Part 11
Die Maschine funktioniert, dachte Jürgen und schritt der Ausgangstür zu. Da schoß ein schon älterer, stoppelbärtiger Mann mit schwärenbesetztem Gesicht und verschleimten Augen aus dem Bureau heraus, zuckte suchend hin und her, spähenden Blickes, der blitzhell offenbarte, daß er die Hölle, in die er kommen sollte, schon kannte, und schoß Jürgen nach, bestrebt, auch die aussichtsloseste Situation nicht unversucht vorübergehen zu lassen, um der Freiheit willen. Denn war er erst in der Zelle, dann gab es keine Zufallsmöglichkeiten mehr.
Die Wärter lachten. Unwirsch stieß ihn einer zurück.
Mit seinem letzten Blick fing Jürgen noch das Lächeln des Sträflings auf, der damit den Wärtern gegenüber seinem mißglückten Fluchtversuche die Ernsthaftigkeit nehmen wollte. Und dieses bebende Lächeln schien Jürgen das Grauenvollste von allem zu sein. Die schwere Tür drückte ihn hinaus.
Geblendet stand er im Sonnenschein. Ging langsam weiter. Neben ihm tappte, Hinterteil und Schwanzstumpf kläglich eingezogen, der Schnauz. Jürgen hob ihn auf. „Etwas muß der Mensch doch in den Armen haben.“ Der zitternde Hund bohrte, stürmisch drängend, seinen Kopf unter Jürgens Rock.
‚Wieviel Städte gibt es? Und wieviel Gefängnisse in jeder Stadt? Wieviel Zellen in jedem Gefängnis? ... Und in jeder Zelle ein Mensch! In jeder Zelle das, was von einem Menschen übriggeblieben ist! Hunderttausende Menschenreste! Und in der einen Zelle dort hinten einer, der weiß, daß ihm morgen früh – um fünf? um sechs? um viertelsieben? er weiß die Minute nicht, weiß sie nicht – der Kopf abgeschlagen wird! ... Kultur!‘
Die Machtlosigkeit zog alles Blut aus Jürgens Adern und setzte sich als dunkler Druck unter das Brustbein. ‚Diese Bestien! ... Aber wer ist schuld? Der Gefängnisdirektor? Der Richter? Der Staatsanwalt? Oder gar die Gefangenen? ... Sie so wenig wie der Steinbrucharbeiter, der die Steine bricht, und wie der Maurer, der sie zum Gefängnis fügt, und nicht mehr als diese der Schlosser, der vor das Zellenfenster das Eisengitter einzementiert, hinter welchem den Klassengenossen das Leben vergeht. Es gibt keinen Verantwortlichen ... Der Staat? Der Staat ist ein Machtinstrument gegen die menschliche Gemeinschaft. Ist keine Person. Du findest im bürgerlichen Staate keinen Verantwortlichen. Du greifst in die Luft ... Die Ordnung der Dinge, sie ist schuld.‘
Auf dem Tische lag wieder ein Brief von der Tante. Er schob ihn ungelesen weg. Auch als Katharina schon zurückgekommen war – Jürgen hatte den Fußboden geschruppt, ein Buch verkauft, für das Geld ein paar Blumen gekauft, das kniehohe, eiserne Glühteufelchen geheizt, denn es war an den Abenden schon kühl –, lag der Brief noch ungeöffnet zwischen den Papieren.
Der Schnauz war wieder heiter geworden. Den Winter über schrieb Jürgen Artikel für das Arbeiterblatt, hielt sozialwissenschaftliche Vorträge im Bildungskurs, sprach in Versammlungen. Die Kollegs besuchte Jürgen unregelmäßig.
So lebte er in seinen sechsundzwanzigsten Frühling hinein, ohne irgendwelche Beziehungen zu seinem früheren Leben, auch innerlich durch nichts mehr gefesselt an die Erlebnisse in seiner Jugend. Denn in dieser Zeit überfielen ihn auch die Angstträume nicht mehr, wie früher fast jede Nacht, da der Vater, die Professoren, die Tante machtstrotzend ihn angeblickt hatten und er, der Erwachsene, als Kind bebend in der Zimmerecke gekauert war, ohnmächtig ausgeliefert; andere Träume, von Jürgen bisher nie erlebt, schoben sich ein. Kampfträume, aus denen er siegreich und erfrischt hervorging.
Aber erst nach der Nacht, da er im Traume, anstatt in Angst zu erbeben, auch dem Vater ins Gesicht gelacht und des Vaters Hand mit dem drohend deutenden Zeigefinger furchtlos zur Seite geschleudert hatte, war dessen Macht ganz gebrochen gewesen. Erst nach diesem Erwachen hatte Jürgen ganz sicher gewußt, daß alle Ungeheuer seiner Jugend und Erziehung völlig überwunden waren. Nie mehr war im Traume der Vater erschienen.
‚Jetzt erst entscheidet nicht mehr ein fremder Wille in mir meine Handlungen. Und dazu mußte ich sechsundzwanzig Jahre alt werden ... Jetzt keuche ich einen anderen endlosen Berg hinauf; aber ... ich selbst, ich selbst keuche ihn hinauf. Ich selbst habe mich dafür entschieden, frei entschieden, diesen Weg zu gehen; nicht das Fremde in mir zwingt mich.‘
‚Es denken und fühlen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todesstunde Gedanken und Gefühle, die nicht sie selbst denken und fühlen: es begehen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todessekunde Handlungen, die nicht sie selbst tun; die Summe der Ermordungen, an ihrem Wesen verübt von den Autoritäten, dieser Zwingherren der Seele, denkt, fühlt, handelt.‘
Noch nach Jahren erinnerte Jürgen sich jenes Morgens, da er zum ersten Male die ruhige Sicherheit empfunden hatte, durch nichts Fremdes mehr vergewaltigt, sondern ganz und gar Selbstherrscher seines Gefühlslebens zu sein. Dieser Wendepunkt seines Daseins war begleitet gewesen von der unbegreiflich lastlosen Empfindung, seine Vergangenheit liege nicht mehr hinter ihm, sondern vor ihm.
Kopf in die Linke gestützt, war er seitwärts am Schreibtisch gesessen, mit dem Blicke zur Verbindungstür, und hatte gedacht: Von nun an gibt es für mich keine Abwälzung der Verantwortung mehr durch den Hinweis auf die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden. Es können neue Wunden mir geschlagen werden von der Umwelt; aber alte Wunden für mein künftiges Tun und Unterlassen verantwortlich zu machen, geht nicht mehr an. Ich stehe am Anfang meines Ich. Um so gewaltiger die Verantwortung! Wie ungeheuer wäre der Verrat erst solch eines Menschen, der sein gewonnenes Ich verkaufen würde um des Lebensgenusses willen, angesichts allein nur der einen Tatsache, daß jene hunderttausende Gefangenen nur ein einziges winziges Feld des millionenfeldigen Schachbrettes der Leiden füllen!
Kindergeschrei im Hofe. Frühlingssonne, die den letzten Rest des schmutzigen Altschnees schmolz. Aus der lecken Dachrinne fielen in Pendelregelmäßigkeit die schweren Tropfen, blitzten vorbei an Jürgens Fenster und platschten in die Pfütze. Im Zimmer nebenan klapperte die Maschine. Katharina arbeitete. Sie arbeitete immer.
Auch Jürgen trug in sich das Gefühl, daß in einer Lebensordnung, in der fast jeder Genuß des einen nur auf Kosten eines anderen zu gewinnen sei, der Sozialist alles, was er an Leben gewönne, nur auf Kosten seiner Hingabe an die Idee gewinnen könne.
‚Aber was ist Pflicht? habe ich als Abiturient die Tante gefragt ... Wir stecken, zusammen mit den Entrechteten, tief unten in der Spitze, in der tiefsten Tiefe eines gewaltig großen Trichters. Oben ist der Trichter erdenbreit, oben ist das Leben. Und nur zusammen mit den Entrechteten dürfen wir vorwärtsschreiten, nach oben, wo das Leben ist. Das Bewußtsein, dieses Bewußtsein ist alles. Weh dem, der seine Pflicht verletzt; der die verläßt, die in schweren Leiden und Kämpfen nur in qualvoll langgezogener Spirale aufwärts zu gehen vermögen, im millionenfältigen Schritt der Massen ... Jetzt weiß ich, was Pflicht ist.‘
Wenn Jürgen zurückdachte an den Abend, da er, Kopf in die Linke gestützt, diese Gedanken gedacht hatte, schien es ihm, als sei erst eine Woche vergangen.
Im Bildungskurs immer die selben Gesichter, die selben Fragen und Einwände. Der Verlauf der Versammlungen immer der selbe. Ein halbgewonnener Streik. Einer, durch den eine winzige Lohnerhöhung erkämpft worden war. Und wieder ein verlorener Streik. Dazwischen eine Demonstration. (Der Agitator und einige Genossen waren verhaftet worden.) Bildungskurs. Versammlungen. Kämpfe kleiner und kleinster Art. Enttäuschungen. Und wieder Bildungskurs. Versammlungen.
Ein Tag wie der andere, und alle grau. Die Zeit flog, entschwand seinem Gefühle so schnell, als ob sie stehe, gar nicht vergehe. Es gab kein Ereignis, von dem, erinnernd, er hätte sagen können: das erfrischte mich. Es war, als ob seither erst ein Tag vergangen wäre, der in rasender Schnelligkeit sich selbst immer wieder einhole und so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fresse.
So stand er in der immer gleichen Grauheit des immer gleichen Tages.
Anfangs hatten sich durch seine Verbundenheit mit Katharina in dieser Eintönigkeit die großen Stunden aufgetan, Minuten, Blicksekunden von solcher Tiefe des Glücks, daß die Erfüllung der ältesten Sehnsucht des Menschen – die Überwindung der schicksalhaften Einsamkeit, die jedes Lebewesen dieser Erde trennt vom andern – ihm zuteil geworden war. Aber die Erinnerung daran, daß er dies Unfaßbare des Daseins einmal geschaut hatte, und auch das Wissen, daß dieses Entrücktsein nur solchen verstattet sein konnte, deren Verbundenheit vertieft ist durch ihre gemeinsame Hingabe an die Idee, war verblaßt.
Jürgen stand am Schreibtisch. Seine Hand legte einen Bleistift hin, nahm ihn wieder, legte ihn hin, nahm ihn. ‚Immer das selbe zu tun, das selbe zu tun, selbe zu tun und nichts zu erleben, da verflackert die Flamme ... Jahrelange Hingabe, ausschließlich durch sich selbst genährt! Ist sie menschenmöglich?‘
Er hätte schon fort sein müssen, um rechtzeitig in die Redaktion zu kommen. „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ... Wo war das? Tatsächlich, ungefähr so leben die. Und wir leben so. Das ist ein Leben!“
Wieder tropfte die lecke Dachrinne. Die Proletarierkinder tobten im Hofe, wo der graue Haselnußstrauch schon braunviolette Knospen trug. Wieder war ein Jahr vorbei.
‚Innere Vertrocknung. Ja, ja, innere Vertrocknung.‘ Er horchte auf das Klappern der Maschine. ‚Dieses Mädchen, Menschenkind, Menschheitskind mit dem großen, milden, starken Herzen, lebenslänglich hingegeben der Idee, ganz und gar!‘
Die Erschütterung ging durch den ganzen Mann durch. „Das Leben, sein Leben hinzugeben, auf einmal, ist ein Nichts ... Da drinnen sitzt die Größe. Die Größe bei der kleinen Arbeit! Das Kleine, das Tägliche, das Treue, täglich, durch Jahre, durch Jahre im Dienste der Idee getan, ist die Größe. Der Held ist tot. Der Held gehört vergangenen Jahrhunderten an ... Katharina sitzt, wie der Verurteilte, lebenslänglich im Gefängnis. Hat sich selbst verurteilt ... Verteile, wie sie, ein Leben lang deine Hingabe auf jährlich dreihundertfünfundsechzig Tage – erst dann hebe stillen Blickes die Hand in Stirnhöhe, wenn gerufen wird: Wer noch vermehrte die Zahl der vielen, auf deren dargebrachtem Leben ich, die Menschheit, in die Befreiung schritt? ... Ich weiß, daß dies, daß dies die wahre Größe ist“, flüsterte er bebenden Mundes.
Blickte, umstanden von Grauheit, zurück auf die Grauheit der vergangenen Jahre, suchenden, tastenden, flehenden Blickes auf die Grauheit künftiger Tage. Und hatte, Minuten später, unversehens den verluderten Backsteinwürfel verlassen, durch die Hintertür.
Schritt, von Lebensgier gestoßen, hinaus. Dem Walde zu. Hinaus über fette Schollenäcker. Atmete und schritt. Ihm entgegen stürzte das Leben.
Birken – butterzartes Hellgrün – säumten den Wald, dessen billionenknospiges Geäste violett im Frühlingsdampfe stand.
Der grüne Tunnelberg, strotzend von Brombeer und Schlehdorn, Brennessel, Felsmoos, zugeflogenen jungen Birken, wilden Obstbäumen und allerlei Grün – ein wild und dicht bewachsener Riesenrücken, in der Sonne funkelnd und glitzernd –, war schweißnaß.
Jürgen stand vor dem schwarzen Tunnelloch, blickte hinein, forschend, wie zurück in seine Vergangenheit. „Bis hierher rannte ich, damals, als die Tante mich angespuckt hatte. Wollte ich mich überfahren lassen? Da war ich fünfzehn Jahre alt“, sagte er, ergriffen von Sympathie für den Knaben. „Spuckt ihm ins Gesicht, dem Jungen. So ein Mistvieh! ... Nun, diese Ungeheuer in mir sind tot.“
Dies war nun schon seine vierte Wanderung in diesem Frühling. Immer war er vollgesogen, erfrischt, verdreckt und ausgehungert zurückgekehrt. Und Katharina hatte gesagt: „Das solltest du öfters tun.“
Einmal, schon vor Wochen, waren beide zusammen gewandert. Wachstum und Grün, noch gebunden, erst als Verheißung über den unabsehbaren Buchenwäldern. Schäumende Bäche, nasse Täler, Nebeldämpfe, die wie Rauch und Erde rochen, hatten Kälte verbreitet, in der schon die Glut des Kommenden prickelnd enthalten gewesen war.
Neugierig, was zu sehen sein werde, waren sie seitwärts aus einem von noch kahlem Gesträuche überhangenen Hohlweg emporgestiegen und auf die Landstraße gekommen, die, eben und linealgerade, weit, weit hinaus und zuletzt wie ein weißer Pfeil in den geheimnisvollen Horizont stieß.
Die Vorstellung: ein Mensch geht aus der Stadt hinaus, geht auf der Landstraße hin, läßt alles hinter sich, alle Qualen, alle Pflichten, geht immer weiter, weiter auf der Landstraße hin – hatte Jürgen, der Jüngling, jahrelang in sich getragen.
Katharina saß auf dem Kilometerstein, Jürgen neben ihr auf dem Baumstumpf. Durchwärmte Körper und kalte Wangen, die vor Hitze prickelten.
Während sie Brot und Wurst aßen, hing Jürgen jener alten Sehnsucht nach. „Wenn wir beide jetzt einfach losgingen, da hinaus, jetzt auf der Stelle, und ohne jemals umzukehren, immer weiter, du und ich, fort, immer weiter fort!“
„Ohne Zahnbürste, ohne Nachthemd, ohne Ausweispapiere“, hatte Katharina lächelnd geantwortet. „Ohne Wohin! Nur zusammen!“
„Ja, du und ich! Ohne Geld! Ohne Rückblick! Nicht mehr dies und das, nicht jenes, nicht die Redaktion, der Bildungskurs, nicht Doktorexamen und Ausweispapiere – nur der Mensch ist die Instanz. Wir, der Mensch, gehen und lassen, endlich! endlich! den Menschen atmen, fühlen, tun, erleben. Nur ihn! ... Müde, übermüdet, klopfen wir an ein Bauernhaus und bitten um ein Nachtlager.
‚Wer seid ihr?‘
‚Der Mensch!‘
Wir kommen in eine kleine Stadt, mitten hinein in das verfilzte Mein und Dein, und sagen: ‚Der Mensch ist da.‘
Ungeheures Erstaunen! Alle geben uns, was wir brauchen. Denn in tiefster Heimlichkeit haben alle den Menschen erwartet, an dessen Kommen sie schon gar nicht mehr geglaubt hatten.“
„Der Mensch ist aber noch nicht da, Jürgen. Den gibt es noch nicht, kann es noch nicht geben. Mensch zu sein, kann dem Einzelnen erst dann verstattet sein, wenn es allen verstattet sein wird ... Welch furchtbaren Verrat an der Idee wir begehen würden!“
„Du sprichst so ernst, als ob ich wirklich alles rücksichtslos abschütteln und auf dieser Landstraße weiterwandern wollte, hinaus in das Leben ... Würdest du darunter leiden?“
Wie seltsam tief ergriffen und dennoch heiter sie mich da angeblickt hat, erinnerte Jürgen sich und glaubte Katharinas Worte wieder zu vernehmen, die gesagt hatte:
„Muß denn nicht gerade der Mensch, der, sein Ich um jeden Preis zu gewinnen, jeder Pflicht entläuft, indem er, um des Lebensgenusses willen, rücksichtslos sein eigenes Ich zur obersten Instanz erhebt, sein Ich ganz und gar verlieren? Muß nicht gerade in dem Menschen, der ausschließlich seinen Wünschen und Begierden folgt, der Mensch ganz und gar untergehen? Und wird der Mensch und das in diesem Zeitalter verstattete Maß an Ich nicht erhalten bleiben nur in dem, der sie erfüllt: die Pflicht?“
Langsam hob er den Kopf, tat, wie damals, noch einen Blick in die wunderbare Ferne. Wandte sich wie gezogen um, starrte in das schwarze Tunnelloch: „Das ist die Pflicht ... Wenn ich mich nicht schon entschieden hätte, müßte ich mich doch wieder, doch wieder ... ich müßte mich doch wieder für die Pflicht entscheiden.“
„Doch wieder! Doch wieder!“ Trotzig wiederholte er im Schrittakt diese Worte. Während der letzten Jahre war Jürgen seiner Gedanken und Gefühle so sicher gewesen, daß er sie auch jetzt nicht kontrollierte.
Vor ihm lag sanft gewellt die Hochebene: Schollenäcker, Frühsaatflächen, weit hingebreitet, braun und grün. In der Nähe erklang Frauenlachen, dem eine baßtiefe Lachsalve folgte: Auf dem nächstgelegenen Hügel saßen die Fabrikantensöhne und -töchter beim Picknick. Am Fuße des Hügels standen sechs Kraftwagen, darunter der postgelbe des Bankiers Wagner.
Hand in Hand sprangen zwei weißgekleidete Mädchen herab, die in Jürgen den Bräutigam der einen, der zu Fuß hatte nachkommen wollen, vermuteten.
Enttäuschung, Lächeln und ein kurzer Schmerzensschrei in einem. Gestützt auf ihre Freundin und auf Jürgen, hinkte die Braut, die sich den Fuß übertreten hatte, zurück.
‚Und wenn ich ganz abgerissen wäre, würde mir das auch nichts ausmachen.‘ Die ausgefranst gewesene letzte Hose seines letzten Anzuges war zu einer kurzen Hose zurechtgeschneidert und von den Abfällen war ein Hinterteil frisch aufgesetzt worden, in Breechesschwung.
Adolf Sinsheimer kam lustig entgegen, in der vorgestreckten Hand eine gebratene Hühnerkeule für den Erwarteten. Sein Mund öffnete sich.
„Tut schon nicht mehr weh“, sagte die Braut beruhigend.
Aber die vorgestreckte Hand ließ die Hühnerkeule senkrecht fallen. „Das ist Jürgen Kolbenreiher; und hier: Elisabeth Wagner, meine Braut“, stellte er, während er den Knochen wieder aufhob, das andere Mädchen vor, das auf dem Herwege Jürgen in keiner Weise beachtet hatte und nun, zu plötzlich überrascht, in unverhohlener Spannung ihn ansah.
Jürgen war für Elisabeth Wagner so lange vollkommen uninteressant gewesen, bis sie erfahren hatte, daß ihre Mitschülerin Katharina ihn liebe. Seitdem hielt sie Jürgen, da Katharina schon im Institut für ein unzugängliches, wählerisches Mädchen gehalten worden war, für einen ganz besonders interessanten, bedeutenden Menschen, dessen Bekanntschaft machen zu dürfen sie seitdem immer wieder Drohungen, Spott und alle Mittel ihres überlegenen Verstandes dem Bräutigam gegenüber angewandt hatte.
Sofort begann sie von Katharina zu sprechen, die zwar zwei Jahre älter, aber im selben Institut mit ihr gewesen sei. Und auch als sie bewundernd ausrief, wie Katharina es nur ertragen könne, im Gefängnis zu sitzen, fühlte Jürgen, daß die Bewunderung ihm galt.
Erst viel später gestand er sich ein, daß er, nur um Elisabeths Interesse noch zu steigern, versucht hatte, sich gleich wieder zu verabschieden.
Mit leisem Schmollen, das ihrem kühlen Wesen fremd war, bat sie, er möge doch mit zur Gesellschaft kommen. „Adolf, bitte du ihn!“ Sie hielt Jürgens Hand fest.
„Na, so komm doch mit ... Aber wenn du nicht willst ...“ Jetzt erst bemerkte Adolf, daß er den staubigen Hühnerfuß wieder aufgehoben hatte, und schleuderte ihn seitwärts ins Feld, blickte dabei wütend seine Braut an.
Das angenehme Machtgefühl ließ Jürgen mitgehen. Die drei setzten sich, etwas abgesondert von den andern, auf die Wolldecke.
„Gebratenes Huhn und Rotwein, im Freien genossen – darüber hinaus gibt es nichts.“ Die andere Braut sagte dem Genießer, wer der Gast sei, dann wurde es auch auf dieser Wolldecke stiller.
Die fünfundzwanzig gepflegten, gesunden Menschen gehörten den reichsten Familien der Stadt, die Männer fast alle Jürgens Generation an: Fabrikantensöhne, die in den Geschäften der Väter arbeiteten oder sie schon selbständig führten, wie Adolf die Knopffabrik und das angegliederte Knopfexporthaus.
„Tüchtige Kerle! Daß der dort sich schon einen Namen in der Wissenschaft gemacht hat, weißt du ja. Unser Abiturientenjahrgang kann sich sehen lassen. Einer ist sogar schon Reichstagsabgeordneter. Der war ja immer einer der besten Schüler.“
Elisabeth begann von Literatur zu sprechen, lobte ein jüngst erschienenes Buch. Jürgen, ausgehungert, aß schweigend und viel.
Streitsüchtig nannte Adolf eine Anzahl so schlechter Bücher, die er für weit besser halte, daß Elisabeth lachen mußte. Und zu Jürgen, mit einem Blick des Einverständnisses: „Davon versteht er gar nichts.“
Die sechs Kraftwagen rollten langsam hügelaufwärts. Nachdem Elisabeth erzählt hatte, daß sie erst vor ein paar Tagen wieder Jürgens Tante besucht habe, die bedenklich krank sei, sprach Adolf sehr orientiert von der Wirtschaftslage des Landes. „Die ganze Dichterei ist mir, offen gestanden, natürlich recht gleichgültig, und was du treibst – Arbeiter verhetzen, Bomben fabrizieren, wie? – ist gar der reine Blödsinn ... Sieh dir an, was unsere Industrie auf dem Weltmarkte gilt, und werde vernünftig! Das ist der Rat eines Menschen, der kein Jüngling mehr ist, sondern die Verantwortung für das Wohl und Wehe von sechshundert Angestellten und Arbeitern ganz allein zu tragen hat. Meine Freunde hier, sieh dir sie an – lauter tüchtige Menschen! Der eine im Bankfach, andere in der Industrie oder in der Wissenschaft, in der Politik, Menschen, die sich und ihr Vaterland vorwärtsbringen ... Und Leo Seidel – erinnerst du dich noch an den Sohn des Briefträgers? Die Weltgeschichte, weißt du! Der ist heute, nachdem er eine Zeitlang Impresario und weiß der Teufel was alles gewesen war, Bankier in Berlin. Sitzt im Aufsichtsrat von einem Dutzend großer Aktiengesellschaften. Eine tolle Karriere! In ein paar Jahren kann er durch das Geben oder Verweigern seiner Unterschrift die Börse beeinflussen. Würde mich nicht wundern ... Wirklich, solltest meinen Rat befolgen und die Augen auch aufmachen.“
Jürgen lächelte das Lächeln eines Menschen, der seiner Sache sicher ist, diesen Rat nicht nötig hat, und gab keine Antwort, reichte beiden die Hand, schlug Elisabeths Bitte, im Wagen mit zurückzufahren, ab und schritt, nach einer knappen Verbeugung zur Gesellschaft hin, waldwärts.
‚Wie schloß Adolf seinen Hymnus auf sich und auf die Stellung unserer Industrie in der Welt?: Nur wer auf irgendeinem Gebiete etwas leistet, hat Macht. Und nur dem Mächtigen gehört das Leben.‘
‚Das stimmt. Aber wer sind die Mächtigen und was für Eigenschaften müssen sie besitzen, um mächtig werden zu können? ... Es gibt eine bestimmte große Anzahl solcher, die schon oben geboren werden und sich eben weiter vorwärtsbringen, wie geölt; eine kleine Anzahl Leo Seidels, die nicht nur über Verstand, Begabung und eiserne Gesundheit, sondern auch über eine ganz besonders große Portion Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Gemeinheit verfügen müssen, um durch die erdenbreite Eisenplatte, die auf den Rücken der Millionen lastet, durch- und hinaufkommen zu können. Außerdem gibt es noch einige Jürgens, die oben sein könnten, aber heruntergehen und nur auf der Leiter des Verrats an der Idee wieder hinaufzusteigen vermöchten ... So liegt die ganze Drahtleitung.‘
Innerlich grau geworden, starrte er den sechs Kraftwagen nach, die, schon in weiter Ferne, eben um den Fuß eines bewaldeten Hügels herumsausten, auf der Höhe wieder erschienen und, ein sich schlängelnder, dünner, schwarzer Strich, im Blau verschwanden.
‚Im Auto würde man aus der tiefsten Tiefe des Trichters, in dem das Proletariat kämpft und krepiert, sehr schnell heraus und nach oben kommen, wo das Leben ist ... Ja, ich brauchte sogar nur einen einzigen Gedanken zu denken, den Gedanken: Jeder für sich! Oder: Vervollkommnung der Persönlichkeit! Und schon würde ich oben sein.‘
Erfüllt von Widerwillen gegen alles, gegen das Leben und gegen sein Leben, gegen die Ausflügler und gegen den Bildungskurs, den er heute abend noch abzuhalten hatte, langte er vor der Haustür an. ‚Die Jugend scheint bei mir vorüber zu sein. Die Jugend! Man wird älter und alt!‘ Er nahm dem Postboten einen Brief ab. Die ungelenke Handschrift war ihm nicht bekannt: Phinchen flehte, er solle kommen, die Tante sei noch immer sehr krank. Und weshalb er auf den letzten Brief nicht geantwortet habe.
„Jetzt wirst du großen Hunger haben.“
„Nicht einmal! Ich habe ja ... Ich habe eigentlich wenig Appetit ... Hier, lies den Brief!“
„Fühlst du dich nicht wohl? Ich meine, weil du nicht hungrig bist.“
„Doch, ich bin ganz gesund ... Aber, was meinst du, soll ich da tun?“
„Weshalb solltest du sie nicht besuchen!“
Während des ganzen eineinhalbstündigen Vertrages, den Jürgen im Bildungskurse hielt, fühlte er sich gepeinigt von dem Bewußtsein, seine Begegnung mit den Ausflüglern Katharina verschwiegen zu haben. Erst gegen Morgen, nach einer in unruhigem Halbschlafe verbrachten Nacht, schlief Jürgen ein.
Und stand um zwölf Uhr vor der Villa, die er vier Jahre nicht mehr gesehen hatte. Die Tante saß, in Decken gehüllt, im Lehnstuhl. Phinchens Gesicht, glücklich lächelnd, war tränennaß geworden beim Erblicken Jürgens.