Der Bürger

Part 10

Chapter 103,485 wordsPublic domain

„Das besorgen die Betriebsgenossen schon selber.“ Sie setzten sich wieder. Und da Jürgen mit den Augen fragte, fuhr sie fort:

„So gewiß es ist, daß die Natur die Trennung der Menschen in Klassen, das heißt: die Verhunzung des Menschen durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung, immer wieder aufhebt durch das Hervorbringen körperlich und geistig vollwertiger Kinder bürgerlicher und proletarischer Eltern, so unzweifelhaft ergibt sich aus dem, was ist, daß die Trennung in Klassen auf bürgerliche und proletarische Kinder total verschieden wirkt.“

Unversehens war die Gefühlsschwere von Jürgen gewichen. Entlastet atmete er aus. „Was dem Bürgerkinde, das sich nicht anpassen will, geschieht, weiß niemand besser als du und ich“, sagte er, im Blicke tiefe Freude über die schwer errungene persönliche Befreiung. „Ein zeitlebens seelisch gefährdeter Mensch, Irrenhaus oder Selbstmord! Oder, bestenfalls, als Dreißigjähriger ein zuckendes Nervenbündel! ... Und für die anderen, für die übergroße Mehrzahl, für diejenigen Bürgerkinder nämlich, die den Kampf gegen die Umwelt sofort aufgeben, ist das Nichtmehrprotestieren, das Sichaufgeben, das Sichanpassen gleichbedeutend mit Bequemlichkeit, kampflosem Siegen, mit der uneingeschränkten Möglichkeit, sich zu bilden, mit glattem Emporkommen in eine bevorzugte Stellung, mit standesgemäßer Heirat, mit Reichtum, Macht, Geachtetwerden, kurz: mit dem vollen Genusse des Lebens ... Die geben ihr Ich hin, tauschen aber dafür alles ein, was das Leben bietet.“ Er schob den nicht ganz geleerten Teller auf die Seite.

Durch die rückwärtige Tür trat Katharinas Wirtin ein, stellte einen Krug voll Wasser neben das schmale Eisenbett. „Schläft der Genosse hier? Die letzte 54 ist nämlich weg ... Dann bringe ich die Decke.“

„Er schläft doch nicht hier“, sagte Katharina. „Nein, nein, er schläft nicht hier.“

Und Jürgen fuhr schnell fort: „Das Sichanpassen des Bürgerkindes wäre demnach gleichbedeutend mit dem vollen Lebensgenusse eines Angehörigen der herrschenden Klasse. Dieser Angepaßte ist dann zwar in keiner Weise mehr er selbst, ist eine Ich-Leiche, aber eine geachtete, mächtige, herrschende, die das Leben, wie es ist, mitbestimmt und dieses Leben genießt. Eine Leiche, die lebt und gut lebt! Von dieser Seite ist also gewiß nichts zu erwarten für die Befreiung.“

„Wenn aber die Umwelt“, sagte Katharina, „sich Kindern gegenüber sieht, denen sie, im Gegensatze zu den bürgerlichen Kindern, für das Sichanpassen nichts zu geben hätte als Not, Qual, Prügel in jeglicher Form, die Verweigerung aller Bildungsmöglichkeiten und des Lebensgenusses, nichts als Hunger, Kälte, Schmutz, Arbeitenmüssen für andere und Demütigungen auf allen Wegen? ... Das Proletarierkind, das geneigt ist, sich der Umwelt anzupassen, wird von der Umwelt selbst, wird durch die herrschende Klasse und deren Staat immer wieder in den Protest gegen die Umwelt zurückgestoßen. Dieser brutale, unaufhörliche Stoß verleiht und erleichtert dem proletarischen Kinde die Möglichkeit, etwas mehr von seinem Ich zu bewahren. Die Proletarier kommen aus dem Proteste nie ganz heraus, können folglich ihr Ich nie ganz verlieren und sind auch mit aus diesem Grunde als Klasse schöpferisch und dazu bestimmt, im Gange der Geschichte über die unschöpferisch gewordene bürgerliche Klasse hochzusteigen ... Aber erst in der klassenlosen Gesellschaft tritt dein Reines Ich auf den Plan, wird es jedem Einzelnen verstattet sein, er selbst zu werden und zu sein.“

Jürgen sah den Vierköpfigen, hob langsam den Kopf, empor aus dem Lauschen und seinen Vorstellungen, blickte, den Gedanken erst formulierend, Katharina an: „Auf der einen Seite also, in der kapitalistischen Gesellschaft, meinst du: ungeheuerlichste Ungleichheit in materieller Hinsicht und eine vielleicht noch ungeheuerlichere blödsinnige Gleichheit aller im Geistigen ...“

„Ja, und das wird Individualismus genannt.“

„... auf der anderen Seite, in der klassenlosen Gesellschaft: materielle Gleichheit für alle und infolgedessen, nicht wahr, infolgedessen im Geistigen absolute individuelle Verschiedenheit jedes Einzelnen von jedem Einzelnen. Jeder ein Reines Ich! Ein schöpferischer Mensch!“

„Und das wird die öde Gleichmacherei der Sozialisten genannt ... Zwischen diesen zwei Extremen liegt allerdings zunächst die Revolution.“

„Wie unsäglich wunderbar das sein wird: Die Seele, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und im Gleichgewicht in sich selber ruht.“

Beide schwiegen. In die Stille klang wieder das in sich erstickende Geschrei des Säuglings. Fernher tönten Pufferknall und die monotonen Rufe der Eisenbahnarbeiter, die einen Zug zusammenstellten.

Dieser Befreiungsversuch war ein herrlicher Seitensprung, dachte er stolz, lächelte gerührt, wie über eine teure Jugenderinnerung. Und trat in seinem Gefühle wieder ein in die Reihen der Millionen, die sich auf dem langen, generationenlangen Marsche befanden.

„Dein Zimmer – diese drückende Decke, das kleine Fenster – ist wie ein niederstirniges Gesicht“, sagte er, empfand plötzlich wieder Druck über dem Herzen.

„Ja, wir leben vergraben, geduckt, nur von uns selbst und der Idee beschirmt ... Bist du nun sicher, daß die Rechnung stimmt?“

„Das solltest doch du am ehesten begreifen, daß ich, da hinter mir nicht der materielle Druck stand, der die Massen klassenbewußt macht, zum Teil auch auf dem Wege über den Verstand zum Sozialismus kommen mußte. Das Gefühl war vorher, war ja immer da.“

„Wie wir einander wiederfanden, du und ich! ... Wie schön, wie wunderbar ist das!“

Da schlug das Glück durch ihn durch, legte Jürgens Hand um ihren Nacken. So stand er, Blick in ihrem Blick, nahe seine Lippen dem kleinen, festen Mund. Ihr Körper gab nach, antwortete frei.

Dann sagte Jürgen, halb fragend: „Wo ich heute nacht schlafen werde, bei wem, das weiß ich freilich nicht.“

V

„... und auch deshalb, damit Du nicht glauben solltest, ich sei verunglückt, ertrunken, ermordet worden (ich habe mich, im Gegenteil, vor dem Ertrinken, vor dem Erstickungstode gerettet), teilte ich Dir meinen Eintritt in die sozialistische Partei und den Entschluß mit, nicht mehr zurückzukehren.

Wie noch vor kurzem kein Mensch, und wäre er der klügste auf der Welt gewesen, mir hätte begreiflich machen können, daß ich nur durch diesen Schritt mein Dasein in Einklang zu bringen vermöchte mit den Tatsachen des Lebens, so könnte ich die Beweggründe dieses Schrittes auch Dir nicht begreiflich machen, so wenig wie Herrn Papierfabrikant Hommes, Geheimrat Lenz, Bankier Wagner, den Professoren, Studenten, Söhnen und Töchtern, das heißt: allen diesen klugen, gebildeten Menschen Deiner Kreise, für welche die sozialistischen Arbeiter Existenzen sind, die alles gleichmachen und verteilen, nichts arbeiten, sich täglich betrinken wollen, und diejenigen, die sich zu den Sozialisten gesellen, schwachsinnige Schwärmer, Narren oder Verbrecher, ja sogar Verräter an dem Ideale.

Wenn ich versuchen wollte, Dir zu erklären, daß der Sozialismus, über alles Materielle hinaus, auch eine gewaltige Kulturbewegung ist und verwirklicht werden muß, soll nicht die ganze Menschheit zugrunde gehen, müßte ich ein dickes Buch schreiben, und auch dann würdest Du nichts begreifen. Denn sogar Menschen meiner Wesensart vermögen die Größe und geschichtliche Notwendigkeit des Sozialismus erst dann ganz zu erkennen, nachdem sie den kleinen, aber entscheidenden Schritt, den Sprung gemacht haben – hinüber zur Arbeiterklasse, in ihr leben und zusammen mit ihr kämpfen.

Ich habe den Sprung gemacht. Gräme Dich nicht darüber. Glaube mir, liebe Tante, daß dies allein für mich die Rettung sein konnte vor dem furchtbarsten, dem geistigen Tode. Daß dies allein die Rettung sein kann für jeden.

Und glaube mir auch, daß ich, würde ich einmal wieder zurückkehren zu jenen, die mit Blindheit geschlagen sind und offenbar nur noch durch eine Art Staroperation sehend werden können, ein Verräter an mir selbst, Verräter an der Idee geworden wäre: ein verlorener Mensch, gleich allen Angehörigen der bürgerlichen Jugend, deren Tugenden durch die Erziehung in Schule und Elternhaus beschnitten werden auf das schickliche Maß, das ein gutes Fortkommen gewährleistet, und deren solchergestalt noch übrig gebliebener Idealismus auf der Universität von der tätigen Hingabe an die fließende Wirklichkeit vollends abgelenkt, mit falschen, überkommenen, erstarrten Inhalten gefüllt und dem Staate dienstbar gemacht wird, dessen Institutionen sich mit ganzer Wucht gegen diejenigen richten, durch deren Hände Arbeit die Existenz dieses Staates, Reichtum und Zivilisation des Landes und auch die Ausbildung der entselbsteten bürgerlichen Jugend, sowie deren ausschließliche Beschäftigung in den Bezirken des, wenn auch verfälschten, sterilgewordenen Geistes erst ermöglicht wird.“

Den letzten Satz strich Jürgen wieder weg und schickte den Brief an die Tante.

Er wohnte sei Monaten in dem Loch, das durch eine Tür mit Katharinas Zimmer verbunden war. Das windschiefe Fenster ging auf einen Rattenhof hinaus, in dem Küchenabfälle und allerlei Unrat seit Jahren faulten und stanken und tagsüber zwanzig Proletarierkinder an ihrer Welt bauten.

Katharina und Jürgen führten gemeinsamen Haushalt. Ein Anzug nach dem andern, die Uhr, die Hemden waren, auf dem Wege über das Pfandhaus, zu Holz und Kohle, Kartoffeln, Wurst und Brot geworden.

Seit dem Tage, da die Tante zum erstenmal den Namen Jürgen Kolbenreiher in Verbindung mit einer öffentlichen Arbeiterversammlung, gerichtet gegen den Papierfabrikanten Hommes, im Abendblatt gelesen hatte, eingepfeilt zwischen Schimpfworte, Hohn, Verleumdungen und verbrämt mit Bedauern für die hochachtbare alte Patrizierfamilie, die schon im 15. Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe, waren die Bittbriefe, des Inhaltes, Jürgen möge vernünftig werden, sich wieder darauf besinnen, was er sich selbst, seinem Stande und seiner Erziehung schuldig sei, ausgeblieben.

Durch den Streik der Papierarbeiter waren eine kleine Lohnerhöhung und für die stillenden Kartonnagenarbeiterinnen die Erlaubnis, ohne Lohnabzug dreimal täglich je fünf Minuten ihre Säuglinge befriedigen zu dürfen, erkämpft worden. Vier Streikposten, die in eine Schlägerei mit Polizisten und auswärtigen Arbeitswilligen geraten waren, saßen, verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, in Tateinheit mit Störung der öffentlichen Ordnung, noch im Gefängnis und zwei schwerverletzte Streikposten lagen noch im Krankenhause. Herr Papierfabrikant Hommes hatte eine Summe ‚Für wohltätige Zwecke oder sonstige Kulturbestrebungen‘ gestiftet.

Die Zeit ging hin. Jürgen hatte schon in vielen Versammlungen gesprochen. Leitete seit einem Jahre den Bildungskurs des Bezirkes, in dem er wohnte. In den Nächten schrieb er an einem Schriftchen: ‚An die bürgerliche Jugend‘. Denn auch jetzt noch stockte sein Herz, wenn er der Ereignisse gedachte, die ihn zum Schreiben dieses Aufrufes an die Jugend veranlaßt hatten.

Vor dem Staatsgebäude fünfzigtausend Proletarier, demonstrierend für die Forderung, daß es jedem freistehen solle, seine Kinder am Religionsunterricht in der Schule teilnehmen zu lassen oder nicht; vor den demonstrierenden Arbeitern die Polizeikette, und hinter den Polizisten, aufgerufen von den Professoren, die ganze studentische Jugend, demonstrierend für die Beibehaltung des Religionszwanges.

‚Mußte der Student denn nicht zusammen mit der Arbeiterschaft eintreten für die Freiheit des Gedankens, wenn er nicht sich selbst aufgeben wollte in seinem geistigen Bestande? Und was sind die Ursachen der Schande, daß er es nicht tat?‘

Suchend nach den Ursachen saß er an dem als Schreibtisch dienenden Küchentisch. Das Licht von links. Freute sich des Tages über das Licht von links und in den stillen Nächten an dem Gasarm, den er durch eine Rohrverlängerung mit Hilfe eines seiner Genossen über den Schreibtisch montiert hatte.

Wenn alles schlief und nur das Gaslicht summte, spielten im Hofe die Ratten, läutete fein das Glöckchen, das ein Proletarierjunge einer Ratte um den Hals gehängt hatte.

‚Und im Zimmer nebenan atmet Katharina, die ich liebe. Viel mehr Glück kann man vom Leben nicht erwarten!‘ Er berührte den Bleistift zärtlich mit den Lippen. Weil Katharina ihn vielleicht einmal in die Hand nehmen würde.

In diesen nächtlichen Stunden, da das Glöckchen in die Stille klang und die Sätze ihm gelangen, fühlte Jürgen sich und sein Ich organisch eingereiht in das Geschehen.

Der Staatsanwalt hatte gegen die drei jungen Genossen und Katharina, denen es damals gelungen war, durch die Polizeikette durchzuschlüpfen und, unter Hohn und Prügel seitens der Studenten, Flugblätter zu verteilen, Anklage erhoben, ebenfalls wegen Störung der öffentlichen Ruhe, in Verbindung mit Aufreizung zum Klassenhaß. Die drei hatten je sechs Monate Gefängnis bekommen und saßen schon. Katharina, deren Vernehmung und Schlußrede als Sensation von den Zeitungen abgedruckt worden waren, verbrämt mit Bemerkungen tiefsten Bedauerns für Herrn Geheimrat Lenz, sollte am nächsten Tage in das Gefängnis.

Jürgen schrieb bis in den Morgen hinein. Erst als er das Klappern des Waschgeschirres vernahm, klopfte er. Katharina war noch nicht angekleidet. Und wie beide, stehend, in der Umarmung verharrten, erhob sich in der Ecke Katharinas schmutziggelber, langhaariger Schnauz, schritt langsam herbei und blieb, als gehöre er zu allem, was geschah, dazu, vor ihnen stehen, den Blick zu Boden gerichtet.

Es war erst fünf Uhr. Schon fiel der erste Sonnenstrahl auf das Fenstersims, brach sich, huschte schräg an der Wand entlang und verfing sich in der Ecke.

Um acht Uhr mußte sie im Gefängnis sein. Sie saß, im Hemd, auf ihren Händen auf dem Bettrand. Der Schnauz war im Hofe bei den Ratten.

Später sprachen sie von anderen Dingen. Er solle sorgen, daß für die drei Genossen gesammelt werde. Des einen Mutter habe nichts zu essen, solange der Sohn im Gefängnis sei.

„Nach dem Examen nehme ich sofort eine Stellung an als Verwaltungsbeamter in einem großen Betriebe. Dann werden auch wir eine bessere Wohnung haben und regelmäßige Einkünfte. Und ich werde obendrein noch enger bei den Arbeitern sein als jetzt. Wir werden heiraten, um unnötige Scherereien zu vermeiden ... Überhaupt – ein Glück haben wir, ein Glück! ... Es wird ein Jahr vergehen, es werden fünf Jahre, zwanzig Jahre vergehen, und immer werden wir zusammen sein. Was wir alles erleben werden! Ungeheuer viel! Wir sind Lebensgefährten. Katharina, welch ein Glück! ... Sofort nach dem Examen nehme ich eine Stellung an.“

Katharina, die schon als Siebzehnjährige, anstatt Blumen malen zu lernen und für Buddha zu schwärmen, begonnen hatte, das Mehrwertgesetz und die Kapitalskonzentration zu studieren, sagte, wie er, der als linksgerichteter Sozialist bekannt sei, dessen Name schon oft in den Zeitungen gestanden habe, ernstlich glauben könne, in irgendeinem Großbetriebe angestellt zu werden.

„Nun, dann eben nicht!“ Sie blickten einander an, bis das selbe Lächeln in beider Gesichter entstand und sie wieder gleich auf gleich waren.

„Deine Augen, Katharina, ach, deine Augen!“

Wie unsagbar glücklich das eine Frau machen kann, dachte Katharina.

Auf dem Wege bis vor das Gefängnistor erlebten sie eine Stunde vollkommensten Verbundenseins, wie nur zwei Menschen es verstattet sein kann, deren Liebe vertieft ist durch die gemeinsame Hingabe an die selbe Idee. Sie schritten in ihrem Gefühle.

„Über alle Begriffe schön kann das Leben sein.“ In ausbrechender Freude schlug sie die Arme um ihn. Wandte sich, zog die Glocke. Und wurde von dem schwarzen Tore geschluckt.

„Wo ist die Einsamkeit? ... Ah, meine Herren, es gibt keine Einsamkeit. Nicht einmal eine Trennung!“ frohlockte Jürgen und ging an seine Arbeit.

Ob der Herr in Reichtum oder im Elend lebt, aus einem warmen Teppichzimmer in eines mit feuchten Wänden und verfaulendem Fußboden übersiedeln muß, ob er Erfolge erringt oder vom Leben Nackenschläge bekommt, hohe Ehren einheimst oder in Schimpf und Schande gerät – der Hund hängt seinem Herrn immer gleich an. So unvernünftig ist der Hund, dachte Jürgen. ‚Nur eines erträgt er offenbar nicht: getrennt zu werden von dem, dem seine Sympathie gehört.‘

Katharinas Schnauz, bisher ein ausgelassen heiteres Tier gewesen, hatte am zweiten Tage das unruhvolle Fragen eingestellt; er blickte Jürgen gar nicht mehr an, fraß nicht mehr, leckte manchmal etwas Wasser und kroch wieder in seine Ecke zurück. Jürgen mußte ihn gewaltsam füttern.

Der ‚Aufruf an die bürgerliche Jugend‘ war erschienen. Bei dem letzten Besuche, den Jürgen im Gefängnis machte, versuchte er, den Schnauz, der einzugehen drohte, mitzunehmen.

Der Gefängnisdirektor, der aussah wie ein auf der Schwanzflosse aufrechtstehender, schwarzer Fisch mit dickem Bauch und kleinem, rotem Kopfe, ein vollblütiger, fünfzigjähriger Mann, höflich und zurückhaltend, gab nach minutenlangem, von bedauerndem Achselzucken und erschrecktem Augenaufschlagen begleiteten Erklärungen und Fragen, zwischen die er eine Serie korrekten Lächelns gleichmäßig verteilte – Lächeln nicht eines harten Gefängnisdirektors, sondern eines Menschen mit Herz und Gewissen, der aber leider an Pflicht und Gefängnisordnung gebunden ist –, schließlich die Erlaubnis zur Mitnahme des Hundes. Beugte sich plötzlich herab und tätschelte wehmütigen Mundes das Tier. Und dann kam, als sei er schon zu weit gegangen und Jürgen schon zu lange im Direktionszimmer geblieben, unerwartet schnell die knappe Verbeugung und sofort ein Lächeln wehmütig in die Wangen zurückgezogener Mundwinkel. Und sofort wieder das erschreckte Augenaufschlagen.

Jürgen war, wie er mit dem Schnauz die abgetretene Steintreppe hinaufstieg, der festen Überzeugung, daß der Gefängnisdirektor früher oder später ins Irrenhaus kommen werde.

Im Stocke stank es scharf nach Abort. Die Wärterin – lippenloser, strichdünner Mund im festen Gesicht – schloß eine Tür auf. Sie schritten durch einen großen Saal, in dem zwanzig zweimeterbreite, dreimeterlange und zweimeterhohe, engmaschige Drahtgitterzellen nebeneinander standen. Dazwischen die Gänge, wie in einer Menagerie. In jeder Drahtzelle eine Gefangene. Frauen, junge Mädchen und, gleich bei der Eingangstür, in zwei nebeneinanderstehenden Käfigen je eine Siebzigjährige. Alle in grauen Leinensäcken. Der Raum zwischen den gleichhohen Zellen und der Saaldecke war leer.

Einige Gefangene schritten auf das Leben zu: drückten die Gesichter gegen das Drahtgeflecht. Blickende Augen. Eine Siebzehnjährige mit verwüstetem Gesicht lockte mit Zeigefinger und Daumen und sagte zweimal: „Schnauzel!“ Der Schnauz wedelte mit dem Schwanzstumpf.

„Den ganzen Tag macht sie sichs“, rief die Siebzigjährige der Wärterin nach. „Immer hat das jung Luder die Finger unterm Rock.“

Sie schritten durch die entgegengesetzte Tür hinaus, in einen langen Gang, an dessen Ende rot ein Gaslicht brannte. Links und rechts: Zellentür neben Zellentür, jede mit einem Beobachtungsfenster.

Schon als die Wärterin den Schlüssel suchte, stellte der Schnauz die Vorderpfoten gegen die Zellentür. Sein Maul öffnete sich, die Zunge erschien, Spitze nach oben gebogen.

Wimmernd schlüpfte er, durch die Beine durch, voran. Und es wäre Katharina unmöglich gewesen, ihn nicht zuerst zu begrüßen. Denn seine Liebe war stürmischer. So stürmisch, daß er unter Katharinas Liebkosungen nicht lange stillhalten konnte, sondern hin- und herrasen mußte, von der Fensterwand zur Zellentür, beim Wenden jedesmal ausglitschend auf dem glatten Betonboden.

Sogar der strichdünne, lippenlose Mund ließ Zähne sehen.

Sie hatten einander nur die Hand gereicht. Setzen konnte Jürgen sich nicht. Die Pritsche blieb tagsüber an die Wand geschnallt.

„Heute war bei mir, hergeschickt natürlich von meinem Vater, der Irrenarzt.“

Die Wärterin stand bei der Tür, ohne sich anzulehnen, blickte blicklos.

„Das ist so zu verstehen, daß meinem Vater eine geisteskranke Tochter lieber wäre als die Schande, eine Sozialistin zur Tochter zu haben ... Ich ging auf das Gerede gar nicht erst ein, schickte ihn gleich wieder fort, was ihn natürlich auch nicht von meinem Gesundsein überzeugte.“

Der Schnauz hatte sich etwas beruhigt. Er lag, offenen Maules atmend, die Vorderpfoten vorgestreckt, blickend auf den Betonboden, überzeugt, daß seine Leiden nun zu Ende seien: er hierbleiben oder Katharina mitgehen werde. Auch sie steckte in einem grauen Leinensack, etwas kleidsamer gemacht dadurch, daß sie die Bluse beim Hals eingeschlagen hatte.

Bei dem ersten Tone, den die Wärterin sprach, erhob sich der Schnauz und bellte. Die Versicherungen Katharinas, daß sie in einer Woche kommen werde, nützten nichts. Der Schnauz stemmte sich mit allen Vieren und mußte so von Jürgen hinausgeschleift werden.

„Das ist nicht erlaubt.“ Die Wärterin deutete auf den schwachen Schatten, durch dessen Vorhandensein das Vorhandensein von Brüsten vermutet werden konnte. „Immer wenn der zu Besuch kommt – diese Dummheit!“

Katharina nahm den Einschlag heraus, so daß der Sack wieder rund um den Hals anschloß.

„Sie können es gar nicht erwarten, was! ... Direktor melden“, hörte Katharina noch. Die Tür fiel ins Schloß.

Schon überquerte Jürgen den Hof, halb springend, um noch vor Ablauf der Besuchszeit die Männerabteilung zu erreichen. Blieb aber plötzlich stehen: Durch das Tor rollte, gezogen von zwei schweren Pferden, ein auch oben zugebretterter Kastenwagen, aus dem rückwärts ein starkes Gestänge ragte, gleich einem Stück Eisenbahngleis, stabilisiert durch ein eisernes Querstück an der Stirnseite. Der Fuhrmann pfiff. Der Wagen rollte durch das sich eben auftuende zweite Tor in den Hof der Männerabteilung und weiter durch das dritte Tor in den Zuchthaushof, in dem am nächsten Morgen eine Hinrichtung stattfinden sollte.

Sekündlich hatten alle Empfindungen Jürgens Körper verlassen. Er wollte die Genossen mit seinem Zustand nicht zu belasten, umkehren, konnte aber nichts wollen. Selbsttätig trugen die Beine ihn weiter, der Tür zu.

So schritt er, in den Knien kraftlos, zusammen mit zwei Wärtern, die eine Art Tragbahre, beladen mit mehr als hundert Weißblechschüsseln, schleppten, den Gang vor.

Der Wärter, der Jürgen führte, ein großer, alter Mann, der, im Rücken gebogen, mit jedem knieweichen Schritt, den er tat, müden Blickes auf sein Leben zu treten schien, schloß wortlos die Zellentür auf und gleichzeitig reichte wortlos ein Essenträger die verrostete Blechschale Jürgens jungem Genossen, der den Inhalt, eine schwarze Brühe, wortlos in den Abortkübel goß. Die Brotscheibe legte er auf den Klapptisch.

„Das Zeug zu saufen hat gar keinen Wert.“ Er geriet beim Erblicken Jürgens sofort in Erregung. „Die Brüh soll das Abendessen vorstellen. Mittags gibts einen Mansch, den du frißt, weil du mußt. Und morgens die selbe Zichorienbrüh und auch ein Stück Brot. Das ist alles.“

„Sie dürfen nicht über das Essen schimpfen zu einem Besuch.“

„Ein paar Monate hältst du das ja aus. Aber da sind viele ...“

„Wenn Sie davon weitersprechen ...“

„... die schon lang sitzen und noch viele Jahre sitzen müssen.“

„... muß der Besuch sofort raus aus der Zelle.“

„Die, also die müssen verhungern. Die müssen glatt verrecken. Du machst dir keinen Begriff, Genosse, wie die Leute aussehen.“

„Sie haben zu schweigen jetzt!“

„Darüber mußt du in unserer Zeitung schreiben, Genosse!“ rief er Jürgen nach, der die Nummern der Zellen nannte, in denen seine zwei anderen Genossen waren. Der Wärter schritt schon auf die Treppe zu. „Die Besuchszeit ist vorbei.“

Der grüne Wagen, in dem die Gefangenen vom Polizei- und vom Untersuchungsgefängnis in das ständige Gefängnis überführt werden, war eben angekommen. Zehn Verurteilte, Frauen und Männer, standen in dem Bureauraum, wo die Personalien aufgenommen wurden. Die Gefangenen mußten ihre letzten Habseligkeiten abgeben, die männlichen auch ihre Hosenträger abknöpfen. Wärter schleuderten den Gefangenen die graue Anstaltskleidung in die Arme. Gesprochen wurde nichts.