Der Bürger

Part 4

Chapter 43,491 wordsPublic domain

„... denn wenn alle Beamten hier in diesem Bureau gewissenhaft ihre Pflicht tun – und das kann als sicher angenommen werden –, so daß keiner entlassen wird, werden Sie, Herr Seidel, in acht Jahren an meinem Pulte sitzen und in zwölf Jahren am Pulte des Herrn Ank ... Unterdessen werde ich an Herrn Anks Pult gesessen haben. Herr Ank an des Herrn Bureauleiters Pult. Und der Herr Bureauleiter wird, seinen Dienstjahren entsprechend, eine höhere Stelle in einem anderen Bureau einnehmen ... Es gibt in diesem Gebäude sehr viele Bureaus, die wir zu durchlaufen haben, ehe wir pensioniert werden. Ein Durchbrechen dieser Ordnung gibt es nicht. Das wollte ich Ihnen gesagt haben.“ Bebenden Mundes ging er an sein Pult zurück.

Und Leo Seidel, der schon am Anfang dieser plastischen Darstellung sich gesagt hatte, daß in einem Magistratsbureau das Wort ‚Freie Bahn dem Tüchtigen‘ ganz offenbar keine Gültigkeit habe, und daß somit ein schnelleres Vorrücken nahezu ausgeschlossen sei, schrieb noch am Abend des selben Tages peinlich sauber sein Entlassungsgesuch.

* * * * *

Die meterlange Tabakspfeife wie einen Offiziersdegen geschultert, kratzfußte der Korpsstudent Karl Lenz abgehackt und streng vor seinem früheren Schulkameraden Jürgen und fragte ihn, welchem Korps er angehöre.

„Ich studiere Philosophie, wie du weißt. Seit einem Jahre!“ sagte Jürgen stolz. „Einer Verbindung gehöre ich nicht an ... Ich wollte Herrn Professor Lenz meinen Besuch machen.“

Der noch immer in steifer Verbeugung stehende Korpsstudent zuckte mit dem Kopf nach vorn, und seinem Mund entfuhr, als er die Lippen öffnete, ein knallender Ton: „Gehören Sie nicht an? ... Vor allem: Ihnen zur Kenntnis, daß mein Vater vor einer Woche zum Geheimrat ernannt worden ist.“ Er machte linksum und blickte, dem Gast den Rücken zugekehrt, paffend zum Fenster hinaus.

Die wirkliche Welt um Jürgen versank. Alles natürliche Denken und Fühlen verschwand. Erst nach minutenlanger Pause sagte er: „Da gratuliere ich.“

Der Student antwortete mit einer weißen Dampfwolke, die an der Fensterscheibe hinaufstieg, rührte sich nicht. Und Jürgen saß plötzlich in einer glänzenden Studentengesellschaft, hatte ebenfalls eine grüne Mütze forsch im Nacken sitzen, das Couleurband schräg über der Brust. Alle trinken ihm zu. Er ist geehrt, geachtet, spielt eine Rolle. Kommt Karl Lenz und starrt ihn herausfordernd an. Jürgen starrt zurück. Und springt auf. Schweigen. Alle springen auf. Kartenwechsel. Jürgen schlägt sich tadellos. Phinchen ist totenbleich vor Bewunderung. Und die Tante läßt sich den ganzen Vorgang erzählen.

‚Er also starrt mich an. Nun, du kennst mich ja, Tante, und weißt, daß in diesem Falle die Forderung meinerseits unvermeidlich war. Meine Kommilitonen und ich zechen erst noch die ganze Nacht durch, als ob gar nichts geschehen wäre. Dann fährt die ganze Bande per Auto mit hinaus ins Wäldchen; sie warten im Wirtshaus auf mich. Ich also trete an, frisch und munter, wie aus dem Bade gestiegen.‘

‚Mein Gott, Jürgen, hattest du denn gar keine Angst?‘

‚Aber Tante! ... Also, er bekommt den besseren Platz, steht im Schatten eines Baumes, ich mit dem Gesicht gegen die Sonne ... Na, und schon beim ersten Gang – schwere Abfuhr natürlich.‘ ‚Nun, und jetzt?‘ ‚Gott, jetzt natürlich ehrenvolle Versöhnung. Denn wenn einmal Blut geflossen ist ... Je, das Hallo, als ich zurück in die Kneipe kam! Ja. Nun aber genug davon!‘

Der breitspurig und noch immer reglos am Fenster stehende Student war von blauem Dampfe eingehüllt. Aus dem Nebenzimmer erklang Gläserklirren. Er schnellte sofort herum, glotzte seinem Gast ins Gesicht.

Da knallte auch Jürgen mit den Absätzen. Die ineinander verkrampften Hände schüttelten sich. Beide Oberkörper zuckten mehrere Male ruckartig und schiefseitwärts aufeinander zu, bis, durch die Handkuppelung hergestellt, die wagrechte Zickzacklinie der zwei Ober- und Unterarme in Stirnhöhe feierlich verharrte.

Und während Jürgen sich auf das Kanapee zurückverbeugte, verbeugte der Student sich der Tür zu und ging in sein danebenliegendes Zimmer, wo auf dem Tisch drei Glas Bier für ihn bereitstanden.

Der Student hatte die Begrüßungsmaske mit in sein Zimmer getragen. Jetzt erst fiel sie von seinem Gesicht herunter. Und der Ausdruck dumpfer, wilder Konzentration nahm Platz, während er, das Bierglas in der einen, die Taschenuhr in der linken Hand, wartete, bis der Sekundenzeiger die Zahl Eins erreichte. Schon vorher war sein Mund ein großes Loch geworden. Plötzlich glotzten die Augen stier und tränten: das Bier stürzte in den Magen. „Bierjunge!“ Und das leere Glas knallte auf den Tisch.

Mit dem Worte ‚Bierjunge‘ spritzte ein Teil des Bieres im Bogen wieder heraus, während die Augen auf den Sekundenzeiger starrten. Das Gesicht des Studenten, der auf dem letzten Kommers von seinem Korpsbruder beim Bierjungen-Trinken besiegt worden war, verzog sich kläglich: er hatte mehr als eine Sekunde zu lange gebraucht.

„Ich habe wieder geschluckt. Ich schlucke noch. Das ist mein ganzer Fehler.“ Energisch trainierte er weiter: Der Sekundenzeiger erreichte die Eins. Großes Loch. Leeres Glas. Ein furchtbarer Brüllton: „Bierjunge!“

Wieder schnellte der im Nebenzimmer sitzende Jürgen erschrocken von der Kanapeelehne nach vorn und horchte gespannt. Wenige Sekunden später langte von oben herab die Hand des Herrn Geheimrat Lenz auf Jürgens Schulter. „Nun, mein Freund, welchem Korps gehören Sie an?“

„Bierjunge!“

„Ah, der Junge übt. Ja, schön ist die Jugend.“ Der Geheimrat Lenz trank gern Moselwein.

Was wird geschehen, wenn ich gestehe, daß ich keiner Verbindung angehöre, dachte Jürgen. Und sein Mund sagte: „Ich halte das für überflüssig.“

Die väterliche Hand rutschte von Jürgens Schulter herab und legte sich in die Hüfte des Geheimrats. Der Unterleib schien in die Brust hinaufzusteigen. Die Augen fragten: Was wollen Sie dann bei mir?

Endlich sagte der Geheimrat: „Junger Mann, nur wer einem Korps angehört, lernt die oberste aller Pflichten, die ihn erst befähigt, später zu den Ersten, zu den Führern seines Volkes zu gehören: die schwere, aber schöne und erhabene Pflicht des Gehorsams, das freie Beugen vor der Autorität, ohne welche nichts in der Welt bestehen kann ... bestehen kann. Die Narben im Gesicht des Korpsstudenten sind die Bürgschaft dafür, daß der ganze Mann, der für seine und für des Korps Ehre ohne zu zucken dem Gegner mit blanker Waffe gegenüber gestanden hat, auch später, wenns einmal so weit ist und Gott es will, bis zum letzten Blutstropfen dem Vaterlande die Treue halten wird, wenn es gilt, die Ehre des Reiches zu wahren ... Aber außerdem: wie wollen Sie vorwärtskommen? Wie anders wollen Sie es zu einer geachteten, einflußreichen Stellung bringen? ... Denken Sie an Ihren Vater. Er war mein Freund. Wir gehörten dem selben Korps an. Er war ein Mann.“

Und ist, wie ich jetzt weiß, zusammengebrochen und kaputtgegangen, weil er nicht erreichte, Vortragender Rat im Ministerium zu werden, dachte Jürgen.

Und glitt, während er durch die Straßen ging, noch eine halbe Stunde lang weiter auf dem glatten Gleis, das der Geheimrat vor ihn hingelegt hatte. Bei einem kleinen Kolonialwarenladen, in dessen Schaufenster ein langbärtiger Zwerg aus Gips eine Zigarre rauchte, blieb er stehen.

Haß und Ekel vor dem Jürgen, der in des Studenten Zimmer das imaginäre Duell ausgefochten hatte, packten ihn so plötzlich und so heftig, daß er sich auf das Mäuerchen setzen mußte, auf dem das Schaufenster ruhte. „Welch ein erbärmliches, widerliches, feiges Schwein bist du!“ rief er dem Zwerg im Schaufenster zu. Jede Bewegung, jedes Wort, das jener Jürgen gesprochen hatte, folterte den Jürgen, der, brennend vor Scham, auf dem Mäuerchen saß.

Da schwenkte, Lack-, Glacé- und Hosenfalten-glatt, Adolf Sinsheimer um die Ecke, nahm schon in der Ferne feierlich den Zylinder ab. Unwillkürlich hatte auch Jürgen feierlich gegrüßt.

„Große Aufregung im Hause Lenz, was?“ fragte Adolf, nachdem er erfahren hatte, wo Jürgen gewesen war. „Wirklich nichts bemerkt? Dann wissen die es einfach noch nicht ... Gestern nämlich ist Katharina von zuhause durchgebrannt. Schlankweg zu den Anarchisten! Die fabriziert jetzt Bomben. Auch eine Beschäftigung! ... Übrigens, du gestattest doch, daß ich mich bedecke?“

„Weshalb solltest du deinen Zylinder in der Hand halten!“ Jürgen war wütend.

„Ein ereignisvolles Jahr! Man entwickelt sich schneller, als man geglaubt hat. Ich sitze längst im Direktionsbureau. Rechte Hand des Chefs! Und was das Leben anlangt, mein Lieber, da akzeptiere ich keine mehr, die nicht tadellos gewachsen ist. Vor allem die Beine! Kann mir nicht mehr passieren.“

Was ist da zu tun – er entwickelt sich, dachte Jürgen und blickte Adolf nach, der frisch und glatt davonschritt. ‚Was ist da zu tun.‘

Plötzlich stand Adolf wieder vor ihm. „Leo Seidel war bei mir. Total zusammengeklappt! Mein Alter hätte ihn ja als Schreiber in unserer Buchhaltung angestellt. Er aber erkundigte sich nach den Aufstiegsmöglichkeiten. Was sagst du dazu? ... Mein Alter fragte ihn, ob er ihm vielleicht Prokura erteilen solle. Schwuppdich – war er draußen ... Später erfuhr ich, daß er zu allen früheren Mitschülern läuft, deren alte Herren, wie er glaubt, ihm einen Posten mit – husch, die Lerche! – Aufstiegsmöglichkeiten verschaffen könnten.“

Auch bei Jürgen war Seidel gewesen. Jürgen hatte ihm vorgeschlagen, er solle mit ihm zusammen einen Bund der Empörer gründen. Seidel hatte geantwortet, dazu sei er nicht dumm genug. Und der Rektor hatte Seidel geantwortet, einem derart unbescheidenen Menschen, der aus Unzufriedenheit leichtfertig sein Glück verscherzt habe, noch einmal eine Stelle zu verschaffen, müsse er prinzipiell ablehnen.

Einige Monate war Seidel bei dem Bankier Wagner in der Buchhaltung beschäftigt gewesen. Aber auch in diesem großen Bankhause waren die Wege zu den zäh verteidigten einträglichen Posten zwanzig Jahre lang und führten, gezogen mit dem Lineal, zwischen unübersteigbar hohen Mauern durch.

Seidel hatte bald erkannt, daß hier alle Angestellten nicht nur unangreifbar gewissenhaft, sondern ausnahmslos auch flink wie die Kreisel waren; daß es Hohmeiers hier überhaupt nicht gab; und daß niemand Bankangestellter werden und bleiben durfte, der Bankier werden wollte.

Der schwindsüchtige Briefträger und seine Frau waren gestorben, die vier jüngeren Geschwister in das Waisenhaus gebracht worden.

Die neue Mietpartei war schon eingezogen in das Hofzimmer, in dem Seidel sein ganzes Leben vom Tage der Geburt an in immer gleicher Armut verbracht hatte. Es war ihm erlaubt worden, die altersschwachen Möbel so lange in der Holzlage einzustellen, bis er einen Altwarenhändler fand, der auch den armseligsten Gegenstand nicht für ganz wertlos hielt.

Den nach Begleichung der letzten Vierteljahrsmiete und der Schulden beim Kolonialwarenhändler und Bäcker von dem Erlöse der Wohnungseinrichtung übriggebliebenen winzigen Rest des Geldes in der Tasche, das Herz kalt vor Energie und zielbewußter Willenskraft, von Wehmut, Feigheit und schwächlichen Überlegungen nicht gehemmt, verließ Leo Seidel um acht Uhr früh für immer seiner Jugend stinkenden Hof, in dem nie etwas schön gewesen war, außer einem Büschel Löwenzahn, der, kümmerlich und zäh, jedes Jahr in der gepflasterten Ecke geblüht hatte.

Seidels Herz hatte ihn niemals zu den gelben Blüten geführt; es war, jenseits von Gefühlsüberschwang, ein gehorsam arbeitender Muskel und wurde vom Gehirn regiert, das Seidel zum Träger eines zielklaren Willens machte.

Losgeschnitten von der Vergangenheit, vor sich das Obdachlosenheim, stand er blank auf der Straße, völlig auf sich selbst gestellt.

Herabgesunkener Morgennebel, der nur die Dächer der zwei nächsten Häuser links und rechts von Seidel freiließ, hatte die Straße, die wenigen Passanten und alle Geräusche verschlungen. Seidel stand grau in grau. Und erklärte sich selbst, weshalb für ihn Grund zum Jammern nicht vorhanden sei: Er habe Zeit, sei jung und gesund und bereit, rücksichtslos seinem Ziele entgegenzugehen.

Um dieses Zieles Inhalt und Ausmaß einwandfrei abzustecken, sondierte er vorstellungskräftig die Idee eines Friseurgehilfen, der darauf spekuliert, in das Geschäft einer Friseurswitwe einzutreten mit dem Ziele, die Witwe zu heiraten und Geschäftsinhaber zu werden; einen jungen Handlungsgehilfen ließ er mit der reizlosen Tochter des Chefs zum Standesamt gehen und ihn in einem dunklen, duftgeschwängerten Laden ein warmes Drogistenglück bis zum Tode genießen. Unbelasteten Gemütes folgerte Seidel, daß auch er in irgendein Geschäft eintreten und sich im Laufe der Zeit ein auskömmliches Dasein in bescheidenen Grenzen erarbeiten könnte.

Er trennte sich von dem Ziele des Friseurgehilfen, vom Drogisten, und wandte sich seiner Laufbahn zu, die zwar noch kleiner und unsicherer als die eines Drogistengehilfen beginne, aber Lücken und Spalten und Maschen habe, durch die er durchschlüpfen zu können hoffe, worauf die Laufbahn in Form einer Spirale unter zäh zu überwindenden Schwierigkeiten aller Art ansteigen und in der Berliner Börse enden werde. Dann breitete sich das Leben aus: Jedes Wort des Finanziers Leo Seidel hat Gewicht; eine von ihm verweigerte Unterschrift verursacht Beklemmung und Katastrophen in den Bankhäusern.

Seidels Augen schlossen sich halb. Er flüsterte: „Aus eigener Kraft! Keiner meiner Mitschüler wird sich mit mir vergleichen können; sie alle werden hinter mir zurückbleiben, obwohl sie geebnete Wege vorfanden.“

Er befand sich auf dem Wege zu dem Platz, wo die Schaubudengerüste aufgestellt wurden für den am folgenden Tage beginnenden großen Jahrmarkt. Er dachte, gegen die hier beschäftigten verkommenen Existenzen werde ein gewissenhafter Mensch ganz besonders scharf abstechen und, über sie hinweg, bei einem Schaubuden- oder Karussellbesitzer schnell zu einer Vertrauensstellung gelangen können. Außerdem sei er hier nicht, wie der Droschkengaul, zwischen zwei Deichseln gespannt, da allerlei Möglichkeiten, auszubrechen, sich ergeben würden.

Seine kantige, gewaltig breite Stirn bildete zusammen mit dem sehr spitzen Kinn ein beinahe gleichwinkliges Dreieck. Das Dreieck war mit alten Sommersprossen dicht besetzt. Aber auch in bezug auf seine Streberei hatte er in der Schule den Spitznamen „Sprosse“ bekommen. „Von Sprosse zu Sprosse.“

Burschen in verblichenen Sweaters, die Zigarette hinter dem Ohr, rissen Pflastersteine heraus, hockten, in Morgennebel gehüllt, auf den Gerüsten, nagelten, schrien, schraubten die Holzteile fest. Alles fügte sich wie immer ineinander.

Hier ist durch Fleiß und vor allem durch Gewissenhaftigkeit sicher mehr zu erreichen als in einem Magistratsbureau, dachte Seidel und fing vor dem grünen Wagen den Schiffschaukelbesitzer ab, zog den Hut. „Verzeihung, ich möchte fragen, ob Sie noch eine Hilfskraft bei Ihrem Unternehmen brauchen.“

Verdutzt sah der Mann den solid gekleideten jungen Herrn an, die saubere Wäsche. „Ich verstehe nicht recht. Ich brauche zwar noch zwei Adjunkte zur Bedienung von vier Schiffen ... Aber Sie? Was wollen Sie?“

„Ich leiste jede Arbeit, die Sie verlangen ... Was ist das: Adjunkte?“

„So heißen die Burschen bei den Schiffschaukeln ... Zwei sind vorgestern eingesteckt worden. Acht Wochen Gefängnis! Hatten wieder geklaut. Aber schon bevor sie bei mir waren“, setzte er schnell hinzu.

„Demnach können Sie mich also brauchen?“

Der Mann hob abwehrend beide Hände in Kopfhöhe: „Freundchen ... haben Sie Papiere? Waren Sie schon einmal bei so was? ... Zuerst müssen Sie mir einmal nachweisen, daß Sie nicht von der Polizei gesucht werden ... Und vor allem möchte ich wissen, weshalb Sie von der Polizei gesucht werden.“

Da reichte Seidel dem Manne sein Abiturientenzeugnis und das Entlassungszeugnis vom Stadtmagistrat, das den Vermerk über Seidels Tüchtigkeit, Fleiß und Gewissenhaftigkeit enthielt.

Der Mann wunderte sich nicht. Ihm waren während seiner vierzigjährigen Jahrmarktstätigkeit schon alle möglichen Existenzen untergekommen.

„Auf meine Gewissenhaftigkeit beim Geldeinsammeln könnten Sie sich verlassen.“

„Da wären Sie der erste, auf dessen Gewissenhaftigkeit beim Geldeinsammeln ich mich verlassen würde. Aber brauchen kann ich Sie.“ Er stieg, von Seidel, gefolgt, in den grünen Wagen, in dem, transportfest, die zwölf funkelnden Schiffe standen.

Der kräftige Bursche mit Ledergurt, rotem Sweater und einem großen, pflaumenblauen, herzförmigen Mal auf der Backe tat, als habe er beim Putzen der Messingteile keine Pause gemacht. Der Besitzer schickte ihn hinaus. „Hier, das Handgeld.“

„Handgeld brauche ich nicht ... Ihre Schiffschaukel scheint übrigens ganz neu zu sein ... Wenn Sie zufrieden sind mit mir, werden Sie mir meinen Lohn schon geben.“

Das hatte der Mann noch nicht erlebt. Beinahe verlegen sagte er: „Ja, ich habe die modernste Schiffschaukel der Messe. Kostete mich ein Vermögen! Das will verdient sein. Sie ist einen Meter siebenzig höher als die der Konkurrenz ... Können Sie morgen früh antreten?“

Schnellen Schrittes ging Seidel zu dem Altwarenhändler und holte den Gegenstand ab, den er nicht mitverkauft hatte.

„Das einzige noch einigermaßen brauchbare Stück! Der ganze übrige Plunder ist vollkommen wertlos“, wiederholte der Mann, der am Tage vorher heftig und erfolglos um den Besitz dieses Gegenstandes gekämpft hatte. „Elender Plunder!“

„Wie kann eine Wohnungseinrichtung, in der eine große Familie fünfundvierzig Jahre gelebt hat, plötzlich ganz wertlos sein!“ Seidel nahm den in braunes Packpapier eingewickelten Gegenstand unter den Arm. Stand eine Stunde später im Studierzimmer vor Jürgen, erklärte, auf dessen Fragen hin, mit drei Sätzen, welche Arbeit und weshalb er sie angenommen und welches Ziel er habe. „Ich will zu Geld kommen, reich werden. Sehr reich! Reicher als ihr alle seid!“

„Bei einer Schiffschaukel? Du, ein mehr als gewissenhafter Mensch!“

„So verkommen würdest du niemals, wie? Was würden die Leute sagen? ... Mir jedoch ist das einerlei. Muß mir gleich sein! Gutbürgerliche Gefühle und Sentimentalitäten kann ich mir nicht erlauben. Ich brauche Bewegungsfreiheit, um alle Möglichkeiten ausnützen zu können. Im Magistratsbureau und auch in irgendeiner anderen festen Stellung gibt es keine Möglichkeiten für mich. Bin kein Fabrikantensohn ... Ich will mein Ziel erreichen. Und ich werde es erreichen. Und dann werde ich erst recht rücksichtslos sein.“

„Dein Haß ist ja recht schön ...“

„Wieso ist er schön?“

„Nun, ich kann deinen Haß begreifen; aber Reichtum ist doch kein erstrebenswertes Ziel. Was bist du, was hast du, wenn du reich bist und die Armen wie bisher arm bleiben und überhaupt alles so bleibt, wie es ist? Dann gehörst du bestenfalls zu denen, die gehaßt werden. Wem nützest du damit?“

„Mir!“ Aller Haß, der in einem Menschenkörper Raum hat, sammelte sich in Seidels Blick, gerichtet auf Jürgen, der immer sorgfältig gekleidet gewesen war, nie gehungert, regelmäßig gebadet und die Demütigungen der Armut nie erfahren hatte. „Du machst Worte. Du weißt doch sehr gut, was Reichsein bedeutet!“

„Ich war in anderer Hinsicht immer so arm wie du. In unserer Zeit sind die Menschen arm. Alle! Auch die Reichen, glaube ich. Furchtbar arm!“

Da konnte Seidel nur die Lippen verziehen. „Und was für ein Ziel hast du?“

„Ich weiß nichts. Gar nichts! ... Das Ganze ist unerträglich. Ich sage: das Ganze muß ganz und gar anders werden.“

„Nun, dann wird es ja wohl anders werden.“ Dabei schälte er das Packpapier herunter von dem poliertem, zartgebauten Nähtischchen seiner Mutter und bat, Jürgen möge es für ihn aufbewahren.

„Wenn du schon alle Beziehungen zu deinem bisherigen Leben abbrichst, was hängst du dich da an das Nähtischchen? Dieser Art Gefühle können dir – einem Menschen, der solche Ziele hat – doch nur hinderlich sein. Oder sollten Rücksichtslosigkeit und Sentimentalität einander vielleicht doch nicht ausschließen?“ Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb er Seidel diesen Hieb versetzte.

„Mit dem Ding sind meine einzigen schönen Kindheitserinnerungen verbunden. Wenn die Mutter flickte, saß ich am Boden, durfte mit dem Einsatz spielen.“ Er schob die Fächerschublade wieder hinein ... „Na, heb’s auf ... Zweifellos wird die ganze Bande auf die Messe kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen. Mögen sie kommen!“ Die Lippen bebten. Die Sommersprossen traten stärker hervor, so weiß war das Gesicht geworden.

‚Vielleicht wird er ein sehr reicher, geachteter Mann werden; im Magistratsbureau würde er ein mittelloser geachteter Mann geworden sein ... Rein äußerliche Rangstufen: arm, wohlhabend, reich, sehr reich, sehr reich und gebildet, Millionär ohne, Millionär mit Geschmack und Kultur, Großfinanzier – die innere Linie ist bei allen die selbe. So ist heute das Leben ... Und ich? Wie stehts mit mir? Was soll, was will ich werden? Was und wie will ich sein? Wie werde ich in zwanzig Jahren sein?‘ Jürgen fand keine Antwort.

Das jüngste Mitglied des von Jürgen gegründeten Bundes der Empörer, ein vor dem Abiturientenexamen stehender Gymnasiast, hatte bei der Gründungssitzung erklärt, einer sei zuviel auf der Welt, entweder müsse er sich oder den Geschichtsprofessor vergiften. Und war von seiner Ansicht nicht abzubringen gewesen durch Jürgens Entgegnung, daß dann ja immer noch einige tausend Geschichtsprofessoren am Leben bleiben würden.

Als einige Tage später auch noch die zwei andern Mitglieder, fünfundzwanzigjährige, halb verhungerte Burschen, die behaupteten, als Matrosen und Goldgräber schon die ganze Welt gesehen zu haben, in der Villa erschienen waren, versehen mit einem Drahtreif voll Sperrhaken und entschlossen, die Wocheneinnahme eines Metzgermeisters, der jeden Freitag verreist sei, unter Führung ihres Vorsitzenden und mit Hilfe der Sperrhaken zu holen, war der Vorsitzende Jürgen aus dem Bunde der Empörer ausgetreten.

Die Aussprache mit einem schon älteren Manne, der sechzehn im Zimmer frei umherfliegende Kanarienvögel und eine Bulldogge besaß, aus Liebhaberei auch vorgedruckte Postkarten täuschend kolorierte und behauptet hatte, er halte die Fäden der anarchistischen Bewegung der ganzen Welt in seiner Hand, in Mexiko dürfte, entzündet durch zwei seiner Chiffretelegramme, die Geschichte demnächst platzen, war von Jürgen nach drei Minuten abgebrochen worden.

In der Jahresversammlung des Vereins für Bevölkerungspolitik und Säuglingsschutz, in der die Damen beschlossen hatten, uneheliche Wöchnerinnen und Kinder in das Heim prinzipiell nicht mehr aufzunehmen, war Jürgens Frage an das Leben ebenso unbeantwortet geblieben, wie durch die Rede des Rektors am Grabe des jüngsten Mitglieds des Bundes der Empörer, jenes Gymnasiasten, der sich am Tage nach dem mißglückten Examen erhängt hatte.

Nach achtmaliger Anwesenheit in den kostbar, geschmack- und weihevoll eingerichteten Räumen der ‚Schule zur innerlichen Vervollkommnung‘, wo brillantengeschmückten alten Damen, langhaarigen Jünglingen und kurzhaarigen Mädchen von sehr gebildeten Menschen empfohlen wurde, das Beste von Laotse mit dem Besten von Buddha zu vereinen und diese höhere Einheit zur Richtschnur ihres Seelenlebens zu machen, war Jürgen, der geäußert hatte, die Weisheit dieser Richtschnur bestehe ganz offenbar darin, die eigene Seele zu maniküren und sich um die Not der andern nicht zu kümmern, sei also handfester Egoismus und von irgendwelcher Hingabe noch weiter entfernt als der Unsinn des Bulldoggenbesitzers mit den Kanarienvögeln und Chiffretelegrammen, höflich und leise ersucht worden, den ‚Stillen Stunden innerer Einkehr‘ von nun an fern zu bleiben, worauf er mit steigender Sympathie wieder an die zwei hungrigen Goldgräber mit den Sperrhaken gedacht hatte.