Part 6
Und plötzlich entsann er sich des Abends, da er, geladen bei einer der vornehmsten Familien des Landes, solchen Frauen begegnet und Zeuge geworden war von Gesprächen zwischen Großbankiers, die über Weltpolitik, Eisenbahnbauten und den wahrscheinlichen Zeitpunkt eines neuen Krieges in leichtem Plaudertone gesprochen, und zwischen berühmten Schriftstellern, die über die Schönheit eines Goethezitates und sogar über den Satzbau des Zitates länger als eine Stunde äußerst beziehungsreich und sehr klug und geistvoll diskutiert hatten. Das ist Macht, das ist Kultur, hatte er damals gedacht.
‚Aber kann denn durch diese Macht und durch diesen Geist das Meer von Tränen, kann denn dadurch das würgende, würgende Menschenleid beseitigt werden? Ich glaube es nicht. Was aber soll man tun?‘ Bedrückten Herzens schloß er die rückwärtige Gartentür auf, an die er das Schild angebracht hatte: ‚Hier wird Armen gegeben‘.
Seine Fragen an das Leben fanden keine Antworten; nur die allzu glatten der Schulkameraden und der Tante. Oft – wenn er sah, wie die früheren Mitschüler jenseits aller Zweifel lebten – hatte der Vereinsamte, wie einmal in der Schule, den Wunsch gehabt, auch so zu werden, wie die andern waren, das Fragen und das Suchen aufzugeben und sich der Tantenauffassung anzuschließen. Diese Stunden nannte Jürgen Schicksalspausen.
Er saß am Fenster, hatte noch Kopfschmerzen von dem Wein, sah die Animierkneipe. Schweinerei! dachte er, betrachtete mit inbrünstigem Hasse der Tante Lebensarbeit: die unverwüstlichen gehäkelten Deckchen, die alle Möbelstücke drückten. Der Perpendikel tickte ruhevoll das Wort ‚rich–tig, rich–tig‘.
‚In diesem Zimmer „Schweinerei“ zu sagen, ist unmöglich. Da hört die Uhr auf zu ticken, die Deckchen gleiten von Sesseln, Tisch, Kommode, und die Heiligenbilder fallen von den Wänden.‘
Eine lange halbe Stunde wurde kein Wort gesprochen. Die Tante häkelte. Die Älteste zeigt die Photographien.
„Schweinerei!“ brüllte Jürgen, erwartete die Zimmerrevolution, sah die böse herausgedrückten Augen der Tante. Die Szene von früher wiederholte sich:
„Was hast du gesagt?“
„Ich habs doch nur gedacht.“
„Du lügst mir wieder ins Gesicht hinein?“
„Wenn doch diese verdammte Uhr endlich aufhören würde zu ticken!“
Sie machte eine barsch abschließende Handbewegung und stellte die Häkelnadel senkrecht gegen ihn: „Wenn du erst in Amt und Würden sein wirst ...“
Sein ganzer Körper wurde gemauerter Widerstand. „Niemals! Ich studiere Philosophie.“
Zuerst legte sie die Häkelarbeit weg, griff nach der Stickerei und stach langsam die Nadel von unten in den Stickrahmen, zog sie senkrecht hoch. „Du weißt, dein Vater will ...“
„Er ist ja tot. Tot!“
„... daß du Amtsrichter wirst.“
Sein Gesicht verzog sich zu einer Lachfratze. Und in die Pause hinein gestand er: „Ich studiere seit einem Jahre, studierte von Anfang an Philosophie. Überhaupt nie eine andere Vorlesung gehört!“
Da saß sie aufrecht, faltete übertrieben ruhig die Hände im Schoß: „In diesem Falle würdest du nicht einen Pfennig mehr von mir bekommen. Von was also wolltest du leben? ... Philosophie? Was willst du denn werden?“
Er sah das Schäfchen auf dem Heiligenbilde an. „Werden?“ Die Uhr tickte: ‚rich–tig, rich–tig‘.
„Nun, was also? Alle deine Schulkameraden wissen längst, was sie werden wollen.“
Plötzlich schlug seine Ratlosigkeit in Wut um. Er brach in die Knie, preßte beide Fäuste an den Hinterkopf und brüllte wild: „Nichts weiß ich! Landstreicher werde ich. Ich gehe auf die Landstraße. Ein Gauner werde ich, wenn du mich noch länger quälst.“
Der Kniende stierte auf die Krüppelfamilie, die grau, elend, schemenhaft vor der Dunkelheit stand. Auch den skrofulösen Säugling auf der Mutter Arm sah Jürgen. Kniend rutschte er auf die imaginäre Gruppe zu und zur Tür hinaus.
Erst oben in seinem Zimmer kam die Wut voll zum Ausbruch. Zuletzt riß er die Waschschüssel mit beiden Händen in die Höhe und schmetterte sie auf den Fußboden. Die Stirn blutete. Das Zimmer war verwüstet.
Allmählich wurde der vom Weinen Gestoßene still. Er saß, Arme verschränkt, Kopf darauf, am Tisch. Tränen und Speichel vermischten sich auf der Tischplatte. So blieb er hocken.
Plötzlich deutete er durch den Fußboden auf das Heiligenbild im Wohnzimmer und verlangte ausdrücklich: „Das Lämmchen muß dem Heiligenbild weggenommen und der Krüppelfamilie vor die Füße gesetzt werden.“
‚Der arme Jürgen! Sie haben ihn so lange gequält, bis er irrsinnig wurde‘, ließ er Katharina Lenz sagen, ahmte eine Kinderstimme nach, schmollte trotzig und weinerlich: „Man muß das Lämmchen zur Krüppelfamilie tun.“
‚Wie man ihn gequält hat! Jetzt ist der Arme irrsinnig‘, klagte Katharina.
Und er schauspielerte: „Das Lämmchen gehört zu der Krüppelfamilie ... Bäh, bäh, bäh!“ Müdigkeit drückte des Erschöpften Wange auf die Tischplatte. Noch einmal hob er das von Tränen und Blut verschmierte Gesicht, rief trotzig und blöd: „Bäh!“ und schlief ein.
Da erschien, grün und aufgetrieben wie ein Ertrunkener, der Vater hinter dem Stuhle, tippte Jürgen auf die Schulter und sagte leise und lächelnden, weitgeöffneten Mundes, so daß alle Zähne bleckten: „Na, du schmähliches Etwas.“ Dabei drehte der Vater des Jahrmarktes riesige, vieltausendstimmige Drehorgel, deren Töne fernher drangen durch den warmen Herbstabend.
Der Kontakt im Tunnel der Berg- und Talbahn funktionierte schon. Die Bude links neben dem Zaubertheater war mit Hilfe von Ölfarbe in einen alten Stall umgewandelt, aus dessen Luke Heu hervorquoll. Der Kopf des mit kosmetischen Mitteln hergerichteten ‚Pferdegesichtes‘ sah sehr abnorm aus.
Das Herz brüllte in das Riesenhorn, das Seidel hatte machen lassen: „Hier ist zu sehen der Mensch mit dem Pferdekopf! Die größte Abnormität der Welt! Er frißt Heu wie Brot! Hafer ist ihm das liebste! ... Man höre ihn wiehern.“
Blies mächtig ins Horn, starrte, Hand am Ohr, ins Publikum: Aus der Bude erklang das brünstige Wiehern des Pferdegesichtes.
Auch Jürgen, der außerhalb der Stadt auf der bewaldeten Höhe stundenlang am selben Flecke reglos gelegen war und sich nach dreißig Schritten, gepeinigt von Unruhe und Ratlosigkeit, wieder in das Moos hatte fallen lassen, den Blick fernaus gerichtet, dem Flußlauf nach, in das weite Land, dem Meere zu, ganz und gar erfüllt von dem Wunsche, aller Last zu entlaufen, hinaus in ein Leben der Ungebundenheit, wurde auf dem Heimwege angezogen von den Drehorgelmelodien, die, wie in der Knabenzeit, in ihm das Gefühl wieder erwachen ließen, daß hier die Freiheit sei.
Das ist das selbe Gefühl, das den sechsjährigen Sohn des Geheimrates sagen läßt: ‚Ich will Droschkenkutscher werden‘, dachte er und betrachtete den Stall. Rechts stand: Eingang; links: Ausgang. In der Mitte saß Leo Seidel vor der grünen Drahtgitterkasse.
Ihn jedoch hat nicht dieses Gefühl vor die Schaubude gesetzt, dachte Jürgen, wollte schon durch die Menge durch, die drei Stufen hinauf, Seidel zu begrüßen, erinnerte sich in dieser Sekunde der Weltgeschichte und seines letzten Gespräches mit Seidel und verließ den Jahrmarkt.
Seidel hatte Jürgen nicht bemerkt; er war sehr beschäftigt. Wenn die Leute sahen, wie das aus der Luke heraushängende Heu sich bewegte, siegte bei vielen die Neugierde, einen Menschen mit einem Pferdegesicht beim Heufressen zu beobachten, so daß die Bude immer guten Zulauf hatte.
In der Hand die Rechnungen für Ölfarbanstrich, innere Ausstattung, Riesenhorn und Stallmeisterlivree, die Das Herz trug, und im Kopfe die Idee, daß nur derjenige zu Geld kommen könne, der andere für sich arbeiten lasse, stellte der kapitalkräftige Seidel Herz und Pferdegesicht am Wochenschlusse vor die Wahl, entweder Mitinhaber zu bleiben und während der ganzen Messedauer auf jeglichen Verdienst zu verzichten – denn diese Rechnungen müßten erst gewissenhaft bezahlt werden –, oder alle Mitinhaberrechte abzutreten und sofort Angestelltengehalt zu beziehen.
Das Herz schrie: „Der Gewerbeschein war mein einziges Erbe.“ Das Pferdegesicht erklärte, nicht jeder könne seine Visage als Pferdekopf für Geld ausstellen, und jeden Tag bis Mitternacht Heu zu fressen, sei auch keine Kleinigkeit. Die grüne Drahtgitterkasse, in der die Wocheneinnahme lag, klappte zu.
Da wählten die beiden das Geld in die Hand. Seidel war Alleininhaber.
Während er einlud und kassierte, grübelte er unausgesetzt darüber nach, wo er eine breitere Basis für seinen spekulativen Geist finden könnte.
Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem mächtigen Backsteinbau zurück: dem Zirkus, der den ganzen Winter über in der Stadt blieb und während der vier Wochen langen Jahresmesse schlechte Einnahmen hatte.
Seidel benutzte die losen Beziehungen, die zwischen einigen Budenbesitzern und dem Zirkusunternehmer bestanden, und schlug diesem vor, Familienbilletts zu ermäßigten Preisen zu verkaufen, solange die Jahresmesse in der Stadt sei. Auch solle er an Stelle der herkömmlichen und deshalb nicht mehr wirksamen Zirkusplakate ein von einem guten Künstler zu entwerfendes modernes Plakat kleben lassen.
Von einem modernen Plakat wollte der Mann nichts wissen. Die Billettidee hatte er selbst gehabt und war schon dabei, sie auszuführen. Aber es gelang Seidel, einige für seine Zukunft wichtige Bekanntschaften mit Zirkuskünstlern zu machen.
Bald darauf behauptete Adolf Sinsheimer, er habe Leo Seidel, im Pelz, den Zylinder auf dem Kopfe, im Vorraume des Berliner Wintergartens gesehen, in Gesellschaft von eleganten Damen und Varietékünstlern.
Und so konnten einige Jahre später seine früheren Kollegen vom Stadtmagistrat und die Schulkameraden, von denen die meisten zu dieser Zeit schon jung verheiratete Männer waren, nicht allzu sehr darüber verwundert sein, daß eines Tages Leo Seidel, der nicht lange Impresario geblieben war, als kaufmännischer Direktor des riesigen Wanderzirkus in die Heimatstadt zurückkehrte, im ersten Hotel abstieg und im eigenen Wagen fuhr.
Zu jener Zeit war Herr Hohmeier eben bis zum breiteren Löschblattbügel vorgerückt und wollte sich verheiraten.
Der Besitzer des Zirkusunternehmens kränkelte und hatte nur eine Tochter. Sie war siebzehn Jahre alt.
Kurz vorher hatte Seidel, der längere Zeit im Weizen- und dann im Stabeisengroßhandel mit nicht besonderem Erfolge tätig gewesen und deshalb noch einmal in das ihm vertraute Fach zurückgekehrt war, an der Börse sehr gewinnreich mit Baumwolle spekuliert. Er war seit Jahren Abonnent volkswirtschaftlicher, bank- und börsentechnischer Zeitschriften.
Er studierte die Preisschwankungen des Marktes nicht wie der Großindustrielle oder Börsianer, die, das Risiko zu vermindern, sich mit ihren Abschlüssen von Tag zu Tag nach den Markt- und Börsenberichten orientieren; er verglich seit Jahren die an- und abschwellenden Kurven der Export- und Importziffern aller Länder, verfolgte genau die hieraus sich ergebenden inner- und außerpolitischen Spannungen, täuschte sich selten über den Zeitpunkt hereinbrechender Wirtschaftskrisen – eine Fähigkeit, die ihn nicht nur vor Verlusten geschützt, sondern ihm seine bisher größten Gewinne eingebracht hatte – und wartete, in jeder Hinsicht gerüstet, seit langem nur auf die Situation, die es ihm gestatten würde, unter möglichster Ausschaltung des Risikos die Hand auf das ganz große Geschäft zu legen.
Schon jetzt glaubte Seidel begründete Hoffnung zu haben, die Siebzehnjährige nicht heiraten zu müssen.
III
„Sie sind ja in der Brodstraße.“ Der Portier setzte sich wieder auf das Bänkchen.
„Wo Herr Knopffabrikant Sinsheimer wohnt?“
„Den hat der Schlag getroffen. Heute mittag. Punkt eins. Kommt von einem Geschäftsgang zurück, liest die eingelaufene Post, da trifft ihn der Schlag ... Auch ein Unglück für die Familie!“
Jürgen überwand seine Scheu, ein Haus zu betreten, in dem ein Toter lag, stieg die Treppe hinauf, vorbei an dem farbigen Treppenhausfenster, auf dem Wilhelm Tell im Ausfall stand, bereit, den Apfel herunterzuschießen von den blonden Locken.
Im Vorzimmer kämpfte Gulaschduft mit Medizingeruch. „Herr Adolf kommt gleich“, sagte das Dienstmädchen und drehte eine schwach und rot brennende Birne an im Salon.
Eichenmöbel, reich geschnitzt, schwarz und unverrückbar schwer, füllten ihn. Zahllose Nippesgegenstände posierten, miauten, sangen, tanzten Menuett auf allen erdenklichen Plätzchen und Kanten. Jürgen wand sich bis zu einem Stuhle durch, dessen hohe Lehne, gebildet durch zwei vielfach geschwungene, schwarzgebeizte Schwanenhälse, mit einer Wasserrose abschloß, in der ein Frosch saß, das Krönchen auf dem Kopfe.
Ohne sich zu rühren, musterte er die Gegenstände, begann schließlich zu zählen: vier meterhohe Petroleumlampen – Geschenke, die niemals gebrannt hatten –, eine große Anzahl nie benutzter Tee-, Kaffee- und Likörservice, entdeckte nachträglich noch zwei hohe, glänzende Gestelle, die er erst auch für Lampen hielt, dann aber als Tafelaufsätze erkannte: Nachbildungen des Eiffelturmes, auf dessen Stockwerken Birnen, Äpfel, Trauben, aus farbigem Tuche, lagen. An der Wand hing, zwischen dem Dackel, der, das weiße Zipfeltuch um den Kopf, an Zahnweh leidet, und dem Kätzchen, das mit dem Wollknäuel spielt, ein kleiner Elefant, der den Rüssel hin und her schleuderte. Das Ziffernblatt auf seiner Stirn stellte Afrika dar.
Unvermittelt schlug der Gedanke ein, daß vielleicht im Zimmer nebenan der Tote liege. Um sich abzulenken, nahm Jürgen den Bronzelöwen in die Hand, der, schleichend zusammengekauert, Tatzen auf dem Rande, die Zunge dürstend in die Aschenschale streckte. Stand auf, sah umher, drehte am Schalter. Mit dem Verlöschen der Birne schwankten alle Möbel, wie betrunken, auf Jürgen zu und versanken in der Finsternis. Er fand den Schalter nicht wieder.
Da sah er in einem Blitze der Angst die Leiche im Salon liegen, schneeweiß aufgebahrt und mit genau der selben Kopfhaltung wie die seines Vaters. Schnell drehte er sich einige Male um sich selbst, bemüht, die Leiche des Vaters nicht im Rücken zu haben, und streckte die Hand frierend hinter sich nach dem Türdrücker aus.
Der Elefant trompetete. Die Tür knallte gegen Jürgens Kopf: Adolf hatte eintreten wollen. „Na, sag mal, sitzt du im Dunkeln! ... Lina! Donnerwetter, Lina!“ Sie kam gesprungen. Jürgen wollte aufklären.
„Ist ja alles sehr schön! Aber weshalb wird denn nicht der ganze Lüster angeknipst, wenn Besuch da ist! ... Bringen Sie Tokaier.“
Seine Hand hatte den Schalter gefunden. Zornig schritt er auch noch in die andern drei Ecken: Immer mehr Birnen glühten auf an Kandelabern und am gewaltigen Lüster. Die tausend Gegenstände standen tot im weißen Lichte. „So, nun mache dirs bequem.“
Jürgen setzte sich wieder auf den hochlehnigen Schwanenstuhl und sprach das Tokaierglas prostend erhoben, verlegen sein Beileid aus über den entsetzlichen Unglücksfall, der Adolf betroffen habe.
„Das passiert meinem alten Herrn öfter. Es geht ihm schon wieder besser. Er hat schon etwas Gulasch gegessen. Jetzt schläft er.“
Nachdem die beiden weggegangen waren, schritt das Mädchen von Schalter zu Schalter und stürzte den Salon wieder in das schwarze Nichts.
Auf der Straße zog Adolf mit weißen Litzen besetzte Glacéhandschuhe an und machte beim Sprechen abgehackte Viertelsdrehungen auf Jürgen zu, wie ein Leutnant, der mit einer Dame spazierengeht. Sein Vater habe diesen Morgen Ärger gehabt, wegen einer Zahlung an eine Londoner Bank. Es habe sich zwar nur um einige zehntausend Pfund gehandelt. „Eine Bagatelle, gewiß! Aber wenn sie momentan nicht flüssig zu machen sind? ... Geht er heute früh dieser Sache halber fort, kommt schon aufgeregt nachhause, da findet er ein Schreiben aus dem Kriegsministerium, des Inhalts, daß wir ...“ Er blieb stehen, hob den Spazierstock wie eine Kerze: „Diskretion?“
„Vielleicht sagst du mir lieber nichts.“
„Aber bitte, dein Wort genügt mir ... daß wir den Auftrag erhalten haben, den neuen Armeeknopf zu liefern. Begreifst du, was das bedeutet? ... Ahnungslos öffnet mein Alter das zweite amtliche Schreiben, liest, daß er zum Kommerzienrat ernannt worden ist: schwuppdich – Schlaganfall ... Bitte, nach dir.“
Schwungvoll ließ der schon zum Kellner emporgerückte, seinen Ober jetzt mit vollkommenster Sicherheit kopierende frühere Pikkolo das Tablett mit den Wassergläsern auf die Marmorplatte auflaufen. Das Knopfexporthaus stand wuchtig und still gegenüber in der Abendruhe.
Ein starker Tourenwagen hielt vor dem Café. Ein blonder Herr trat ein. Adolf verbeugte sich steif und tief und flüsterte: „Sechzigpferdig! Ein Klubmitglied! Sohn des Maschinenfabrikanten Heller ... Die haben ihrem Werke kürzlich noch eine Abteilung angegliedert, in der ausschließlich Eisenbahnweichen fabriziert werden. Staatsaufträge, mußt du wissen! Auch die scheinen die nötigen Verbindungen zu haben. Enorm reiche Leute!“
Jürgen wurde die Seele schwer bei dem Gedanken, daß seit jenem ersten Kaffeehausbesuch schon soviel Zeit vergangen war und er noch immer unklar und ziellos dahinlebe. Abwesend sah er in das glänzende Gesicht, von der Krawattenperle zum seidenen Tüchlein, das glatt und grün aus der Brusttasche wuchs.
„Gestern übrigens – ich unterhalte mich nicht ungern mit dem jungen Heller – erzählte er mir im Klub, er habe den Ingenieur, der das Einrichten der Weichenfabrik überwacht und geleitet hat, husch, die Lerche! rausgeschmissen.“
„Fort möchte ich! Weg von Europa! Weg von dem Ganzen! ... Vielleicht wenn ich Dolmetscher werden könnte in China!“ Und plötzlich erfüllt von Zorn und Hohn: „Bist du schon weit mit deiner Knopfsammlung?“
„Unsinn! Das war ja Kinderei. Hast du eine Ahnung! Es gibt, rein menschlich genommen, nichts, das mir gleichgültiger wäre als Knöpfe ... Ich sammle etwas ganz anderes.“
Er beugte sich zu Jürgens Ohr, flüsterte und lehnte sich wieder zurück. „Von jeder, die ich gehabt habe! ... Kannst dir die Sammlung einmal ansehen.“
„Weshalb hat er ihn denn hinausgeworfen?“
„Überall liegt ein Zettel bei, mit dem Vornamen der Betreffenden und dem Datum.“
„Wenn er doch das Einrichten der Fabrik leitete!“
„Ja, und gleich hinterher hat er die Arbeiter zum Streik aufgehetzt. Ein Blutroter nämlich, verrückter Weltverbesserer, weißt du, Bombenschmeißer und so ... Zeichnet, konstruiert, wählt aus, baut um, rennt und schwitzt, bis das Werk steht – soll übrigens ein brauchbarer Techniker und Organisator sein –, dann hetzt er die Leute auf ... So etwas gibts noch, heutzutage, trotz des enormen Aufschwungs unserer Industrie.“
„Hast du denn schon einmal darüber nachgedacht, daß trotz des Aufschwunges unserer Industrie die große Mehrheit aller Menschen zu schwer arbeiten muß und dabei kaum das Nötigste zum Leben hat, vor allem aber jeglicher Möglichkeit, ihre geistigen Anlagen auszubilden, jeglicher Entwicklungsmöglichkeit vollständig beraubt ist? Im Gegensatz zu anderen, die essen, leben und sich bilden können – wie zum Beispiel wir –, selbst wenn sie wenig oder nichts arbeiten!“
„Deine Sorgen! Übrigens: ich muß auch arbeiten. Und wie wir geschwitzt haben, mein Alter und ich, betreffs des Armeeknopfes! Du solltest nur ein einziges Mal eine Kalkulation für solch eine Riesenlieferung machen müssen, da würde dir das Nichtvorhandensein sämtlicher und noch einiger Dutzend mehr Entwicklungsmöglichkeiten anderer Leute schnuppe sein.“
Wer weiß überhaupt, dachte Jürgen, weshalb der eine denkt und der andere niemals zu selbständigem Denken, nie zu einer eigenen Meinung kommt und deshalb auch nie zu einem Proteste gegen das Bestehende? Ist da die verschiedene Konstitution entscheidend? Oder das Leben, wie es ist, die Ordnung, die Lebensordnung? Oder alles zusammen? ... Das ist ein tiefes Problem. Das sind Fragen, schwer zu beantworten ... Und wer jetzt dazu noch überlegt, daß ganz offenbar diejenigen, die nicht selbständig denken, die Uneigenen, diese Ordnung bestimmen, dem Leben das Gesicht geben, der muß zugeben: Alles, das Ganze, ist verkehrt. Das Ganze!
„Jeder Armeeknopf muß x-mal durch die Maschine laufen. Dazu die Berechnung des Rohmaterials, der Kapitalsverzinsung, der Arbeitslöhne. Wenn du zu hoch kalkulierst, bekommst du den Auftrag nicht; und wenn du dich bei solch einem Riesenauftrag verrechnest, bist du pleite.“
Den kleinen Finger weggespreizt, zog er das grüne Tüchlein aus der Brusttasche und wischte sich die trockene Stirn. „Was sagtest du vorhin? Dolmetscher in China? Kannst du denn chinesisch? Es gibt meines Wissens und gewissermaßen nicht ein Dutzend Leute in Deutschland, die chinesisch können.“
„Gerade deshalb glaube ich ja, daß ich leicht einen Dolmetscherposten in China bekommen könnte“, sagte Jürgen, der bis vor zehn Minuten niemals daran gedacht hatte, Dolmetscher in China werden zu wollen.
„Ich kann ja schon ziemlich chinesisch“, begann er auf der Straße von neuem. „Ich lerne nämlich seit Jahren in einer alten Grammatik, die ich unter den Büchern meines Vaters gefunden habe ... Zum Beispiel als Dolmetscher bei der deutschen Gesandtschaft in China! ... Nur weg von Europa!“
„Solltest du nicht Amtsrichter werden? ... Schön, werde du Dolmetscher! Nichts als Romantik, mein Lieber, sauere Romantik! ... Na, mein Ziel kennst du ja. In einigen Monaten ist das neue Knopfexporthaus unserer Knopffabrik angegliedert. Runde Sache! Konzentration, mein Junge! Aber davon verstehst du ja nichts ... Im übrigen – lebe ich, amüsiere mich und, um es glatt herauszusagen, vergrößere meine Sammlung weiblicher Geschlechtshaare. Später ... natürlich heiraten!“ Er war mit der Bankierstochter Elisabeth Wagner, einer früheren Mitschülerin Katharinas, verlobt.
Der schwere Wagen hielt. Der Fabrikantensohn stieg aus und die läuferbelegte Treppe hinauf. Auch Jürgen und Adolf waren vor dem Klubhause angelangt.
„So einfach, wie du dir das vorstellst, erhält man Staatsaufträge natürlich nicht. Da sind, abgesehen von der Kalkulation, noch ganz andere Kräfte im Spiel, Kräfte, sage ich dir ... Für tausend Knöpfe werden bezahlt“, rief er plötzlich mit starker Stimme und nannte die Summe, „und hundertachtzig Millionen sind bestellt ... Rechne aus! Mein verflossener Chef wird platzen vor Ärger über den Kommerzienratstitel. Und obendrein, schwuppdich! schnappten wir ihm noch den kolossalen Staatsauftrag weg. Kurzum: es geht, husch, die Lerche! schnurstracks in die Höhe. Merkst du das?“
„Schwuppdich!“ murmelte Jürgen; er hatte gar nicht zugehört.
Da klang, wie damals, Klaviergepauke und Refraingesang durch das offene Fenster. Und Adolf, beide Arme weit ausgebreitet, Stock in der einen, Glacés in der andern Hand, sang mit in übersprudelnder Lebensfreude:
„Es haben zwei ne ganze Nacht Zusammen in einem Bett verbracht. Was ham se wohl gemacht?“
Während Jürgen die Stadt durchquerte, verlobte auch er sich. Katharinas Vater, Herr Geheimrat Lenz, löste die Verlobung wieder, weil Jürgen ein brotloser Philosoph und nicht bei einer schlagenden Verbindung war.
Am Arme ihres Gemahls – einer berühmten Persönlichkeit – geht Katharina vorüber an Jürgen, ihrem früheren Verlobten, der, total heruntergekommen und versoffen, die Straße kehrt. Bleibt stehen, ergriffen von Mitleid. ‚Sieh mal, wie furchtbar traurig! Er war mein Jugendfreund. Schenke ihm doch etwas.‘
Ihr Mann ist sehr edel, gibt seine ganze Brieftasche dem demütig Dankenden, an dessen abgezehrtem Gesicht die Tränen herunterrollen.
Auch Katharina schluchzt, legt ihre Hand auf die seine, die den Besen hält, und sieht ihren Mann an: ‚Jürgen war nicht immer so. Denke das ja nicht. Wenn du wüßtest, welch wunderbarer Mensch er gewesen ist! Hätte ich ihn sonst geliebt? Keineswegs immer so! Zum Beispiel ernannte ihn die Regierung, obwohl er anfangs nur ein untergeordneter Dolmetscher war, seiner ganz außerordentlichen Fähigkeiten wegen zum deutschen Gesandten in China.‘