Der Bürger

Part 18

Chapter 183,587 wordsPublic domain

Angefangen hatten diese Zustände vor einem Jahre. Er geht spazieren und muß plötzlich stehenbleiben, hat Atembeschwerden, ist nicht imstande, an einem Ecksteine oder an einem Baume oder an einem Laternenpfahle, der sich durch nichts von anderen Laternenpfählen unterscheidet, vorüberzugehen. Kopf seitwärts gedreht, Zähne gefletscht, kämpft er gegen das Unsichtbare, das unausführbare Befehle erteilt.

Schnell tritt er in den nächsten Laden, setzt sich, studiert die Gesichter der Kunden, unterhält sich mit der Verkäuferin und bittet sie, ihm sechs besonders hartborstige Zahnbürsten in die Villa zu schicken. In dem unbewohnten Raume der Villa, wo auch die Antiquitäten und Gemälde für das Palais aufbewahrt waren, hatte sich im Laufe des letzten Jahres auf diese Weise ein großes Lager verschiedenster Artikel angesammelt.

Gleich vielen Menschen, kann auch Jürgen es nicht ertragen, daß auf der Straße jemand hinter ihm geht. Auch am hellen Tage muß er stehenbleiben, interessiert eine Fassade betrachten oder schnell in einen Laden eintreten.

Außerhalb der Stadt, wo keine Leute sind, spazierenzugehen, wagte Jürgen schon lange nicht mehr. Jemand geht hinter ihm her. Jürgen dreht sich um und wieder um und ganz um sich selbst. Immer steht in seinem Rücken der Andere. Und da Jürgen nicht in einen Laden flüchten kann, wirft er sich zu Boden.

Einmal hatte er sich durch Adolf Sinsheimer retten können vor dem Verfolger. Er steht, Zähne gefletscht, in menschenleerer Landschaft unter den unausführbaren Befehlen des Unsichtbaren. Da erblickt er den Jugendfreund, der, in der Hand ein Notizbuch voll Rechnungen, an einem Baume lehnt und gedankenversunken die ferne Hügelkette betrachtet, als dichte oder zeichne er. Damals war das Unternehmen des Knopffabrikanten dem Konkurse nahe gewesen.

Jürgen macht einige Fluchtsprünge auf den Jugendfreund zu und bittet flehend den Erschreckenden: „Verkaufe mir deinen Bleistift.“

„Weshalb verkaufen? ... Hier, nimm ihn!“ Und er will ihm den goldenen Patentbleistift in die Hand drücken.

„Unmöglich! Das ist ganz unmöglich!“ Jürgen zwingt den Schulfreund, die Banknote zu nehmen, und steckt, befreit aufatmend, den Bleistift ein.

Die Straßenbahn hielt. Der Wagenführer drehte die Kurbel heraus. „Endstation“, sagte der Schaffner zweimal zu Jürgen, der verzerrten Gesichtes über die Schulter zurücksprach und nicht aussteigen konnte.

Junge Beamte eilten durch die Gänge, grüßten den Chef. Er ahmte die Stimme des Hausarztes nach: „Abends nur ein paar weichgekochte Eier essen. Wachsweich! Auch schadet es nicht, wenn Sie täglich dreimal etwas Brom nehmen.“

Das Bromsalzglas stand auf dem Schreibtisch. Sooft Jürgen die Feder in die Tinte stach, sah er das Salzglas, das herauszuwachsen schien aus dem Nacken des verheirateten Beamten, der, reglos wie ein Eingeschlafener auf das Pult gebeugt, vor seinem Chef saß, schon Vater dreier Kinder war, Sorgenfalten im grauen Gesicht hatte und keine Veilchen mehr im Knopfloch trug.

Auf das Bankgebäude wurde ohne Betriebsunterbrechung ein Stockwerk aufgesetzt. Während des Vergrößerungsumbaues mußte Jürgen mit drei Angestellten zusammen in einem Raume arbeiten. Ringsum, fern und nah, auf dem Dache und in allen Stockwerken wurde gehämmert, geschrien, gekratzt, gesägt, gehobelt.

In dem Bureau selbst stand katastrophenferne Ruhe.

Jürgen tauchte die Feder ein. Und wie er schreiben will, steht auf dem Pulte anstelle des Tintenfasses ein winziges, lebendiges Herrchen, das sich höflich verbeugt und lächelnd auf das Bromsalzglas deutet, mit einem feingegliederten Zeigefingerchen.

Jürgen kann nicht atmen, fletscht die Zähne, taucht die Feder noch einmal ein. Sticht sie auf den Kopf des Herrchens, das zum Tintenfaß zusammenschrumpft. Und wie Jürgen schreiben will, steht es wieder lebendig da, höflich vorgebeugt. Das Zeigefingerchen deutet, das Mündchen lächelt und sagt:

„Mit Bromsalz kann eine Menschenseele nicht zum Schweigen gebracht werden. Ich versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als neunundneunzig Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele reden, durch ihre Seele in gar keiner Weise mehr gestört werden, weil sie sie schon längst eingetauscht haben gegen Dinge, die ihren Marktwert haben ...“

Das ist wahr, dachte Jürgen. Das ist wahr.

„... so wahr ist es, daß bei gewissen Individuen die Seele spielend leicht durch den allerstärksten Schutzwall durchschlüpfen und ihr vorbestimmtes Recht verlangen kann.“

Das Herrchen legte das Händchen an den Mund, als habe es ein tiefes Geheimnis zu offenbaren: „Die Seele will fließen. Und fließt unter Umständen bei gewissen Individuen selbst auf die Gefahr hin, überzufließen und alles in Verwirrung zu bringen. Denken Sie nur an die vielen, vielen Irrenhäuser, die es gibt auf dieser Erde. Voll! Überfüllt! Wer bezahlen kann, kommt in die erste Klasse und kann seine Seele preisentsprechend behandeln lassen ... Nun, das ist ja Nebensache, der Preis nämlich, wenn er auch in unserem Zeitalter bei allem die Hauptsache ist. Aber verzeihen Sie die Abschweifung.“

Jürgen strich sich über die Augen, blickte zum Fenster hinaus. „Was heißt Abschweifung! Das ist eine Halluzination. Nein, es ist nur eine Sinnestäuschung. Und das nicht einmal, ich habe nur, wie der Arzt sagte, zu viel gegessen. Oder ich bin übermüdet. Es sind nur die Nerven. Dieser Umbau macht einen ja ganz verrückt.“

Er schielte auf das Tintenfaß. Das stand leblos, schwarz, breit und niedrig an seinem Platze. Dennoch ertönte eine Stimme: „Wenn die Seele überfließt und spricht, nennen das die Ärzte eine Halluzination.“

„Ich werde mich aber jetzt doch einmal von einem Nervenarzt untersuchen lassen!“

„Das hilft Ihnen nicht“, behauptete, schülterchenzuckend, das Herrchen. Es saß auf dem Löschblattbügel, ein Beinchen übergeschlagen, und sah nicht aus, als ob es bald weggehen würde.

Der verheiratete Beamte wechselte die Schutzärmel, damit sie sich im Laufe der Jahre gleichmäßig abnützen sollten. Er war aus Erfahrung klug geworden. Ihm konnte es nicht mehr passieren, jahrelang einen schwarzen und einen grünen Schutzärmel tragen zu müssen, wie einmal in seiner Jugend, da er es unterlassen hatte, den schneller sich abnutzenden rechten Schutzärmel Öfters mit dem linken zu wechseln.

Die beiden noch farbig schillernden, eleganten jungen Beamten, die vor Jürgen an einem Doppelpulte saßen, machten einander mit den Beinen aufmerksam auf die Pedanterie ihres älteren Kollegen.

Jürgen übergab seine Weisungen für die Börse dem Prokuristen, einem runden Manne, dessen Lippen immer aussahen, als habe er eben eine fette Speise gegessen.

„Sagte es denn eben wirklich: Sie standen schon am Anfang Ihres Ich. Oder sagte ich selbst das?“ Jürgen konnte nicht ermitteln, ob er selbst sprach.

„Ich, natürlich, ich bins, der spricht! Niemand anderer als ich sagte: Sie standen schon am Anfang Ihres Ich.“

„Dieses Wort ist doch von mir. Ich selbst habe diesen Gedanken in genau der selben Formulierung vor Jahren einmal ausgesprochen.“

„Wie meinen?“ fragte der Prokurist.

Drei schreibgekrümmte Rücken und zwei starr blickende Augen, die einmal des Verheirateten Nacken, das Salzglas, dann wieder das Tintenfaß doppelt sahen. „In meinem Hinterkopf geht etwas vor sich; nicht in der Stirn.“

„Ich bins, der vor sich geht.“

„Und was wird mit mir geschehen?“

„Sie sind nicht mehr vorhanden.“

Die Stirn knallte auf die Schreibtischplatte. Die Bureauwände neigten sich lautlos auf ihn zu. Er sah die ineinander verschwimmenden Gegenstände vervielfacht und hatte das mit Übelkeit verbundene Empfinden, alles Blut vergehe in seinem Körper.

Der Prokurist sprang herbei, das Wasserglas in der dicken Hand, richtete den Haltlosen auf.

„Kaufen Sie! Kaufen Sie!“

„Selbstverständlich! Wird geschehen! Seien Sie ohne Sorge ... Hier, ein Schluck Wasser.“

„Nein, irgend etwas! Für mich! Kaufen Sie ... Vielleicht Orangen. Was Sie wollen!“

Der Prokurist eilte zur Tür. Jürgens Lippen waren weiß. In seinem Hinterkopfe klopfte dunkel der Hammer aus Gummi. „Möglichst schnell“, schrie er, Zähne gebleckt, dem Prokuristen nach.

„Das hilft Ihnen nicht mehr.“

„Die Stimme klingt, als spräche jemand mit mir aus weiter, weiter Ferne und doch aus nächster Nähe. Sie klingt wie ein telephonisches Ferngespräch. Mir ist, als spräche ich mit einem Wesen, das ich in Qualen liebte ... Bitte“, sagte Jürgen, bebend in Angst vor der Erfüllung seiner Bitte und so laut, daß die Beamten aufblickten, „legen Sie jede Verkleidung ab.“

Da sah er nichts Gegenständliches mehr, keine Augen; er sah einen Blick, nicht von Augen entsandt. Nur den Blick selbst, der unversehens zu dem ernsten Blicke des Jünglingsbildes in der Abonnementskarte wurde und, vergehend, weit zurückwich.

Heiß durchzogen und atembenommen starrte er dem vergehenden, ergreifend ernsten Blicke nach, beobachtete, Zähne gefletscht und Kopf seitwärts gedreht, wie der Blick sich in das Herrchen verwandelte, das sich so schnell erhob, daß der Löschblattbügel schaukelte.

„Das war mein erster offizieller Besuch.“ Es blickte auf die Bureauuhr. „Fünf Minuten vor zwölf.“ (Der Verheiratete nahm schon die Schutzärmel ab). „Existenzen Ihresgleichen gibt es in dieser Sekunde auf der Erde ...“ Das Herrchen nannte eine Zahl, die riesengroß und winzig klein in einem war und wie ein anklagendes Wort klang, gesprochen in der Nachtstille.

„Sie sind in allen Schichten und Lagern zu finden. Ich besuche sie alle. Jeden zu seiner Zeit. Es sind Universitätsprofessoren darunter, die als Studenten noch die Bereitschaft zur Hingabe in den Augen trugen. Industrielle, die als Jünglinge Gedichte gemacht haben. Hohe Geistliche, die in das falsche Christentum reisten. Dichter, die um des Erfolges und des Ruhmes willen von dem Protest und der Gesinnung weg in den Erfolg und Ruhm und immer tiefer in das Publikum hineinreisten. Männer, die sich der Wissenschaft hingegeben hatten und aus ihr später ein Geschäft machten, ein Namensschild mit Titel, angeschlagen an der Haustür. Und Existenzen Ihresgleichen, die Sozialisten waren und Bürger wurden. Verruchte Existenzen! Denn sie konnten, kraft naturverliehener Kraft, sich durch das heucheleidurchwirkte, blutnasse, dicke, dichte Dickicht dieses Jahrhunderts durchschlagen zu dem Bewußtsein, daß die im Zeichen befreiter Arbeit stehende menschliche Gemeinschaft, in der die Seele ihr Ich durch den Körper gewinnen und im Gleichgewicht in sich selber ruhen kann, erkämpft werden muß, sollen die lebenden und kommenden Generationen bewahrt bleiben vor Krieg und Hungerbarbarei, dem Wahnsinn, vor dem großen Tode!“

‚Ich muß mir das Ganze notieren, so kann ich es nicht behalten‘. „... Unmöglich! Unmöglich!“ rief er, ohne den Blick vom Stenogrammblock zu erheben, die Linke abwehrend ausgestreckt, dem Prokuristen zu, der einen Stoß Papiere in den Händen hielt, erstaunt sich die Lippen leckte und, auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, wieder verschwand.

„Jeden zu seiner Zeit. Einmal bin ich ein Herbsttag, ein welkes Blatt, das vom Baume fällt und bei einem ruhmverkalkten Dichter plötzlich die Frage auslöst: Habe ich alles verraten, was in der Jugend mir teuer war? Die Frage, die zugleich die Antwort und der Beweis ist. Manchmal schreite ich in ein Buch hinein, werde zu einem Satze, der in dem Lesenden blitzhaft die Gewissensfrage auslöst. Manchmal bin ich ein Traum. (Wie bei Ihnen zum Beispiel. Auch kann ich der Umbau eines Bankgebäudes sein).“

Oder ein Engländer, der fragt: Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? dachte Jürgen und stenographierte auch diese Erinnerung.

„Ich bin ein zwanzigjähriges Mädchen, das im Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihre Verachtung in dem Abtrünnigen die Sekunde aufreißt, in der er den tragischen Rückblick tun muß. Manchmal werde ich durch einen Ton in grauer, leerer Stunde zur Gewissensfrage. Durch den Ton einer Kindertrompete! Ich bin ein regnerischer Tag, verhindere einen Ausflug in den Genuß und werde so zum Tage des Versinkens in den Ekel vor sich selbst. Oft bin ich ein Sonntagnachmittag. Ich werde als Bild an der Wand zur Gewissensfrage und als Spaziergang in menschenleerer Landschaft, wo es keine Läden gibt. Ich steige als Weinrausch in das Herz eines Satten, und er sinkt in die Selbsterkenntnis hinein. Es kann einer seinen Teppich ansehen und plötzlich aus dem Muster, das ich bin, die Gewissensfrage herauslesen, grauenvoll deutlich. Manchem wird der Rückblick zum Konflikt, der ihn ins Irrenhaus bringt.“

Das Herrchen deutete: „Das ist Ihr Fall.“

Jürgen schauerte im Rückenmark.

„Andere glauben, sich in Selbstgerechtigkeit hineinretten zu können. Viele ertrinken völlig in ihr und erleiden die Strafe erst in spätem Alter, wenn sie eines Tages, veranlaßt durch mich, die Nichtigkeit ihres Lebens einsehen müssen und, entsetzt über ihr verdrecktes, mit Achtung, Gemeinheit, Lüge, Erfolg, Ruhm und Selbstgerechtigkeit poliertes Dasein, an einer Kugel, an einem Stricke oder an Ekel vor sich selbst sterben. Auch die feinste Selbstbelügung schützt den Verräter nicht. Keiner kann in Selbstgerechtigkeit sein Leben beschließen. Dies vermögen nur diejenigen, die schon als wehrlose Kinder ganz entselbstet, enticht, entseelt werden konnten, sich der Umwelt anpaßten und dafür das Leben, wie es ist, eintauschten, im Gegensatz zu Ihnen, der Sie die Kraft hatten, sich das Kostbarste und Leidvollste auf Erden zu erkämpfen: das Bewußtsein.“

„Wer vermöchte zu entscheiden, ob stärker als die Verhältnisse und größer als meine Begierden die Kraft in mir war, weiter zu kämpfen! Was ist der Beweis meines Verrates?“

„Wer fragen muß: Bin ich ein Verräter, der ist es; Ihrem Schwiegervater fällt dies gar nicht ein. Die Frage enthält schon die Antwort und den Beweis des Verrates.“

Diese Worte trafen ihn mit solcher Beweiskraft, daß er minutenlang die Fähigkeit, zu denken, vollkommen verlor. Auch das Klopfen im Hinterkopfe hatte geendet.

Die Bureauuhr schlug zwölf. Die drei Beamtenoberkörper richteten sich auf. Drei Federhalter wurden weggelegt.

Auch Jürgen legte den Federhalter weg, richtete sich auf. Vor seinen Augen schwebten rundum und durcheinander blitzweiße, goldumränderte Sternchen, als ob er mit dem Kopfe nach unten aufgehängt gewesen wäre. Eine Fliege glitt auf weißem Papier schnell vom Tintenfaß zum Löschblattbügel.

„Wieviel Beine hat eigentlich eine Fliege? Vier oder sechs? ... Da wurde ich zweiundvierzig Jahre alt und weiß nicht, wieviel Beine eine Fliege hat. Was bin ich doch für ein Dummkopf! Sitze da und grüble seit Stunden über diesen Unsinn nach. Kann mir doch vollkommen gleichgültig sein“, sagte er und horchte befreit auf den stärker gewordenen Straßenlärm, den die dem Suppenteller Zueilenden verursachten. Die Glocken der Trambahnen läuteten stärker.

„Es muß ja nicht gleich morgen sein, aber bei Gelegenheit sollten Sie sich einmal neu photographieren lassen. Sie sind zu verändert“, sagte freundlich der Schaffner und gab die Abonnementkarte zurück. „Das hier ist ein junger Mensch, während Sie doch schon in die besten Mannesjahre kommen.“

Der grauhaarige Bürger, der neben Jürgen saß, schob den zusammengerollten Fahrschein unter den Ehering.

Ja, die liegen Gott sei Dank noch vor mir ... Kann mich ja photographieren lassen, bei Gelegenheit, dachte er, stieg aus. Und ging, im selben Tempo wie jeden Tag, die zweihundert Schritte bis zur Villa. Summend durch den Garten, auf die farbigen Glaskugeln zu.

Den Bruchteil einer Sekunde stutzte er vor den Glaskugeln. Es war ein grauer Tag. Die Glaskugeln standen öd in ihren eigenen Farben. Im Garten regte sich nichts.

Der Mantel hing sich von selbst an den Haken. Die bereitstehenden Hausschuhe schlüpften über Jürgens Füße. Gewohnheitsmäßig zupfte er das Tischtuch zurecht. Die Schüsseln entleerten sich.

Das Kanapee gab mit den vertrauten Tönen dem Körper nach. Die Augen lasen die Mittagszeitung.

Bis sechs Uhr im Bureau. Dann im Garten. Wachsweiche Eier zum Abendessen. Von neun bis zehn Uhr die Abendzeitung. Auf den Rat des Arztes hin punkt zehn Uhr ins Bett. Am langen Sonntagnachmittag die gewohnte Billardpartie mit dem befreundeten Fabrikanten, der die Sammlung gotischer Plastiken besaß. Montag ins Bureau.

So verging noch eine kurze Zeit, bis eines Tages die Abendzeitung ausblieb.

Punkt neun erklang das Stöhnen des Kanapees, zusammen mit Jürgens wohligem A-Seufzer. Seine Hand griff automatisch nach der Abendzeitung, die seit Jahren immer an der selben Stelle auf dem Tische bereit gelegen war, und griff in die Leere.

Die Zeit bekam ein Loch, das sich durch das Rufen nach Phinchen vorerst noch einmal schloß. „Wo ist das Abendblatt?“

„Die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen.“

„So, die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen. Das Blatt wurde nicht eingeworfen, wie? Du hast nichts gehört?“

„Nein, es wurde nicht eingeworfen. Die Zeitungsfrau ist wahrscheinlich am Hause vorübergegangen.“

„Du meinst also, die Zeitungsfrau sei vorübergegangen.“

„Sie hat zweifellos vergessen, die Zeitung einzuwerfen. Ging am Hause vorüber.“ Als er das Wort ‚vorüber‘ aussprach, schlug er sich, das Gähnen zu verdecken, einige Male leicht auf den Mund, so daß das Wort in mehrere Laute getrennt wurde. Dieses Geräusch erinnerte ihn an das Geräusch, das der leerlaufende Motor verursacht, wenn die Trambahn hält. (Der Schaffner gibt ihm die Abonnementkarte zurück.)

‚Gut, kann ja ein neues Bild machen lassen, bei Gelegenheit ... Den Fahrschein zusammengerollt unter den Ehering zu schieben, ist übrigens ganz praktisch. Man hat ihn gleich, wenn der Kontrolleur kommt.‘ Seine Hand griff nach dem Abendblatt. „... Ah so!“

Er versuchte, das Loch, das die Zeit bekommen hatte, auszufüllen, indem er das linke Bein über das rechte schlug und heiter zu summen begann. Sobald er still lag, war das Loch wieder da. Groß, schwarz, endlos.

Der grüne Hügel, wo vor vierzehn Jahren die Fabrikantensöhne und -töchter Huhn und Rotwein genossen hatten, schob sich in das Loch, verschwand wieder. Er dachte: Was jetzt, zwischen neun und zehn Uhr, in der Welt alles vor sich geht ... Gewiß sehr viel.

Warf das rechte über das linke, legte den Kopf auf die harte Sofalehne, dann auf das weiche Kissen. Betrachtete die Tapetenblumen. (‚Einer sieht seinen Teppich an, und das Muster, das ich bin ...‘) Er warf sich herum. Das Kanapee ächzte. Er begann zu pfeifen.

Plötzlich wurde er, bei dem Gedanken, hier zu liegen und eine Stunde zu pfeifen, von solchem Grauen gepackt, daß er, mit noch pfiffgespitztem Munde, versteinert die Decke anstarrte.

„Sie hätte nur die Zeitung einwerfen brauchen, dann könnte ich mich zerstreuen. Zerstreuen ... Früher konnte ich in Gesellschaft gehen oder ins Varieté, in den Zirkus, ins Theater, in die Oper. Andere gehen in ihr Stammlokal, in die Gesangvereinsprobe, zum Kegeln, spielen Karten ... Das ist eine Zerstreuerei! Ganz Europa zerstreut sich.“ Er pfiff wieder.

„Aber die andern, die schon als wehrlose Kinder – Sie wissen schon: die leben, wenn sie kegeln.“

Da öffnete sich der pfiffgespitzte Mund; Jürgen glaubte zu fühlen und zu sehen, wie hinter seiner Stirn die schwarzen Buchstaben zu der Frage entstanden: „Wer hat das gesagt?“

Er schnellte in Sitzstellung empor und brüllte ins totenstille Zimmer hinein: „Wer hat das gesagt? Wer?“

Die Amsel verließ, heftig flatternd, auf einem scharfen Pfiff den Mauerefeu beim Fenster. „Wer? Die Amsel? Wer hat das gesagt?“

Von den an der Decke kreisenden Fliegen fiel eine auf die Tischplatte. Und Jürgen, Oberkörper lauernd vorgebeugt, Hand fangbereit gekrümmt, flüsterte: „Muß doch einmal ...“ Die Gefangene drückte gegen das Faustinnere.

Schneller als eine Fliege vorbeizuckt, wich das Interesse, zu erfahren, wieviel Beine sie hat, der Frage, was ihn noch retten könne.

„Für Sie gibt es keine Rettung mehr. Sie werden wahnsinnig werden.“

Langsam ließ er sich auf das Kanapee zurücksinken. „Wahnsinnig? Weshalb?“ Fuhr sofort wieder in Sitzstellung auf. „Was? Wer hat gesagt, ich würde wahnsinnig werden? Wer? Das habe nicht ich gesagt. Wer hat das gesagt? Wer! Wer!“ Plötzlich brüllte er wild: „Die Abendzeitung! Ich will die Abendzeitung. Alle haben ihre Abendzeitung. Die Abendzeitung! Die Abendzeitung!“ Wut entstellte sein Gesicht.

„Auch die Zeitung würde Ihnen nichts mehr nützen.“

Pünktlich auf die Minute trat, wie jeden Abend, Phinchen ein und zog die Wanduhr auf: Die zwei Bleigewichte berührten den Rand des Ziffernblattes.

„Dann ist es jetzt genau halb zehn“, sagte Jürgen, als Phinchen wieder draußen war. „Ich brauche gar nicht hinzusehen. Genau halb zehn ... Und morgen abend um halb zehn ist die Uhr abgelaufen und die Gewichte hängen unten. Dann ist ein Tag vorbei. Die Uhr wird aufgezogen. Und übermorgen um halb zehn hängen die Gewichte wieder unten. Dann ist wieder ein Tag vorbei. Sie wird aufgezogen ... Aufgezogen ...“

„Und dann ist das Leben vorbei.“

„Ja, dann ist das Leben vorbei ... Und doch fahre ich morgen ins Bureau und übermorgen. Und dann kommt der Sonntag. Und dann der Montag. Der Samstag. Ich arbeite, mache Pläne. Fusion. Werde reicher und reicher. Die Jahre vergehen ...“

Und dann kam die Frage nach dem Sinn und nach dem Ziele, die Frage nach der Idee, nach dem Zwecke, für den zu arbeiten und zu kämpfen sein Lebensinhalt sei.

Sein Inneres und die Umwelt – alles war grau und leer. Er wartete. Lange.

„Aber ich bin ein geachteter Mann.“

„Einmal sagten Sie, dies sei die größte menschliche Katastrophe.“

„Kann sein! Kinderei! Lassen wir das einstweilen. Jetzt will ich erst einmal Bilanz machen. Dann werde ich überlegen, was zu tun ist. Ich will methodisch vorgehen. Reich, sehr reich und geachtet, gebildeter und wissender, kultivierter als die meisten und imstande, mir jeden Genuß, den das Leben bietet, zu verschaffen.“

„Sie haben also alles schon erreicht, was den andern von Jugend an als Ziel vorschwebt und zum Sarg wird für diejenigen, die das Ziel erreicht haben. Was also ist der Zweck? Was Ihr Ziel?“

„Auch bin ich nicht schmutzig, nicht geizig. Im Gegenteil; ein Zehntel der Summe, die ich für Wohltätigkeitszwecke gegeben habe, würde genügen, daß ein halbes Dutzend Männer mit Frauen und Kindern ein vollkommen sorgenloses Leben in eigenem Hause führen und selbst in kleinerem Ausmaße wohltätig sein könnten.“

„Das stimmt. Zum Teil wahrscheinlich auch daher die große Achtung, die Sie genießen und vor sich selbst haben.“

„Auch möglich! Aber das ist, wie gesagt, jetzt Nebensache, die Achtung.“

„Nee, die ist mit die Hauptsache.“

Jürgen machte eine ärgerliche Abwehrbewegung mit der Hand. „Nun, wenn Sie wollen, ich pfeife auf die Achtung. Ich könnte, wenn ich auf der selben Linie weiterschreiten würde, noch mächtiger, einflußreicher und in noch weiteren Kreisen geachtet werden.“

„Das können nur die Bewußtseinslosen, deren Weltanschauung in den drei Worten besteht: Jeder für sich; Sie aber können das nicht. Denn Ihr Bewußtsein sagt Ihnen, daß Sie nicht das geringste zur Verwirklichung des unverrückbaren Menschheitszieles beizutragen vermöchten, auch wenn Sie, weiterschreitend auf dem Jeder-für-sich-Wege, der mächtigste Mann des Landes werden würden.“

„Ich will ja auch gar nicht fortschreiten auf diesem ziellosen Wege.“

„Nicht Sie wollen nicht, sondern ich will nicht. Ich! Ich lasse nicht zu, daß Sie in dem bisherigen Trott weitermachen. Sie selbst können gar nicht mehr wollen oder nicht wollen. Sie sind nur noch eine Willensmaske.“

Jürgen preßte beide Fäuste an den Kopf. „Seit einiger Zeit führe ich fortwährend Selbstgespräche. Nun, und wenn auch! Viele Menschen führen Selbstgespräche.“

„Sie aber führen Gespräche mit Ihrem Selbst.“

Jürgen sah auf. „Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß ich ohne Ziel, ohne Idee, ohne Zweck nicht weiterleben kann. Das halte ich nicht aus. Ich halte diesen Zustand einfach nicht mehr aus.“