Der Bruderhof

Part 10

Chapter 103,792 wordsPublic domain

„Ich Ernst August, Freiherr von Steinberg, Erbherr auf Bodenburg, Habarnsen u. s. w. urkunde und bekenne hiermit, daß ich den Colonus Marten Christoph in Woltershausen anderweit auf neun Jahre von Michaelis 1846 anfangende und Michaelis 1855 endigende Jahre bemeiert habe und kraft des gegenwärtigen Meierkontraktes bemeiere, mit einem Kothofe und 33 Morgen Ackerland ....“[30]

Ein heiserer Wutschrei unterbrach ihn. „Du Satan, jetzt ist mir alles klar!“

Steffen stürzte nach dem Papiere. Ein wildes, furchtbares Ringen, ein Knacken und Stampfen -- -- ein Gurgeln und Brüllen -- -- und von der Treppe schlugen sie krachend herab auf den Boden.

Steffen hatte keulenstarke Fäuste und tat gewaltige Schläge; aber Marten war gewandter, kam mit einer listigen Wendung oben auf, sprang in die Höhe, barg seine Urkunde, retirierte gegen die Haustür, hielt hier den auf ihn eindringenden Fäusten einen Augenblick stand, machte wieder eine blitzschnelle Wendung und stieß den Bruder mit heftigem Stoß hinaus auf den Hof, worauf er ebenso blitzschnell die Tür verriegelte. „Bieg dich oder brich! Mein ist jetzt der Hof!“

„Du Satan du!“ brüllte Steffen und stieß mit Kopf und Faust gegen die Tür, bis er auf dem Antrittstein niederstürzte. Noch einmal rannte er gegen die Tür, ließ aber alsbald wieder ab und schlug sich die Fäuste an den Kopf. Er lief nach dem Schuppen, schürzte einen Strang von dem Wagenschwengel, legte sich ihn um den Hals und sprang nach dem Walnußbaume -- stockte aber wieder und stand, die Hände an die Schläfe gelegt, eine Weile wie im Starrkrampfe da.

Als sich endlich die Erstarrung löste, ging er wie gelähmt nach dem Schuppen zurück, setzte sich auf die Pflugschar, legte das Gesicht in die Hände und saß so wohl eine lange Stunde, bis Marten die Tür wieder geöffnet hatte. Ruhig ging er dann in das Haus zurück, um wenige Minuten später im Sonntagskaput und mit dem Rock des Vaters von dannen zu gehen.

Ein starrer Blick noch auf den Hof, dann schritt er rasch hinweg, und wenn er Menschen sah, machte er einen weiten Bogen. Er schlug aber denselben Weg ein, den er am verflossenen Tage mit dem schweren Sacke hingegangen war. Ob er sein Glück noch einmal versuchen wollte?

Nun, die Hunde mit den blutroten Augen fürchtete er jetzt wohl nicht mehr, denn mit dem Schlimmsten vertraut, konnte ihn nichts Schlimmes mehr schrecken.

Vierzehntes Kapitel.

Das neue Jahr war bereits eingeläutet. Ein harter Frost hielt die Erde umklammert. Schneestürme brausten daher, breiteten große Massen über Berg und Tal und pfiffen erbarmungslos durch die Ritzen und Löcher der Häuser. Man mußte schon viel heißen Lebensodem anwenden, um nur ein Blättlein oder Zweiglein von den prachtvollen Blumen der Fensterscheiben wegzuhauchen und ein Gucklöchelchen auf die Straße zu gewinnen.

Jeder freute sich seiner warmen, wohligen Heimstätte, und wer durch das Gucklöchelchen in der Fensterscheibe hinaussah, der dachte gewiß in unwillkürlichem Mitleid an den armen Reisenden auf der Straße.

Ob der verschwundene Steffen wohl auch so ein armer Reisender geworden war?

Irgend jemand hatte ihn am Tage nach Martini vom Schlosse in Bodenburg herwanken sehen. Seitdem war er verschollen.

Das seltsame Ereignis war für das Dorf, ja für die ganze Gegend eine Sage geworden, an der sich die Leute den ganzen Winter unterhielten. Wo man abends um den Ölkrüsel herumsaß, da wurde auch von dem verschwundenen Steffen geredet und geraten.

Die Leute ahnten wohl, daß etwas Ungehöriges vorgekommen sein müsse, daß der geriebene Marten seinen Bruder übervorteilt und hintergangen haben könne, vermochten aber vor Martens geschickten Ausreden und bestimmten Erklärungen keine feste Meinung zu fassen. Schließlich beruhigte man sich damit, daß Steffen eben doch ein etwas sonderbarer, stilldenkerischer Kauz wäre, bei dem niemand recht wissen könne, was ihm eigentlich in die Krone gefahren sei.

Von Meister Drewes war ebensowenig etwas Rechtes zu erfahren; wurde er doch ganz gegen seine Natur schon bei der leisesten Frage derartig aufgebracht, daß man wohl oder übel auf ein weiteres Kundschaften verzichtete. Man konnte nicht einmal herausfinden, ob sich seine Aufgebrachtheit mehr gegen Marten oder gegen Steffen richtete.

Drewes hatte sich nach Steffens unerklärlichem Verschwinden völlig verändert, polterte den ganzen Tag in der Werkstatt herum, schalt auf das schlechte Holz, mit dem er angeführt sei, schalt auf die schlechte Jugend von „heutzutage“, der die Haare schon in den Naslöchern wüchsen. Obwohl ganz allein in der Werkstatt, hörte sich’s doch an, als befände sich ein ganzer Haufe Leute darin, von denen jeder einzelne ihm noch einen besonderen Ärger bereitete.

Sophie hatte von ihrem Vater kaum in Jahren einmal ein böses Wort gehört; jetzt verging fast kein Tag, ja keine Stunde, daß er sie nicht einmal grob anfuhr. Es war freilich unschwer zu merken, daß ihm jedes grobe Wort gegen seine Tochter wie ein harter Schlag auf das eigene Herz fiel; aber wenn ihm so seine Grobheit fühlbar wurde, dann -- pflegte er meistens erst recht grob zu werden.

Als Marten nach einigen Wochen des Zauderns zum ersten Male wieder in die Werkstattstube trat, mit dem Vorwande, daß er zum Frühjahr eines neuen Polterbretts an den Pflug bedürfe, warf Meister Drewes Bretter und Blöcke, Säge und Hobel durcheinander und rief dunkelroten Gesichts: „Meinetwegen kannste dir das Polterbrett auf ’m Blocksberge machen lassen!“

„Kann ich auch,“ entgegnete der Bursche kurz und wandte sich gekränkt nach der Tür.

Da sah ihm der Alte gerade ins Gesicht. „Du bist ja -- du bist ja noch viel schlimmer als Jakob -- du bist ja ein Kain -- -- ein Kain biste ja!“ Er raffte Bretter und Blöcke, Säge und Hobel wieder auf und warf sie abermals durcheinander, während die am Spinnrade sitzende Frau, den Kopf ein wenig über das Rad geneigt, ruhig weiter spann und kein Wort dazu sagte.

„Weißt du auch,“ wandte Drewes sich abermals an den noch unentschlossen dastehenden Burschen, „weißt du auch die Frage, die Gott der Herr, der Allwissende und Allgerechte, an Kain richtete? +Wo ist dein Bruder Abel?+ fragte der Herr -- -- und ich frage dich: Wo ist dein Bruder Steffen?“ --

„Wenn Ihr so fragt, Drewes Vetter, muß ich auch antworten wie Kain antwortete: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ entgegnete Marten mit herausfordernder Gemächlichkeit, während seine Finger einen Hobelspan zerdrückten.

Drewes warf ein Brett auf die Hobelbank und fing ein Hobeln an, daß das ganze Haus dröhnte.

Marten sah ruhig zu und sagte dann mit gehobener Stimme: „Was kann denn ich dafür, daß Eure Tochter meinen Bruder nun einmal nicht leiden konnte? Wer ist denn eigentlich schuld daran, daß es so gekommen ist, wie es hat kommen müssen?“

„Willste etwa noch die Schuld auf andre schieben?“ fuhr Drewes ihn an.

Der Bursche hielt den Blick ruhig aus und entgegnete: „Wer hat denn Eure Fieke gezwungen, sich meinem Bruder zu versprechen? War ich’s oder wart Ihr’s und mein Vater?“

Das brachte den Meister vollends in Harnisch. „Mutter!“ rief er außer sich, ratlos, „was sagste nun dazu? Was sagste bloß dazu?“

Aber die Frau blieb ruhig und sagte nichts.

Drewes steckte hastig beide Hände in die Hosentaschen, zog sie ebenso hastig wieder heraus, schritt mächtig durchs Zimmer und schlug die Hände zusammen. „Jetzt sind’s also wir, die den Steffen von seinem Hofe gejagt haben! -- Natürlich! -- Potz Donner und Düwel!“ --

„No, das hat doch noch gar keiner gesagt, Vater!“ bemerkte jetzt die Mutter in einem Tone, der für Marten gar nicht so unfreundlich klang.

Drewes überhörte den Einwurf, nahm eine neue Wagenrunge aus der Ecke und warf sie wieder hin. „Wüßte man nur, wo der arme Junge steckt! -- Morgen am Tage sollte die Hochzeit sein, das wollte ich ihr aber wicken[31], der leichtfertigen Dirn der!“

Marten zuckte die Achseln. „Dann wolltet Ihr also Eure Tochter zum zweitenmale zwingen, gegen ihre Natur zu handeln?“

„Junge, was verstehst du von Natur!“

„Fieke ist Euer einziges Kind, Drewesvetter ...“

„Jawohl! Aber lieber keins, als so eins ...“

„Vater, aber Vater!“ rief erschreckt die Frau, indem sie den Faden reißen ließ und die Hände zusammenschlug.

Drewes’ Gesicht war erdfahl geworden. Er trat ans Fenster und sah nach dem Himmel. „Gott im Himmel mag einem die Sünde vergeben, daß man so ’was sagen muß.“

Marten, der immer noch auf einem Flecke stand und an dem Hobelspane knickte, wandte sich halb gegen die Frau und halb gegen den Alten und sagte ganz unverfroren: „Ihr habt unserm Steffen Eure Fieke doch nur geben wollen, weil er das nächste Anrecht auf den Hof hatte. Nun will aber der Herr den Hof nicht ihm geben, sondern mir. Dagegen ist doch nun ’mal nichts zu machen, -- und da Ihr wißt, daß ich Eure Tochter gern habe und daß sie mich gern hat, so bin ich herüber gekommen, daß Ihr sie mir geben solltet.“

Die Frau verharrte im Schweigen, aber das Schnurren ihres Rades wurde flinker und stärker.

Drewes sah den Burschen von oben bis unten an und sagte in herbem Tone: „Biste darum gekommen, Junge, dann geh nur wieder hin. Vielleicht kommt ’mal ’ne Zeit, wo wir wieder darüber reden können; wahrscheinlich aber kommt sie nicht, es sei denn, daß dein Vater wieder aus ’m Grabe auferstünde oder aus ’m Himmel winkte ...“

In seinem Gemüte schwer ergriffen, schritt Drewes nach dem Fenster, vor dem die Blumen standen, setzte die hoch gewachsene Myrte auf den Tisch und deutete hinaus: „Junge, kannste jene alten Eichen da mit Erde bedecken, daß sie niemand sieht? Kannste machen, daß der Schnee schwarz vom Himmel fällt? Kannste die Raben lehren, daß sie dir ’n Brief nach ’m Himmel bringen? Kannste das? Nein, so kannste auch nicht das Versprechen aus der Welt schaffen, das unsere Tochter deinem sterbenden Vater gegeben hat ... Oder willst du, daß unsere Tochter hinunter steigen soll zu den Toten und ... Geh, Junge, geh!“

Mit finsterer Stirn, mit wachsender Gestalt, den Arm nach der Tür hingestreckt -- so stand Meister Drewes jetzt in der Stube.

Die Frau ließ das Rad sachte still werden und sah befremdet zu ihrem Manne auf; sie räusperte sich, wagte aber nichts zu sagen.

Marten warf den zerknickten Span zu Boden, machte eine trotzige Wendung und verließ das Haus, ohne Sophie gesehen zu haben.

Beim Kirchhofe mußte er um einen Trupp junger Mädchen herumgehen, die, ihre Spinnräder im Arm, horchend um die Totenkathrine herumstanden.

„Nehmt euch nur in acht vor dem schwarzen Geiste,“ warnte sie und drohte mit der Nase und mit dem Finger.

„Och, Kathrine, macht uns nur nicht bange!“ rief ein Mädchen, das etwas abseits stand, aber doch neugierig das Ohr nach der vermummelten Frau hinhielt.

„Wie war das doch, Kathrine?“ forschte ein andres, das in der Mitte stand und ihre nächste Nachbarin am Rocke festhielt.

„Ach, ihr glaubt’s ja doch nicht!“ rief die Alte in mahnendem Tone.

„Doch, Kathrine, doch!“

Da hob sie den Finger abermals und erzählte: „Es sind auch mal so ’n Stücker sieben Mädchen bei Palands am Steinbirnbaum gewesen. Und dann sind auch so ’n Stücker sieben Knechte gekommen. Und dann ist’s lustig geworden und immer lustiger und immer lustiger, daß ’s Haus gewackelt hat. Und die Knechte haben die Mädchen auf ’n Knien gehabt und die Mädchen die Knechte auf ’m Schoße. Und jeder hat sich genommen, was er hat kriegen können. Es hat aber ’n kleines Kind in der Wiege gelegen, das ist von dem tollen Jubel aufgewacht und hat nicht wieder einschlafen können und hat alles gesehen. Und das Kind ist noch nicht ein Jahr alt gewesen. Da, mit einem Male tut sich die Tür auf, und herein kommt euch ein kohlschwarzer Mann und fragt drohend: ‚Was ist das grünste?‘ Keiner konnte im Todesschrecken eine Antwort geben. Aber auf einmal richtet sich das Kind in der Wiege auf und antwortet: ‚Der Elsternschwanz!‘ Und weg war euch der Mann.“ --

Weg waren auch die Mädchen.

Da knüpfte sich die Totenkathrine das Kopftuch etwas fester, trappelte hinter Marten her und rief: „Haste denn noch gar keinen Bescheid von deinem Bruder, Junge? Haste nicht ’mal in der Nacht was gemerkt, ob er wohl tot ist? Hat’s nicht ’mal mit den Ketten gerintschelt?“

„Laß mich in Frieden mit deinem dummen Aberglauben!“ fuhr Marten sie an.

Sie lächelte eigen und nickte und rief wieder: „Mußt nur ’mal aufpassen, Junge. Von twelwe bet einen sind alle Geister te Beinen.“

Er machte eine abwehrende Geste und schritt hastig seinem Hofe zu, laut begrüßt von einem Gänsepaare, das am Tore stand, als hätte es schon auf ihn gewartet.

Mutterseelenallein hauste er den Winter hindurch auf seinem Anwesen. Weder sah man Sophie ferner herüberkommen, noch ihn auch nur einmal wieder hinüber gehen. Als wäre der Weg hinüber und herüber hundert Meilen weit geworden.

Um den unbequemen Fragen nach dem verschwundenen Bruder auszuweichen, mied er jeglichen Verkehr, ging er nur notgedrungen einmal ins Dorf. Hielt er sich aber auch von Drewes’ Hause hinfort völlig fern, so pflegte er doch gar manchesmal vom Dach aus, wo er eine Strohdocke hob, durch die kahlen oder schneebedeckten Zweige des Rötchenapfelbaumes hinüber zu spähen, ob sich nicht die Gestalt des Mädchens einmal erblicken ließe. Ja, als ihn plötzlich die Furcht überfiel, daß Sophie vielleicht gleichgültig gegen ihn geworden sei und die Spinnstuben besuche, schlich er sich an dunklen Abenden nicht selten leisen Fußes durch das Dorf, um dort, wo der Jubel herrschte, zu warten und zu spähen. Einmal, als die Nacht ihren schwarzen Sturmmantel anhatte, ging er sogar über die gefrorene Despe durch den Bauernhof bis unter das Fenster des Drewesschen Hauses. Als er indes seine Befürchtung nicht bestätigt fand, sondern Sophie mit hängendem Kopfe neben der Mutter am Spinnrade sitzen sah, wurde es ihm nicht gar schwer, die in ihm lodernde Leidenschaft mit Hilfe des Trotzes zu bändigen und weiterhin den Grollenden zu spielen.

Fünfzehntes Kapitel.

Ein linder Wind kommt das Tal entlang. Die ungeheueren, harten Schneemassen, die viele Wochen hindurch die Armut geängstigt und den Tieren im Walde eine bittere Todesnot bereitet haben, beginnen sich zu lösen. Aus dem linden Winde wird ein brausender Sturm, der in den Bergen hüben und drüben mächtige Gewässer aufjagt. Aschfarben rollen sie aus den Wäldern daher, häufen in den kantigen Buchten gischtende Schaumkronen, kreisen hier und dort in wogenden Stauungen.

Weiter dann im machtvollen Drange rasen die Gewässer die Senkungen entlang, quer über die Wege, hinaus, hinaus in die breiten, blitzenden Gefilde, wo die gelben Gewässer ihrer harren und sich zur Weiterreise flugs mit ihnen vereinen. Gurgelnd, glucksend stürzen die schlammigen Fluten, oft tiefe Löcher reißend, auf den Äckern hinab, zuletzt gar durch die Höfe und Häuser dem Bache zu, der weit über seine Ufer hinausgedrängt wird.

Der Himmel ist wie reingefegt und rundet sich in seiner tiefblauen Unendlichkeit über der neu sich gestaltenden Welt. Ganz vereinzelt hat der Sturm noch einige schmale Gewölkstreifen zurückgelassen. Man denkt unwillkürlich an eine frisch gefegte Bauernstube, in der nach eiligem Kehren gewöhnlich noch einige Sand- oder Staubstreifen zurückgeblieben sind. Frisch und frei streift das Auge in die Weite. In lieblicher Bläue und näher gerückt als gewöhnlich erscheinen die Berge des Harzes; aber hoch über ihnen ragt noch das weiße bleiche Brockenhaupt -- wie wenn ein Greis über seine dunkellockigen Enkel hinweg schaut. Nordwärts, wo die Sonne zur Rüste geht, blitzen herrliche Silberbänder auf: Es sind die kleinen Ströme, welche die jungen, schäumenden Wasser aus den Wäldern und Feldern der Leine zutragen, es ist die Leine selbst, die sich heute gegen ihre sonstige Natur im nachbarlichen Tale gewaltig zu dehnen beginnt.

Einige Tage sind vergangen, die Erde ist frei, geschäftig trägt der Wind die letzten Sickertropfen von den Äckern. Nur der Siebenbergschnee hat sich nach alter Gewohnheit der jungen Himmelskönigin noch nicht ganz ergeben; einige größere und kleinere Flächen schimmern noch von den Abhängen her, als im Bereiche des Hildesheimer Waldes schon die ersten Märzveilchen anzutreffen sind. Lächelnd sieht die erhabene Siegerin über die kleinen Flicken des überwundenen Königs hinweg.

Auch in die Menschenherzen ist der Frühling eingezogen, und Groll und Gram, Verstimmung und Erbitterung, Sorge und Not lösen sich auf wie die letzten Reste des Schnees unter den Strahlen der Sonne.

Die sich mieden, nähern sich wieder, und wer etwas zu vergeben hat, vergibt, ehe denn noch der andere ihn darum bittet. Was geschehen ist, das ist geschehen. Das Tor des Frühlings ist aufgetan, ein neues Leben und Lieben soll beginnen. Wer es nur ehrlich meint, findet schon Zeit und Gelegenheit, alte Schuld zu sühnen und wie im Baumhof draußen, so auch im Gärtlein da drinnen unter dem Brusttuche die schlechten Gewächse auszurotten und durch gute zu ersetzen. Helf Gott! --

Als die Apfelbäume wieder ausschlugen und in den Höfen gegraben und gehackt wurde, änderte sich das Verhältnis zwischen dieser und jener Seite der Despe schier über Nacht. Marten erhielt, ohne daß er über das Bächlein schreiten mußte, von Sophie freundliche Antworten aus dem Baumhofe, und Meister Drewes stand in der Schummerstunde öfter und öfter hinter der Haselhecke, die Augen auf die Despe gerichtet, als suche er die Stelle, wo die kleine Brücke jetzt sein würde, wenn der schöne Traum nicht so jählings zerrissen worden wäre. --

* * * * *

Auf dem Friedhofe lag silberglänzender Mondenschein und erdgrauer Schatten, jener in unregelmäßigen, vielfach zerrissenen und zerstückten Flächen, dieser in den scharf ausgeprägten Formen von Kreuzen und Hügeln, Ringen und Pfeilern, Stämmen und Zweigen.

Der Wind hatte, gleich der Drossel im Busch, den Kopf zwischen die Flügel gesteckt, und unter dem wolkenlosen, strahlenden Sternenhimmel lagen Licht und Schatten, obgleich von Natur wider einander, in regungslos friedlichem Verein, wie sie alle da unter den grünen Hügeln, die Viertelhufner, die Halb- und Vollhufner, die Kotsassen und Häuslinge, die Tagelöhner und Knechte, mit ihren Frauen, Mägden und Kindern.

Der Nachtwächter, der mit gebeugtem Rücken und einem kurzen Fuße -- es war der Swän Oppermann -- am Kirchhofe vorüberstapfte, blies dreimal ins Horn, rief: „Die Glocke hat zwölf geschlagen -- zwölf ist die Glock’!“ und sang mit eintöniger Stimme die althergebrachten Reime von den zwölf Jüngern des Herrn.

Als Oppermann hinter dem nächsten Gehöfte verschwunden war, lösten sich aus dem Schatten der Kirchhofsmauer zwei Gestalten. Die Pforte knarrte, und Meister Drewes, an der Hand seine Tochter, trat sachten Schrittes auf den hügelreichen Gottesacker.

In langen und kurzen Reihen, in großen und kleinen, hohen und eingefallenen Hügeln lagen sie da rund um die Kirche her, an der das Mondenlicht leise hinunterglitt, -- die Bauern mit ihren Angehörigen für sich auf der Sommerseite, die Häuslinge, Tagelöhner, Knechte und Mägde mit ihren Angehörigen auf der Winterseite.

Mochte auch die Bedeutung der Standesunterschiede im Dorfe nicht gar so groß sein, so gebot doch die Sitte ein ordnungsmäßiges Auseinanderhalten der Schranken, wie im Leben, so auch im Tode. Der Tod war für die Woldhäuser noch nicht der Allerweltsgleichmacher, eben weil er für sie nicht Tod, sondern Fortleben bedeutete.

In dieser Nacht aber lag der größere Teil des Lichts auf der Winterseite und der größere Teil des Schattens über den Bauerngräbern, denn das Licht fragte ebensowenig wie der Schatten, welches Standes die waren, die unter diesen Gräbern schliefen.

Die beiden Lebenden gingen, von ihren Schatten begleitet, ein paar Schritte auf dem Kirchhofspfade hin und bogen rechts bei den Bauerngräbern, wo der breite, wilde Hagedorn stand, vom Wege ab.

Ein zarter Veilchenduft stieg wie ein Atemholen aus dem jungen Hügelgrase auf.

Sophie empfand den feinen Duft in dem Schauer der Nacht wie einen heimlich freundlichen Trost, während der Vater kaum darauf achtete.

Licht und Schatten über den Toten! -- Licht und Schatten über den Lebenden! --

Drewes dachte, während er seiner Tochter voran mit hochgehobenen Beinen über die Gräber hinweg schritt, an den einen und an den andern. Er hatte sie ja alle gekannt, als sie noch in den Stürmen des Lebens standen, als noch Licht und Schatten in ihre offenen Augen fielen. Allerlei Stimmen zogen vor seinem Ohre hin, helle und grobe, lustige und zornige, bittende und drohende, betende und fluchende. Wie Licht und Schatten von einander abhängig, an einander gebunden, hatten sie miteinander gelebt, in Lieben und Hassen, in Dulden und Widerstreiten, in Empfangen und Entsagen, in Hoffen und Verzweifeln, in Jauchzen und in Stöhnen, -- bis jählings die Nacht hereinbrach und sie so still, so still wurden wie dieses Mondlicht und dieser Kreuzesschatten. -- -- --

Sie waren an eine noch unvollendete Reihe gekommen und blieben vor einem noch fast unbewachsenen, aber bereits halb eingefallenen Grabe stehen.

„’s hat nicht lange Stand gehalten, das kleine Bretterhaus,“ murmelte Drewes. Er trat an das Kopfende des Grabes, nahm die Mütze ab und betete mit leiser, dumpfer Stimme das Vaterunser.

Sophie, eng an den Vater gedrückt, hielt die Hände fest ineinander geschlungen und betete aus tiefster Seele mit, vermochte aber, im Grausen fast erstarrend, die aufeinandergepreßten Lippen nicht zu rühren.

„Amen!“ sagte Drewes und sah um sich und über sich. Bei der Kirchentür glaubte er eine dunkle Gestalt wahrzunehmen, und es drängte sich ihm das alte Sagenwort in den Sinn: „Von twölwen bet einen sind alle Geister te Beinen.“ Er faßte die regungslose Tochter fest bei der Hand, erkannte aber bald, daß es nur der Schattenwurf des alten runden Grabsteines war, der eine Urne trug.

Der Mond sah ruhig auf den Kirchhof herab, der Sterne Heer schimmerte aus der Unendlichkeit, und in Silberstrahlen flutete das Licht durch die Nacht um die alten Kirchturmsmauern. Kein Laut regte sich, kein Schatten bewegte sich.

Vater Drewes beugte sich zum andernmale über das Grab und betete ein zweites Vaterunser. -- Und wieder sah er um sich und über sich. Nicht ein Hauch war zu verspüren, nur der eigene Atem zu vernehmen. Der Bergwald, zu dem die Blicke schweiften, war wie ein Sarg, auf dem die ruhig brennenden Lichter stehen -- regungslos, ohne Atem.

Da neigte sich Drewes zum drittenmale und rief mit leiser, tiefer Stimme: „Henderk, ich stehe mit meiner Tochter hier an deinem Grabe, wie wir an deinem Sterbebette standen. Siehst du uns, wie Gott hoch über den Sternen uns sieht, so sag’ uns an: Ist Steffen, dein Sohn, bei den Toten oder ist er noch unter den Lebenden? -- Die Frauen, die an jenem frühen Ostermorgen zum Grabe des Heilandes gingen, gingen mit der großen Sorge: Wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? Mit solch einer Sorge stehen wir auch an deinem Grabe. Eine große Schuld liegt zwischen uns. Du weißt es wohl, und ich muß fragen: wer wälzet sie ab von uns? Henderk Oelkers, der du durch das Grab in den Himmel gingest, siehst du uns, wie Gott über den Sternen uns sieht und kannste meine Tochter um deines zweiten Sohnes willen von ihrem Versprechen entbinden, die Schuld unserer Kinder vergeben, wie wir auch unsern Schuldigern vergeben, so gib uns nach unserm dritten Vaterunser ein Zeichen, sei’s hoch am Himmel, oder sei’s unten auf der Erde.“ Und er betete das heilige Vaterunser zum drittenmale -- langsam und feierlich.

Grabesstille war nach wie vor, aber als die Betenden nun über sich sahen, schoß ein glänzender Strahl vom Himmel -- mitten zwischen dem Oelkerschen und dem Drewesschen Gehöfte -- herab.

„Vater!“ flüsterte das Mädchen.

„Komm, Kind!“ -- sagte Drewes -- und Sophie ging rasch voran vom Kirchhofe hinweg.

Bei den fünf Eichen blieb Drewes aufatmend stehen, sah über sein Gehöft hin und murmelte zufrieden: „Der Stern muß dorthin gefallen sein, wo der Steg sein soll.“

„Ja, Vater, ich glaub’s,“ flüsterte sie und tat einen Atemzug, der wie ein tiefes Aufschluchzen war.