Part 20
Und sah, von unermeßlichem Entsetzen geschüttelt, zu, wie das Bild auf der Papprückwand erschien, und hörte die bekannten Worte: „Ich versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als neunundneunzig Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele schmusen, in gar keiner Weise mehr von ihrer Seele gestört werden, so wahr ist es, daß bei gewissen Individuen in gewissen Momenten die Seele spielend leicht durch den Schutzwall durchschlüpfen und ihr vorbestimmtes Recht verlangen kann.“ Die Photographielippen hatten sichtbar die Worte geformt.
„Du Lump bist nichts als Pappe“, brüllte Jürgen, stürzte hinaus, zerrte Phinchen vor das Bild. „Dreh es um! ... Wer ist das?“
„Das ist der gnädige Herr, wie er jung war.“ Phinchen bekam vor Rührung nasse Augen.
„Also ich bin das, nicht wahr, ich?“
„Wie Sie jung waren.“
„Das heißt doch aber: ich bin es. Ich!“
„Ja, wie Sie früher waren.“
„Jetzt sage mir: wen hast du lieber, den da oder mich?“
„Sie natürlich, gnädiger Herr! Das ist ja nur eine Photographie.“
„Das ist ein Irrtum. Ich bin er. Und er ist ein Nichts.“
Jürgen führte Phinchen schnell in die Küche. „Sag mir, Phinchen, hast du ihn sprechen hören, den da drinnen? ... Nein, schweige! Ich will nichts wissen.“
Schnelle Schritte stellten ihn wieder vor das Bild hin. „Hör mal, du bist nichts als eine Photographie und kostest mich soundso viel. Mit Rahmen ... Hier ist die Rechnung.“
„Sie irren sich. Ich bin alles, was Sie verraten haben, und koste Ihnen den Verstand.“
„Das wollen wir sehen.“ Er stieg sofort ins Bad, duschte sich minutenlang kalt ab, schluckte Brom und legte sich ins Bett.
Die Photographie stand im dunklen Wohnzimmer. Lebensgroß. Jürgen saß aufrecht im Bett und glotzte durch sechs Wände durch auf die Photographie.
„Sie hat Augen. Sie blickt ... Kann man einen Blick photographieren? Ob wohl mein Blick von damals auch mitphotographiert, ganz genau, wie er war, mitphotographiert worden ist? ... Und das, was hinter dem Blicke ist? Was hinter einem Jünglingsblicke ist?: Sehnsucht, Bereitschaft zur Hingabe, die großen Gefühle – die Seele? Wurde damals auch meine Seele mitphotographiert?“
Jürgen sah deutlich den Jünglingsblick, der als große Frage an das Leben in den Augen stand.
Ohne die photographierte Frage an das Leben aus den Augen zu lassen, legte er den Kopf langsam und sanft auf das Kissen, schlief ein. Und im Schlafe war nichts auf der Welt, als seine Augen und die zwei photographierten Augen. Die Blicke der zwei Augenpaare trafen sich stundenlang, bis dieses lautlose Sichtreffen der Blicke Jürgen aus dem Schlafe hob.
Die brennende Kerze in der Hand, schlich er ins Wohnzimmer, vor das Bild hin. „Und wenn ich nun“, sagte er und nahm das Bild aus dem Rahmen, „mich in den Rahmen stelle?“
Das Nachthemd reichte bis zu den behaarten Waden. Eine Weile blieb er vollkommen reglos im Rahmen stehen und starrte wild auf den gegenüberstehenden Jüngling.
Dessen ernster, vergangenheitsferner Blick zwang Jürgen, wieder aus dem Rahmen herauszutreten. Überwältigt von der Unerbittlichkeit des Jünglingsblickes, brach er vor dem Bilde in die Knie. „In dir lebt das ewig unverrückbare Ziel.“
Die Kerze in der einen, die Photographie in der andern Hand, stieg er hinauf in das Zimmerchen, das er als Jüngling bewohnt hatte, lehnte das Bild an die Wand. Und als er den Türdrücker gefaßt hatte und fortgehen wollte, stieg aus den seit Jahren verschütteten Gefühlen ein Strom von Hilfsbereitschaft auf. „Kannst nicht immer stehen. Kannst nicht dein Lebenlang stehen.“
Er knickte das lebensgroße Bild in der Rumpfmitte ab, nach vorne, daß es einen rechten Winkel bildete, dann bei den Knien nach rückwärts und setzte die Photographie auf das Kanapee.
Tränennaß und fassungslos schluchzend kam er im Schlafzimmer an. Und hatte, wie er stöhnend und wimmernd in das Kopfkissen hineinklagte, das von Hoffnungslosigkeit durchbebte Gefühl, lebenslänglich getrennt zu sein von sich, von seiner Jugend, die im modrigen Studentenzimmer auf dem Kanapee saß.
Andern Tages wollte er auf der Straße schon den Hut ziehen vor Herrn Fabrikbesitzer Hommes, der grußlos vorüberschritt. Jürgen blieb stehen, Hand auf dem tobenden Herzen. „Sieht er – sieht man mich nicht? Bin ich unsichtbar? ... Ich bin doch aus Fleisch und Knochen, habe Augen, Stirn, Hände.“ Er umfaßte sein Handgelenk, wollte sich überzeugen, preßte das Gelenk.
Da öffnete sich sein Mund in grenzenlosem Entsetzen: die umfassende Hand war zur Faust geworden: kein Handgelenk war in ihr. Noch einmal umfaßte er das Handgelenk. Wieder wurde die Hand zur Faust.
„Nicht mehr vorhanden?“ fragte er, hob die Augenbrauen. „Überhaupt nicht mehr?“ Er pfiff bedeutsam. „Jürgen Kolbenreiher ist also überhaupt nicht mehr da. Ist einfach weg? Ist Luft? Und das nicht einmal? Ein glattes Nichts?“
Hastig öffnete er das Taschenmesser, stach die Spitze hinein in seinen Schenkel, wollte vor Freude über den Schmerz schon einen Triumphschrei ausstoßen. Und fühlte nichts.
Er bohrte tiefer, drehte die Messerspitze in der Wunde herum, fühlte nichts.
Da marschierte sein in das Grauen hineingeduckter Körper nachhause und legte sich auf das Kanapee.
„Was ist, wenn ich jetzt aufstehe, hinausgehe in die Küche und Phinchen sieht mich nicht?“
Plötzlich stand, von Phinchen hereingeführt, der Bankdiener im Zimmer. Der Herr Prokurist lasse fragen, ob Herr Kolbenreiher auch heute nicht ins Bureau komme.
„Wo? Wo ist er? Sehen Sie ihn denn, da Sie ihn fragen? Wissen Sie denn, wo Herr Kolbenreiher sich momentan aufhält?“
Und da der Diener den Mund aufsperrte: „Ich bin nicht vorhanden, nicht anwesend, ich bin nicht da, kann also auch nicht in die Bank kommen.“
„Ich werde also ausrichten, Herr Kolbenreiher seien verreist.“
„Ah!“ rief Jürgen, als der Diener fort war. „Vielleicht bin ich nur verreist. Einfach verreist! Nach Italien! Paris! So wirds sein.“
Jürgens Gesicht wurde flach; die Augen sprangen vor. Er stürzte in die Küche. „Hilf mir, Phinchen, rate mir, wie erfahre ich, wo er ist. Die Welt ist groß. Was soll ich tun, ihn zu finden ... Rufe schnell den Diener zurück.“
Und als das entsetzte Mädchen den Diener wieder in das Zimmer führte: „Besorgen Sie mir einen Reisepaß. Aber auf den Namen Jürgen Kolbenreiher!“ Er zwinkerte schlau. „Wenn Sie sich geschickt anstellen, merkts vielleicht niemand, daß nicht ich selbst es bin.“
„Das ist gar nicht schwer“, sagte der Diener und ging. Phinchen weinte.
„Im Gegenteil! Sehr schwer! Man kann es ertragen, sein Vermögen zu verlieren, aber sich selbst zu verlieren erträgt kein Mensch.“
„Das ertragen die andern großartig; aber, zum Beispiel, das Vermögen zu verlieren, ertragen sie nicht. Und aus diesem einfachen und unheimlichen Grunde ertragen sie es so leicht, sich selbst zu verlieren. Die sind nicht vorhanden und haben davon nicht die leiseste Ahnung.“
Ganz langsam legte Jürgen beide Handflächen an die Schläfen, noch einmal zu kontrollieren, ob sein Kopf da sei. Die Handflächen trafen zusammen. Kein Kopf war dazwischen. Jürgen stieß einen kurzen Schrei aus. Und lag leichenstill bis in die Nacht hinein. Der Reisepaß war schon gebracht worden.
Die Stadt schlief. In Haus und Garten rührte sich nichts. Der volle Mond hing am Himmel. Jürgen schlich ins Arbeitszimmer, einige Minuten später durch den Garten, heftete einen Kanzleibogen an den Türpfosten, an den er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ angebracht hatte, und las:
„Wer den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers anzugeben vermag, erhält jede gewünschte Summe. Hier werden Begeisterung, unverbrauchte Wahrheit, Bewußtsein und Hingabe gekauft.“
Befriedigt stieg er die Treppe hinauf und packte seinen Reisekoffer, wusch sich, kleidete sich um.
Noch einmal schlich er in das dunkle Schlafzimmer, vor den mannshohen Ankleidespiegel. Die Hand am Schalter, wartete er erst einige Sekunden, bevor er das Licht andrehte.
Lebensgroß erschien das Spiegelbild. Jürgen schrie vor Freude, hob dabei den linken Arm.
Das Spiegelbild hob den Arm nicht.
Jetzt erst bemerkte er, daß im Spiegel der Jürgen stand, der, in knapp sitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern, Brust und Blick, die Blicke aller im Saale Anwesenden auf sich zog: der Jürgen, den er, sitzend auf der Anlagenbank, als zu erstrebendes Ziel in den grünen Bretterzaun hineingesehen hatte.
Jürgen hob die Augenbrauen, pfiff, tanzte, schnitt Grimassen, ballte die Fäuste. Das Frackherrspiegelbild rührte sich nicht. Das Entsetzen war ungeheuer.
Er drehte das Licht aus, verbrachte atemlos einige Sekunden, drehte an, stierte in den Spiegel.
Im Spiegel war nichts. Jürgens Finger drückte den Knopf.
Phinchen, die weinend vor der Schlafzimmertür gekniet hatte, trat sofort ein, wurde vor den Spiegel gezerrt. Ob sie ihn sehe?
Händeringend beteuerte sie, daß er neben ihr im Spiegel stehe. Sein wütendes Fragen und ihr jammervolles Deuten dauerten so lange, bis Jürgen, durchblitzt von einem letzten Rettungsgedanken, langsam sagte: „Wenn ich mich jetzt mit dir zusammen ins Bett lege, dann muß ich doch fühlen, daß ich bin. Denn dies, es ist das starke Gefühl.“
Phinchen ließ die Arme sinken, war bereit.
„Aber mit wem denn? Ich bin ja nicht. Hab ja keine Arme zum Umarmen ... Weißt du, Phinchen, die Hauptsache ist, daß ich wieder ein Fetzchen Gefühl bekomme. Gefühl! Dann suche ich ihn. Dann finde ich ihn auch. Geh, Phinchen, geh!“
Bis zum Morgen lag er mit offenen Augen im dunklen Schlafzimmer.
Der Kolonialwarenhändler von nebenan und der Antiquitätenhändler, der in der Hauptstraße des Villenviertels eine Filiale hatte, sahen Jürgens Zettel zuerst. Arbeiter und Weiber, Kinder, auf dem Wege in die Schule, Milch- und Semmelausträger sammelten sich an. Der Antiquitätenhändler machte einen Witz über die neue Konkurrenz. Das Gelächter drang bis zu Jürgen hinauf.
Der stritt sich mit einem Fremden herum, der seine Gefühle nicht verkaufen, sondern sie nur gegen andere Gefühle eintauschen wollte.
„Aber ich besitze ja keine ... Hören Sie“, er faßte den Fremden bei der Schulter, „ich gebe Ihnen mein gesamtes Vermögen gegen etwas Gefühl, gegen ein Bruchstückchen Begeisterung, gegen den leisesten Hinweis auf ein Ziel. Nur ein bißchen Bewußtsein! Ich bitte Sie.“
„Geht nicht! Gefühl hin – Gefühl her! Hingabe gegen Hingabe!“
Jürgen warf die Hände vor: „Meine Villa, die drei Mietskasernen, meinen ganzen Aktienbesitz, meine Stellung und Macht, mein Geachtetsein, alles will ich Ihnen geben und will dafür nur mich.“
Vor dem Hause ertönte stürmisches Gelächter. Das klang wie fernes Möwengeschrei. Der Antiquitätenhändler witzelte: „Ankauf gut erhaltener Ideale. Stil Louis XVI.“
Auch der Nachbar war hinzugetreten, las den Zettel. „Da ist etwas nicht in Ordnung“, sagte er und klinkte die Gartentür auf.
Jürgen horchte auf das vielfüßige Getrappel, nahm seinen Koffer, stürzte die Vordertreppe hinunter und davon.
Im Auto fuhr er – Oberkörper vorgebeugt, als gelte es, ein Rennen zu gewinnen – zum Bahnhof. „Was kostet die Fahrkarte nach Paris?“
Der Schalterbeamte nannte die Summe, griff in das Billettregal.
„Und nach Rom? ... Nach Odessa?“
„Wohin also?“
„Zu mir! ... Verzeihung – es könnte ja sein –, wissen Sie vielleicht zufällig, ob Jürgen Kolbenreiher momentan in Berlin oder in Wien ist?“
„Wie meinen?“
„In London oder Madrid?“
„Was? Wer? Was wollen Sie?“
„Um Himmels willen – in New York?“
Der Schalterbeamte starrte wütend.
Und Jürgen sagte: „Sie wundern sich? Tun Sie das nicht! Auch Sie können nicht wissen, wo und was Sie sind, in Rom oder in Chikago, Matrose in der südlichen Hafenstadt oder Schreiber in einer Beamtenstube Norddeutschlands, die Sie nie betreten haben. Oder sitzen Sie in hunderttausend Schalterkästen gleichzeitig? Keine Ahnung haben Sie. Kommen Sie mit! Denn hier in diesem Schalterkasten werden Sie sich nie finden. Oder glauben Sie gar, Sie seien Sie? ... Bruder, verwandt mit mir durch dein Schicksal, steige heraus aus deinem Kasten. Denn hier kannst du dich bis an das Ende deines Lebens niemals finden. Suche dich ... Suchet, so werdet Ihr finden ... Aber dir, ich weiß es, dir Armen ist nicht einmal das Suchen verstattet.“
Eilige Reisende drängten Jürgen vom Schalter weg. Die Abfahrt eines Zuges wurde ausgerufen. Jürgen sprang in ein Abteil dritter Klasse.
Zu der alten, verhärmten Arbeiterfrau, die ihm gegenübersaß, sagte er noch, er suche, was jeder Mensch auf dieser Erde lebenslang suche. Und schlief ein. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, als streite er heftig mit jemand.
Die Frau glaubte, Jürgen friere, betrachtete erst eine Weile mitleidig und unschlüssig das zerklüftete Gesicht. Dann wagte sie es doch, ihre Wolldecke vorsichtig über seine Knie zu breiten.
VIII
Wochenlang wußte niemand, wo er war. Phinchen, von neugierigen Nachbarn befragt über das scheue Verhalten Jürgens in der letzten Zeit, verweigerte jede Auskunft. Und Herr Wagner, bestrebt, unliebsame Gerüchte, die das Ansehen der Bank schädigen könnten, nicht aufkommen zu lassen, sprach von einer wichtigen Geschäftsreise so vorsichtig und wortkarg, als würde schon ein einziges schlechtgewähltes Wort Riesenverluste für die Bank bedeuten.
Endlich erzählte ein Kunde, er habe Jürgen in Rom gesehen – nannte Tag und Stunde – und zwei Tage später noch einmal in der Halle des selben Hotels, leider nur sehr flüchtig, da Jürgen, offenbar in besonders dringenden Geschäften, in größter Eile auf das wartende Auto zugeschritten sei.
Herr Wagner machte ein wissendes Gesicht. Und schwieg auch dann noch, leise zwinkernd, als ein Pariser Geschäftsfreund ruhig lächelnd behauptete, das sei nicht gut möglich, denn an dem dazwischenliegenden Tage habe er selbst in Paris im Direktionsbureau sich mit Jürgen unterhalten und persönlich ihm eine große Summe gegen einen Scheck des Hauses Wagner und Kolbenreiher ausbezahlt. „Das war am ...“
„Stimmt!“ unterbrach Herr Wagner. „Beides stimmt. Es gibt Fälle, meine Herren, wo die Geschäftskonstellation unsereinen zwingt, schneller als eine Schwalbe zu sein.“
Der Zeigefinger sank. Was aber, wenn jetzt noch einer kommt und behauptet, er habe ihn um die selbe Zeit in London gesehen? dachte Herr Wagner,
während Jürgen, in der Droschke ungeduldig vorgebeugt, überdacht von einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, vom Bahnhof der südlichen Hafenstadt in das Hotel fuhr, in dem er vor vierzehn Jahren als Neuvermählter mit Elisabeth gewohnt hatte.
Ein Servierkellner verscheuchte mit der Serviette Fliegen von den blumengeschmückten, weißgedeckten Tischchen. Gegenüber schliefen zwei braungebrannte Männer auf den breiten Steinstufen im Schatten des Palastes.
„Sagen Sie mir, aber aufrichtig: ist Herr Jürgen Kolbenreiher im Hause?“
Zurückweichend drehte der Kellner sich um sich selbst und schlug dabei mit der Serviette heftig in die Luft nach einer großen Bremse. „Ich werde sofort nachsehen.“
Der dicke, befrackte Oberkellner blieb, den Zahnstocher noch im Munde, im kühlen Hausflur stehen, zeigte Jürgen, der draußen im Sonnenbrande stand, fragend und verneinend beide Handflächen und deutete plötzlich und schwungvoll mit beiden Händen einladend flurwärts.
„Nicht dagewesen? ... Ist das Zimmer Nummero 7, mit Aussicht auf den Hafen, frei? ... Dieses Zimmer nämlich hätte er genommen“, sagte er beim Hinaufgehen. Und erkannte sofort den geblumten Überzug der Ottomane wieder.
Setzte sich in den Sessel. Plötzlich sah er, wie damals, Jürgen mit Elisabeth in der Halle eines Pariser Hotels stehen. ‚Das bin ja gar nicht ich. Das ist ein ganz anderer. Nicht der, den ich suche ... Wenn ich wenigstens nur den finden würde, der hier in diesem Zimmer gesessen hatte. Denn auch der wußte, daß der in Paris herumlebende Schuft nicht Jürgen war. Aber wo, wo ist er, der dies wußte? Wo?‘
„Hier ist er also nicht? In diesem Zimmer wohnt er nicht?“
„Dieses Zimmer ist frei, Herr.“
„Aber es war doch nicht immer frei! Sagen Sie mir – aber denken Sie scharf nach –: ist Herr Jürgen Kolbenreiher nicht doch hier gewesen in der letzten Zeit? Dieser selbe Herr Kolbenreiher nämlich, der vor vierzehn Jahren einige Tage in diesem Zimmer gewohnt hat mit seiner Frau! Mit einem Fisch! Sie erinnern sich! Unveränderlich in ihrem Wesen. Kühl! Kühl! Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht ... Er bezahlte damals – ich erinnere mich genau –, da er anderes Geld nicht hatte, Ihnen persönlich die Rechnung in Mark.“
„Eine blonde Dame? Mark! Ah, Mark! ... Der Herr ist damals gleich abgereist und seither nicht mehr hier gewesen.“
„Abgereist?“ Jürgen fuhr sofort zum Bahnhof und reiste ab. Mit dem ersten Zuge, der ausgerufen wurde. Endstation Berlin.
Wurde achtzehn Stunden später von den hastig und zielbewußt Auseinanderstrebenden mitgerissen durch die Berliner Bahnhofshalle und hinausgestellt auf den Platz, zwischen brüllende Zeitungsverkäufer, schnelle Radler, brüllende Autos, hetzende Fußgänger, und verharrte reglos: eine Achse, um die herum das Leben der flachen Stadt sauste.
Auf dem Potsdamer Platz, dem Mittelstück verkehrreichster Straßen, stand der Schutzmann, das Blasinstrument am Munde, die Hand dirigierend erhoben.
„Die Richtung! Bitte! Ich bitte. Die Richtung! Welche Richtung führt zu mir?“ fragte er den Schutzmann.
Der antwortete: „Nicht stehen bleiben! Vorwärts!“
„Im Gegenteil! Das Ganze Halt! Ich sage Ihnen, auf diese Weise nähern die Menschen sich, auch wenn sie ihr ganzes Leben lang so weiter rasen, nicht um einen Millimeter dem Ziele, während vielleicht ich, ah, glauben Sie mir ...“
Der Schutzmann hielt, als schwöre er zu Jürgens Worten, die Hand erhoben, senkte sie: Zeitbesessene Menschengruppen, Straßenbahnen, überfüllte, dunkelbrüllende Riesenautobusse, springende Häuser, nahmen das Rennen wieder auf, die Leipziger Straße hinauf, schwemmten Jürgen mit, der, ein Lächeln unbegreiflicher Zuversicht im Antlitz, mitten auf dem Fahrdamm schritt.
Autos, von rückwärts und von vorne kommend, sausten auf ihn zu und, sekündlich ausweichend, in unvermindertem Tempo vorbei, knapp, daß nicht handbreit Zwischenraum geblieben war. Chauffeure glotzten wütend, schimpften, waren weg. Passanten staunten.
Das Lächeln der Zuversicht verschwand. „Unverwundbar? Luft? Nicht vorhanden? Autos fahren durch mich durch!“ Beide Handflächen schnellten zu den Schläfen, fanden keinen Kopf. Das graue Entsetzen stieß ihn weiter.
Menschen, einer flüchtenden, schwarzen Tierherde gleich, rannten, von der Straße weg, eine Treppe hinunter, rissen Jürgen mit, hinab in das mit Reklamebildern austapezierte Erdmaul, hinein in die verhalten bebende Maschine.
Eingeklemmt zwischen Passagiere, die, vorausblickend, in Gedanken schon bei ihrer Zielstation angelangt waren, sauste Jürgen unter der Stadt durch, flüsterte, die Hand am Munde, in ein Menschenohr: „Alles rennt und hetzt, hin und her, kreuz und quer, Tag und Jahr. Komisch und bedeutsam! Denn – denn die Banken schießen auf. Neue Stockwerke werden aufgesetzt, Kutscherkneipen umgebaut zu Wechselstuben. Dies, ich sage Ihnen, dies ist das Zeichen.“ Er hob, wie vorhin der Schutzmann, die Hand, warnend, als wolle er aufmerksam machen auf eine heranrollende ungeheure Katastrophe.
Die Bahn sauste empor, über eine gespreizte Eisenbrücke. Jürgen wurde auf den Asphalt gestellt, blickte umher. Trambahnen, Hoch- und Stadtbahnzüge kreuzten einander, spien Menschenmassen aus, nahmen andere auf.
Zum beschäftigten Hotelportier sagte er in falscher Gleichgültigkeit, er sei und heiße Jürgen Kolbenreiher. „Hier, mein Paß! Überzeugen Sie sich!“ „Gilt schon!“ Füllte den Meldezettel aus.
Und hüpfte in seinem Zimmer vor Vergnügen, den Portier getäuscht zu haben. „Was die andern können, kann auch ich. Auch ich kann ein Vorhandensein vortäuschen, das keines ist. Muß mich nur auch selbstbewußt benehmen, darf niemand merken lassen, daß ich nicht bin. Denn jemandem, der nicht ist, gibt niemand Auskunft. Und ich werde viele nach mir fragen, werde lange nach mir suchen müssen, eh ich mich finde.“
Er horchte auf das Brausen der Stadt. Das klang wie das Bellen von Millionen vor Hunger irrsinnig gewordener Hunde.
Plötzlich sah er deutlich, wie Jürgen langsam durch eine Straße ging, vorbei an einem Hutgeschäft, und im Gewühle verschwand. Konnte nicht ermitteln, ob er diese Straße und dieses Hutgeschäft in Paris, Berlin oder Rom gesehen hatte.
„Es gibt so viele, ach, so viele Straßen und so viele Hutgeschäfte auf der Welt.“ Mutlos ließ er sich in den Sessel sinken.
„Was mag er jetzt denken? Was fühlte er in dieser Sekunde?“ Jürgen zog die Uhr. „Wenn ich ihn gefunden habe, frage ich ihn, was er in diesem Augenblick, um dreiviertel sechs, gedacht hat. Ach, wie wunderbar wäre es, zu wissen, was ich gegenwärtig denke ... Der Mensch denkt. Welch unbegreifliches Wunder ist das Denken! ... Daß er aber auch gleich wieder verschwunden ist! Wird schwer zu finden sein. Ich muß mir ein System ausdenken. Ein Schema. Ich muß systematisch vorgehen.“
Mit Bedacht setzte er die Maske der Gleichgültigkeit und Sicherheit auf, schritt zur Klingel. Und kramte dann doch, das Gesicht abgewendet, im Koffer, als er zum Kellner sagte: „Bitte, bringen Sie mir einen Stadtplan ... Sie können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie wollen.“
„Ausgezeichnet! Das habe ich ausgezeichnet gemacht. Denn ein Mensch, der ein Schinkenbrot verzehren kann, ist vorhanden. Das ist klar. ‚Sie können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie wollen.‘ Großartig! Dieses ‚Wenn Sie wollen‘ war sehr gut.“
Und als der Kellner den Stadtplan brachte und ein Brot mit Wurst, da Schinken nicht im Hause sei, tat Jürgen verdrießlich. „Ich hätte lieber Schinken gegessen. Nun, es kann auch Wurst sein.“ Der Kellner wollte gehen.
„Einen Augenblick!“ Er schnitt ein Stück ab, steckte es vor des Kellners Augen in den Mund. „Wieviel Einwohner hat Berlin? Ich suche nämlich jemand“, sagte er und kaute eifrig für des Kellners Augen. „Deshalb habe ich mir den Stadtplan bringen lassen. Die Wurst ist übrigens sehr gut. Sehr gut! ... Und morgen bringen Sie mir zum Frühstück warme Milch und eine Semmel. Nur etwas warme Milch! Ich habe nämlich einen schwachen Magen.“
„Sehr gut gemacht! Bewundernswert! Nur etwas warme Milch. Ich habe nämlich einen schwachen Magen.“ Er hüpfte. „Es wird. Es wird.“
Eifrig studierte er den Stadtplan, zog Blaustiftstriche von Schmargendorf nach Wilmersdorf, über Charlottenburg weg nach Rixdorf, bohrte auf das e von Steglitz ein i und kicherte: „Stieglitz“. Trillerte wie ein Stieglitz. Trillerte noch, als er schon im Bett lag. Und trillerte sich lustig und hoffnungsvoll in den Schlaf hinein.
Erwachte morgens mit dem Rufe: „Hahaha, einen schwachen Magen! O, hätte ich nur einen schwachen Magen, ein Magengeschwür, qualvoll und lebensgefährlich. Wäre doch immerhin ein Magen.“
Trank hastig die warme Milch und stellte, die staunenden Augen vergrößert, die leere Tasse auf den Tisch. „Aber ich trank ja eben Milch. Ich! Ich trank. Ein Mensch trank Milch. Also muß dieser Mensch doch einen Magen haben und muß ein Mensch, muß vorhanden sein.“
Da lächelte er ein schlaues, anerkennendes Lächeln, als habe er einen besonders fein angelegten Betrug durchschaut. „Ist es mir also tatsächlich gelungen, sogar mir selbst vorzutäuschen, ich hätte einen Magen. Wunderbar! Kein Mensch wird merken, daß ich nicht vorhanden bin.“
Langsam und vorsichtig, um nichts zu verschütten, trug er die leere Tasse zum Kübel, leerte die nicht vorhandene Milch aus, hörte das Plätschern. Und riß sich zusammen. „Jetzt aber los!“
Es war erst sieben Uhr. Die starke Luft stand noch unverbraucht in den Straßen. Jürgen hatte große Eile, sprang in Stadtbahnzüge, die schon angefahren waren, wurde von der Untergrundbahn im Westen abgesetzt, von der Straßenbahn quer durch die ganze Stadt nach Berlin N getragen, auf dem Dache eines Autobusses nach Wilmersdorf zurück.