Der Bürger

Part 16

Chapter 163,547 wordsPublic domain

„Katharina, Wunderbare!“ lallte, plötzlich tränennaß, der Betrunkene und griff nach der Doppelgängerin, in deren Gesicht die Ironie unverhohlenem Widerwillen gewichen war.

Gleichgültigen Blickes ließ sie das Hemd fallen.

„Deine Augen, ach, deine Augen!“

Körper stürzte sich auf Körper. Vergewaltigtes Gefühl brach durch und brüllte: „Katharina!“

Der Artillerieoffizier im Zimmer nebenan polterte auch jetzt: „Na, du kleiner Racker!“ Als ob nicht er und nicht sein Batteriechef, der ihm Vorbild war, sondern der schon seit Hunderten von Jahren verweste Urbatteriechef bei der siebzehnjährigen Blondine liege.

Das Fuchsgesicht trat in den verlassenen orientalischen Salon, horchte unbewegten Antlitzes auf die Geräusche in den vier Zimmern, öffnete das Fenster und betrachtete die in weiter Ferne im Sternenhimmel hängenden großen, leuchtenden Glasquadrate der Malerateliers, die alle im selben Stadtviertel waren.

Hinter einem dieser leuchtenden Quadrate lag, blond und schon entkleidet, Elisabeth auf dem breiten Renaissancebett ihres Geliebten, eines kleinen, geschmeidigen Südländers, blauschwarz behaart.

Als das Fuchsgesicht die Mokkatassen in den Salon trug, stand der Referendar im Zimmer schon vor dem Spiegel und zog sich ihn wieder, genau in der Mitte, von der Stirn bis zum Nacken. Das Mädchen betrachtete ihre polierten Nägel, interesselos und eiskalt den Referendar. Und er, durch den Spiegel, interesselos und eiskalt sie.

Eine halbe Stunde später schloß das Fuchsgesicht, Zeigefinger am Munde, leise die Haustür auf und ließ die Schulkameraden hinaus. Adolf griff an seine Krawatte, die tadellos gebunden war. Ohne eine Flasche Rotspon intus zu haben, lege er sich nicht in die Falle, sagte der Artillerieoffizier. Und Jürgen, wieder nüchtern, in soignierter Haltung, verbarg ein Lächeln über das Gehaben des Artilleristen.

Elisabeth lag im weißseidenen Schlafrock lesend auf der Ottomane, reichte ihm frei und liebenswürdig die Hand, offenen Blickes. Wo er denn herkomme. Sie war so einfach und frisch wie die große Birne, die, von Phinchen am Nachmittag im Garten gepflückt, in Reichweite auf dem Tische lag. Das spitzige Messer lag daneben.

Diese reine Atmosphäre in meinem Hause, dachte Jürgen.

„Ich war auch weg heute abend. Eine Stunde bei den Eltern“, sagte Elisabeth frei und ungezwungen, so ganz erfüllt von sich und ihrem Selbstrecht auf Genuß, daß auch diese Lüge wie die reine Wahrheit ihr von den Lippen ging. Prüfte dabei mit den Fingern ihre Brustspitzen, die noch rosig waren. Und fragte wieder: „Weshalb bekomme ich kein Kind?“ Sie wünschte, viele Kinder zu bekommen. „Und jetzt habe ich gebadet.“

„Gut unterhalten? Wie wars bei den Eltern?“, ‚Das übrigens soll mir nicht wieder passieren, daß ich zusammen mit solchen an Fäden gezogenen Hampelmännern so wohin gehe ... Alle Menschen werden an Fäden gezogen. Wer oder was ist es, das im Mittelpunkt des Lebens hockt und die Fäden zieht?‘ „Nun?“

„Immer das selbe! Der Vater sprach von Geld und von der Börse, von Geld, von der Börse ... Weißt du, es ist keine Luft mehr dort in der großen Wohnung. Er kann nichts greifen. Alle Gegenstände weichen zurück. Er langweilt sich fürchterlich, seitdem er sich vom Geschäft zurückgezogen hat. Sein Leben hat keinen Inhalt mehr.“

„Wie wir das letztemal zusammen dort waren, äußerte er doch, er möchte ein kleines Gut kaufen und es selbst bewirtschaften. ‚Natur, Natur, Gras, Rüben‘, sagte er. Weshalb tut er das nicht?“

„Papa würde auf dem Lande in acht Tagen vor Langeweile schwermütig werden. Und auch so wird er schwermütig. Für Bücher, Kunst, Musik, was unsereinem oft über leere Stunden hinweghilft, interessiert er sich nicht; davon trennt ihn sein ganzes Leben, das er auf der Börse zugebracht hat. Für Frauen ist er zu alt. Bleiben noch die Mahlzeiten. Aber er darf nur das wenigste essen. Bleibt die Langeweile. Ich sage dir, bald wird er wieder ins Geschäft kommen. Er hälts nicht aus.“

„Altgewordene amerikanische Kapitalisten, die sich in dieser Lage befinden, verstehen es, sich einen Lebensinhalt zu verschaffen: Sie werden moralisch. Was sie jedoch nicht hindert, ihr Vermögen auch weiterhin sehr geschickt und ertragreich zu verwalten!“ sagte ironisch lächelnd Jürgen.

Mit einem elastischen Ruck setzte Elisabeth sich aufrecht. „Vor ein paar Jahren war ich mit den Eltern in einem Sanatorium. Da war ein großer Arbeitshof. Die alten Herren Exporteure, Bankiers und Geheimräte, in Badekostüm, scheußlich fett oder abschreckend mager und behaart, solche Hängebäuche! mußten Holz sägen, Sand in Schubkarren schaufeln. Sie karrten ihn über den Hof in die andere Ecke, leerten ihn aus, schaufelten den selben Sand wieder ein, schafften ihn zurück. Aus, ein, hin, her! Immer den selben Sand! ... Schrecklich! Bei dieser Arbeit würde ich verrückt werden.“

„In China wurden Schwerverbrecher damit bestraft, daß sie derartige sinnlose Arbeiten verrichten mußten ... Viele, scheinbar ganz normal gewesene Bürger werden ja auch verrückt. Schwermütig und so! Wissen nichts mit sich anzufangen, treiben sich in Sanatorien und Nervenheilanstalten herum oder kehren, wie du sagst, ins Geschäft zurück und treten weiter die Geldmühle, bis sie an Arterienverkalkung sterben. Diese alten Verdiener! ... Das soll uns nicht passieren, wie?“

Er ließ sich vor der Ottomane auf ein Knie nieder. „Glaubst du“, fragte er, Blick in ihrem Blicke, langsam und lächelnd, „daß ich jetzt noch baden kann?“

Im Schlafzimmer hing über dem Doppelbett eine rote Ampel, auf der ein gläserner Amor kniete. Den Bogen hielt er noch in den Händchen. Den Glaspfeil – Richtung Liebespaar –, der bei brennender roter Ampel blauleuchtend geworden war, hatte Jürgen schon vor Jahren, gleich nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise, in der ersten Nacht abgebrochen. Es gäbe Grenzen.

Elisabeth lag schon im Bett, Hände unterm Kopf, als Jürgen aus dem Bade kam. Lächelnd so im Spiel des Lebens drehte sie die helleuchtende Nachttischlampe ab, lächelnd er die andere. Die Ampel glühte rot auf.

Was ist ein Jahr, wenn jeder Tag dem andern gleicht und das Leben ohne Härten ist ... Ein Tag nur! Ein unbewußter Atemzug! dachte Jürgen nach einem Jahre, das, ausgefüllt mit Arbeit im Bureau, mit Theaterbesuchen, Bilderkäufen, Mahlzeiten, roter Ampel, Bureau, im Fluge vergangen war. Die Zeit stand, so schnell verging sie. Das Vermögen wuchs. Jürgens Ansehen stieg.

„Du sitzt im Lehnstuhl oder liegst im Bett, und über Nacht bist du um soundso viel reicher geworden“, sagte Jürgen scherzend zur Tante, die antwortete: „Du erbst alles.“

Herr Wagner erschien wieder jeden Tag pünktlich im Bureau. Grund zum Klagen gab ihm sein Teilhaber schon lange nicht mehr. „Unser Schwieger ist ein braver, tüchtiger Mensch. Die Interessen des Hauses und der Kunden gehen ihm über alles“, konnte er oft zu seiner Frau sagen, die immer wieder erwähnte: „Aber, daß sie mit der Wohnungseinrichtung nicht zufrieden sind, das ist ... also das versteh ich nicht. Nun, wenn er nur wenigstens im Geschäft tüchtig ist.“

Und dies hatte sich wie von selbst gemacht. Allmählich und unversehens war das Leben zum Gleis geworden, auf dem Jürgen durch die Jahre rollte.

Er war bekannt als großzügiger Philantrop und Mäcen, hatte mit unfehlbarem Stilverstande schon eine ganze Anzahl Antiquitäten und Bilder gesammelt und sie einstweilen in einem unbewohnten Raum der Villa verwahrt, denn er wollte das alte Palais, das auf dem stillen, größten Platze der Stadt stand, erwerben und nach seinem Geschmacke einrichten.

„Einer sammelt, sein leeres Dasein auszufüllen, Pfennige, die älter sind, als er selbst, oder kostbare Werke alter oder hervorragende neuer Kunst, oder macht Bastelarbeiten, die im Laufe von Jahren ein faustgroßes Schweizerhäuschen mit Alm, Sennerinnen, Kühen und fensterlnden Burschen werden“, sagte er zu einem befreundeten Fabrikanten, der eine Riesenvilla voll alter, gotischer Holzplastiken besaß.

„Ja, mein Lieber, etwas muß der Mensch doch haben. Außerdem: ich kaufe billig“, rief der Fabrikant. „Dann machts Freude. Wer nicht aufs Geld sieht, der natürlich bekommt heutzutage eine tadellose Sammlung, ganz gleich welcher Art, auch fix und fertig ins Haus geliefert.“

„Einer macht Buddhas Wort ‚Geh an der Welt vorüber, es ist nichts‘, zu seiner Weltanschauung, und bleibt in seiner Prachtwohnung mit Bad, Warmwasser, Dampfheizung und allem Komfort. Ein anderer gibt, vielleicht gar um das Stimmchen zu beruhigen, Summen für Wohltätigkeitszwecke oder unterstützt begabte junge Künstler. Ich tue beides und sammle obendrein“, schloß er in Selbstironie.

Und wenige Monate später sagte er zu dem selben Fabrikanten: „Die Lebensauffassung des Bürgers ist folgende: Jeder tue seine Pflicht. Dadurch arbeitet jeder für jeden. Das greift ineinander. So entstehen Reichtum und Kultur des Landes, numerierte Häuser, in denen die Menschen leben, Küchen, Geschirr, Schränke voll Wäsche, asphaltierte Straßen, Schulen, Ruhe und Ordnung. Weil jeder seine Pflicht tut. Und Obdachlosenheime, Polizei, Gerichtshöfe und Zuchthäuser sind da für diejenigen, die ihre Pflicht nicht tun ... Schön. Mag sein, daß er recht hat. Unsereiner aber unterscheidet sich von denen, die geradezu platzen vor Selbstgerechtigkeit. Denn Wissen und Geist und Besitz verpflichten zu mehr.“

Und er legte die Hand auf die Krokodilledermappe, in der die Notizen zu seinem geplanten Werke ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘ lagen. Nach dem Essen las er die Abendzeitung.

Seine Tage rückten auch weiterhin, gesichert und getragen von Gewohnheit und Achtung, ohne schmerzliche Ereignisse durch ihn durch und hinter ihn, wie eine verkehrsreiche Straße vorbeirollt und zurückbleibt.

Nur noch in den Träumen stand manchmal das vergewaltigte Ich auf, schrie seine grauenvolle Drohung, die nicht mehr bis in das neue Bewußtsein vordringen konnte. Die Entfernung war schon zu groß, und zwischen dem drohenden Ich und dem inneren Ohre Jürgens stand das Erleben vieler Jahre, das, zusammen mit der Millionenfältigkeit des unausgesetzten Strebens nach Erfolg, Genuß und Achtung, das neue Bewußtsein gebildet hatte. Ein fugenloser Schutzwall.

Das Ich drohte. Der Träumende stöhnte. Sah die graue Straße, auf der die Millionen dem Fabriktore der Welt zuschritten, grau und gespenstisch-lautlos. Sah den Gaskocher, neben dem Katharina steht, kaum bemerkbare Ironie im Blick. Und fleht sie an: „Laß deine Haare wieder wachsen. Was ist dir denn geschehen, sag, mir, was ist dir geschehen.“

Elisabeth blickte kopfschüttelnd das wildverzerrte Gesicht an, hinter dem das vergewaltigte Ich erfolglos um sein Dasein rang und Tränen durch die geschlossenen Lider schickte, weckte den Stöhnenden, der nicht mehr wußte, was er geträumt hatte.

Erleichtert aufatmend, lächelte er das Leben an, das neben ihm lag. Im Garten schrien die Vögel. Auch die tausend Tapetenvögelchen des sonnigen Schlafzimmers zwitscherten.

„Was bist du für ein Mensch, du lächelst mit Tränen in den Augen.“

Und Jürgen, wie er ihren duftenden Kopf sanft zu sich zog: „So ist das Leben: zum Lachen und zum Weinen in einem.“ Der Druck war ganz gewichen.

Nach dem Frühstück und dem Bade ging er in den Garten, sog genießend die warme, aromatische Luft ein, betrachtete über den Zaun weg des Nachbars frisch gegossene Salatbeete, die funkelnd unter der Sonne lagen, blieb vor jedem Rosenstämmchen stehen, freute sich über die kopfgroßen, farbigen Glaskugeln, die, von der Sonne getroffen, sein Gesicht daumengroß widerspiegelten, und bekam Lust, an der Wasserleitung weiterzuarbeiten, die anzulegen er vor einiger Zeit begonnen hatte, um seinen Garten mit einer Wasserkunst zu schmücken. Der Arzt hatte Jürgen körperliche Arbeit anempfohlen.

Das Graben und Schaufeln tat ihm wohl. Die zwölf auf Stangen steckenden Glaskugeln bildeten einen Kreis, in dessen Mitte die Wasserkunst steigen sollte. Die Brunnenfigur, ein lebensgroßer Jüngling in Bronze, erworben von einem jungen, unterstützungsbedürftigen Bildhauer, kniete schon, Kopf geneigt, Hände im Rücken, als wäre er gefesselt, unter dem Schneeballenbusch.

Im Garten nebenan sang der Nachbar die Nationalhymne. Elisabeth, in leichtem Sommerkleide, sah vom Liegestuhl aus ihrem gesunden, starken Manne zu. Phinchen servierte Butterbrote auf dem Tisch unter dem Nußbaum, unter dem die Tante häkelnd gesessen hatte. Sie lag im Bett und konnte nicht sterben.

Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt, die Zigarre im Munde, betrachtete Jürgen zufrieden seine Arbeit. „Nächstes Jahr werden auch wir ein Stück Nutzgarten anlegen: Gemüse- und Salatbeete, etwas Beerenobst. Körperliche Arbeit erhält gesund. Man muß vorbeugen, weißt du.“

Vögel huschten von Busch zu Busch. Die Amsel schnappte einen Wurm aus der frisch aufgeworfenen Erde, überquerte, nah dem Boden, den ganzen Garten und verschwand unter dem Schneeballenbusch.

Das Zwölfuhrläuten zahlreicher Kirchenglocken vereinigte sich über der Stadt, strahlte auseinander, hinaus zu den Gärten. Jürgen legte – wie im Bureau den Federhalter – pünktlich den Spaten aus der Hand. Nach dem Mittagessen schlief er. Die Zeitung war seiner Hand entfallen.

Saß dann am Schreibtisch vor der geöffneten Krokodilledermappe. Rechts stand eine Miniatur-Schillerbüste, geschmückt mit einem winzigen Lorbeerkranz, links der Tintenwischer – ein farbiges Tuchhähnchen mit Glasaugen – und in der Mitte das Tintenfaß: ein sich hochaufbäumender Bronzehirsch, auf dessen Geweih sieben Federhalter lagen. „Nun aber an die Arbeit!“ rief er und rieb die Hände.

In der Ferne ertönte eine Kindertrompete. Vorsichtig nahm er den eheringgroßen Lorbeerkranz vom Haupte Schillers herunter, betrachtete ihn genau, schob ihn auf seinen Finger, streckte sich, daß der Körper knackte und der Mund ein eigroßes Loch wurde, ergriff wieder den Federhalter und sah hinaus, wo der Sonntagnachmittag stand, der, zerteilt in Billionen Teilchen, durch das Fenster und durch alle Ritzen und Wände hereindrang.

„Sogar die Sonne scheint anders als an Werktagen, und alle Geräusche haben einen anderen Klang. Einen ekelhaften Klang! Unerträglich! Man ist wehrlos ... Da stehe ich also sozusagen auf der Höhe des Lebens, habe keine Sorgen, keine Schmerzen, und weiß nichts anzufangen mit dieser Höhe ... Sogar die Spatzen zwitschern Sonntags anders als in der Woche“, sagte, dunklen Druck in der Brust, Jürgen und öffnete ein Buch, legte es wieder weg, ergriff den Federhalter. Plötzlich glaubte er, deutlich gesehen zu haben, daß das Tintenfaß höhnisch gelächelt hatte. „Unsinn!“ rief er zornig sich selbst zu.

Der Wunsch nach dem Montag, nach der gewohnten Bureauarbeit und dem gewohnten Aufenthalt in der Börse huschte durch ihn durch. Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb und wann er an das Fenster getreten war. Die Fichtengruppe im Garten stand reglos. Ein hängender Ast störte die Symmetrie. ‚Auch morgen wird dieser Ast genau so wegstehen und übermorgen auch und auch noch in zehn Jahren. Dieser stupide Sonntag bringt einen um jeden Gedanken. Ah! und diese mörderische Zimmereinrichtung!‘

Der Himmel war gleichmäßig blau und sah aus, als ob er nie mehr nachtdunkel werden würde. In fernen Geräuschen schwammen die Töne der Kindertrompete. Im Garten sang der Nachbar. Jürgen hob die linke Schulter, hob die rechte Schulter, das linke Bein, das rechte. Die Bewegungen wurden zu einem gedrückten Tanz. Die Glaskugeln standen reglos.

Der hin- und herschwingende Elefantenrüssel im Salon zog weiße Fäden und blieb schief hängen. Jürgen sah deutlich den schiefhängenden Perpendikel. Gähnend und die Hände über dem Kopfe erhoben, wie ein Gefangener, der unter entsichertem Revolver abgeführt wird, ging er in den Salon, sah blöd auf den funktionierenden Perpendikel.

Die Sonntagsgeräusche drangen auch durch das offene Fenster in das Wohnzimmer, wo Elisabeth sich langweilte. „Nun, also was? Zu den Alten? Oder im Park spazierengehen? ... Daß du aber auch diese unverständliche Abneigung gegen das Autofahren hast!“

„Eine Grenze nach oben muß eingehalten werden, Herzchen“, sagte er gähnend. „Übrigens, wenn du willst, können wir auch fahren. Laß euer Auto kommen ... Auch langweilig!“

„Die rosa Studie und mein Porträt hängen schon seit Donnerstag. Außerdem noch zwanzig seiner besten Arbeiten.“ Und sie sprach von den großen Fortschritten, die ihr Geliebter gemacht habe. „Gehen wir in die Ausstellung!“

„Warum nicht gleich zum Zahnarzt!“

„Oder sonst jemand besuchen?“

Der Schlund der grauen Leere verschlang alle Vorschläge.

„Wen denn besuchen! Die sitzen sicher auch alle zuhause und wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Ein Glück, daß nicht alle Tage Sonntag ist ... Gehen wir in den Zirkus! Da tritt heute zum erstenmal eine Akrobatin auf, die, Kopf voran, weißt du, aus sechsundzwanzig Meter Höhe herunterspringt in ein Bassin, das nur vier Meter lang und hundertfünfzig Zentimeter breit ist. Denk an: dieses winzige Loch in der Manege und dabei diese riesige Höhe! Unbegreiflich! Das sollte gar nicht erlaubt werden. Das Bassin ist mit scharfkantigem Winkeleisen eingefaßt. Wenn das Mädchen nur um fünf Zentimeter fehl springt, schlägt es sich Schulter und Arm vom Körper weg. Aber aufregend wird die Sache sein. Jedenfalls besser, als hier zu sitzen.“

Die Zauntür drückte die beiden hinaus. Jürgen sah zurück in den gepflegten Garten, betrachtete das glänzende Messingschild, auf dem nur ‚Kolbenreiher‘ stand, und zog den Hut vor der Tante, die, starr blickend, wie ein altes Bild im Fensterrahmen schwebte.

Nachdem die Akrobatin von dem zehn Meter und von dem fünfzehn Meter hohen Standplatze aus gesprungen und wieder am Seil emporgezogen worden war zu dem sechsundzwanzig Meter hohen Standplatz dicht unter der Zirkuskuppel, von der aus gesehen die Manege einem am Boden liegenden Kinderreifen und das Bassin einem schwarzen Bleistiftstrich glichen, erklärte Jürgen ausführlich, jetzt liege die Gefahr sogar noch weniger darin, das schmale Bassin zu verfehlen, als vielmehr darin, daß das Mädchen sich durch die gewaltige Wucht des Sturzes den Kopf auf dem Grunde des Bassins zerschellen müsse, wenn sie nicht, im Wasser angelangt, im entscheidenden Bruchteil der Sekunde blitzschnell die Drehung zurück zur Wasseroberfläche ausführe.

Die Musik schwieg. Das Publikum verstummte. Die Akrobatin blickte hinunter auf den Bleistiftstrich, in den hinein sie sich stürzen mußte, breitete die Arme aus. Frauen sahen weg. Auch Elisabeth sah weg.

„Langweilig ist das nicht. Du siehst, sogar ein Sonntagnachmittag kann ausgefüllt werden“, sagte Jürgen,

während die Tante mit einer ihr ganz fremden Bangigkeit die Bibel aufschlug und Sätze las, die, vor grauen Zeiten ersonnen, oft von ihr gelesen, gehört, ausgesprochen und gesungen, ihr auch jetzt nichts sagten. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, litt unter der Angstbeklemmung, daß dann alle sie betrachten würden und sie vielleicht ein ganz anderes Gesicht haben werde als sie habe.

Und während der Mädchenkörper in der Luft eine weiche Drehung machte und, Kopf voran, Hände wie betend zusammengelegt, gleich einem bleiernen Fische an der obersten Galerie und an der erhöht sitzenden Musikkapelle vorbei senkrecht in die Tiefe stürzte, dem schwarzen Strich und dem rapid größer werdenden Sägmehlkreis in verzehnfachter Schnelligkeit entgegen, blickte die Tante noch einmal auf das breit vor ihr liegende Land hinaus, das in der Ferne schon von der rötlichen Dämmerung genommen wurde, und schaukelte plötzlich in sich zusammen.

„Die hocken immer zuhause, die Alten. Sicher würden auch sie sich hier unterhalten und zerstreuen“, sagte Jürgen in den Beifallssturm hinein, während die Tante, unveränderten Gesichtes, bewußtlos auf dem Boden lag.

Der Arzt wurde geholt, machte einen Aderlaß. Die Tante erholte sich. Um zehn Uhr lagen alle drei im Bett. Elisabeth stand noch einmal auf, ein frisches Nachthemd anzuziehen. Und als sie aus dem alten herausgestiegen und in das frische noch nicht hineingeschlüpft war, ließ Jürgen, an die Gewohnheit gespannt wie ein Pferd an die Droschke, die rote Ampel aufleuchten.

Am andern Tage, einige Stunden vor ihrem Ableben, bekam die Tante noch Besuch. Auf dem Tablett lagen schon siebenundzwanzig Orangen. Atembenommen, schon schwarz beschattet vom Tode, hatte die Tante hocherfreut für die Früchte gedankt.

Auf fünf Uhr war der Geistliche mit den Ministranten bestellt, die letzte Ölung zu erteilen. Die Sterbende überwand ihre tödliche Schwäche und richtete sich noch einmal auf im Bett. „Vielleicht spreche ich jetzt das letztemal mit dir, Jürgen.“

„Du stirbst nicht, Tante, Unsinn!“

„... letztemal mit dir. Ich habe immer meine Pflicht getan. An dir, Jürgen, und überhaupt. Vor allem an dir! Du bist ein geachteter Mann geworden. Das hast du zum Teil auch mir zu verdanken. Weißt du noch, wie das kam? ... Ein sehr geachteter Mann!“

Alles Blut verließ Jürgens Gesicht. Sie bemerkte seine Blässe und Verwirrung nicht, schilderte, mühsam stammelnd, wo er hingekommen wäre, wenn er das, was er Opferbereitschaft und Hingabe genannt habe, weiter verfolgt hätte. „So aber kann ich ruhig sterben.“

Jürgen hörte nichts mehr. Sie zog seinen Kopf neben sich auf das Kissen, nahm ihm das Wort ab, daß er auf dem eingeschlagenen Wege weitergehen werde. „Merke dir: was man einem Sterbenden in die Hand verspricht, muß man halten.“

Jürgen wußte nicht, was er versprochen hatte. Vergangenheit und Gegenwart stürzten ineinander. Er hörte auch nicht, daß die Tante von ihren bisher verheimlichten Aktien sprach.

„Diese Wertpapiere darfst du nur dann verkaufen, wenn mein Bankier dazu rät. Vor allem: Lasse die Hypotheken auf den großen Häusern stehen! Und lasse nicht so viel herrichten! Reparaturen und Handwerker kosten Geld.“

„Da muß ich ja Hypothekenzinsen bezahlen“, sagte Jürgens Mund vom Kissen weg.

Ihre Hand blieb auf seinem Kopfe. „Aber die Grundbesitzsteuer ist viel höher als die Zinsen, die man für Hypotheken bezahlen muß. Deshalb belastet man ein Haus so hoch wie möglich mit Hypotheken“, erklärte sie, unterbrochen von Atemnot, „legt das Geld in Wertpapieren an und bezahlt mit den Zinsen die Hypothekenzinsen. Dafür hat man keine Grundbesitzsteuer zu zahlen, weil einem die Häuser gar nicht gehören.“

„Unsere Häuser gehören mir nicht?“

„Nur scheinbar nicht! Man besitzt sie nur scheinbar nicht.“ Sie konnte vor Schwäche nicht mehr sprechen.

Die Flurglocke hatte geläutet. Weihrauchduft drang ins Zimmer. Jürgen wollte die Tante beruhigen, war aber so verwirrt, daß er sagte: „Also mit den Zinsen von den Wertpapieren bezahle ich die Grundbesitzsteuer.“

„Nein, die Hypothekenzinsen!“

„Aber es gibt doch viel bessere Kapitalsanlagen. Weshalb soll ich denn ...“

„Laß dirs von meinem Rechtsanwalt erklären.“

„... soll ich denn unbedingt Hypotheken aufnehmen, wenn ich Geld und Wertpapiere besitze, die viel besser ...“

„Rechtsanwalt“, flüsterte die Tante.

Der Geistliche und die Ministranten traten ein. Das Weihrauchfaß überquerte dreimal das Bett. „Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo.“

Die ganze Villa roch noch nach Weihrauch, als Jürgen, im Gehrock und schwarz behandschuht, von der Beerdigung zurückkam. Das weiße Taschentuch in der einen, den Zylinder in der rechten Hand, so am Rande gefaßt, daß er einen Gummiball hätte auffangen können, stand er im Sterbezimmer.

Auch eine Woche später, nachdem ihm vom Rechtsanwalt schon eröffnet worden war, daß die Tante das dreifache an erwartetem Barvermögen hinterlassen hatte, stand noch ein schwacher Weihrauchduft in den Zimmern und erinnerte Jürgen an des Vaters Todestag, an die Seelennot, Unsicherheit, an die Kämpfe der Jugend, auf die er, stehend nun auf dem festen, breiten, gefahrlosen Boden der Gegenwart, lächelnd zurückblickte.