Part 13
Sie war in dieser Stunde innerlich so grau und alt geworden, daß sie geglaubt hatte, für den Geliebten nicht einmal mehr Verachtung empfinden zu können. Und nun schlug sie, verletzend gleichgültigen Gesichtes, doch verachtungsvoll zurück: „Wenn man sich eng gegen die Mauer preßt, was kann da passieren!“ Auch dies noch ist ja überflüssig. Weshalb sagte ich es. Weshalb rede ich noch, dachte sie. Und fühlte ihr wimmerndes Herz.
„Verstehst du denn nicht ...“
„Ich verstehe dich schon, ich verstehe dich.“ Entschlossen, auf sich zu nehmen, was unabänderlich war, sah sie ihn an, und ihr Blick fragte: ‚Was soll also jetzt geschehen? Was suchst du noch hier?‘
„Wie ich nur zugerichtet bin!“ Er zeigte auf das Loch in der Hose. Und da sie schwieg und weiter fragte:
„Jetzt wird es Zeit, daß ich mir den andern Anzug hole ... Wir könnten uns später in der Stadt treffen, dann in die Redaktion gehen und zusammen nachhause.“
Und als er fort war, dachte sie doch darüber nach, ob es keine Möglichkeit gebe, ihn zu halten, ihn zum Ausharren zu bewegen. ‚Dadurch vielleicht, daß ich mit rücksichtsloser Klarheit ausspreche, was ist?‘
Sie setzte sich an ihren Arbeitstisch, blickte blicklos in das Zimmer, in dem, mächtig wie nie vorher, unvertreibbar die Vereinsamung stand. ‚Aber er ist sich ja klar; er kann ja nicht genommen werden wie ein unklarer Mensch mit phantastisch idealistischen Vorstellungen und Zielen, dessen Idealismus zersplittert, sobald er mit der harten Wirklichkeit zusammenstößt. Jürgen kennt ja die Wirklichkeit, denn er hatte den Inhalt seines Idealismus in dem Kampfe um den Sozialismus gefunden.‘
„Das Bad ist fertig. Die Wäsche habe ich auf den Stuhl gelegt. Die Schuhe stehen darunter“, sagte, glückstrahlend, Phinchen zu Jürgen. „Unterdessen bügle ich den Anzug auf. Er ist noch sehr schön.“
‚Immer wieder sagte er: Man wird alt ... Und etwas erreichen will er. Etwas werden. Einfluß gewinnen und Macht. Er will geachtet sein ... von denen, deren Achtung entwürdigend ist für den, der sie genießt ... Genießt. Er will genießen, leben ... Dies sind auch bei allen anderen die Motive des Abfalls, des Verrates an der Idee, ob die Verräter nun klar oder unklar, Sozialisten oder Phantasten waren. ‚Jeder für sich‘ wird, uneingestanden, ihre Weltanschauung.‘
Auch als Jürgen, gebadet, in frischer Wäsche und in dem gutsitzenden, schwarzen Anzug, die Treppe herunter auf das Wohnzimmer zuschritt, saß Katharina noch am Tische, reglos. ‚Auch das alles weiß Jürgen selbst. Deshalb muß und kann nur er selbst entscheiden ... Er hat entschieden.‘
„Ja, ich erwarte Besuch. Elisabeth Wagner und ihre Freundin. Wenn ich gewußt hätte, daß du kommst, würde ich abgesagt haben.“
Er stand vor dem gedeckten Kaffeetisch. Ich kann ja gehen ... Die Freundin wird wohl das schöne Mädchen sein, das in seiner Jugend ... dachte er und fragte.
„Ja, sie ist sehr schön und mit dem Herrn Oberstaatsanwalt verlobt ... Auch dein Schulfreund, Karl Lenz ... Ist er älter als du?“
„Zwei Jahre. Er war nämlich so blöd, daß er im Gymnasium zweimal sitzenbleiben mußte. Aber was ist mit ihm?“
„Schon Staatsanwalt geworden! Vor vierzehn Tagen. Denk an, so jung!“
‚Das sollte ja auch ich werden. Oder Amtsrichter! Dem bin ich entronnen.‘
„Deshalb glaubte ich, Karl Lenz müsse ein besonders fähiger Schüler gewesen sein.“
„Das nicht; aber Angehöriger der vornehmsten Verbindung.“ Jetzt verschwinde ich, dachte er, als die Wohnungsglocke läutete. Und fragte: „Geht es dir besser?“ Warf einen Blick in den Spiegel, der einen knapp, sorgfältig und schwarzgekleideten Herrn zeigte. „Die Wäsche, die von mir noch da ist, könntest du mir schon spendieren“, sagte er, schalkhaft lächelnd.
‚Das Geld hätten wir schon aufgetrieben. Wenn ihm unser Leben zu ärmlich, zu leer war, wir hätten etwas besser wohnen, manchmal ausgehen, mehr Bücher kaufen, im ganzen etwas besser leben können. Der Ingenieur tut es ja auch. Gewiß ein guter Genosse! Eine Grenze nach unten, eine Grenze nach oben – in der Mitte genug Spielraum, nicht so erlebnisarm zu sein. Verkehr mit einigen sympathischen, klugen Menschen. Auch eine kleine Reise hin und wieder. Innere Erfrischung. Jeder braucht sie. All das würden keine unüberwindlichen Schwierigkeiten gewesen sein ... Aber das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht. Er hat den Kampf aufgegeben. Er paßt sich dem Leben an ... Aber mir, mir, warum hat er mir das angetan. Warum hast du mir das angetan.‘
Gesicht neigte sich langsam auf die verschränkten Arme. Der ganze Körper verzuckte im Weinen. Sie wimmerte immer den selben Ton. Ließ sich versinken, ganz und gar preisgegeben dem Schmerze.
Nach einer Weile tappte der Schnauz zu ihr, berührte sie mit der Pfote. Und da sie reglos blieb, legte er sich in die Zimmermitte, Kopf auf den vorgestreckten Pfoten. Drehte hin und wieder, ohne den Kopf zu heben, die Augen zu ihr hin.
„Plötzlich kommt der Zug angerast ... angerast. Zermalmt er mich? Wohin springe ich? Es war total finster.“
„Allmächtiger!“ rief die Tante. Und Elisabeth: „Ich wäre vor Schreck gestorben.“ Dabei lächelte sie und horchte gespannt; ihre grauen Augen schienen zu sehen, wie das Eisenungetüm den Menschenkörper zermalmte. Unter der zarten Haut ihres Halses tickte der Herzschlag.
Jürgen unterdrückte die Genugtuung und sagte leichthin, auch er habe geglaubt, seine Haare seien weiß geworden.
„Und das erzählt er so, als ob er selbst gar nicht daran beteiligt gewesen wäre“, sagte Elisabeth, mit anerkennendem Wechselblick zwischen Jürgen und der Tante, die sich aufrichtete, einen geradeliegenden Kaffeelöffel geradelegte und glatt heraus sagte: „An allem ist nur dieses Mädchen schuld.“
„Aber Tante, sprich nicht von Dingen, die du nicht verstehst.“
„Und wenn du überfahren worden wärest!?“
„Nun, nun, ich brauchte mich ja nur eng gegen die Mauer zu pressen, was konnte da viel passieren ... Natürlich“ – und er sah heiter lächelnd Elisabeth an – „denkt man in so einem Augenblick nicht an das Nächstliegende.“
„Das eine weiß ich: dein ganzes Unglück ist dieses Mädchen.“
Geschmacklos ist sie nicht, dachte Jürgen, da Elisabeth sich sofort auf Katharinas Seite stellte durch ein Lächeln des Einverständnisses mit ihm. „Das sollten Sie nicht sagen; Katharina ist doch immerhin ein ungewöhnlicher Mensch, den man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen darf.“
„Davon versteht die Tante nichts“, sagte Jürgen in dem selben Tonfall, wie damals auf dem Hügel Elisabeth zu Jürgen gesagt hatte, von Literatur verstehe Adolf nichts.
Warme Sympathie und Achtung für Katharina erfüllte ihn und wohltuender Stolz auf sie, die zusammengesunken und versunken in Schmerz und Vereinsamung am Tische saß und weinte und nur und immer wieder das eine dachte: Warum, warum hat er mir das angetan.
Die Tante wurde mutig: „Daran kannst du sehen, wohin dich diese Beziehung noch bringen würde ... hätte bringen können. Einfach in den Tod! ... Ein zu verrücktes, ein ... unordentliches Mädchen, finden Sie nicht auch?“
„Sie sollten nicht so streng sein gegen Katharina, die doch wirklich nicht so beurteilt werden kann wie irgendein dummes bürgerliches Mädchen.“
Jürgen zeigte die Miene eines Menschen, der es sich erlauben kann, Dummheiten anzuhören, ohne zu widersprechen. Übrigens, auch Elisabeth scheint keine bürgerliche Gans zu sein, dachte er.
„Nichts als Unruhe, ewige Unruhe kommt dabei ... würde dabei ... wäre dabei herausgekommen.“
„Die ist zäh“, sagte Jürgen, kräftig lachend, als die Tante aus dem Zimmer war, sich umzuziehen für den Kirchgang. „Die gibt den Kampf nicht so leicht auf. Jetzt glaubt sie, schon gesiegt zu haben in dieser Sache, in der sie nie siegen kann. Niemals!“
Mit einem Blicke nahm Elisabeth den Kampf offen auf. So daß Jürgen nach langem Blick- und Wortgeplänkel schließlich fragen konnte: „Und Adolf?“
„Er ist mir zu dumm. Einfach zu dumm!“ sagte sie, strahlend vor ehrlicher Überzeugung. Und ob Jürgen sie begleiten wolle, sie müsse Einkäufe machen.
Auch Katharina ging, in der Hand das in Papier eingewickelte belegte Brot, das sie abends in der Redaktion essen wollte, durch die Geschäftsstraße. Der Schreck schlug durch ihren ganzen Körper durch. So stand sie, gedeckt von der kauf- und schaulustigen Menschenmenge, die, ein geschecktes, langes, vielhundertfüßiges Tier, langsam an den Auslagen entlang kroch, und sah, wie Elisabeth Jürgen an der Schulter faßte, ihn vor ein Spielwarenschaufenster führte.
An der Art des Nebeneinanderstehens erkannte Katharina, daß sie schon eine Gegnerin bekommen hatte, berührte mit der Zungenspitze nachdenklich ihre Lippen und ging weiter.
Immerzu sah sie die zwei vor dem Schaufenster stehen, sah Elisabeths zartgegliederte, weiße Hand auf Jürgens schwarzem Rücken liegen und dachte sich den deutenden Zeigefinger dazu. ‚Was sie ihm wohl gezeigt haben mag? Eine Puppe? Ein Schaukelpferd?‘
Die ganze Straße hinunter interessierte Katharina sich dafür, auf was wohl Elisabeth Jürgen aufmerksam gemacht habe, stellte sich die Gegenstände eines Spielwarenschaufensters vor. Erst als sie mit dem innern Blick plötzlich des Geliebten Gesicht sah, stellte sie sich der Hauptsache. Der schneidende Schmerz zwang sie, Hand auf dem Herzen, stehenzubleiben. ‚Und jetzt? Was ist jetzt? Soll ich ... soll ich kämpfen um ihn?‘
Aber das Bewußtsein, daß Jürgen ja nicht ihr, sondern sich selbst und seiner Hingabe entlaufen sei, und daß sie, was sie durch den Kampf um ihn gewönne, nur auf Kosten ihrer Hingabe gewinnen könne, stieß Katharina hinein in die graue Hoffnungslosigkeit.
Dennoch stand sie zur verabredeten Zeit an der Straßenecke, gepeinigt von dem Bewußtsein, daß sie, in ihrem persönlichen Leben nun so ganz und gar verarmt, noch die Gebende sein müsse. Denn der Fraueninstinkt sagte ihr, daß Jürgen nur deshalb für Elisabeth interessant und begehrenswert sei, weil er mit der als merkwürdig und unnahbar geltenden Katharina befreundet war. ‚Wenn sie seine Frau wird, hat er das mir zu verdanken. Wie entsetzlich!‘ Katharina fror bei diesem Gedanken.
Sorgfältig gekleidet, durch Bad, reine Wäsche und durch das Beisammensein mit Elisabeth erfrischt, schritt er, beherrschte Kraft in den Gliedern, lebensfroh dem verabredeten Orte zu, sah Katharina stehen, sah sekündlich den unüberschreitbaren Abgrund, den seine momentanen Gefühle zwischen ihm und Katharina aufrissen, blieb stehen, stand an dem Rande des Abgrundes, der nur gleichzeitig mit diesen neuen Gefühlen verschwinden konnte, die schon nicht mehr verschwinden konnten, tappte über den Rand des Abgrundes hinaus, stand und schritt auf Luft. Wildes, besinnungsloses Aufsiezustürzen kam in seinen Gang und falsche Wiedersehensfreude und gleichzeitig Scham in sein Gesicht.
Sie aber stand, ein Mensch, grau und wissend und bewußt, und nahm auf sich ihr Schicksal. So blickte sie ihn an.
„Wie die leben, die Bürger! Die, ah, die wissen schon, was sie wollen ... Aber was alles sie zusammenredet, die Tante, du machst dir keinen Begriff ... Für die ist alles höchst einfach.“
„Deine Tante will, daß es dir gut gehe; sie will, daß du Elisabeth Wagner heiratest.“ Sie horchte auf sein falsch-herzhaftes Lachen und fühlte: Wie weit, wie weit ist er schon weg.
„Wahrhaftig, du sagst es. Genau das will sie ... So ein Unsinn! ... Hab mich aber ganz gut mit ihr unterhalten. Sie ist nicht dumm, weißt du, und eigentlich gar nicht bürgerlich ... Ein liebenswürdiges Geschöpf.“
„Ja, Jürgen, sie ist ein kluges Mädchen, ein liebenswertes Mädchen.“
„Kennst du sie denn so gut, weil du sagst, sie sei ein liebenswertes Mädchen?“
„Weshalb denn kein liebenswertes Mädchen, Jürgen, weshalb nicht liebenswert“, sagte Katharina in schwerem Leid und dachte: Wie wiegen die Worte so schwer ... fallen wie Blei.
„Sie hat sogar deine Partei ergriffen, hat dich verteidigt.“
‚Wie ist es möglich, daß er mich so beleidigt.‘ Die Häuser neigten sich; die Straße drehte sich um Katharina herum. Sie mußte sich festhalten an Jürgen, nicht zu versinken in dem schwarzen Nebel vor ihren Augen.
„Du arbeitest zuviel; solltest dich schonen, etwas mehr schonen.“
Da riß ihr Blick, in dem nicht Zorn und nicht einmal mehr Verachtung war, alle Masken und jede Selbstbelügung weg und traf ihn so, daß er plötzlich vor der Tatsache stand.
Seine Stimme war rauh: „Entscheide du!“ ‚Laß mich leben oder knalle mich nieder; aber entscheide du!‘ schrie, völlig preisgegeben, sein Wesen. Die Augen glotzten.
Sie schwieg, bewegte den Kopf nicht. Nichts rührte sich an ihr und in ihr. Ihr Blick blieb blicklos.
Und Jürgen wußte, daß auf der Welt nur er allein entscheiden konnte, gestand zum erstenmal sich ein, daß er sich schon entschieden hatte. „Geh, Katharina, geh, geh du nachhause jetzt, Katharina.“ Seine Stimme ertrank in innerlichem Weinen. „Schlafe gut.“
„Schlafe du auch gut.“
Das war der Abschied.
Ihr Leben öffnete sich bis in die frühen Kindheitstage. Sie sah die lange Kette des Leides und der Hingabe. Sah, was ihr noch verstattet und beschieden sein konnte. Sie nahm ihr Leben an die Brust.
„Du auch, schlafe du auch gut“, flüsterte Jürgen immerzu und mußte dem Zwange folgen, immer in die Mitte der Steinplatten zu treten, mit denen der Gehweg belegt war. Um nicht auf eine Ritze zu treten, mußte er drei ganz kleine Schritte machen. „Schlafe du auch gut.“ Und einen Sprung, da eine große Platte kam. „Du auch gut.“
Überquerte halb die Straße, lief zwischen den Schienen weiter. Die Straßenbahn kam auf ihn zugesaust. „Entscheide dich! Entscheide dich!“ schrie er, gepackt von dem Zwange, die Schienen erst verlassen zu dürfen, nachdem er bis zehn gezählt hatte. „... zwei ... fünf ... acht, neun, zehn ...“
„Noch bis fünfzehn!“ schrie er. Zählte: „... zwölf, dreizehn, vierzehn ...“
Und erwachte zwei Tage später im Schlafzimmer der Tante, Kopf und Beine in dicken Verbänden. Elisabeth saß bei ihm.
VI
Duftlose Blumen standen im Krankenzimmer. Phinchen trug ihr Glück auf den Zehenspitzen, auch wenn sie im Keller oder im Dachboden war. ‚Die Pflege muß besser sein, als im besten Sanatorium‘, stand auf unsichtbaren Tafeln. In der Villa wurde nur noch geflüstert. Wenn die Tante einen Auftrag zu erteilen hatte, schlich sie, balancierend, auf Phinchens rund sich öffnenden Mund zu. Jürgen war unumschränkter Herr und zugleich das Kind im Hause, wohlbehütet Tag und Nacht.
Im Garten schaffte der Frühling. Wenn Jürgen auf dem Sonnenbalkon im Liegestuhl ruhte, an warmen Tagen stundenlang wachträumend vor sich hindöste, sah er, wie das Sein, das Leben, die Sträucher in sich leise zuckten, wie ein Blättchen sich aufrollte, der Sonne entgegen.
Halb fühlte und halb dachte er: Mein Leben steigt noch einmal von Grund auf an. Eine zweite Kindheit! Mein Leben rollt sich auf, so sanft, so mild.
Im Halbschlafe ging er über Brücken, immer wieder von neuem und immer weiter über Brücken. ‚In dieser Gegend gibts nur Brücken. Nichts als Brücken!‘
Keine Schärfe war in dem Geschwächten. Kein Wunsch berührte ihn. Alle Kämpfe, alle Leiden lagen weit zurück. Katharina lebte ganz verblaßt in blauer Ferne.
Seine weichen, beglückenden Seelenstimmungen, die Wohlgefühle der Gesundung und seine unbestrittene Macht über die Tante, die den Zurückgekehrten wie einen tausend Gefahren entronnenen, schwerverwundeten Krieger betreute, erhielten ihren Grundgehalt von dem Gefühle: ‚Ich habe diese Ruhe mir verdient!‘ Alles fügte sich widerstandslos ineinander.
„Ich verabschiede mich von Katharina“, konnte Jürgen ohne Erinnerungsschwierigkeit erzählen, als er, frei von den Verbänden, heiler Haut und Elisabeth am Arme, dem weißgedeckten Kaffeetisch unter dem Nußbaum zuschritt, „verabschiede mich wie immer: Gute Nacht, Katharina, schlafen Sie gut. Wie man eben so sagt, nicht wahr. Schlafen Sie auch gut, antwortet sie mir. Und ich gehe die Straße hinunter, beschäftigt mit einem Gedanken, allerdings mit einem jener entscheidenden Gedanken, – ich nenne sie Mittelpunktgedanken – die uns das ganze Leben plötzlich von einer völlig neuen Seite sehen und verstehen lassen.“
Auch an dem Unglücksfall ist dieses entsetzliche Mädchen mit ihren verrückten Ideen schuld, hatte die Tante, als Jürgen ins Haus gebracht worden war, zu Phinchen gesagt. Jetzt ließen Angst und Scheu vor dem Zurückgekehrten nicht einmal die Erinnerung daran, daß sie dies gesagt hatte, in ihr aufkommen.
Bereit, den Satz nicht zu Ende zu sprechen, sagte sie vorsichtig: „So tiefsinnige Gespräche sind vielleicht nichts für einen Rekonvaleszenten.“
„Die Tante hat ein Kind bekommen. Das päppelt sie“, spottete Jürgen, der in Gegenwart Elisabeths nicht als Kind behandelt und nicht bemitleidet sein wollte.
„Du hast viel gelitten, Jürgen.“
Sein Blick, in dem Zorn sich schon ankündigte, ließ die Tante sofort verstummen. Sie häkelte schweigend weiter an dem Sesselschoner und häkelte weiter an ihrem Plane. Ihr Bankier hatte sie lachend beruhigt über den Stand des Bankhauses Wagner; dieses Gerücht sei nur ein Börsenmanöver der Konkurrenz gewesen.
Zwar ist die Familie Wagner sehr jung, der Vater des Bankiers noch Häusermakler gewesen, dachte die Tante. ‚Die Geschichte der Familie Kolbenreiher dagegen kann bis in die Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Aber mit der Zeit werden auch junge Familien alt.‘ Dabei horchte sie auf die Stimme Jürgens, der selbst das Gefühl hatte, selten so mühelos geistvoll gesprochen zu haben.
Von den Zehenspitzen bis zur Schädeldecke voller Ruhe, blickte sie Jürgen und Elisabeth nach, der kein Mensch ansehen konnte, daß noch ihr Großvater ein kleiner, schmieriger Häusermakler gewesen war.
„Und jetzt zeigen Sie mir Ihr Knabenzimmer.“
„Das liegt aber sehr versteckt, oben, unter dem Dach. Dort vermutet uns niemand.“
Sie gab ihm seinen Erobererblick zurück.
„Ich selbst habe es seit vier Jahren nicht mehr betreten“, sagte Jürgen und betrachtete die ovalen Photographien der Familie Kolbenreiher, die, zu einem großen Oval geordnet, über dem schmalen Kanapee hingen.
Vom Fenster aus sahen sie den Nußbaum und den Kaffeetisch, wo die Tante, ein winziger, schwarzer Punkt, häkelnd saß.
Wortlos blickte er Elisabeth an, schritt zur Tür, schloß ab.
Sie trug ein blaßblaues Seidenkleid, stand mit dem Rücken gegen das Fenster, die Hände auf das Sims gestützt. Der Herzschlag tickte unter der zarten, weißen Haut am Halse. Ihr Haar war blond, heller an den Stellen, die Luft und Sonne ausgesetzt blieben, und in den Tiefen gelblichgrün, gleich unreifem Getreide.
Einen kaum bemerkbaren rosa Schimmer im ganzen Gesicht und den blendend klaren Blick fest auf Jürgen gerichtet, sagte sie, selbstbewußt die Schulter leise zuckend, ihm wortlos, daß es nur geschah, weil auch sie es wolle.
Und als sie wieder am Fenster stand, Hände aufgestützt, genau wie vorher, und fragte: „Liebst du Katharina noch?“ dachte er: Daß sie das nicht vorher gefragt hat, ist großartig von ihr. „Unsinn! Katharina lebt sozusagen auf einem anderen Planeten ... Jetzt müssen wir aber hinuntergehen, sonst merkt die Tante, was los ist.“
„Und wenn auch!“ sagte mit aufrichtiger Geringschätzung dieser Möglichkeit Elisabeth: ein Wesen, das, ohne viel eigenes Bemühen lebensklug geworden, ein glatt funktionierendes Gehirn fertig mitbekommen zu haben schien, Fragen an das Leben, Zweifel, Gefühls- und Gewissenskonflikte nie gekannt hatte und, jenseits aller Selbstbelügung, sich und anderen offen eingestand, daß sie für nichts anderes Interesse habe als für sich selbst, ihr Leben und ihre Genüsse.
„Du bist großartig. Wer und was immer sich uns beiden in den Weg stellt, wir werden siegen.“ Sie gingen in gleicher Höhe auf der selben Fläche einander entgegen und standen, Körper an Körper, Mund auf Mund gepreßt,
während Katharina, zusammengerollt wie ein krankes Tier, in den Kleidern auf dem Bette lag. Der Fensterladen war geschlossen, das Zimmer nachtfinster. Nur ein schneidend dünner Sonnenstrahl lag auf dem Fußboden und auf dem Strahle der Schnauz. Ihr Gefühls-Ich, auseinandergerissen, offen, zuckte bei der leisesten Berührung, bei jedem Gedanken an Jürgen: wenn sie irgendeinen Gegenstand sah, der ihm gehörte, den Bleistift, den Schotterstein, ein paar unbrauchbare Schuhe, die wie immer in der Ecke standen.
Als gäbe der Instinkt ihr ein, daß sie nur dann nicht Schaden nehmen würde an ihrer Seele, wenn sie dem schweren Leid ganz rückhaltlos sich preisgebe, ließ sie niemand zu sich, keinen Trost; sie betäubte sich und ihren Schmerz nicht mit Leben, nicht mit Arbeit. Lag Tag und Nacht auf dem Bett, hineingewühlt in das Leid, kämpfend um die Genesung, um ihr Leben.
Jürgen war der erste, war der einzige Mensch gewesen, dem sie rückhaltlos vertraut und mit dem zusammen sie der Einsamkeit den Raum verstellt hatte.
Nach drei so durchkämpften Wochen strich Katharina, an dem Tage, da sie sich schwanger fühlte, zum ersten Male wieder über den Kopf des bettelnden Kameraden, der wegen der wochenlangen schlechten Behandlung sofort vorwurfsvoll zu bellen begann und, da Katharina ihn schon wieder nicht mehr beachtete, sich niederlegte, Schnauze auf den Vorderpfoten, in vergrollendem Vorwurfe.
Noch ein paar Wochen – der Fensterladen war wieder offen, sie hatte wieder begonnen, zu arbeiten – hoffte Katharina, Jürgen werde, nachdem er erkannt habe, daß die Siege, die in dem anderen Lager errungen werden konnten, entwürdigend und wertlos seien, zurückkehren zu der Pflicht, die sein Bewußtsein ihm zum Schicksal mache.
Mit den Monaten und den Tagen immer gleichen treuen Leidens und immer gleicher treuer Arbeit entstand in ihr der neue Anfang. Schon konnte es geschehen, daß Katharina ein Lächeln tiefempfundener Freude in den Augen trug, wenn sie in eine Arbeiterversammlung kam und die Sympathie ihrer grüßenden Genossen fühlte.
Schon als er noch bettlägerig gewesen war, hatte Jürgen, einig mit der Tante, daß dies das zunächst Allerwichtigste sei, sich auf das Doktorexamen vorbereitet.
Weihnachten war die kirchliche Trauung. Jürgen hatte der flehenden Tante endlich mit den Worten: „In des Teufels Namen!“ nachgegeben. Und Elisabeth hatte sich ihre Einwilligung zu einer kirchlichen Trauung von ihrem Vater abkaufen lassen durch ein Brillantgehänge.
Lorbeerbäume bildeten eine Gasse vom Hochzeitswagen bis zum Altar, vor dem die Brautleute knieten, in großem Halbkreise umgeben von den Verwandten und Bekannten beider Familien.
„Verdammte Komödie!“ flüsterte heiter der Kniende, und Elisabeth drückte zum Einverständnis Jürgens Arm und senkte das Haupt, das Lächeln zu verbergen. Das sah aus, als horche sie ergriffen den Worten des Geistlichen.
Während der Trauung sang ein Gemischter Chor mit Orgelbegleitung: „Himmel erhöre, erhöre das Flehen: Liebe laß walten im Heime der Gatten.“
Fast alle Damen und Herren, die damals auf dem Hügel Rotwein und Brathuhn genossen hatten, auch zwei Universitätsprofessoren, der junge Wissenschaftler, ein Chefredakteur und einige Künstler, mit denen Elisabeth Verkehr pflegte, saßen an der Festtafel, die, in Hufeisenform, die ganze Breite des Wagnerschen Gesellschaftssaales einnahm und mit zwölf, aus Treibhausveilchen nachgebildeten, riesigen Hufnägeln geschmückt war. Diese Idee stammte von Jürgens Schwiegermutter.
Die Neuvermählten saßen, mit dem Blick in das Halbrund hinein, genau in der Mitte des Hufeisens, so daß ihre Beine den mittleren Haken bildeten, mit dem das Pferd Funken aus dem Pflaster zu schlagen vermag.
Wurde am seitlichen Haken von Presse, Wissenschaft und Kunst ein Witz gemacht in bezug auf die Neuvermählten, dann langte er, zwinkernd weitergegeben, sehr schnell beim rechten Seitenhaken an, wo er in das Gespräch über das mögliche Fallen oder Steigen eines Börsenpapieres ein Loch riß, das sich nach zwei Sekunden wieder schloß.
„In bezug auf das Bankfach bleibt meine Weltanschauung: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert“, wiederholte Jürgens Schwiegervater, der ohne erhobenen Zeigefinger nicht sprechen konnte.