Part 2
Jürgen bemerkte nicht, daß die Tante vom Dienstmädchen gerufen worden war.
Er überschrie noch eine Weile seine qualvolle Ohnmacht mit den Worten: „Gott, dem Allmächtigen, hat es gefallen ...“, blickte die Nadel an, die im Papageienauge steckte, den Faden, der lang und grün herunterhing, umklammerte in Gedanken mit beiden Händen ein Messer und drückte es langsam in seine Brust.
Entwurzelt taumelte er beim Unterricht mit, mußte schon nach einigen Wochen Leo Seidel weichen, der sich bald zum Primus in die Höhe arbeitete und, da er vorsichtig und schwer angreifbar strebte, von der ganzen Klasse gefürchtet wurde. Wer sein eigentlicher Retter war, erfuhr Seidel nie. Auch dann nicht, als er sich eines Tages mit der ganzen Klasse gegen Jürgen verband und von der Weltgeschichte sprach, die er bei sich zuhause absolut nicht finden könne.
Jürgen flüchtete aus dem immer schwerer werdenden Drucke der Einsamkeit wiederholt zu seinen Mitschülern und, vor Ekel, sich angebiedert zu haben, immer wieder zu sich selbst zurück und wieder zu den Mitschülern. Schloß sich endlich enger dem Sohne des Knopffabrikanten an, zu dem ihn anfangs der gemeinsame Haß gegen die Mathematikstunde hingezogen hatte und später seine immer stärker werdende Bewunderung von Adolf Sinsheimers Fähigkeit, außerhalb der Schule wie ein Erwachsener ohne Schwierigkeit mit dem Leben fertig zu werden.
„Wenn du eine Geliebte hast, ist das noch gar nichts; wenn du aber eine Geliebte hast und zu ihr sagen kannst: Heute nacht, meine Liebe, bin ich verhindert, tut mir leid, der Klub geht denn doch vor – dann erst bist du ein Mann, gewissermaßen. Bedauerlicherweise jedoch wird man in den Klub junger Kaufleute erst nach dem Abiturientenexamen aufgenommen. Ich werde dir das Klubhaus zeigen. Livrierte Diener natürlich!“
„Wenn man aber gar nicht Kaufmann wird?“
„Dann ist man ein Esel, heutzutage ... Sag mal, aber ehrlich, wie oft warst du schon krank?“
„Dreimal: Scharlach, Masern und Halsentzündung.“
„Du bist ein Säugling, gewissermaßen. Die elegante Männerkrankheit, wie oft du die gehabt hast!“
„Vielleicht habe ich sie schon sehr oft gehabt; ich weiß nur nicht, was du meinst.“
Sie waren vor dem Klubhause angelangt. Klaviergepauke und Refraingesang klangen durch das beleuchtete, offene Fenster herunter. Adolf sang gleich mit:
„Es haben zwei ne ganze Nacht Zusammen in einem Bett verbracht. Was ham se wohl gemacht?“
Das vereinzelte, noch unterdrückte Lachen, das plötzlich zum Sturm anwuchs, galt dem Vortragenden, der auf dem Podium stand und wortlos demonstrierte, was die beiden gemacht haben.
„Es geht doch nichts über lustige junge Leute“, sagte zu seiner verschwitzten, verstaubten Frau ein ziegenbärtiger, mit Waldlaub geschmückter Sonntagsausflügler und schob den Kinderwagen weiter.
Oben sang der junge Kaufmann mit speckiger Stimme. Das Klaviergepauke trug den Refrain herunter: „Was ham se wohl gemacht?“
„Kalte Umschläge, meinst du, was, gegen die Halsentzündung?“
„Bei Nacht und auch bei Licht ...“
Mitten in das stürmische Gelächter hinein fragte Jürgen zögernd: „Drückt dich auch alles so? Ich meine, deinetwegen und auch wegen der andern. Das ganze Leben, so wie es ist?“
„Gebetet, gebetet ham se nicht!“
„Unsinn! Ich bitte dich, was soll denn drücken! Der Kragen, der Schuh drückt.“ Er streckte den Fuß vor: „Wirklich, beinahe jeder angemessene Schuh drückt. Aber elegant, was? Übrigens, ich spitze einmal hinauf. Warte du hier.“
Da drehte Jürgen sich elefantenhaft langsam und ging davon, bis zu der Ansammlung waldlaubbehangener Sonntagsausflügler, Kleinbürgerfamilien, Ladenmädchen mit ihren Freunden, die, verstaubt, verschwitzt und grün, stillgeworden unter der zischenden Bogenlampe standen und den Anblick eines Mannes auf sich wirken ließen.
Der lag, Augen geschlossen, schwer atmend, Schaum auf den Lippen, langgestreckt im Staub, vor einem Bankhause, auf dessen Schaufenster erhabene Goldbuchstaben verkündeten: Kapital und Goldreserven 500 Millionen.
Der Kleinbürger mit dem Ziegenbart sagte energisch: „Epileptischer Anfall! Man muß die Daumen herausziehen. Dann vergeht der Anfall.“
Sofort streifte der Mann mit einem blitzschnellen Blick die über ihn gebeugten Gesichter und richtete sich, von zehn Armen unterstützt, sitzlings auf, ließ den Kopf hängen: „Das macht alles nur das Elend. Ich wollte mit der Straßenbahn fahren, hatte aber das Nötige nicht ... Alles nur das Elend!“
Jürgen wurde von Ekel gepackt. Er simuliert, dachte er und stieß brutal durch den Kreis.
Ein Erlebnis aus seiner frühen Jugend stieg auf. Auch damals lag auf dem Pflaster ein Mann: jung, mit eleganter, blutiger Wäsche, strenggebügelten, großkarierten Hosen, Brillantringe an den Fingern und Schaum auf den Lippen. Die seidene Weste ist aufgerissen, die Brust freigelegt.
‚Bei dem war der Schaum blutrot. Die offenen Augen starrten gläsern. Das war echt und entsetzlich; der vorhin hat simuliert ... Aber wie furchtbar muß es ihm gegangen sein, bis er sich entschloß, so schamlos Theater zu spielen, sich dermaßen zu demütigen vor den vielen Menschen ... Es wird ja vollkommen gleichgültig, ob seine Krankheit echt oder nur simuliert war; im Gegenteil, es ist unendlich viel grauenvoller, daß er nur simulierte. Denn wie muß es ihm gegangen sein.‘
Bestürzt über seine Gedankenlosigkeit, rannte er zurück. Der Platz war leer, die Bogenlampe zischte nicht mehr, leuchtete ruhig und weiß. Jürgen lief umher, suchte vergebens, stand wieder vor dem Bankhause und sah die erhabenen Buchstaben an. Deutlich sah er den Bettler liegen.
„Beim Sang der Nachtigallen Ist Urselchen gefallen. Wohl über große Steine?“
schallte der Gesang vom Klubzimmer herunter.
„Nein über, nein unter Karlchens Beine!“
„Und daran geht man vorüber, hinauf in den Klub, und singt so ein Lied. Wie furchtbar! ... Nun, und jetzt?“ fragte Jürgen, ging weiter. „Ist wieder etwas dazu gekommen, zu allem andern? ... Man muß unausgesetzt wach sein, bis man zu etwas Schlechtem gar nicht mehr fähig ist.“ Das war ein Gelübde.
Da hatte er einen Gedanken, der ihn so erleichterte, daß er, obwohl es Sonntag und zehn Uhr abends war, die Hausglocke des Lackierermeisters zog.
„... Gewiß, Sie haben recht. Es hätte selbstverständlich auch bis morgen Zeit gehabt; aber ich ging gerade hier vorbei ...“
„Also, was für eine Tafel soll ich denn schreiben?“
‚Betteln gestattet‘, geht nicht, dachte Jürgen. ‚Betteln erwünscht‘, geht auch nicht. „Schreiben Sie – auf eine hübsche Tafel: ‚Hier wird Armen gegeben‘.“
„Und die willst du wirklich aufhängen? Du wirst dich wundern, mein Junge.“
„Nein, die andern werden sich wundern.“
„Das wird wahr sein! Nun, also wie denn? ... Weiß auf schwarz? Oder schwarz auf weiß? Man kann auch etwas Farbiges machen. Oder Goldschrift?“
„Vielleicht Gold auf schwarz?“
„Schön. Macht sich gut ... ‚Hier wird Armen gegeben‘, nicht wahr? Mein Gott, so einen Unsinn hab’ ich auch noch nie geschrieben, kannst du mir glauben.“
Mit Hilfe des Dienstmädchens nagelte Jürgen die Tafel am Gartenzaun fest, an der Rückseite des Hauses, wo die Tante selten hinkam, und gab dem Dienstmädchen Geld. „Wird das für einen Monat reichen?“
Die goldenen Worte ‚Hier wird Armen gegeben‘ glänzten schön. Darunter hatte Jürgen einen Zettel geklebt, auf dem stand ‚Zwischen neun und elf Uhr vormittags‘. Das war die Zeit, während der die Tante täglich in der Kirche saß.
In Gliedern und Gelenken unbeherrscht wie ein junger Hund, langgeworden und immer in so unruhvoller Eile, daß der vornüberhängende Körper einen schlotternden spitzen Winkel zum Boden bildete, stolperte Jürgen in die Jünglingstage, in seinen siebzehnten Frühling hinein, fragenden Blickes beständig und vergebens in sich selbst und bei der Umwelt suchend nach der erlösenden Antwort.
Maiwind und Spiellust wehten gepflegten, langbeinigen Mädchen, die im öffentlichen Parke ihren Reifen nachjagten, die Röcke bis zum Kinn. Seidenblauer Frühlingshimmel war über Tulpen- und Hyazinthenbeete, billardglatte Rasenflächen und knospende Baumkronen gespannt. Alte Gouvernanten sahen rosig aus.
Unschlüssig, ob er, wie auf dem Wege hierher, ziellos weiter eilen oder verweilen solle, blickte Jürgen sich um, sog den Blumenduft ein. Wind schüttelte die langen, störrischen Zotteln. Einige Male mußte er sie aus der Stirn streichen, um die fünfzehnjährige, in den Schultern noch eckige Katharina – Tochter des Universitätsprofessors Lenz – betrachten zu können, die, sichtbar vom Leben schon gezeichnet, fremden Blickes die jubelnden Kinder beobachtete, bis sie Jürgens unverwandten Blick fühlte. Da sah sie erst in den Teich, wo alte Karpfen und armlange Goldfische aus den Schlinggewächsen langsam zur Wasseroberfläche zogen, langsam wieder in die Tiefe, und las dann weiter in dem Buche.
Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Die Himmelsbläue über ihr sprang mit.
Mit gemachtem Interesse betrachtete Jürgen Bäume, Teich, Fontäne und umkreiste dabei in immer kleiner werdendem Abstande die Lesende, deren ganzer Körper, obwohl sie reglos saß, sichtbar spröder wurde, je näher Jürgen kam.
Unvermittelt und aus noch fünf Schritt Entfernung: „Das sind Karpfen, richtige Karpfen. Man kann sie essen.“ Unheimlich dumm, daß ich das sagte, dachte er und setzte sich.
Sie las weiter, das Gesicht interessiert schief gestellt zur Buchseite.
Da traf sein ratlos bittender Blick zusammen mit ihrem, in dem frühzeitige Bewußtheit noch mit Mädchenscheu zu kämpfen hatte.
Als ob diese dunkle Last der Bewußtheit, die wie das zukünftige Ich in ihrem Blicke stand, losgespalten von der lieblichen Kindlichkeit, mit der sie den Rock über die Knie hinunterzupfte, in Jürgen das Gefühl erschlossen hätte, ihr schicksalsverwandt zu sein, empfand er das erstemal in seinem Leben ganz plötzlich rückhaltloses Vertrauen. Dies kam mehr in Blick und Ton zum Ausdruck, als in seinen Worten.
Um die beiden herum war die Umwelt. Rede und Antwort im Innersten der Umwelt. Frage und Antwort. Und eine Frage Katharinas, auf die er antworten konnte: „Vielleicht trägt man alles Erlebte in sich. Das reißt uns hin und her. Und täglich und stündlich kommt Neues hinzu, und alles ist furchtbar. Alles! Das ganze Leben, so wie es ist.“
Und als brächte dies Erleichterung, bat er, sie möge mit ihm spazierengehen. Katharina erhob sich sofort. Er überragte sie um Kopfeslänge. Sie verschwanden in dem streng beschnittenen Laubgang von Korneliuskirschen.
Er blickte hinunter auf ihren gebräunten, eigenwillig gebogenen Nacken und, da sie aufsah, auf ihren kleinen, festen Mund. Erbebend blieben sie stehen und wandten erbebend sich ab.
„Ich weiß schon genug über Sie. Mein Bruder hat mir viel von Ihnen erzählt. Auch das von der Weltgeschichte! Er ist dumm. Er begreift gar nichts.“
Das Vertrauen ließ ihn erzählen, daß er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ an den Gartenzaun angeschlagen habe. „Aber das sprach sich so schnell herum, daß noch in der selben Woche an einem einzigen Vormittag mehr als dreihundert Bettler kamen. Jetzt weiß ich natürlich schon, daß all das gar nichts nützt. Und wenn meine Tante die Tafel nicht heruntergenommen hätte, würde ich selbst es getan haben ... Was aber soll man denn tun?“
Erst nach zwei langen Minuten und als läse sie es von ihren Schuhspitzen ab: „Es gibt nur eines: man muß sich opfern, muß sich selbst ganz und gar aufopfern.“
„Das ist, das ist kolossal, ganz kolossal, was Sie da sagen ... Aber wie? Wie soll man sich aufopfern?“
Schon eine Weile bekam die Tante, die seit Wochen und auch heute ihren täglichen, vom Arzte verschriebenen Spaziergang im Öffentlichen Parke gemacht hatte, keinen Atem mehr. Endlich stürzte sie zu Bewußtsein und auf die Bank zurück, auf der sie saß, und raffte ihren Häkelbeutel zusammen, schoß nach in den Laubgang, packte den sie überragenden Jürgen bei der Hand und führte ihn entschlossen und wortlos weg von Katharina.
In durchwachten, verzweiflungsvollen Nächten kam Jürgen zu dem Schlusse, erst nachdem er für immer aus dem Hause gelaufen sei, könne er Katharina wieder vor die Augen treten.
Als das Nervenfieber lebensgefährlich zu werden drohte, mußte der Hausarzt die Behandlung dem Spezialisten überlassen. Erst nach Wochen war des Kranken Gefühlskathedrale wieder so weit in Ordnung, daß er eines Morgens, beim Erwachen, sich allen Eindrücken weich darbieten konnte.
Die Tante schob die auf dem Nachtkästchen stehenden Medizinflaschen zur Seite, schlug ihr Haushaltungsbuch auf, in das sie des toten Vaters ‚Letztwillige Verfügungen über Jürgen‘ geschrieben hatte, und begann das viele Seiten lange Erziehungsprogramm abzulesen.
Die Worte tropften glühend in den Ausgelieferten hinein.
„... Und deshalb nehme ich mir das heilige Versprechen ab, den letzten Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie Kolbenreiher, deren Geschichte bis in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann, nach dem Willen seines unvergessenen Vaters zu erziehen und ihn Beamter werden zu lassen, da er die Fähigkeit zu etwas Größerem nach meines seligen Bruders Meinung nicht hat ... So ists, Jürgen, siehst du. Nun werde mir bald wieder gesund ... Wenn du auch nicht so bist, wie du sein könntest, ich habe dich doch lieb.“ Sie sah ihn freundlich an, streichelte seine nassen Haare und rief erschrocken: „Du hast ja wieder Fieber.“
Wangen und Augen glühten. Die rechte Gesichtshälfte lachte.
Die Ärzte wurden geholt, Eisbeutel aufgelegt. Der Rückfall war kurz und heftig.
Jürgen verließ das Bett als verschlossener Jüngling, dessen früherer Wille, sich durch die Wirrnisse der Jugend durchzuschlagen, unterbunden war. Die Tante äußerte oft ihre Zufriedenheit. Denn nur, wenn sie ihn fragte, antwortete er, ganz nach Wunsch ‚Ja‘ oder ‚Nein‘. Niemals ‚Nein‘, wenn ein ‚Ja‘ erwartet wurde.
Seine grenzenlose Nachgiebigkeit lieferte ihn allen, selbst viel jüngeren Schülern, aus. Körperlich wuchs er gleichsam über sich selbst hinaus, wurde lang und sehr stark. Das Lernen für das bevorstehende Examen verschob er von Tag zu Tag, fuhr Schlittschuh, stundenlang flußaufwärts.
Die eisbrechenden Fischer schimpften ihm wütend nach, da hier das Schlittschuhlaufen äußerst lebensgefährlich war, der vielen großen, quadratischen Wasserlöcher wegen.
In dem Gefühle, durch eine körperliche Kraftleistung, durch große Schnelligkeit seine seelische Gebundenheit lösen zu können, sauste Jürgen an den unverhofft sich auftuenden grünen Wasserlöchern vorbei, bis die Nacht ihn überraschte.
Schnurgerade führte die Landstraße stadtwärts; der Fluß dagegen zog einen mächtigen Bogen, so daß Jürgen zu Fuß schneller nachhause gekommen wäre, als auf dem Eise.
Der geheime Todeswunsch, der ihm das imaginäre Messer in die Hand gegeben und ihn vor das Tunnelloch getrieben hatte, veranlaßte ihn auch jetzt, blind in die Gefahr hineinzurennen.
Die Fischer waren schon lange heimgegangen. Jürgen stand dunkel in der unwirklichen Helligkeit, die das Eis ausstrahlte. Zehn Schritte von ihm entfernt war tiefschwarze Nacht. Das Eis knackte leise. Tierische Laute stieß Jürgen aus, während er als schwarzer rechter Winkel stadtwärts sauste.
War er knapp an einem Wasserloch vorbeigeglitten, dann klang sein wilder Schrei der Genugtuung in die Einsamkeit.
Näher der Stadt mehrten sich die Wasserlöcher, links und rechts von ihm, manchmal unerwartet dicht vor ihm.
Angespannt und stumm geworden, zog er seine Bogen um den Tod herum.
II
Ungeduldig hörten die Abiturienten dem Rektor zu, der die lange Entlassungsrede hielt. Endlich stieg sein Brustkorb hoch, der Zeigefinger deutete zum Fenster. Sofort fühlten alle, daß jetzt die Schlußworte kamen.
Sie sollten denn hinaustreten ins ernste Leben, tüchtige, brave Männer werden. Der Zeigefinger deutete noch zum Fenster hinaus. Es war vollkommen still geworden. „Geachtete Männer!“ Da sanken Finger und Brustkorb. Und die Entlassenen brachen los von den Bänken.
Der Lärm entfernte sich rollend, wurde immer dünner, drang noch einmal, wieder stärker geworden, von der Straße aus mit der Sonne durch das Fenster zu den leeren Bänken herein. Und verebbte schnell.
In die Stille des leeren Schulsaales klang eine Stimme, die aus dem Gitter der Dampfheizung zu kommen schien: „Ich möchte mich noch bedanken für alles, was die Herren Professoren in den Jahren meiner Schulzeit Gutes an mir getan haben.“ Ah, ihr niederträchtigen Schufte, setzte Leo Seidel in Gedanken hinzu und trat weg von der Dampfheizung, schob seine Schulter unter die ausgestreckte Hand des Rektors: „Wenn der Herr Rektor jetzt auch noch die große Güte haben wollten, mir den weitern Lebensweg zu ebnen ...“
„Nicht jeder Deutsche kann die Universität besuchen. Das ist doch einleuchtend.“
‚Denn woher sollten sonst die Briefträger und Hausdiener genommen werden.‘
„Aber die Schreiberstelle beim Stadtmagistrat bekommen Sie. Ich habe schon gesprochen ... Machen Sie mir Ehre. Werden auch Sie ein geachteter Mann.“
Die Professoren ließen dem Rektor den Vortritt, verbeugten sich in höflicher Erregung immer weiter von der offenen Tür weg.
Adolf Sinsheimers Gesicht, das aus einem Rahmen oval heraussprang, denn er trug seit Jahren ein schwarzes Seidenband straff über die wegstehenden Ohren gespannt, damit sie sich mit der Zeit anlegen sollten, war während der Prüfung so aufgedunsen, daß er das Band abnehmen mußte. Sofort wurden beide Ohren lebendig, schnellten nach vorne. „Jetzt, mein Lieber, geht das Leben an. Weißt du, was das bedeutet: das Leben? Ich bin grandios glücklich. Morgen kaufe ich mir einen steifen Hut und trete dem Klub junger Kaufleute bei ... Man ist ganz unter sich im Klub. Keine Weiber!“
Jürgen setzt nach einem hartnäckigen Kampfe mit der Tante durch, daß er nicht Staatsbeamter werden muß, sondern Philosophie studieren darf, schreibt eine Abhandlung, die ungeheueres Aufsehen macht, und wird daraufhin zum Bürgermeister gewählt. „... Das ist Glück!“
„Du kannst dich darauf verlassen, daß das Glück ist.“ Während Adolf Sinsheimer von den Anzügen sprach, die er sich machen lassen werde, wurde Jürgen Besitzer einer Fabrik, in der zwanzigtausend Arbeiter beschäftigt sind, und bestimmt mit einem Federzuge, daß alle zwanzigtausend Arbeiter, alle Beamten und er selbst von jetzt an ganz gleichmäßig am Gewinn beteiligt werden.
Der alte Buchhalter sagt bestürzt: ‚Aber ich bitte Sie, Herr Direktor ...‘
‚Genug! Ich will das so. Das ist nur gerecht.‘ Und Jürgen schickt den alten Buchhalter freundlich, aber entschlossen fort.
„Zuhause werde ich meinem Alten ganz kalt erklären: Du, unter uns gesagt, ohne Lackschuhe und Frack bringst du mich nicht auf den Abiturientenball ... Hör mal, Jürgen – aber Diskretion bitte –, ich sage dir, daß ich mich auf dem Ball nicht mit unseren Tanzstundengänschen abgeben werde. Kann mir nicht passieren!“
‚Und wenn einem von euch in meiner Fabrik – das heißt, in unserer Fabrik – etwas zustößt, dann bekommt er eine Rente sein Lebenlang.‘
„Ich halte mich glatt an die Schönheiten, die tadellos tanzen können. Oder hast du etwas gegen einen Busen einzuwenden? Ich nicht.“
Als Adolf sich verabschiedet hatte – „Ich werde Gelegenheit nehmen, dir heute nachmittag meinen Besuch abzustatten“ –, dachte Jürgen darüber nach, weshalb er vor einigen Tagen zum ersten Male in seinem Leben ernstlich über das Dasein und die Not der andern nachgedacht hatte. ‚Weshalb nicht schon Jahre vorher? Weshalb gerade an dem Abend, als ich nach dem Essen im Garten stand und im Nachbarhause die zornige Männerstimme und gleichzeitig vereinzelte Töne einer Ziehharmonika hörte?‘
Bisher habe er doch immer nur, und auch dann nur veranlaßt durch ein qualvolles persönliches Erlebnis, über sich selbst und seine eigene Not nachgedacht; und in jener Minute, ohne jeden äußeren Anlaß und unerforschlicherweise plötzlich darüber, warum Phinchen, dieses gutmütige und nicht dumme Dienstmädchen, ihr Lebenlang in der Küche stehen, Stiegen, Schuhe und Fenster putzen, Schlafzimmer aufräumen müsse, häßlich gekleidet und ungebildet sei, zum Beispiel nie lese, gute Bücher gar nicht verstehe, während die Tante und er die sorgfältig zubereiteten Speisen verzehren, die von Phinchen sorgfältig geplättete Wäsche tragen und Shakespeare oder Goethe lesen könnten, wenn sie wollten; warum die siebzehnhundert Arbeiter von ihrem vierzehnten Jahre an bis zum Tode täglich von früh bis abends in der Papierfabrik des Herrn Hommes arbeiten müßten, während ungezählte tausende junger Männer und Mädchen, die wenig oder nichts arbeiteten, hübsch gekleidet und gepflegt täglich spazierengehen konnten; warum die Arbeiter so schwere, täglich und stündlich zu erfüllende Pflichten hatten – und die Wohlhabenden zum Teil recht angenehme oder gar keine; warum es überhaupt Reiche und Arme gab, und warum der arm und der reich war; warum die Armen tun mußten, was die Reichen wollten; ob all das ein Naturgesetz oder menschliche Willkür war.
Seit jener rätselhaften Sekunde hing er in einem Gedankennetz und suchte vergebens den Mittelpunkt, von dem aus die Grundursache der Gemeinheit des ganzen Lebens, die ihn bedrückte, verstanden werden könnte.
Die Tante empfing ihn freudig mit den Worten: „Alles liegt hübsch klar und geordnet vor dir ... Du wirst Staatsbeamter. Amtsrichter in einem hübschen, kleinen Städtchen. Das ist dein Lebensweg. Ich bin so glücklich.“
Jürgens Kopf nickte. ‚Du taugst zu nichts anderem.‘ Wut wollte herausbrechen. Und wurde zu einem schiefen, gefährlichen Lächeln, während die Tante sich feierlich erhob, das Tischgebet zu sprechen.
„Ich werde nicht Amtsrichter. Ich will keine Urteile fällen über andere.“
Das Dienstmädchen war halbwegs in der Stube stehengeblieben, die Hände gefaltet.
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Bringen Sie diesmal auch eine Flasche Wein, Phinchen.“
Das besonders feine Damasttischtuch, das selten benutzte schwere Familienbesteck, die Feierlichkeit der Tante und Jürgens Bemerkung machten, daß das Mahl steif und schweigsam verlief.
„Und wenn du nachher Amtsrichter bist“, begann bei der Süßspeise die Tante in gütigem Tonfall, als ob sie Jürgens Weigerung gar nicht vernommen hätte, „wirst du erst so recht einsehen, daß eben gerade die strenge Pflichterfüllung dir die Achtung deiner Mitmenschen einbringt. Du wirst ein geachteter Mann sein. Und das ist die Hauptsache: Ein Mann, der sein sicheres Auskommen hat! – Auch wenn ich einmal nicht mehr da sein werde. Die Pflicht vor allem!“
Phinchen brachte hervor, das gnädige Fräulein sterbe gewiß noch lange nicht. Die Tante deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brosche: „Meine Brust harmoniert nicht.“ Und Jürgen fragte: „Aber was ist Pflicht?“
„Das weiß doch jeder Mensch. Jeder Mensch muß seine Pflicht tun ... Bringen Sie noch etwas Kompott ... Du willst nicht Amtsrichter werden? Ich sage: du mußt es werden. Du willst keine Urteile fällen? Du mußt Urteile fällen. Denn dein Vater hat dich zum Amtsrichter bestimmt. Ich sage nochmals: Die Pflicht vor allem!“
„Erfüllt der Papierfabrikant Hommes seine Pflicht dadurch, daß er seine täglich in der Equipage spazierenfahrende Gattin zu Pferde begleitet? Wer bestimmt, daß es die Pflicht der siebzehnhundert Arbeiter ist, in die Hommessche Fabrik zu gehen? Und wer sagt mir, ob es meine Pflicht ist, Amtsrichter zu werden und Urteile zu fällen über andere ...“
„Dein seliger Vater und ich!“
„... oder in der Fabrik zu arbeiten, oder täglich auszureiten und andere für mich arbeiten zu lassen?“
„Das sind Dummheiten.“ Die Tante faltete ihre Serviette genau zusammen. „Räumen Sie ab!“ Und stieg voran in Jürgens Zimmerchen.