Part 17
Da unten taumelt ein empfindsamer Jüngling umher, getroffen von einem Worte, in Verzweiflung und Leid versetzt durch einen Blick. In ununterbrochene Qualen gestellt durch das Leben, wie es ist. Durch eine jugendliche Sehnsucht nach unerfüllbaren Idealen und nach der Wahrheit, die es nicht gibt, streift den Jüngling sogar öfters der Tod ... Hier sitzt der Mann im Sessel. In Sicherheit. Unverwundbar. Und nicht eine Sekunde der Gegenwart wird ihm, wie früher, vergällt und gestohlen von der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.
‚Und sogar aus dem Sozialismus, aus dieser grauen Sackgasse, in der ich vier Jahre steckte, habe ich wieder herausgefunden ... Jetzt wenn der Vater mich sehen könnte, er würde nicht mehr sagen: Na, du schmähliches Etwas!‘
An dem großen Gesellschaftsabend des Herrn Papierfabrikanten Hommes, der ersten Festlichkeit, die Jürgen nach dem ereignislos vergangenen Trauerjahr besuchte, ließ ein früherer Mitschüler, der als naturalisierter Engländer zwanzig Jahre ununterbrochen in den englischen Kolonien gelebt und eine große Baumwollexportfirma gegründet hatte, sich dem Bankier Jürgen Kolbenreiher vorstellen, der auch auf diesem Feste für viele der Mittelpunkt war.
„Wie erging es Ihrem Herrn Bruder? Ich habe nämlich zusammen mit Ihrem Herrn Bruder das hiesige Gymnasium besucht ... Verzeihung, ich weiß ja nichts. Bin ja ohne jeden Kontakt gewesen“, setzte der Engländer sofort hinzu, als er Jürgens betroffen fragenden Blick bemerkte, und entschuldigte sich, da er durch seine Frage offenbar eine schmerzliche Erinnerung wachgerufen habe.
Jürgen hob die Schulter. Seine Augen suchten. „Ich habe keinen Bruder.“
Aber solch einen Streich könne sein Gedächtnis ihm doch nicht spielen; er sei ja jahrelang mit einem Mitschüler Kolbenreiher in dem selben Klassenzimmer gesessen. „Ich sehe ihn heute noch leibhaftig vor mir. Ein schwärmerischer Jüngling, höchst eigenartig! Ein liebenswerter, ein sehr gefährdeter Mensch, dachte ich noch oft in späteren Jahren ... Er war also nicht Ihr Bruder? Offenbar eine Namensgleichheit!“
Die glänzenden Toiletten, der Kronleuchter, Streichquartett, Champagnertischchen schwankten. Jürgens Gesicht fiel ein, war grau geworden. „Habe ich mich denn so verändert, so furchtbar verändert, daß Sie in mir ... in mir jenen gar nicht mehr zu erkennen vermögen?“
„Also Sie selbst!“ rief, freudig erstaunt, der Engländer. „Das hätte ich, das allerdings hätte ich nie vermutet. Ich gratuliere, gratuliere wirklich von Herzen ... Wie man sich irren kann! Ich habe nämlich gedacht – in den Kolonien ist unsereiner ja recht einsam und denkt viel an die Jugendzeit zurück – habe oft gedacht, dieser Mensch wird entweder ein ganz abseitiges Leben führen, vielleicht auch irgendeine große Tat vollbringen, wenn die Situation das zuläßt – im Krieg und so – oder er wird zugrunde gehen. Und nun – wie ich mich freue! ... Übrigens nur ein Beweis mehr dafür, wie sehr die Menschen, alle Menschen, sich mit den Jahren verändern, sich innerlich sozusagen festigen!“
An diesem Abend betrank Jürgen sich so, daß er in das Fremdenzimmer des Herrn Hommes gebracht werden und Elisabeth allein nachhause fahren mußte. Nach einer mehrwöchigen Reise, ziellos in Europa umher, saß er wieder im Direktionsbureau. Im Nebenraum unterhielten sich zwei Bankbeamte.
Vor einem Jahre sei er an den Alimenten noch unverhofft vorbeigekommen. Das Kind sei gestorben. Aber kürzlich sei sein Mädchen wieder Mutter geworden.
Auch Elisabeth war schwanger. Jürgen freute sich auf das Kind, stellte sich vor, wie es aussehen, ob es ihm oder ihr gleichen werde. Blauäugig? Oder braun? dachte er. Und horchte auf die Worte des Beamten, der seinem Kollegen genau vorrechnete, wie wenig ihm von seinem Gehalte bleiben werde, nach Abzug der Alimente. „Das halte ich nicht aus.“
Gewandt schlüpfte der Beamte in sein elegantes Mäntelchen. „Heute feiere ich Abschied von der Jugend. Ich heirate. Sie hat nichts, ich habe nichts. Sechs versilberte Kaffeelöffel sind der Grundstein unseres Glückes.“
Er steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch. „Extra für heute gekauft. Leichtsinnig, was? ... Vor diesem Glück habe ich jetzt schon Angst. Du schläfst Nacht für Nacht neben und mit deiner Frau. Immer mit der selben! Du siehst sie halb angezogen, unfrisiert, im Schlafrock – wenn sie einen hat –, ißt mit ihr, sprichst mit ihr. Und nicht nur von Veilchen und Tanz, mein Lieber! Das Prickelnde ist bald dahin. In jeder Ehe! Man gewöhnt sich. Dann liebt man eben außerhalb herum, wie? ... Aber kann denn ich mir das leisten, bei meinem Gehalt? Du mußt Blumen kaufen, die Zeche bezahlen. Am Ende bestellt sie sich auch noch etwas zu essen. Das kostet dann ein Heidengeld ... Unserem Chef natürlich, dem jungen Chef mit der gespickten Brieftasche und dem Scheckbuch, dem kann die Gewohnheit nichts anhaben. Der kann sich jede kaufen. Unsereiner aber muß, wenn er heiratet, glatt Abschied nehmen von der Jugend.“
Mir also, meint er, kann die Gewohnheit nichts anhaben, dachte Jürgen noch in der Straßenbahn, suchte zuhause Elisabeth in allen Räumen und fand sie endlich im Schlafzimmer, wo sie erblaßt auf dem Bettrand saß. Ihr Leib stand stark vor.
Tagelang schrie Elisabeth in Schmerzen, schrie die lange Nacht durch, in den trüben Morgen hinein, bis der Arzt sie von einer toten Frühgeburt entbunden hatte.
Die blutigen Messer und Geburtszangen lagen noch auf dem Tisch. Der schweißtriefende. Arzt wollte ein letztes Mittel anwenden, die Entbundene zu retten, da stieß sie ihn weg von ihrem zerrissenen Leib. Ein neuer Blutstrom schoß ins Bett. Der Arzt breitete ein Tuch über die verwüstete Tote und ließ die Arme sinken, ging hinaus in den herbstlichen Garten zu Jürgen. Der Himmel hing voll Regen. Der Garten war naß, die Luft kalt.
Einige Tage später – Elisabeth war schon begraben, Jürgen umwickelte Rosenstämmchen mit Stroh – sagte er leise vor sich hin: „Das Geld ist mir doch sicher ganz gleichgültig. Wie kam ich nur auf diesen abscheulichen Gedanken?“
Der Gedanke war, flüchtiger als ein Vogel, der den Blick schneidet, gleichzeitig mit anderen Gedanken aufgetaucht und wieder verschwunden. ‚Da das Kind tot ist, fällt die Mitgift mir zu.‘
‚Ein böser Gedanke. Enthält aber eine juristisch einwandfreie Tatsache ... Kein Mensch hat die Macht, das Entstehen eines Gedankens zu erzwingen oder zu verhindern.‘ Er sah empor zur beschädigten Dachrinne, von der dicke Tropfen schnell hintereinander herunterfielen, immer auf die selbe Stelle, wie damals im Rattenhof. Hing die Bastfäden über einen Ast und rief Phinchen zu, sie müsse den Spengler holen. „Die Dachrinne ist leck. Siehst du, dort oben.“
Jahrelang trug Jürgen sich mit dem Gedanken, wieder zu heiraten. Auch der Schwiegervater redete ihm zu, nannte sogar einige Töchter vornehmer Familien. Er solle endlich das Palais kaufen, hübsch einrichten. Repräsentieren.
„Ich finde aber“, sagte Jürgen lachend zu Phinchen, „faktisch nicht die Zeit, eine Frau zu lieben.“ Kundenkreis und Finanzaktionen des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher vermehrten und vergrößerten sich in immer schneller werdendem Tempo.
Jürgen verkehrte in Familien, wo nur von Geld gesprochen wurde. Und in Familien, die so reich geworden waren, daß es schon wieder für unvornehm galt, von Geld zu sprechen, anstatt von Humanität und Wohltätigkeit, Kunst, Mystik, Kultur und Goethe. Hohe Räume, stilvoll, von erlesenstem Geschmacke. Wertvolle Gemälde, märchenhafte Bedienung. Junge Künstler, die unterstützt wurden. Geistvolle Gespräche. Und Beklemmung für die Gäste, die noch nicht so reich waren.
Zu diesen gehörte der Berliner Bankier Leo Seidel nicht; seine Worte wurden an dem Herrenabend, den Jürgen zu Ehren seines für wenige Tage in die Heimatstadt zurückgekehrten früheren Mitschülers gab, von den Börsianern ebenso vorsichtig gewogen und auf Fallen untersucht, wie die des reichen, leberkranken Hütten- und Walzwerkbesitzers auf Jürgens Hochzeit gewendet und gewogen worden waren.
Der noch nicht vierzigjährige Seidel, tadellos unauffällig gekleidet, sah viel älter aus, und als könne er von nun an nicht mehr älter werden. Es schien, als sei das winzige sommersprossige Dreieck mit dem erreichten Ziele von nun an stationär.
Seidel, im Ziele sitzend, sichtlich uninteressiert an den Meinungen dieser von ihm weit überholten Fabrikanten und Bankleute, die einzuholen vor zwanzig Jahren sein größter Ehrgeiz gewesen war, zeigte nicht, daß diese Stunden für ihn nur ein Opfer an Zeit bedeuteten, und sprach dennoch nicht einen Satz mehr, als die Höflichkeit gebot.
Er entsann sich, daß er vor zehn Jahren, erst auf dem Wege zum Ziel, erfüllt von altem Hasse gegen diese vornehmen Bürgerfamilien, noch Befriedigung gefunden hatte in der Vorstellung, daß er, der gedemütigte Briefträgerssohn, sich eine dieser Töchter seiner Heimatstadt zur Frau wählen werde.
Mit dem Erreichen des Zieles war dieser Haß vergangen und Interesselosigkeit entstanden. Außerdem hatte er, wie Jürgen, längst die Erfahrung gemacht, daß jede verheiratete Frau dieser Kreise zu gewinnen war, wenn auch nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt.
In Pensionen ging auch Jürgen, obwohl er seit Jahren verwitwet war, nicht mehr. „Diese Mädchen sind entweder arme Tierchen, nur auf Geld aus, also erotisch an uns völlig uninteressiert, folglich langweilig; oder sentimentale Unschuldslämmer, verglichen mit unseren Damen der Gesellschaft, die voller Nervenraffinements und zu allem imstande sind“, hatte er auf Adolf Sinsheimers wiederholte Bitte, wieder einmal mit in den orientalischen Salon zu gehen, geantwortet.
Nach dem Mahle standen Jürgen und Seidel, in der Hand die Mokkatassen, abseits, zwischen sich die hohe Standuhr, deren Ticken das Gespräch für die noch an der langen Tafel sitzenden Börsianer unverständlich machte, und Seidel nannte kurz den Grund seines Hierseins. Er sei gezwungen, den schon eingeleiteten Zusammenschluß einiger großer Bankinstitute zu paralysieren: seinerseits einen großen Finanzkonzern zu organisieren.
Jürgen hatte einige Male genickt. „Ich selbst erwäge schon seit geraumer Zeit diesen Plan, habe auch schon vorgearbeitet. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der betreffenden Werte ist schon in meinen Händen.“ Er sah seine Gäste an, sah Leo Seidel an. „Man wird reicher und reicher ... Wozu?“
„Man muß die Urprodukte, die Erdschätze, in die Hand bekommen. Die Kohle! Wer sie hat, kontrolliert schließlich die ganze Produktion.“
„Sag mal“, begann nach einer Pause Jürgen entschlossenen Tones, zuckend mit der Schulter, als habe er sich selbst versichert, daß es ihm gleich sei, was Seidel über ihn wegen des folgenden denken werde, „weshalb eigentlich ist es nun dein Ziel, die Urprodukte, die Kontrolle über die ganze Wirtschaft in die Hand zu bekommen, oder, mit andern Worten, der mächtigste Mann des Landes zu werden? Welche Idee – hinaus über den Wunsch, persönliche Begierden jeglicher Art stillen zu können, was zu tun du ja schon längst imstande bist – verfolgest du dabei?“
Seidel blickte nachdenklich vor sich hin.
„Macht um der Macht selbst willen? Oder die Erkenntnis, daß geschluckt wird, wer nicht selbst schluckt? Oder um deiner Kinder willen, wenn du welche hast? Das alles hat doch mit einer positiven Idee nichts zu tun.“
„Aber auch zur Erlangung der Kontrolle über Kohle, Brennstoffe, Erze wäre der geplante Zusammenschluß eine wesentliche Voraussetzung.“
„Und das Sichabfinden damit, daß infolge der Konkurrenzjagd von Zeit zu Zeit ein Krieg und der Tod einiger Hunderttausend oder Millionen eben naturnotwendig, die Schattenseite sei, der aber die moderne Zivilisation als Plus gegenüberstehe, ist doch ebenfalls keine tragfähige Grundlage für eine Idee, für eine Lebensordnung, mit der auf die Dauer der Mensch sich abfinden könnte, sondern, scheint mir, nicht mehr als eine peinliche Mischung von Fatalismus und Zynismus.“
Seidel, der gar nicht mehr zugehört hatte, zeigte ein flüchtiges Höflichkeitslächeln und schrieb etwas in sein Notizbuch.
„Willst du mir nicht antworten? Oder weißt du keine Antwort auf meine Frage?“
Rückwärts an der langen Tafel war es plötzlich still geworden. „Ein Straßenmädchen ging mit einem Juden ...“
„Das Nähtischchen deiner Mutter steht noch in meinem Bodenraum. Erinnerst du dich? Das sind jetzt zwanzig Jahre her.“
„Ich erwarte dich also morgen im Hotel oder bringe dir die Unterlagen in die Bank.“
Das Lachen des Herrn Hommes platzte wie das dunkle Brüllen einer Autohupe in die Stille. „Kenn ihn schon! Aber erzählen Sie nur weiter.“
„Auch einen großen Teil der Produktion chemischer Artikel würden wir kontrollieren, falls die Fusion zustande käme.“ Seidel nannte die Fabrik, Gesamtzahl und Kursstand der Aktien, von denen die in Frage stehenden Banken nach der Fusion die Mehrheit haben würden.
Jürgen blickte nach rückwärts auf die acht grauweißen Hinterköpfe, denen gegenüber acht weinrote Gesichter im Zigarrenqualm hingen. „Ja, wir könnten für viele chemische Artikel, Farben und vor allem für die wichtigsten Arzneimittel die Preise bestimmen ... Gewiß keine Kleinigkeit!“
Herr Wagner ergriff den Arm des Herrn Hommes, deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück auf Seidel: „Er hat verdient.“
„Ich weiß eine andere Fassung: Der selbe Jude kommt in ein Bordell ...“
„Kenn ich!“ rief Herr Hommes und brüllte los.
Seidel erwähnte die Krankheit, von der die Arbeiter dieser chemischen Fabrik befallen wurden. Es sei sehr schwer, Leute zu bekommen. Nur durch hohe Gefahrprämien seien sie an die Siedkessel heranzubringen. Diese Geschichte habe sogar schon auf den Kurs gedrückt.
„Ich hörte davon. Die Leute werden gelb. Es ist aber keine Gelbsucht. Auch alle Schleimhäute entzünden sich. Schwere Augenkrankheiten! Die Arbeiterinnen bekommen keine Kinder mehr, werden vollkommen steril.“
„Und eines Tages war die Pleite da“, schloß der Fabrikant, der die Villa voll gotischer Holzplastiken besaß. „Eben eine zu gewagte Spekulation!“
„No, was sag ich!“
„Es sind ja Erfindungen gemacht worden“, sagte Seidel und schrieb und las dabei weiter in seinem Notizbuch. „Die Fabrikleitung hat diese Erfindungen auch erworben. Aber die Konstruktion und Erhaltung dieser Schutzapparatur würde riesige Summen verschlingen. Auch wertvolle Nebenprodukte und Abgase würden durch die Einschaltung dieser Schutzapparate verlorengehen.“
„Nein, nein, uns fehlt nichts“, antwortete Herr Wagner beruhigend auf Jürgens Frage. Und zu Herrn Hommes: „Womit? Das mußt du dir von ihm selber verraten lassen. Ich sag nur: er hat verdient.“
„Daß die Leute diese unheimliche Krankheit bekommen, weil Schutzapparate nicht in Betrieb gesetzt werden, ist ein bißchen drückend für denjenigen, der die Aktien besitzt und die Dividenden bezieht.“
Seidel zeigte sein flüchtiges Lächeln. „Möchtest du zusammen mit mir wieder einen Bund der Empörer gründen? ... Noch eine Sekunde!“ bat er und zog Jürgen wieder neben die Standuhr. „Weshalb ich außerdem hierhergekommen bin. Kannst mir vielleicht einen Rat geben. Ich möchte – es leben ja auch noch viele Leute hier, die meine Eltern gekannt haben; aber auch sonst! – ich möchte eine Stiftung machen. Säuglingsheim, Krankenhaus oder ein Kunstmuseum. Meiner Heimatstadt, weißt du!“
Jürgen griff sofort mit beiden Händen rückwärts nach dem Rauchtischchen; dennoch fiel er, beinschwach geworden vor eruptivem Lachen, in den Sessel. Er hielt die Hand hoch, Zeigefinger und Daumen zusammengepreßt, als ob er ein Ungeziefer gefangen hätte. „Ein Krankenhaus für ... für die Heimatstadt!“
Hände an die Seitenlehnen angeklammert, Oberkörper zurückgeworfen, starrte er, durchschüttert von Lachen, atembenommen Leo Seidel an, dessen Gesicht so weiß geworden war, daß die alten Sommersprossen stärker hervortraten, wie damals, da er Jürgen das Nähtischchen seiner Mutter zum Aufbewahren übergeben und gesagt hatte: „Zweifellos wird die ganze Bande auf den Jahrmarkt kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen.“
„Und obendrein ist das auch die Antwort. Das ganze Systemchen ist steril geworden. Wie die Arbeiterinnen, die nicht mehr gebären können ... Für die Heimatstadt!“ Des Lachenden zuckende Schulter stieß an die Standuhr, die metallisch tönte.
An der Tafel erklang vielstimmiges, speckiges Gemecker. Sechzehn rote Gesichter drehten sich den beiden zu. Sechzehn Paar Augen fragten. Und Herr Hommes rief: „Wir wollen ihn auch hören.“
„Gut, du stiftest ein Säuglingsheim für die Kinder, die von den Arbeiterinnen nicht geboren werden können, ich ein Krankenhaus für diejenigen, die gestorben sind, weil sie die teueren Arzneimittel nicht bezahlen konnten, und zusammen stiften wir ein Kunstmuseum, von wegen der Kultur.“
Seine linke Gesichtshälfte lachte noch. Er hakte ein, zog ihn zur Tafel. Dort legte er die Hand auf Seidels Schulter. „Soeben sagte mir Herr Leo Seidel, der bekanntlich ein Kind unserer Stadt ist, daß er seiner Heimatgemeinde ein mit allen hygienischen Errungenschaften eingerichtetes Säuglingsheim in beliebiger Größe stiften wird ... Aus ... aus Anhänglichkeit.“
Er leerte sein Glas. Füllte und leerte. Begann wieder zu lachen. Trank. ‚Dieser harte, mächtige Mann – ein kleines Schuftchen, ein winziges Ungeziefer, das in seiner Heimatstadt noch ganz besonders geachtet werden will ... als Wohltäter!‘
Herr Hommes bedeckte Mund und Nase mit der Hand, warf den Kopf in den Nacken und dann tief zur Tischplatte, als müsse er niesen, nieste nicht; er sagte zu Herrn Wagner: „Da muß er aber groß verdient haben.“
„No, was sag ich!“
‚Entzündete Augen, entzündete Schleimhäute, Eierstöcke, Knochen, Lungen, entzündete Maschinengewehre und Schwergeschütze, entzündete Seelen, eiternde Seelen – und ein Krankenhaus für alle, finanziert mit Kapital, das entstanden ist durch das Systemchen, welches diese planetare Entzündung verursachte. Das ist die Antwort. Hoppla, das ist sie ... Und die Fusion wird zustande kommen. Und die Kontrolle über die wichtigsten Arzneimittel. Und ich werde noch mächtiger werden. Und das ist nicht zu ändern. Es gibt keinen Ausweg. Mir kann nichts passieren – denn ich bin schwerlich zu entlausen, denkt mit Recht die Laus.‘
Er saß abseits rittlings auf dem Stuhle und glotzte vergnügt. Stellte das geleerte Glas auf den Fußboden. ‚Eiternde Seelen‘, begann er wieder, diesmal von rückwärts, und zählte an den Fingern her, wie der Metallarbeiter mit der verstümmelten Hand. Sah plötzlich eine Riesenebene, auf der Millionen Menschen reglos blickten. Die Gesichter derer, die am allerweitesten, die kilometerweit zurückstanden, waren größer als die der Nächststehenden. Alle Gesichter waren gelb.
„Gelb! Gelb! Gelb! ... Bin ich denn in China? ... Wollte ja Dolmetscher in China werden.“
Er stürzte vom Stuhle. In seinem Hinterkopfe klopfte dunkel ein Hammer aus Gummi.
VII
Phinchen mußte sich strecken, um mit der Bürste den Rockkragen erreichen zu können. Wie jeden Morgen trat Jürgen, als probiere er eine neue Hose an, einigemal am Platze, sich richtig in den Anzug hineinzudrücken, nahm den Spazierstock aus Phinchens Hand und verließ pünktlich die Villa. Der Schaffner, im Laufe der vierzehn Jahre auf dieser Strecke ergraut, half dem schwer gewordenen täglichen Fahrgast in den Wagen.
Unwillkürlich rückte Jürgen etwas ab von einem dürftig gekleideten Manne, dem die Nase fehlte. Außer diesem Arbeiter saß im Wagen ein kleines Mädchen, das, die Augen angstvoll vergrößert, seine Hausaufgabe im Katechismus repetierte und immer wieder begann: „Aber Jesus sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen ...“
Der Schaffner kassierte. Der Nasenlose hatte kein Geld.
„Aber Jesus sprach ...“
„Dann müssen Sie aussteigen.“
Der Nasenlose, entschlossen, sitzen zu bleiben, geriet in Erregung. Er sei monatelang arbeitslos gewesen. Wenn er nicht mitfahren dürfe, komme er zu spät und erhalte die Aushilfsstelle nicht. Alle Qualen seines Lebens sammelten und verwandelten sich in Widerstand und Zorn gegen den Schaffner.
Auch der war wütend geworden, gab das Haltesignal. „Wie kann einer einsteigen, wenn er das Fahrgeld nicht hat! So etwas gibts nicht.“ Der Wagen hielt. „Wenn ich Sie ohne Schein mitfahren lasse, verliere ja ich meine Stelle.“
„Wenn einer arbeiten will!“ schrie verzweifelt der Mann und schimpfte los auf die reichen Nichtstuer, die nicht nötig hätten, zu arbeiten.
„Auf! Sie müssen aussteigen.“ Er mußte den sich Wehrenden am Arme packen und aus dem Wagen hinausdrücken.
„Aber Jesus sprach ...“ lernte das Mädchen in so großer Angst, die Hausaufgabe in der Schule nicht hersagen zu können, daß es von der ganzen Szene nichts bemerkte.
Auch Jürgen, der die Kursberichte gelesen und dabei, tief beunruhigt, an den Traum der letzten Nacht gedacht hatte, wußte nicht, weshalb des Schaffners Lippen und die Hand, die die Zange hielt, bebten. Automatisch zog er die Abonnementskarte, in die seine Jugendphotographie eingeklebt war. ‚Welch ein fürchterlicher, fürchterlicher Traum!‘
Der Schaffner war noch zornig. „Sie sollten auch einmal ein neues Bild einkleben. Das sind ja gar nicht mehr Sie.“ Er hielt die Photographie prüfend von sich weg. „Das ist ja ein ganz anderer, könnte man glauben.“
Jürgen blickte auf die Augen des Jünglingsbildes, die aus ungeheurer Ferne groß und ernst zurückblickten. Das Gesicht des Nasenlosen tauchte neben dem Fenster mit Sprungregelmäßigkeit auf und nieder.
‚Träume seien nun einmal nichts als Schäume, sagt der Hausarzt ... Ist aber auch dieser entsetzliche Traum nur flaumleichter Abfall des Lebens und ohne tiefere Bedeutung?‘ Selbst jetzt noch, während der Fahrt durch den sonnigen Tag, stockte Jürgens Herz:
Er steht, befrackt, weiß behandschuht und im Halbkreise umgeben von den zwölf schwarzgekleideten Zeugen, in der Mitte des festlich erleuchteten Gesellschaftssaales vor dem Hinrichtungsblock, tritt zurück, hebt das Beil - und läßt es hineinsausen in den Nacken. Der Kopf geht nicht herunter. Und jetzt erst sieht er, daß er selbst, als Student, am Blocke kniet und von sich selbst hingerichtet werden muß, im Namen des Lebens, wie es ist. Gezwungen von den Blicken der zwölf stummen Zeugen, muß Jürgen noch einige Male in die furchtbare Nackenwunde hineinschlagen, bis der Kopf Jürgens, des Studenten, herunterfällt. Die Streichmusik endet.
Tirolerinnen, die schiefe Münder haben, reichen lebendes Fruchteis. Um nicht essen zu müssen von diesem schauerlichen, lebenden Eise, wühlt Jürgen sich durch die empört nachblickenden Damen und Herren durch, flüchtet die Treppe hinunter und stürzt in fliegender Eile durch die menschenleeren Mondstraßen heimwärts, durch den schimmernden Garten.
Da kniet, an Stelle der Brunnenfigur, der Rumpf in der Mitte des Bassins, Hände im Rücken gefesselt, symmetrisch umstanden von den zwölf auf Stangen steckenden, farbigen, kopfgroßen Glaskugeln, die jetzt die zwölf Hinrichtungszeugen sind, und aus dem Halsstumpfe steigt das Blut als Springbrünnchen empor. Die Symmetrie wird gestört durch Jürgens Jünglingskopf, der anstelle der gelben Glaskugel auf der Stange steckt und die grauenvolle Drohung ausspricht.
„In Vollmondnächten sollten Sie nicht bei unverhängten Fenstern schlafen. Auch abends keine schweren Speisen essen. Die verursachen gleichfalls Albträume“, hatte der Hausarzt gesagt.
Das Schulmädchen stieg aus, schlug auf der Straße den Katechismus wieder auf und lernte weiter. Jürgen saß allein im Wagen. Er überlegte, welche Weisungen er heute dem Prokuristen zu geben habe für die Börse. Plötzlich fletschte er, Mundwinkel in die Wangen zurückgezogen, die zusammengebissenen Zähne, drehte den Kopf seitwärts und bewegte die Lippen, als verhandle er mit einem hinter ihm Stehenden, der Befehle erteile, die Jürgen nicht befolgen könne.
Erst als er hinaus auf die rückwärtige Plattform trat und mit dem Schaffner eine Unterhaltung begann, entspannte sich sein Gesicht wieder.