Der Bürger

Part 12

Chapter 123,676 wordsPublic domain

Es sei, wie immer, die Brust, antwortete die Tante. Sie trug, wie immer, ihr schwarzseidenes Spitzenkopftuch, sah ganz unverändert aus. Bei dem linken Ohre beginnend, über Schläfe und Stirn, bis zum rechten Ohr, lagen, platt angedrückt wie immer, die mit der Brennschere sorgfältig gedrehten schwarzen zwölf Fragezeichen.

Erst in diesem Zimmer, wo der Fußboden so rein war wie der Vorhang und so funkelte wie die Fensterscheiben und die polierten Möbel, fühlte Jürgen, sitzend an dem einladend gedeckten Tisch, wie heruntergekommen er in seinem letzten Anzuge aussehen müsse.

Die Tante sprach nicht, fragte nicht. Und bemerkte alles. War entsetzt über Jürgens Aussehen. ‚Seine Manschetten sind ausgefranst, die Hemdbrust und der Kragen ungewaschen. Diese Stiefel! Die Absätze sind schiefgetreten bis zur Kappe.‘

Und ohne Überleitung, als ob sie, während Jürgen aß, an nichts anderes gedacht hätte: „Ich würde ... wir würden noch einen zweiten Stock aufsetzen lassen. Ihr würdet oben wohnen. Die Grundmauern der Villa sind stark.“

„Wer soll oben wohnen.“

„Wenn du heiraten würdest.“

Jürgen schüttelte den Kopf. ‚Es ist doch zu toll!‘ Antwortete nicht, aß weiter. Er saß mit dem Rücken zur Tante. Der Lehnstuhl stand am Fenster in der Sonne.

„Und wenn ich sterbe, könnt ihr unten Wohnzimmer, Eßzimmer und Salon haben, im Stock Empfangsräume, und oben schlafen ... Phinchen würde ja auch bei euch sein ... Und der Garten. Der schöne Garten!“

Phinchen versuchte, das Weinen zu verschlucken, heulte los und rannte mit der vollen Schüssel wieder hinaus. Es war still. Die Tante blickte Jürgens Rücken an, sah durchs Fenster auf den blühenden Magnolienbaum, wieder Jürgens Rücken an. „Aber wissen müßte ich, wem ich mein sauer erworbenes Vermögen hinterlasse. Denn so schwer es mir auch fallen würde ...“

Er legte die Gabel, mit der er ein Stück Fleisch von der Platte hatte nehmen wollen, wieder zurück, wandte sich langsam um. „Du müßtest mich enterben, was?“

„So furchtbar schwer mir das auch fallen würde!“

„Und du glaubst, daß ich mich ... Glaubst du denn wirklich, daß ich mich mit so etwas bestechen lasse?“

Die Tante strich sich über die Augen, legte die Hand an das Kinn, sah weg. Und Jürgen drehte sich wieder um zum Tisch. So stehts denn doch noch nicht mit mir, dachte er. Und, plötzlich im Tiefsten betroffen: ‚Was war das? Was war das? Was?‘

„Ich sage dir nur, was mein Herz mir eingibt.“ Die Tante redete weiter. Er hörte nichts mehr. ‚Was war das? ... Wie also stehts denn mit mir?‘

So sitzt sie immer, wenn sie einem Plane nachhängt, dachte er auf der Straße. Er wußte nicht, wann und wie er die Villa verlassen hatte. ‚Wie ging ich denn weg? ... Was war das? Wie also stehts mit mir? ... Streicht sich mit der Hand erst über die Augen und dann bleiben ihre Fingerspitzen am Kinn haften. So macht sie es immer. Da sitzt dieses winzige, gelbgesichtige Persönchen im Lehnsessel und macht Pläne: über das morgige Mittagessen, oder ob sie ihr Vermögen, ihr sauer erworbenes, vergrößern kann, wenn sie dieses oder jenes Wertpapier kauft oder verkauft, oder über den Tag der nächsten großen Wäsche, oder über mein zukünftiges Leben. Wenn sie Schlitzaugen hätte, würde sie ganz so aussehen wie eine alte Chinesin.‘

Plötzlich blieb er stehen. ‚Alles das stimmt. Ist aber ganz unwichtig; wichtig ist, zu wissen, was eigentlich mit mir los ist ... Was will ich denn?‘ Die weiße, linealgerade Landstraße schoß wie ein Pfeil in den geheimnisvollen Horizont. ‚Das ist Unsinn. Das Fortlaufen ist Unsinn ... Aber das Gefühl, das hinter diesem Wunsche steht, ist kein Unsinn. Dieses Gefühl bin ... ich, ist der Mensch in mir, so wie er ist ... Wie er offenbar nun einmal ist!‘

Und dann geschah es, daß Jürgens Körper selbsttätig auf die Bank in der Anlage zuschritt, sich setzte. Und nun: Hände weg von allem! Alle Muskeln entspannt! Alles Denken und jede Selbstbeobachtung aufgegeben! Den Willen ausgeschaltet! Weg mit dem Bewußtsein! Der Mensch, er allein! soll sagen, was er will, dachte Jürgen noch und schloß, bereit, zur Kenntnis zu nehmen, was auch kommen möge, ganz entspannten Wesens die Lider.

Anfangs kam nichts. Knapp vor den Augen farbige Pünktchen im Grau. Er saß in der Mitte seines Lebens, in dem nichts war. Saß so still, so leblos, daß ein Vogel anflog, auf der Banklehne zwitschernd hüpfte, wieder abflog.

Menschen und Gesichtsausdrücke, Menschengruppen, eine Flußlandschaft: Lebensbilder, die vor langer Zeit Jürgens Gefühl getroffen hatten und deren Sinn ihm unerkennbar blieb, tauchten auf, schemenhaft, verblaßt, und versanken wieder. „Das ist nebensächlich“, flüsterte er einige Male.

Ferne Stadtgeräusche, kaum hörbar von Hupentönen durchstoßen: Das Leben der Gegenwart, die Arbeit, die ihren Gang ging, laut und leise. Bei der Bank war es still.

Ein schwarzgekleideter Herr dreht die Schulter halb rückwärts, grüßt, etwas hochmütig, nach der Seite hin. Viele Herren und dekolletierte Damen bewegen sich unter den lichtblitzenden Riesenkronleuchtern im großen Saale. Alle grüßen den Schwarzgekleideten. Blicke, achtungsvolle, neidische, prüfende, folgen ihm.

‚Der Schulkamerad, der sich in der Wissenschaft schon einen Namen gemacht hat ... Mag er!‘

Sie essen nicht, trinken nicht; sie gehen umher, blicken dem Schwarzgekleideten nach, sprechen über ihn und warten. ‚Nein, Musik ist keine da.‘

Jürgen, in knappsitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern und Brust, beherrschtes, natürliches, berechtigtes Selbstbewußtsein in Blick und Worten, tritt ein, spricht leicht und freundlich mit seinen Partnern, die schnell wechseln, sich unauffällig an ihn heranmachen. Keiner hat ein eigenes Gesicht. Der auf der Anlagenbank sitzende Jürgen sieht und fühlt nur sich, nur den seines Geistes und seiner Kraft und Macht bewußten Frackherrn-Jürgen, der höflich zuhört, knapp und freundlich antwortet.

Der andere Schwarzgekleidete schrumpft zusammen, drückt sich unbeachtet an der Seite umher. Der Mittelpunkt ist Jürgen. Denjenigen, die sich an ihn nicht heranwagen, geht er selbst entgegen, begrüßt sie liebenswürdig, nicht herablassend, nicht hochmütig. ‚Wer eine Leistung vollbracht hat, wer etwas leistet, ist nicht hochmütig, hat es ja auch nicht nötig, hochmütig zu sein.‘

Alle sprechen von ihm. Aller Blicke sind auf ihn gerichtet. Jürgen ist so sehr Mittelpunkt, daß er sich bemüht, weniger Mittelpunkt zu sein, das Interesse etwas auf den anderen Schwarzgekleideten abzulenken, wofür er verhaltenes Lächeln der Bewunderung erntet. Sein Wille, sein Geist wirken in allen, bestimmen Gedanken, Gefühle und Mienen aller Anwesenden.

Jürgen lehnte nicht mehr, entspannt, Augen geschlossen, in der Bankecke; gleichzeitig mit dem Eintritt des Frackherrn-Jürgen in den Saal hatte er sich aufgerichtet, war mit seinen Gefühlen in den Eingetretenen hineingeschlüpft. Seine Schultern und seine Hände, sein Gesicht hatten alle Bewegungen und das Mienenspiel des andern mitgemacht.

Er saß, alle Muskeln gespannt, vorgebeugt, starrte auf den grünen Bretterzaun, in den er das Bild seines Wunsches hineingesehen hatte. Und als er plötzlich nur noch den grünen Bretterzaun sah, strich seine Hand über die Augen und blieb, wie die der Tante, am Kinn haften.

‚Das also wünsche ich ... wünscht er: der Mensch in mir.‘

Langsam lehnte er sich wieder zurück. ‚Aber welcher Art ist denn seine Leistung? Was hat er ... was habe ich ... also, ich meine, was möchte ich denn eigentlich leisten? ... Ist ja ganz gleich, was einer leistet, wenn er nur überhaupt auf irgendeinem Gebiete, ganz gleich welchem, etwas leistet und Macht und Einfluß gewinnt.‘

Eine Stunde später saß er untätig an seinem Küchentisch. Der Artikel, den er zu schreiben hatte, langweilte ihn. ‚Immer wieder der selbe Artikel!‘ Seine Hand legte den Bleistift hin, wurde zur Stütze für den Kopf. Der Frackherr-Jürgen tritt in den großen Saal. Das Bild verschwand sofort wieder.

Denn im Nebenzimmer begann das Klappern der Maschine. Der Haß gegen das Klappern sickerte in jeden Herzschlag hinein. Im besonnten Hofe war es vollkommen still. Die Proletarierkinder trieben sich im Walde umher. Von den alten, faulenden Küchenabfällen stiegen Dämpfe auf. Das Fenster stand offen.

Plötzlich vernahm der reglos Sitzende das feine Klingeln. Horchte. Blickte. Vernahm es wieder. Maßlose Wut stieg in ihm auf. Mit äußerster Vorsicht griff er nach dem Schotterstein, der ihm als Papierbeschwerer diente, schlich auf den Zehenspitzen unhörbar zum Fenster, stand, die Hand wurfbereit erhoben.

Da hörte die Maschine auf zu klappern. Katharina trat ein. „Wollen wir ... Was machst du denn da?“

„So sei doch still!“ brüllte er ihr ins Gesicht, drehte sich wieder um und schleuderte voller Wut den Schotterstein in die Richtung, wo er die Ratte vermutete. „Das verdammte Vieh! Dieses unerträgliche Geklingel!“

„Das Klingeln war dir doch immer so angenehm in den Nächten, wenn du schriebst, und jetzt, auf einmal ...“

„Ja, jetzt, auf einmal! Siehst du, jetzt, auf einmal!“

„Ich wollte dich eben fragen, ob wir heute, weil der Tag so schön ist – einen Spaziergang in den Park, hatte ich gedacht. Aber wenn du so bist ... So warst du noch nie zu mir ... Dann tippe ich lieber weiter.“ Sie schritt zur Verbindungstür. Er, vornüberstürzend, ihr nach.

Später saßen sie, versöhnt, im öffentlichen Parke, in dem sie vor elf Jahren das erstemal miteinander gesprochen hatten, von Duft und Farben, Blumen, spielenden Kindern, Himmelsbläue und Gouvernanten umgeben, wie heute.

„Seither ist jene Generation groß geworden und schon in die Privilegien der damaligen Väter nachgerückt“, sagte Katharina. „Und die Last liegt heute wie damals auf den andern.“

„Ja, wo sind die Erfolge der Arbeiterschaft! Nichts! Der Sozialismus schwebt nach wie vor in blauer Ferne.“

„Das wollte ich damit nicht sagen“, entgegnete ruhigen Tones Katharina.

Auf dem Reitwege, nur durch eine brusthohe Buchshecke von dem Parke getrennt, galoppierte eine Gruppe Damen und Herren vorüber. Die beiden saßen reglos und schwiegen. Auf der breiten Fahrstraße rollten Equipagen, überholt von einzelnen Reitern.

„Es ist am besten, wir kriechen wieder in unser Loch zurück“, sagte Jürgen, dessen Wesen zweigeteilt war wie eine Schleudergabel.

Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Das lange, postgelbe Automobil des Bankiers Wagner rollte vorüber. Die zwei Damen, in die Polster zurückgelehnt, machten eine Spazierfahrt durch den Duft. Eine dunkle Riesenfaust preßte Jürgens Herz zusammen, als er Elisabeth erkannte, die sich umwandte und prüfenden Blickes die beiden ansah. Sie war eben bei der Tante zu Besuch gewesen.

„Das ist Elisabeth Wagner“, sagte Katharina. „Elisabeth war im Institut eines der klügsten Mädchen gewesen ... Gestern wurde erzählt, das Bankhaus Wagner stehe vor dem Zusammenbruch. Ich habe es von den Genossen in der Hommesschen Papierfabrik erfahren. Der Betrieb würde im Falle eines Zusammenbruches geschlossen werden müssen. Elisabeths Bräutigam hat die Verlobung gelöst. Ein konsequenter Herr!“

Schwuppdich, dachte Jürgen.

„Aber hast du das andere Mädchen gesehen. Sie ist wunderschön. Eine Jugendfreundin von mir. Der Garten ihrer Eltern stößt an den Garten meiner Eltern. Von ihr kann ich dir eine traurige Geschichte erzählen. Die traurigste Geschichte, die ich kenne!“

„Nein, nein, nicht umkehren!“ bat Katharinas schöne Jugendfreundin und legte scheuen Blickes ihre Hand auf Elisabeths Hand. Aber der Chauffeur hatte die Schleife schon genommen. Das Auto rollte sehr langsam auf die beiden zu.

„Kennst du sie denn? Elisabeth hat dir zugenickt.“

„Wieso denn mir!“ sagte Jürgen. „Nun, und die traurige Geschichte von der andern?“

Da wandte auch diese sich um und blickte, wie zurück in ihre Kindheit, gefühlsschwer Katharina an, die erzählte:

„Bis zu unserem siebzehnten Jahre waren wir immer zusammen, jeden Tag viele Stunden. Wir haben einander das Versprechen gegeben, uns ganz aufzuopfern, auch nie einem Manne anzugehören. Wir wollten die Welt erlösen. Um jeden Preis!“

„Das wollen sehr viele in ihrer Jugend.“

„Ja, und später lächeln sie darüber ... Wenn sie nur über die Art, wie sie helfen oder die Welt ändern wollten, lächeln würden, hätten sie ja ganz recht; aber sie lächeln, weil sie es überhaupt tun wollten. Sie lächeln nicht nur über den Inhalt ihres Idealismus; sie lächeln über den Idealismus ihrer Jugend überhaupt.“

Und dann sagte Katharina, rätselhaft tief bewegt, den Satz vor sich hin: „Viele Menschen tragen als Kinder in den Augen ein Ideal, das erstrebt zu haben sie später lächeln macht; und doch wiegt vielleicht allein die Tatsache, daß sie dieses Ideal einmal wenigstens erstrebt hatten, schwerer als alle Ziele, die sie später tatsächlich erreichten.“

„Wie du das sagst! Es wird einem kalt. Wie du das sagst!“

„Dieses Mädchen ... du machst dir keinen Begriff, welch leidensfähiges, mildes Herz sie hatte. Und jetzt – wie lebt sie! Sie ist mit dem Oberstaatsanwalt verlobt.“

„Ist das die Geschichte? Ist sie das?“

„Eigentlich ist das schon die ganze Geschichte.“ Und dann erzählte sie doch: Die Mutter ihrer Jugendfreundin, eine sehr gebildete, reiche Frau, habe ihre Tochter ganz bewußt zur Wohltätigkeit erzogen. Immer habe das Kind den Armen die Gaben reichen müssen.

„Und da geschah es einmal – und dies ist die Geschichte –, daß das Kind von seiner Mutter in den Garten geschickt wurde, einer alten Bittgängerin ein abgetragenes Kleidungsstück zu bringen. Da bricht das Kind, wie es unter dem Blicke der Alten steht, vor Trauer und Scham, daß es geben und die Weißhaarige von ihm empfangen muß, in Schluchzen aus, läßt das Geschenk fallen, läuft weinend zurück, kann und kann nicht beruhigt werden, schluchzt sich in eine Krankheit hinein ... Von dieser Zeit an hat es sich nie mehr zu solchen Wohltätigkeitshandlungen brauchen lassen. Denk an, da war sie sechs Jahre alt. Ihr Herz wußte schon alles ... Und jetzt? Wie furchtbar, wie tragisch ist das Leben, daß selbst solch ein Wesen so erkranken, solch ein Herz so verhärten konnte.“

Eine ungeheuere Erregung, die er mühsam zu unterdrücken versuchte, hielt Jürgen gepackt. Nur um etwas zu sagen, fragte er: „Und wenn ihr einander begegnet, grüßt ihr euch nicht?“

„Wie sollten wir! Jeder lebt auf einem anderen Planeten.“

Lebt auf einem anderen Planeten, flüsterte Jürgen innerlich. In weniger als einer Sekunde war der Saal mit dem Frackherrn-Jürgen aufgetaucht und wieder verschwunden gewesen.

Und plötzlich glaubte Jürgen, seine Schädeldecke hebe sich ab vor Grauen. Denn er wußte nicht, ob er selbst oder ob ein anderer in ihm gedacht, gefühlt und gesagt hatte: ‚Wie entsetzlich! Dann ist er unüberbrückbar auch von Katharina getrennt! ... Wer hat das gedacht?‘ fragte er. ‚Das habe nicht ich gedacht.‘

„Es ist im Grunde die Geschichte aller in ihrer Jugend idealistisch gewesenen Menschen“, hörte er Katharina sagen. „Du folgst deinen Wünschen und Begierden gegen das bessere Wissen deines Herzens, betrügst dein Bewußtsein, dein Ich, indem du nach Besitz, Macht, Erfolg, Genuß und Achtung strebst, dann kann es geschehen, daß du viel erreichst oder auch zugrunde gehst, in bürgerlicher Schande oder in bürgerlichen hohen Ehren ertrinkst, oder vielleicht in der Familienbequemlichkeit und einer – mittleren Stellung untergehst ...“

‚Das nun sollte mir nicht passieren.‘

„... daß du Automobile, betreßte Diener, eine Villa, verschönt durch edle Kunstwerke und Bücher, die du nicht nur hast sondern auch verstehst, daß du Fabriken, Ruhm, Achtung, Frauen, einen Kassenschrank voll Aktien und Gewalt über Tausende von Menschen eroberst ...“

‚Das will er, der Mensch, der Frackherr in mir.‘

„... aber in jedem Falle mußt du – und dies ist die Tragik des Menschen unseres Zeitalters – das Bewußtsein von der Wirklichkeit, wie sie sein könnte und wie sie ist, mußt du dein Bewußtsein, die Leidensfähigkeit und Güte deines Kindheitherzens und damit dein Ich, deinen Idealismus verlieren, der in unserem Zeitalter nur in dem hingabebereiten Kampfe um den Sozialismus seinen Inhalt haben kann.“

Und das weiß mein Bewußtsein, dachte Jürgen. Und hatte plötzlich gesagt: „Dagegen kann ich nicht einmal etwas einwenden.“

Zuerst schwieg Katharina. Dann wich sie mit dem Oberkörper seitwärts, sah Jürgen betroffen an: „Weshalb solltest denn du dagegen etwas einwenden?“

Zum zweitenmal empfand Jürgen in seinem Herzen Zorn gegen Katharina und schwieg.

Erst auf dem Heimwege – die freistehende Mietskaserne kam schon in Sicht: „Die Tante hat gesagt, es hänge noch ein ganz guter Anzug von mir im Schrank.“

„Den solltest du dir holen, wenn sie ihn dir gibt ... Ich habe damals, als ich wegging von zuhause, fast nichts mitgenommen. Aber wenn ich die Sachen jetzt holen wollte, die würden mir nichts geben.“

„Ach nein, so ist sie nicht. Enterben, vielleicht ja; aber sonst ...“

Einige Tage sprachen sie selten miteinander; Jürgen hatte in Gegenwart Katharinas das Gefühl, auf Luft zu gehen, und wich ihr aus, sooft er konnte.

Eines Abends, als er diesen Zustand qualvoller Spannung nicht länger mehr ertragen konnte, sagte er: „Wer bis zu seinem dreißigsten Jahre noch nichts geleistet und erreicht hat, wird auch später nichts mehr erreichen.“ Er stand am Schreibtisch, Katharina neben ihm, mit dem Rücken gegen das Fenster. Sie antwortete nicht.

„So wird man schließlich vierzig. Und was kann dann noch viel Erfreuliches kommen! Dann ist das Leben in der Hauptsache vorüber ... Natürlich, wer ganz bedingungslos glaubt an den Sozialismus ... Wer einfach glaubt!“

„Was willst du denn erreichen, Jürgen?“

„Das ist es ja eben. Ich bin kein Jüngling mehr. Man wird doch immer älter – und älter ... Eh man sich versieht, ist das Leben vorbei, nicht wahr?“

Katharina antwortete nicht mehr. Sie ging langsam auf die Verbindungstür zu, ging durch, schloß die Tür. Sie stand in ihrem Zimmer. Sie legte die Hand aufs Herz. Sie wußte alles.

Jürgen sah, durch die verschlossene Tür durch, Katharina stehen, so wie sie stand. Preßte die Hand auf das rasend klopfende Herz. Zuckte auf die Tür zu. Wollte nachstürzen.

Zuckte zwischen der Verbindungstür und der Ausgangstür wie ein von Verfolgern eingekreister Flüchtling im Zickzack hin und her. Und stürzte mit einem innerlichen, furchtbaren Todesschrei aus dem Hause.

Rannte aus der Stadt hinaus, querfeldein, über Schollenäcker zum Bahndamm, zwischen den Schienen weiter, bis vor das schwarze Tunnelloch.

Diesmal blieb er nicht stehen und kehrte er nicht um. „Fort! Fort! Fort!“ befahl der Herzschlag, jagte ihn den Schienen nach, hinein in die Finsternis.

Er stolperte. Seine Hände streiften den Boden. Er empfand darüber Befriedigung. Raste weiter, stieß mit dem Kopf gegen die Mauer. Und blieb keuchend stehen. In undurchdringliche Nacht gestellt, erblickte er plötzlich seine Genossen, klein und weiß. Katharina blickt verächtlich ihn an, deutet mit dem Finger auf ihn.

„Fort! Fort!“ schrie der Herzschlag. Vor sich, weit in der Ferne, sah Jürgen ein rotes Tunnellämpchen. Nach zwei Sprüngen war er schon daran vorbei, stolperte, stürzte. Und blieb hocken, dicht neben dem Lämpchen, das jetzt weit hinter ihm in der Finsternis schwebte.

Glotzend hob er den Kopf, sah die schneeweißen, starren Gesichter seiner Genossen. Duckte den Kopf zwischen die Schultern, schloß die Augen. Sah die schneeweiße Gruppe der Genossen. Katharina dreht sich kalt und gleichgültig weg.

‚Wie sie mich verachtet!‘

Die Schienen im Tunnel begannen zu lispeln.

Gierig suchte Jürgen nach jemand, der ihn nicht verachtete. Sitzt sofort bei der Gesellschaft auf dem besonnten Hügel, neben Adolf und Elisabeth. Die Tante und der Vater treten hinter dem Busch vor, blicken ihn achtungsvoll an.

Plötzlich steht Phinchen vor Jürgen im Tunnel, große Liebe im Gesicht.

‚Phinchen, bin ich ein Verräter? Ja oder nein? Wer hat recht: Katharina oder ich? Sage mir nur ruhig die Wahrheit. Ich halte alles aus.‘

‚Sie haben recht, lieber Herr Jürgen. Sind ein unendlich guter Mensch. Ich weiß, wie sehr Sie schon als Kind und Jüngling gekämpft und gelitten haben.‘ Phinchen kniet nieder.

‚Brauchst nicht zu knien vor mir. Ach nein, vor mir braucht kein Mensch zu knien.‘ Und er steht im großen Saale, beherrschte Kraft in Blick und Miene, begrüßt seine Bewunderer ohne Herablassung und Hochmut.

Katharina, schneeweiß, schreitet im Tunnel vorüber, auf die schneeweiße Gruppe der Genossen zu. Des Hockenden Kopf sank wieder zwischen die Schultern, tief auf die Brust.

Das Lispeln der Schienen war vernehmlicher geworden. Die Luft im Tunnel zitterte leise. Jürgen schluchzte. Warme Tränen rollten.

Die Schienen sangen lauter und stählern. Ganz plötzlich bebte der Tunnel so stark, daß Wassertropfen von der Decke fielen. Einer patschte kalt auf Jürgens Hand.

Er horchte in sekündlichem Entsetzen auf das rapid stärker werdende Geräusch, sprang auf.

Da knallte der Donnerschlag in den Tunnel. Der ganze Berg wankte. Die glänzenden Schienen wurden zu roten Fühlern eines Riesentieres, die Fühler wurden immer länger, strahlten sausend auf Jürgen zu.

Er rannte ihnen entgegen, den Ausgang zu gewinnen. Ein ungeheurer Tumult erfüllte zerstörerisch den Tunnel, umtoste Jürgen und zwang ihn, stehenzubleiben. „... Bin ich verloren?“

Die Lokomotive krachte auf ihn los.

Jürgen fühlte, wie seine Haare weiß wurden, gab sich auf und starb.

Unabänderlich donnerte der Zug auf seiner vorgeschriebenen Bahn weiter. Das Geräusch wurde mit einem Schlage hell.

Noch eine Weile sangen die Schienen. Sandkörnchen fielen in die betäubte Stille.

Ein Mensch lag im Tunnel auf dem Gesicht. Für ihn hatte sich zwischen Leben und Tod ein Drittes eingeschoben, das nicht Leben war und nicht Tod.

Jürgen war bei vollem Bewußtsein und wußte dabei nicht, ob er noch existiere. Seine Augen starrten und erblickten nichts. Der Angstgedanke: ‚Wenn ich jetzt schreie und höre meinen Schrei nicht, bin ich tot‘, verhinderte ihn, zu schreien.

In dieses zeit-, raum- und vorstellungslose Nichts hinein erklang, da Jürgen als einziges erdhaftes Ding plötzlich das rote Tunnellämpchen erblickte, sein tierisch wilder Schrei nach dem Leben.

Von den Flammen des Lebens emporgerissen, drehte er sich, den Ausgang zu gewinnen, einigemal im Kreise und begann schreiend zu rennen, in gieriger Sehnsucht nach dem wilden Nußbaum, der beim Tunneleingang stand.

Galoppierte in rasendem Tempo die Dunkelheit hinter sich und hinein in eine fremde Gegend: Er war auf der anderen Seite des Tunnels herausgekommen. In der Höhe stand still die zerfallende Burgruine, Erker vornübergeneigt, als müsse er jeden Augenblick stürzen.

Jürgen blickte in das schwarze Tunnelloch zurück, klopfte dabei automatisch den Kohlenstaub von seinem Anzug, strich sich über die Haare. ‚Sie werden weiß geworden sein ... Daran wird Katharina erkennen, wie ich gekämpft und gelitten habe. Möge sie nur sehen, wie sehr!‘

Blickte noch einmal hinein in den Tunnel. „Entronnen!“ sagte er. „Entronnen!“ Und wandte sich um. Da war die Welt, fern und nah. Sonne, Blau, Grün und Fluß.

Der Herr solle nur über das Großdorf machen. Von dort aus führe der Weg direkt in die Stadt, sagte die verhutzelte Häuslerin und schob den ächzenden Schubkarren weiter, auf dem eine hohe Ladung Fallholz lag.

Jürgen wußte den Weg; er hatte nur gefragt, um eine Menschenstimme zu hören. ‚Nur wer dem Tode entronnen ist, der, nur der weiß, was leben heißt ... O, Anfang! O, Leben! O, Grashalm! O, Glück des Atmens!‘

So schritt er aus. ‚Komme, was will – ich lebe!‘ Als der hohe Backsteinwürfel in Sicht kam, dachte er: Was sie sagen wird, daß ich mit dem Leben davongekommen bin?

„Wunderst dich, wie ich aussehe, was? Der Anzug, das Loch im Knie!“ Und er erzählte.

Sie aber hatte die schwerste Stunde ihres Daseins erlitten und durchlitten und hatte aufgegeben und hinweggehen lassen, was nicht zu halten war.

„Kommt der Zug auf mich zugerast“, wiederholte er. „Es ist total finster. Zermalmt er mich?“ Gierig suchte er Liebe und Schreck in ihrem Gesicht.