit sich selber an den Leib wollte, und gar nicht, daß seine Seele an die Verlobung im letzten Grund nicht glaubte.

Nach zwei Tagen bekam er die Depesche des Dechanten: »Wenn du Linde am Leben treffen willst, komm baldmöglich.« Sie bestürzte ihn kaum und bestätigte ihn nur, er wußte nicht worin. Indessen machten sich die Ärzte ernsthaft Sorge um seinen Gemütszustand, und die Reiseerlaubnis zu einer Sterbenden bekam er daher nur mit Mühe und erst, als sie sahen, daß sie mit der Verweigerung die Sache noch schlimmer machten.

Viertes Kapitel

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Ein Nachtgespräch. Linde mahnt ihre Hausgenossen zu ihrem Sterben. Vor dem Dechanten reißt der letzte Vorhang

Als Brigitt auf das Läuten der Glocke die Haustür aufmachte und Lindes gewesenen Geliebten draußen erblickte, brach sie, keines Wortes mächtig, augenblicklich in Tränen aus. Die Frage, ob Linde noch lebe, beantwortete sie mit einem heiseren Krächzen und wiederholtem Kopfnicken. Darauf führte sie ihn blind und taub vor Leid zum Dechanten.

Auch dem Dechanten wurde das Sprechen zunächst sauer, als er so abgemagert und mit unreinem Blick den Freund seiner Linde vor sich stehen sah. »Grüß dich Gott, Heinz«. sagte er ernst. »Wie geht's dir? Bist du schwerverwundet? Setz dich; die Reise wird dich ermüdet haben. Kommst du in einem Zug aus dem Lazarett?«

Heinz gab mit kurzen Worten Auskunft und fragte dann nach Linde, während sein Herz, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, bei diesem Namen sich dumpf regte und in seinem düster verhängten Blick auf Sekunden etwas aufschimmerte wie ein vorbeischwebender Engelsflügel, aber nur auf Sekunden. Die lebendige Regung des Herzens hielt jedoch an; es war eine erste Regung zur Auferstehung. Der Dechant allerdings wollte diesem heimgekehrten Sohn kein Kalb schlachten.

»Ich dachte, du würdest zuerst nach Tante Malva fragen«, erwiderte er nicht ohne Bitterkeit. »Sage mir doch, wie ist es möglich, daß eine Seele, die du geordnet und geheiligt hier forttrugst, in kurzer Zeit so unendlich verwildern und verrohen konnte? Oder warst du schon nicht mehr geheiligt, als du gingst? Was soll ich mit dieser Verlobungsvoranzeige? Ich habe deinen Brief nicht verstanden und werde ihn nie verstehen, und er hat mir schlaflose Nächte gemacht. Zuerst wollte ich dich dringend ersuchen, das Fest woanders zu feiern, und das tue ich auch jetzt. Aber darüber hinaus sagte ich mir, daß es nötig sei, dich reden zu hören. So rede, sieh deine ehemalige Geliebte, schlafe einmal unter meinem Dach, wenn du kannst, und geh morgen wieder. Aber zuerst rede. Hast du dich schon in jener Nacht mit Tante Malva, deiner jetzigen Verlobten, vergangen? Hat sie dich verführt, indem sie deine Sinnlichkeit ausnutzte? Und ist diese Verlobung eine physische Folge davon, wovor Gott sein möge? Ich bitte dich, sprich jetzt Wahrheit; unser ganzes Verhältnis hängt daran und vielleicht auch deine ganze Zukunft.«

Heinz hatte dem Dechanten eine Zeitlang mit einer halb geweckten Aufmerksamkeit ins Gesicht gesehen. Nun schaute er düster vor sich hin und beschäftigte sich unruhig mit dem Eindruck, den ihm der Geistliche machte, und mit der neuen sittlichen Entschiedenheit, um nicht zu sagen: Leidgröße, die von seinem Blick und von seinen Worten ausging. So hatte ihm sein Oheim vielleicht nur noch in seiner frühesten Jugend imponiert, und es gab ihm zu denken, daß nun zum erstenmal wieder sich dieser weite und bedeutungsvolle Abstand zwischen seiner eigenen sittlichen Alterslage und der des vorgerückten Mannes auftat. Indessen beantwortete er die gestellten Fragen beinahe mechanisch.

»Ich habe nichts mit Tante Malva zu tun gehabt«, sagte er. »Unsre Beziehungen haben sich erst seither angeknüpft. Ist in jener Nacht etwas geschehen, so war sie jedenfalls nicht daran beteiligt.«

»Es ist schon etwas, daß wenigstens deine Beteiligung feststeht«, bemerkte der Dechant mit großem Blick. »Wer kommt noch in Betracht?« Aber Heinz antwortete auf diese Frage nicht, und eine Zeitlang ging der Dechant denkend vor seinen Büchergestellen auf und ab. »Tante Malva machte mir einige Mitteilungen, die seltsam klingen«, hob er darauf widerstrebend von neuem an. »Sie erzählt, daß ihr gewisse Vorgänge aufgefallen seien und sie sich in der Folge davon nach deinem Zimmer begeben habe, um sich zu vergewissern. Sie habe dein Zimmer leer und dein Bett unberührt gefunden. Kann sie das nach der Wahrheit behauptet haben?«

Heinz hob etwas überrascht das Gesicht, doch nicht betroffen, dazu war er jetzt noch zu schwer zu bewegen. »Linde hat also nichts gebeichtet!« ging es ihm verwundert durch den Kopf; der Verwunderung folgte eine unbestimmte, hoch mit Trübsinn beschwerte vergrößerte Anschauung von ihrem Wesen. »Ich weiß nicht, was Tante Malva getan und gesehen hat«, sagte er dann, wieder mit einem Anflug von Unlust. »Darüber muß sie sich selber verantworten.« Er ließ den Kopf grübelnd wieder sinken.

»Du mißverstehst mich, Heinz!« mahnte der Dechant eindringlich. »Wer sich jetzt verantworten muß, das bist du, und es handelt sich hier nicht um die Tante Malva, sondern um deine Menschlichkeit, die bitterlich in Frage steht. Das ist für uns der einzige Sinn ihrer Mitteilung.« Er stieß auf einen neuen Gedanken und ging ihm zögernd nach. »Warst du -- jene Nacht in der Stadt?«

Heinz bedachte sich einen Moment, dann sagte er mit dem Ausdruck von Geplagtheit: »Ja, ich war in der Stadt. Ich -- hielt das alles nicht aus, ich mußte mich betrinken. Das möchte ich am liebsten auch jetzt. Ich habe mich seither oft betrunken. Aber lassen wir das; kann ich jetzt Linde sehen?«

»Tante Malva ist ebenfalls krank«, erwiderte der Dechant etwas erkältet. »Willst du nicht deine Verlobte zuerst sehen? Sie würde es vermerken, wenn du die andere vor ihr besuchtest.«

Heinz erhob sich langsam, mit einer müden Bewegung. »Ich bitte dich, Onkel, quäle mich jetzt nicht«, sagte er etwas kahl. »Halte dich an keine Worte und an keine vergangenen Dinge, sondern an das, was ich jetzt tue. Wenn du mich nicht hinführen willst, so gehe ich allein.« Indessen blieb er unschlüssig stehen, weil ihm an diesem Wort etwas nicht in Ordnung schien.

Der Dechant übereilte sich auch nicht. »Du siehst offenbar selber ein«, bemerkte er, nachdem er ihm Zeit gelassen hatte, »daß dies nicht die Tonart ist, in der du in diesem Haus und in dieser Stunde mit Erfolg auftreten kannst. Du wirst auch nicht mit Dingen, die du jetzt tust, andere so rasch wieder gutmachen können, die du früher getan hast. Wie es scheint, hast du im Feld draußen allmählich vergessen, daß du nicht beziehungslos in der sittlichen Welt stehst, und daß es noch Menschen gibt, die sich mit dir auseinanderzusetzen haben. Aber ich denke, daß dir vielleicht vor allem ein Augenmaß not tut. Es ist gut; komm denn sehen, was dir vom nächsten Anblick als Anteil zufällt.«

Mit diesen Worten ging er ihm an die Tür voraus, öffnete, ließ ihn an sich vorbei in den Korridor treten und führte ihn dann ins Sterbezimmer. Das erste, was Heinz in die Augen fiel, war die brennende Kerze vor dem Bild der Mutter Gottes, die Brigitt für die Kranke gestiftet hatte; eine Schwesterkerze brannte gleichfalls in der Kirche neben dem Altar, um Gott durch die fromme Flamme an die Fürbitte zu erinnern, die Brigitt Tag und Nacht für die abscheidende Seele tat. Das Licht machte ihn auf den Schlag einsam und klagte ihn an. Hier war alles Liebe und Sorge um ein gekränktes junges Leben, während er kam, um zu sehen, was er angerichtet hatte. Mit schauernder Kühle berührte ihn die tiefe Verwandlung dieses Zimmers, worin er eine Nacht lang Liebender und Beglückter gewesen war, und indem er endlich der Sterbenden näher trat, geschah es mit einer Beklommenheit, die er noch vor keiner Schlacht empfunden hatte, und mit einer geradezu bestürzenden Ahnung von den Gewalten, die nicht von dieser Welt waren, und die an Bedeutung und Machtmitteln jede sinnliche Erscheinung unendlich drohend übertrafen. Nicht als ob an dem sterbenden jungen Mädchen irgendwelche überirdischen Zeichen hervorgetreten wären, sondern es lag recht irdisch arm und abgezehrt auf seinem weißen Kissen, noch viel mehr bekümmernd als rührend in seiner Hinfälligkeit, die dunkelblonden Zöpfe verloren neben sich, die durchsichtigen Hände kalt und schon gestorben auf der Bettdecke, die Augen tief eingesunken und geschlossen und den Mund kaum atmend offen, mit gesprungenen Lippen und scharfen Linien auf den Wangen hinunter, die sie etwas alt machten. Nur auf der Stirn und dem Scheitel war eine Helligkeit beisammen, die auch den fremden Betrachter überrascht hätte, und die immer wieder wie lockend die Blicke des Soldaten auf sich zog, wenn ihm das Anschauen der andern Zeichen gar zu grausam die Kehle zusammenschnürte.

Als er sich bis unter die Haarwurzeln mit dieser jammervollen Wirklichkeit erfüllt hatte, ohne noch den Sinn für das Geheimnis darin finden zu können, wandte er sich seufzend ab und verließ, beinahe ohne es zu wissen, mit dem Dechanten den Raum; erst beim Gehen bemerkte er, daß Brigitt auch da war.

Den Rest des Abends verbrachten die Männer ziemlich schweigsam miteinander, zuerst bei Tisch und dann wieder an Lindes Bett. Zwei oder dreimal tat der Dechant eine Frage, nach seiner Verwundung, nach dem Stand der Dinge draußen im Feld, und ob er nicht müde sei und schlafen gehen wolle? Die ersten beiden beantwortete Heinz, die letzte nicht, und der Dechant wartete auch nicht darauf. Von den nächsten Angelegenheiten war nicht mehr die Rede; die gleiche Scheu hielt den Dechanten ab, davon zu sprechen, und den Soldaten, danach zu fragen. Nur einmal, nach einem langen Schweigen, brach Heinz die Stille, indem er sich mit einer Stimme, die ihm selber fern und fremd klang, erkundigte: »Hat -- Linde nichts für mich -- hinterlassen?« Den Oheim vermochte er dabei nicht anzusehen, sondern er blickte starr auf die Sterbende.

Er mußte sich etwas mit der Auskunft gedulden. »Da du dich danach erkundigst«, sagte der Dechant endlich, und Heinz hörte, wie widerwillig der gebeugte Mann antwortete: »Sie läßt dir sagen, du sollst -- Tante Malva nicht heiraten. Es würde dein Unglück sein. -- Aber vielleicht irrt sie sich darin«, setzte er zweifelnd hinzu. »Die Umstände sind verschieden, unter denen die Menschen ein Glück finden.« Nicht fähig, die Nähe dieses unglückseligen jungen Menschen länger auszuhalten, stand er auf und trat ans Fenster, wo er lange stand und in die Nacht hinaussah.

Auch diese Bewegung verstand Heinz. Nach einer weitern halben Stunde erhob auch er sich. »Ich will jetzt zu Bett gehen«, sagte er mit einem letzten Blick auf die ehemalige Geliebte. »Wenn -- etwas Besonderes geschieht, so klopfe mir bitte. Gute Nacht.«

»Gute Nacht«, erwiderte, nicht nur körperlich abgewendet, der Dechant, und Heinz ging tiefer vereinsamt hinaus.

Er legte sich angekleidet aufs Bett, ohne zu schlafen, doch auch ohne viel zu denken; dafür war es bei ihm immer noch nicht Zeit. Seine wenigen Gedanken waren seltsamerweise bei seiner Mutter, an die ihn einige Züge in Lindes Gesicht erinnert hatten, seine Sinne bei dieser, seine Gefühle tief unter ihm in seinen Wurzeln, und sein Bewußtsein schwebte unbeheimatet und ohne Auftrag über seinem stillstehenden Leben im Leeren. Seine Wunden schmerzten, und eigentlich hätte er frisch verbunden werden müssen. Sein Herz klopfte schwer und wie unter einer Last von Steinen. Ab und zu suchte sich ein Gesicht aus seinem Dunkel zu lösen, aber es kam nicht aus einer gewissen schmerzlichen Gleichgültigkeit frei, die es festhielt, und sank trauernd zurück. So vergingen ihm die Viertelstunden; er hörte sie wehend im Föhn vom benachbarten Turm schlagen.

Aber aus dieser unnatürlichen Ruhe löste sich in der Tiefe eine zuckende Willensregung, ein dunkles scheues Wirkliches, das peinigte und sich aus der Unbewußtheit schmerzend ins Bewußtsein hindurchbohrte. Etwas stand ihm noch bevor! Ein Letztes mußte noch getan sein, wenn alles getan und gelitten, wenn alles erfüllt sein sollte. Er wußte gut, daß kein äußerer Zwang ihn veranlassen konnte, der Mahnung zu gehorchen, aber ebenso klar wurde ihm, daß er in jedem Fall gehorchen mußte, wenn er aus allem Tod sein junges Leben retten wollte, nicht sein äußeres, das war gesichert, aber sein inneres, das noch unter der ganzen Bedrohung des sittlichen Untergangs stand. Beschmutzt und erniedrigt, wie er sich fühlte, sah er sich vor der Notwendigkeit, noch einmal mit vollem Wissen in den Bannkreis jener unheimlichen Gewalt zu treten, die ihn verdorben und beinahe vernichtet hatte, indem sie seine niedern Instinkte entfesselte. Das alles wäre ihm aber nicht geschehen, wie er sich ganz ehrlich sagte, wenn er keine niedern Instinkte besessen hätte, und in dieser Erkenntnis lag unter aller Niederlage bereits ein Fortschritt, wenn er sie auch nicht als solchen empfand, sondern zunächst als Leiden und Urteil. Doch war es dieselbe männliche Ehrlichkeit, die ihm den Wahlspruch eingab: »Jetzt los davon oder ganz in den Schmutz!« An der Ausdeutung des Gefühls war freilich sein jüngster Fatalismus noch zu großen Teilen tätig, und sie bewies seine kindlich rohe Ungeübtheit im Umgang mit sittlichen Forderungen. Unruhig, voll düsterer Vorgefühle und freudlos kahler Erwartungen erhob er sich endlich, richtete den zerschossenen Arm in die Binde ein und verließ nach einem letzten grübelnden Aufenthalt am Fenster das Zimmer.

Er war sicher, daß die schlaflose Frau ihn erwartete, fand auch die Tür offen und sie bei einem Nachtlicht wachend, und zwar im Lehnstuhl neben dem geheizten Ofen mit einem Buch in der Hand, doch nicht lesend, blaß, verfallen, alt, mit ungewöhnlich großen, vor Angst geweiteten Augen, deren Blick ihm verschärft und spähend entgegenflog, um auf einen Moment sich klammernd an ihn zu halten und dann enttäuscht und fremd erkältet von ihm abzugleiten. Heinz stand wortlos im Zimmer und sah sie an mit einem Ausdruck, als ob er daran zweifle, daß sie wirklich jene elegante und gefährliche Frau sei, die ihm aus der Ferne so zu schaffen gemacht hatte. Eine Zeitlang herrschte vollkommene Stille, bis ihr sein Blick peinlich wurde und sie den ihren, der ruhelos zwischen den Dingen in der Stube hin und her ging, nach einem Stuhl wandte, auf den sie zugleich mit der schmalen Hand deutete: »Setz dich, Heinz.« Er gehorchte, während sich in ihm eine unsägliche Befremdung über sich, sie, die Menschen und das ganze Leben ausbreitete. Lust, Gier, Besitz, Geltung, so dünkte ihn --, was war das alles gegen ein reines Bewußtsein von sich selber und das Gefühl der Einheit mit jenen treuen und redlichen Seelentrieben, aus denen die Menschheit ihre eigentliche Schönheit und ihren tiefsten Wert gewinnt. »Ich bin krank«, sagte die Frau wie erklärend. »Es wird aber vorübergehen.« Er nickte, unfähig, ein Wort zu sprechen. Was sich jetzt am Anblick ihres Elends in ihm erregte, das war die schwere Empfindung des Mitschuldigen, die ihn ergriff und erschütterte, ihn, den in aller Schuld beinahe Erfrorenen, und die unter der Erstarrung der Gegenwart den heißen Quell der Erkenntnis befreite, so daß sein winterliches Leben heimlich erregt wieder in Fluß kam, sich stoßend und brechend zwischen Eisschollen, Schmutz und entsetzlichen Versteinerungen, aber doch wieder bewegt, doch wieder einem irdischen Vorgang ähnlich.

»Ich -- dachte nicht, daß wir uns -- unter solchen Umständen -- wiedersehen würden«, brachte er endlich stockend heraus, verstummte aber sofort, weil ihm wie eine Faust das Schluchzen nach der Kehle fuhr. Dazu quälten ihn seine Verletzungen, und er brauchte sein ganzes männliches Schamgefühl, um vor ihr seine äußere Fassung zu behaupten.

Sie hörte alles. Zuerst saß sie noch eine Zeitlang mit zusammengepreßten Lippen und unruhig denkend wieder den Blick zwischen den Gegenständen ihres Zimmers umherführend. Endlich begann sie zu reden.