Part 21
Sein Schema benutzte er nicht. Denn immer, wenn er planvoll vorgehen wollte, fürchtete er, Jürgen werde zu der Zeit, da er ihn in Berlin O suche, in Berlin W sein. Er fragte viele Vorübereilende, ob sie wüßten, wo Jürgen Kolbenreiher sich momentan aufhalte.
„Der Vortragskünstler? Ah, das Weinrestaurant mit der Bar?“
„Nein, ein sehr entfernt Bekannter von mir.“
„Und ich soll wissen, wo der ist?! Sind Sie wahnsinnig!“
„Ja.“
„Frechheit!“ Der Wütende sauste weiter.
Nach vielen verständnislosen Rückfragen des dicken Dienstmannes, der auf seinem Bänkchen saß, sagte Jürgen: „Vielleicht ist er in Odessa.“
„Na, denn fahren Sie man nach Odessa.“
„Können vielleicht Sie mir sagen ...“
„Keine Zeit!“
„Er hat ... keine ... Zeit.“ Traurig blickte er den Händen nach, die den Weg hinter sich schaufelten.
Wurde von den Hetzenden da- und dorthin gewiesen, angeschrien, stehengelassen, von Bummlern ausgelacht. Durchstreifte Restaurants, Kaffeehäuser, Kirchen, Warenhäuser, Kutscherkneipen, wurde in das Reichstagsgebäude nicht hineingelassen und aus einem Automatenrestaurant herausgeworfen, weil er, anstatt in den Schlitz, die Metallmarke dem verblüfften Kellner in den Mund geschoben hatte.
Als er nach langer Fahrt vor dem Meldeamt ankam, war es schon geschlossen. Als erster stand er um zwei Uhr wieder vor dem Schalterfenster, bekam einen Zettel zum Ausfüllen. Sog den Staub- und Papiergeruch ein. Riecht wie in unserer Buchhaltung, dachte er. Und reichte, bebend vor Erwartung, den Zettel dem Beamten.
Der unterhielt sich mit seinem Kollegen, schimpfte über die schlechte Beleuchtung, stand plötzlich reglos und sah aus, als denke er.
‚Alle Menschen denken in jeder Sekunde ihres ganzen Lebens irgend etwas. Nur ich ...‘ „Was denken Sie momentan?“
„Nichts“, bekannte mechanisch der Beamte. Dann erst staunte er und begann zu suchen.
„Ist er hier gemeldet?“ fragte Jürgen gierig. „Kolbenreiher mit H!“
Der Beamte gab keine Antwort; er unterhielt sich weiter mit seinem Kollegen über die Tatsache, daß ein Teppichgeschäft in Berlin N den Mitgliedern der Beamtenorganisation zehn Prozent Rabatt gewähre, fragte, ob er diesen Rabatt wohl auch bekäme, wenn er nur zwei ganz einfache Bettvorleger kaufe. „Wenn nicht, würde ich lieber Strohmatten nehmen. Kosten kaum die Hälfte.“
„Und halten auch vierzehn Tage!“
„Haben Sie den Personalakt gefunden?“ Jürgen streckte den Oberkörper durch das Schalterquadrat.
„Man darf eben nicht mit den Schuhen darauftreten ... Nun, wenn man früh aufsteht ...“
„Ist er hier gemeldet?“
„... hat man ja in Berlin keine Schuhe an ... Nein, ein Jürgen Kolbenreiher ist bei uns nicht gemeldet.“ Das Schalterfenster klatschte knapp vor Jürgens Stirn herunter.
‚Vielleicht lebt er einfach unangemeldet. Ich natürlich weiß am allerwenigsten, ob er dazu fähig ist.‘
Vollkommen gefühl- und empfindungslos geworden, stand er in der verkehrreichen Straße, gleich einem zu Eis erstarrten Gegenstand, der in der lebendigen, sengenden Sonne steht und nicht schmilzt.
In allen Menschengesichtern, die an ihm vorbei auf Körpern straßauf, straßab getragen wurden, stand, ob sie sprachen oder schwiegen, lachten oder dachten, die selbe eisesstarre Einsamkeit.
So unabänderlich einsam, wie die Fliege, die, mit dem dicken Kopf voran, im Zickzack durch die Luft zuckt, dachte Jürgen und beugte sich, durchschüttert plötzlich von wunderbarem Wehgefühl, hinab zu zwei kleinen Kindern, die im Erdrund eines Baumes hockten und, in den Augen noch das volle Leben, hingegeben mit Steinchen spielten.
‚Und in zehn Jahren wird die große, lebendige, schmerzliche Sehnsucht kommen, in weiteren zehn Jahren auch für sie die unlebendige graue Einsamkeit, da auch sie gleich allen dann die Sehnsucht nicht mehr haben werden.‘
Ihn trieb die Sehnsucht, wiedererstanden in ihm durch das Erblicken der zwei noch im Fluß des Lebens spielverbundenen Kinder, weiter straßauf, straßab.
„Ja, der wohnt dort in dem gelben Haus.“
Das Herz blieb stehen. Klopfte noch immer nicht wieder. Begann in rasendem Tempo zu hämmern. Die Schläfen, graukalt geworden, stiegen über den Kopf empor. Todesangst packte und erfüllte ihn bei der Vorstellung, ihm, den er verraten und verkauft hatte, in die Augen zu blicken.
Der am ganzen Körper Zitternde wußte, daß er auf der Stelle tot zusammenbrechen werde, angesichts des Andern; dennoch trug letzte Bereitschaft, die Glieder lösend selig ihn durchströmte, Jürgen auf das gelbe Haus zu, bis vor das Porzellanschild.
Er sank, sank, sank. Stand endlich, Beine und Füße aus Blei, auf dem Asphalt und las wieder und wieder den nur ähnlich klingenden Namen.
Alles Leben, das ganze Gewicht seines Körpers schien in den Beinen zu sein, so schwer waren sie geworden, als er sich weiterschleppte, toten Blickes.
Die Detektei erreichte Jürgen noch knapp vor Bureauschluß. Mit dem ersten Blick schätzte der Inhaber den gut gekleideten Kunden auf die Vermögensverhältnisse hin ein, bemerkte schon nach zehn Sekunden, daß der vor ihm stand, den er suchen sollte, ließ sich eine Anzahlung geben. Am Morgen hatte Jürgen zu seiner Verwunderung gegen einen Scheck, unterschrieben mit dem Namen Jürgen Kolbenreiher, anstandslos eine große Summe ausbezahlt bekommen. „Haben Sie Hoffnung?“
„Aber gewiß doch! Von der Hoffnung lebt man heutzutage ... Wie wärs mit einer Extraprämie, Herr ... Pardon, wie ist Ihr Name?“
Und da Jürgen den Kopf schüttelte: „Ich habe keinen.“
„Den wollen Sie nicht sagen, verstehe schon. Das kommt bei uns öfters vor ... Mit einer besonderen Prämie, die Sie demjenigen meiner Leute auszubezahlen hätten, der den Aufenthaltsort dieses Schuftes nachweist.“
„Er ist kein Schuft. Im Gegenteil: wir sind Schufte!“
„Erlauben Sie! Gewöhnlich sind meine Auftraggeber sehr achtbare Leute, die irgendeinen Schuft suchen lassen.“
„Glauben Sie mir, es ist genau umgekehrt.“
„Wie also sieht dieser Herr Jürgen Kolbenreiher denn nun eigentlich aus, im großen ganzen? ... Sie wohnen doch im Hotel, nicht wahr?“
„Ich habe im Hotel einen falschen Namen angegeben. Den Namen desjenigen, den ich suche. Sie verstehen?“
„Verstehe schon!“
„Ich bin nämlich ... Ach nein, ich bin nicht. Das heißt, ich wollte sagen: ich bin inkognito hier, ganz und gar inkognito ... Wie Jürgen Kolbenreiher jetzt aussieht, das weiß kein Mensch auf der Welt. Denn es ist ganz unmöglich, zu wissen, wie ich aussehen würde, wenn ich so geworden wäre, wie ich bin. Das ist ja das Hoffnungslose.“
„Nichts ist hoffnungslos. Ich habe schon schwerere Fälle mit gutem Erfolge zu Ende geführt. Beruhigen Sie sich. Nur Ruhe! Ich selbst werde den Fall bearbeiten. Und was die Extraprämie anlangt, so ist sie fällig, nachdem Sie selbst zugegeben haben werden, daß dieser von Ihnen gesuchte Jürgen Kolbenreiher gefunden ist. Welche Summe also ...?“
„Jede Summe! Meine Villa, drei Mietkasernen, ein Riesenvermögen in Wertpapieren. Nehmen Sie alles, was ich habe, und geben Sie mir dafür Ihn!“
Hinausbegleitet, verließ Jürgen das Bureau, nicht weniger Hoffnung im Herzen als der Detektiv, der, tief in Grübelei versunken, einen Bratensaucetropfen von seinem seidenen Rockaufschlag abkratzte, an die Villa, die Mietkasernen, an das Riesenvermögen dachte und keine Lust mehr hatte, des Dienstmädchens Alimentationsfall zu bearbeiten.
Jürgen stand schon vor einer Plakatsäule, an der ein roter Zettel klebte, mit der Aufschrift: ‚Es geschieht alles, was du willst, nur kehre zurück.‘ Im Auto fuhr er in das Plakatinstitut.
„Mit jedem Tausend mehr, das Sie drucken lassen, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß Sie diesen Herrn Kolbenreiher finden.“ Der Unternehmer ließ die Augenbrauen fallen. „Das ist doch klar, nich?“
„Fünftausend? ... Zwanzigtausend?“
„Sind besser als zehntausend! Jetzt die genaue Beschreibung.“
„Die gibts nicht.“ Er zog die Jugendphotographie aus der Tasche. „Hier ist das Bild dieses Menschen. Mein Jugendbild! Aber jetzt kann Jürgen Kolbenreiher unmöglich so aussehen. Und auch nicht so.“ Er deutete auf sein Gesicht.
„Sagten Sie vorhin nicht, Sie selbst seien Jürgen Kolbenreiher?“
„War ich! Bin ich wieder, wenn ich ihn gefunden habe.“
„Hören Sie mal, einem Schwachsinnigen nehme ich kein Geld ab. Nee, ich bin doch keen Schnapphahn. Hab ich nich nötig ... Greifen Sie sich an den Kopf und sagen Sie sich: Da hab ich mich.“
„Wenn das so einfach wäre! Wenn ich einen Kopf hätte!“
„Na, denn rin in die Gummizelle!“
Die Konkurrenz machte das Geschäft. Und schon am folgenden Tage war an allen Plakatsäulen zu lesen, welche Summe demjenigen ausbezahlt werde, der den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers angeben könne. Auf den knallroten Zetteln klebte Jürgens Photographie, die eigens zu diesem Zwecke aufgenommen worden war. Ein gewisser Anhaltspunkt sei die Photographie ja doch, hatte der Plakatmann gesagt.
Den ganzen Tag durchquerte Jürgen suchend die Stadt. Niemand erkannte ihn. Der Detektiv machte den Versuch, das Geld zu verdienen. Einen Irrenarzt brachte er gleich mit ins Hotel.
Jürgen zeigte den beiden seine Jugendphotographie. „Nehmen Sie an, dieser Mensch wäre auf dem Wege, den zu gehen er als seine Pflicht erkannt hatte, weitergeschritten, vierzehn Jahre älter geworden: wie würde er dann jetzt aussehen? Sicher nicht so wie ich ... Schaffen Sie mir den richtigen Mann bei, dann bezahle ich.“
„Ich habe den richtigen Mann für Sie mitgebracht. Der wird Ihnen fix klarmachen, daß Sie selbst der Gesuchte sind“, sagte resolut der Detektiv. „Nicht wahr, Herr Doktor?“
Der grinste. „So einfach wird das nicht sein.“
Der Detektiv wurde energisch: „Sie müssen sich untersuchen lassen.“ Und der Doktor zog die Uhr. „Also, erst mal Ihren Puls, bitte.“
„Was Puls! Meinen Puls? Sind Sie nicht bei Sinnen! Puls? Wenn ich einen Puls hätte!“
„Nur los!“ rief der Detektiv, ging zu auf Jürgen, der zurückwich, die Bronzefigur vom Schreibtisch nahm.
Als der Psychiater eine halbe Stunde später mit zwei Wärtern und einem Schutzmann zurückkam, war Jürgen schon in ein anderes Hotel übergesiedelt.
Auf das Protokoll des Arztes hin wurde eine Anzahl Schutzleute ausgeschickt auf einen Streifzug durch die Hotels, Pensionen, Absteigquartiere, den Irren zu suchen, während dieser hoffnungsfroh die Stadt durchquerte, sich selbst zu suchen.
„Kennen Sie einen Herrn Jürgen Kolbenreiher? Möglicherweise trägt er – ich, selbstverständlich, weiß das nicht – einen Schnurrbart.“
Der Angeredete fragte zurück: „Verzeihung, sind Sie Schutzmann? In meinem Hotel waren nämlich heute Schutzleute, die einen entsprungenen Irren namens Kolbenreiher suchten. Viele Schutzleute durchsuchen ganz Berlin nach diesem Verrückten.“
„Viele? ... Wunderbar! Sie werden mich sicher finden.“
Getragen von Zuversicht, schritt er federnd und pfeifend auf das kleine Hotel zu, in dem er die letzte Nacht geschlafen hatte. Die Vorüberhetzenden, die Schutzleute, Chauffeure, alle blickenden Menschenaugen, alle Menschen auf der Erde suchten ihn.
Da sah er wieder diese von einer unsichtbaren Last erdrückte Frau, der er schon am Morgen und noch einmal gegen Abend des selben Tages beinahe an der selben Stelle begegnet war, und die anzusprechen und nach sich zu fragen er nicht gewagt hatte, wegen der erstarrten Hoffnungslosigkeit in ihrem Antlitz.
Die Frau, deren Lebensgefährte vor zwei Tagen gestorben war, trug, in Blick und Gang schon wie körperlos geworden, seit zwei Tagen die Last der hoffnungslosen Vereinsamung ziellos im Kreise immer um den selben Häuserblock herum.
Das bange Gefühl, diese Frau sei in ihrem armen Herzen so ertötet, daß sie nicht mehr geben und nicht mehr empfangen könne, verhinderte ihn auch jetzt wieder daran, einmal bei der Hoffnungslosigkeit anzufragen, nachdem alle von Hoffnungen und Zielen noch Erfüllten ihm nicht hatten helfen können.
Nur den Bruchteil einer Sekunde sah sie Jürgens bangen Blick auf sich gerichtet. Ein stöhnendes Schluchzen brach aus. Drei Töne. Dann trug sie, wieder starren Gesichtes, weiter langsam durch die Straße ihre hoffnungslose Vereinsamung.
Vor dem Hotel sprach der Portier mit einem Schutzmann. Zurückweichend blieb Jürgen stehen, bewegte den Zeigefinger vor der Brust verneinend hin und her, pfiff, die Brauen hochgezogen, einen Ton und kehrte um.
„Die suchen ja mich, den Falschen, den Scheinjürgen, den Scheckfälscher, den, der im Hotel den Namen Kolbenreiher auf den Meldezettel schrieb. Sie suchen das Nichts, das sich anmaßte, zu sein.“
Die Angst, festgenommen und eingesperrt zu werden und sich dann nicht mehr suchen zu können, jagte ihn fort. In ein anderes Hotel zu gehen wagte er nicht. Er wagte nicht mehr, sich sehen zu lassen. Ganz plötzlich sah er keine Möglichkeit mehr, sich zu finden.
„Eingekreist! ... Im Freien schlafen! Eingekreist!“
Ein letzter Rest von Hoffnung, Hilfe zu finden bei der Hoffnungslosen, trieb ihn ihr nach, die Straße hinunter, die in den Tiergarten mündete. Sein Gesicht war in Abwehr verzerrt. Die Zähne bleckten.
Sein Körper fiel auf die erste Bank, die am Spreekanal stand. Die Vereinsamte neben ihm hatte sich nicht gerührt. Sie ängstigte sich nicht. Sie blickte blicklosstarr auf das Leben, das weiter ging, hinweg über ihr Leben: Zwei Stadtbahnzüge, leuchtende Lineale, schoben sich aneinander vorbei, durch die Nacht.
Sah das Sterbezimmer, wo der, mit dem zusammen sie in Kampf und Leid des Lebens ein Leben gelebt hatte, noch auf dem Bette lag, weiß zugedeckt, bis zum Kinn.
Am Tone schon des ersten Wortes, das sie sprach, fühlte Jürgen, daß neben ihm das Schicksal saß.
Zu Füßen der beiden regte sich leise das Leben: streifte das Wasser die Mauer.
Sie hob die kraftlose Hand. Sie sagte, verzuckenden, tränenrauhen, warnenden Tones, als warne sie jeden einzelnen dieser Erde: „Kein hartes Wort kann mehr zurückgenommen werden.“
Erschlossen plötzlich und schmerzlich berührt von der erhabenen Größe dieses schicksalhaften Leids der Hoffnungslosigkeit, berührte er die Schulter der Vereinsamten.
Sofort brach sie in stöhnendes Weinen aus. „So früh gestorben, weil er für diese Zeit zu gütig war. Zu gütig war.“ Stand schwer auf. „Zu viel, zu viel ist mir geschehen.“ Und ging. Das Dunkel nahm sie.
Vor dem reglos Sitzenden, der schmerzlich bewegt den verklingenden Schritten lauschte, ankerte neben der kleinen Eisenbrücke im Kanal ein Frachtschiff, auf dessen äußerster Spitze unter dem roten Signallicht ein junger Hund stand, der aufmerksam blickte. Und wie damals, da er, kommend aus Katharinas Zimmer, zusammen mit den neun Bezirksführern stadtwärts marschiert war, wehte auch jetzt kühler Teergeruch, und durch die Baumkronen schimmerten die Lichter der Stadt.
Entbunden durch seine tiefempfundene Hilfsbereitschaft, die ihm verstattet hatte, das eigene Leid zurückzustellen, und verstärkt noch durch das erinnerungsträchtige Landschaftsbild, war in Jürgen plötzlich Sehnsucht nach Katharina und zugleich mit dieser brennenden Sehnsucht das Gefühl, körperlich vorhanden zu sein, mit solch blitzhafter Schnelligkeit entstanden, als ob es ihm nie entschwunden gewesen wäre.
So gewaltig war die Freude, daß ihm nicht Kraft blieb, den Freudeschrei auszustoßen. Weichheit tat sich milde in ihm auf. Tränen drangen durch die Lider. Machtvoll zog die Hoffnung in ihn ein.
„Schnauzl“, flüsterte er zärtlich und lockte mit Daumen und Zeigefinger.
Der Hund erhob sich, wedelte mit dem Schwanzstumpf, lief, zutraulich wimmernd, auf dem Bordrand hin und her, stand, blickte, bellte verlangend einen Ton. Stille ringsum.
„Ein Hund und am Himmel die Sterne. Das ist zu viel und zu wenig für den Menschen. Zu wenig und zu viel. Der Mensch leidet ... Er erkenne im Leide und kämpfe!“ sagte Jürgen. Das war wie ein Gelübde.
Ohne Eile, ohne Weile schritt er stadtwärts, zum Bahnhofe. Und fuhr mit dem nächsten Zuge zurück in die Heimatstadt. Seine Haare waren ergraut, Gesicht und Körper ganz vom Fleische gefallen.
Einige Tage nach seiner Rückkehr – Herr Wagner und drei Ärzte waren bei Jürgen gewesen – stand in der Zeitung, Herr Kolbenreiher, Teilhaber der bekannten Bankfirma (deren Stammhaus übrigens schon in den nächsten Tagen in neuer, verschönerter und bedeutend vergrößerter Gestalt dem Parteienverkehre übergeben werden würde), habe sich durch seine unermüdliche und hingebungsvolle Arbeit eine Nervenentzündung zugezogen, die zwar sehr schmerzhaft, aber bei der kräftigen Konstitution des Patienten nach Ansicht der Ärzte allein schon durch Ruhe und den Aufenthalt in frischer Luft rasch zu beheben sei, so daß Herr Kolbenreiher seine bewährte Arbeitskraft bald wieder in den Dienst der Firma werde stellen können.
Auch Jürgen las diese Notiz. Ihn interessierte nur das Wort ‚Konstitution‘. Er fragte Phinchen, ob sie glaube, daß er ein konstitutioneller Schuft oder ein Schuft aus freier Entscheidung, also ein für seinen Verrat verantwortlicher Schuft sei, der die Kraft gehabt hätte, keiner zu werden. Er stand unter dem Türrahmen der Küche und blickte gespannt in das fassungslos zurückfragende Gesicht. „Was meinst du, Phinchen?“
Unabgewendeten Blickes ließ Phinchen den Spüllappen fallen, trocknete, wie immer, wenn Jürgen die Küche betrat, gewohnheitsmäßig die violetten Hände an der Schürze ab. Der Jammer um ihren abgezehrten Herrn gab ihr die Worte, Jürgen sei immer der beste Mensch von der Welt gewesen; sicher habe er niemals absichtlich Böses getan.
Da geriet er in Erregung. „Dann wäre ja alles hoffnungslos. Denn wie könnte ich aus diesem Wuste menschlicher Niedertracht herausfinden, wenn ich ohne Schuld, ganz ohne eigenes Zutun hineingeraten wäre ... Aber du kannst das ja nicht wissen. Sechzehn – und jetzt bist du vierzig. Hast dein Leben in dieser Küche verbracht.“
Wochenlang verließ Jürgen das Haus nicht. Er kleidete sich gar nicht mehr an, aß und schlief außer jeder Regel. Manchmal wandte er sich mit einer Frage an Phinchen, deren Herz die Antwort gab.
Sehnsucht und Grübelei kreisten immer um den selben Punkt. Auf der Welt war nichts als er und der Panzerplattenturm, vor dem er grübelnd saß und stand und lag und kniete, dieses Panzerplattengewölbe in ihm selbst, zudem er Einlaß suchte und nicht fand.
Zäh, gequält und unverdrossen machte er sich jeden Tag und jede Nacht von neuem an die Aufgabe. Jeden Gedanken dachte, jeden Schritt machte der Wahnsinn mit. Und auf dem Tisch lag der Revolver.
Schon hatte er die Fähigkeit erworben, sich im Wachtraum und auch im tiefsten Schlaftraum zu beobachten. In der Finsternis unterirdischer Gewölbe, durch die er traumsicher schritt, traf er den Andern, den er suchte, führte mit ihm traurig geflüsterte Wechselreden. Im Blick des Andern stand sehnsuchtslose Bereitschaft. „Geh und miß!“
„Ja, messen! Ich werde messen. Dies ist das Mittel.“ Da saß er aufrecht im Bett: blickte die Schranktür an. „Messen?“
So ausschließlich lebte er seiner Aufgabe, daß es ihm trotz Unterbrechung des Traumes auch diesmal gelang, die Fortsetzung des Traumes zu träumen, in das Gewölbe, das tief unter dem Leben lag, zurückzugelangen, vor die Augen des Andern, die sehnsuchtslos und unerbittlich ihn anblickten.
Jürgen wußte, daß er nicht fragen dürfe, was er messen solle. Und als er flüsternd dennoch fragte, verschwand das Gesicht. Logikferne Gebilde zuckten auf, verzuckten in Finsternis. Lichtbündel verzischten in Finsternis, aus der sekündlich wieder Licht aufspritzte.
Da schoß eine dicke, schmerzhaft weiße Lichtfontäne auf, in deren Mitte unirdisch weiß das Wesentliche lebte, das, im Tiefsten ihn durchschauernd, plötzlich sein eigen wurde.
Inbrünstig bemühte er sich, das Wissen vom Wesentlichen aus dem Halbschlafe heraus in das Wachsein herüberzuretten, öffnete mit großer Vorsicht wiederholt die Lider, nur einen Millimeter: Immer war das Wesentliche weg und nur die Schranktür da.
Und als er ganz erwacht aufrecht im Bette saß, wußte er nicht mehr, wann und wie und durch wen ihm der Rat zuteil geworden war, noch einmal, wie in der Jugend, eine Wanderung durch die Menschheit zu machen, unverstellten Blickes.
„Dann werde ich wieder dorthin gelangen, wo ich schon war. O, Bewußtsein!“ Sein sehnsuchtsvoller Freudeschrei riß ihn aus dem Bett.
Bereit, jedes Leid und selbst den Tod zu erleiden, verließ er das Haus, in der Tasche den entsicherten Revolver.
Der Sonntagmorgen tat sich vor ihm auf. Glocken läuteten. Ein roter Sonnenschirm überquerte die Straße. An Jürgen vorbei marschierte eine Knabenklasse, in Viererreihen streng geordnet und geführt vom Lehrer, der kommandierte: „Links! Rechts! Links! Rechts!“
„Wenn die Schwerter blitzen und die Kugeln fliegen ...“ „Links! Rechts!“
An dem Lehrer sah Jürgen das erstemal dieses Gebilde, das im Rücken hing, verkümmert, eingeschrumpft, vertrocknet. „Das ist, mitgeboren, aber ganz verödet, das Eigene, das in gar keiner Wechselwirkung mehr zu seinem Träger steht“, flüsterte er und ließ sich auf den Lehrer zugehen. „Auch Sie machen sich mitschuldig an einem furchtbaren Verbrechen, und ich kann Ihnen sagen, weshalb.“
Erst als er den Lehrer schüttelte und in das empörte Gesicht sagte: „An einem entsetzlichen Verbrechen! Denn Sie lassen sich als Seelenmörder gebrauchen“, stutzte der Lehrer, riß sich los, eilte der Klasse nach und richtete die in Unordnung geratenen Viererreihen wieder aus mit dem Kommando: „Links! Rechts!“
Von einem visionären Blitz erleuchtet, sah Jürgen sämtliche Knabenklassen Europas, die, kommandiert von den Lehrern, auf einer Riesenebene in linearer Ordnung kreuz und quer umhermarschierten und unter Geschützesbrüllen unversehens Infanterieregimenter wurden. Ununterbrochen stiegen die erstickten Seelen aus den strenggeschlossenen Schülerquadraten in die Höhe und verschwanden mit klagendem Gesange.
„Wohin?“ fragte Jürgen. „Wohin sind sie verschwunden?“ Er stand, noch durchzogen von der Vision, reglos und entrückt, bis drei alte Herren ihm in das Blickfeld hineinspazierten. Der eine erzählte etwas, verteidigte sein ablehnendes Verhalten. „Da kam es darauf an, ein Charakter zu sein.“
„Sie aber haben keinen Charakter. Denn was würde geschehen, wenn Sie Ihr Vermögen, Ihre Stellung, Ihre Privilegien und die Achtung der geachteten Männer verlören? Wo bliebe dann Ihr Charakter? Sie, meine Herren, sind Charaktermasken.“ Und er deutete auf die eingetrockneten Gebilde, die sich mit den dreien fortbewegten.
Als habe eine Hand ihn durch die vielen Straßen hin geführt, stand plötzlich, die düsteren Fensterlöcher quadratiert mit dicken Eisenstäben, vor ihm das Gefängnis, ein steingewordener Schrei.
Dunklen Druck in der Brust, blickte Jürgen die zufriedenen Sonntagsspaziergänger an. „Sie gehen vorüber, unberührten Gemütes.“ In seiner Brust stand das ganze wuchtende Gebäude.
Und er schritt, stehend vor der Mauer, wieder durch die Gänge, Gänge, die in seinem Herzen waren, durch den Saal, in dem die engmaschigen Drahtgitterkäfige standen, jeder ein menschliches Wesen trennend von den menschlichen Wesen.
‚Schnauzl!‘ lockt mit Zeigefinger und Daumen die verwüstete Siebzehnjährige. Katharinas Schnauz wedelt kläglich mit dem Schwanzstumpf.
Qualvolle Machtlosigkeit, wie damals, preßte Jürgens Herz zusammen.
Die Zellentür tut sich auf. Vor ihm steht Katharina im grauen Gefängniskleid, das verschönt ist durch den ordnungswidrigen Einschlag beim Halse. Der kleine, feste Mund lächelt froh.
Stürmische Liebe, wie damals, brach in Jürgen los. Da blickt Katharina gleichgültig und kalt ihn an. (‚Auch kann ich ein Mädchen sein, das im Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihr verächtliches Abweisen ...‘)
Mit beiden Händen griff Jürgen in die Luft und taumelte gegen die Gefängnismauer, blickte flehend Katharinas Blick an, der lautlos sprach: ‚Nimm erst von neuem auf dich alle Qualen!‘
Zwei paar Arme, an denen Spazierstöcke baumelten, breiteten sich aus, fielen schenkelwärts. Schultern zuckten. Jürgen betrachtete die eingeschrumpften Gebilde. „Auch ganz und gar entselbstet!“ Und folgte, berührt von dem Interesse des Leidensgenossen für die Leidensgenossen, den zwei Männern.