Part 22
„Da bin ich ganz deiner Meinung, Vorstand“, wiederholte der zweite Vorstand und ließ den ersten Vorstand vorangehen, hinein in das Gesangvereinslokal, in dem die Tenor- und Baßtische schon voll besetzt waren.
Unbemerkt stand Jürgen hinter dem großen Kachelofen. Aus dem Gastzimmer klangen, durch die geschlossene Tür durch, die Klüpfelschläge des Wirtes, der den Hahn in das Bierfaß schlug.
Er habe die außerordentliche Singprobe einberufen, weil das hochverehrliche Gründungsmitglied, Herr Simon Ott, im Sterben liege. „Er liegt in den letzten Zügen.“
In diesem Moment wurde Jürgen von einer Möwe besucht. Lautlos. Sie stand vor ihm, glich einer nordischen Frau – groß, hellblond – und hatte ein gefühlsentferntes, vollkommen seelenloses Gesicht.
Jenseits aller Verwunderung sagte Jürgen zu ihr: „Nur wußte ich bis jetzt nicht, daß Möwen schöne, kühle Frauen sind.“
Die Möwe antwortete nicht, blickte auf das weite, kalte Meer hinaus. Auch Jürgen blickte auf das Meer hinaus.
„Deshalb müssen wir rechtzeitig das Trauerlied einstudieren, das am Grabe gesungen werden soll, damit wir uns nicht wieder blamieren.“
„Er ist ja noch gar nicht tot!“
Ein kleiner, dürrer, bebrillter Schuhmachermeister schoß vom Stuhle empor und forderte etwas mehr Pietät. Er war der Schriftführer.
„Wenn er doch noch lebt!“
„Aber es kann nicht mehr lange dauern. Ich bitte also den Herrn Dirigenten, das Trauerlied vorzunehmen.“ Der Vorstand breitete die Arme aus: „Oder sollen wir uns wieder blamieren?“
Der zweite Vorstand erhob sich, klopfte ans Bierglas: „Ich bin ganz der Meinung unseres ersten Herrn Vorstandes ... Wenn ein altes Mitglied, ein Veteran des Männergesanges, stirbt, kann er verlangen, daß das Lied, das wir an seinem Grabe singen, vorher ordentlich geprobt wird. Und die Ehre unseres Vereins steht auch nicht so bombenfest, daß wir uns wieder blamieren dürften, wie das letztemal.“
Die Möwenfrau trug in den reglosen Augen einen Blick, als schaue sie das unabänderliche Schicksal.
Der Brillenschuster verteilte schon die Gesangbücher. Die zehn Bässe gruppierten sich um das Klavier herum. „Dort unten ist Friede“, intonierte der Dirigent. Und die Bässe setzten ein: „Im kühlen Haus.“
„Nur die Bässe singen, bitte ich mir aus. Warten Sie, bis Sie daran kommen.“ Der Brillenschuster hatte mitgesummt. Er sang den ersten Tenor.
„Es ruhet der Schläfer vom Leben aus.“
Gabelförmige Schwingen kamen fühlergleich und steif vorne aus der Körpermitte der Möwenfrau heraus, verschwanden wieder. Sie bewegte sich wie ein Vogel, der zum Fluge anhebt, sah mit inhaltslosen, blauen Augen Jürgen an, der dachte: Will sie fort?
„Und über dem Hügel: sum, sum, sum, sum.“
„Mehr piano! Nicht: sum, sum, sum, sum; sondern: sum, sum, sum, sum ... Sie, meine Herren, sind doch keine Schmeißfliegen; Bienen summen viel zarter.“
Plötzlich sah Jürgen vierzig zur Decke gerichtete Augenpaare, vierzig eirund geöffnete Münder und an den Rücken der Sänger, die jetzt im Halbkreise alle um das Klavier herumstanden, die vierzig eingetrockneten Gebilde.
Die Schwingen kamen gabelförmig vorne aus der Leibesmitte der Möwenfrau heraus; Jürgen setzte sich darauf und schwebte, den Kopf an die nebelumflorte, schöne Brust der Frau gelehnt, über das kalte, weite Meer, ruhend in der Überzeugung, daß er zu dem unbekannten Orte gelangen werde, wo sein Bewußtsein auf ihn warte.
Die Möwenfrau selbst darf, da sie erstickte Seelen fortträgt, natürlich keine Seele haben, dachte Jürgen während des lautlosen Fluges. Und sagte zu ihr: „Wenn ich nun dem Arzte erklären würde, daß auch diese Sänger ganz und gar entselbstet sind, und daß ihre Seelen, von dir und deinen Schwestern hingebracht, irgendwo im Weltenraume schmerzlich warten, in ungeheuerer Einsamkeit, würde er mir nicht glauben, sondern behaupten, mein Zustand habe sich verschlimmert ... Die Psychiater sind doch zu dumm. Glauben Sie das nicht auch?“
Die Möwenfrau antwortete nicht, flog weiter, leicht vorgebeugt. Ihre Augen hatten sich während der ganzen Zeit nicht bewegt. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert.
Weil sie eben keinen Gesichtsausdruck hat, dachte Jürgen und drehte das Gesicht nach oben, blickte ihr in die Augen.
Ringsum war nur noch Wasser und Nebel.
Jürgen wußte nicht und dachte auch nicht darüber nach, wie er hierhergelangt war. Er saß auf der Bank in der Anlage, gegenüber dem grünen Bretterzaune, in den er vor vierzehn Jahren als erstrebenswertes Ziel den Frackherrnjürgen hineingesehen hatte.
Ein Lächeln tiefinnerster Sicherheit erhellte sein Antlitz, als er, jeden Willen ausschaltend, alle Muskeln entspannte, in dem Bestreben, wie damals wieder nur die Begierden, nur den Menschen in sich sprechen zu lassen, um zu erfahren, was der Mensch in ihm ersehne.
Der Bretterzaun blieb Bretterzaun und leer. „Dieses nicht! Dieses wenigstens begehrt er nicht mehr“, flüsterte Jürgen. „Was aber ersehnt es, mein Herz?“
Er schloß die Augen und lauschte und wartete und fühlte nichts. Die Lider der inneren Augen blieben geschlossen. Da saß er, reglos, leid- und freudlos, leblos.
Leiser Wind bewegte die Baumkronen. Schläfriges Zwitschern eines Vogels im Sonnenbrand. In der Ferne brauste die Stadt.
„Das ist die weiße Sekunde“, flüsterte Jürgen in plötzlicher Erregung. Denn er sah sich schreiten. Und die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis.
„Die Haustür, sie ist nur angelehnt. O, einzutreten, heimzufinden, zurück zu mir!“
Ein Knall riß ihn empor. Zwei Soldaten warfen die Köpfe nach links und grüßten, Hand an der Mütze, die starr glotzenden Augen herausgedrückt, den Offizier.
„Geh mit!“ Er ging mit. Folgte dem Offizier in den Stadtpark, wo die Militärkapelle spielte und die geputzte Menschenmenge promenierte in dem sonndurchwirkten Laubgang alter Bäume.
Jürgen wurde oft und achtungsvoll gegrüßt und dankte nie. Lange beobachtete er einen Jüngling, der, im Blick noch die große Frage an das Leben, die eleganten Kaufleute, Studenten, Offiziere und Beamten betrachtete, schüchtern und ganz erfüllt von der Sehnsucht, ebenso elegant, fertig und sicher, Blume im Knopfloch, hier spazieren zu können.
„Spucken Sie auf dieses Ziel“, sagte er lächelnd und deutete auf die Promenierenden. „Vielleicht werden Sie dann nicht in der Leere ersterben sondern in Qualen leben.“
Vorbei promenierte eine Gruppe Studenten, welche, Armmuskeln gespannt, Ellbogen weggestreckt, ihre roten Mützen knapp an der Brust langsam herunter bis zum Knie und ebenso krampfhaft-feierlich wieder kopfwärts führten, während die Gegrüßten das selbe mit ihren grünen Mützen taten, die zerhauenen Biergesichter starr ins Profil zu den Rotmützen gestellt.
„Kampf und Vernichtung dieser Ordnung, die solche Söhne hervorbringt! Wehe, sie sind die Söhne ihrer Väter! Wehe, sie werden zu Staatsanwälten und zu Richtern werden! Ihrem Kopf und Herz sind Kultur und Fortschritt der Menschheit anheimgegeben? Nie! Nie! Niemals! Sie alle werden Jürgens werden. Bestenfalls!“ Er lachte in Hohn und Ekel vor sich selbst.
Da schritten, in dem Tempo von Menschen, die woher kommen und einem Ziele zustreben, Katharina, der Agitator, der Metallarbeiter mit der verstümmelten Hand und der Holzarbeiter, dessen verhutzeltes Gesicht nicht mehr viel größer war als eine Faust, wie ein Fremdkörper durch die gespreizt promenierende Menge.
Ein riesengroßes, sammetschwarzes Tuch verhing den ganzen Himmel. Und als es wieder dämmerhell wurde und Laubgang, Blumenrondells, Musikkapelle und Spaziergänger sich drehend ineinander türmten, wußte Jürgen nicht mehr, wen er gesehen hatte.
Knapp vor ihm begegneten sich wieder die Studenten, die erst kurz vorher einander gegrüßt hatten, und führten, da vielleicht ein noch nicht gegrüßter Student zu der einen oder der andern Gruppe gekommen sein konnte, wieder die Mützen hart an der Brust herunter, die Gesichter ins Profil gestellt.
Mit einem jähen Satz sprang Jürgen dazwischen, faßte mit großer Handbewegung die ganze Menge zusammen in Eine Person und begann zu brüllen, in maßloser Wut.
Erst viel später – er stand schon, ohne zu wissen, wie er dorthin gelangt war, vor der Kirche, brausende Orgeltöne drückten die Kirchgänger aus dem Portal heraus und um ihn herum – erinnerte er sich der Einzelheiten des Tumultes, den er verursacht hatte durch seine Ansprache.
Seine Zähne bleckten in Haß und Abwehr beim Erblicken der Kirchgänger. „Ein- und das selbe Gesicht, dort wie hier, weltenweit entfernt von dem Bewußtsein, das zum Schwanz verkümmert ist.“
Die Mitglieder sämtlicher Gesangvereine Europas standen und sangen in seinem Gehirn; die Verwandlung aller Knabenklassen in geschützdurchdonnerte Infanterieregimenter vollzog sich schmerzhaft hinter seiner Stirn; Studenten soffen und fochten und zogen die Mützen in seinem Hinterkopf; Millionen Bürger zuckten, begleitet von Militärmusik und Orgelspiel, ablehnend die Schultern, breiteten bedauernd die Arme aus, daß Jürgens Schläfen zu platzen drohten.
Er wühlte sich durch die Menge, sprang durch ein Durchhaus und stand, zuckend in allen Nerven, in einer menschenleeren, immer sonnelosen, vor Feuchtigkeit grünen Gasse.
„Nieder!“ zischte er, beide Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Nieder! Nieder mit dem Ganzen!“
In der feuchten Gasse war es still wie in einem Abgrund. „Aber wie? Durch welche Macht? Durch welches Mittel?“
Plötzlich glaubte er, starrend auf den Streifen irisierenden Schaumes, der aus der feuchten Mauer quoll, das einzige Mittel werde ihm in der nächsten Sekunde einfallen. Beide Arme ausgebreitet, Hände gegen die Mauer gepreßt, stand er wie ein Gekreuzigter, lauschend und wartend. Der menschengefüllte Stadtpark tat sich auf. Sofort war das ganze Bild wieder mit dem sammetschwarzen Tuch verhangen. Erinnerungsqual versank in Schwindelgefühl, aus dem, so unentrinnbar wie damals, als er bei der Straßenkreuzung Abschied genommen hatte von Katharina, der Zwang emporwuchs, genau gezählte zehnmal durch die feuchte Gasse zu gehen. Hin, her, hin.
„Achtmal“, zählte er, blickte hinaus, wo die Sonne schien, ballte die Fäuste, in dem Bemühen, die Gasse vorher verlassen zu können. Da riß es ihn herum. Geduckt marschierte er weiter.
In der Kellerwohnung schlug ein Mann seine Frau. Wildes Geschrei. Das fahle Gesicht des weinenden Söhnchens erschien am eisenvergitterten Fensterquadrat knapp über dem Pflaster.
„Und in zwanzig Jahren schlägt das Söhnchen seine Frau, und deren Söhnchen weint“, flüsterte Jürgen und durchwanderte zum zehnten Male die schimmelgrüne Gasse. „Welche Macht könnte das verhindern?“
„Wissen Sie es? ... Alles hat seine Ursache. Glauben Sie nicht auch, daß alles seine Ursache hat?“ fragte er auf dem sonnigen Kirchplatz einen schnurrbärtigen Rentier, in dessen Mund eine sorgfältig angerauchte, dicke Meerschaumspitze steckte.
„Man muß die Ursachen erkennen, dann findet man auch das Mittel. Glauben Sie nicht auch?“ Und als der Rentier den Kopf schüttelte:
„Sie sind ein Raucher, nicht wahr? Nichts als ein Raucher! Sie kann man mit der Bezeichnung ‚Raucher‘ benennen. Sie sind harmlos. Tun niemandem etwas.“
Der Rentier ging weiter. Ein Dampfwölkchen stieg empor, zerflatterte. Noch ein Dampfwölkchen stieg empor.
„Oder sind er und die Millionen seinesgleichen vielleicht doch Raubtierchen? Selbstgerechte, zufriedene, ihres Raubes sichere Raubtierchen?“
Ein uraltes Männchen, das auf dem speckigen Rockaufschlag am speckigen Bändchen einen Kriegsorden trug, überquerte trippelnd die Straße. Das vertrocknete Gebilde machte jedes Schrittchen des Alten mit.
„Wie konnten Sie es ertragen, achtzig Jahre nicht eine Sekunde Sie zu sein, nicht einen Atemzug lang Ihr eigenes Leben zu leben? ... Nur in der Kindheit, in der Kindheit! Erinnern Sie sich noch?“
Das Männchen hob mühsam den schweren Kopf: „Oj, oj, ein schlimmes Leben!“ und trippelte weiter.
Täglich, vom frühen Morgen, bis in die späte Nacht hinein, beobachtete und erlitt Jürgen das Leben, suchte er – begleitet von Wahnsinn und Revolver und immer bereit zum Schusse in das Herz – Bewußtsein und Weg. Wurde in seinem Kampfe, der in zweifachem Sinn ein Kampf um Sein oder Nichtsein war, noch wochenlang beständig hin und her geschleudert zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Wo ist das Herz?“ hatte er einen Arzt gefragt.
„Zwischen der vierten und fünften Rippe, von oben gezählt.“
Und hatte, zuhause angelangt, an seinem abgezehrten Brustkorb die Einschußstelle abgetastet, entschlossen, nicht eine Sekunde länger zu leben, wenn keine Hoffnung mehr sei.
Beobachtend lauschte er dem Leben und dabei immer in sich selbst hinein, folgte, ein zum Tode und zum Leben Entschlossener, jedem Fingerzeig, den die Umwelt gab, sprach mit Kindern und mit Greisen, mit Soldaten und mit Pferden. Das Erblicken eines Hundes, der, von einer Frau fortgezerrt, auf Jürgen zugestrebt war, veranlaßte ihn, sofort zum Hundehändler zu gehen.
„Haben Sie einen Schnauz, der alles erträgt, nur nicht die Trennung von dem, dem seine Sympathie gehört?“
Im sonnigen Hofe stand reglos ein junger, schwarzer Dackel, der, mit allen Vieren gleichzeitig, plötzlich hochflog, in der Luft herum, und wieder reglos stand, die verdrehten Augen auf Jürgen gerichtet.
„Einen Schnauz nicht. Aber das Mistvieh können Sie billig haben, mitsamt der Leine.“
„Er hat gute Augen. Wird er mit mir gehen?“ Der reglose Dackel starrte auf eine Fliege, hüpfte auf sie zu, starrte in den Himmel.
„Der geht mit jedem.“
Freudig bellend zerrte der Dackel, die Schnauze am Boden, Jürgen hinter sich her, aus dem Hofe hinaus.
Von dieser Stunde an unternahm Jürgen täglich weite Fußtouren. Er beachtete nicht Sonnenbrand, nicht Regen und hatte keine örtlichen Ziele. Für ihn gab es Tag und Nacht, ob er wanderte und sann oder schlief und träumte, nur das eine Ziel. Alles und nichts war ihm Wegweiser. Er existierte zwischen dem Ziele, das, ein farbloses, winziges Pünktchen in immer gleicher Entfernung am Horizont: seine große Hoffnung, und dem Schuß ins Herz, der die Erlösung von dem Wahnsinn: seine letzte Freiheit war.
Der alte Landarbeiter, krummgebogen von der Lebensarbeit, rückte die Mütze und deutete: „Ihr Hund jagt. Wenn ihn der Forstaufseher vor den Lauf bekommt, schießt er ihn.“
Aus dem hochstehenden Kleefeld tauchten, wie bei einem flüchtenden Känguruh, abwechselnd Kopf und Hinterteil des Dackels empor, der die Kleespitzen übersprang und bei jedem Satze mit den Vorderpfoten tief einfiel. Jürgen horchte auf das scharfe, verzweifelte Bellen.
Und da geschah es, daß Jürgen, dem jede Sekunde Zeit unschätzbar teuer war, der um keinen Preis, den dieses Leben zu bieten hatte, eine Sekunde lang das Suchen nach sich selbst unterbrochen hätte, dieses große Suchen auf Leben und Tod unterbrach, um erst den gefährdeten Hund zu suchen.
„Was ist der Mensch und was der Sinn, der ihn bewegt? Wer vermöchte zu sagen, weshalb im Opfer der tiefste Sinn des Menschendaseins ruht?“ flüsterte Jürgen, als er wieder auf dem Wege war, und begann zu weinen, laut und schrankenlos, in plötzlicher, wunderbarer Befreiung.
Der Hund dackelte neben dem Schluchzenden her, hügelan, zum Waldrand. Vor Jürgen lag die Tiefebene, unübersehbar weit und breit.
Zahllose junge Menschen, Mädchen, gebunden fragenden Blickes, Gymnasiasten, Studenten aller Nationen, standen dichtgedrängt, wartend auf das Wort. Immer neue Züge, endlos, traten aus den Wäldern heraus, tauchten hinter den fernen und fernsten Hügelketten auf. Millionen füllten die Tiefebene. Auf der Schulter eines jeden Einzelnen kauerte ein unheimlich und böse blickendes Tier. Aller Augen waren auf Jürgen gerichtet.
„Folgt euren Vätern nicht, den alten Verdienern!“
Da bäumten sich die Tiere, bleckten die Zähne, sträubten die Rückenhaare, schlugen ihre Krallen in die Schultern der stöhnenden Jugend, stießen grauenvolle Töne aus, die Schreck und Machtlosigkeit verursachten im Blick und im Gesichte der Jugend.
„Stoßt sie herunter von euren Schultern! Reißt sie heraus aus eurem Gefühle! ... Macht euren guten Müttern Sorge! Erkennt eure Aufgabe, und dann erfüllet sie! Tut ihr das nicht, dann geht ihr zugrunde, so oder so“, begann Jürgen die große Rede an die Jugend, die zu einer Darstellung seines Lebens wurde und immer wieder von neuem in der Warnung gipfelte, nicht so zu tun, wie er getan habe.
Stunden später blickte Jürgen, sitzend am Fensterplatz des kleinen Cafés und vor sich schon das Glas voll dampfenden Glühweines, dunkel fragend hinüber auf das Knopfexporthaus und wußte nicht, wie und wann und weshalb er hierher gekommen war.
Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt war das immer wieder geschehen, daß Jürgen bei den Wanderungen in und außerhalb der Stadt unversehens sich an Stellen befunden hatte, die durch Erlebnisse in der Vergangenheit für ihn bedeutsam geworden waren.
Da steht ein Mensch plötzlich vor einem schwarzen Tunnelloch, ganz erfüllt von dem Gefühle, vor diesem Tunnelloch schon einmal gestanden zu haben in einem früheren Dasein. Er sitzt auf einem Kilometerstein, sinnend und tief im Leben, und Strauch und Baum, der stille Waldsaum und die schnurgerade Landstraße, die wie ein weißer Pfeil sich in den fernen Horizont verliert, sind rätselhaft vertraut dem unruhvollen Herzen.
Die Wand, die Jürgens Blick in das Gewesene verstellte, rückt lautlos weg, und auf ihn brechen die Erinnerungen ein, so plötzlich und mit so lebendiger Gewalt, daß Jürgen in Abwehr schreit und bebt, gepackt von Angst, erdrückt zu werden von dieser Fülle, von des Bewußtseins blitzesschneller Wiederkehr.
Um nicht Schaden zu nehmen an der Seele, bemüht sich der von Glück und Sein Durchblitzte und Durchstürmte, das wiederkehrende Bewußtsein bewußt nur stückweise in sich einzulassen, lenkt sich ab, zählt, entlang dem Waldsaum, genau dreihundert Tannenstämme. Zählt und zählt, bebt und schluchzt und zählt, bedrängt von dem anstürmenden, von Stamm zu Stamm nachdrängenden Bewußtsein, das eine Sturmflut schmerzhaft lebendiger Erinnerungen mitführt, die ihm zum großen Rückblick werden, tief zurück in das Gewesene.
Viele Tage und in Maß und Abwehr durchwachte Nächte waren vergangen, ehe Jürgen sich bereitet und stark genug gefühlt hatte, bewußt Erinnerungsorte aufzusuchen. Wieder sitzt er eine ganze Nacht in der Verbrecherkneipe und liest von den verwüsteten Gesichtern das schon Gewußte und das Bewußtsein des Verrates, den er begangen hat, sich von neuem in die Seele und weiß, schweren Herzens, wieder: ‚Wer in diesem Leben nicht tief im Leide und im Kampfe steht, steht tief in Schuld.‘
Die Straßenkreuzung, wo er Abschied genommen hatte von Katharina, glüht und brennt. Lange steht er, zögert er. Und plötzlich überquert er sie doch, in fliegender Eile, Schauer im Rückenmark.
In dem Maße, wie er das Bewußtsein wiedergewinnt, bricht auch das Leben in seiner Milliardenfältigkeit, die zu empfangen und zu begreifen der Mensch ein Menschenalter zur Verfügung hat, wieder in ihn ein, stoßweise und mit solcher Wucht, daß er, bebend wie der Auferstandene, vor Sonne, Blau und Lärm steht, vor dem kleinen Leben der Straße, den schweren Pferden, die arbeitstreu das Backsteinfuhrwerk bauwärts ziehen, vor dem Sperling, der auf dem Pflaster hüpft und in die Ritzen pickt.
Den Dackel an der Leine, schritt Jürgen aus der Stadt hinaus, auf der Quaimauer flußentlang, vorüber an einer Reihe Proletarierfrauen, die, kniend am Ufer, farbige Wäsche wuschen, an durchnäßten Kindern vorbei, die Hafenanlagen bauten aus Sand und Dreck.
Die letzten Häuser blieben zurück. Der Fluß glitt blau und grün entlang der sanften Hügelkette. Am Ende der Quaimauer stand ein Angler. Jürgen schritt wie im Traume auf ihn zu. Er wunderte sich nicht. „Sind Sie Herr Knipp?“
„Das ist mein Name.“ Hinter Herrn Knipp lag auf dem Damm ein besonders langer Reserveangelstock modernster Konstruktion. Auch einen neuen Rucksack aus braunem Segeltuch mit Lederbesatz hatte er sich angeschafft und einen Feldstuhl. Der Angler war erst achtundfünfzig Jahre alt und sah, wie er so dastand, zufrieden mit sich und der Welt, ganz unverändert aus, als ob seither kein Tag vergangen wäre.
Wie damals saß Jürgen auf der Quaimauer, Beine flußwärts gestreckt. Millionen kleiner Mücken standen in der drückenden Schwüle knapp über der Wasserfläche. In der Nähe pochte die Stadt. Die Zeit stand still und glitt zurück.
„Erinnern Sie sich noch des arbeitslosen Schwindsüchtigen, mit dem ich hier gesessen hatte?“
Ruhevoll hob Herr Knipp die Angelschnur heraus und senkte sie in schönem Schwunge wieder in das glucksende Wasser. „Heute beißen sie gut an, weil ein Wetter im Anzuge ist ... Der Bursch lebt schon lange nicht mehr. Der war ein Unzufriedener. Den hat die Unruhe aufgezehrt, die Unzufriedenheit mit dem Gang der Welt. Schließlich hat er noch geklaut, kam ins Gefängnis und ist auch drin gestorben.“
Ein Mensch, überschlafen, träge, nimmt sich ein dutzendmal vor, endlich aus dem Bett zu steigen, und bleibt immer wieder liegen. Unversehens sind seine Beine außerhalb des Bettes. Wie in diesem Trägen vielerlei zusammen das plötzliche Aufstehen bewirkt hat, ohne daß das treibende Vielerlei ihm ganz bewußt geworden wäre, tauchten auch in Jürgen die Fahrt mit dem Agitator zur Arbeiterversammlung im ‚Paradies‘, die fünftausend Arbeitergesichter, das fahle Gesicht des Schwindsüchtigen, Katharinas Rufe: ‚Die Befreiung!‘ und seine Empfindungen und Gedanken an jenem Abend nur schemenhaft und unkontrolliert auf; dennoch verursachte all dies zusammen, in Verbindung mit des Anglers Worten, in Jürgen, der sich sofort erhob, plötzlich das feste Gefühl, er habe sich nun lange genug ausschließlich mit sich beschäftigt.
Und aus einer ganz andersartigen Unruhe als der, die ihn veranlaßt hatte, den erinnerungsträchtigen Angelplatz aufzusuchen, löste sich sofort der Gedanke, Bewußtsein und Erkenntnis dürften nicht um ihrer selbst willen erstrebt und gepflegt werden.
„Es ist erfüllt. Nun ist es Zeit“, sagte Jürgen, freudigen und schweren Herzens zugleich, als er zielbewußt weiter schritt.
Der wolken- und sonnenlose Himmel sah krank aus. Die Landschaft glich einem schlechten, leblosen Riesengemälde. Der Dackel zögerte, blieb stehen, legte sich in die Straßenmitte. Die Vögel waren verschwunden. Kein Ton. Jürgen betrachtete das meterhohe Getreidefeld. Die völlige Reglosigkeit der Halme und Ähren machte auf ihn den Eindruck der Unnatürlichkeit und Schaurigkeit. Erst als Jürgen schon weit voraus war, erhob sich der Hund.
Vereinzelte Tropfen fielen schwer in die Wind- und Luftlosigkeit. Als wäre der Himmel zu spannungslos und matt, den Sturm zu entfesseln, endete der Regen wieder. In der Nähe schrie ein Tier angstvoll dreimal. Und eine Sekunde später durchzuckte der trockene Blitz das ganze Tal.
Wie auf ein Zeichen mit dem Taktstock bewegten sich alle Ähren gleichzeitig. Das Tal begann zu singen. Blitze aus weiter Ferne zogen schwachen Donner nach. Der Apfelbaum fröstelte. Ein alter Lappen machte einen Sprung quer über die Straße, blieb einen Windstoß lang ausgebreitet in halber Höhe gegen das Getreidefeld gepreßt und fegte, knapp über den Ähren, davon.
Jürgen hatte die Feldhütte noch nicht erreicht, da krachte der erste Donnerschlag, begleitet von schräg herabplatzenden Wassermassen. Der Dackel saß zu Füßen Jürgens und bellte hinaus in den Wolkenbruch.
Als Felder, Wald und Fluß, das ganze Tal, im Wetter verschwunden gewesen, wie aus dem Nichts wieder entstanden, ging Jürgen auf eine weiße, unübersteigbar hohe Mauer zu, schnellen Schrittes, im Antlitz das Lächeln der Befreiung.
Das schwere Bohlentor öffnete sich, eine Droschke fuhr heraus. Jürgen lief ein paar Schritte, sprang durch das Tor, hinein in die Irrenanstalt. Das Tor schlug zu. „Führen Sie mich zum Arzt.“
Der stand noch in der Freihalle, kam schon geeilt.
„Sie warten wohl schon lange auf mich?“