Part 23
„Aber nein! Das heißt, ich freue mich natürlich sehr, Sie zu sehen, Herr Kolbenreiher ... Beruhigen Sie sich! Bleiben Sie hier! Nur Ruhe!“ rief er beschwörend Jürgen zu, der ruhig lächelnd zurückblickte.
Der patschnasse Dackel kam, die Leine hinter sich herschleifend, angerast, bellte vorwurfsvoll an dem geschlossenen Tor hinauf und drückte sich, auf der Hinterbacke sitzend, Vorderpfoten aufgestellt, gegen die Mauer, blinzelte unzufrieden in den noch mit schwarzblauen Wolken verhängten Himmel. Rasch hintereinander krachten zwei Donnerschläge.
„Was kostet jetzt der Aufenthalt in Ihrem Hause, mit voller Verpflegung?“
„Das richtet sich nach der Lage und Einrichtung des Zimmers. Sozusagen nach der Klasse. Dreierlei Preise!“
„Wie bei der Eisenbahn!“
„Wir berechnen Ihnen den Aufenthalt und selbstverständlich auch die Behandlung so kulant wie möglich. Sie wollen und werden ja auch wieder gesund werden.“ Der Arzt nannte die Summen.
„Und lebenslänglich?“
„Das verbilligt die Sache allerdings noch erheblich.“
„Dann am besten lebenslänglich, was?“
„Sehr vernünftig!“
„Nicht wahr! ... Sind viele Kranke hier?“
„O, ganz besetzt! Sehr interessante Patienten!“
„Und alle nicht bei sich?“
„Dies allerdings dürfte für alle so ziemlich zutreffen, im großen ganzen ... So kommen Sie doch schon her!“ rief er dem Oberwärter zu.
„Ich wollte, Herr Doktor, ich wollte diese Mauer, diese hohe Mauer, mir nur einmal von innen ansehen. Ich danke schön. Guten Tag, Herr Doktor“, sagte Jürgen, kehrte um und schritt zum Tore hinaus.
„Entronnen!“ Auf der Brücke zog er den Revolver und ließ ihn senkrecht hinunterfallen in das Wasser. „Entronnen!“ In den Schultern fühlte er das Leben und die Kraft zu neuem Anfang.
Jürgen fuhr mit der Straßenbahn bis zur Endstation, erreichte Minuten später die Haustür. Sie war nur angelehnt.
„Ja, was denken Sie! Die ist nie zuhaus“, sagte Katharinas Wirtin. „Jetzt ist das nicht mehr so wie früher. Jeden Tag Versammlungen! Und dann noch in die Redaktion. Jetzt erscheint die Zeitung ja täglich. Und wenn sie ja einmal da ist, sitzt sie gleich die halbe Nacht an der Schreibmaschine. Jetzt gibts viel Arbeit. Ein Buch schreibt sie auch. So dick! Das soll gedruckt werden.“
Ein volles Bücherregal nahm die ganze Längswand ein. Auch ein Teppich verschönte das Zimmer. Auf dem Tische lag ein gedruckter Handzettel: Die Aufforderung zum Besuche der heutigen Massenversammlung im ‚Paradies‘.
Gegenüber dem ‚Paradies‘ standen zwei Schutzleute, unter dem Eingangstor drei Arbeiter, die sich lebhaft unterhielten, und neben einem Stoße Broschüren ein vierzehnjähriger Knabe, der sicheren Blickes auf Jürgen zuschritt: „Der Kampf um den Sozialismus!“
Jürgen kaufte die Broschüre. „Wer spricht heute Abend?“
„Meine Mutter: die Genossin Lenz.“
‚Halt! Halt! Das ist zu viel, zu viel Glück, zu viel Glück.‘ Bebend blickte er auf Katharinas Sohn, der äußerlich ganz und gar so aussah, wie der Gymnasiast Jürgen, der vor dem Buchladen gestanden und nicht den Mut gehabt hatte, einzutreten und die Broschüre zu kaufen.
Mit den drei Arbeitern trat Jürgen in den Saal, schloß leise die Tür. Fernher klang in die Stille die Stimme Katharinas.
Werke von Leonhard Frank
DIE RÄUBERBANDE
Roman 20. Tausend
Im Insel-Verlag, Leipzig
DIE URSACHE
Roman 20. Tausend
Im Insel-Verlag, Leipzig
DER MENSCH IST GUT
Gebunden. 25. Tausend
Rascher-Verlag, Zürich
Volksausgabe: 80. Tausend
Kiepenheuer Verlag, Potsdam
Copyright by DER MALIK-VERLAG, Berlin 1924 Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks und der Übersetzung, vorbehalten. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Der Verfasser hat offenbar Absatzumbrüche mitten in Sätzen, meist vor dem Wort _während_, absichtlich eingefügt, zum Beispiel auf Seite 204, Seite 250 oder Seite 310. Dies wurde belassen wie in der Druckvorlage.
Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.