Part 15
‚Da irrt er sich. Das gesamte nicht.‘ Sie hatte ihm nur die schwer zu verheimlichenden Papiere anvertraut und den größeren Teil ihrer Aktien bei ihrem alten Bankier gelassen. „Du hast dein Erbe verdoppelt“, sagte die gelb, zerfallen und schweratmend im Lehnsessel Versunkene.
Und er erlebte wieder, wie immer, wenn die Tante das Wort ‚erben‘ aussprach, in Gedanken diese merkwürdige Viertelstunde in dem roten Plüschsalon der Konditorei, sah deutlich die drei erregt durcheinander sprechenden Damen, den kleinen Hut der Jungen, der nur aus Veilchen bestanden hatte.
„Glaubt, sie sterbe, beichtet nach heftigem Widerstreben endlich doch dem Geistlichen, daß sie als zwanzigjähriges Mädchen einen einzigen Fehltritt ...“
„Wer kann das heute noch kontrollieren, ob es der einzige war.“
„... begangen und heimlich einen Sohn geboren hat. Fragt auch ihren Rechtsanwalt, ob das Kind Erbanspruch habe.“
„Wie das Geheimnis dann unter die Leute gekommen ist ...“
„Die Pflegerin im Nebenzimmer soll die Beichte mitangehört haben.“
„... weiß man nicht genau. Die Menschen können ja kein Geheimnis für sich behalten.“
„Sonst würde man diese Geschichte vielleicht überhaupt nie erfahren haben, wenn die Pflegerin ...“
„Ganz genau kenne ich die Einzelheiten auch heute noch nicht“, hatte die Junge gesagt.
„Denken Sie an, siebzig Jahre ist sie jetzt. Und nie hat ein Mensch auch nur den leisesten Verdacht gehabt, müssen Sie wissen. Das Kind wird ins Ausland in heimliche Pflege gegeben, müssen Sie wissen ...“
„Eines Tages entläuft das Kind, geht durch.“
„Wahrscheinlich, weil es schlecht behandelt wurde, Sie verstehen.“
„Die Pflegemutter stirbt.“
„Auf diese Weise hat man ... Ist verschollen ... nie etwas ... Kein Lebenszeichen mehr! ... von dem Fehltritt erfahren ... Als ob sie Jungfrau wäre! ... Ja, was sagen Sie dazu ... Wo mag das arme Kind jetzt sein.“
Ein fünfzigjähriger Mann torkelt betrunken, verdreckt, heruntergekommen auf einer amerikanischen Landstraße, wirft die Arme, schimpft auf die Welt. Wird erstochen. Erleidet als Matrose Schiffbruch, ertrinkt. Krepiert im Berliner Obdachlosenheim. Schuftet nach dem Taylorsystem in Chicago. Ist Gelegenheitsarbeiter im Newyorker Hafen. Magistratsschreiber in einer kleinen deutschen Stadt. Während diesen drei Damen das Kind gegenwärtig ist wie ein Schweißausbruch, hatte Jürgen heiter gedacht.
„Das arme Kind muß doch ... Diese Schande für die bisher so hochgeachtete ... gefunden werden ... alteingesessene Familie Kolbenreiher.“
Und war, getroffen von diesem unverhofften Stoß, beinahe vom Stuhl gefallen.
Nie in ihrem ganzen Dasein hatte die Tante, die nach der Beichte völlig unerwarteterweise wieder gesund geworden war, etwas so tief und schmerzlich bereut wie diese Beichte. Nicht einmal das Jugenderlebnis selbst. Nie in seinem Leben war Jürgen vor einem Menschen gestanden, der so bis in die tiefsten Tiefen erschüttert, so fassungslos gelacht hätte wie Elisabeth. Und nie in seinem Leben hätte Jürgen es für möglich gehalten, dieses Gefühl der Rührung und Sympathie für die Tante empfinden zu können.
Auch sie wollte leben. Und wurde nur ein einziges Mal vom Leben gestreift, dachte er auch jetzt, wie er die Tante ansah, die einer uralten, zähen, endlich zerfallenden Eichbaumwurzel glich. ‚Wie hat sie mich gepeinigt! Wie ganz und gar ist das Geschöpf, ist der Mensch, der sich damals von dem Geliebten umfangen ließ, versunken und ertrunken. Welch Dasein!‘
Seit dem Schlage, den sie selbst der Familienehre zugefügt hatte, war die Kraft der Tante gebrochen gewesen. Ihre zwölf Fragezeichen waren weiß geworden. „Bald erbst du alles“, sagte sie, flackernden Blickes, richtete den gelben Totenschädel auf.
Und Jürgen dachte: Wenn nicht das Kind eines Tages doch noch erscheint und sagt: Da bin ich. Der Erbe bin ich.
Er stieg in den Lift, der eingebaut, fuhr in den zweiten Stock hinauf, der aufgesetzt worden war, und dachte dabei an sein Kind.
Immer, wenn er an den Sohn der Tante erinnert wurde – und dies geschah häufig, denn Elisabeth brach auch jetzt noch oft in Lachen unvermittelt aus –, dachte er an den Sohn Katharinas, der Geld zu schicken er nicht wagte.
‚Zu dem Sohn der Tante, der wahrscheinlich gar nicht mehr lebt, und, lebte er noch, nicht die leiseste Ahnung hätte, wessen Sohn er ist, eine Verbindung herzustellen, wäre leichter als zu meinem Sohne, der eine Gehstunde von hier entfernt im Waschkorb liegt ... Oder kann er schon laufen? ... Sie lebt ja tatsächlich auf einem anderen Planeten.‘ „Merkwürdiges Mädchen“, murmelte Jürgen und trat, da er Elisabeths helle Stimme vernahm, in den Salon, dessen Tapete farbig schmetterte.
Zwischen ornamental geschwungenen, riesigen Schwertlilien und Wasserrosen – blau, rot, violett – und giftgrünem Schilf auf Goldgrund, der den See darstellte, versuchte alle Quadratmeter der selbe Faun die selbe Nymphe zu fangen und konnte sie nie erwischen. Dreiunddreißig Nymphen hatte Jürgen gezählt.
Der Salon erinnerte ihn an den der Frau Knopffabrikant Sinsheimer, wo ihn die Furcht vor der Leiche des Vaters angesprungen hatte. Denn außer den reichgeschnitzten schwarzen, unverrückbar schweren Eichenholzmöbeln – zum Platzen dicke schwarzgebeizte Putten schleppten, himmlisch lachend, ohne jede Anstrengung riesige Füllhörner von links nach rechts, oben um die Prachtstücke herum, und die in der Mitte obenauf sitzenden Putten spielten dazu die Flöte – standen und lagen auch hier viele singende, musizierende, miauende, tanzende Hochzeitsgeschenke und Gebrauchsgegenstände, die nicht benutzbar waren, darunter ein Riesenkäfig, in dem ein ausgestopfter Papagei saß, der alles hatte, was er zum Leben brauchte: Wassernapf, Futternapf, gefüllt mit Wicken aus Holz, und – beladen mit nagelneuen Birnen, Trauben, Äpfeln und Pfirsichen aus farbigem Tuch – die zwei silbernen Tafelaufsätze in Eiffelturmform, von Frau Sinsheimer als Hochzeitsgeschenk geschickt, genau so gut erhalten, wie sie sich bei ihrem eigenen Hochzeitstag eingestellt hatten. Zwei große künstliche Palmen, auf Ständern mit gelben Storchenbeinen, verdunkelten das Fenster.
„Ich wiederhole: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, erklärte gekränkt Frau Wagner, die, während die Neuvermählten auf der Hochzeitsreise gewesen und die Tante, wegen der unaufhaltsamen Verbreitung des Klatsches sterbenskrank geworden, im Bett gelegen war, ganz allein das Einrichten der Wohnung besorgt hatte.
„In dieser Wohnung gibt es vielerlei Tiere und eine große Anzahl Fabelwesen, aber keinen Gaul“, versicherte launisch Elisabeth und sah umher: Vom nie benutzten Kohlenkasten, schwarz lackiert, auf dem die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, bis zu dem zwei Meter hohen seidenen Wandschirm, auf dem ein gestickter, lebensgroßer Storch das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Elefant den Rüssel feierlich-langsam hin und her. Das Ziffernblatt in seiner Stirn stellte Afrika dar. Diese Uhr hatte Frau Wagner, nachdem sie bei Frau Sinsheimer zu Besuch gewesen war, telegraphisch in der Fabrik bestellt.
Arm in Arm verließ das Ehepaar den Salon. Und das Bewußtsein, das hinter Jürgen herschritt, in gleichem Schritt und Tritt, sah Katharina, die, in der Hand einen weißen Teller voll Brei, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.
Katharina befand sich in weiter Ferne, aber überaus deutlich sichtbar; nicht so verblaßt wie damals, als Jürgen gesundend im Liegestuhl gelegen hatte. „Das wechselt.“
„Was wechselt?“ fragte Elisabeth.
„Die Stimmungen wechseln. Einmal ist man ernst, dann wieder heiter. Ein andermal, ich möchte sagen: in gespaltener Stimmung.“
„Das Leben würde ja auch zu langweilig sein, wäre dies anders.“
Frau Wagner durchblätterte noch das in gepreßtes Schweinsleder gebundene und mit einem winzigen goldenen Hängeschlößchen versehene Album, das die repräsentablen Ahnen der Familie Wagner enthielt. Herren ließen den Schnurrbart, Bräute das Hochzeitskleid bewundern. Die Photographieaugen blickten. Wünsche waren erfüllt. Männer standen aufrecht im Leben, die Faust auf der Kante des zerbrechlich zarten Tischchens. Damen, die Frisuren schulterwärts geneigt, Augen halb geschlossen, zeigten, daß sie ohne Ideale nicht leben konnten. Kinder standen noch im Kampf mit der Natürlichkeit.
Frau Wagner schloß das Album: Das zerhackte Gesicht eines degenüberquerten Studenten in Wichs kam auf das Gesicht einer alten Frau im Totenbett zu liegen. ‚So viel Geld und so viel Mühe, und jetzt sind sie nicht zufrieden mit der Einrichtung.‘ Frau Wagner sah umher, den Kopf aufgestützt.
Eine halbe Stunde später, als Jürgen vorbeiging, sah er Frau Wagner noch immer sitzen im Salon, den Kopf gestützt wie vorher, reglos und traurig. Der kostbare Reiherhut hatte sich etwas verschoben.
‚Das würde ein zu schwerer Schlag für sie sein. Wir werden uns eben an die tausend Zentner schwere Einrichtung und an die Menagerie gewöhnen müssen; haben uns ja schon daran gewöhnt. Das ist ja auch unwichtig. Das Leben stellt andere Aufgaben.‘
Ganz andere Aufgaben! dachte er. Und fand sie nicht. Fand nichts, das wert gewesen wäre, sich dafür einzusetzen. Auch heute hatte die tote Einsamkeit, die um und in ihm stand und das ganze Haus durchdrang, ihn eine Stunde früher als nötig fortgetrieben.
Die Tante war ins Bett gebracht worden. Sinnend blickte sie in die Richtung der Mutter Gottes; die gelben, dünnknochigen Finger hielten die geöffnete Schatulle, in der sie das Verzeichnis ihrer Wertpapiere aufhob.
Jürgen liebte es, in die Schreinerwerkstatt neben der Haltestelle einzutreten und, plaudernd mit dem alten Meister, den Gesellen bei der Arbeit zuzusehen, bis der Trambahnwagen kam. Eine Schreinerwerkstätte, die Hobelspäne, der Holz- und Leimgeruch waren für Jürgen der riechbare und sichtbare Ausdruck eines einfachen, lebenswarmen Daseins, wie er es, seitdem er Teilhaber war, für sich gewünscht hätte.
„Ihre Mutter war noch gar nicht auf der Welt und von Ihnen selbst, mein Gott, keine Spur, damals, als mein Vater die Möbel für Ihre Großeltern gemacht hat. Ich war seinerzeit Lehrjunge, und Ihre Tante war so ein huschiges Springerchen von zehn Jahren.“
„Wie war denn meine Tante als Kind?“ fragte Jürgen, plötzlich wieder von Sympathie ergriffen.
„Da, sehen Sie ihn an: der Sägbock war ihr Reitpferd. Auf dem selbigen Sägbock ist sie geritten jeden Tag. Und so manches Mal war sie einfach verschwunden. Nicht zu finden! Da haben wir sie gar oft aus den Hobelspänen rausgezogen. Hat sich hineinvergraben, ganz und gar zugedeckt und ist dann plötzlich wie ein kleiner Teufel rausgefahren. Wollt nie nachhaus. Hat gestrampft und geheult ... Wild war sie. Ein Wildes Kind! Schwer zu erziehen.“
„Was Sie sagen!“
„Das Leben hat nachher das seine getan ... Da kommt Ihr Wagen.“
Jürgen zeigte die Abonnementkarte dem Schaffner, der lächelnd abwinkte: „Gilt schon! Wir kennen ja einander.“
‚Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte das überhaupt nicht für möglich gehalten.‘
„Mir wenigstens brauchen Sie die Abonnementskarte nicht mehr zu zeigen. Jetzt fahren Sie seit zwei Jahren täglich viermal.“
‚Wenn ein wildes, unbändiges, eigenwilliges Kind so werden kann, wie die Tante geworden ist, vom Leben so ruiniert werden konnte, da kann man von Verantwortung des einzelnen ja überhaupt nicht mehr reden. Die Verhältnisse sind schuld. Sicher auch bei Katharinas schöner Jugendfreundin mit dem leidensfähigen, milden Herzen, daß sie so lala eine Gesellschaftsdame und die Frau des Oberstaatsanwaltes wurde ... Oder doch nicht die Verhältnisse? ... Wer könnte entscheiden, ob ein Mensch die Kraft gehabt hätte, weiter zu kämpfen und zu leiden, oder ob stärker als seine Kraft die Verhältnisse und die in ihm lebenden Begierden waren? Es gehört heutzutage schon sehr viel Kraft dazu, sich selbst im Leben vorwärts zu bringen. Wieviel mehr erst, die Sache der Allgemeinheit auf sich zu nehmen und vorwärts zu bringen! ... Man setze erst sich selbst durch und stelle dann sich und seinen Einfluß und seine Macht in den Dienst der Allgemeinheit.‘
‚Und was wird unterdessen, während du dich durchsetzt, so lala mit dir, mit dem Bankier Kolbenreiher, geschehen?‘ fragte mit schon kaum mehr vernehmbarer Stimme das weit zurückgedrückte Bewußtsein. Und stieß plötzlich eine grauenvolle Drohung aus, die aber, von Jürgen nur dunkel vernommen und empfunden, nicht gleich vordrang bis an den Bezirk des neuen Bewußtseins, das in diesen Jahren immer häufiger Sieger geblieben war.
Noch einmal entwand sich die Drohung der tiefsten Tiefe seines Wesens, stieg empor als Hinweis auf eine unentrinnbare Todesgefahr, und Jürgen wurde sekundenlang innerlich gelähmt, so ganz und gar wie in der vergangenen Nacht, da eine fremde Macht im Albtraum ihn gelähmt und unwiderstehlich gezwungen hatte, den Sarg zuzunageln, in dem, noch lebend, er selber gelegen war.
„Wie lange fahren Sie schon auf dieser Strecke?“
Und während der Schaffner sinnend „Zehn, nein, schon elf Jahre!“ sagte, wiederholte in verzweifeltem Ansturme das zurückgedrückte Bewußtsein zum dritten Male seine grauenvolle Drohung. Jürgen fröstelte im Rückenmark, wie damals in der Hafenstadt.
„Bastgeflecht ist sehr praktisch, hält lange, was?“
„Ja, das gibt aus.“ Auch der Schaffner prüfte mit seiner starken Hand anerkennend das Bastgeflecht der Sitzlehne und schritt dabei hinaus auf die hintere Plattform, legte den Zeigefinger an die Mütze, und das junge Bureaumädchen schob ihre Abonnementkarte wieder in das Handtäschchen, sah ernsten Blickes ihr Leben an. Die Alleebäume flogen nach rückwärts.
Das sind nur die Nerven, dachte Jürgen, mit bezug auf die Drohung ... Zwei Jahre! Muß endlich auf ein paar Wochen ausspannen. Mich erfrischen. Eine Reise! Das habe ich mir verdient ... Diese warmen wunderbaren Herbsttage! Das wird schön sein.
Als die Allee endete, die Straßen enger, der Wagenverkehr und der Lärm stärker, die Luft schlechter geworden waren, setzte das Bureaumädchen sich in den Wagen, dankte mit ernstem Nicken für den Gruß ihres Chefs und begann in einem Buche zu lesen. Sie war die Tochter eines in der Papierfabrik des Herrn Hommes beschäftigten Hilfsarbeiters und seit ihrem sechzehnten Jahre in der Buchhaltung des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher angestellt.
Am Vormittag hatte er persönlich die Jahresabrechnung über das Vermögen der Tante in der Buchhaltung geholt und dabei das Mädchen zum erstenmal gesehen. ‚Jetzt sitzt sie genau so in sich verschlossen da und liest, wie die fünfzehnjährige Katharina im öffentlichen Parke gesessen hatte. Der selbe stillbewußte, ernste Blick, wie Katharina ihn heute noch hat. Nur jünger ist sie. Selbstverständlich viel jünger! Äußerlich überhaupt ganz anders. Die Gestalt ist etwas voller. Aber dieser Blick! ... Neue Jugend wächst heran und nimmt den Kampf auf‘, hatte er plötzlich gedacht.
‚Hübsch ist sie. Sehr hübsch! ... Nur eine Geldfrage ... Allerdings ein ernstes Geschöpf ... Gerade deshalb ungewöhnlich anziehend ... Ihrem Chef würde sie nicht widerstehen können.‘ Er entkleidete sie.
Eine zwei Zentner schwere, weißhaarige Frau mit gewaltigem Busen stieg ein, setzte sich Jürgen gegenüber.
‚Der Hilfsarbeiter hat nichts als diese Tochter, die ihrem Chef gegenüber wehrlos ist.‘
‚Dafür – für die Verhältnisse – bin nicht ich verantwortlich ... Das Leben brennt, ist wild und schön und da, gelebt zu werden.‘ Und er überlegte, wo und wie er seine hübsche junge Angestellte verführen könne. „Weshalb lachen Sie?“ fragte er freundlich die dicke Frau.
„Das ist jetzt einunddreißig Jahre her“, sagte die Alte und streckte lächelnd beide Hände vor. „Herr Kolbenreiher, ich war die erste, die Sie in den Händen gehabt hat. So groß waren Sie.“
Alle Fahrgäste lächelten über die alte Hebamme. Das Mädchen wandte ein Blatt um, sah auf und Jürgen an, lächelte auch.
„Was tat ich denn? Wie war ich?“ ‚Es geht doch nicht. Das könnte einen öffentlichen Skandal geben. Und auch die Autorität ginge flöten.‘
„Gebrüllt haben Sie. Gebrüllt, sag ich Ihnen, nicht anders, als ob Sie am Kreuz hingen. Sie wollten nicht. O, Sie wollten absolut nicht.“
Auch der Schaffner grinste. „Endstation! ... Genossin, heut abend ist Bezirksversammlung. Erinnere auch deinen Vater“, sagte er zu dem Bureaumädchen.
„Es ist aber doch ganz gut gegangen. Sind ein schöner, großer Herr geworden. Ein prachtvoller Herr!“
Leider muß ich auf meine Stellung Rücksicht nehmen. Ich bin der Chef. Die Autorität muß gewahrt bleiben, dachte er, während er hinter dem Mädchen auf die Bank zuschritt. Der livrierte Portier riß die Tür auf.
„Niemand kann alle seine Wünsche und Begierden erfüllen. Außerdem ist die Sache die“, sagte, blätternd im Telephonbuch, Jürgen und bat um die Nummer Adolf Sinsheimers, „daß ich das selbe ungefährlicher haben kann und sogar ganz bedeutend reizvoller, falls dieses Mädchen in dem orientalischen Salon tatsächlich Katharina ähnlich sieht.“
Heute abend könne er nicht zum Essen nachhause kommen, teilte er telephonisch Elisabeth mit, die daraufhin ihrem gegenwärtigen Geliebten, einem Maler, sofort telephonisch mitteilte, daß sie heute abend wieder auf eine Stunde zu ihm ins Atelier kommen werde.
Wie damals vor der Animierkneipe, standen die vier Schulkameraden schon wartend vor dem Portal, das auf den Nacken zweier marmorierter Gipsherkulesse ruhte. Adolf hob den Spazierstock wie eine Kerze. „Ich habe uns schon angemeldet ... Noch die selbe Wirtin, eine alte Hure! Du erinnerst dich, Jürgen, wir sind damals vom Korsorestaurant aus hingegangen. Aber andere Damen! In jedem Zimmer zwei Waschschüsseln! Dabei doch dezente Aufmachung! Schon wie in Berlin!“
Jürgen erkannte das von Säulen getragene, mit Gipsmarmorplatten ausgeschlagene Stiegenhaus wieder. Eine flackernde Kerze, eine hohe Frisur, zwei schwarze Riesenaugen und ein violetter Schlafrock kamen lautlos die Treppe herunter. Die geschminkte Wirtin legte sofort den Zeigefinger an den Mund, stieg voran.
„Hols der Teufel, diese Leisetreterei! Warum knipsen wir denn die Nachtbeleuchtung nicht an!“ rief in dem Poltertone seines alten Batteriechefs, der ihm Vorbild war, der Artillerieoffizier.
Die Wirtin legte den Zeigefinger an den Mund. Der Referendar versteckte seine Brieftasche in der Geheimtasche des Westenfutters und lächelte.
„Weil eben ein Menschengesicht zu lächeln vermag“, sagte Jürgen vor sich hin und gedachte mit Erinnerungszärtlichkeit des Jürgen, der damals, um über seine knabenhafte Unsicherheit wegzutäuschen, die Mädchen wie ein erfahrener Lebemann begrüßt hatte. Heute trat er so gelassen in den orientalischen Salon, wie er als Chef in das Direktionsbureau der Bank trat.
Alles spielte sich nahe den Teppichen ab. Niedrige Tischchen. Die Mädchen saßen und lagen auf Ottomanen und auf Polstern am Boden.
„Na, ihr Racker! Brust heraus!“ rief der Artillerieoffizier in dem Tone seines Batteriechefs und schnallte gewichtig den Säbel ab, mit den Gebärden eines Mannes, der nur mit Pferden und Rekruten zu tun haben will.
„Sagen Sie mal, wie gehts denn! Sind ja ne richtiggehende Schönheit.“ Adolf hatte sich, seitdem er Alleininhaber des Knopfexporthauses war, angewöhnt, schnoddrig wie ein Berliner zu sprechen und sich ganz so zu benehmen wie seine Vorbilder: die Berliner Großexporteure, mit denen er in Geschäftsverbindung stand.
Das auf der Ottomane liegende Mädchen streckte ihm die Patschhand hin. Auch sie – schwarzhaarig und bernsteingelb – sah orientalisch aus, kokettierte lässig mit ihrer weichen Hüfte, die sich aus dem orangefeurigen, geschlitzten Schlafrock langsam herauswölbte.
„Sind ne süße Krabbe!“
Jürgen schüttelte den Kopf: ‚Nicht Adolf Sinsheimer, sondern der Berliner Exporteur spricht.‘
Der Artillerieoffizier stand, batteriecheffest, auf gespreizten Beinen, nahm die Mütze ab und wischte sich ächzend die Stirn, die ganz schweißfrei war und zweigeteilt: unten tiefbraun, wie das Gesicht, oben knabenweiß.
Sieht aus wie ein alter Kinderschänder, dachte Jürgen, als der livrierte Diener – stilles, glattes Fuchsgesicht – den Champagner brachte. Der Diener hatte zusammen mit der Wirtin die Pension gegründet und finanziert und bezog die Hälfte des Reingewinnes.
Sie saßen in der gepolsterten Ecke. „Ich komme dir“, sagte, Schultern zurückgezogen, Kopf vorgestreckt, das Sektglas unter der Achselhöhle, der Referendar zu Adolf, dessen Orientalin, Hüfte hochgewölbt, zusammengerollt in der Ecke lag und mit den mächtigen, weichen Schenkeln lockte.
„Ein Dutzend Flaschen Rotspon wäre mir lieber als dieses Weibergesüff.“ Der Batteriechef trank ex, hieb das zarte Glas auf die Tischplatte, hob mit rauhbeinig-väterlicher Gebärde die erst siebzehnjährige Blondine auf seinen Schoß und drückte das Köpfchen an seine breite Brust.
Der Referendar wählte die Älteste und Schönste, ein vierundzwanzigjähriges kühles Wesen, das ein Bankkonto besaß und erst vor zehn Minuten zu einem Mann, der gerne noch eine Stunde geblieben wäre, gesagt hatte: „Ich muß tüchtig sein.“ Beide saßen zurückgelehnt, Arm in Arm.
Der Referendar sprach von Staatsanwalt Karl Lenz. „... Und nächste Woche hat er einen Mordprozeß. Wenn es ihm gelingt, ein Todesurteil zu erzielen, ist seine Karriere gesichert. Dann gehts aufwärts.“ Er zuckte nach vorne, Sektglas unter der Achselhöhle: „Ich komme dir.“
‚Solch ein Staatsschafskopf zu werden wie der, hat auch mir geblüht.‘ Jürgen mußte lächeln über das Gebaren seiner Schulkameraden. ‚Nicht der Referendar A., sondern der Referendar überhaupt, nicht der Knopfexporteur S., sondern der Exporteur und der Artillerieoffizier überhaupt sitzen hier und haben Gefühle‘, dachte er. ‚Und später werden nicht einmal Referendar, Exporteur und der rauhe Artillerieoffizier überhaupt die Mädchen umarmen, sondern sie allein, die Lebenskraft, sie ganz allein wird die Umarmende sein.‘
Die Flügeltür tat sich auf. Und Jürgen, der sich soigniert und dabei freimütig benommen hatte wie einer, der das Leben kennt und ihm seinen Lauf läßt, wich zurück.
Herein schritt Katharina, reichte spitzig die Hand und setzte sich neben Jürgen.
Verblüfft betrachtete er den gebogenen Nacken, den kleinen, festen Mund. Fürchtete sofort, daß er, wenn sie zu sprechen begänne, diese vollkommene Illusion verlieren würde.
„Hab ich zu viel versprochen?!“ rief Adolf Sinsheimer, dessen Hand auf der gewölbten Hüfte der Bernsteingelben lag. „Na, was hab ich gesagt!“
Gedankenschnell, plötzlich, ganz plötzlich verwandelte sich seine Furcht in die atembeklemmende Furcht, sie könnte auch im Ton der Stimme Katharina sein. Dann müßte ich diese Schweine niederschlagen, dachte er erbebend, stellte sich in seinem Gefühle schützend vor Katharina. Und gleichzeitig brach in die Gefühlsleere und tote Einsamkeit der letzten Jahre die Sehnsucht ein mit solcher Gewalt, daß sein ganzer Körper sekundenlang von Lähmung befallen war.
Die Augen waren nicht mehr in dem orientalischen Salon; sahen Katharinas Mädchengestalt.
Sie steht unter dem Gasarm. Sie bewegt sich. Wendet ihm voll das Gesicht zu. Ihre Lippen bewegen sich. Auch Jürgens bebende Lippen bewegten sich. Es war, als hätte er in dieser Sekunde wieder das Unfaßbare des Daseins geschaut.
Die Bernsteingelbe schnellte empor, wiederholte lachend und so laut, daß alle es hörten, was Adolf Sinsheimer von ihr verlangt habe für seine Sammlung.
Nicht der bewußte Gedanke, daß er dann Teilhaberschaft, Stellung und Macht, alles, was er seither erreicht hatte, aufgeben müsse, führte Jürgens Hand; die Hand griff ganz selbsttätig zum Champagnerglas. Er leerte und füllte, leerte und glotzte, leerte.
Auch die andern tranken viel und schnell. Hände griffen. Mädchen schrien. Wehrten sich und gaben sich.
Jürgen, total betrunken, empfand nichts mehr. Füllte. Leerte. Glotzte die Doppelgängerin an, deren Mund beständig in kaum bemerkbarer Ironie verzogen blieb. Sie trug die Haare kurz.
Plötzlich schoß ein spitzes Etwas in ihm empor. Die beiden Wesen verdichteten sich in eines. Schwankend stand er auf.
Die Paare verschwanden in die nur durch dünne Kunststeinwände voneinander getrennten Zimmer der Mädchen.