Part 5
Von einem Philosophiestudenten war Jürgen einem dunklen, sehr schönen jungen Mädchen asiatischen Gesichtsschnittes vorgestellt worden, das ungeniert sich sofort fast ganz entkleidet und schreitend zu tanzen begonnen hatte, die dünnen Finger zu Boden gespreizt und das verzückte Gesicht emporgerichtet. Noch genau ein Jahr werde sie, hingegeben ihrer Kunst, ganz abgeschlossen von der Welt leben und dann durch ihren Tanz die Menschheit erlösen. Sie werde in den Kirchen tanzen. In der Ecke war ein schwarzer junger Mann gesessen und hatte ihr geglaubt.
In der Erkenntnis, daß die Weigerung, Leichenteile zu fressen, vielleicht erst in tausend Jahren Bestandteil einer von jeglicher Barbarei befreiten Lebensordnung, zur Zeit aber nur Sache des Geschmackes einzelner und gewiß nicht das tauglichste Mittel sein könne, den Kampf gegen das Ganze und das Umstürzen erfolgversprechend zu beginnen, war Jürgen, zur Genugtuung der Tante, schon nach einer Woche vom Vegetarismus wieder zurückgekehrt zum Fleische.
Die Entwürfe zweier Dramen, des Inhalts, daß einem anständigen Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts nur die tragische Wahl bleibe, Selbstmord zu begehen oder völlig bewußt selbst ein Raubtier zu werden, hatte er schon vor einem halben Jahre auf der bewaldeten Höhe verbrannt und war liegengeblieben neben der Asche, lesend in einem Buche, dessen weltberühmter Autor erklärte, wenn die Besitzenden ganz freiwillig nur all ihres Besitzes und ihrer Macht über die Nichtbesitzenden, sowie alle zusammen nur jeglicher Lüge entsagen würden, sei in der selben Stunde die Menschheit erlöst.
‚Das dürfte wahr sein; fragt sich nur, welche Maus und auf welche Weise sie der Menschheit, dieser milliardenfüßigen Katze, die Schelle anhängen soll, welche bewirkt, daß wir in allem wahrhaftig sein können‘, hatte Jürgen damals gedacht.
War auf dem Rückwege, sinnend und suchend und rat- und hoffnungslos und nur, um nichts unversucht zu lassen, zu den aus Nord- und Süddeutschland stammenden vier Jünglingen gegangen, die zusammen mit drei Mädchen nahe der Stadt vor kurzem eine Siedlung gegründet hatten.
Staunen und Begeisterung über den kameradschaftlich freien Ton zwischen diesen hellblickenden Mädchen und schwerarbeitenden Jünglingen und über die geistig großartige Lebensauffassung, die in dem Zeichen unbekümmerter Jugendkraft und befreiend humorvoller Ablehnung des Ganzen stand, hatten Jürgen erfüllt.
Ein Siedler mit großer Rundbrille in einem mageren, noch unfertigen, nicht ganz hautreinen Gesicht hatte den beglückt durch die Nacht heimwärts Marschierenden eingeholt und ihm einen Stoß Aufklärungsschriften mitgegeben, darunter eine von den Siedlern gemeinsam geschriebene und im Selbstverlage erschienene Broschüre ‚Kapitalismus, Universität und freie Jugend‘ und ein vierseitiges Werbeflugblatt ‚An die Gesinnungsgenossen‘, dessen erster Satz lautete: „Wir haben der Universität, dieser kapitalistischen Bedürfnisanstalt, die Rückseite gezeigt und im Vorfrühling mit zusammengepumptem Gelde einen verlotterten Bauernhof gekauft, der, obgleich mit Hypotheken gegenwärtig noch schwer belastet ...“ Der Schlußsatz lautete: „Unsere Siedlung ist eine kleine Insel im großen Stunk.“
Vernachlässigung des Universitätsbesuches, Verzweiflung und Drohungen der Tante, Ablieferung der Kollegiengelder an die Siedler, die dringend Saatgut gebraucht hatten, mühevolle Feld- und Gartenarbeit und an den Abenden stundenlange, heftig geführte Diskussionen, aufregend und beglückend für Jürgen und oft sehr gefährlich für den Weiterbestand der Siedlung, waren gefolgt.
Tag und Nacht offene Fenster. In den Stuben je ein Feldbett, ein Handköfferchen und sonst nichts. Die Wände, hell gestrichen, leuchteten blau, grün, rosa.
„Morgen kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.“
Wie lebendig das klingt, hatte Jürgen gedacht. ‚... kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.‘
Anfangs waren die Siedler in allen Versammlungen als Sprecher aufgetreten und hatten die anwesenden Bürger verblüfft und gereizt durch ihre respektlosen Reden gegen Staat und Kirche, Schule, Ehe, Eigentum, Zins- und Hypothekenräuberei.
Der kirchenfeindliche Verein ‚Gedankenfreiheit und Feuertod‘, der seit Jahren erfolglos um die Genehmigung kämpfte, sein schon erbautes Krematorium in Betrieb setzen zu dürfen, hatte, nachdem in der öffentlichen Protestversammlung von dem Siedler mit der Rundbrille erklärt worden war, er persönlich habe ja gar nichts dagegen einzuwenden, wenn die Anwesenden sich schon morgen einäschern ließen, nur glaube er nicht, daß dadurch der große Stunk merklich vermindert werden würde, die Polizei auf Siedler und Siedlung aufmerksam gemacht.
Kartoffelernte, Hypothekenzinsforderungen, Herbstbeginn, kürzer werdende Tage, in dem selben Maße verlängerte, immer heftiger werdende Diskussionen. Und eines Tages waren die Handköfferchen und Lili mit dem Kinde und die Siedler verschwunden gewesen, unter Zurücklassung der sieben Feldbetten, die, zusammengeklappt und aufeinandergeschichtet, in dem offenen Schuppen lagen.
Der Bauer hatte seine Kommoden, wandbreiten Eichenschränke und Riesenfederbetten wieder eingestellt, die grünen, rosa und blauen Wände dunkel schabloniert und die Heiligenbilder aufgehängt.
Einige Wochen später war von dem Siedler mit der Rundbrille eine Postkarte aus Berlin gekommen: Die Siedlung sei aufgeflogen. Die Gründe, eine schwere Menge, könne Jürgen sich ja denken. Lili habe sich noch nicht entschließen können; aber er sei Mitglied der sozialistischen Partei geworden. Und damit Punkt.
Wenn Jürgen an diesen Herbstabenden, da es im vornehmen Villenviertel schon ganz still war, am Fenster saß und, zurückdenkend an sein ergebnisloses Fragen und Suchen, hinaushorchte in die Nacht, vernahm er die fernher dringenden Töne der Drehorgeln.
Die fünfzig verschiedenen Melodien zusammen erregten bei manchem Besucher schon Schwindelgefühl, wenn er auf dem Jahrmarkt noch gar nicht angelangt war. Paukenschläge und Trompetenstöße drangen siegreich durch.
Alles drehte sich, funkelte und flog. Die Mädchen klammerten sich an ihre Liebhaber an, schrien auf, wenn die Berg- und Talbahn in die Tiefe sauste, im rosa beleuchteten Tunnel verschwand. Und an der farbensprühenden Budenreihe entlang zog die schwarze Menschenmenge. Alle Ausrufer waren schon heiser, luden hinreißend liebenswürdig ein. Die Konkurrenz war groß.
Trotzdem hatte sich Herr Rudolf Schmied in seinem grünen Wagen zu einem Schläfchen niedergelegt und Seidel die Aufsicht und das Geldeinsammeln anvertraut. Denn tags zuvor, in früher Morgenstunde, als noch kein Budenbesitzer, kein Adjunkt dagewesen war, der die Einnahme hätte kontrollieren können, hatte Seidel kassiert, sich vom Lehrer der Knabenklasse, die geschaukelt hatte, eine Empfangsbestätigung ausstellen lassen und Geld und Schein gewissenhaft Herrn Rudolf Schmied abgeliefert.
Dieser Empfangsschein hatte wie tödliches Gift auf das Mißtrauen des Herrn Schmied gewirkt. Die Adjunkten vermuteten in Seidel einen Verwandten des Herrn Schmied, unterordneten sich ihm, lieferten willig die Einnahme ab.
Die immer besetzten zwölf Schiffe der schönen, besonders hohen Schaukel flogen unausgesetzt. Die sieben der alten, niedrigen Schaukel daneben hingen fast immer reglos. Die Adjunkte luden brüllend ein; der Orgelspieler drehte wie besessen: alle drängten vorbei zur hohen Schaukel.
Seidel blickte starr ins Publikum und befahl, als er Herrn Hohmeier entdeckte, gleichgültigen Gesichtes dem Adjunkten mit dem pflaumenblauen Herzen auf der Backe, der von seinen Kollegen ‚Das Herz‘ genannt wurde, das letzte Schiff in der Reihe anzuhalten, da die Tour zu Ende sei.
Schon preßte ein anderer Adjunkt, der ein abschreckend großes, pferdekopfähnliches Gesicht hatte, das Anhaltbrett gegen den Kiel des allmählich sich totschaukelnden Schiffes. Eine neue Tour begann. Seidel sammelte ein. Der Magistratsbeamte ließ ihn nicht aus den Augen, die vor Hohn und Genuß funkelten. Auch die zukünftige Braut des Herrn Hohmeier machte große Augen. Sie hatte ein ganz mageres, blasses Gesichtchen.
„Das Riesenweib! Wie sie ißt! Wie sie trinkt! Wie sie schläft! Brustumfang 154! Alles andere dementsprechend! Kolossal! Jedem Besucher erlaubt, nachzuprüfen! Brustumfang 154!“ schrie der Ausrufer links neben der Schiffschaukel.
Und ein anderer: „Hopp hopp hopp hopp hopp!“ Der ritt ohne Pferd dem Publikum einen eleganten Trab vor zugunsten des ‚Hippodrom von Eder, wo reiten kann ein jeder‘.
Ein kleiner, verhärmt aussehender Budenbesitzer, auf dessen Schulter ein abgerichteter Rabe saß, der Kopf und Beine und flügellahme Schwingen ruhelos bewegte, sagte zu Jürgen: „Treten Sie ein: Hier wird jedes Menschen Sehnsucht erfüllt.“
Plötzlich stand Jürgen, der blicklos den verhärmten Alten anblickte, mit Katharina Lenz in dem Laubgang beschnittener Korneliuskirschen. Die Tante führt ihn am Arme weg von Katharina.
Wüßte ich, was ich will, dachte er, dann würde ich jetzt Katharina aufsuchen; aber ich weiß heute nicht mehr, als ich damals wußte.
Bei der kleinen Schiffsschaukel entstand Tumult; sie wurde plötzlich von Fahrgästen gestürmt: Der Besitzer hatte ein Plakat ausgehängt, auf dem stand: ‚Hier kostet die Tour den halben Preis‘. Höhnisch blickte er zu Seidel hinüber, dessen Schiffe jetzt reglos hingen.
Seidel stürzte zum Besitzer. Der rieb sich entsetzt den Schlaf aus den Augen, wollte ebenfalls für den halben Preis schaukeln lassen.
„Wenn Sie das tun, kommt man zwar wieder zu Ihnen, weil unsere Schaukel höher ist, aber die Einnahme würde fortan nur die Hälfte betragen. Ihre Schaukel wäre entwertet.“
„Und so verdiene ich gar nichts. Schreiben Sie sofort ein Plakat. Das Herz soll helfen.“ Er tanzte vor Aufregung.
„Ich mache Ihnen den Vorschlag ...“
„Nichts! Nichts! Schnell, Freundchen! Die Zeit vergeht.“
„Wollen Sie riskieren, heute abend keinen Pfennig mehr einzunehmen, wenn Sie dafür an den folgenden Tagen wieder die volle Einnahme haben würden?“
Herr Rudolf Schmied warf die Arme: „Was? Wie? Was? Wie ist das?“
„Lassen Sie ganz umsonst schaukeln.“
Da schrie Herr Schmied mit vollen Lungen so lange nach dem Halben-Preis-Plakat, bis Seidel ihm auseinandersetzte, dann müsse auch der andere umsonst schaukeln lassen, aber es käme darauf an, wer es länger aushielte. „Sie sind ein wohlhabender Mann; der Konkurrent steht vor dem Bankerott. Sie warten ganz einfach, bis er zu Ihnen kommt und bittet, daß beiderseits wieder um den ganzen Preis geschaukelt werden soll.“
Herrn Rudolf Schmieds altes Messegesicht leuchtete.
Seidel rief Das Herz, das Pferdegesicht und die andern Adjunkte in den Wagen. Viele hundert kleine, improvisierte Billetts wurden eiligst geschnitten, gestempelt. Und auf dem gewaltigen Plakat stand: ‚Wer ein Billett hat, fährt ganz umsonst in Rudolf Schmieds modernster und höchster Schaukel der Welt‘.
Das Herz brüllte, schleuderte die Zettelchen ins Publikum. Das nahm die Schaukel im Sturm. Seidel beobachtete die Konkurrenzschiffe, die sich entleerten und nicht mehr füllten.
Ein ungeheurer Tumult erhob sich. Das Hinüber- und Zurückbrüllen der beiden Besitzer hatte das ganze Messepublikum angezogen. Viele Budenbesitzer kamen geeilt, zu erfahren, was ihnen das Publikum entzog. In der ersten Reihe stand Herr Hohmeier.
Eine Viertelstunde später kostete die Tour wieder den ganzen Preis. Seidel hatte im Wagen des Herrn Schmied die Verhandlungen geleitet.
Der Besitzer der Berg- und Talbahn, des größten Unternehmens der Messe, fing Seidel ab, legte ihm die Hand auf die Schulter: „Ich brauche eine Hilfe. Wollen Sie Geschäftsführer bei mir werden? ... Das haben Sie großartig gemacht.“
„Ich bin bei Herrn Schmied angestellt.“
„Ich zahle Ihnen das Dreifache.“
„Ich mache voraussichtlich schon morgen eine eigne Bude auf ... Aber eine Idee will ich Ihnen verkaufen für Ihr Unternehmen!“
„Das wäre?“
„Schreiben Sie eine Erklärung, daß Sie mir Zweihundert bezahlen, wenn Sie meine Idee ausführen.“
„Hundert!“
„Zweihundert!“
Seidel steckte den Zettel ein. „Bei Ihnen fahren hauptsächlich Liebespärchen, weil sie in den scharfen Kurven gegeneinander geworfen werden.“
„Das stimmt. Darauf spekuliert die Konstruktion.“
„Und dann noch wegen des Tunnels. In diesem Tunnel verschwinden die Pärchen besonders gern. Das habe ich beobachtet.“
„Aber sicher!“
„Der Tunnel ist mit roten Glühlämpchen erhellt ...“
„Natürlich! Rosa!“ sagte der Mann mit großer Gebärde.
„Lassen Sie morgen von Ihrem Maschinisten eine Vorrichtung anbringen, die den Kontakt unterbricht, so daß es eine Sekunde dunkel wird im Tunnel, dann wieder hell, dunkel ... Die Liebespärchen werden sich danach richten.“
Strahlend trat Herr Rudolf Schmied zu den beiden.
Seidel ging auf seinen Posten zurück, rief Das Herz zu sich. Der war der Sohn eines bankerottgewordenen Schaubudenbesitzers, dessen Tiere krepiert waren. Seidel hatte erfahren, daß Das Herz den schwer zu erlangenden Gewerbeschein besaß und jederzeit eine Bude aufmachen konnte. „Was für Tiere waren es denn?“
Das Herz schrie in großer Erregung: „Eine Riesenschildkröte und ein Flußpferd. Sie tanzten zusammen Menuett.“
Seidel überlegte, ob ein Mensch mit einem Pferdegesicht beim Publikum Erfolg haben würde. Das Herz erklärte sich bereit, den Gewerbeschein beizusteuern; das Pferdegesicht stellte sich selbst zur Verfügung; Leo Seidel die Idee und das Geld. Fehlte noch die Bude.
Die stand unbenützt neben der Hauptattraktion der Messe: ‚Herrn August Schichtels Spezialitäten- und Zaubertheater‘, dessen Zulauf enorm war. Wer das Unglück hatte, seinen Platz neben Herrn Schichtel zu bekommen, konnte kein Geschäft machen. Deshalb hatte der Besitzer der Bude gar nicht eröffnet.
Der verhärmte Alte, dessen von niemand beachtete Bude rechts neben dem Zaubertheater stand, zeigte, als Jürgen, schon heimwärtsstrebend, noch einmal vorbeiging, wieder einladend die Handfläche: „Hier wird jedes Menschen Sehnsucht erfüllt. Treten Sie ein.“
Einige Tage später schritt Jürgen, der, aus Neugier, zu erfahren, welcher Art die Genüsse seiner früheren Mitschüler seien, Adolf Sinsheimer versprochen hatte, am Monatsersten mit in eine Weinkneipe zu gehen, auf das verwahrloste Vorstadthaus zu, vor dem Adolf, drei junge Kaufleute und der Magistratsbeamte Hohmeier schon wartend unter der roten Laterne standen.
Aus fünf Brusttaschen stand je ein farbiges Tüchlein empor. Blasse und gerötete Gesichter. Auf allen die gleiche fiebrige Erregung und Spannung. Die vier waren im kaufmännischen Klub gewesen, hatten Herrn Hohmeier auf der Straße getroffen und mitgeschleppt.
Sie wollten, zur Feier des Monatsersten, die Animierkneipe mit Damenbedienung besuchen.
„Aber nur eine Flasche zusammen! Das habt ihr mir versprochen“, sagte der Magistratsbeamte, schloß den obersten Knopf des Gehrocks. Und folgte als letzter, während Adolf die Führung übernahm, resolut voranschritt, hinein in das schmale Kneipchen, das noch vor einer Woche ein Bäckerladen gewesen war.
Jetzt waren die drei Glühbirnen mit roten Papierschirmen verhängt, die Brotlaibregale mit schön verkapselten Weinflaschen spärlich gefüllt, und der Ladentisch hatte sich in ein nickelbeschlagenes, glanzsprühendes, mit künstlichen Blumen und Weintrauben reich geschmücktes Büfett verwandelt, hinter dem der Wirt saß und zum zehnten Male die Abendzeitung las.
Jürgen glaubte in ihm den Sklavenhalter zu erkennen, den Held einer Seeräubergeschichte, die er als Gymnasiast gelesen hatte. Des Sklavenhändlers tintenschwarzer Bart, die Riesenglatze, die Hakennase waren da. Nur die Peitsche fehlte; ihre Stelle nahm die Abendzeitung ein. Unsichtbar von ihm geleitet, gerieten seine drei von Seide und Schminke bunten Kellnerinnen mit den Weinkarten in Bewegung.
Der einzige Gast, außer den Kaufleuten, ein schon total betrunkener Fabrikschreiner ohne Halskragen, schaukelte den Kopf knapp über der Tischplatte hin und her, riß ihn in den Nacken und schrie in die falsche Richtung: „Da komm her!“
Die Älteste ging zu ihm, ließ ein bißchen an sich herumgreifen, so lange, bis er einen Geldschein auf den Tisch knallte. Strich ihm über das Haar, in dem noch die Holzteilchen steckten, und gab ihrer jungen Schwester einen Augenwink. Die brachte eine neue Flasche.
Der Magistratsbeamte beugte sich auf die Tischplatte. „Eine zusammen! Ich denke, wir nehmen die billigste.“ Und er legte den auf ihn kommenden Teil der Rechnung gleich auf den Tisch.
Erschrocken nahm Adolf das Geld wieder weg. „Das ist mein Teil“, sagte der Magistratsbeamte deutlich.
Der Arbeiter glotzte auf seine neue Flasche, glotzte die Älteste an. „Jetzt komm aber auch her!“
Kopfschüttelnd lächelte sie den Kaufleuten zu, gab den Augenwink ihrer jungen Schwester, die, noch ungeschickt und verlegen, zum Arbeiter ging und sich von ihm auf den Schoß ziehen ließ. Er griff ihr an die Brust, die noch nicht vorhanden war, und brüllte: „Die andere!“
„Für uns auch ein Gläschen?“ fragte die Älteste mit einem Blick, der allen fünfen in die Augen traf. Und Adolf gewann die Fassung wieder. „Aber selbstverständlich!“
Sie entleerte die Flasche in drei Gläser und goß noch fünf Gläser voll bis zum Rand, so daß plötzlich drei leere Flaschen auf dem Tische standen.
Der Magistratsbeamte beugte sich vor und seitwärts über drei Oberkörper weg, holte sich ein Glas mit Wein aus der ersten Flasche und stellte es bedeutungsvoll vor sich hin.
„Schmeckt, was?“ sagte die Älteste, da Adolf den Wein kennerisch mit der Zunge prüfte. Er schüttete Zigaretten in ihre Hand, und seine Kollegen gaben ihr Geld, damit sie das Riesenorchestrion spielen lasse.
Das nahm die ganze Rückwand ein, reichte bis zur Decke. Begann zu rasseln, knackte: ein farbiger Husarenleutnant aus Holz, den Taktstock im Händchen, schob sich, ruckweise, wie das rotseidene Vorhängchen auseinanderging, in den Vordergrund und dirigierte das von Trommelwirbel umdonnerte Flötensolo.
Der Wirt stand reglos und groß hinter dem Büfett. Sein Bart ging mit der Dunkelheit zusammen. Die Glatze hing losgelöst und weiß über dem Büfett.
Der Arbeiter lallte, goß ein, goß in das überlaufende Glas, bis die Flasche leer war, stülpte den Flaschenhals ins Glas und schimpfte, in der Einsicht, mit seinem Wochenlohn gegen die vornehmen Herren nicht aufkommen zu können, hoffnungslos in eine leere Ecke hinein. „Noch eine Flasche!“ schrie er verzweifelt.
Und die Älteste stand augenblicklich hinter ihm, überredete ihn, erst das Geld zu geben, schob es wieder zurück. „Das langt nicht zu. Geh heim. Hast genug getrunken.“
Schwankend und drohend erhob er sich. Der Wirt stand groß vor ihm, hinter dem Wirt die Älteste mit der Mütze des Arbeiters.
Halb geschoben, torkelte er hinaus, ausgebeutelt und betrogen von seiner Sehnsucht nach Glanz und nach einer Frau, die keinen verbrauchten Körper hatte und keine schmutzige Flanellunterwäsche trug.
Die Älteste, noch bei der Tür, breitete die Arme aus. „Jetzt sagt mir, was hat so ein Arbeiter in einer Weinstube zu suchen.“
Das selbe fragten die Kaufleute. Sie zog aus ihrem Busen pornographische Photographien, auf denen sie selbst in verschiedenen Stellungen nackt abgebildet war, zusammen mit einem Herrn im Frack. Es standen schon neun leere Flaschen auf dem Tisch. Die Gläser der Mädchen waren immer beinahe gleichzeitig voll und leer.
„Aber natürlich bringen Sie noch Wein!“ rief Adolf und ließ die Bilder durch seine heißen Hände laufen. „Aber natürlich bringen Sie noch!“ echoten die andern.
Hinter dem Büfett hing in einem Ring ein Kübel; vom Boden des Kübels lief ein Schlauch weg in die jeweilig darunterstehende Flasche. Nachdem die Mädchen ihre vollen Gläser in den Kübel entleert hatten, besorgte der Wirt mit diesem Weine das Füllen der Flaschen. Und die Mädchen stellten den Wein wieder auf den Tisch.
Das Orchestrion spielte ununterbrochen. Die vier Köpfe, eng aneinandergepreßt, blieben über die Photographien geneigt, bis die Älteste die Bilder wegnahm. Das Wort ‚Sekt‘ fiel. Jürgen legte einen Geldschein in Adolf Sinsheimers Hand und verließ die Weinstube. Die andern bemerkten es kaum.
Plötzlich fühlte der Magistratsbeamte sich beim Halse gepackt. Die ineinander verschlungenen Weiber- und Männerkörper schaukelten hin und her nach der Melodie des Flötensolos. Der Sekt floß. Die Flaschen schwebten selbständig vom Büfett herüber auf den Tisch. Floß eine Stunde lang im Kreislauf: aus den Flaschen in die Gläser, von da in den Kübel, durch den Schlauch in die Flaschen und wieder in die Gläser, bis der kühl und reglos neben dem Kübel stehende Wirt den Wink zur Vorsicht gab.
Da lösten sich die Mädchen allmählich los. Die junge Schwester blieb auf des Magistratsbeamten Schoß liegen. Sie war betrunken. Der Wirt schickte ihr einen Blick, der sie ernüchterte.
Ein Schub Studenten trat ein, setzte sich an den Tisch, an dem der Arbeiter gesessen hatte.
Des Magistratsbeamten geschweifter Mund schnappte auf und zu, und plötzlich warf er die dürren Arme hoch und behauptete: so lebe er, so lebe er, so lebe er alle Tage.
Die Älteste stand schon bei den Studenten, lächelte kopfschüttelnd über die Kaufleute und nahm die Bestellung entgegen. Die Studenten blickten belustigt hinüber.
„Pardon!“ drohte Adolf, der seinen früheren Mitschüler, Karl Lenz, nicht erkannte. Der Wirt kam groß aus dem Büfett heraus.
„... so leben wir alle Tage“, sang der Magistratsbeamte immer noch. Und die Älteste präsentierte die Rechnung.
Die fünf Monatsgehälter reichten nicht. Der halbe Tisch stand voll Wein- und Sektflaschen. Adolf warf noch eine Banknote auf den Tisch, an dessen Stirnseite der Wirt stand und die drei Worte sprach: „Das langt nicht.“
Alle standen schwankend und ausgeliefert, wollten nach ihren Mänteln greifen. „Sie müssen mir Ihren Ring zum Pfande da lassen.“ Der Wirt stellte den Zeigefinger steil auf die Rechnung. Die Studenten beobachteten gespannt die Szene.
Adolf zog den Brillantring vom Finger. „Darüber muß ich eine Quittung bekommen!“ Und blickte, trotz seines Rausches, verblüfft auf die schon ausgefüllte Quittung, die der Wirt sofort vor ihn hinlegte.
Schritt für Schritt ging er hinter den Abziehenden nach, schloß die Tür leise und mit Kraft und zog sich hinter das Büfett zurück, stellte eine leere Flasche unter den Kübel. Diesmal war es eine Rotweinflasche.
Die Älteste atmete hoch auf, ließ den Busen fallen: „Diese Kaufleutchen! Wollen elegante Herren spielen und können dann nicht bezahlen.“ Sie breitete die Arme aus: „Jetzt sagt mir, was haben solche Bürschchen in einer Weinstube zu suchen?“
Karl Lenz stimmte ihr bei. Daraufhin auch die andern. Sie goß den Rotwein ein. „Auch für uns ein Gläschen?“
„Aber selbstverständlich!“ Und dann ging er ernsten Gesichtes erst hinaus in das Klosett und nahm das Couleurband ab; die andern hatten, dem Koment gemäß, ihre Couleurbänder nicht an.
Die Älteste goß neun Gläser voll: es waren sechs Studenten. Die junge Schwester richtete den Tisch der Kaufleute für neue Gäste her. Und der Wirt rückte den Kübel zurecht.
Daß dies besonders herrliche Genüsse wären, wert, ihretwegen auch nur den Bruchteil selbst eines blödsinnigen Ideals aufzugeben, kann gewiß niemand behaupten; aber auch nicht, daß es keine begehrenswerteren Genüsse gäbe, dachte Jürgen auf dem Heimwege durch die schlafende Stadt.
Vor dem kleinen Café in der noch belebten Hauptstraße stand wieder der Krüppel und neben ihm, reglos, grau und böse, die Frau, auf dem Arme den skrofulösen Säugling.
‚Daß einer um den Preis, Liebschaften zu haben mit schönen, gepflegten Frauen, oder um der Macht und des Erfolges willen Verrat übt an allem, was ihm in der Jugend teuer war, wäre schon eher zu begreifen.‘