Part 14
Das Streichquartett spielte auf Wunsch von Jürgens Schwiegermutter zum zweitenmal die Träumerei von Schumann. Die servierenden Diener hatten weiße Handschuhe an. Das Hufeisen dampfte. Nur der reichste Mann, ein Hütten- und Walzwerkbesitzer, aß beinahe nichts; er war leberkrank, dottergelb, trank Brunnen und hatte noch kein Wort gesprochen. Seine knapp vor dem Sprunge in das volle Leben stehende, sehr begehrte schöne Tochter legte ihm die sorgfältig ausgewählten winzigen Bissen vor.
Den beiden gegenüber saß der unförmig dicke Papierfabrikant Hommes. Der sah beständig aus, als müsse er jeden Augenblick niesen, und hörte dabei aufmerksam einem Gummifabrikanten zu, welcher bewies, daß und warum infolge der schon nicht mehr schönen Preissteigerung des Rohmaterials ein glattes Geschäft überhaupt nicht mehr möglich sei. Man müsse sich winden, nichts als winden.
Herr Hommes griff langsam nach dem Westenknopf des Gummifabrikanten, als wolle er sich anklammern, um beim Niesen nicht vom Stuhle zu fallen, und sagte: „Wer etwas wirklich Großes erreichen will, der muß borniert sein.“
An der Börsianerecke stieg das Wort ‚Montanaktien‘ und konnte, wie die auf dem Springbrünnchen tanzende, silberne Kugel, nicht mehr fallen, bis der reiche Leberkranke den Wasserstrahl abdrehte: „Mit den Flitzautomobilaktien könnte in nächster Zeit eine schnittige Veränderung eintreten.“
„Schnittig“, murmelte Jürgen. Um ihn herum ging etwas vor, das das Leben zu sein schien. „Das Ganze ist unerträglich ekelhaft. Wir machen das nicht länger mit“, flüsterte er. „Ich mache das nicht bis zum Schluß mit.“
Der Ausspruch des reichen Leberkranken wurde an der Börsianerecke auf Hintergründe und Fallen untersucht. „Wer andern eine Grube gräbt“, vernahm Jürgen. „Natürlich, erst wägen, dann wagen, das ist klar.“
„No, was sag ich!“ rief der Schwiegervater. „Eine Hand wäscht die andere. So stehts eben auch mit diesem Papier.“
Schweinezucht, das wolle er Jürgen gestehen, sei das einzige, aber auch das einzige, mit dem noch verdient werden könne, versicherte ein Landwirt, der wegen seines jugendlichen Aussehens Mühe hatte, respektabel zu erscheinen. Es ginge ja auch alles so weit ganz gut. Nicht umsonst habe er die Landwirtschaftshochschule durchgemacht. Er bringe System in die Sache. „Aber, sehen Sie, es fehlt einem doch etwas. Ich weiß selbst nicht recht, was. Man ist unbefriedigt. Die Seele, wissen Sie, die Seele, möchte ich sagen, kommt zu kurz.“
Der Gummifabrikant versuchte vergebens, den Leberkranken über die Flitzautomobilaktien auszuholen. Auch an der Börsianerecke wurde noch gedeutet und geforscht und behauptet, doppelt genäht halte besser.
„No, was sag ich!“
„Das Volk will keine Freiheit; das Volk will Brot. Fressen und Saufen will das Volk, glauben Sie mir“, sagte Herr Hommes, hinein in Jürgens wutbleiches Gesicht.
Der gab keine Antwort. ‚Dieser Fettwanst, dessen Leben in Fressen, Saufen und Huren besteht, könnte, auch wenn er seine Meinung revidieren müßte, ja doch keinerlei Konsequenzen ziehen.‘
Herr Hommes hielt sich an der Tischplatte fest, warf, geöffneten Mundes, den Kopf in den Nacken, stieß ihn nach vorn, nieste aber nicht, sondern sagte: „Sie, ah, Sie werden sehr bald meiner Ansicht sein.“
Jürgen umklammerte das Handgelenk Elisabeths, den Wutausbruch zu unterdrücken, während ihr ganzer Körper vor unterdrücktem Lachen zuckte. Und dann, hilfsbereit: „Wenn du willst, verschwinden wir jetzt unauffällig.“
Da erhob sich Herr Wagner. Er begann seine Rede mit einer Verbeugung zu dem Platze hin, wo die Tante, die plötzlich wieder krank geworden und schon lang nachhause gefahren war, anfangs gesessen hatte.
Er sei sich der hohen Ehre wohl bewußt, die darin liege, daß seine Tochter dem letzten Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie Kolbenreiher angetraut worden sei, sozusagen eingeheiratet habe in die Familie Kolbenreiher, die schon einmal im fünfzehnten Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe. Seine Familie hingegen sei noch jung, aber zukunftsreich. Wie ein junges, gutes Papier!
„Jung und alt verbindet sich miteinander.“ Dabei käme das Richtige heraus, was unser Vaterland nötig habe. „Solidität, in Verbindung mit jungfrischem Wagemut ... Die Fusion ist vollzogen.“ Der Erfolg werde nicht ausbleiben.
„Und die Ehe? ... Es ist mit der Ehe wie mit der Spekulation an der Börse. Licht und Schatten! Sonne und Wolken! Die Aktien steigen und fallen. Das ist nun einmal so. Es kommt eben darauf an“, rief mit starker Stimme Herr Wagner, der schon etwas zu viel getrunken hatte, „in treuer Liebe auszuharren, auch wenn einmal eine Baisse den Ehehimmel bewölkt ... Es kommt auch wieder eine Hausse.“ Ja, es sei sogar besonders wichtig, gerade aus der Baisse Gewinn und Lehren zu ziehen.
Er hatte sich so in den Vergleich verfilzt, daß auch das Schlußhoch auf die Neuvermählten zur Hälfte der Börsenspekulation galt. Alle standen.
Jürgens Gesicht war leinenweiß. Lieber ein gebrochenes Rückgrat, als ein gebogenes, dachte er, entschlossen, nicht zu antworten auf die Rede seines Schwiegervaters. Und da er sich als erster setzte, Elisabeth mit hartem Griffe neben sich zog, setzten sich auch die andern. Die Diener reichten schwarzen Kaffee, Likör und lange Zigarren.
Plötzlich gab Jürgen, ohne zu wissen wem, vielen Menschen die Hand. „Leben Sie wohl.“ Sein Körper bewegte sich automatisch von einem zum andern, endlich auch auf Elisabeth zu. Er reichte ihr die Hand: „Leben Sie wohl.“
Alle brachen in Gelächter aus. Auch Elisabeth war verblüfft über ihren Mann, der in der Eile und Verwirrung es fertig brachte, seiner Frau vor der Hochzeitsreise Lebewohl zu sagen.
Noch einen Augenblick blieben die beiden unter dem Türrahmen stehen. Da näherte sich Jürgens Ohr ein rundes Gesicht mit rundgestutztem Bart, goldbebrillten, zwinkernden Augen und gespitztem Munde, der flüsterte: „Viel Vergnügen!“ Mit den Armen balancierend, schlich der Rundkopf auf den Fußspitzen zum Hufeisen zurück.
Sie reisten zuerst nach dem Süden, wo es im Winter Frühling ist.
Einige Tage später wurde Katharina von einem Knaben entbunden.
Nach zehn in Paris und Rom verbrachten Wochen kamen die Neuvermählten in die südliche Hafenstadt, die mit ihren Orangenbuden, Bazaren und Säulenkolonnaden, durchschwirrt von Matrosen, Chinesen, Negern, vornehmen Fremden, müden Auswanderern und dem Geschrei in zwanzig verschiedenen Sprachen, mit dem Salz- und Teergeruch, Sirenengebrüll und dem Mastgewirr der Ozeanriesen gelb in der Sonne lag, wie ein dem unendlichen Meere entstiegener, wahr gewordener Traum eines Knaben, der Eltern, Lehrern, allen Qualen der Jugend, allen Fesseln und Berufen entfliehen möchte, hinaus in die unbändige Herrlichkeit.
Sie fuhren in der Droschke, überdacht von einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, hotelwärts, vorüber an einer langen, immer neu genährten Reihe Arbeiter und Arbeiterinnen, die aus der Tabakfabrik kamen. Blusen und Umschlagtücher waren farbig, die Gesichter schlaff und fahl.
Jürgen sah weg. Und konnte dennoch nicht verhindern, daß er, als sie schon im Zimmer waren, plötzlich dachte: Da besitzt irgendein Herr Hommes eine Fabrik.
„In sechsundfünfzig Stunden könnten wir in Afrika sein.“ Jürgen bekam keine Antwort. Elisabeth war auf der Ottomane eingeschlafen.
‚Durch dieses Wesen gehen Welt und Dasein in immer gleich unendlich breitem Strome durch, von ihr genossen in jeglicher Sekunde, ohne Vor- und Rückblick, ohne Rücksicht und Bedenken.‘
Elisabeth atmete tief und ruhig und war schön und jung und gesund. Die Sonne, gebrochen durch die herabgelassene Jalousie, zeichnete ein leuchtendes, gestreiftes Fell auf das Morgenkleid der Schlafenden. Es war warm. Fernher brüllte die Sirene. Die Mimosen dufteten.
‚Wie sie atmet! ... Gut, fahren wir nach Afrika! Nach New York! Nach Indien! Telegramme um Geld! Einstweilen überhaupt nicht zurückkehren! Komme, was kommt! Elisabeth würde zu allem Ja sagen, ohne Besinnen. Ein herrliches, wunderbares, einfach organisiertes Tier, das lebt, einfach lebt. Bedenkenlos, glatt und kühl wie ein Fisch. Durch und durch kühl!‘ „... Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht“, summte Jürgen. ‚Nur in der Nacht wird sie heiß. Da kennt sie keine Grenzen ... Sie ist ein vorgeschobener Posten der Lebenskraft.‘
„Es haben zwei ne ganze Nacht zusammen in einem Bett verbracht – was ham se wohl gemacht?“
Da sah Jürgen einen Herrn in der Vorhalle eines großen Pariser Hotels stehen. Der Herr stürzt auf Elisabeth zu, sitzt mit ihr, beständig schwebend in einer Wolke von Lebenslust, im Theater, in Restaurants, Boulevard-Cafés, Kabaretts. Tritt in Elisabeths Schlafzimmer.
Abneigung erfaßt plötzlich den im Sessel lehnenden Jürgen gegen den Jürgen, der durch Paris und Rom schwirrt, sich um nichts kümmert, als nur um sich und seine Genüsse, im Schlafanzug in das Schlafzimmer Elisabeths tritt, heiter in der Hafenstadt ankommt.
„Er betäubt sich ... Widerlich! ... Wo kommt der hin, was wird aus dem, wenn er so weiter macht ... Das bin nicht ich. Das ist ein ganz anderer“, flüsterte der im Sessel Sitzende. „Sonderbar. Sonderbar.“
Bewußt wechselte Jürgen die Blickrichtung, sah durchs Fenster auf das glitzernde Meer hinaus, um den andern nicht mehr zu sehen. ‚Auch er ein vorgeschobener Posten! Das ist die Natur, das Tier, die Lebenskraft, die den treibt, die ... mich treibt, sie, die um der Fortpflanzung, der Arterhaltung willen, die Geschlechter zueinander treibt und, ihr Ziel zu erreichen, bereit ist, uns Menschen zu ausnahmslos jeder Schufterei zu veranlassen.‘
Elisabeth bewegte sich: ihre Hand fand im Schlafe durch das Morgenkleid durch zu der sich entblößenden Brust.
‚Und sie hat Erfolg, die Lebenskraft. Denn sie zahlt als letzten Preis dieses einzigartige Gefühl. Zahlt es Tieren und Menschen, Frauen und Männern, Katzen und Katern, Elisabeth und mir. Mögen die andern, die vielen, verrecken, sie kümmert sich um nichts. Der Mensch ist noch nicht da. Sie kann nicht warten, bis der Mensch da ist. Das ist die ganze Erklärung. Eine naturwissenschaftlich einwandfreie Erklärung!‘
Die Hotelglocke rief zum Mittagessen. Auf den Zehenspitzen schlich er über den Teppich, berührte sanft Elisabeths Schulter. Sie erwachte ohne jeden Schreck, schlug die Augen auf, so einfach, so klar. ‚Sie hat gar keine Untiefen in sich. Sie ist so, wie sie ist. Im Schlafen, wie im Erwachen und im Wachen.‘
Aber das ist noch viel sonderbarer. Wie seltsam! Das ist unheimlich, dachte der an der Tafel sitzende Jürgen, weil er jetzt auch den an der Tafel sitzenden, sich unterhaltenden, lachenden Jürgen beobachtete, scharf und genau beobachtete.
‚Wir sind also zwei. Ich sehe mir zu. Mir selbst! ... Aber das bin ja gar nicht ich. Ich sehe ja ... ihm zu. Bin ich, der zusieht, ich? Oder ist er ich?‘
„Gut, machen wir!“ Elisabeth hatte gewünscht, am Abend auf die Höhe zu steigen und zuzusehen, wie die Sonne ins Meer sinkt.
‚Auf die Dauer natürlich halte ich das nicht aus. Wir müssen uns vereinigen, eins werden. Wenn wir uns nicht einigen können, dann muß einer weichen: der andere oder ich.‘
‚Du standest schon am Anfang deines Ich.‘
Wer hat das gedacht? dachte erschauernd Jürgen und goß dabei Wein ins Glas. „Dir auch?“ ‚Das habe eben nicht ich gedacht. Hat das der andere gedacht? Oder ein Dritter?‘
Er fror im Rückenmark. Gierig leerte er pausenlos hintereinander zwei Glas Wein.
‚Ich befinde mich offenbar in einem Übergangsstadium. In einem Entwicklungsstadium. Ich entwickle mich. Das soll in meinem Alter noch vorkommen. Ich muß trachten, in ein erträgliches Verhältnis zu mir zu kommen. Denn ich muß ja leben mit mir.‘ Auch die Stirn hatte sich gerötet.
Nach Sonnenuntergang saßen sie auf der Terrasse des Hafenrestaurants. Zwei Männer schleppten einen wassertriefenden Bastkorb voll Austern zwischen den Tischen durch in die Küche. Straßenhändler boten den Gästen Kämme, Stickereien, Elfenbeinschnitzereien an. Der Himmel, die Luft, das Meer, das Leben des Hafens und der Straße fluteten durch das vornehme Restaurant durch. Alle Grenzen waren verwischt. Musik spielte. An der Hausmauer gegenüber wechselten die kinematographischen Bilder, genossen von der dicken Menschenmenge.
Sie aßen Austern. Die kosteten nicht viel mehr als Brot. Tranken eine Flasche Champagner dazu. Ein kleines, dickes Mädchen, achtjährig, Kastagnetten in den Händchen, schmale Papierschleifen – blau, rot, grün – im Haar und auf dem Röckchen, das die nackten, dicken Schenkelchen freiließ, trat an den Tisch und begann zu tanzen, sang ein Bordellied dazu, hob das Röckchen hinten hob das Röckchen vorne, spreizte im Tanztakt die Beinchen auseinander, mit obszöner Gebärde.
Ein nach dieser Seite vorgeschobener Posten der Lebenskraft, dachte Jürgen. ‚Ihr sind alle Mittel recht, wenn sie nur zum Ziele führen.‘ Er fühlte in den Gelenken eine Lähmung, die nicht unangenehm war. Elisabeth strich zärtlich über den Kopf der Kleinen.
Eine Stunde später saß sie, den Rücken Jürgen zugekehrt, schon entkleidet vor ihren Kämmen und Bürsten. Das offene Haar leuchtete gelb. Durch den Spiegel nickte sie Jürgen zu, gab ihrer Schulter einen Kuß, der ihm galt.
‚Ich habe eine schöne Frau.‘ Er streckte sich. ‚In das Leben soll man Grübeleien über Entwicklung und Dasein nicht hineintragen. Das Leben entwickelt sich ganz von selbst.‘
Der Hafen schlief. Das Meer sang gleichtönig, ruhevoll und groß. Die Mimosen dufteten stärker in die warme Nacht. Wie in allen Nächten sang auch in dieser Nacht in der Ferne ein Mädchen.
Eine Fabrikstraße, nebelgrau und doch trostlos deutlich. Gestalten, einzeln, in Gruppen, in endlosen Reihen, schritten im Morgengrauen in unabänderlich vorbestimmter Richtung auf das riesenhafte, graue Fabriktor zu. Immer neue Millionen marschierten heran, grau, gespenstisch-lautlos, und verschwanden im Fabriktor der Welt.
‚Und du standest schon am Anfang deines Ich.‘
Elisabeth wandte sich um nach Jürgen, der schwer atmete. Seine Gesichtshaut zuckte und war gespannt, als habe sie, wie eine Ballonhülle, einen ungeheuren Atmosphärendruck auszuhalten. Ein Mensch schlief.
Elisabeth berührte den Stöhnenden. Wie ein vom Tode Erweckter richtete er sich auf. Eine ewige Sekunde lang war letzte Bereitschaft in seinem Antlitz.
„Dein Gesicht sah gar nicht aus wie ein Gesicht. Sah aus wie ein Gefängnis, wie eine Faust.“ Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke. „Was träumtest du?“
„Weiß nicht. Weiß nicht.“ Er wußte es nicht. „Wie du duftest!“ Er riß, aus der Tiefe seines Wesens zurückgekehrt, wild das Leben an sich.
Erst viele Monate nach der Rückkehr – in seinen Tagen tat sich schon die leere, tote Einsamkeit auf, die weder durch Genüsse, noch durch Arbeit zu überwinden war – wurde Jürgen in einer großen Gesellschaft an Katharina erinnert. Adolf Sinsheimer zog ihn in eine Nische. „Warst du wieder einmal da? ... Nun, in dem orientalischen Salon! Ich sage dir, da sind jetzt vier Mädchen! Die sind mit 99½ Salben gerieben. Die eine sieht übrigens Katharina Lenz verblüffend ähnlich. Also verblüffend! ... Sie hat ein Kind bekommen.“
„Wer hat ein Kind bekommen?“
„Katharina. Einen Sohn! Die Familie tut, als ob sie das gar nichts anginge. Frau Geheimrat Lenz soll vor Gram gestorben sein ... Wann gehen wir in den Salon?“
Eine endlos lange Sekunde hatte Jürgen das Empfinden, in seinem Kopfe kreise mit vertausendfachter Schnelligkeit Schläfen-sprengend ein kalter Blitz. Das ganze neue Leben lag in Scherben. Jürgen stieg heraus aus den Trümmern, die Freitreppe hinunter, schritt, gestoßen von etwas, das in gleichem Schritt und Tritt hinter ihm her ging, durch die Stadt.
Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das kleine Fenster hing nah der Erde rot leuchtend in der Finsternis.
Die Nacht war warm, das Fenster geöffnet. Er hörte Stimmen, mehrere Männerstimmen, eine Antwort Katharinas, sah, wie sie, in der Hand einen weißen Teller, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.
Jürgen glaubte den Agitator zu erkennen, der, die Hand vorgestreckt, etwas zu dem Metallarbeiter sagte. Vernahm Katharinas Lachen. Das klang so geheimnisvoll mild in die Sommernacht.
Die Schreibmaschine begann zu klappern. Der Agitator diktierte.
‚Das ist eine Welt für sich ... Welch ungeheuere innere Veränderung in mir wäre nötig, einzutreten ... Die Haustür ist nur angelehnt.‘
Drei Arbeiter traten aus der Tür. Jürgen war verschwunden.
Erst nach Tagen gelang es ihm, sich zu beruhigen mit dem Gedanken, daß es Katharina vielleicht besser gehe als ihm. ‚Sie hat nicht diese Scherereien wie ich. Muß sich nicht mit diesem Gesindel herumbalgen. Sie hat ihre Genossen. Sie lebt ihrer Idee.‘ In dieser Zeit faßte er den Plan, ein großes Werk zu schreiben, betitelt: ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘.
Jürgen hatte den ganzen Vormittag in dem gut durchwärmten Direktionsbureau gearbeitet. Als er hinaustrat in den schneidend kalten, schneidend hellen Wintertag, tränten seine Augen, so daß er einen Laternenpfahl und den Oberkörper und den Kopf eines Spaziergängers doppelt und dreifach sah.
In dieser Sekunde hatte Jürgen das erstemal den Gedanken, daß nicht nur er selbst sondern jeder Mensch aus mehreren, innerlich tatsächlich vorhandenen Menschen bestehe, die, wie der mit tränenden Augen gesehene verdreifachte Spaziergänger, hintereinander und ineinander geschalt, in den Menschen steckten, dachten, wahrnahmen, fühlten und gegeneinander kämpften.
Während er der Trambahnhaltestelle zuschritt, sah er auf die zwanzig Monate seines neuen Lebens und seiner neuen Tätigkeit zurück. War von Jürgen, dem Teilhaber des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher, in Erfüllung seiner Pflicht und Aufgabe, die Interessen des Hauses und der Kunden zu schützen, die Weisung erteilt worden, an der Börse Papiere zu kaufen oder zu verkaufen, dann hatte ein anderer Jürgen klaren Bewußtseins gesagt: Es bleibt eine in alle Ewigkeit unverrückbare Tatsache, daß dieser Gewinn ein Teil des Mehrwertes ist, abgepreßt dem Proletariat, zugunsten des Rentiers Hummel und des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher.
‚Also auch zu meinen Gunsten. Ich also lebe von dem Mehrwert, bereichere mich an dem Mehrwert, den andere hervorbringen. Und ich bin mir dessen voll bewußt.‘
‚Nicht du bist dir dessen bewußt, sondern ich.‘
‚Wer ich? Wer ist sich dessen bewußt?‘
‚Ich! Ich bin schon nicht mehr du.‘
Es hatte sich anfangs sehr oft ereignet, daß der bewußte Jürgen ganz über den Teilhaber-Jürgen vorgetreten war, ihn hinter sich gedrückt, die Schreibfeder auf das Tintenfaß zurückgelegt und glatt herausgesagt hatte: „Aber das ist ja Raub, lieber Schwiegervater. Ich mache das nicht mit, Herr Hummel.“
‚Und jetzt machte der leberkranke Hütten- und Walzwerkbesitzer das Geschäft.‘ Auf diesen Worten schiebt der Teilhaber sich wieder in den Vordergrund, stemmt die Faust auf den Schreibtisch, gibt seine Direktiven und denkt: Das Leben ist Kampf. Wer die Waffen fallen läßt, über den geht es hinweg. So ist das Leben. Und dem Proletariat, das sowieso der Leidtragende ist, kann es gleichgültig sein, wer den Gewinn hat.
‚Aber dir kann es nicht gleichgültig sein.‘
‚Es ist sogar immer noch besser, ich habe den Vorteil als der Leberkranke, der nicht einmal weiß, was er tut, keine Ahnung davon hat, daß er sich bereichert an dem Schweiße und an dem Blute der Arbeitenden.‘
‚Was der Hüttenbesitzer tut, ist kein Freibrief für dich. Außerdem wäre es auf jeden Fall für dich, für dein Selbst, für dein Menschentum immer noch besser, der andere, der gar nicht weiß, daß er ein Schuft ist, zöge den Gewinn, als du, der du auf diese Weise rettungslos erst zum bewußten Schuft und schließlich auch zu einem ahnungslosen, selbstgerechten Schuft werden, endlich nur noch Teilhaber, nichts anderes mehr als ein Teilhaber sein würdest.‘
Das soll mir nicht passieren. Aber es könnte allerdings passieren, dachte Jürgen. Und ich müßte auch dies auf mich nehmen. Das Leben ist hart.
Und plötzlich vernahm er deutlich den Satz: „Die Massen, eingespannt in das graue Joch, müssen noch die Lerche hassen, die emporsteigt ins Blau ... Und dich kümmert es nicht. Das ist es, verstehst du, daß es dich nicht kümmert.“
„Hinter dem steckt etwas“, wurde in bezug auf Jürgen gesagt, wenn er, in knappsitzendem Frack, beherrschte Kraft in Schultern und Gliedern, beherrschten Geist in Wort und Blick, in großer Gesellschaft war, aller Augen auf sich ziehend, genau so, wie er sich damals in den grünen Bretterzaun hineingesehen hatte.
Nachdem er im Parteiblatt gelesen hatte, daß nur durch freiwillige Gaben die Zeitung noch gehalten werden könne, spendete er eine große Summe und bekam einen Dankbrief von der Bezirksleitung.
Den Dankbrief in der Hand, wendet er sich um zu seinem Bewußtsein, das keine Antwort gab. Es war in dieser Zeit schon etwas getrübt gewesen.
‚Ich werde der Arbeiterbewegung auf andere Weise als früher nützen. Zweifellos kann ich, mit meinem Einfluß und meinen Verbindungen, der Bewegung weitaus mehr nützen, als es der Student konnte, der nichts hatte, nichts war und nichts bedeutete.‘ Und er legte den Dankbrief in die Schublade.
Der Schwiegervater war eingetreten. Erhobenen Zeigefingers. „Sowohl der Rentier Hummel als auch wir haben einen großen Verlust erlitten. Dabei lag dieses Geschäft doch vollkommen klar. Und wir hatten unsere Informationen früher als die andern.“
„Mir war dieses Geschäft zu unsauber.“
„Die Bank besteht seit fünfunddreißig Jahren. Von Unsauberkeit keine Spur!“
Der Teilhaber lehnte sich zurück in den Sessel und ließ ganz bewußt das Bewußtsein vortreten. Das war schon trüb wie eine Wasserfläche, auf der ölige Flüssigkeit irisiert, rückt über den Teilhaber vor und spricht von Recht, Moral und Gerechtigkeit. „Das Geschäft war mir zu unmoralisch. Viele kleine Leute würden durch unsere Schuld ihr Geld verloren haben. Ich stehe auf dem Boden der Gerechtigkeit.“
Erst nach einigen Sekunden konnte der staunende Herr Wagner den Zeigefinger heben: „Der gute Ruf unseres Hauses wurzelt in der Gerechtigkeit. Aber sichere Geschäfte einfach nicht zu machen, geht nicht an. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Du kennst meine Weltanschauung. Wir haben eine beträchtliche Summe und obendrein Herrn Hummel, der seit zwanzig Jahren mit uns arbeitet, als Kunden verloren, weil du diese scheinbar entwerteten Papiere nicht gekauft hast. Die ‚Leber‘ natürlich hat sie sofort und samt und sonders aufgekauft. Der lacht.“
„Das allerdings stimmt“, sagte der Teilhaber, „daß die kleinen Leute nun trotzdem um ihr Geld gekommen sind.“
„No, was sag ich!“
Es war aber auch schon vorgekommen, daß Herr Wagner erhobenen Zeigefingers zu seiner Frau hatte sagen können: „Der Schwiegersohn hat eine Nase, eine Nase ... Wir Alten können uns zur Ruhe setzen. Kein Mensch hätte aus der Presse und aus den Reden im Reichstag herauszulesen vermocht, daß an ein Gesetz über neue Schutzzölle auch nur gedacht werde. Hast du etwas von einem Gesetz gelesen, von Schutzzoll? Nicht die leiseste Andeutung. Aber er, der Junge, dieser Junge, mit seiner Vergangenheit und seinem Interesse für Politik, seinen Beziehungen zur Arbeiterbewegung, die unsereins überhaupt nicht beachtet, hat zugegriffen zu einem Zeitpunkt, als die geriebensten Füchse sich noch in Baisse festlegten ... No, was sag ich.“
Am ersten Mai des vergangenen Jahres war Jürgen im Auto in den Demonstrationszug hineingeraten und steckengeblieben, beschossen von Blicken noch gefesselten Hohnes und Hasses.
‚In der Straßenbahn kann ich mich ebenso mit meinen Gedanken beschäftigen. Brauche nicht im Wagen zu fahren.‘
Das schon weit nach rückwärts gedrückte Bewußtsein fand die Sekunde Zeit, zu sagen: Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.
Eine Grenze nach oben muß eingehalten werden, dachte er, stieg aus, ging die zweihundert Schritte bis zur Villa. Und teilte der Tante, während er die eingelaufene Post durchsah, nebenbei mit, daß in den zwei Jahren, seitdem er ihr Bankier sei, ihr gesamtes Vermögen sich schon fast verdoppelt habe.