Part 12
Indes hatte die feierliche Handlung in der Kirche ihr Ende erreicht. Die Orgel erbrauste wieder; es wurde gesungen: „Hab Lob und Ehre, Preis und Dank ...“ Drei mächtige Karabinerschüsse krachten dampfaufwirbelnd aus der Kirchentür, und die ungeladenen Zuschauer drängten sich vor und neben dem Hochzeitszuge auf den Kirchhof.
Die Züge ordneten sich nach der umgekehrten Regel:
„Je wegger hinderriut, Je näger der Briut.“
Also die anfangs hinten waren, kamen jetzt vorne an; aber das junge Ehepaar ging nun nicht mehr getrennt, sondern trat vereint an die Spitze; die „Leier“ rechts und links von ihm.
Die Musikanten begannen zu schmettern, und der Zug hatte sich eben in Bewegung gesetzt, als plötzlich eine auffällige Stockung eintrat. Ein lauter Ruf ging durch die Menge, und alles sah an dem Hagedorn vorüber nach dem Oelkers’schen Grabe.
Der kuriose Gesell stand mitten darauf, schwenkte hoch aufgerichtet den Buddel nach dem Brautpaare hin, trank und rief mit glucksender Stimme: „Giut Liun,[37] mein Brüderken, giut Liun, mein Schätzchen! -- Kirk! Kirk!“
„Steffen!“ -- -- --
Ein vielstimmiges Rufen und Verwundern folgte dem plötzlichen Erkennen.
Drewes war wie versteinert; Marten dagegen hatte sich rasch gefaßt, zuckte nur die Achseln und führte seine Angetraute, die heftig bebte und totenblaß war, rasch hinweg.
Ratlos, kreidebleich blieb Drewes stehen, faßte sich an den Kopf und stöhnte:
„Junge, Junge, wo kommst du denn her?“
Steffen hustete und wies mit stracker Hand nach den kreischenden Dohlen am Turm. „Wo die da oben herkamen! Frag sie nur, Andreisvetter.“ -- Er lachte unbändig auf, denn diese Anrede klang jetzt ungeheuer komisch in seinem Munde.
„Junge, Junge!“ stöhnte Drewes wieder und schüttelte immerfort den Kopf, während helle Tränen in seine Augen kamen.
„Weißt du, wo ich heute gefrühstückt habe, Andreisvetter?“ Er lachte wieder, und da alles steinstumm auf ihn sah, schlug er sich aufs Bein, daß es klatschte und schrie: „Auf ’m Kirkstein! Auf ’m Kirkstein hab’ ich gefrühstückt. Leute, das war eine Tafel! Schöner als diese! Kirk! Kirk, Andreisvetter! Kirk! Kirk!“
Drewes flüsterte den um ihn Stehenden etwas zu und wankte wie verzweifelt davon.
Aber nur ein Teil des Hochzeitszuges folgte ihm; der andere drängte sich nebst den Zuschauern, starr vor Staunen und grausender Neugier, um das Grab herum, auf dem Steffen sich wieder gemütlich niedergesetzt hatte und wie vorhin von den um ihn ausgebreiteten Kuchenstücken aß.
Steffen nickte eine Weile zu den ihn umwirbelnden Fragen und Rufen, kaute ruhig zu Ende und deutete mit einer einladenden Geste auf das Grabmal: „Langt doch zu, Kinder, langt doch zu,“ begann er zu nötigen, „ich halte doch heute Hochzeit!“ -- Dann tat er, als klinke er jemand an seiner Seite ein und sagte: „Hab ich nicht ’n schönes Liebchen? Hat’s nicht ’n schönes Bäuchlein, mein Liebchen?“ Er streichelte das Branntweinglas, trank, nickte eifrig, deutete über das Grab und fuhr wichtig fort: „Dies hier ist mein Haus und mein Hof, mein Tisch und mein Acker und“ -- er kicherte leise -- „auch mein Hochzeitsbett -- das hat mir alles mein Vater vermacht.“
Die Leute sahen sich an und nickten leise. Etliche begannen zu weinen, etliche lachten.
„Ei, so langt doch zu!“ nötigte er wieder, hob die Flasche und jauchzte:
„Juhu, Hochzeit, Kindtaufe ist auch nicht weit!“
Er sah in die erschauernden Gesichter und machte eine unwillige Bewegung. „Ha, ihr wollt nicht mit mir essen und trinken? Es ist euch wohl nicht schön genug an meinem Hochzeitstisch? Ha, dann geht doch zu meinem Brüderchen und meinem Schätzchen! Ich habe noch andere Gäste, die werde ich herholen. Seht ihr da oben?“ Er winkte mit der Flasche nach den am Turme flatternden Dohlen und gröhltete ihnen zu: „Juhu, Hochzeit! Kindtaufe ist auch nicht weit!“
Nun sah er sich um nach dem Gestrüpp an der Kirchhofsmauer: „Und dort weiß ich mir noch eine ganz andere Gesellschaft, die mein Mahl wohl nicht verschmähen wird, eine ganz andere Gesellschaft weiß ich mir dort. Denkt euch nur,“ -- er lachte wieder unbändig auf -- „eben hat ’n Wiesel ’ne Ratte gefressen! Ja, was denkt ihr denn, es geht hoch her auf unserer Hochzeit! Was denkt ihr denn? Ihr gehört auch dazu. Seid ihr keine Wiesel, so seid ihr Ratten, und seid ihr keine Ratten, so seid ihr Wiesel.“
Er trank wieder, schüttelte sich wie im Schauder und fuhr jäh auf: „Was starrt ihr mich so an? Denkt ihr, ich wäre verrückt, oder wundert ihr euch, daß ich so lustig, lustig, lustig bin? Soll’n wir denn nicht lustig sein, lustig sein? He juchhe!“
Er stand auf, griff in die Tasche, warf eine Handvoll Kupfermünzen in die Höhe und rief: „Das ist der Musikantentaler! Und jetzt wollen wir den Brauttanz beginnen!“
Er stellte sich mitten auf das Grab und drehte sich wie im Tanze.
Indem kam der Geistliche herbei. Während die Leute ihn eifrig umringten, schrie Steffen plötzlich auf: „Du hast einen falschen Hochzeitstext gehabt. Du kennst die Bibel nicht und weißt noch nicht ’mal, ob der liebe Gott lange oder kurze Haare hat!“
„Schweige, Unglücklicher!“ rief der Geistliche und faßte ihn unwillig ins Auge.
Steffen stieß einen Schrei aus. „Ja, du hast einen falschen Hochzeitstext gehabt; weißte noch nicht ’mal, was im ersten Buch Mosis im 27. Kapitel im 36. und 41. Verse steht? Im ersten Buch Mosis! Nicht? Dann gehe hin und schlage nach -- das ist der wahre Hochzeitstext!“
„Steffen, es ist unser Herr Pastor,“ mahnten jetzt mehrere Stimmen zugleich.
„Und ich wette,“ schrie er ungeachtet dessen fort, „euer Pastor weiß auch nicht ’mal, was er getraut hat, euer Pastor! Ja? Nicht? Nein? Hei, was ihr nicht für ’n klugen Papen habt! ’n Wiesel hat er getraut, ’n Wiesel! Seht, Kinder. Ja! Jawohl!“
Alles lachte.
„Ja, ja! ’n richtiges Wiesel!“ beteuerte er nochmals und zuckte die Achseln gerade so, wie sein Bruder vorhin getan hatte. „Aber was ’n richtiger Pape ist, der ist blind wie kleine Katzen, ’n richtiger Pape.“
„Er ist irre, der arme Mensch,“ sagte der Geistliche und schüttelte den Kopf, „seht zu, bringt ihn ins Haus, ich werde hernach noch mit ihm reden.“
Die Leute nickten, und einige Hochzeitsgäste begleiteten ihn mit vielen entschuldigenden Worten nach dem Hochzeitshause.
Steffen sank in sich zusammen, fuhr aber alsbald wieder auf und rief: „Nichts für ungut, ehrwürdiger Herr! Ich bin ein hundserbärmliches Geschöpf, ich. Aber halten Sie übermorgen oder den andern Tag hier wiederum eine Hochzeitsrede, dann -- ich bitte vielmals darum -- dann halten Sie die Bibel in den Sturmwind, die Bibel, Herr Pastor. Es wird wohl Sturmwind sein, ein großer, siesender, sausender, daß die Knochen aus der Erde springen, Herr Pastor, die Knochen und daß der ganze Himmel in Fetzen fliegt, der ganze Himmel, Herr Pastor. So ’n Sturm! Was der dann aufschlägt, darüber predigen Sie -- sonst wende ich mich um -- umwende ich mich -- um!“
„Steffen, Steffen!“ mahnten wieder die Leute, „darf man so mit ’m Herrn Pastor reden?“ Sie zeigten großen Unwillen über seine Respektwidrigkeit, ein ernsthafter Zorn vermochte aber nicht gegen ihn aufzukommen.
„Sag’ ’mal, Menschenskind,“ ließ sich jetzt eine andere Stimme vernehmen, „wo haste dich denn man bloß die ganze Zeit ’rumgetrieben?“
Steffen drehte den Hals, sah sich angelegentlich nach dem Fragenden um, daß die nächststehenden Frauen und Kinder scheu zur Seite wichen, und erwiderte mit großer Ernsthaftigkeit: „Auf einer Lustreise war ich, mein Jüngelchen, auf einer Lustreise! Sehe ich nicht lustig aus?“
Eilenden Schrittes kam Meister Drewes wieder auf den Kirchhof. Sein graues Haar flatterte um den bloßen Kopf, sein Atem ging keuchend, in seinem Gesicht glühte die Röte tiefer Erregung.
„Junge, Junge!“ Der Alte schluchzte krampfhaft auf und faßte Steffen bei den Händen. „Komm nach Hause, Steffen, komm, komm!“
Steffen sah überrascht auf, schüttelte heftig den Kopf. „Ich bin doch zu Hause! Und ich kann nicht fort, denn ich habe Hochzeit heute. Hochzeit habe ich. Seht Ihr denn nicht? Dort oben“ -- er deutete wieder nach den Dohlen -- „sind meine Gäste. Vornehme Leute, was, meine Gäste? Und schwarz sind sie alle, hu, wie schwarz! -- schwarz wie der dicke Kater, der in der Nacht über ’n Kirchhof springt -- wie der dicke schwarze Kater. -- Was? Ihr habt auch Hochzeit und habt mich nicht ’mal eingeladen? Aber ich hab’s wohl erfahren durch meinen Reisemarschall, guter Andreisvetter? Wißt ihr, wer das ist? Haltet die Hosen fest! -- Nämlich ’m Satan sein Nachtrabe! Der mit den großen eisernen Flügeln über den Wool fliegt in der Mitternacht, der Nachtrabe. Krah -- krah -- krah!“
„Junge, laß den Unsinn und mach’ schnell!“ flehte Drewes verzweifelt.
Steffen sah ihn starr an und schüttelte sich. „Wißt ihr, wer es mir noch erzählte, daß mein Liebchen Hochzeit hielte, mein Liebchen, und mich aufpeitschte und mir sagte, daß ich geschwind kommen müßte, da sie schon mit den Glocken läuteten? Der kleine Vogel, der um Mitternacht über die Siebenberge fliegt, der kleine Vogel, der erst ganz, ganz, ganz leicht ist wie ’ne ausgerupfte Sperlingsdune, aber immer schwerer, immer schwerer wird, bis er zuletzt so schwer ist wie ’n Kirkstein, wie ’n Kirkstein, so schwer und der Mensch, auf dem’s hockt, nicht mehr weiter kann, der Mensch. Wißt ihr, wie er heißt, der Vogel? Nicht? Der Vogel Unrecht! Ja, Jawohl! Und was er ruft? Fragt nur den Swän. Unrecht! Unrecht! Unrecht!“ -- -- --
Steffen würgte seine Stimme und schrie noch einmal, so stark er konnte: „Unrecht! Unrecht! Unrecht!“ -- -- --
Drewes wand sich wie unter Rutenschlägen und sagte in aufschluchzendem Tone: „Komm mit mir, Steffen. Es soll vieles wieder gut gemacht werden.“
Steffen lachte, trank und lallte: „Ich will euch was sagen, Vetter, bringt mir mein Schätzchen her -- ja, mein Schätzchen soll kommen! -- Sollt sehen, dem laufe ich nach wie ein Böcklein -- bis ans Ende der Welt -- wo’s auf einmal aufhört und ratsch runter geht -- ratsch runter -- und wir fliegen mit ’nander tausend Jahre und kommen doch auf keinen Boden, wo Drespen wachsen und Raden und Vogelwicken.“
Er machte mit der Hand kreisende Bewegungen, erhielt das Übergewicht, kollerte am Grabe herunter, streckte sich aus und murmelte noch eine Weile unverständliche Worte, die sich bald in tiefes Schnarchen verloren.
Man hob ihn auf, trug ihn nach des Bruders Hofe und legte ihn auf der Scheuer ins Stroh, damit er zunächst seinen Rausch ausschliefe.
Drewes hatte große Mühe, sich zu beherrschen. Als er in sein Haus trat, saßen die Gäste bereits beim Hochzeitsmahle. Es war ihm im ersten Augenblick, als müsse er alle hinaustreiben und alles ungeschehen machen.
Ein herzhafter Bursch lachte ihm zu, erhob sein mit hellem „Muskatwein“ gefülltes Glas, neigte sich zu dem Brautpaar und rief:
„Jetzt komm’ ich der Jungfer Braut ganz freundlich entgegen Und wünsche ihr viel Gottes reichen Segen: Der liebe Gott wolle sie behüten vor Angst und Schmerzen, Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.
Nun wollen wir trinken in Fröhlichkeit, Mir und meinem Schatz und ihrem Schatz die Gesundheit: So viel Tropfen, so viel Segen, So viel tausend Wohlergeh’n, Als in diesem Glase stehn! Vivat!“
„Hoooch! Hoooch! Hoooch!!!“ rief die Runde. Auch die Kinder in der Kammer stimmten ein, -- und Vater Drewes mußte wohl oder übel mit einem nach dem andern anstoßen.
Sophie saß in vollem Brautschmuck neben ihrem Manne oben an der Tafel und blickte still weinend vor sich nieder, während Marten gänzlich unbefangen tat, die Gäste unterhielt und sich’s schmecken ließ.
Drewes ging zu seiner Frau hinaus, die wie ein Häuflein Unglück am Herde stand, schüttelte lange den Kopf und seufzte: „Mutter, es ist ein falscher Stern gewesen, den ich gesehen habe. Die Toten geben keinen Lebendigen frei. Wehe unserm Kinde!“
Indessen drängte das Jungvolk bereits nach der Scheune, die für heute zum Tanzboden hergerichtet war. Die Musikanten erhielten ihren Sitz auf der Diele und spielten durch die offene Tür, die auf die Scheune führte.
Nach altem Brauche hatte der Bräutigam mit seiner Braut den Reigen zu eröffnen und dafür den Musikanten einen blanken Taler einzuhändigen. Dann mußte er die Braut an den Jüngsten unter den Tänzern abgeben, der große, grobe „Fusthandschen“ (Handschuhe) über die Hände angezogen hatte und die stattliche Brautdieße (Spinnrocken) trug.
Einige Male herum -- und vom Jüngsten wurde die Braut mitsamt der Brautdieße und den „Fusthandschen“ dem nächstältesten Tänzer zugeführt.
So wanderte Sophie ohne Pause aus einem Arm in den andern, und wollte sie keinen Gast beleidigen, so mußte sie walzen und hopsen ohne Aufhören. Ob sie Lust hatte oder Leid trug, ob ihr Atem reichte, danach fragte niemand; die Sitte hatte solche Rücksichten nicht vorgesehen. Dagegen wurde von der Hochzeitsgesellschaft sorglich acht gegeben, ob etwa ein Tänzer die Braut länger behielt als den üblichen Ehrentanz oder ob er sie von der Hand ließ, ehe er sie an den Nächstältesten abgegeben hatte. Beides war wider die Sitte und wurde mit schwerer Strafe geahndet. -- Straffällig machte sich auch, wer ohne die großen Faustschuhe tanzte oder so wenig acht auf sich gab, daß man ihm während des Tanzes unbemerkt einen Schafschwanz an die Rockschöße heften konnte.
Während die Hochzeitsgesellschaft, die auf keinen Fall zu kurz kommen wollte, sich in dieser Weise unterhielt und belustigte, versuchte Vater Drewes drüben auf der Scheune vergeblich, den schlafenden Steffen auf die Beine zu bringen; er mußte ihn liegen lassen und sich damit begnügen, ihn sorglich mit warmen Decken zu versehen und der Obhut des alten Tagelöhners anzubefehlen, der für die Hochzeitstage mit der Wartung des Viehes betraut war.
Von Zeit zu Zeit begab sich ein Teil der Hochzeitsgesellschaft nach der Scheune, kehrte aber jedesmal mit der Nachricht zurück, daß der unglückselige Schläfer nicht zu „ermüden“ wäre und gewiß einen Siebenschläferschlaf täte.
Marten selbst ging nicht hinüber; seine gleichgültige Kaltblütigkeit war staunenswert. Man solle den „Strolch“ nur schlafen lassen; er wolle schon mit ihm „akkordieren“, wenn er sich nüchtern geschlafen hätte -- wehrte er entrüstet alle Sorgen und Ängstigungen um den Heimgekehrten ab.
Man tanzte wieder, ließ auch die Brautdieße noch einmal herumgehen und sang dazu:
„Wenn he ’n Pott met Bahnen steiht Und da ’n Pott met Bri, Denn lat eck Bri un Bahnen stahn Und griep nah de Marie. Marie, Marie, Maruschkaka“ etc.
Da -- ein jäher Aufschrei der Mädchen.
In der offenen Scheunenklappe saß Steffen und ließ die Beine hereinbaumeln.
Die Musikanten brachen ab, und die Mädchen liefen furchtsam beim Scheunengange zusammen. Marten und Drewes waren kurz vorher hinausgegangen, während Sophie sich mitten unter den Mädchen befand.
„Kirk! Kirk!“ rief Steffen und grinste und warf ein Strohspier, das er im Haar hatte, von sich.
Die Burschen und Männer drängten sich zu ihm, bestürmten ihn mit Fragen; etliche boten ihm auch die Hand zum Gruße.
Er achtete ihrer nicht, antwortete keinem und gab auch keinem die Hand, sondern sah mit verglasten Augen nach der Mädchengruppe, die sich um Sophie gebildet hatte.
Mit einem resoluten Entschlusse schob Sophie die Freundinnen zur Seite und eilte stracks auf Steffen zu, bot ihm die Hand und sagte herzlich: „Das ist aber recht, Steffen, daß du kommst.“
Steffen sah sie an, sein Gesicht belebte sich, er sprang herab, stieß sie an die Schulter, ohne jedoch ihre Hand zu nehmen und sagte: „Biste ’n Wiesel oder biste ’ne Ratte?“
„Steffen!“ rief sie mit schmerzlich bewegter Stimme und faßte ihn am Arm. „Komm in die Stube, du wirst gewiß hungrig und durstig sein.“
Er machte eine verächtliche Geberde. „Ich habe erst ’ne Ratte gefressen. Ich danke für Vergnügen.“
Sophie überwand den Schauder und hielt ihn herzhaft am Arme fest. „Ein warmer Kaffee wird dir gut tun, Steffen.„ Er wehrte ab. „Wat! Wat? Aber ’n Schnaps möcht’ ich haben, ’n Schnaps. Auf so ’ner großen Hochzeit wird’s doch ’n Schnaps geben, auf so ’ner großen Hochzeit! Sonst schicke ich meinen Nachtraben aus; sollt ihr sehen, dann hab’ ich gleich ’n ganzes Faß, schicke ich meinen Nachtraben aus, meinen Nachtraben.“
Leider war auch bereits einer mit der Flasche da, und ehe Sophie es hindern konnte, hatte er sie schon am Munde und trank und trank, bis man sie ihm mit Gewalt entriß.
Er stierte um sich, stampfte mit beiden Füßen auf und schrie: „Musik! Jetzt wollen wir den Brauttanz machen, den Brauttanz!“
Ehe Sophie sich’s versah, hatte er sie gepackt und gewaltsam an sich gepreßt; und trotz ihres heftigsten Sträubens und trotz aller wehrenden Hände tanzte er mit ihr wie toll auf der Scheune herum.
Man lachte, aber nur einen Augenblick, dann begannen die lachenden Gesichter zu erstarren. Die Musikanten setzten an und brachen jählings wieder ab; die Mädchen kreischten, -- Steffen brüllte wie ein Tier, riß und stieß alles nieder, was ihm in den Weg trat, und packte die ihm von den Männern entrungene Sophie immer wieder, und er packte sie mit solcher Gier und Gewalt, daß sie noch einen gellen Aufschrei tat und den Kopf schlaff zurückfallen ließ.
Nun gab es kein Zaudern mehr, und von allen Seiten hagelten derbe Fäuste auf Steffen herab.
Mit verwundertem Gesicht stürzte Marten auf die Scheuer. Aber noch eh’ er das Vorgefallene recht begriff, war Steffen bereits erschlafft und, aus Mund und Nase blutend, zu Boden gestürzt, so daß man die junge Frau mühelos von ihm frei machen konnte. Sie war ohnmächtig geworden, sah, als sie wieder zu sich gekommen war, mit entsetztem Auge um sich, klammerte sich an Marten und flehte: „Marten, vergreif dich nicht an ihm. Er ist nicht bei Verstande. Er weiß nicht, was er tut.“
Marten ging um den am Boden Liegenden herum, mit straffen Armen, die Fäuste geballt.
„Du bist wohl dem Tollhause entlaufen?“ schrie er ihn an.
Steffen hob das Gesicht, guckte blöd und wischte sich mit dem zerfetzten Ärmel das Blut vom Munde. „Das ist ganz gut möglich,“ lallte er und gähnte.
„Dann geh’ nur wieder hin, wo du hergekommen bist!“ schrie Marten. „Oder“ -- er zögerte und fuhr gemäßigter fort: -- „komm als ordentlicher Mensch nach Hause“ -- -- --
Steffen richtete sich auf, blieb aber auf den Knieen hocken, stierte Marten unverwandt an und ächzte: „Ich verschwinde schon wieder, Bruder, aber ich muß erst warten, bis der Nachtrabe kommt, der Nachtrabe, Bruder, und mich wieder wegträgt, der Nachtrabe. Mit dem Nachtraben bin ich gekommen, und mit dem Nachtraben fahre ich wieder ab. Krah -- krah -- krah! Heute nacht wird er wohl kommen. Krah -- krah -- krah! Der Nachtrabe! Haste auch Kreuzdornholz genug, Bruder, Kreuzdornholz? Krah -- krah -- krah! Kreuzdornholz. Bruder?“
Marten ließ sich von Sophie hinweg ziehen. Es war über ihn gekommen, daß er sich den Ärmel vor die Augen hielt und sich gewaltig stemmen mußte gegen das in ihm aufquellende Gefühl. Sein ganzer Körper zuckte von verhaltenem Schluchzen.
Man redete Steffen gütlich zu, Drewes half ihm beim Aufstehen; aber er wehrte sie alle von sich, schwankte hin und her und wandte sich dem Tore zu. Er hielt sich am Torpfosten, stand, als besänne er sich auf etwas, kehrte sich wieder um und rief: „Wißt ihr, was das kleine Vögelchen auf den Siebenbergen ruft, das kleine Vögelchen? Unrecht! Unrecht! Das kleine Vögelchen!“ Und dann schwankte er davon, von Zeit zu Zeit wieder herausbrüllend: „Unrecht! Unrecht! Unrecht!“
Bei den Eichen blieb er wieder stehen, lehnte sich an den ersten Baum, sprach vor sich hin, fuchtelte mit den Armen und brüllte wieder: „Unrecht! Unrecht!“
Eine Weile stierte er auf den Weg, der aus dem Dorfe hinausführt; er stob auch ein paar Schritte darauf fort, machte aber wieder kehrt und schlug den Weg ein, der über die Despe nach dem wüsten Hofe führt.
Als Drewes, der ihm mit einigen Männern sachte gefolgt war, beim Walnußbaume ankam, lag Steffen bereits wieder schlafend im Stroh der Scheuer.
Siebzehntes Kapitel.
Bald nach Mitternacht brachen die Gäste auf. Schaudernd sträubte sich Sophie, ihrem Manne zu folgen. Er biß die Lippen zusammen und ging allein nach seinem in Nacht und Grausen daliegenden Hofe zurück. Ein ungeheurer Grimm und Trotz lag in seiner Seele, strotzte durch sein ganzes Empfinden.
Er blieb vor dem Scheunentore stehen; er wollte Wache halten, denn so ein Heruntergekommener konnte einem ja das Haus über dem Kopfe anzünden. Doch als er nun die schweren, geräuschvollen Atemzüge vernahm, drängte sich’s auf einmal mächtig in ihm zusammen; zwischen Grimm und Trotz empor züngelte eine feurige Schlange -- -- und die Schlange hüpfte mitten durch das Tor, schlängelte sich nach dem Bruder ins raschelnde Stroh. -- Dicht beim Lager des Bruders stand ein gefüllter Sack. Die Schlange sah sich vorsichtig um in der Nacht, ihre glühenden Augen funkelten durch die Finsternis -- rasch löste sie den Knoten und blitzschnell sprang sie in den Sack. -- -- Und jetzt tönten die Atemzüge des schlafenden Bruders gerade wie wenn Korn verschüttet und vermengt würde.
Marten machte eine heftig abwehrende Bewegung. -- Abermals indes züngelte die Schlange empor -- auf ihrem Kopfe lag jetzt allerhand schmutziges Korn, auf dem Korn aber lag ein gelbes Papier mit einem großen Siegel, das sah gerade aus wie ein Meierbrief. Und die Schlange sprach: „Du bist es! Du hast deinem Bruder das reine Korn vermengt. Du bist es! Du hast deinem Bruder Lieb und Leben gestohlen. Du hast ihn auf dem Gewissen. Du bist es! Sieh auf! Tausend und nochmals tausend Finger zeigen vom Himmel! Jeder Stamm in deinem Hofe, den du anrührst, wird klein und elend bleiben und zähe Früchte geben. Und jede Saat, die du säest, wird in Unkraut ersticken. Du bist es.“
Marten stob zusammen. Grimm und Trotz war dahin, ein Grauen überlief ihn. Es schnürte sich um ihn und drängte ihn fort.
Horch -- jetzt wurden die sägenden Töne drinnen helle, klare Worte: „Mein Schätzchen, biste da? Komm, komm, wir wollen zu Bette gehen ...“
Die Worte gingen in unverständliches Murmeln und Flüstern über, bis auf einmal ein lauter Wutschrei ertönte: „Teufelskerl, du wirfst mir ja wieder lauter Drespen ins Gesicht! Du siehst aus wie mein Brüderchen, aber mein Brüderchen biste nicht.“
Ein heftiger Windstoß fuhr um das Haus, das alte Scheunentor knarrte in seinen schwachen Angeln, und über den Hof kam etwas wie das leise Ausschreiten eines Mannes.
So pflegte der Vater am Sonntage zu gehen -- -- --
Marten fühlte, wie sein Haar sich sträubte, er sah scharf umher, gewahrte aber niemand.
Da tönte vom Giebel her ein langgezogener Eulenschrei, und in der Scheune rief’s: „Juchhe, Vater, da biste ja! Kommste auch zu meiner Hochzeit? Guck, ist mein Tisch nicht fein gedeckt, mein Tisch? Lang man zu, Vater, nimm man hin, du hast auch lange nichts gehabt.“ Eine Weile war’s still, wie wenn jemand überhungrig am Tische sitzt und hastig ißt; dann aber begann Steffen aufs neue: „Vater, werden da drüben auch Drespen und Raden in ’n Kornsack geschüttet? Kann man da seinem Bruder auch ’s Liebchen und den Hof vor der Nase wegschnappen, seinem Bruder? -- Juchhe, Vater, dann komme ich rüber, juch! und mein Schätzchen, das kommt auch“ -- -- -- --
Schaudernd floh Marten durch die Haustür, die er geschwind hinter sich verriegelte, nach der Stube. An allen Gliedern schlotternd, blieb er eine Weile auf den Zehen stehen, mit angehaltenem Atem lauschend und spähend.
Nur das Käuzchen schrie noch, und hin und wieder ertönte ein Rütteln und Klappern. Schlaff sank er auf den Brettstuhl, schreckensvoll schnellte er wieder auf und rückte den Stuhl mitten in die Stube, daß er sowohl die Tür, als auch die beiden Fenster im Auge haben konnte. „Dies ist meine Hochzeitsnacht!“ ächzte er. Doch nach einer Weile sank der Kopf tief auf die Brust herab. -- -- --
Die Nacht verrann, ein grauer Morgen zog herauf, und der Wind als Wecker schlug den aufgewirbelten Schnee gegen die Fenster.