Der Bruderhof

Part 11

Chapter 113,815 wordsPublic domain

Sie gingen leise auf dem grasigen Wegrain weiter. Plötzlich blieb das Mädchen wieder stehen, sah nach dem wüsten Hofe, der sich so scharf von dem Silber der Nacht abhob und sagte: „Ich meine, Vater, wir müßten den Stern finden, wenn wir ihn suchten, so deutlich habe ich ihn fallen sehen.“

Drewes schüttelte den Kopf und lächelte. „Sterne, Kind, findet man nicht, Sterne sieht man nur. Sie zeigen nur an, wo wir einst hinkommen sollen.“

Als sie vor ihrer Haustür standen, huppelte Oppermann die Straße herauf. In der Annahme, daß er sie schon gesehen haben könnte, warteten sie, bis er vorüber kam.

Oppermann stutzte und rief: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“

„Und ich auch!“ antwortete Drewes, der die Geistersagen eben so gut kannte wie jener.

„Von twölwe bet einen sind alle Geister te Beinen,“ rief Oppermann wieder und blieb in drolliger Scheu stehen.

„Habe nur keine Bange, Hanorg,“ lachte Drewes, „wir sind trotz der Stunde keine Geister, sondern leibhaftige Menschen.“

Nun kam er herzu. „Es ist so recht eine Nacht für die guten Geister,“ sagte er und verwunderte sich nun doch, die beiden noch vor ihrer Tür zu sehen.

In aufgeräumter Stimmung entgegnete Drewes: „Wir hörten so ’ne eigentümliche Vogelstimme da drüben im Felde, davon wachten wir auf, und da ’s so ’ne schöne Nacht ist, sind wir aufgestanden und ’mal ’n bißchen vor die Tür gegangen.“

Oppermann, der in dieser Nacht viel trockener war als an jenem Martinitage, guckte bedächtig ins Feld, horchte und meinte, es könnte am Ende gar der Nachtrabe gewesen sein, der mit eisernen Flügeln über die Siebenberge geflogen käme. Davor sollten sie sich aber nur in acht nehmen, denn der Nachtrabe wäre schon manchem Menschen ans Leben gegangen.

Sophie schüttelte sich. „Ist das wirklich wahr, daß es einen Nachtraben gibt?“ fragte sie und steckte die Hände unter die Schürze.

„Komm denn man lieber ’n bißchen ’rein, Hanorg, und trink ’n Schluck und iß ’n Häppchen!“ nötigte Drewes.

„Das ist’n Ding, das läßt sich tun,“ sagte Oppermann und schob sich das Horn auf den Rücken. „’s wär ja auch noch ein gutes Viertelstündchen hin, bis er ’s zweite Geistersignal zu geben hätte,“ meinte er und hinkte zwischen Vater und Tochter hinein.

Als er den ersten Schluck getan hatte, nahm er zuerst Sophies Frage wieder auf. „Ob das wirklich wahr ist? Laß dir ’mal vom alten Dehne erzählen, wie es einem Schäfer, der an den Siebenbergen hütete, ergangen ist! Der hatte in einer Nacht nicht schlafen können, sich daher ’ne Pfeife angesteckt und vor die Hütte gesetzt, die neben der Hürde stand. --

Ruuusch, -- ruuusch -- -- -- krah -- krah -- krah geht’s da auf einmal in der Luft, und als er aufsieht, kommt etwas Grausiges von den Siebenbergen hergeflogen, näher und näher und immer niedriger, immer niedriger, und die eisernen Flügel schlagen, daß es nur so siehst und saust. Der Schäfer hatte gerade noch so viel Zeit, daß er sieben Hürden über sich werfen konnte. Krach -- bums -- kraatsch--sch--sch -- -- -- und eine Hürde nach der andern zersplittert unter den Flügelschlägen wie ’n Kinderspielzeug. Die siebente aber, unter der unser Schäfer in Todesängsten lag, widerstand und blieb heil, denn sie war von Kreuzdornholz gemacht, und das war dem Schäfer sein Glück, sonst wäre er hin gewesen.“

Sophie stand erst ganz still und mit großen, glänzenden Augen da, machte dann aber eine resolute Bewegung, als schüttele sie etwas ab und ging eilends vor den Brotschrank.

„Ich glaube gar nicht, daß der Nachtrabe ein wirklicher Rabe ist, daß er überhaupt ein Körper ist und eiserne Flügel hat,“ sagte sie und setzte Brot und Wurst auf den Tisch. Sie sann und meinte: „Ich glaube, der Nachtrabe ist die Schuld, die den Menschen verfolgt. Liegt einem was auf ’m Gewissen, sieht er leicht Nachtraben. Der Schäfer wird wohl kein gutes Gewissen gehabt haben.“ --

Die Männer sahen das Mädchen an und dachten ihren Worten sichtlich verwundert nach.

„Ich meine,“ fing sie wieder an, „wer ein gutes Gewissen hat, dem kann der Nachtrabe nichts anhaben, der steht in Gottes Schutz.“ Und als wollte sie ihre Meinung dadurch bekräftigen, schob sie die Blumentöpfe auseinander und das Fenster ein wenig auf, sodaß ein frischer Hauch in die schwüle Stube strömte.

„Aber wo ist ein Mensch, der ein so gutes Gewissen hätte, daß er’s ruhig auf alle Geheimnisse der Nacht ankommen lassen möchte?“ sagte Oppermann und trank und nahm ein Bröckchen Brot. „Wenn du zusiehst, kannst du an jeder Blume einen Fehler finden. Kein Himmel ist ohne Wolken, und kein Mensch ist so rein und frei, daß er nicht den Kreuzdorn brauchte.“

„Das ist wahr,“ sagte Drewes bedachtsam und nickte und schnitt und nötigte und schob Oppermann die Wurst hin, da er sich noch immer mit einem Bröckchen Brot begnügte.

Vom Felde her tönte jetzt eine seltsame, fast kreischende Vogelstimme.

Oppermann horchte auf.

„Das ist ’n Rebhuhn,“ sagte das Mädchen.

Oppermann machte ein bedächtiges Gesicht. „Wer weiß! des Nachts traue ich keiner Vogelstimme. Das triliert wie ’ne Lerche, wispert wie ’n Hänfling, schreit wie ’n Huhn, krächzt wie ’n Rabe und ist doch am Ende kein andrer als der Vogel Unrecht.“

Sophie lachte, sah aber dem Alten doch forschend ins Gesicht, der das Glas wieder hinsetzte und erzählte:

„Da ist auch mal einer gewesen, der nicht recht getan, es aber gut zu verheimlichen gewußt hatte. Und das Unrecht quälte ihn so, daß er in der Verzweiflung hinging und sich erhängte. Aber als ihn einer abschnitt, flog er als ein kleiner schwarzer Vogel davon und schrie immerfort: „Unrecht! Unrecht!“ Und da er keinen Zweig finden kann, so fliegt er noch immerfort, und wer um Mitternacht über den Roten Berg oder über die Siebenberge kommt, kann sich darauf gefaßt machen, daß er ihn hört. Da ist denn der Großvater vom Schuster Eilers mal in der Nacht von Alfeld hergekommen, und als er schon lange über Sack ’rüber ist, schreits auf einmal: „Unrecht! Unrecht!“ -- daß ihm die Haare zu Berge stehen. Und mit einem Male setzt sich ihm ein schwarzes kleines Vögelchen auf die Schulter, das wird immer größer, immer größer und immer schwerer, immer schwerer, bis es der alte Eilers nicht mehr tragen kann und unter der Last zusammenbricht.“ -- -- --

Die Uhr hob aus und schlug eins. Darum trank Oppermann schnell sein Glas leer, zog sein Horn herum und huppelte, ein Bröckchen Brot noch in der Hand, geschwind hinaus.

„Nun geh zu Bett, Kind,“ sagte Drewes, „ich denke, es wird alles gut sein. Vergiß ’s Beten nicht, Kind, daß der liebe Gott uns vergibt, was wir Unrechtes getan haben.“

Sophie konnte von ihrem Kammerfenster nach dem wüsten Hofe hinüber sehen. Und sie stand noch lange am Fenster. Wie er so still und sternenumrankt da lag! Und ganz mutterseelenallein schläft er darin. Ach Gott, wie sie froh war über den Stern! Sie fühlte es heißer und tiefer denn je: Nirgends anders in der Welt war ihr Platz, ihr Morgen und ihr Abend; nur unter jenem Dache wollte sie sein und bleiben, -- oder da drüben, wo die Kreuze ragten.

Sie hatte schon die Hand an den Fensterschieber gelegt, zuckte aber scheu zurück. Nicht den Nachtraben mit den großen eisernen Flügeln fürchtete sie, obgleich das grausige Bild ihre Seele nicht unberührt gelassen hatte; aber das kleine schwarze Vögelchen kam ihr eigentümlich stark vor die Sinne, so daß sie es auf einmal ganz deutlich zwischen den Bäumen hin- und herfliegen sah. Wie sie auch ihre Vernunft anspannte und ihre Augen ablenkte, sie sah es immer näher heran fliegen und immer größer werden. Ja, als wäre es schon durch die geschlossenen Fenster hereingekommen, fühlte sie nun auch seine übergewaltige Schwere und Wucht. Nicht auf ihrer Schulter saß es, sondern auf ihrer Brust, daß sie kaum noch atmen konnte. Und wie es schrie: „Unrecht! Unrecht!“ Und wie es schrie: „Steffen! Steffen!“

Sie wankte nach dem Bette und preßte ihr Gesicht auf das Kissen. „Das kleine schwarze Vögelchen ist meine Schuld!“ stöhnte sie und begann bitterlich zu weinen.

Der Mond schien hell in ihre Kammer, und als sie sich wieder erhob, fiel ihr Blick auf den Heiland am Kreuze. Sie sank auf ihre Kniee und betete inbrünstig: „Und vergieb uns unsere Schuld“ -- und schloß ihr Gebet: „Lieber himmlischer Heiland, ich kann ja nicht anders!“

Aber als sie endlich schlief, kam das Vöglein dennoch wieder und lag bis an den hellen Morgen schwer auf ihrer Seele.

Sechzehntes Kapitel.

Als in Drewes Baumhofe die Rötchenäpfel wieder pflückreif geworden waren, sah man eines Nachmittags Marten hoch im Wipfel, während Sophie unten an der Leiter stand und still lächelnd in den Baum hinaufblickte.

Die Leute, die hinter der Hecke herauf oder herunter kamen, guckten mehr oder weniger überrascht und verwundert herüber, riefen etwas Lautes nach dem Baume, oder sprachen etwas Leises vor sich hin. Der lahme Oppermann, der auch vorüberhumpelte, legte sich mit beiden Ellbogen breit auf die Hecke und sagte: „Aha!“ Da hob Drewes braune Kuh, die unter den Apfelbäumen graste, den Kopf und antwortete: „Ahu!“ „So, so,“ sagte der Swän, nickte und lachte und sang im Weitergehen:

„Gestern abend auf der Bleiche, Was mußt’ ich da seh’n? Da tanzte mein Schätzchen Und ließ mich da steh’n. Es gedacht mir zu trotzen, Ich macht’ mir nichts draus; Ich nahm mir ’en andern, Der bracht mir nach Haus.“ -- -- --

Als Marten mit dem gefüllten Laken wieder die Leiter herabstieg, kam die Totenkathrine an der Hecke vorüber. Sie blieb stehen, sah mit kalten Augen nach dem Apfelpflücker und wartete erst eine ganze Weile; dann fragte sie: „Wißt ihr noch nicht, wo Steffen ist?“

„Nein!“ rief Marten scharf und setzte hinzu: „Du könntest es eher wissen, du bist doch mit den Toten gut daran!“

„Die Kette auf meiner Diele hat noch nicht gerintschelt, und die weißen Laken haben sich noch nicht gerührt,“ gab sie zurück, ging weiter, blieb wieder stehen und sagte: „Wenn ich aber die Toten frage, so antworten sie: ‚+Hopedat starwet sau lichte nech.+‘“[32] Sie schüttelte den Kopf, rief: „So ’n guter Mensch, wie der war!“ und bog um die nächste Hausecke. --

Als wieder Martini war, gab es in den beiden Häusern hüben und drüben überm Bache ein gar emsiges, aufgeregtes Hasten und Hantieren. Meister Drewes rumorte schwitzenden Angesichts in den Stuben und Kammern herum; die Frauen oder Mädchen aus dem Dorfe brachten Milch und süßen Rahm, und unter ihren andeutungsvollen Scherzen lief Sophie oft mit hochgeröteten Wangen nach dem Backhause des Nachbarhofes, von wo sich bald ein lieblicher Kuchenduft ums Haus verbreitete.

Der eigene Backofen unterm Küchenherde war den Anforderungen des heutigen Tages nicht gewachsen.

Bei den Eichen standen zwei schmucke Burschen mit Bändern an Mütze und Brust und geladenen Karabinern in den Händen. Sie schauten die Straße hinauf und horchten auf ein rasch sich näherndes Wagenrasseln und Pferdetrappeln.

Marten war noch nicht von Bodenburg zurück. Aber jetzt sauste sein Gefährt um den Heckenhorst beim Dorfeingange. Die Peitsche knallte, und die Funken stoben. Er hatte den Meierzins auf Heller und Pfennig entrichtet, die Heiratsgebühr, die „Bedemund“, prompt bezahlt und drei Säcke voll des proppersten Kornes abgeliefert, mehr, als er zu diesem Zeitpunkte nötig gehabt hätte. Das hatte dem gnädigen Herrn gefallen, und Marten kehrte zurück in dem Bewußtsein, daß er sich seines besonderen Wohlwollens versichert halten dürfe.

Die beiden Burschen empfingen ihn mit krachenden Schüssen und gellenden Juhuschreien und schwangen sich zu ihm auf den Wagen.

Sophie winkte aus der Tür, die Leute riefen aus den Fenstern, die Gänse schrieen, und Marten winkte lachend mit der Peitsche.

Auf der Despebrücke begegneten dem Wagen fünf Musikanten, die im Nachbardorfe bestellt waren, lauter bäuerliche Gestalten mit lustigen, verschrobenen Gesichtern. Flugs stellten sie sich vor den heimwärts strebenden Gäulen auf, um sofort eins zum besten zu geben; sie spielten einen Galopp und spielten ihn aus Leibeskräften, so daß die Gäule sich hoben und jung und alt aus den Häusern stürzte, um vor den Türen zu galoppieren.

„Truderittchen, Krieg dat Mäken bi de Fittchen!“

krächzte der lahmbeinige „Swän“ und erwischte die Totenkathrine, mit der er Wand an Wand wohnte. Er packte sie feste und hopste mit ihr kurzlang über die Diele und aus der Haustür heraus. Sie schalt und wehrte, lachte und hustete und schlug, daß die Leute, die vorüber kamen, sich bogen und vor Lachen schüttelten. Als sie ihm dann doch entwischt war, stützte er die Hände auf die Knie und schnob und keuchte und sang in abgerissenen Tönen:

„Dat miene Fru nich danzen kann, Dat makt dat lahme Been“ -- -- --

Die Musikanten begleiteten den Wagen nach dem wüsten Hofe, stärkten sich hier an einem Kruge Branntewein und führten den Bräutigam alsdann mit schmetterndem Galopp ins Brauthaus, vor dessen Tür die Jugend des Dorfes, getreu nach dem alten Sprüchlein „je mähr Pötte, je mähr Glücke“, schon so viel alte Töpfe und Krüge zerschmettert hatte, daß man fast über einen Berg voll Scherben klettern mußte.

Als die Dämmerung kam, sammelten sich unter der alten Linde am Tie, in der noch die Nägel steckten, die Marten vor dem Tode seines Vaters hineingeschlagen hatte, sechs junge Mädchen, die in ihrer Mitte einen mit bunten Bändern geschmückten Spinnrocken hielten. Sie sahen nach dem Brauthause aus, über dem sich feine Wölkchen kräuselten, und sangen:

„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter, Ich geb dich en neuen Rock.“ Ach ja, meine liebe Mutter, Die hab ich zehn Schock. Ich kann ja nicht spinnen, Mir schwört ja mein Finger Und tut mir so weh.

„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter, Ich geb dich en neuen Tuch.“ Ach ja, meine liebe Mutter, Die hab ich genug. Ich kann ja nicht spinnen, Mir schwört ja mein Finger Und tut mir so weh.

„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter, Ich geb dich en Bräutigam.“ Ach ja, meine Liebe Mutter, Der steht mir wohl an. Ich kann ja schon spinnen, Mir schwört ja kein Finger Und tut mir nicht weh!

Als sie aufhörten, setzten unten auf dem Wege die Musikanten ein, in deren Gefolge das Brautpaar mit den Polterabendgästen nach der Linde zog.

Die Brautjungfern unter der Linde gingen dem Zuge etliche Schritte entgegen, verneigten sich vor der Braut und überreichten ihr feierlich die Brautdieße.

Sophie dankte den Jungfern und wandte sich, während die Musik wieder einsetzte, freudestrahlend ihrem Bräutigam zu, um mit ihm den Tanz um die Linde zu beginnen. Sie behielt dabei die Dieße in der Hand und durfte sie auch bei den weiteren Tänzen, die sie tat, nicht aus der Hand lassen. Denn so wollte es der alte Brauch.

Aber eine schwere Regenwolke, die über das Dorf hinging und fast den Wipfel der Linde streifte, machte dem Tanzen ein jähes Ende. --

Eine sausende Nacht war vergangen, ein trüber, „schlackeriger“ Morgen gekommen. Durch die kahlen Bäume ging ein tiefes Rollen und Rauschen. Am Himmel zogen graue, schwere Wolken, und zeitweise prasselte ein Regenschauer hernieder.

Mutter Drewes seufzte, sah immer wieder nach den Wolken und jammerte: „Ach, Kind, das ist kein gutes Hochzeitswetter!“

Aber sie hatte nicht viel Zeit zu klagen. Die Hochzeitsgäste trafen rasch nach einander ein, mußten bewillkommt und bewirtet werden, da konnte sie an nichts anderes mehr denken.

Die Werkstatt war bis auf das Unverrückbare gänzlich aus der Stube verschwunden, eine lange Tafel, -- frische Buchenbohlen, mit weißer Leinwand überdeckt --, ging durch die ganze Stube, und die Helferinnen des Hauses trugen große weiße Kümpfe auf, denn die eintreffenden Gäste mußten der Sitte gemäß zunächst mit „kalter Kaschale“[33] bewirtet werden. Für die Kinder war in der ausgeräumten Kammer, deren Tür offen stand, eine gleiche Tafel hergerichtet.

Unter den Gästen war auch ein alter Bauer aus dem Braunschweigischen, der Halbhufner Drewes. Der winkte mit seinem großen, breitkrämpigen Hute und rief: „Ist denn kein Korn im Hause?“

Die Frauen rannten und brachten eine mit schönem, reinem Roggenkorn gefüllte Mulde herbei, und der Braunschweiger schlug seinen weißen Mantelrock mit den großen gelben Knöpfen auseinander, daß alles rot leuchtete, nahm eine gehörige Hand voll, streute sie mit kreuzenden Bewegungen über den Kopf der Braut und sagte: „Daß dir Korn und Kinder in Hülle und Fülle wachsen mögen und du niemals Mangel leidest am täglichen Brote!“ --

Die alten Pistolen und Karabiner krachten, die Mädchen verteilten Rosmarinzweige, und als das „erste Schauer“ läutete, wurde allgemach mit der Vorbereitung zum Traugange begonnen.

Nach dem Herkommen mußte die ganze Hochzeitsgesellschaft in zwei Züge geordnet werden: in Brautzug und Bräutigamszug. Der Brautzug, den die Frauen und Mädchen bildeten, wurde geführt von Vater Drewes, als dem Brautvater. Er war der „Leier“ (Leiter), wie man sagte. Der Bräutigamszug, der sich aus den Männern und Burschen zusammensetzte, wäre demgemäß vom Bräutigamsvater zu führen gewesen, an dessen Stelle nun Martens Ohm trat, ein Bauer von der andern Seite der Siebenberge.

Auch die Musikanten teilten sich, um zur größern Hälfte dem Brautzuge und zur kleinern dem Bräutigamszuge voran zu marschieren.

Für die Reihenfolge auf dem Hinwege zur Kirche galt die alte Regel:

„Je näger der Briut, Je wegger hinderriut.“[34]

Es läutete das „zweite Schauer“, -- und mit lieblich gerötetem Gesicht trat die Braut unter die Gäste: in schwarzem Tuchkleide, weißer Schürze und weißem Mulltuch, gekrönt mit dem Myrtenkranze, von dem hinten zwei handbreite seidene „Fleier“[35] bis auf den Kleidsaum herabhingen; in der Hand den Zitronenstrauß[36] mit herabhängendem weißen Taschentuche.

Der Bräutigam, in schwarzem Tuchrock, seidener Weste und großem Zylinder, einem Sträußchen von Rosmarin und Myrten auf der Brust, trat ihr feierlich entgegen, reichte ihr die Hand und kehrte wieder zu der Männergruppe zurück.

Es läutete das dritte Schauer, -- und von Stolz und Rührung fast überwältigt, stellte sich Vater Drewes an die Spitze seines Zuges; er schritt unmittelbar vor der Braut her.

Die Musikanten schmetterten den Hochzeitsmarsch, die Burschen schossen ihre Karabiner ab, die Brautjungfern blickten züchtig darein, und so bewegten sich die beiden Züge an den alten Eichen vorüber der Kirche zu.

Weiber, Männer, Kinder aus dem Dorfe, die nicht zur Hochzeit geladen waren, standen neugierigen Auges am Wege, oder sie hatten sich auf dem Kirchhofe, nahe der Kirchentür versammelt, um sich von hier aus mit dem Zuge in die Kirche zu drängen.

Bei der Kirchhofspforte wechselten die Musikanten ihr Stück und bliesen jeden Zug für sich einmal um die Kirche herum. Sie hielten aber die Schallöcher ihrer Instrumente sorgfältig von der Kirche ab, -- galt es doch zu verhüten, daß die schmetternden Marschtöne in die Kirche schallten. Das wäre nicht gut, sagte man. --

Als der Brautzug auf die Seite kam, wo der wilde Hagedornstrauß stand und der schon bemooste Grabhügel des alten Oelkers zu sehen war, schlug Sophie zum erstenmal das Auge auf und richtete es nach dem Grabe. Sie zuckte heftig zurück, erbleichte tief, faßte sich aber schnell und ging hastiger hinter dem Vater her.

Als der Bräutigam an die Stelle kam, gingen seine Augen ebenfalls nach dem Grabe hinüber. Und siehe, es durchzuckte ihn gerade so, ja es riß ihn förmlich zurück.

Niemand schien diesen Vorgang bemerkt, niemand in dem Trubel und Gedränge nach dem Grabe hinüber gesehen zu haben. Die einen trachteten nur, die Brautleute recht genau zu begucken; die anderen strebten in die Kirche, um einen guten Platz zu bekommen.

Der Rundgang um das Gotteshaus war beendet, die Musik brach ab, und der Brautvater führte seinen Zug durch die alte Kirchtür, der Bräutigamsohm den seinen durch den untern Eingang. Mitten in der Kirche begegneten sich beide Züge wieder; sie machten eine gegenseitige Verbeugung, worauf der Bräutigam zu seiner Braut trat und mit ihr allen voran auf das Chor und um den Altar schritt -- mit den Schultern dicht aneinander gedrängt, daß keine Lücke mehr zwischen ihnen bliebe. -- --

Machtvolle Orgeltöne brausten durch die offene Tür, und es wurde mit hallenden Stimmen gesungen: „Bis hierher hat uns Gott gebracht.“

-- „Oder der Satan!“ murmelte eine Stimme auf dem Grabe unweit der Eingangspforte. Der seltsame Kauz, der draußen geblieben war, hockte hinter dem Hagedornstrauche auf dem Rande des Grabes.

Ein seltsamer Kauz fürwahr, in einem seltsamen, schier kunterbunten Aufzuge. Rock und Hose von städtischem Schnitt, aber größtenteils aus allerlei aneinander und übereinander gesetzten verschiedenfarbigen Lappen bestehend. Durch eine rote Bedientenweste, an der die Knöpfe fehlten, schien die zottige Brust. Der wulstige Kopf war unbedeckt, die Füße ohne Strümpfe und Schuhe, -- aber die mitleidige Natur hatte sie mit einer dicken Borke umgeben. An der Seite hing ihm ein schmutziger Beutel, aus dessen breiter Öffnung er jetzt allerlei große und kleine Stücke Brot und Kuchen nahm und um sich herum auf den Grabhügel legte, wobei der lange Haarwulst wild über ein aufgedunsenes bläuliches Gesicht herabfiel.

Während nun aus der offenen Kirchtür laut und feierlich die Stimme des Predigers ertönte, kam von dem Gestrüpp an der Kirchhofsmauer ein ängstliches Pfeifen. Der strolchhafte Bursche drehte den Kopf herum und sah mit grinsendem Behagen zwischen den Gräbern ein Wiesel laufen, das eine wackelnde Ratte vor sich hertrieb. Er schlug sich aufs Knie und lachte. Dann winkte er dem Dohlenschwarme, der, um den Turm flatternd, den Vorgang zwischen den Gräbern ebenfalls wahrgenommen hatte, und rief aus heiserer Kehle: „Die Ratte bin ich, das Wiesel ist er!“ Begierigen Auges stand er auf, um die abscheuliche Jagd besser zu sehen. Aber als das Wiesel ihn bemerkte, blitzte es wieder zurück, während die Ratte an der Mauer entkam.

„Kirk! Kirk! Es kriegt dich doch!“ schrie er und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Dann guckte er an dem Turme hinauf; dann horchte er mit schiefem Kopfe auf den Ton, der aus der Kirche hallte, und auf einmal fing er selbst zu predigen an: „Die Welt besteht aus Wieseln und aus Ratten. Ja, ja, meine Lieben, das tut sie, die Welt. Aus Wieseln und aus Ratten. Das Wiesel ist in der Kirche, die Ratten an der Mauer, die Ratten. Und wenn das Wiesel tüchtig gebetet und gesungen hat, das Wiesel, dann, dann kommt’s ’raus und frißt die Ratte, die nicht gebetet und gesungen, aber brav im Keller gewurzelt hat, die Ratte, die. Kirk! Kirk! Meine Lieben in dem Herrn! Und das Fräulein kommt, das Fräulein mit der goldenen Krone und dem dünnen Bauche, das wollte erst die Ratte nehmen, das Fräulein; aber als das Wiesel die Ratte gefressen hatte, das Wiesel die Ratte, da nahm es das Wiesel, weil es auch viel, viel schöner war, das Wiesel, als die Ratte. Kirk! Kirk! Und da gingen sie zusammen in die Kirche, das Wiesel und das Fräulein, und alles ging mit, und da sangen sie: ‚Bis hierher hat mich Gott gebracht.‘“ -- --

Er sang mit würgender Stimme, bis ein häßlicher Husten ihn zum Aufhören zwang. Nun zog er einen Brannteweinsbuddel aus dem Beutel und trank so begierig, daß man es in ihm ordentlich glucksen hörte. Der seltsame Gast blickte am Turm hinauf und nickte den Dohlen zu, wie man lieben, alten Bekannten, sieht man sie nach längerer Zeit zum erstenmal wieder, zuzunicken pflegt.

Auf den Gräbern begannen plötzlich die dürren Blumenstengel heftig zu zittern, die Trauerweiden fuhren gleich zornig geführten Peitschen über die Hügel und hölzernen Kreuze, und ein tausendtöniges Flüstern, Wispern und Rauschen ging über den Kirchhof dahin, in der Luft zusammenfließend in eine einzige hohltönende Geisterstimme. Ein Regenschauer prasselte hernieder.

Der Kauz blieb ruhig auf dem Grabe sitzen, nickte in die schwarzen Wolken hinauf, trank und trank, stellte die Flasche mitten auf das Grab, nahm ein hingelegtes Kuchenstück, auf dem große Regentropfen standen, und begann hastig zu kauen.