Der Dechant von Gottesbüren

Part 29

Chapter 292,603 wordsPublic domain

»Nun, mein Freund, so weit hätten wir's also gebracht miteinander«, sagte sie, ihm das kranke Gesicht flüchtig zuwendend, um dann wieder unbehaglich dahin und dorthin zu blicken, als ob sie etwas suchte. »Du hättest früher kommen müssen, wenn dein Besuch für mich irgendeinen Wert haben sollte. Was willst du hier bei mir, nachdem du zuerst bei ihr warst? Und was hat es für einen Sinn, daß du dich wie einen Glückbringer ausführlich hier im Haus annonciertest, nachdem doch nun jeder, auch sie, seinen Fußtritt von dir besitzt? Daß du dem Dechanten deine bevorstehende Verlobung mit mir anzeigst, mich im dunkeln läßt und in ~einer~ Reise zu ihr gehst? Du bist ein seltsamer Mensch! Ein ganz seltsamer und unberechenbarer Mensch! -- Nun, mache dir nur keine Gedanken darüber, und vor allem erspare dir alle Gewissensbisse meinetwegen. Ich habe keine Lust, ~auch~ noch an dir zugrunde zu gehen. Das Mädchen hast du aus dem Leben getrieben. Wozu? Müßt ihr jetzt um jeden Preis vernichten? -- Morgen werde ich dies unheimliche Haus verlassen, halb Spital, halb Irrenanstalt, halb Leichenhalle. Lebt sie denn noch? Hm, einen Augenblick sah es aus, als ob sie mich infiziert hätte. Ich hatte einen ganz rätselhaften Magenanfall. Das Volk würde sagen, sie wollte mich nachholen. Man erliegt aber übersinnlichen Ansteckungen nicht so rasch.« -- Sie verstummte unter einem Kälteschauer und schwieg eine Weile innerlich zitternd ohne ein Mittel, sich gegen ihr Leiden zu wehren, und hilflos Auge in Auge mit ihrer Altersangst. -- »Was sonst?« fuhr sie dann dünn und skeptisch fort, wie bisher ruhelos das Zimmer absuchend. »Jetzt sitzt dir das Schluchzen in der Kehle und bist du ganz Reue und Todesgefühl. In vier Wochen könnte ich wieder auf dich zu rechnen anfangen, aber du bist mir zu kostspielig. Ich bin schließlich doch nicht mehr jung genug, um mir einen solchen Sport zu leisten. Das Seelenleben wirst du dir doch nie abgewöhnen, und daran wird deine Weltmannschaft immer wieder scheitern. -- Weißt du eigentlich, warum ich überhaupt in dies Haus kam, nach allem, was geschehen war? Ich bin auf Jugend hungrig, und Linde schrieb mir in jenem Brief, daß du auch da seist. Von dir hatte ich aber schon eine ganz bestimmte Witterung; die Aussicht reizte mich. -- Ich glaube, ich habe dich wirklich geliebt. Ich habe Hoffnungen und Träume auf dein Leben gebaut. Ich wollte dich kapitalisieren. Ich wollte dir das Außerordentliche sein, das dich zum freien Mann machte und dir eine große Karriere verschaffte. Ich verdanke dir eine der bittersten Erfahrungen meines Lebens; das ist auch etwas. Nun, es wird sich wieder ausheilen. -- Man wird hier in den nächsten Tagen deinen Glauben wiederherstellen. Du wirst erschüttert und ›erweckt‹ ins neue Leben gehen. Ich werde in mein altes zurückkehren. Noch eines will ich dir sagen -- aber hat es nicht geklopft? Es ist dir wohl unangenehm, wenn ich eintreten lasse? Obwohl wir ja nicht aussehen, als ob wir ungern gestört würden. Herein!«

Heinz hatte sich schon erhoben. »Linde wird sterben«, sagte er tonlos. »Ich hatte gebeten, mich zu rufen.« Doch zögerte er unter ihrem Blick, in welchem ein kaltes und zugleich unruhig fürchtendes Licht aufging. Dieser Blick widerlegte alle ihre vernünftig kühlen Ausführungen, und Heinz sah, daß auf seinem Grund die Angst vor dieser Sterbenacht lauerte. Er machte eine verlorene und halb unbewußte Bewegung nach der Tür. »Ich muß gehen!« erklärte er widerstandslos. »Ich -- kann dir auch nichts sagen. Da muß sich nun jedes selber weiterhelfen.« Indem klopfte es zum zweitenmal dringlicher, und er öffnete, immer noch nicht fähig, den Blick von ihrem fahlen, zuckenden Gesicht zu lösen. Eine Weile wartete er, daß jemand eintrete oder spreche, um ihn aus diesem Bann zu befrein. Als sich nichts regte und ihn das erste Grauen von hinten beschlich, wandte er den Kopf herum und bemerkte, daß der Vorplatz leer war. »Es hat doch zum zweitenmal geklopft!« sagte er befremdet, während er einen bereits erregten Blick nach der Tante ins Zimmer zurückwarf, unter dem sie bis auf die Lippen hinein grau wurde. Unwillkürlich beugte sie sich vor, als ob sie einen Versuch machen wollte, ihn zurückzuhalten. Noch kämpfte er einen letzten Kampf zwischen ihrer verzweifelnden Angst und dem Trieb, der ihn zum Sterbezimmer fortdrängte. Sie verfolgte jede seiner kleinsten Regungen überwachsam mit den Blicken, aber nach einem allerletzten Zaudern angesichts ihrer Einsamkeit, die er überall im Dunkel lauern sah, bereit, sich wieder auf sie zu stürzen, ergab er sich aufatmend seinem Trieb und ging, während er schon die erbitterte Stille, die er hinter sich im Halbdunkel ließ, körperlich als Furchtempfindung im Rücken spürte.

Als er aber mit schnellerem Schritt in das Sterbezimmer trat, fand er den Oheim vor Müdigkeit schlummernd im Lehnstuhl sitzen; er hatte den Platz überhaupt nicht verlassen und Heinz also auch nicht gerufen. Jedoch gleich darauf trat Brigitt ein, ebenfalls von einem Klopfen gerufen, beinahe aufgelöst vor Schreck, weil auch sie niemand vor ihrer Tür gefunden hatte, und sichtlich beruhigt darüber, Heinz bei Linde zu finden.

Linde verharrte noch in ihrer vorigen Lage, aber es war eine geheime Unruhe in sie gekommen, Ihre Lider zitterten, und die Augäpfel bewegten sich darunter. Der Mund schloß sich und öffnete sich wieder; ihr Gesichtsausdruck war gequält, und die Leidenslinien neben der Nase herunter vertieften sich. Die Hände griffen auf der Bettdecke umher, und ihr Atem ging schneller. Niemand zweifelte daran, daß der Todeskampf eingesetzt habe. Der Puls, der manchmal kaum mehr zu merken gewesen war, regte sich. Sie wendete den Kopf nach der einen Seite und dann nach der andern, als ob sie einem Schmerz ausweichen wollte. Dazwischen stockte dann plötzlich der Atem wieder, während sie gleichzeitig die Brust aufbäumte, als ob sie schreien wollte. Gegen drei Uhr begann sie leise zu wimmern, und einige Male gab sie halb gesprochene Laute von sich, als ob sie jemand um Erbarmen flehte. Dann ertönte plötzlich jener langgezogene, jammervolle Schrei, der die Männer bis ins Blut erbleichen machte und die alte Magd fassungslos vor ihrem Bett niederwarf. Auch die einsame Frau vernahm ihn in ihrem Zimmer zu ihrem namenlosen Grauen. Aber darauf geschah das Unerwartete. Plötzlich öffnete die Sterbende die Augen mit einem ganz vollen, bewußten Blick, mit dem sie nacheinander die Anwesenden ansah und schließlich nachdenkend und wie fragend an der Gestalt des Soldaten haftenblieb. Ihn schüttelte das Elend bis ins Mark, aber er hielt ihr stand, um sie nicht zu verwirren, so gefährlich er selber verwirrt war. Es konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, daß sie ihn erkannte, wenigstens gab sie's durch kein Zeichen kund, sondern mit diesem unverwandten, fragenden Blick sank sie nach einer Minute oder zweien in ihre Bewußtlosigkeit unter, ebenso unerwartet, wie sie daraus aufgetaucht war.

Bald setzte der Todeskampf frisch ein. Sie wimmerte noch viel, flehte um Gnade, schrie zu verschiedenen Malen, aber nicht mehr so laut und lange, wie das erstemal, bäumte sich und warf sich so heftig, daß sie gehalten werden mußte, aber gegen fünf Uhr ließ die Kraft und damit der Kampf nach, und um halb sechs stieß sie den letzten Schrei aus, kurz darauf auch den letzten Seufzer. Als die Frühglocke zu läuten begann, war alles geschehen.

Nachdem aber diese verklungen war und der Dechant dachte, man habe nun alles überstanden, warf Brigitt noch einmal einen Ast ins Feuer, daß es von neuem hoch aufflammte. Vom Schluchzen und Beten an Lindes Bett auftaumelnd, erblickte sie den bleichen Soldaten, den Mittelsmann des ganzen Unglücks, und ihr altes Herz stieg ihr mächtig an gegen ihn. »Und du?« schrie und weinte sie ihn an. »Wie ist dir jetzt mit deinem schwarzen Herzen? Hast jetzt die zweite Nacht in ihrem Zimmer verbracht! Die dritte wartet auf dich in der Ewigkeit!« Mit diesen Worten wankte sie hinaus, um ihr schweres heutiges Tagewerk zu beginnen.

Der Dechant, von dem Wort tief betroffen, wandte einen Blick auf den jungen Menschen, dessen Miene und Haltung es grenzenlos bestätigten. Sie drückten in aller männlichen Erschütterung noch viel mehr aus, Gefühle und Regungen, die ihm den Soldaten zum erstenmal wieder menschlich näherbrachten, aber inzwischen brach ihm vor dem Geheimnis dieser wunderbaren Verstorbenen auch die letzte Stützmauer seiner rechtgläubig-religiösen Welt ein. Denn indem er bedachte, wie selbstherrlich Linde durch die Sterbesakramente in den Tod gegangen war, mußte er entweder den Glauben an ihre göttlich geführte Menschlichkeit oder an sein so logisch aufgeführtes Gebäude der Gotteserkenntnis aufgeben. Augenblicklich stürzte und barst es in seiner Seele, ohne daß er in der Geschwindigkeit wußte, was da unterging. Noch eben hatte er mystisch gewaltige Spekulationen angestellt über das Wesen, das im Anfang war, und das bei Gott war, und über den Gott, der im Wesen, vom gläubigen Menschen gesprochen, ist oder nicht ist. Nun erkannte er, daß er in der Rechnung das Wesen des hoheitsvoll liebenden Menschen und seine Abgründe nicht eingestellt hatte, daß alles noch viel gewaltiger und mystischer und daß auch jene Erkenntnis weder das letzte Wort über Gottes Wesen ist noch genug Raum enthält, um die Wesenhaftigkeit der menschlichen Seele zu fassen.

Schluß

Heinz verbrachte seine Zeit im Pfarrhaus ernst und gesammelt bei ernsten und gesammelten Menschen, gepflegt von der alten Magd, die Wege außer dem Haus allein wandelnd, darunter mit Bitternis reich besetzt den zum Grab seiner ehemaligen Geliebten. Über allen männlich offenen und gefaßten Gesprächen mit dem Dechanten erschien das Hohelied Salomos wieder am Licht, heilten seine Verletzungen, reinigte sich seine Seele, und jetzt steht er aufs neue in Frankreich und ist ein Held wie vorher, wenn auch ohne Zielfernrohr.

Die Tante hat ihr weltläufiges Leben wieder aufgenommen, wenn auch zunächst in einem Sanatorium. Obwohl sie nach wie vor auf ihren Rationalismus stolz ist, so hat sie doch genug von andern Mächten erfahren, um ihre Wunden zeitlebens nicht zu vergessen; hier und da denkt sie auch an das, was dabei wohllautete und Lieblichkeiten zeigte, aber es sind nicht ihre besten Stunden.

Die Geschichte des Domes ist inzwischen doch geworden, und der Erzbischof hat nichts gegen sie einzuwenden. Wenn sie erscheinen wird, so wird sie kein kunsthistorisches Ereignis sein, sondern ein frommes, und ihren Verfasser hat sie nicht zum Mann einer Zunft gemacht, sondern zum Mann Gottes.

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