Der Bürger

Part 8

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Niemand wunderte sich über den sorgfältig gekleideten Gast; es kam öfters vor, daß elegante Bummler, Frackherren, oft sogar mit ihren Damen, nach Ball- oder Barschluß als letzte Sensation diese Kneipe besuchten.

Aus den erregten, gespannten und gierigen Gesichtern, aus den Gesprächsfetzen und wilden Gesten, aus dem ganzen Gebaren stach vor allem anderen deutlich das eine hervor: Alles ist erlaubt, nur darf man sich nicht fassen lassen. Hier saßen ausschließlich Existenzen, die das Grundgesetz der bürgerlichen Ordnung, ‚Das Eigentum ist heilig‘, verletzt hatten, für immer außerhalb jeder Ordnung des Geschehens standen und, die drohende Katastrophe unausgesetzt vor Augen, gierig und eisern bestrebt waren, das Letztmögliche noch aus dem Leben herauszufetzen, bevor sie von der Faust der Krankheit oder des Gesetzes gepackt werden würden. Jeder war über jeden orientiert. Mancher konnte manchen ins Zuchthaus bringen. Keiner tat es.

Neben manchem stand das Schafott. Es handelte sich nur darum, das Schafott nicht besteigen zu müssen. Polizeispitzel, auch in der echtesten Verkleidung von den Gästen erkannt, konnten es nicht wagen, sich hier sehen zu lassen, es sei denn in großer Anzahl bei einer Razzia. Entsicherte Revolver. Hände hoch. So wurden von Zeit zu Zeit die Lokalbesucher ausgekämmt. Der ‚Platzwirt‘ war Lieferant des Scharfrichters und der Zuchthäuser. In die Privatangelegenheiten seiner Gäste mischte er sich nicht hinein. Die Grenze des Erlaubten war in seinem Lokal sehr weit gezogen und durfte nicht um einen Millimeter überschritten werden. Er hielt auf Ordnung im stürmischen Aufruhr. Jürgen war betäubt.

Der ‚Hinausschmeißer‘, ein scheinbar ganz unbeschäftigt neben dem Schanktisch emporragender athletischer Brustkasten, machte zwei Schritte auf einen eben eingetretenen alten Mann zu, packte ihn von hinten und wortlos beim Rockkragen und zwischen den Beinen und trug ihn schweigend vor sich her, bis zur Tür, stieß ihn hinaus. Und stand sofort wieder reglos am Schanktisch, den Tumult im Blick: Dem Hinausgeworfenen war das Lokal verboten. Er hatte einmal die Wurst nicht bezahlt und damit die Grenze des Erlaubten überschritten. Der Hinauswurf war von vielen gesehen, von keinem beachtet worden. Das Tosen hatte nicht ausgesetzt.

Jürgen gegenüber saß neben einem Mann ein junges Straßenmädchen, den grünen Hühnerflügelhut schief auf dem Kopfe. Beide hatten sich noch nicht gerührt. Beide stützten beide Ellbogen auf die bierverschmierte Tischplatte, an der die Eßbestecke angekettet waren. An dem gleichartigen, bösen Schweigen erkannte Jürgen, daß die beiden zusammengehörten.

Rechts neben dem Schweigenden hockte männlich breit eine Frau, deren ganzes Gesicht – auch die Stirn – schwarzblau war wie eine Gewitterwolke, und erzählte, ohne sich an jemand besonderen zu wenden, unaufhörlich, daß sie arbeitslos sei, und weshalb sie arbeitslos geworden sei. Ein arbeitsloser, schwindsüchtig aussehender junger Mensch verzog die Lippen, kaum bemerkbar, als habe er schon keine Lust und keine Kraft mehr, noch verächtlich zu lächeln, richtete langsam den Oberkörper auf, sah Jürgen an, der sich erst jetzt dieses fahlen Gesichtes und des haßerfüllten Blickes, dem er kurz vorher in der Arbeiterversammlung mehrere Male ausgesetzt gewesen war, wieder entsann.

Ein erst vor wenigen Tagen nach langjährigem Aufenthalte in Amerika zurückgekehrter, heruntergekommener Aristokrat sagte über die blauschwarze Frau weg ohne jeden Übergang zu Jürgen: „Da gehe ich gestern die große Allee hinunter. Was wollen Sie, ich gehe einfach spazieren. Auf einmal sehe ich eine elegante Equipage stehen. Davor zwei Pferde. Pferde! Ich verstehe mich darauf. Für Pferde interessiere ich mich. Auch jetzt noch ... Und wer, denken Sie, sitzt drin? ... Meine Mutter. Mächtig elegant! Ich habe sie erst gar nicht erkannt. Nun, ich trete zu ihr an den Wagen. Das ist doch klar. Ist das nicht menschlich?

‚Woher kommst du?‘ fragt sie mich. Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus vor der Stadt gekommen sein könnte.

‚Aus Amerika! Am Montag!‘

‚Hast du denn Geld. Von mir kriegst du keines.‘

‚Ich hab doch kein Geld.‘

‚So‘, sagt sie und gibt dem Lakai das Zeichen. Fort ist sie ... Das ist doch gemein. Ist das nicht gemein? ... Fünf Jahre!“ Er wandte sich sofort zu einer anderen Gruppe.

Der Schweigende richtete sich auf, holte wortlos und weit aus und knallte dem Straßenmädchen neben sich die Faust auf den. Mund. Dann stützte er beide Ellbogen wieder auf den Tisch.

Auch das Mädchen, das beinahe rückwärts von der Bank gestürzt wäre, stützte wieder die Ellbogen auf den Tisch. Beide saßen genau wie vorher. Schwiegen genau wie vorher. Kein Wort war gefallen. Der Streit lag weiter zurück. Ihre Oberlippe war sekündlich zu einer schiefen Geschwulst geworden, daß die Zähne hervorsahen.

„Da gehe ich gestern die große Allee hinunter ... Elegante Equipage stehen ...“

„Equipage stehen“, hörte Jürgen den Aristokraten am Nebentisch erzählen. Krachendes Antwortgelächter übertönte für einen Moment den Tumult.

Der Aristokrat lachte mit. „... Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus zurückgekehrt wäre ... Aber ist das nicht gemein?“

„Schlag sie tot! Hau sie nieder!“

Noch leichenblaß, sah Jürgen die zwei Schweigenden an. Die Frau mit dem blauschwarzen Gesicht rief: „Seit zwanzig Jahren trag ich Backstein. Und jetzt bin ich arbeitslos. Und weshalb? Was meinst du wohl, weshalb?“ Der Schwindsüchtige verzog die Lippen. Sie bekam keine Antwort. Viele waren arbeitslos und wußten, weshalb. „Jetzt passen Sie auf, jetzt kommt unser Fotz-Hobel-Quartett“, rief sie Jürgen zu.

Und der sah die vier Männer an, die ihre Mundharmonikas auf die Handfläche stauchten. Der eine Spieler, ein stark schielender, kleiner, ungewöhnlich breitschulteriger Mann mit kantiger Stirn, machte mit der linken Faust anfeuernde Bewegungen. Das Getöse im Lokal verminderte sich nicht. Der Schielende hetzte sich und die drei andern Spieler in das immer wilder werdende Tempo hinein. Die vier Oberkörper, die eingezogenen Köpfe spielten hingerissen mit. Die Gesichter flammten.

Drei zwischen Krücken baumelnde Krüppelkörper zogen langsam vorüber an Jürgen und am Quartett. Das Tempo stieg unter des Schielenden Führung rasend an. Sie fanden nicht mehr Zeit, die Oberkörper mitzuschaukeln; nur die Gesichter zuckten noch knapp im Rhythmus. Der Schielende stampfte hetzend mit dem Absatz den Takt. Der Vortrag endete wie abgehauen. Der Orkan stand wie vorher im Lokal.

Jürgen hörte einen dumpfen Ton: Wieder hatte die Faust des Schweigenden den hochaufgeschwollenen Mund des Mädchens getroffen. Dann saßen beide wieder reglos, die Ellbogen aufgestützt.

Die Frau mit dem schwarzblauen Gesicht spuckte, über den Tisch weg, scharf an Jürgens Wange vorbei. Eine dünne, weiße Wursthaut flog nach und platschte glatt auf den schwarzen Fußboden neben den Schleim.

Der Schweigende schob, als ob nichts geschehen wäre, seiner Freundin die abgezogene Wurst hin. Das Mädchen rührte sich nicht. Die geplatzte Oberlippe glich einem daumendicken, blauen Wurm.

Jürgen war vor dem an seinem Munde vorbeifliegenden Schleim zurückgezuckt und starrte, plötzlich grau am ganzen Körper, den an Jahren noch jungen Mann an, der sich bückte, die mit schwarzem Sande verschmierte Wursthaut vom Fußboden wieder abzog und in den Mund steckte. Mit der ganzen Handfläche schob er nach, kaute zahnlos und ging, auf dem Boden nach Abfällen suchend, langsam weiter. Die Menschen sah er nicht an. Nur den Fußboden. Apathisch, wie ein wandelnder Toter. Und als ihm vom Schweigenden die verschmähte Wurst zugeworfen wurde, versuchte er gar nicht, sie aufzufangen; er ließ sie gegen seine Brust prallen und erst zu Boden fallen. Strümpfe, Weste, Rock, Hemd hatte er nicht an. Nur Hosen und darüber einen Mantel. Seine Augen waren verschleimt und tot. Die Unterlippe, nach außen gedreht, hing unbeweglich, schief und drei Finger breit herab.

Mit Entsetzen sondergleichen fühlte Jürgen: Dieses kranke Stück Fleisch will nur noch Essen zugeführt bekommen, während der Wilde und sogar jeder Hund, auch der elendeste, mit seinem Blicke Zuneigung verlangen und geben kann. Das ist Kultur, dachte er. Kultur.

Stunden vergingen, und immer mehr neue Gäste kamen, Hände in den Hosentaschen, Schultern fröstelnd hochgezogen: Obdachlose. Der Hinausschmeißer musterte prüfend jedes fahle Gesicht, schob im Laufe der Nacht zwei Burschen und ein junges Mädchen, das die Arme hoffnungslos hängen ließ, wieder hinaus.

Der Schweigende rüttelte die Geschlagene am Arm, forderte sie so auf, jetzt wieder gut zu sein.

Was mag sie alles gedacht haben in dieser langen Nacht? dachte Jürgen. Was ihr geschehen ist, als sie noch ein Kindchen war? Oder was ihr noch bevorsteht in diesem Leben? ... Und der Attentäter, er wird hingerichtet.

Mit einer Schulterbewegung schüttelte die noch immer aufgestützt Sitzende die Hand ab, lächelte aber dabei schief und entgegenkommend.

„Dann eben du die Hälfte und ich die Hälfte“, gab er halb nach. „Her mit dem Geld!“

Aufrührerischer, mitreißender Gesang, vom Quartett begleitet, erfüllte unvermittelt und donnernd das Lokal. Alle brüllten mit. Die nach außen gedrehte Unterlippe hing unbeweglich auf das Kinn herab. Er suchte, bückte sich.

„Das war doch nur menschlich! Ist das nicht gemein?“ fragte der Aristokrat den Hinausschmeißer, der, das Lokal im Blick, am Bierfaß lehnte und keine Antwort gab.

Ich also werde mich nicht dabei beruhigen, daß ich fähig bin, die Schönheit eines Goetheschen Wortes zu empfinden, dachte Jürgen, als er gegen Osten schritt, wo schon die zarte Morgenröte stieg.

Auf eine Gruppe Nachtarbeiter zu, die das Trambahngleis ausbesserten und eben die Azetylenlampen verlöschten, da das graue Tageslicht schon erstarkte. Ein Mann im Mantel beaufsichtigte die Arbeiter, die mit wuchtigen Rundschlägen Eisenkeile in den Asphalt trieben.

Zwei Herren, die wie Oberförster aussahen und aus einer Abendgesellschaft zu kommen schienen, blieben stehen. „Wie brav sie wieder arbeiten!“ Und gingen weiter. Wenige Tage vorher war ein Streik mit einer Niederlage der Arbeiterschaft beendet worden.

Auch Jürgen ging vorüber. „In Wirklichkeit sind es ja nur die Hetzer, während die Arbeiter selbst“, hörte Jürgen, „im großen ganzen ...“

Ging aus der Stadt hinaus, am Flußufer hin. Auf der Quaimauer saß ein junger Mensch. Diesmal erkannte Jürgen sofort das leichenfahle Gesicht des Schwindsüchtigen, der den Abend vorher in der Arbeiterversammlung und später beim ‚Platzwirt‘ gewesen war: Ein Gesicht, in dem der Haß sich schon in Verzweiflung und die Verzweiflung sich schon in Gleichgültigkeit abgewandelt hatte.

Der Schwindsüchtige pfiff leise, ließ die Beine über dem fließenden Wasser baumeln. „Guten Morgen“, sagte Jürgen und setzte sich neben ihn, die Beine ebenfalls wasserwärts gestreckt. Von der anderen Seite näherte sich ein einarmiger Invalide, saß auch nieder und begann Geld zu zählen.

Der Schwindsüchtige pfiff, zwinkerte, den Kopf schief gestellt, die glühende Morgendämmerung an, zum Bettler hin und spuckte in großem Bogen aus, pfiff weiter, gleichgültig.

Auch Jürgen tat gleichgültig: „Schönes Wasser. Sind Sie immer hier?“

„Oder wo anders!“ Er lächelte höhnisch. Dann ließ er sich doch herbei: „Arbeitslos! Seit ... Ah, die Saubande! Ich scheiß auf alles.“ Blickte wieder gewöhnlich drein. Dann biß er in einen unreifen Apfel. Die Säure zog ihm das Gesicht zusammen.

Vorsichtig fragte Jürgen: „Wollen Sie etwas zum Essen holen? Wurst?“

Der einarmige Bettler war noch immer mit Zählen beschäftigt. Er kicherte, nachdem der Schwindsüchtige mit Jürgens Geldschein fortgegangen war. „Den haben Sie gesehen. Der kommt nimmer. Iiiii! die Gauner kenne ich ... Und der dort, der jetzt da kommt, den schauen Sie sich an, das ist Herr Knipp. Der hat ausgerechnet, daß er von seinem Steinbruch, wenn er immer nur soviel brechen läßt, wie er fürs tägliche Leben braucht, bis zu seinem achtzigsten Jahr leben kann, ohne selbst was tun zu müssen. Deshalb läßt er seit Jahr und Tag nur zwei Leute im Steinbruch arbeiten. Er selber angelt seit Jahr und Tag. Der will nur angeln. Nichts als angeln! Und pfeifen kann der, sag ich Ihnen! Er hat nämlich ein Klavier. Darauf spielt er, ganz ohne Noten, und pfeift dazu. Schon in aller Früh! Sie können sich nicht vorstellen, wie der pfeifen kann. Das klingt wie Geigen und Flöten. Die Arbeiter, wenn sie früh in die Fabrik gehen, bleiben stehen und horchen ... Und dann angelt er. Den ganzen Tag. Sogar manchmal nachts.“

Herr Knipp hatte umständlich geschnupft, schäkerte freundlich und ganz für sich allein mit dem Wurme, der sich am Angelhaken bäumte: „Warte doch, warte doch ... Er kanns nicht erwarten.“ Dann beobachtete er, zufrieden mit der Welt, den schaukelnden Schwimmer. Herr Knipp war erst einundvierzig Jahre alt.

„Der kommt nimmer ... Ihr Geld ist futsch.“

Gleich darauf erschien der Arbeitslose, aus einer anderen als der erwarteten Richtung kommend, in der Ferne.

„Jetzt sagt er, er hätts Geld verloren.“

„Um zwanzig Brot. Die Wurst kost vierzig.“ Er packte das armlange Stück aus, zählte das übriggebliebene Geld auf Jürgens Handfläche. „Pferdewurst! Die ist billiger. Und besser ist sie auch.“

Der Krüppel blickte von der Wurst weg schief wasserwärts, in der Erwartung, daß seine Verdächtigung dem Arbeitslosen mitgeteilt werden würde, und bekam, als Jürgen, anstatt zu denunzieren, ihn zum Mitessen aufforderte, in seine bösen, einsamen Augen einen Blick wie ein Findelkind, dem unvermittelt gesagt wird, seine Mutter sei gefunden und stehe vor der Tür. Seit Jahren nicht mehr aufgestiegene Schamröte veränderte das verwüstete Gesicht. Er klemmte das Taschenmesser zwischen die Knie, zog die Klinke hoch und schnitt sich ein Stück Wurst ab.

Der schwindsüchtige Arbeitslose kaute langsam, den Blick über den Fluß weg ins weite, dämmerige Hügelland gerichtet. Herr Knipp, dem noch viele tausend Tage zur Verfügung standen, atmete zeitlos.

Die Straßen waren noch menschenleer. Vor dem Gefängnis stand eine Droschke. Stand schwarz in der Dämmerung vor dem düsteren Gebäude. Kutscher und Pferd regten sich nicht.

‚Sicher! Ganz sicher! Sie transportieren ihn heute schon ... Vielleicht um etwaige Befreiungsversuche unmöglich zu machen?‘

Erst nach einer langen halben Stunde schritten zwei dunkelgekleidete Kriminalbeamte, zwischen sich einen bartlosen jungen Mann in hellbraunem Anzuge, durch das Tor zur Droschke. Der eine ging um die Droschke herum. Sie stiegen durch beide Türen gleichzeitig ein, als der Gefangene schon saß.

Die einzigen Geräusche, die Jürgen vernahm in der schlafenden Stadt, waren das Klappern der Räder und das Klopfen seines Herzens. ‚Die Regierung beschließt: Auslieferung. Die Regierungsmitglieder schlafen jetzt. Aber in dieser Droschke fahren zwei beamtete Henker und dieser Mensch zum Bahnhof.‘

Vorüber am Hauptportale, Gleis entlang, Richtung Rangierbahnhof, bis zu einem einzelnen Personenwagen, der auf dem dritten Gleis stand. Hinter dem Rangierbahnhof ertönten Pufferknall und die langgezogenen Rufe der Eisenbahnarbeiter, die den Zug erst zusammenstellten.

Jürgen beobachtete, wie die drei einstiegen, wie der eine Beamte wieder ausstieg, zwischen dem Gleis auf das Bahnhofsgebäude zuschritt, hinein in das Restaurant.

Alles wie im Traume: Hinweg über die Gleise. In den Wagen. Stück durch den Laufgang. Schiebetür zurück, auf der ‚Dienstabteil‘ stand. Sprung auf die Bank. Und von oben herab auf den breiten Rücken des Beamten, der, stehend, durch das geschlossene Fenster geblickt hatte.

„Los! Renn! Renn! ... Los!“

Der schmalgesichtige Attentäter blieb so reglos in der Ecke sitzen, als ginge ihn diese Sache gar nichts an, schüttelte verneinend den Kopf.

Der Mund des Beamten zischte vor Kraftanstrengung. Er bekam einen Arm frei. Griff in die Tasche nach dem Revolver.

Mit dem angesammelten Zorn seines ganzen Lebens schleuderte Jürgen den Beamten von sich, daß dessen Kopf und Oberkörper durch die zerkrachende Fensterscheibe schossen, stürzte aus dem Wagen, über die Gleise, durch die Bahnhofsanlage, Häuser entlang. Vernahm einen Trillerpfiff, schon fernher.

Ruhigen Schrittes ging er in einen offenen Lagerplatz, in dem mehrere Möbelwagen und viele andere Fuhrwerke standen, und setzte sich auf einen Handwagen. Eine Schar Hühner eilte sofort auf ihn zu.

‚Die Rechnung ist einfach: Der eine war im Bahnhofsrestaurant; der andere konnte mir nicht nach, weil er den Gefangenen nicht verlassen durfte. Außerdem war ich, bis er seinen Kopf befreit hatte, schon weg.‘ Dabei zerbrach Jürgen das Brotstückchen, das er in seiner Tasche gefunden hatte, und streute die Krümel unter die übereinandersteigenden und -fliegenden Hühner.

‚Und jetzt? ... Jetzt wird er hingerichtet.‘

Erst als Jürgen, heimwärtsschreitend, schon mehrere Querstraßen hinter sich hatte, rannte der Beamte, der in der Restauration gewesen war, über den Bahnhofsplatz, in der Hand den Browning.

Zierlich gekleidete Zofen eilten im gepflegten Villenviertel an Jürgen vorbei. Gebadete Damen in hübschen Morgenkleidern nahmen das Frühstück und sonnten sich im Liegestuhl auf den Balkonen. Die Gärten dufteten.

Ich scheiß auf all das. Das Ganze ist gemein, dachte Jürgen und klinkte die Tür auf. Die Tante, erzürnt, weil er die Nacht außer Haus zugebracht hatte, ging grußlos an ihm vorüber. ‚Auf alles!‘ dachte er und schlief sofort ein.

„Und ich erkläre Ihnen, das ist ausgeschlossen.“

Aber der feine, schmale Frackherr, mit dem Scheitel von der Stirn bis zum Nacken, ein Herrchen, nur so groß wie ein Tintenfaß, ein winziges Frackherrchen, verbeugt sich, lächelt höflich und sicher und sagt: „Ich bin die Achtung. Bin das Ganze. Und ich erkläre Ihnen: Ich sitze in Ihrem Hinterkopfe.“

„Sie stehen ja vor mir.“

„Und sitze gleichzeitig verborgen in Ihnen. Bin Ich und bin die Achtung. Bin das Ganze und bin Sie, weil ich in Ihrem Hinterkopfe sitze.“

Da erwachte er. Es war ein Uhr nachmittags. Die Tante stand vor seinem Bett. Ohne Einleitung und als lese sie wieder den letzten Willen des Vaters aus ihrem Haushaltungsbuch vor: „Auf das Haus, in dem du geboren wurdest, und auch auf die drei Miethäuser habe ich deinem Vater schon vor zwanzig Jahren die Hypotheken geliehen. Die Häuser gehörten schon zu Lebzeiten deines Vaters ganz und gar mir. Er hat dir nichts hinterlassen. Du solltest dich also nicht länger, als unbedingt nötig ist, von mir ernähren lassen. Das ist eine Schande. Steh auf und geh in dein Kolleg.“

Er stützte sich auf, sah die Tante an, schwieg noch zwei Sekunden: „Ich verzichte auf dein Geld. Ich lebe und bin da. Das Weitere wird sich finden. Und jetzt geh, bitte ... Also geh schon!“

Es waren nicht die Worte selbst, nicht Sinn und Inhalt der Worte, es war das an Jürgen bisher nie bemerkte einfache, ruhige Kraftbewußtsein, das hinter den Worten stand und die Macht der Tante über ihren Neffen verdunsten ließ.

Er kleidete sich sofort an. Ging aus der Stadt hinaus, auf der Landstraße hin. Rückblickend auf sein Leben, ziellos weiter durch den heißen, weißen Staub, mit sich tragend das lastende Gefühl, daß dies die Stunde sei, die seines Daseins folgenschwerste Entscheidung in sich berge: die Möglichkeit, daß heute sein Leben in zwei Teile gespalten werde.

Die alte Sehnsucht nach der Landstraße, die er seit Jahren in sich trug, die Sehnsucht nach den Hafenstädten und fernen Erdteilen, der Wunsch, allen Qualen, allen Pflichten zu entlaufen, schritt hinter ihm her, schob ihn immer weiter auf der Landstraße hin.

Der Wiesenabhang links von Jürgen war von der Sonne braun gebrannt. Die Luft zitterte vor Hitze. Kein Bauer auf dem Felde. Kein Vogel pfiff. Die Mittagssonnenstrahlen sengten senkrecht herab auf die menschenleere Landschaft.

„Und die weiße Straße geht in der Sonne vor Einsamkeit sich selbst entlang“, flüsterte Jürgen. Und glaubte, in dieser Sekunde den tiefsten Sinn des Menschendaseins erkannt zu haben und zu fühlen. Tat einen langen Blick noch auf die weiße Landstraße, weit hinaus.

Und wandte sich, schritt schnellen Schrittes zurück und in die Arbeiterversammlung, deren Ankündigung er im ‚Klassenkampf‘ gelesen hatte.

IV

Jürgen kassierte den Zins ein bei den Parteien der drei Mietskasernen, zu deren Verwalter die Tante ihn unversehens gemacht hatte, füllte neue Mietsverträge aus, beaufsichtigte das Tapezieren einer Wohnung, ging zwischendurch ins Kolleg. An den Abenden in Arbeiterversammlungen.

Eine neue Partei verlangte, daß die Küche frisch geweißt werde. Nach der Tante Meinung war die Küche noch weiß genug. Jürgen mußte vermitteln. Er sah, wie nie vorher in seinem Leben, von Angesicht zu Angesicht die Not. Wurde gegen seinen Willen Zeuge von Haßausbrüchen zwischen Proletarierehepaaren, sah machtlos zu, wie abgearbeitete, machtlose Väter ihren Zorn an den machtlosen Kindern ausließen; wie Gerichtsvollzieher letzte Stücke pfändeten; mußte Mietzins verlangen von Arbeiterfrauen, in deren Augen unvertreibbar Gram und Sorge hockten, und Mietzins für ein Zimmer – nicht vier Meter im Quadrat –, in dem Mann und Frau, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter in drei stinkenden Betten die Nächte, ihr Leben verbrachten.

Der Tapezierer war fertig. Jürgen blickte die Wand an. Die knallroten Rosen der neuen Tapete wurden lebendig, kreisten wie ein Feuerwerksrad. ‚Tragisch – so eine Rosenwohnung! Viele tausend Rosen, und wenn dann die Leute darin leben ... stinkts!‘

Vor dem Hause, herum um das Kanalgitter, drehten sich drei fahle Proletarierkinder im Ringelreigen. In der Mitte kniete eine Vierjährige und machte das zum Spiel gehörige Märchengesicht.

‚Für diese Kinder scheint das Kanalloch der Mittelpunkt zu sein, wie das reich ausgestattete Spielzimmer der Mittelpunkt für die andern Kinder ist. Daß die Faust der Armut auch die Kinder würgt, das hat mich schon als Gymnasiast empört ... Und die Kinder, neben denen die Gouvernante geht? ‚Mademoiselle Katharina, Sie dürfen nicht mit den Armen schlenkern. Mademoiselle Katharina, Sie dürfen sich nicht umsehen. Beim Atmen müssen Sie die Lippen geschlossen halten, Mademoiselle Katharina.‘

Es war die Stunde, da die proletarische Jugend, weil sie eigentlich schon zuhause hätte sein müssen, in der heißesten Spiellust zusammengetan ist. Geschrei durch Straßen. Erhitzte Gesichter. Gespannte Knabenkörper, in Fluchtstellung atemlos den Verfolger erwartend.

‚Die dürfen mit den Armen schlenkern. Umsehen dürfen die sich auch. Und den Mund können sie aufreißen, so weit sie wollen.‘

Abendglocken läuteten, verklangen. Arbeiter marschierten heimwärts. Der warme Sommerhimmel dämmerte der Nacht entgegen. Laternen funkten auf. Der Tag war schön gewesen.

‚Es ist doch schön – man begreifts nur meistens nicht.‘

Viele Geschäfte waren noch beleuchtet. Aus anderen strömten schon die bleichen Ladnerinnen, sahen in den Himmel und streiften dabei die Handschuhe über. Ein Invalide, der seinen verkrüppelten Fuß, der wie eine verkümmerte Hand aussah, nackt auf dem Gehweg liegen hatte, hob die Mütze zu Jürgen empor. „Du wirst nicht wollen, daß ich leide“, sang ein hemdärmeliger Tenor im vierten Stock tragischen Tones vergnügt zum Fenster hinaus.

An dem Theater rollten Autos vor und ab. Toiletten stiegen aus. Ein zahnloser Menschenmund rief: „...tung mit den neuesten Kursberichten!“ Der aus den Zugangsstraßen immer neu genährte Zug derer, die aus den Werkstätten, aus den Fabriken kamen, marschierte vorüber. Alle schritten im gleichen Tempo, nahmen Jürgen mit.

Über eine eiserne Kanalbrücke, neben der ein Schiffer auf dem Deck im Kochtopf rührte. Vorüber an einem Bureau, in dem zwei beleuchtete, einander belauernde Tuchgrossistengesichter noch einen Abschluß ausfochten. Aus offenen Kneipentüren schlug schlechter Fettgeruch heraus.

Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen, lange, verfaulende Bretterzäune (eine Ratte verschwand), Ziegen auf dem Heimtrieb, ein Schuppen, Gestank. Das kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis. Die Haustür war nur angelehnt.