Der Bürger

Part 19

Chapter 193,489 wordsPublic domain

„Dies ist es, was Sie von dem Vollbürger unterscheidet. Der hält diesen Zustand sehr gut aus. Denn sein Ziel ist: Haben, haben, haben und immer noch mehr haben. Und er bleibt in der Regel gesund dabei. Fragt sich nur, ob diese seine Gesundheit nicht die Krankheit ist, an der die Menschheit zugrunde geht.“

„Daß an dieser Gesundheit die Menschheit zugrunde geht, scheint mir gar keine Frage mehr zu sein. Ich habe da“, flüsterte Jürgen, „zweifellos einen richtigen Gedanken ausgesprochen ... Wie steht es aber damit, daß trotz dieser tödlichen Gesundheit es offenbar keinen Menschen gibt, der ohne Ideal zu leben vermöchte. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, und sei er der übelste, habgierigste, härteste Schuft, hat sein Ideal, und wenn es auch nur Selbstbelügung ist. Mittel zur Beruhigung des Gewissens.“

Zuerst blickte Jürgen mit zugekniffenen Augen mißtrauisch seitwärts, wie einer, der sich vergewissern will, ob er nicht beobachtet wird. Langsam richtete er sich auf. Die Hand wurde auf der Tischplatte zur Faust. Auf der Stirn entstand die Energiefalte. So saß er, reglos, alle Muskeln gespannt, plötzlich ganz erfüllt von dem Entschlusse, mit der Niederschrift seines seit langem geplanten Lebenswerkes ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘ zu beginnen. „Das ist meine Rettung.“ Freude rötete sein Gesicht.

Und wie er den Kopf hob, sah er auf der gegenüberstehenden Wand ein winziges, höhnisches Lächeln.

Senkte sofort den Kopf. Durch dieses Werk werde ich zu meinem kleinen Teile dem Fortschritt und der Erkenntnis der Menschheit dienen können, dachte er, schielte zur Wand, wo wie ein Bild das höhnische Lächeln hing.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Ihr tönendes, tiefes Gefasel über Moral, Gerechtigkeit, Humanität, Ideal und Seele in bezug auf die Volkswirtschaft nicht zulassen, sondern während der Niederschrift mit einer Hartnäckigkeit ohnegleichen immer wieder darauf hinweisen werde, daß es sich um die Moral und die Gerechtigkeit der herrschenden Klasse, der Nutznießer des bestehenden Produktions- und Verteilungssystemes handelt, welches den entscheidenden mörderischen Einfluß hat auf das Wesen und das Sein, das Kranksein und das Nichtsein auch der Einzelseele.“

Jürgens hervortretende Augen starrten rettungsuchend umher. Schlaff geworden, sank er in die Kanapeecke. „Keine Möglichkeit der Hingabe? Ich sehne mich so sehr danach.“

„Diese Sehnsucht entspringt schon dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus bringen wird.“

„Ich will, ich will zurück zu mir ... Ich fühle, ich fühle ...“

„Sie ... denken Gefühle. Sie können weder vor- noch rückwärts.“

„Eine tote Mitte? Das halte ich nicht aus. Ich werde wahnsinnig.“

„Wahnsinnig! Sie sind gestellt.“

„Eingekreist?“

„Eingekreist! Das, was Sie während der letzten vierzehn Jahre waren, können Sie nicht länger mehr sein; so, wie Sie als Kämpfender waren, nicht mehr werden. Sie sind nicht mehr vorhanden. Sie sind nicht mehr Sie.“

„Das hat auch der Trambahnschaffner gesagt.“

„Aus dem heraus habe ich gesprochen.“

„Sind Sie auch die Abendzeitung, die nicht gekommen ist?“

„Ich bin das Nichtgekommensein der Abendzeitung und habe auch aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen. Der sogenannte normale Bürgersmann hört aus des Schaffners Worten ‚Das sind ja gar nicht mehr Sie‘ nur heraus, daß sein Bart länger oder grauer geworden ist.“

„Wenn Sie ich sind und aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen haben, dann habe ja ich selbst aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen und zugleich als Fahrgast seine Worte vernommen. Seine? Ihre? Oder meine? Ich weiß nicht. Bin ganz verwirrt.“

„Sie haben Ihre eigenen Worte vernommen, die der Trambahnschaffner, aus dem ich sprach, gesprochen hat.“

Angsterregung riß Jürgen vom Kanapee auf. „Wer denkt das alles? Ich Will wissen, wer da denkt.“

„Ihr Bewußtsein.“

„Wer spricht die ganze Zeit mit mir? Ich höre Stimmen.“

„Wahnsinnige hören Stimmen.“

„Und ich bin nicht wahnsinnig. Bin nicht wahnsinnig! Ich bin der Bankier Jürgen Kolbenreiher. Und ich brauche nur nicht mehr in das Bureau zu gehen, brauche nur da wieder anzuknüpfen, wo ich vor vierzehn Jahren abgebrochen habe, dann werde ich wieder ein Ziel haben, werde hingebungsvoll kämpfen, und alles wird gut sein.“

„Auch dieser Wunsch entspringt dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus bringen wird.“

„Suchet, so werdet Ihr finden, heißt es in der Schrift.“ Jürgen lauschte, das Gesicht seitwärts gedreht. Im Nachbargarten ertönte eine Lachsalve.

„Ich muß Schluß machen, Schluß! und sofort neu anfangen. Auf der Stelle! Vor allem: ich gehe nicht mehr in die Bank. Schluß!“

Er war aufgesprungen, lauschte nach innen, was der Strom der Gefühle ihm zuerst bringen werde:

Schreibmaschinen klapperten. Der Mahagoniaufzug stieg lautlos empor. Angestellte eilten durch die Gänge des Bankgebäudes. Der Prokurist verbeugte sich, reichte Jürgen die wichtigen Telegramme.

Angewidert von dem eigentümlichen Geruch des Bankgebäudes, schob er das ganze Geschäft von sich weg, wartete auf den Strom der Gefühle. Die Frau des befreundeten Fabrikanten, eine junge, schöne Blondine, die zu Jürgen in die Villa gekommen und von ihm verführt worden war, tritt ein, nimmt, wie damals, den Schleier ab. Das sah, wie damals, aus, als ob sie sich entkleidete. Jürgen schüttelte abwehrend den Kopf.

Das Billardbrett tauchte grün auf. Jürgen hatte nur noch einen schwierigen Stoß zu machen. Der gelang ihm. Er hatte die Partie gewonnen. Der Freund mußte bezahlen.

Jürgen lächelte zu Boden. „Das war eine interessante Partie“, flüsterte er erfreut und machte seinem Freunde noch eine Serie schwierigster Stöße vor.

Die Billardbälle wurden immer größer, kopfgroß, wurden zu den farbigen Glaskugeln. Erst als er im roten Ball seinen abgeschlagenen Studentenkopf erkannte, der lächelte, so daß nicht ein Billardball, sondern ein gefährliches Lächeln kopfgroß über das grüne Tuch hopste, ließ er das Queue sinken.

In tiefster Bestürzung flehte er um ein Gefühl aus der Vergangenheit. Er empfand nichts, ließ sich, gebrochen und ergeben, in den Sessel sinken. ‚Ich gehe eben morgen wieder ins Bureau und übermorgen und in zwanzig Jahren auch noch.‘ „Unmöglich!“ rief er. „Unmöglich!“

Da stieg die Wut hoch in ihm. Um die innere Leere zu füllen, stieß er starke Worte aus: „Blutig ans Kreuz geschlagen! Proletarier aller Länder ...! Sturm! Untergang!“ Er empfand nichts dabei. Brüllte wahllos: „Kinderbewahranstalt! Apfelknecht! Reifeisen!“

„Was, Apfelknecht? Nun, weshalb nicht auch Apfelknecht! Jetzt erst recht: Apfelknecht! Apfelknecht! Apfelknecht!“

Entstellt vor Wut, raste er durch alle Zimmer durch in den Salon. Zwischen dem schwarzlackierten, nie benutzten Kohlenkasten, auf den die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, und dem gestickten Wandschirmstorch, der das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Perpendikel hin und her.

Vor übergroßer Wut ganz ruhig geworden, schritt er zur Uhr und riß mit einem Ruck den Perpendikel heraus, schleuderte ihn durchs Fenster in das Springbrunnenbassin. Die Amsel zuckte aus dem Garten hinaus. „Das wäre das“, frohlockte er, hob die meterhohe Vase über den Kopf empor und schmetterte sie zu Boden. Die Nippsachen flogen an die Wand. Die Fenster klirrten. Er demolierte die ganze Einrichtung. Rückte den schweren Eichenholzschrank von der Wand, betrachtete die Zerstörung. „Nun, nun“, sagte er ratlos und schob den Schrank wieder zurück.

Schluchzen stieß ihn. Da fühlte er sich innerlich berührt und ließ sich führen, hinauf in das Zimmerchen, das er als Kind und Jüngling bewohnt hatte. In der Hand den silbernen Leuchter, den nach bestandenem Abiturientenexamen die Tante ihm mit den Worten geschenkt hatte: ‚Wenn ich tot bin, bekommst du alles‘, betrat er scheu die Kammer, in der seit vielen Jahren kein Mensch mehr gewesen war.

Über dem versessenen Lederkanapee hingen noch, oval gerahmt und symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien der Familie Kolbenreiher. Und auf dem Bücherbrett standen verstaubt die Reisebeschreibungen in bilderreichen Umschlägen. Die Luft war stockig wie in einer Totenkammer.

Der große, schwer gewordene Mann blickte, tief erschüttert von dem Besuche bei seiner Jugend, atembenommen die verblaßten Wände an und seinen riesenhaften Schatten. Und begann, traumwandlerisch, sich wie ein Jüngling zu benehmen, räumte, durchbebt von innerlichem Weinen, die Bücher heraus, ordnete sie wieder hinein und schlich, den Zeigefinger am gespitzten Munde, mit der ‚Schreckensvollen Reise ins Erdinnere‘ zum Kanapee. Ein irr-schlaues Lächeln im Gesicht, erhob er sich noch einmal, zog mit seinem Taschenmesser einen Riß um die Kerze herum, zwei Zentimeter unter dem Docht, und begann zu lesen.

„Nein, nein, ach, nein, das hilft Ihnen nicht.“

Jürgen blickte auf. Die Stimme hatte so traurig und mitleidig geklungen. „Das hilft mir nicht“, flüsterte er weinend. „Das hilft mir nicht.“

Vor ihm lag, weit hingebreitet, ein fremdes Stück Land, entzweigespalten durch einen gewaltigen Abgrund. Rechts war eine blanke Asphaltfläche. In deren Mitte stand ein gelbes Streichholzschächtelchen. Alle Schulkameraden, Geschäftsfreunde und Bekannten Jürgens schritten auf das gelbe Schächtelchen zu, in dem eine Banknote lag. Auf dem Schächtelchen stand das Wort ‚Achtung‘. Von allen Seiten kamen sie herbei und verbeugten sich vor dem Streichholzschächtelchen, stießen einander weg, verbeugten sich.

Auf der andern Seite des Abgrundes: eine milde Wiese. Darauf weidet ruhig ein altes Pferd. Weiter rückwärts ist die Wiese wild, und da, wo sie mit dem Himmel zusammengeht, sind Jugend, Begeisterung, Ziele, feurig beleuchtete Gesichter: Jünglinge, die unter Hingabe ihres Lebens sich bemühen, das Pferd, das die Liebe ist, über den gewaltigen Abgrund weg zu den Bürgern zu schaffen.

„Die bemerken es ja gar nicht. Und aus diesem unheimlichen Grunde ist es den Jünglingen ganz unmöglich, das Pferd über den Abgrund herüberzuschaffen“, sagte Jürgen.

Da wurde seine Hand gezwungen, ein Streichholzschächtelchen zu entleeren und eine Banknote hineinzulegen. Er stellte das Schächtelchen auf den Fußboden, verbeugte sich. Die Fäuste zur Brust hochgehoben, sprang er in gleichmäßigem Trabe um das Schächtelchen herum. Die Villa zitterte. Jürgen keuchte und schwitzte, verbeugte sich, rannte weiter im Kreise.

Die Uhr schlug zehn. Die Macht der Gewohnheit beendete sofort den Tanz. „Schlafen“, sagte er, verzerrten Gesichtes gähnend und keuchend in einem. Griff nach dem Leuchter.

Stand bei der Tür, als ob er eben eingetreten wäre. Sein Kopf war frei. „Ich muß die Kammer einmal gründlich durchlüften lassen“, sagte er und ging in das Schlafzimmer.

Punkt acht Uhr betrat er am andern Morgen das Bureau.

Erst nachdem er einen halben Kanzleibogen vollgeschrieben hatte, hörte er mitten im Worte auf. „Ich wollte ja nicht mehr ins Bureau gehen ... Aber ist denn das möglich? Halte ich das aus? Oder halte ich das nicht aus?“

„Weder – noch!“

Da wurden die drei Beamten von einem Knall in die Höhe gerissen: Jürgen hatte das Tintenfaß durch das zerbrechende Fenster hinunter in den Lichthof geschleudert. Ein Tintentropfen rollte langsam an der Stirn herunter, am tobsüchtig glotzenden Auge vorbei, über die dicke Backe.

„Wenn Sie solche Sachen machen, zieht man Ihnen ja die Zwangsjacke an. Nun sind Sie selbst aber schon eine Zwangsjacke von Ihrem Selbst. Sie würden also über die Zwangsjacke eine Zwangsjacke angezogen bekommen. Bedenken Sie, welch entsetzliche Hilflosigkeit.“ Die Stimme hatte vorwurfsvoll und dabei sehr milde geklungen.

„Jawohl, da ist es schon besser, ich gehe wieder“, sagte Jürgen und griff nach seinem Hute. Die zwei jungen Beamten machten unabgewandten Blickes mit den Beinen einander aufmerksam.

Von einer fremden, hinter seinem Rücken stehenden Macht wurde Jürgen durch die Straßen geschoben zum Nervenarzt.

Bein übergeschlagen, beide Ellbogen so auf die Sessellehnen gestützt, daß die gefalteten Hände und das Kinn vor der Brust zusammentrafen, hörte der schweigende Neurologe dem Patienten zu. Und Jürgen empfand Dankbarkeit diesem Manne gegenüber, der offenbar alles schon zu wissen schien und sich dennoch alles erzählen ließ.

„Na“, unterbrach der Professor und schnellte, ein abschließendes, vertrauenerweckendes Lächeln im Gesicht, vor, griff nach Jürgens Puls. Der Sprungdeckel des goldenen Chronometers gab mit einem beruhigenden Knacken das Ziffernblatt frei. Die Arztaugen blickten zur Decke.

Das Herrchen saß schwarz auf dem Tintenfaß aus schwarzem Marmor und schüttelte verneinend und mitleidig das Köpfchen.

„Und jetzt die Zunge!“ Jürgen streckte die Zunge heraus.

„Sie sind vollblütig und haben leider trotzdem, ich sage es Ihnen auf den Kopf zu, täglich Suppe gegessen, Fleisch, auch Eier! Stimmt das?“

„Wachsweiche Eier zu essen, hat mein Hausarzt mir geraten.“

Das überhörte der Professor. „So viel über Ihren körperlichen Zustand. Und was Ihren seelischen Zustand betrifft, über den, wie Sie sich ausdrückten, Sie keine Kontrolle mehr zu haben glauben, so ist dazu zu sagen, daß es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, einen seelischen Zustand in Ihrem Sinne gar nicht gibt, aus dem einfachen Grunde, weil es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, verstehen Sie, eine Seele, in dem Sinne, wie Sie sie auffassen, nicht gibt.“

Er blickte Jürgen ermunternd an, als wolle er sagen: Sehen Sie, so einfach ist diese Sache, wenn man sie wissenschaftlich betrachtet.

„Es gibt nur Körper, Herr Kolbenreiher, Körper, angefangen bei dem mit Vernunft und Bewußtsein bedachten, höchst entwickelten Tier, nämlich dem Menschen, zurück über den Affen, das Pferd, den Esel, den Hund, den Wurm, die Schnake, die Laus (wenn Sie gestatten), die Pflanze und den leblosen Dingen, die, ebenso wie die Pflanzen, die Tiere und wir, aus Atomen bestehen. Das ist, von der Naturwissenschaft aufgebaut und bis in die letzten Winkel durchleuchtet, der für uns glasklar gewordene Kosmos, in dem die mittelalterliche Hypothese ‚Seele‘, wie Sie sie auffassen, keinen Raum mehr hat.“

Jürgen warf schnell einen Blick Richtung Tintenfaß, das schwarz und glänzend auf seinem Platze stand.

„Sie, Herr Kolbenreiher, sind ein intelligenter Patient; anderen gegenüber würde ich mich zu solchen Erklärungen nicht herbeilassen. Repetieren wir: Es gibt also erstens vernunftlose Atomverdichtungen und zweitens vernunftbegabte Atomverdichtungen, von denen die höchstentwickelte Verdichtung der Mensch ist. Wir haben es demnach nicht mit der Zweiteilung ‚Seele und Körper‘ zu tun, wie Ihr Herrchen behauptet ...“

„In dieser Form habe ich das nie behauptet“, sagte das Herrchen.

„... sondern mit der Einheit ‚Körper‘, der von Vernunft bewegt wird, und zwar von der Zentralstation aus, dem Gehirn. Sie, Herr Kolbenreiher, sind eine vernunftbegabte Atomverdichtung, merken Sie sich das, und eine Einheit. Das heißt, Ihre Vernunft, Ihr Bewußtsein, Ihr Ich kann nicht, wie Sie mir da erzählen, für sich allein sprechen, auf der Straße spazierengehen, einen Separatspaziergang machen oder Sie besuchen und, sagen wir: ein Bankkonto besitzen; sondern Sie besitzen infolge Ihrer Vernunft ein Bankkonto.“

„Aber ich habe die Kontrolle über mein Bewußtsein verloren.“

Der Arzt erhob sich. „Das werden wir schon wieder deichseln. Sie sind Bankier. Sie machen sich nützlich. Dienen durch Ihre Leistung der Allgemeinheit. Das sollte Ihr Selbstbewußtsein stärken. Sind allerdings vollblütig. Also vorerst: keine Fleischsuppen, keine Eierspeisen. Vor dem Schlafengehen kalte Waschungen und, wie Ihr Hausarzt sagt, etwas Brom ... Ordnung. Arbeit. Hin und wieder etwas Zerstreuung, eine hübsche Frau. Sie verstehen. Das ist das Leben. Freuen Sie sich, daß es diese dunkle Kalamität ‚Seele‘ in Ihrem Sinne nicht gibt.“

Auch das Frackherrchen erhob sich.

„Dort, sehen Sie, dort steht es.“ Zurückweichend deutete Jürgen auf das Tintenfaß.

Der Professor nahm es in die Hand. „Was ist das?“

„Ach, nichts von Bedeutung. Das bin nur ich. Eine Kleinigkeit! Nur zwei Buchstaben: I–ch. Nicht der Rede wert“, sagte, bescheiden lächelnd, das Herrchen.

Und der Arzt: „Nun, was ist das?“

„Das ist ein Tintenfaß.“

„Na, sehen Sie, jetzt müssen Sie selbst lachen.“

Jürgen trug die Lachfratze durch die Straßen.

„Glauben Sie mir, Ihnen kann auch der nicht helfen.“

Dennoch ging Jürgen unverzüglich zu einem Psychiater, erzählte ihm alles, auch alles, was der Professor gesagt hatte. „Aber diese ganze Auffassung ...“

„Sie haben Recht. Verglichen mit der modernen Seelenforschung, ist die Auffassung des Herrn Kollegen etwas primitiv ... Ja, Herr Kolbenreiher, die Behandlung dürfte wahrscheinlich Jahre in Anspruch nehmen. Wir müssen Ihre ganze Kindheit durchforschen. Erst, nachdem die schweren, von Ihnen total vergessenen Kindheitserlebnisse ...“

Das Frackherrchen winkte ab: „Ach, hören Sie auf, Herr Doktor.“

„Wie meinen?“

„Ich habe nichts gesagt.“

„... welche zweifellos die Ursache Ihrer Krankheit sind, Ihnen vollkommen bewußt geworden sein werden und Sie sie mit der Kritikfähigkeit des Verstandes eines Zweiundvierzigjährigen ...“

„Aber Doktor! Ein Mensch, der, um nur das eine zu nennen, im Traume dem Vater ins Gesicht gelacht hat, ein Mensch also, der die fremden Mächte in seiner Seele besiegen, sich das Bewußtsein erkämpfen und an den Anfang seines Ich gelangen konnte, kann nicht mehr die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden verantwortlich machen.“

„Ja“, sagte fein lächelnd der Psychiater, „sagen Sie das nicht.“

„Was?“ fragte Jürgen.

„Was Sie eben sagten.“

„Ich habe nichts gesagt.“

Das Frackherrchen lächelte.

Auch Jürgen lächelte verschmitzt. „Also, in bezug auf die Kindheitserlebnisse wenigstens sind wir einer Meinung.“

„Dann ists ja gut. Kommen Sie morgen zu mir.“

„Nein. Denn mir können auch Sie nicht helfen.“

„Das sollten Sie, wie gesagt, nicht so ohne weiteres sagen.“

„Was?“

„Daß auch ich ... Denn diese Kindheitser...“

„Steckenpferd!“

Der Psychiater hob die Augenbrauen und notierte das Wort ‚Steckenpferd‘. „...erlebnisse, vor allem natürlich die sexuellen ...“

„Gehn wir!“ sagte brüderlichen Tones das Frackherrchen aus Jürgens Munde. „Guten Tag, Herr Doktor.“

Aus dem Gymnasium, in dem auch er neun Jahre gesessen hatte, platzten mit Geschrei die Jünglinge. Fragende, junge Augen. Feurige Gesichter. Biegsame, junge Körper, Bücher unterm Arm, dem Leben schräg entgegengestreckt.

„Deshalb muß ich jetzt gleich zum Photographen gehen.“ Weshalb das Erblicken der Gymnasiasten ihn veranlaßte, zum Photographen zu gehen, hätte Jürgen nicht sagen können. Plötzlich sah er eine tiefe Verbeugung und folgte der einladenden Photographenhand.

Während er vor der Linse saß, betrachtete er die lebensgroßen Brustbilder, deren tote Augen auf ihn zurückblickten. „Ob man diese Jugendphotographie wohl auch vergrößern kann?“

Der Photograph prüfte das verblichene Jugendbildnis, das Jürgen darstellte, wie er im Garten am Nußbaum lehnte, unter dem die Tante gehäkelt hatte. „Aber mit Vergnügen! Geht großartig!“

„Nicht nur Brustbild? Ganz in Lebensgröße? Auch mit den Beinen?“

„Das allerdings hat bis jetzt noch niemand gewünscht. Aber es ist zu machen ... O, das kommt vielfach vor, daß die Herrschaften sich vergrößern lassen. Gerade die Jugendphotographien immer will man vergrößert haben. Erst vor einigen Wochen kam Herr Geheimrat Lenz – sehr berühmter Mann, wie Sie wissen – und bestellte eine Vergrößerung nach seinem Jugendbildnis. Zwanzig Jahre! Nicht mehr zu erkennen! Kein Mensch würde glauben, daß Herr Geheimrat Lenz einmal so ausgesehen hat. Und dies ist der Sohn: Herr Oberstaatsanwalt Karl Lenz. Er ist, gemessen am griechischen Schönheitsideal, zu dick geworden ... Zu sehen, wie man früher war, macht Spaß, nicht? ... Nur etwas verblaßt, verwischt, sozusagen vergangen sehen die Vergrößerungen von Jugendbildern aus. Aber sie haben gewissermaßen etwas Traumschönes. Traumschön! Das ist das richtige Wort ... Etwas höher den Kopf ...“

Vor dem Schlafengehen nahm Jürgen Brom, wusch sich kalt ab, schlief fest, träumte schwer, wußte am Morgen nicht mehr, was er geträumt hatte, erschien pünktlich im Bureau. Die Beamten beobachteten ihn unausgesetzt.

Auf dem Rückwege zur Haltestelle blieb Jürgen stehen, berührte mit seinem Spazierstockgriff die Brust des Partners, der nicht da war, und erklärte: „Die Sache verhält sich anders. Hören Sie gut zu“, ging weiter, nach der Seite hin sprechend. Seine Hände gestikulierten. Er blieb stehen. Lachte. „Das war ein Witz.“ „Aber ein recht guter Witz“, sagte der Partner. „Nun, es geht“, gab Jürgen zu, schritt aus. „Sehen Sie, da sprach ich letzthin mit Katharina ...“

„Was sagte ich eben?“ fragte er entsetzt sich selbst und zog den Kopf ein, schwieg.

Und schon nach zehn Schritten begann er ein neues Gespräch. Der Partner konnte ein fremder Mensch sein, den Jürgen kurz vorher in der Bank gesprochen, ein Kind, das ihm nachgesehen hatte, die schon längst verweste Tante. Jürgen, der Student, war anfangs nur sekundenlang der Partner des zweiundvierzigjährigen Jürgen. Denn Jürgen versah den Studenten sofort mit einem Vollbart, setzte ihm eine Brille auf, zog ihm einen Pelzmantel an, so daß er an einen fremden Herrn seine Worte richten konnte. Aber späterhin wehrte sich der Jüngling erfolgreich gegen die Verkleidung, ließ Mantel, Brille und Bart fallen, wurde gedankenschnell zum Studenten und erklärte mit ruhiger Stimme dem Zweiundvierzigjährigen: „Sie sind ein ganz niederträchtiges, verräterisches Nichts.“

„Warum bin ich ein Nichts? Erlauben Sie mir!“

Der Student, der die abgeschnittene Hose trug, auf die das Hinterteil aufgenäht war in Breechesschwung, wies genau nach, weshalb Jürgen ein Nichts sei, hielt eine feurige Rede, geriet in Begeisterung. Jürgen hörte verzückt zu und versuchte, selbst in dieser Tonart weiterzusprechen: von Hingabe, Kampf und Zielen.

„Halt, das sage ich. Ich sage das. Sie haben nicht das Recht, so zu sprechen. Sie haben dieses Recht verwirkt.“

Da ließ Jürgen dem Studenten sofort wieder einen Vollbart wachsen. Aber als er ins Wohnzimmer trat, erblickte er den Studenten, der lebensgroß an der Wand lehnte. Etwas verschwommen, fern, vergangen. Und ungeheuer gegenwärtig.

„Das ist ja großartig“, rief Jürgen frisch, stellte den Spazierstock in die Ecke und sich selbst vor das Bild. „Du gefällst mir ... Je, je, weshalb denn gar so ernst! Schlechte Geschäfte?“

Die Photographie antwortete nicht.

„Nein, nein, entschuldige. Ein Scherz! Soll nicht mehr vorkommen.“ Er schritt zur Tür, wollte Phinchen rufen und ihr das Bild zeigen.

„Sind nicht vorhanden.“

„Wer ist nicht vorhanden?“ Jürgen war herumgeschnellt; ganz deutlich hatte er die drei Worte gehört, die laut und tonlos gesprochen worden waren. Er starrte hinaus in den Garten. Da war niemand. Auf den Zehenspitzen schlich er zum Bilde zurück, wiederholte gedankenverloren: „Wer? Wer ist nicht vorhanden?“ Ging zur Tür, Phinchen zu rufen.

„Sie sind nicht vorhanden.“

Er ließ die Türklinke los und trat, beide Hände in den Hüften, wieder knapp vor das Bild hin. „Nein, Sie, mein Lieber, Sie sind nicht vorhanden. Sie sind ganz gewöhnliches Bromsilberpapier. Verstanden!“

„Ich bin da. Ich bin.“ Die Photographie deutete mit dem Zeigefinger auf Jürgens Brust: „Sie dagegen nicht. Was von Ihnen da ist, bin ich. Aber ich habe mit Ihnen nichts mehr gemein. Also sind Sie gar nicht mehr vorhanden.“

Da packte Jürgen die schmal gerahmte Photographie und stellte sie mit der Bildseite gegen die Wand. „Und was sind Sie jetzt, he? Nichts als Pappe! Ganz gemeine graue Pappe!“ Er trat zurück.