Part 7
Da verschwand Katharinas Mann. Nicht dieser, sondern Jürgen ist mit ihr verheiratet, empfängt die phantastisch wunderbar gekleideten chinesischen Würdenträger, von denen vor lauter tiefen Verbeugungen beständig nur die Rücken zu sehen sind. Der Saal hat keine Decke. Das Sternenfirmament blitzt über dem glänzenden Feste des deutschen Gesandten. Der Reichskanzler hat für außerordentliche diplomatische Dienste an Jürgen ein Danktelegramm geschickt. ‚Empfehlen Sie mich auch Ihrer Frau Gemahlin.‘
‚Katharina, der Kanzler läßt sich dir empfehlen.‘
‚Das alles habe ich nur dir zu verdanken, Jürgen.‘
Der Aufschrei einer Frau und das Schimpfen und heftige Läuten des Trambahnführers stießen ihn zurück in die Wirklichkeit. Er befand sich in einem ihm gänzlich fremden Stadtteil.
„Wenn diese schweinischen Träumereien jetzt nicht endlich aufhören, knalle ich mich nieder. Das ist ja Onanie“, schrie er plötzlich wutentstellten Gesichtes, in dem, ebenso plötzlich, grenzenlose Verwunderung sich auftat, als er bemerkte, daß er vor dem Hause stand, in welchem der Ingenieur wohnte.
Jetzt erst erinnerte Jürgen sich wieder, daß er Adolf nach der Adresse gefragt und auf dem Wege durch die Stadt zweimal Straßenschilder gesucht hatte, in diese Seitenstraßen eingebogen und einmal sogar ein Stück Weges wieder zurückgegangen war, ohne sich des Grundes bewußt geworden zu sein.
Außerdem ist Katharina ja von zuhause weggelaufen, wird sich also von dem Herrn Geheimrat nichts mehr dreinreden lassen, dachte er, schon wieder traumversunken, beim Hinaufsteigen, las auf einem weißen Kärtchen den handgeschriebenen Namen des Ingenieurs. ‚Was soll ich ihn denn fragen? Was soll ich sagen?‘
Da hatte er schon geläutet. Die schweigsame Wirtin, deren Unterlippe mürrisch auf das Kinn herabhing, führte ihn in das große, helle Zimmer. Der Ingenieur saß am Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. „Setze dich.“
Jürgen setzte sich. Betrachtete die hellgelben, leeren Wände.
„In den Sessel!“
Er stand auf und setzte sich in den modernen, bequemen Ledersessel, vor das vollgestopfte Bücherregal, neben dem mehrere Stöße fremdsprachiger Zeitungen auf dem glänzenden Parkettboden standen. ‚Was soll ich sagen? Verflucht, das ist ja wie in der Schule ... Was will ich überhaupt?‘
Lange und nachdenklich sah er den schreibgekrümmten Rücken an. ‚Wenn ich das wüßte, würde ich nicht hier sein.‘
„Genossin, dein Artikel war in einem wichtigen Punkte schlecht. Du solltest den betreffenden Abschnitt noch einmal bei Marx nachlesen. ‚Die Klassenkämpfe in Frankreich‘. Auch bei Engels ‚Ursprung der Familie‘ gibt es darüber eine sehr aufschlußreiche Stelle.“
Jürgen nahm sich vor, diese zwei Bücher gleich zu kaufen. ‚Aber so geht das ja nicht weiter. Schließlich verrät er mir noch Geheimnisse.‘
„Bei Marx nämlich ist die Problemstellung folgendermaßen“, sagte der Ingenieur und wandte sich um. „Entschuldigen Sie! Ich erwartete jemand.“ Er hatte unveränderlich junge Augen in einem männlich fertigen Gesicht, das als Abschluß einen kleinen Spitzbart braucht, der auch vorhanden war.
Jürgen stand auf. Da klingelte das Telephon. Während der Ingenieur horchte und sprach und horchte, verwarf Jürgen zehn verschiedene Gesprächsanfänge. Wünschte sich fort. Vernahm, wie der Ingenieur das Höhrrohr wieder auflegte. „Also, was wollen Sie?“
„Fragen, was ich mit meinem Leben anfangen soll ... Ich bin doch nun einmal da“, antwortete er in einem Tone, als ob er gestanden hätte: Ich habe das Verbrechen begangen, nun machen Sie mit mir, was Sie wollen.
Bleich und rot in einem vor Ärger über seine Verlegenheit, blickte er den Ingenieur wütend an.
„Ja. Aber du solltest mich doch nicht wegen jeder Kleinigkeit anrufen, Genosse“, sagte der Ingenieur, der schon wieder verlangt worden war, in den Apparat hinein.
‚Ich frage ihn, ob ich Philosophie oder meinethalben Astronomie studieren soll, und geh meiner Wege. Denn zu erklären, um was es sich eigentlich handelt – diese ganze Qual –, ist einfach unmöglich.‘
„Und außerdem wurde eben mitgeteilt“, meldete der Hilfsredakteur, der im fünften Stocke des Druckereigebäudes in dem winzigen Redaktionszimmerchen saß, ein Stück Brot in der Linken, das Höhrrohr in der Rechten, „daß die Regierung beschlossen habe, dem Auslieferungsverlangen der spanischen Regierung nachzukommen.“
„Das wäre der erste Fall dieser Art“, entgegnete ungläubig der Ingenieur. „Der Mann hat aus ganz offensichtlich politischen Motiven den Polizeipräsidenten erschossen.“
Ich kann ihn doch nicht fragen: Was soll ich tun, um die Welt zu erlösen? dachte Jürgen.
„Und politische Verbrecher werden bekanntlich nicht ausgeliefert.“
Der Hilfsredakteur legte das Brot weg, ergriff ein Papier. „Es ist eine amtliche Depesche, in der das Attentat als gemeines Verbrechen dargestellt wird. Übermorgen wird er von hier abtransportiert zur Grenze.“
‚Aber so ersticke ich eines Tages noch in diesem zähen Sumpf, wenn nicht etwas geschieht.‘
„Ich werde noch vor Mitternacht eine Notiz über den Fall in die Redaktion schicken für die morgige Nummer.“
Der ist mitten drin in der Umsturzbewegung, dachte, plötzlich entflammt, Jürgen und sah leuchtenden Blickes den Ingenieur an. „Vielleicht können Sie mir doch raten, was ich beginnen soll“, sagte er, als ob er das, was er nur gedacht hatte, ausgesprochen hätte. „Einen Weg zeigen! Ich tue alles. Ich bin nicht feige!“
Der durch viele Publikationen im ganzen Lande bekanntgewordene sozialistische Agitator, vor dem schon öfters idealistisch gesinnte junge Menschen gesessen hatten, im Blick die Frage, was sie mit ihrem Idealismus anfangen sollten, fragte mit mehr Interesse im Ton, als er hatte: „Haben Sie schon Arbeiterversammlungen besucht?“ und lehnte seine Taschenuhr gegen das Tintenfaß.
„Ich nicht. Aber mein Bekannter! ... Er hatte eine Siedlung gegründet. Jetzt ist er Mitglied der sozialistischen Partei, und da wird er wohl ...“ sagte Jürgen und errötete tief, als er sah, daß der Agitator ein Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte.
„Die Siedlung war vollkommen kommunistisch ... Auch diese Siedler konnten es einfach nicht ertragen, das Leben, so wie es ist ... Alles zusammen, das Ganze! ist ja eine einzige ungeheuerliche Niederträchtigkeit.“
„Wenn Sie sich dessen nur auch späterhin bewußt bleiben! Dann ist es ganz gleich, welchen Beruf Sie wählen. Wichtig ist dieses Bewußtsein. Möchten Sie das nie vergessen.“
„Das Bewußtsein?“
„Der Mensch kann auch sein Bewußtsein, nämlich das, was er in der Jugend, als noch Protestierender, schon erkannt und sogar tief empfunden und erlitten hatte, mit den Jahren vergessen.“
Jürgen lauschte hinein in sein dunkles Gefühls-Ich. „Er kann, ich verstehe Sie schon, in eine gefährliche Schicksalspause hineinschlingern, ja? und in dieser Schicksalspause den Kampf aufgeben: alles verraten, was er erstrebt hatte.“
Der Agitator steckte die Uhr ein. „Höchste Zeit! Sie kommt nicht mehr. Wahrscheinlich ist sie von der Redaktion aus direkt ins ‚Paradies‘ gefahren ... Ungefähr das meine ich. Schicksalspause ... Wie die das Mädchen ausnützen! Muß die Artikel schreiben und die Zeitung dann auch noch verkaufen.“
„Dann kommt das Geldzusammenscharren. Und wenn dann einer eine Zeitlang tüchtig, das heißt: brutal genug und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, ist er – husch, die Lerche! wie mein Schulfreund sagt – auf Kosten unterdrückter Elendsmenschen ein geachteter Mann.“
„Aus solchen geachteten Männern besteht die herrschende Klasse.“
„Ich habe nämlich erfahren, weshalb Ihnen gekündigt wurde. Sie sind Sozialist?“ Und ob er ihn noch ein Stück begleiten dürfe, fragte Jürgen auf der Straße. „Sie glauben also, daß im Sozialismus alles von Grund auf besser werden würde?“
Der Agitator sprang auf die anfahrende Straßenbahn. „Ich glaube, daß jede Zeitepoche in sich ihre durch den Stand der Produktionskräfte bedingte Aufgabe trägt, die zu erfüllen der zeitbedingte Inhalt des Idealismus aller Kampf- und Opferbereiten ist, und daß die Aufgabe unseres Jahrhunderts in der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln besteht, in der Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum, in der Verwirklichung des Sozialismus auf dem Wege des Klassenkampfes ... Und was die idealistisch gesinnte bürgerliche Jugend unseres Jahrhunderts anlangt, glaube ich, daß sie den wahren, weil zeitbedingten, Inhalt ihres Idealismus eben auch nur in dem Kampfe um die Verwirklichung des Sozialismus, Seite an Seite mit der Arbeiterklasse, finden kann ... Das gilt auch für Sie persönlich. Alle anderen Befreiungs- und Erlösungsideen sind Nebel und Wolken in verschiedener Beleuchtung und werden von der bürgerlichen Front glatt verdaut, ja, von ihr selbst gestartet und als Fangangeln ausgelegt.“
Erst in dieser Sekunde, da er das echte Interesse des Agitators fühlte, erkannte Jürgen, daß es anfangs nicht ganz echt gewesen war. Das erstemal in meinem Leben, dachte er, gibt ein ernstzunehmender Mensch mir einen ernstgemeinten Rat, und ich weiß mit diesem Rate nichts anzufangen. Verstehe ihn gar nicht. Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum? Er hätte ebensogut sagen können: Der Inhalt des Idealismus eines jungen Menschen unserer Zeit kann nur darin bestehen, daß er lernt, ohne Führer den Montblanc zu besteigen oder das Vaterunser von rückwärts zu beten. Jürgen war ernüchtert.
„Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die idealistisch gesinnte bürgerliche Jugend steht und kämpft gegen die Arbeiterklasse, gegen die Verwirklichung des Sozialismus, und damit gegen den nächsten großen Schritt zur Befreiung der Menschheit, gegen des Menschen nächsten Schritt zu sich selbst. Diese Jugend erkennt ihre Aufgabe nicht und gerät deshalb in die tollsten Verirrungen.“
So allmählich, wie die Trambahn den Prachtstraßen, dem Prunkviertel entrückt und in die Elendszeilen der verluderten, nackten Mietskasernen vorgerückt war, hatten die gutgekleideten Fahrgäste für schlechtgekleidete den Wagen geräumt, der nun, überfüllt mit Arbeitern und Fabrikmädchen, seine schmutzige Ladung weiterschleppte durch das Viertel, wo die Not stand in ihrer ganzen Größe. Hier rollten keine Gummiequipagen, keine Autos mehr. Der Parfümduft gepflegter Damen war niedergeschlagen und aufgefressen worden von dem dicken Schweißgestank der Armut. In dem Wagen, wo noch kurz vorher weiße und frische Gesichter mondgleich geschienen hatten, hingen jetzt graue Antlitze im Dunst, hautüberzogene Schädel mit tief in die Höhlen versunkenen Augen, die blickten.
Zwei Menschheiten: eine Menschheit war ausgestiegen; die andere Menschheit war eingestiegen.
Ein winziger, ganz weißer Schoßhund, von einer vergeßlichen Dame im Wagen zurückgelassen, bekam irrblickende Augen und bellte die fremde, die andere Menschheit an.
Jürgen betrachtete zwei Männerhände, und als er das dazugehörige Gesicht suchte, sah er, daß diese rissigen, hornhäutigen, übergroßen Männerfäuste einem jungen Arbeitermädchen angehörten. Neben ihr wackelte der Oberkörper eines bärtigen alten Briefträgers, in dessen zerklüftetes Wachsgesicht das Ersteigen von millionenmal vier Stockwerken eingezeichnet war, steif und haltlos hin und her.
„Nun sind wir direkt und mitten in das soziale Problem hineingefahren. Mit der Elektrischen! ... Nur dies allein (auch das gilt für Sie persönlich), nur den Übertritt zur Arbeiterklasse, nur diesen letzten Schritt verzeiht der Bürger uns Bürgersöhnen nicht. Denn er weiß, daß wir erst dann gefährlich werden können ... Geist, christliche Menschenliebe, Helfenwollen, Ändernwollen, erlaubt der Bürger noch. Da lächelt er noch. Ja, alles das nimmt er sogar für sich selbst in Anspruch. Denn er ist sozusagen für den Fortschritt. Aber nur ja nicht das! Nur ja nicht tatsächlich ändern! Da wird er wild. Da demaskiert er sich. Da läßt er verfolgen, einsperren und, unter Umständen, erschießen und erschlagen.“
Die drei aneinandergekoppelten Wagen, vollgestopft mit Arbeitern, die bis auf die Trittbretter herausquollen, überholten lose zusammenhängende Arbeitertrupps, die sichtbar alle dem selben Ziele zustrebten. Immer wieder hörte Jürgen den Schrei: „Zum Paradies!“ Der Schaffner kassierte.
Der Agitator, der schweigend vor sich hingeblickt hatte, machte eine Bewegung, als schüttle er etwas von sich ab. „Es ist nichts zu machen.“ Und da Jürgen fragte, teilte er ihm den Inhalt der Depesche mit.
„Und was geschieht dann mit dem Attentäter?“
„Er wird hingerichtet.“
„So ... Wird hingerichtet.“
Vorüber an einer geschlossen und zielhaft marschierenden Gruppe Schutzleute. Krachend vorbei an einem Kanalloch, um das herum Proletarierkinder Ringelreigen tanzten.
Fabrikmädchen, die halb geschlafen hatten, erwachten im Ruck: Alle Fahrgäste und die grau herbeiströmenden Arbeitermassen drängten hinein in das ‚Paradies‘, das schon überfüllt war.
Galerien und Balkone, von denen die Menschenleiber, übereinandergetürmt, gleich Gewächsen aufstiegen, stürzten nicht hernieder. An den Tischen: Oberkörper neben Oberkörper, überragt von denen, die, dicke Menschenschnüre bildend, dichtgedrängt in den Zwischengängen standen. Gebärden der Erregung durchschnitten Stimmengeschwirr und Rauch, hinter dem die Wandmalereien verschwammen: paradiesische Wesen, die alles im Überflusse hatten.
Plötzlich hörte und sah Jürgen, der eine Sekunde die Augen geschlossen hatte, gewaltige, kilometerbreite, gischtige Wassermassen aus blauer Höhe herabklatschen: sah zehntausend klatschende Menschenhände und in weiter Ferne, auf dem Podium, einen Mann.
Da schwoll sein Herz, und das nie empfundene Gefühl rückhaltloser Hingabe erfüllte ihn ganz. Sympathie für den Mann, der das Vertrauen dieser fünftausend Hoffenden besaß. Hingabe an diese fünftausend Vertrauenden. Stürmischen Herzens streckte er die Hand dem jungen Zeitungsverkäufer hin, der rief: „Die Befreiung! Die Befreiung!“
Arbeitsschwarze Hände griffen nach den Blättern, die er über den Kopf hochhalten mußte. Ein Zögernder fragte: „Was kostet die Befreiung?“
„Genossinnen! Genossen! Euer gemeinsamer Kampf, der Klassenkampf, die Gemeinsamkeit all derer, die durch ihr Klassenschicksal die gegebenen und unbedingten Feinde des Kapitalismus sind, dieses Gemeinsame, Euer Klassenbewußtsein, ist der unerschöpfliche Quell Eurer Kraft: Kraftquell für jeden und für das Vertrauen jedes einzelnen auf seine Kraft“, erklang fernher die Stimme des Redners.
Und Jürgen fragte: ‚Ist das so? ... Ich werde dahinter kommen, ob und weshalb das so ist.‘ Ihm entgegen drängte noch einmal der junge Zeitungsverkäufer, auf dem Arme den Stoß, der bis zu seinem Ohre reichte. „Du hast nicht bezahlt.“ Und da Jürgen, verwirrt, ihm in das Antlitz sah: „Zwanzig! ... Umsonst gibts nichts.“
„Zwanzig?“ Der Zögernde blickte wieder den schweißtriefenden Kellner an und überlegte, ob er ‚Die Befreiung‘ oder ein Glas Bier kaufen solle, als wäre beides zusammen unmöglich.
Da erkannte Jürgen an einer Kopfbewegung des Redners den Agitator, der von Monopolisierung, Akkumulation und Mehrwert sprach, worunter Jürgen sich nichts vorstellen konnte.
„Dazu noch das arbeitslose Einkommen, geschluckt von Aktienbesitzern, die in gar keiner Weise arbeiten in dem Betriebe, von dem sie die Dividenden beziehen. Ich lasse mein Kapital arbeiten, sagt der Aktienbesitzer, der auf dem Kanapee liegt, die Kurse studiert, wie die Spinne im Netz in der Börse lauert, erstklassig durch das Leben glitscht, aber den Rasen nicht betritt, kein Holz im Walde stiehlt, sondern für Recht und Ordnung ist.“
Die fünftausend saßen reglos, horchten und blickten, als hielten sie mit ihren Händen den Erdball.
„In den Betrieben schuften Männer und Frauen jahraus, jahrein, von früh bis abends an den Maschinen, machen vom vierzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahre immer die selben Handgriffe, aus denen Zahnbürsten, Lokomotiven, Stecknadeln, Überseedampfer, Schreibmaschinen, Schuhe, Leintücher entstehen; in behaglichen oder eleganten, geschmackvollen oder geschmacklosen Wohnungen sitzen Herren und Damen, deren Lebensarbeit darin besteht, das Dasein zu genießen, ins Theater zu fahren, über Kunst und Literatur dumm oder klug zu reden, Kulturträger zu sein, ihr Dienstpersonal zu schikanieren und ihre Kinder falsch zu erziehen und reich zu verheiraten, Leute, die einen Betrieb nie betreten haben, es seien denn Modegeschäfte und Sekt-, Tanz-, Bordell- oder sonstige Nachtbetriebe gewesen, gepflegte Zeitgenossen, die keinen Dunst davon haben, wie Zahnbürsten fabriziert werden, oder wie ein Webstuhl aussieht, und beziehen Dividenden von einer Bürstenfabrik oder einer Leinenweberei, während die Kinder der Bürstenmacher nicht einmal wissen, daß die Benutzung einer Zahnbürste zur Erhaltung der Zähne beiträgt, und die Leinenweber für ihre armseligen, stinkenden Betten keine Leintücher kaufen können.“
Auch meine Tante besitzt eine Schatulle, gefüllt mit Aktien, sie, die in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht hat, als diese qualvollen Häkeldeckchen, dachte Jürgen.
„So kommt es, daß euch, wenn ihr an einem Werktag, während der Arbeitszeit – um elf Uhr früh, um vier Uhr nachmittags – durch die Geschäftsstraßen einer Großstadt geht, die vor Arbeit brüllt und dampft, Tausende und Tausende und Tausende hübsch und elegant gekleideter, gepflegter Mädchen, Frauen und junger Männer begegnen. Das sind die Töchter – höhere Töchter –, die Gattinnen, die Söhnchen. Sie arbeiten nicht; aber sie essen dennoch, und nicht Kutteln mit Sauce. Kaufen ein, geben viel Geld aus, damit die Arbeiter ihr Brot verdienen können, versteht ihr, wohnen bequem und hygienisch, hören Konzerte, können ausgezeichnet tanzen und zur Not Gesetzesparagraphen auswendig lernen, die gegen Arbeiter anzuwenden den künftigen Staatsanwälten und Richtern dann nicht schwer fällt. Sie sind die Angehörigen ihrer Aktien besitzenden Gatten und Väter, leben von dem Mehrwert, der den Werktätigen abgepreßt wird, und haben, im allerbesten Falle, ein mitleidiges, staunendes Lächeln für demonstrierende Arbeiter, von deren Schweiß und Not und Tod sie leben.“
Aber nicht den schwächsten Reflex des Bewußtseins, daß sie von dem Schweiße dieser Arbeiter leben, dachte Jürgen. Das weiß ich bestimmt. Sind weltenweit entfernt von diesem Bewußtsein.
„Und die Kirche liefert die entsprechende Religion: Du sollst nicht. Du sollst, sollst nicht, sollst! Kürzer: Das Eigentum ist heilig.“
„Im Diesseits“, sagte heiter lächelnd ein neben Jürgen stehender Arbeiter. „Im Jenseits gibts nämlich keine Rittergüter, Bergwerke, Webereien und Möbelfabriken.“
Wer da war in diesem Saale, plötzlich fühlte Jürgen sich mit jedem einzelnen und mit allen zugleich wie durch ein unbegreifliches Wunder verbunden. Der Haß dieser fünftausend war sein Haß, ihre Hoffnung, ihr Ziel waren seine Hoffnung, sein Ziel. Und da geschah es, daß seine lebenslange Unsicherheit und Hilflosigkeit der Umwelt gegenüber urplötzlich verschwanden und das kraftspendende Gemeinschaftsempfinden so mächtig in ihm entstand, daß er an sich halten mußte, nicht loszubrüllen vor innerem Jubel.
‚Da wurde ich vierundzwanzig Jahre alt und ahnte nicht, was Selbstbewußtsein ist. Fühlte es nicht! Fühlte es nicht, wegen meiner unfruchtbaren Einsamkeit, angesichts dieses verruchten Geschehens, dem gegenüber der einzelne sich nimmermehr zurechtfinden kann oder, findet er sich zurecht, verloren ist. So oder so! Denn das Zurechtfinden innerhalb dieses Ganzen bedeutet, wie immer es geschieht, menschlich den Untergang ... Jetzt geht der Kampf an. Kampf bis zum Tode!‘
„Der Klassenkampf! Neueste Nummer! Der Klassenkampf! Die Befreiung! Neueste Nummer: Der Klassenkampf!“
Das Herz schlug nicht mehr. In den Fingerspitzen fühlte er den letzten Schlag, anstürmend, als wolle das Blut herausspringen. So starrte er das verschwitzte, kompakte Antlitz an, den gebogenen Nacken, den kleinen, festen Mund, der rief: „Die Befreiung! Der Klassenkampf!“
Da war Katharina schon wieder verschwunden im überfüllten Zwischengang. Er sah nur noch den über ihrem Kopfe schwebenden ‚Klassenkampf‘. Und noch in diesem selben Augenblick zog ein endlos langer Zug arbeitsunfähig gewordener alter Männer und Frauen grau und düster durch Jürgens Sehnsucht, gleichberechtigt neben Katharina zu stehen.
Sekunden später war das Arbeiterversorgungsheim gegründet. Alles funktionierte tadellos. Alle Zeitungen schrieben darüber. Jürgen empfängt eine Deputation des Berliner Magistrats. Die Herren tragen die Zylinder in der Hand. Vier Herren. Der schmalste, feinste hat einen Scheitel, von der Stirn bis zum Nacken, und führt das Wort.
Gewiß, Jürgen sei bereit, auch in Berlin so ein Versorgungsheim zu organisieren. Warum nicht! Natürlich müsse er erst die besonderen Verhältnisse an Ort und Stelle studieren. ‚Die Konstellation gewissermaßen, Sie verstehen! Außerdem haben andere Stadtverwaltungen sich schon früher bei mir gemeldet, müssen Sie wissen. Und wer zuerst kommt – nicht wahr ...‘
Vier Verbeugungen, die vor Befangenheit und Freude darüber, daß Jürgen den Herren die Ehre zuteil werden läßt, einen Witz zu machen, schief ausfallen. Sogar die Münder lächeln schief. Und der schmale, feine Wortführer sagt: ‚Natürlich, hahaha! gewiß, der mahlt zuerst!‘
‚Und jetzt, meine Herren ...‘ Die vier ziehen sich sofort zurück. Auch die Tante, die respektvoll dabeigestanden war, verläßt leise das Zimmer, den mit Arbeit Überlasteten nicht länger zu stören. Katharina, am Schreibtisch lehnend, sieht Jürgen bewundernd an.
Tausendfaches Händeklatschen. Alle schoben sich der Ausgangstür zu. Jürgen erreichte, halb getragen, die Straße, schwitzend und begeistert. Stand vor der Wirklichkeit, die vier Schutzleute vor das ‚Paradies‘ gestellt hatte, stumm und blickend. Die Proletarierkinder tanzten noch immer Ringelreigen, herum um das dampfende Kanalloch.
Senkrecht sauste Jürgen aus seiner Kirchturmhöhe herab auf das reale Pflaster, empfangen von Ekel und Selbsthaß, weil er wieder geträumt und sich wieder hatte achten und bewundern lassen. Mit einem innerlichen, einem wilden Sprunge langte er wieder an bei sich selbst. ‚Ich werde dir das abgewöhnen. Werde dir das abgewöhnen!‘
Die Masse spülte ihn weiter. Jürgen entfaltete den ‚Klassenkampf‘.
Arbeiter, die den Lesenden überholten, wandten sich um nach ihm. Einige legten, wenn er aufsah, den Finger an die Mütze.
Offenbar ein zäher, langwieriger, trockener Kampf; aber das Ziel, das Ziel – es ist unerhört ... Ob ich herausfinden werde, was schlecht ist an ihrem Artikel? dachte Jürgen und las Katharinas Artikel noch einmal von Anfang an.
Plötzlich vernahm er, stehend im Straßenlärm, deutlich das Summen einer großen Fliege, blickte erstaunt auf und bemerkte, daß er vor dem ‚Platzwirt‘ stand, einer Zuhälter- und Verbrecherkneipe, vor der er, sooft er vorbeigegangen war, immer tiefes Grauen empfunden, und die zu betreten er nie gewagt hatte.
Als er die Tür öffnete, hatte er zuerst die Empfindung, in einen riesigen Fabriksaal geraten zu sein, so ungeheuer war der Lärm. Auch die Töne des alten Klaviers konnten nur vereinzelt durchdringen.
An den vor Alter bucklig gewordenen Wänden hing gar nichts. Vom Schanktisch bei der Tür liefen fünf lange Reihen zwischenraumlos nebeneinander stehender Tische nach rückwärts und verschwanden im Qualm. Kein einziger Stuhl. Zehn Bankreihen: dicht besetzt von Straßenmädchen, Zuhältern, verunglückten oder zu alt gewordenen Artisten und Arbeitern, obdachlosen früheren Angehörigen der bürgerlichen Klasse verschiedenster Berufe, durch den Konkurrenzkampf heraus- und, ohne Station zu machen bei der Arbeiterklasse, gleich hinuntergeschleudert ins Lumpenproletariat, und zum größten Teile Existenzen, die infolge langer Arbeitslosigkeit rettungslos in Verbrechen versunken und ertrunken waren.
Ohne Gesprächsunterbrechung wurde für Jürgen mit selbstverständlicher Bereitwilligkeit Platz gemacht, noch enger zusammengerückt. Nur ein kurzer Blick, prüfend, ob Jürgen ein Spitzel sei.
Schon stand das Bier vor ihm. Und die Hand des Kellners verlangte das Geld.