Part 3
Er mußte sich auf das Kanapee setzen, über dem, in ovalen Rahmen, symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien der Familie Kolbenreiher hingen. In der Mitte ein Jugendbildnis des Vaters. Die Tante rückte das schon genau in der Tischmitte stehende Resedasträußchen, das sie zur Feier des Tages im Garten geschnitten hatte, in die Tischmitte, zupfte ihr Geschenk, das Papageiüberhandtuch, zurecht. „Du wirst also in eine vornehme Verbindung eintreten. Du trägst eine Mütze, eine grüne oder eine schöne blaue, lernst Schießen und Fechten, natürlich nicht zu echt, eben nur, um deinen Mut zu stählen und weil das dazugehört ... Jetzt nimm diesen Leuchter! Den Partner dazu bekommst du, wenn ich einmal unter der Erde liege. Das wird bald sein, und nachher kriegst du alles.“
Dann schilderte sie fließend, als lese sie wieder aus ihrem Haushaltungsbuch vor, wie Jürgens ganzes Leben sich gestalten werde: – daß er in soundso viel Jahren diesen und diesen, später einen noch höheren und zuletzt den Beamtengrad eines Amtsrichters erreichen werde, mit soundso viel Gehalt, gelangte zu dem Lebensalter, in dem er einen Orden bekommen würde, und ging über zur Pensionierung. „So will es dein Vater. Wenn du deine Pflicht erfüllst, wirst du als ein Mann begraben, von dem deine Kollegen sagen werden: er soll uns ein schönes Vorbild sein und bleiben ... Mehr kann man vom Leben nicht verlangen, Jürgen. Mein Großvater sagte einmal zu mir: Man kann die Achtung, die ein Mensch im Leben genoß, an der Länge seines Leichenzuges messen.“
Jürgen schoß über das Lebensziel, ein pensionierter Amtsrichter zu werden, weit hinaus, stieg in wenigen Sekunden zu einer weltberühmten Leuchte der Wissenschaft empor, nahm eine Brust voll höchster Orden, die er nicht einmal beachtete, entgegen, wurde nebenbei Bürgermeister, ließ sich in den Reichstag wählen und übernahm das Ministerpräsidium. Alle Bürger grüßten ihn tief. Dann sah er sich voller Freude seinen kolossalen Leichenzug an.
„Ja, Jürgen, so ist es: seine Pflicht tun und ein geachteter Mann sein ...“
Unversehens, wie die Uhr aufhört zu ticken, starb in Jürgen die Begeisterung. Das grandiose Zukunftsgebäude krachte lautlos zusammen.
„Das erste gibst du dem Leben und bekommst dafür vom Leben das andere ... Und unsern Garten und mich hast du ja auch noch“, sagte die Tante und ging. Adolf Sinsheimer war eingetreten.
Er lag im Großvaterstuhl wie der Lord im Klubsessel. „Mein Alter hat sich mir erklärt. Wir haben uns geeinigt über die Zukunft, die ich ergreife.“
‚Daß gerade diejenigen, denen ich am allermeisten mißtraue, weil sie mich am allermeisten gequält haben, von mir fordern, ein geachteter Mann zu werden, sollte mir eine Warnung sein, ein solcher zu werden. Vielleicht ist man ganz und gar verloren, wenn man ein geachteter Mann geworden ist.‘ „Welche ergreifst du denn?“
„Industrie, mein Lieber, Industrie! Nur der enorme Aufstieg unserer Industrie hat Deutschlands Weltgeltung begründet ... Mein Vater ist übrigens genau derselben Meinung. Ich werde dir nachher beim Spaziergang die Chose zeigen, in die ich eintrete ... Übrigens, rauchst du? Dieses Etui habe ich mir heute zugelegt. Du rauchst nicht? Aber das ist ja toll ... Herein!“ rief Adolf schnarrend.
Phinchen blieb, verlegen lächelnd, im Türrahmen stehen. Die Kaffeekanne dampfte. Ächzend schlug er das Bein über. „Aber ich bitte, treten Sie doch näher ... Trinkst du denn dieses Weibergesüff?“
„Die ist verliebt, kannst dich darauf verlassen“, sagte er, als Phinchen gegangen war. Und auf der Treppe: „Ein Mädchen, das immer gleich lacht, ist verliebt ... Unser Prokurist ist übrigens genau der selben Meinung.“ Sie gingen die Straße hinunter.
„Und in wen wäre sie denn verliebt?“ Jürgen sah steif geradeaus.
„In uns natürlich! In einen Mann, gewissermaßen.“ Er schnallte das Ohrenband ab. „Dies hier ... weg damit!“ Und schleuderte es auf den Asphalt. Die Ohren erholten sich. „Es fällt einem verteufelt leicht, bei einem so jungen Ding Eindruck zu schinden“, sagte er noch und griff an seinen rosaseidenen Schlips. Da rückte auch Jürgen sein fingerschmales Schülerkravättchen zurecht.
„So, dort ists.“ Adolf deutete über den Platz auf das mächtige Eckhaus.
„Knöpfe“ stand in meterhohen Buchstaben weithin sichtbar zwischen allen vier Stockwerken. Und auf dem Firmenschild: Simon Eberlein, Größtes Knopfexporthaus Europas, Alle Sorten Knöpfe.
„Hier trete ich als Volontär ein. Nun? ... Halt, erst von hier aus ansehen! Ein ungeheuerer Betrieb, mußt du wissen! Handelsbeziehungen überall hin! ... Amerika! Jetzt komm!“
Am Arm führte er Jürgen über den Platz, bis vor den elektrischen Aufzug, der an der Außenseite des Gebäudes angebracht war, und las vor: „3000 kg und Führer. Verstehst du, damit können 3000 kg Knöpfe befördert werden ... Stelle dir das vor!“
„Das ist allerdings kolossal“, sagte Jürgen träumerisch.
„Na, einfach grandios!“ Vorsichtig zog er ihn zu den Parterrefenstern, die bis zur Hälfte mit grasgrünen Schutzgitterchen beschlagen waren.
In gleichartig eingerichteten Bureaus arbeiteten junge Schreiber. An Tafeln, die siebenmal den Arbeitssaal durchquerten, etikettierten flinke Mädchenhände Knöpfe auf Akkord. Knopfmustertafeln bedeckten alle Wände. Die Schiebetür in der Rückwand war offen. Dahinter befand sich ein ebensolcher Saal, und durch ihn durch sahen Jürgen und Adolf in einen dritten Arbeitssaal hinein, in dem, durch die Perspektive verkleinert, die Menschen sich wie Insekten bewegten.
Ein Schreiber sauste durch die Seitentür herein in den ersten Saal, pfeilschnell durch und hinaus. Unterm Hoftor stand der Lagerist, einen Pack Frachtbriefe in den Händen, und rief monoton Zeichen und Nummern. Der Arbeiter wiederholte singend, und die Fuhrleute karrten die aufgerufenen Knopfkisten zum bereitstehenden Lastwagen.
„Riskieren wirs und gehen ins Café? Ich habe Geld.“
„Übrigens, andernfalls hätte ich dir auch aushelfen können. Ich stehe dir zur Verfügung. Genügt dir das?“
„Ich habe ja.“
Adolfs Stirn bekam Falten. „Aber ich bitte dich, unter Freunden! Ich bin gerade bei Kasse.“
Jürgen öffnete seinen Beutel. „Da, sieh selbst! Habe ja genug.“
„Jürgen, du bist geradezu beleidigend. Nimm diese Summe ... Ich könnte sonst unter keinen Umständen den Verkehr länger mit dir aufrecht erhalten.“ Adolfs Hände und Schultern bekräftigten: „Wir sind doch heute nachgerade keine Gymnasiasten mehr, gewissermaßen.“ Er öffnete die Tür. „Bitte, nach dir!“
Am Stammtisch qualmten Skatspieler, die alle Glatzen hatten; eine spanische Wand sonderte ein Kaffeekränzchen – neun, mit farbigen Kapotthüten geschmückte, papageienhafte Damen – ab von den stillen Zeitungslesern. Der Ober bediente geschäftsfreudig und schwungvoll, stand manchmal reglos auf seinem erhöhten Beobachtungsposten neben dem Büfett, wachsam das Lokal im Blick. Ein Fenstertisch, mit der Aussicht auf das Knopfexporthaus, war frei.
Der Pikkolo stand, ein Bein elegant übergeschlagen, reglos in genau der selben Haltung wie der Ober, und wand sich auf dessen Augenwink hin schwungvoll und geschäftsfreudig um die Tischecken herum zu den Freunden; er war erst seit zehn Tagen Pikkolo.
„Was befehlen die Herren?“ Die schwiegen. Und der Pikkolo rasselte heraus: „Bier, Wein, Kaffee, Tee, Schokolade ... Eis, Punsch, Glühwein, Limonade.“ Achtungsvoll betrachtete er die Schweißtropfen, die auf den Stirnen der Freunde hervortraten. Und fühlte seine Überlegenheit im selben Maße wachsen, wie die Ratlosigkeit der beiden zunahm, wiederholte singend sein Gedicht.
Adolf bestellte zwei Glas Glühwein und zwei Glas Grenadine und sagte, nachdem der Pikkolo an das Büfett gestürzt war: „Ich habe Glühwein und Grenadine für uns bewerkstelligt. Du gestattest doch!“
Der Pikkolo ließ unterwegs das Tablett, wie von einer Meereswelle mitgeführt, aus der Tiefe weich in die Höhe steigen, wieder abwärts schwimmen und knirschend auf die Marmorplatte auflaufen, ohne einen Tropfen zu verschütten.
„Die Grenadine schmeckt wie der Buchdeckel der Biblischen Geschichte, weißt du, wenn man daran geleckt hat“, sagte Jürgen und verzog das Gesicht.
Als die Freunde sich am dampfenden Glühwein die Zungen verbrannt und im Bad des heißen Sonnenscheins die Zigarillos angezündet hatten, erlangte Adolf die Fassung wieder, lehnte sich zurück, sah zum Knopfgebäude hinüber. „Du hattest Gelegenheit, die Parterresäle in Augenschein zu nehmen. Der selbe Betrieb wickelt sich in allen vier Stockwerken ab. Und unterm Dach sowie im Keller befinden sich ebenfalls gigantische Knopflager ... Das muß man sich nur vorstellen: Das ganze Riesengebäude vollgestopft mit lauter Knöpfen. Alle Sorten, notabene!“
Von der Sonnenhitze mit Glühwein und Zigarillos war Jürgen übel geworden: Das Knopflager wurde lebendig, verwandelte sich in ein ungeheures Meer schwarzer Schwabenkäfer, die an allen Wänden auf- und übereinander krabbelten. In nebelhafter Ferne hörte er die begeisterte Stimme Adolfs.
„Alle, absolut alle Arten Knöpfe! Ich werde mir eine Knopfsammlung anlegen. Sie wird die größte der Welt sein. Lückenlos! Denn, überlege – welcher Knopfsammler hätte, wie ich, diese Gelegenheit ... Und meine zukünftigen Kollegen da drüben, bei denen das gewissermaßen der Fall wäre, denken vermutlich wieder nicht daran, sich eine Knopfsammlung anzulegen.“
Der Ober schwebte einen halben Meter über dem Fußboden durch das Lokal. Jürgen wagte Adolfs wegen nicht, die Zigarillos wegzuwerfen. Den Stumpen im Mundwinkel, das Gesicht von kaltem Schweiße beschlagen, sah er mit dem verzerrten Ausdruck lächelnden Wohlbehagens seinen Freund an.
Der entwickelte den Plan seines Vaters, eines großen Knopffabrikanten, welcher sich mit der Idee trug, seiner Fabrik ein eigenes Knopfexporthaus anzugliedern, nachdem Adolf bei der Konkurrenz den Betrieb gründlich kennengelernt habe. „Da hast du meine Zukunft. Mein Weg läuft pfeilgrad empor ... in logischer Folgerichtigkeit, gewissermaßen ... Industrie und Handel, mein Lieber! Alles andere ist Romantik.“
Sie sahen zum Fenster hinaus; die Pferde vor dem Exporthaus zogen an; die hochgetürmten sauberen Knopfkisten rollten fort, dem nahen Güterbahnhof zu.
Der Knopflastwagen, das ganze Café, Skatspieler, Messinglüster, Sammetbänke kreisten wie eine Berg- und Talbahn um Jürgen herum. Er wollte beiläufig seine schon in wenigen Jahren zu erwartende Wahl zum Bürgermeister erwähnen und sagte krampfhaft gleichgültig: „Es wäre jetzt vielleicht gar nicht unangenehm, ein wenig hinaus in die schöne, frische Luft zu gehen.“
Vor dem Café sah Jürgen, wie eine gepflegte Dame auf einen Krüppel zuging, dem der rechte Arm und das linke Bein fehlten. Die Frau des Krüppels nahm die Banknote sofort an sich und stellte der sekündlich aufblitzenden Wut ihres Mannes einen notgestählten Blick entgegen. Der skrofulöse Säugling auf ihrem Arme unterbrach den stummen Kampf durch Geschrei. Dann zog die Familie weiter. Langsam, böse, farblos.
Nachdem der offene Wagen der Trambahn die verkehrsreichen Straßen durchfahren, die letzten Häuser und den mächtigen Gaskessel hinter sich gelassen hatte und in nun ungehinderter Fahrt durch sanfthügeliges Wiesenland der Endstation entgegensauste, von kühler Luft durchzogen, röteten sich Jürgens Wangen wieder.
Ein Herr, alt, grau, steif, wie aus grauem Pappendeckel zusammengeklebt, wackelte steif hin und her.
„Auch wenn andere Plätze frei sind, fahren alte Leute nicht mit den Augen zur Fahrtrichtung ... Die Jungen immer!“
„Das ist eleganter Blödsinn.“ Adolf saß lässig zurückgelehnt, Bein übergeschlagen.
„Die Alten wollen gar nichts Neues mehr sehen. Die blicken immer in die Vergangenheit.“
„Glatter Unsinn! Direkt eleganter Blödsinn!“
„Die Jungen wollen sehen, wohin die Fahrt geht.“
Die Alleebäume flogen plötzlich nicht mehr nach rückwärts. Der Wagen hielt bei der Endstation im Knirschen der Bremsen. Stille, in die hinein ein Vogel zwitscherte.
Der Führer blieb allein zurück, setzte sich in den Straßengraben. Der Wagen stand beziehungslos in der Landschaft. Der Tag war heiß und lang gewesen.
Jürgen, schnell in Harmonie mit der Natur, wollte durch den Wald heimwärts gehen, während Adolf, zu abrupt ins Grün gestellt, unwillige Blicke den Ackerfurchen zuwarf und vorschlug, wieder mit der Straßenbahn zurückzufahren.
Die schon versinkende Sonne ließ noch Feuer aus den Fenstern der Stadt schlagen. Das sanftgewellte Land lag weit hingebreitet. Die fernen Wälder schienen nur handhoch zu sein. Der herauftönende Pfiff der Papierfabrik stieß die Arbeiter zu den Toren hinaus. Schon stand ein grüner Stern am Himmel. Liebespaare, umschlungen, gingen vorüber, der heraufkommenden Sommernacht entgegen.
„Kein Zweifel, die sind schwer verliebt. Du natürlich bemerkst das nicht.“ Adolf setzte sich mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung und forderte: „Sitze du auch so!“
Da fiel Jürgen ein, daß er eigentlich gegen seinen Willen zurückfuhr. „Ich sitze so.“
„Eleganter Blödsinn! Das gibst du doch zu?“
„Nein, das gebe ich nicht zu. Das gebe ich nicht zu“, sagte er noch beim Betreten der Küche vor sich hin und blickte die feuchten, vollen Schultern Phinchens an, die, im Unterrock und Hemd, glühend am Bügelbrett stand.
Sein Kopf blieb klar; das unbekannte Gefühl fuhr ihm nur in die Beine. Phinchen konnte vor Aufregung die entblößte, aufsteigende Brust nicht bedecken.
Da kreischte die Haustür. Jürgen taumelte aus der Küche hinaus.
„Du mußt von jetzt an immer hübsch vollkommen bekleidet sein. Der junge Herr ist kein Kind mehr.“ Die Tante demonstrierte an ihrer Brosche. „Dies da und auch deine Schultern, überhaupt das alles darf man nicht sehen. So dick und nur einen Unterrock! Das ist nicht schicklich.“ Der Unterrock könne gewiß einmal aufgehen. Dann stehe sie im Hemd vor dem jungen Herrn.
Sie nahm aus dem Küchenschrank eine neue Kerze, zog mit dem Messer sorgfältig einen Riß herum – drei Zentimeter unter dem Docht – und stieg in Jürgens Zimmerchen hinauf.
Wortlos steckte sie die Kerze in den silbernen Leuchter und zündete an. Dann deutete sie auf den Riß. „Wenn sie bis hierher abgebrannt ist, mußt du aufhören zu lesen ... Das Bücherlesen im Bett und überhaupt das Ideale, das, was du Ideale nennst, muß auf ein schickliches Maß zurückgeführt werden.“
Jürgen beobachtete, wie das Flämmchen erstarkte, endlich senkrecht stand und wieder flackerte, als die Tante weitersprach. „Und morgen zeichne ich nur zweieinhalb Zentimeter zum Lesen an. Übermorgen wieder etwas weniger. Und allmählich liest du überhaupt nicht mehr im Bett, siehst du ... Auch deine Mutter las immer im Bett. Dein Vater hat es ihr abgewöhnt. Wer nicht selbst streng ist gegen sich, gegen den muß es ein anderer sein ... Deine Mutter hat dich machen lassen, was du wolltest. Verzogen, verwöhnt hat sie dich. Das soll eine Mutter nicht tun.“
„Das kannst du ja gar nicht wissen; du warst ja nie Mutter.“ Staunend beobachtete er, wie ihr ganzes Gesicht – auch die Stirn – sich dunkel rötete. Der Mund stand offen. In unbegreiflicher Fassungslosigkeit verließ sie das Zimmer.
Jürgen nahm das Bild seiner Mutter von der Wand, betrachtete lange den angsterfüllten Mädchenblick, den schmerzlichen Mund, der zu lächeln versuchte, und lehnte die Photographie gegen den Leuchter.
Im Bücherregal standen nur Reisebeschreibungen und Abenteuerromane in bilderreichen Umschlägen. Mit der ‚Schreckenvollen Reise in das Erdinnere‘ stieg Jürgen ins Bett, passierte zusammen mit dem kühnen Abenteurer auf dem Floße die zerklüftete Felsenspalte, geriet plötzlich in ein Loch und sauste auf gischtigen Wassermassen beinahe senkrecht in die Erde hinein. Es wurde nachtstill im Hause.
Dicke Finsternis umgibt Jürgen und sein Fahrzeug, das mit den immer gewaltiger brausenden Gewässern in rasendster Geschwindigkeit in die Tiefe stößt – volle zwölf Tage lang –, unter der ständigen fürchterlichen Gefahr, zu zerschellen.
Plötzlich verlangsamt sich die wilde Fahrt: Jürgen flößt aus einer Felsspalte heraus und, ganz wider Erwarten sanft, hinein in einen wunderbar stillen See im Erdinnern, an dessen Ufern menschenähnliche Geschöpfe mit Kuhköpfen stehen.
Grüne, fremde Helligkeit liegt über dem Tale und den milden Wäldern, obwohl kein Himmel vorhanden ist.
Der Abenteurer durchforscht vorsichtig das Tal nach gefährlichen Wilden, macht ungewöhnlich wichtige Entdeckungen und überlegt endlich, wie er mit seinem Floß auf dem senkrecht herabrasenden Gewässer aus dem Erdinnern wieder zur Erdoberfläche hinauffahren könne.
Heißgelesen, sah auch Jürgen nachdenklich auf. Und bemerkte mit Schrecken, daß die Kerze still bis über die Hälfte herabgebrannt war.
Während er dann im Traume papageiengroße, fliegende Edelsteine fing und mit kuhköpfigen Menschenwesen, die sich plötzlich in lauter geachtete Männer verwandelten, in bösen Kämpfen lag, streifte Adolf Glacéhandschuhe über, ging in den ‚Klub junger Kaufleute‘ und wurde vom Vorsitzenden auch den neuen Mitgliedern, Adolfs bisherigen Schulkameraden, mit feierlicher Korrektheit vorgestellt.
Einige Wochen später lag auf Jürgens Nachtkästchen eine Geschichte der Philosophie, in der schon viele Zettelchen mit Anmerkungen steckten.
Die Abiturienten hatten sich getrennt in zwei Gruppen, die weiterhin nicht mehr miteinander in Berührung kamen: Ein Teil studierte und hatte andere Interessen als die Fabrikantensöhne, die in die Geschäfte ihrer Väter eintraten.
Leo Seidel arbeitete im Magistratsgebäude, im städtischen Wohnungsnachweisbureau, dessen trübe Fenster gegen die Nordseite des immer sonnelosen Lichthofes standen.
Das Mißbehagen der Kollegen war von Monat zu Monat größer geworden. Jeden Morgen hatten sie, beim Eintritt in das Bureau, Leo Seidel schon heißgeschrieben am Pulte vorgefunden.
Vor allem Herr Hohmeier, ein Beamter, der sehr langsam arbeitete und seiner Dienstzeit nach am nächsten daran war, vorzurücken, lebte seit Monaten beständig in der Angst, daß der bei größtem Fleiße und unangreifbarer Gewissenhaftigkeit auch noch ungewöhnlich schnell arbeitende Leo Seidel den Buchstaben M zugeteilt bekommen werde, was der zahllosen zu bewältigenden Müllers und Maiers wegen eine Beförderung außerhalb der Reihe, ein Überspringen Hohmeiers bedeutet haben würde.
Noch besorgte Seidel den ungefährlichen Buchstaben Y, wurde infolgedessen bei seinen Abschreibearbeiten nie gestört und benutzte, zusammen mit dem jüngsten Kollegen, der gleichzeitig angestellt worden war, ein Doppelpult, über dem nur eine Gasflamme brannte.
Die Herren Neubert und Hohmeier hatten jeder ein Pult für sich – mit je einer Gasflamme. Über Herrn Anks Pult befand sich, entsprechend seinem höheren Dienstgrad, ein zweiflammiger Gasarm mit grünen Lichtblenden. Und vor des Herrn Bureauleiters Pult stand zudem noch ein drehbarer Schreibsessel, auf dem ein dienstliches Lederkissen lag. Auch war sein Löschblattbügel bedeutend breiter.
Dieses festgefügte Dienstschema zu sprengen, die niederen Dienstgrade zu überspringen, war Seidels Bestreben. Das allmähliche Vorrücken bis zum breiteren Löschblattbügel wollte er sich ersparen.
Das war seinen Kollegen nicht entgangen.
Der Tag, an dem die Katastrophe sich ereignete, begann damit, daß Herr Hohmeier begann, sich zu schneuzen, indem er Kanzleibogen und den schmalen Löschblattbügel zur Seite räumte und das Taschentuch erst sorgsam auf die Schreibtischplatte breitete.
Unterdessen trat beim Schalter ein Pelerinenkünstler von einem Fuße auf den andern, rastlos wie ein Mensch, der ein natürliches Bedürfnis besetztseinshalber meistern muß, und beobachtete, wie Herr Hohmeier das Taschentuch erst mit einem großen Hausschlüssel, dann mit dem Löschblattbügel beschwerte. Und als er endlich nach der Adresse seines Freundes fragen konnte, erfuhr er, daß die Polizei selbst schon lange nach diesem Kunstmaler Ferdinand Wiederschein fahnde.
„Wir haben herausbekommen, daß dieser Maler seit vielen Wochen jede Nacht in einem andern Bett schläft. Indem er nämlich jeden Morgen sein Handtäschchen wieder mitnimmt und sich, wenn die Schlafenszeit herannaht, ein neues Unterkommen sucht für die Nacht ... Der meldet sich nicht einmal an bei uns.“
Der Diener entleerte den Neun-Uhr-Kohleneimer in den alten eisernen Füllofen, auf dem Eva, schon rotglühend, Adam den rotglühenden Apfel reichte. Des Künstlers Gelächter knallte durch das Bureau.
„Da gibt es aber nichts zu lachen. Das ist eine ernste Sache. Wenns alle so machten, welch eine Unordnung hätten wir dann hier.“ Herr Hohmeier redete noch vor sich hin, als er schon dabei war, das Taschentuch schneuzfertig über die gespreizten Finger zu hängen, wie ein Zauberkünstler, der fragt: ‚Wohin soll ich das Goldstück verschwinden lassen?‘
Während der Vesperviertelstunde sammelten sich viele Leute in dem dunklen Wartezimmer an. Die Beamten aßen ruhig weiter, ungestört vom Leben, das nur bis zum Schalterfenster herankam.
Die Ungeduldigen hüstelten, scharrten mit den Füßen, klopften endlich an das Schiebefenster. Der ganze Schalterraum stand voll Menschen.
Und als die Uhr Viertel elf schlug und Herr Hohmeier zum Schalter trat, stellte es sich heraus, daß einige wieder gegangen waren, und die gebliebenen neun Auskunftsuchenden unter Buchstaben C bis G fielen und somit Herrn Hohmeier unterstanden.
Der fragte freundlich, wer zuerst dagewesen sei. Darüber entstand Streit. Viele waren zuerst dagewesen. Da drückte ein schwarzer Kohlenhändler alle anderen in die Ecken und verlangte die Adresse einer Familie, die umgezogen sei, ohne vorher die Kohlenrechnung bezahlt zu haben.
Während Herr Hohmeier mit dem Zeigefinger die Fächer des Regals nach dem Personalakt abtippte, den Akt nicht fand, setzte der Streit im Schalterraum von neuem ein. Schließlich vereinigte der Zorn alle Streitenden gegen die Beamten.
Wieder dachte Seidel darüber nach, ob außer ihm wohl noch ein Mensch auf der Welt durch so eine teuflische Kleinigkeit wie die, daß es nur wenige Namen mit dem Anfangsbuchstaben Ypsilon gab, daran verhindert sein würde, sich auszuzeichnen und vorwärtszukommen.
Herr Hohmeier trat noch einmal zum Kohlenhändler, fragte ihn, ob er den Namen denn auch richtig aufgeschrieben habe. Alle schimpften, streckten die Zettel durch das Schalterloch.
„Sie erlauben, Herr Hohmeier, daß ich Ihnen helfe.“ Seidel sammelte die Zettel ein.
„Nein, ich kann das nicht erlauben. Bitte sehr, Herr Seidel, ich erlaube das nicht ... Es sind meine Buchstaben.“
Die Wartenden schrien dazwischen. Der Bureauvorsteher, der von dem Tumulte aus seinem Vesperzimmerchen herausgelockt worden war, verfügte, daß die beiden jungen Herren dies eine Mal mithelfen sollten. „Ausnahmsweise!“
Unter unheilvollem Schweigen des bleichgewordenen Herrn Hohmeier wickelte sich das Geschäft jetzt glatt ab.
Herr Hohmeier war nicht fähig, zu arbeiten. Ein ungeheurer innerlicher Aufruhr machte ihn blind. Die beinahe immer gegenwärtige Vorstellung, daß er sich am Tage seiner Beförderung eine goldene Brille kaufen und nach der übernächsten Beförderung sich mit dem neben ihm gealterten Mädchen einstweilen wenigstens verloben werde, schob sich auch jetzt hartnäckig in den Vordergrund. Immer wieder sah er sich, goldbebrillt, vor dem Traualtare stehen. So daß über eine Stunde vergangen war, bevor er gefunden hatte, was Seidel endlich einmal klar und deutlich gesagt werden müsse.
„Der sehr bedauerliche Vorfall von vorhin bedarf dringend der Aufklärung. Ich, meinerseits, muß Ihnen sagen, daß in diesem Bureau ein Sichvordrängen – ich könnte mich auch noch schärfer ausdrücken – nichts nützt ...“
„Und ich muß Sie bitten, mich nicht bei der Arbeit zu stören.“