Der Bruderhof

Part 9

Chapter 93,994 wordsPublic domain

Steffen hörte geduldig zu, ließ aber seine Augen immer um den Herd herum schweifen. Der Wäschestein neben dem Herde, der Kesselhaken über dem Herde, der dreibeinige „Stritten“, das dunkle Backofenloch unter dem Herde, das blanke Geschirr an der Wand, die weißen Eimer auf der Bank -- jedes einzelne fiel ihm heute ins Auge, erregte sein Interesse, löste seltsame Empfindungen in seiner Seele, weil er mit allem die ersehnte Gestalt des Mädchens in Verbindung brachte. Es war vielleicht so etwas wie das poetische Schauen der Liebe, das, aus tiefster Seele aufsteigend, plötzlich die rohe Sinneshülle des Bauernburschen durchbrochen hatte und nun sein Denken und Fühlen im Banne hielt.

Drewes rückte die Bohrbank in das Klappenlicht, auf der die Felgen gebohrt wurden, nahm die „Schürgiffel“, die in der Herdecke neben dem Ofenloch stand, schürte das sachte brennende Holzfeuer und rief in den Ofen hinein: „Fieke, das Wasser! Daß ich die Speichen kochen[29] kann!“

Da der Lehmaufsatz des Ofens Risse hatte, konnte man das Rufen in der Stube deutlich verstehen.

„Das Kind ist draußen,“ antwortete Frau Drewes von ihrem Spinnrade her.

„No, denn bleib man sitzen, Mutter!“ rief Drewes gutmütig zurück, „es hat so ’ne Eile gerade noch nicht.“ Er machte sich nun an die Bohrbank und begann dabei wieder von den teuren Jahren zu erzählen, da man nur Wickenbrot und getrocknete Steckrüben gehabt, das doch keinem geschadet hätte.

Steffen nickte regelmäßig zu Drewes’ Gefallen, sagte von Zeit zu Zeit „soso“, „ja“, oder „kuck einer“ oder „i nä!“, bis es ihm auf einmal zu heiß wurde auf seinem Sitze und er aufstehend den unermüdlichen Erzähler mit der Versicherung unterbrach, daß dieser Winter gewiß sehr kalt werden würde und man daher dies Jahr wohl nicht so viel Holz verkaufen könne.

In der Pause, die nach seinem Worte entstand, hörte man deutlich Sophiens seltsam ergreifende Stimme von der Diele hertönen:

„Ach, Mutter, gib mir keinen Mann, Ich leb’ nicht länger denn ein Jahr; Ich leb’ nicht länger denn ein Jahr, So legen sie mich wohl auf die Bahr’.“

Steffen öffnete den Mund und horchte mit angespanntem Ohre nach der Diele. Drewes hielt mit bohren an, um ebenfalls zu lauschen.

Sophie schien auf der Diele aufzuräumen, man hörte die Hobelspäne rascheln, wobei sie in dem gleichen schwermütigen Tone fortsang:

„Durch das Wasser bin ich gegangen, Und das Rad hat mich gefangen; Ihr sollt mit mir zu Grabe gehn, Wie’s tut wohl einer Braut anstehn.

Dort oben im Himmelsgarten Da tut mein Bräutigam mich erwarten, Dort oben in der Ewigkeit Da steht mein Brautbett schon bereit.“

„So schön habe ich Fieke ja noch gar nicht singen hören!“ rief Steffen freudestrahlend. „Ei nicht ’mal, so ’ne Stimme! ’s geht ordentlich rührend.“

Drewes waren über dem Lauschen die Augen feucht geworden. „Das Lork hat sich in den letzten Tagen ganz umgekrempelt, es ist nichts mehr mit ihr anzufangen. Ich meine immer, es wäre unsere Fieke gar nicht mehr. Der Kuckuck mag’s wissen. Zuletzt habe ich doch nur die eine Tochter; -- da greift einen die Besorgnis immer leichter an.“

„Na, das wird jetzt schon wieder anders werden, Andreisvetter,“ beruhigte Steffen, „ich habe mich in der letzten Zeit wegen der vielen Scherereien bald gar nicht mehr um sie kümmern können. Das wird’s wohl sein, das wird sie wohl verdrossen haben. Ja, das wird’s sein!“ Und er stand hastig auf. „Aber jetzt will ich gleich ’mal mit ihr reden, und ich denke auch, daß wir nun doch bald Anstalt zur Hochzeit machen.“

Drewes faßte ihn beim Arm, hielt ihn zurück und sagte mit Stocken und Zögern und einem Tone voll herzlichen Mitleids: „Junge, rede heute lieber nicht mit ihr; sie soll sich erst wieder besinnen. Sie wird etwas krank sein, besorge ich. Komm lieber mal ’n andern Tag wieder, das ist besser.“

Steffens Gesicht wurde etwas lang. „Das ist ja aber ... i, da kriege ich ja ’n ordentlichen Schrecken -- krieg’ ich ja. Aber ich muß ihr doch wenigstens ’mal die Tageszeit bieten.“

Indem trat das Mädchen unter der „Wipprauge“ aus der Tür. Ihre Schürze war mit allerlei Holzstümpfen gefüllt, deren weiße Schnitt- oder Hauflächen oben herausschimmerten.

„Wir haben sie gekränzt mit Rosmarin ...“ sang sie, während sie sich von der „Wipprauge“ dem Herde zukehrte.

Da rief Steffen aus dem Hintergrunde: „Gu’n Dag, Fieke! Ich bin hier, ja, wir kennen uns bald gar nicht mehr.“

Das Lied endete in einem leisen Aufschrei. Der eine Schürzenzipfel entglitt ihrer Hand, und ein Teil der Stümpfe und Späne fiel zu Boden. Sie sah nicht danach, sondern ergriff hastig den hängenden Zipfel und floh auf die Diele.

Als Steffen unter die „Wipprauge“ kam, waren nur noch leise forteilende Tritte zu vernehmen.

Er blickte nach dem Hintergrunde der Küche zurück, schüttelte den Kopf, daß die langen Haare raschelten, ging auf die Diele, guckte durch die an der einen Wand befindliche Stalltür, steckte auch den Kopf aus der Scheunentür in der andern Wand und rief verwundert: „Fieke, Menschenskind, wo bist du denn?“ Er forschte, während der Meister strack an der Bohrbank stand und eine Felge betrachtete, überall herum, wurde ihrer aber nirgends ansichtig, erhielt auch keine Antwort.

Ärgerlich und achselzuckend rief er: „Biste mir böse, Fieke, so mußte ’s man bloß sagen.“ Er ging wieder unter der „Wipprauge“ hin und rief dem Alten an der Bohrbank zu: „Ja, denn will ich doch man lieber ’n andermal wieder kommen, -- wenn sich Fieke so anstellt.“

„Ich denke auch,“ sagte Drewes nur und schüttelte seufzend den Kopf.

Steffen schritt durch die Haustür und ging, ohne sich umzusehen, auf die Eichen zu.

Drewes begab sich in die Stube, sah ihm durchs Fenster nach, schüttelte traurig den Kopf und sagte leise: „Armer Mensch, du!“

„War denn Steffen da?“ fragte die Frau, den Finger in das schnurrende Rad haltend.

Drewes nickte.

„Hat er sich mit Fieke ausgesprochen?“ fragte sie und legte die Hände aufeinander.

Drewes kratzte sich mit beiden Händen am Kopfe. „Ist ja gar auf kein Wort ’ran zu kriegen, das Starrkopf das! -- Was soll man da nun machen?“

„Meine Zeit -- ja!“ seufzte die Frau und schlug die Hände zusammen.

Sie hörten, wie draußen vor dem Ofen die Holzabfälle hingeschüttet wurden. Gleich darauf trat Sophie in die Stube. Ihr Gesicht war auffallend blaß, und ein herber, fast trotziger Zug hatte sich um ihre Mundwinkel gelegt.

Drewes suchte auf der Hobelbank, nahm einen Meißel und drückte sich nach der Tür, denn er war angesichts seiner Tochter immer entwaffnet, mochte sich auch noch so viel des Unmuts und Ärgers in ihm angesammelt haben.

„No, Vater, nun gehste wieder ’raus!“ rief die Frau ärgerlich und redete ihm noch deutlicher mit Augen und Stirnfalten zu. „Das Rad kriegste doch wohl noch fertig.“

„No, ich muß mich dran halten,“ erwiderte er, „und du kannst mir dann man gleich das Wasser heiß machen, Fieke, daß ich die Speichen kochen kann.“

„Aber erst wollen wir ’mal ’n Wort über was anderes reden,“ bestimmte die Mutter, als das Mädchen wieder nach der Tür gehen wollte. „Als ich höre, war Steffen vorhin beim Vater?“

Sophie machte eine halbe Wendung von der Mutter ab. „Mutter, der braucht um meinetwegen nicht mehr zu kommen!“ fiel sie fast heftig ein.

Die Mutter stand auf und stemmte die Hände in die Seiten. „I, du bist ja ein ganz schlechtes Mädchen -- biste ja!“

Sophie preßte die Lippen aufeinander, über ihre Wange rollte eine Träne.

Vor den Augen seiner Frau zum äußersten getrieben, begann nun der Alte, der bis dahin den Meißel an den Schwielen seiner Hand probiert hatte: „Mädchen, denkste denn gar nicht daran, daß dein Versprechen auf dem Kirchhofe eingegraben ist? Denkste denn gar nicht daran? Wär’s bloß ein Versprechen zwischen euch zweien, zwischen dir und Steffen, wollte ich schließlich sagen: Das müßt ihr miteinander abmachen. Lebende können lösen, aber die Toten -- die Toten halten fest.“

„Denn grabt mich nur auch in den Kirchhof hinein!“ schluchzte das Mädchen.

„Nun hör’ einer an,“ jammerte die Frau; und der Alte, verzweiflungsvoll durch die Stube schreitend: „Muß er sich nicht im Grabe umdrehen, der gute alte Nachbar, daß ich mein Wort so schlecht einlöse? Muß es nicht kommen, daß er mir in jener Welt weit aus ’m Wege geht, wo wir doch auf dieser Welt so gute Freunde waren und uns nie das Geringste zu nahe getan haben?“

Sophie hielt die Schürze an die Augen und schluchzte: „Vater, kann ihm denn das eine Kind nicht so lieb sein wie das andre?“

Die Alten sahen das Mädchen an, sahen einander an und schwiegen beide still. Die Frau setzte sich wieder an ihr Rad und sagte nur, ohne die Tochter anzusehen: „Geh jetzt und mach das Wasser heiß!“

Der Meister, der eben zwischen den Sägen an der Wand gesucht hatte, ging hinter ihr drein und raunte ihr draußen am Herde ins Ohr: „Fieke, magste wohl ’mal mit mir um Mitternacht auf ’n Kirchhof gehn?“

Sie sah ihn groß an. Leise fuhr er fort: „Wir wollen ins Grab ’runter rufen und dann auf ’n Zeichen warten.“

„Ja, Vater, ich gehe mit dir!“ flüsterte sie und sah ihn dankbar an. Er strich mit leiser Hand über ihr Haar und begab sich rasch an den Radstock, während das Mädchen Kohlen aus dem Ofen nahm und ein Feuer auf dem Herde entzündete.

Dreizehntes Kapitel.

Steffen fühlte nach der Rückkehr eine wühlende Last auf seiner Seele und verrichtete sein Tagewerk mit schwerem, schleppendem Gange. Er ahnte mehr, als er begriff. Vergeblich suchte er sich zu ermannen.

Da ging er in die Stube und langte von der Ecke des Wandbrettes, auf dem die Milchbriwen standen, die Bibel herunter. Es war ein gewohnter Griff, denn er hatte dem Vater an Sonntagen und Winterabenden oft aus der Bibel vorgelesen und für sich auch manche müßige Stunde mit dem Buch der Bücher verbracht, war es doch das einzige Unterhaltungsbuch im Hause und im Dorfe. Jetzt aber hatte er weniger das Bedürfnis nach Unterhaltung, als vielmehr nach Tröstung. Er setzte sich an den Tisch, schlug die Bibel auf und traf im ersten Blick auf die Stelle: „Er heißt wohl Jakob; denn er hat mich nun zweimal untertreten. Meine Erstgeburt hat er dahin, und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen.“

Steffen hielt inne und stand auf. Ein jäher Gedanke zündete ihm durchs Hirn.

Wenn Marten ihm das Mädchen abwendig machte! Wenn er es vielleicht schon getan hätte -- -- --. Eine heiße Angst und Unruhe überfiel ihn, und hoch auf loderte in ihm die Flamme der Eifersucht.

Er lief die Treppe hinab, ohne zu wissen, was er wollte. Wenn das wäre, wenn Marten ihn dem Mädchen zuwider gemacht hätte ... Er biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste, aus seinen Augen sprühte ein zorniger Blick. Er fühlte, er könnte auf einmal ein ganz anderer Mensch werden ...

Plötzlich hüpfte wieder das kleine schwarze Huhn über die Schwelle herein, das schon einmal wie ein Hahn gekräht hatte.

Steffen sah es düster an, stieß mit dem Fuße nach ihm. Da flog es auf den Herd und hob den Hals und machte abermals eine Stimme wie ein Hahn.

„Jetzt mußte dran!“ knirschte Steffen und schlug die Haustür zu, daß es in den Wänden hinauf dröhnte; und griff nach dem Huhne und jagte es so lange, bis es ermattete und in der Ofenecke sich zu verkriechen suchte.

Da packte er es und riß ihm den Kopf ab, daß das warme Blut ihm ins Gesicht spritzte.

Denn also muß man nach uralter Meinung solch einem Teufelshuhne tun, man muß ihm den Kopf vom Rumpfe reißen, um dem Unheile, das es ankündigt, zuvor zu kommen. --

Die ungewöhnliche Tat hatte die Spannung seiner Seele gebrochen und ein neues Gefühl in ihm ausgelöst. Der regungslose Körper mit dem rinnenden Blute brachte ihn in eine eigentümliche Verlegenheit, er wurde klein und weich, versteckte das Huhn, wusch das Blut ab und stieg wieder zur Stube hinauf.

„Wie kann ich nur auf so Arges kommen?“ sagte er vor sich hin; „Marten denkt ja lange nicht mehr an das Mädchen: würde er sonst den sauern Weg zu dem Herrn gemacht, ihm obendrein so bereitwillig das Geld versprochen haben, hätte er seinem Glücke im Ernste zuwider sein wollen?“

Weg mit dem scheußlichen Gedanken! Marten wäre doch sein Bruder, und ein Bruder könne doch am Bruder nicht so handeln, -- redete er jetzt gleichsam zu sich selber. Aber -- war nicht Jakob auch Esaus Bruder gewesen? Freilich! Allein es waren nicht christliche, und es waren nicht hannoversche Brüder gewesen. Er schlug die Bibel, die noch offen auf dem Tische lag, heftig zu und ging wieder hinaus.

Ein Freudenschein legte sich über sein Gesicht, denn er traf ein holdes Wunder vor seiner Tür. Sophie!

Sie stand auf dem Antrittsteine, zupfte sich das Kopftuch zurecht und kam zögernden Schrittes herein.

„Fieke, das ist gut!“ rief er und konnte sich vor Freude nicht lassen.

Ihr Gesicht war blaß, ihr Blick verlegen. Da sie aber nun rasch auf die Küchendiele ging und die Tür hinter sich zuklappte, konnten sie einander nicht so scharf ins Gesicht sehen, denn das einzige Fenster der Küchendiele war hoch und klein, und seine in Bleirähmchen gefaßten „Ruten“ schillerten gräulich-grün, wo sie nicht ganz verräuchert waren.

Er ging auf sie zu, tastete nach ihrem Arm und griff vorbei, denn sie stand schon am Herde, sah nach den Töpfen und Tellern, ohne jedoch etwas anzurühren und sagte: „Du warst vorhin in unserm Hause, Steffen.“

„Ja, Fieke, und habe dich nicht gesehen,“ antwortete er und legte seine Hände zutraulich auf ihre Arme.

„Hoffentlich hast du dir nichts daraus gemacht,“ sagte sie und bückte sich nach dem Ofenloche, wodurch sie wieder frei wurde.

„Ah, was denkst du auch, Fieke! Geärgert habe ich mich und das nicht wenig,“ erwiderte er eifrig und nahm ein kleines Sprickbund von der Wand, um es vor das Ofenloch zu legen, weil er dachte, daß sie Feuer anmachen wollte.

„Ich habe mich auch geärgert,“ sagte sie und richtete sich wieder auf.

„Über mich, Fieke?“

„Nein, über mich, Steffen. Ich bin dir absichtlich aus ’m Wege gegangen. Aber es war nicht recht von mir, ich hätte gleich deutlich mit dir reden sollen.“ Er machte eine beschwichtigende Geste; doch ehe er antworten konnte, fuhr sie schon fort: „Man muß nicht vor einander weglaufen, das ist was elendes, das kann ich nicht leiden, darum ärgerte ich mich über mich und sagte zu mir selbst: Jetzt gehst du zu ihm, und koste es was es wolle, und sprichst offen mit ihm.“

„Ja, siehst du, Fieke, so muß es wahrhaftig sein. So meine ich’s grade auch. Meine Brust kannst du jeden Tag und jeden Augenblick umkehren, und du sollst alles so finden, wie es nur im Gesichte steht. Denn die Falschheit, das ist das Allerschlechteste und Allerabscheulichste in der Welt.“

Sie atmete schwer, stand mit halb abgewendetem Gesichte da und schwieg, so daß er ungehindert fortfahren konnte: „Na Fieke, ich kann mir ja denken, was dich so geärgert haben muß die letzte Zeit: daß ich schon so lange nicht mehr zu euch ’rüber gekommen bin und überhaupt so wenig nach dir hin gesehen habe.“

Sie machte eine Bewegung, die wie ein Aufzucken war. „Och, Steffen ...“

Aber er ließ sie noch nicht zu Worte kommen.

„Das mußt du mir nicht nachtragen, Fieke. Denn sieh mal, wie habe ich nicht all die Zeit den Kopf so voll gehabt. Wie habe ich nicht immerfort sinnen und denken müssen, um all das Geld, das Meiergeld und den Meierzins zusammen zu bringen. Kurz und klein habe ich mir beinahe ’n Kopf gedacht und darum gar an nichts anderes denken und nach nichts anderem sehen können. Ja, du hast manchmal dagestanden, daß ich dich wohl beinah umgerannt hätte, aber ich dachte immer erst ’ne ganze Weile nachher daran, daß du da gewesen warst. Na, Fieke, so ’n Martenstag ist doch wahrhaftig auch keine Kleinigkeit! Aber nun ist alles überstanden, und ist nur Marten erst zurück, dann sollst du aber mal sehen, Fieke, wie ich um die Eichen ’rum komme. Dann sollste aber mal sehen! Du glaubst ja gar nicht, was ich für ’ne Freude habe, daß du nun bald ganz im Hause sein wirst. Sie könnten kommen und könnten mir ’n ganzes Königreich anbieten und noch ’n ganzen Vollkötnerhof mit anderthalb Spann Pferden -- gingest du nicht mit, so sagte ich auch: Macht andre glücklich damit und laßt mir nur meinen wüsten Hof, da will ich schon reich und glücklich genug werden, wenn ich die Fieke erst habe. Siehst du! Also mach’ dir man ja keine Gedanken, Mädchen, daß ich nicht groß auf dich hielte; ich hab’s dir nur nicht so zeigen können. Und darum wollen wir denn auch keinen Tag mehr länger säumen und sobald wie möglich Anstalt zur Hochzeit machen. Nicht, Fieke?’

Er ging wieder auf sie zu, sie wich ihm aufs neue aus, atmete schwer, schüttelte den Kopf, seufzte: „Och, Steffen, du machst es mir schwer.“ ...

„Was denn aber, Fieke?“

Sie kämpfte mit sich. „Och, Steffen.“ ... Sie brachte es nicht heraus. „Nein, ich kann es dir jetzt doch nicht sagen, Steffen!“

„Was denn bloß, Fieke?“

Sie hatte aber schon die Tür aufgerissen und lief nun mehr als sie ging mit gesenktem Kopf vom Hofe hinweg.

Steffen rief ihr nach, verwunderte sich, beunruhigte sich indes nicht, lächelte in seiner Arglosigkeit und stieg auf den Boden, um Häcksel zu schneiden.

Über Mittag legte sich ein heller Sonnenschein auf den wüsten Hof; aber die Hühner blieben ihm fern, und das Eisgespinst, das zwischen den Fußstapfen und Wagenspuren glitzerte, ließ sich trotz seiner Jugend ebensowenig reizen und locken. Es war ein trügerischer Schein, und wo sich dennoch ein feines Eiszäpflein von ihm rühren ließ, da fror es hernach um so fester.

Als die Sonne über die Nachbarsscheune stieg, und dem Hofe nichts als frostigen Schatten hinterließ, kletterte Steffen auf den Hahnenbalken, um von dem Eulenloche über das Dorf hinweg zu sehen.

Da hörte er in der Gegend der Eichen klatschende Peitschenschläge, die in bunter Folge -- kurz linksrechts und rechtslinks und dann mit aller Macht groß und stark aus der Rechten -- das rasch sich nähernde Wagengerassel begleiteten.

Da brauchte Steffen nicht mehr auszugucken, und es war gut, daß er’s nicht mehr tat. Denn drüben zwischen den Bäumen stand Sophie, und die bunten Schläge galten ihr. --

Steffen ließ sich über das Heu herabrutschen, stob die Leiter und dann die kleine Treppe herab, lief durch die Stube und sah den Wagen über die Despebrücke kommen. Die Säcke hingen leer an der Wagenleiter.

Gott Lob und Dank!

Also hatte der Herr das Korn angenommen, also stand auch der Erneuerung des Meierbriefes nichts mehr im Wege.

Freudigen Herzens eilte Steffen auf den Hof. Der Wagen stob herein, Marten sprang noch in voller Fahrt ab und warf Steffen das Seil zu, -- wie der Herr dem Knechte. -- --

„Habe Dank, Bruder, vielmaligen Dank! Du hast mich aus einer großen Pein erlöst. Ich war ganz zerschlagen heute, ganz zerschlagen, und seit einer Stunde fürchtete ich immer, du würdest jeden Augenblick mit den vollen Säcken über die Brücke kommen.“ Steffen schirrte den dampfenden Gaul aus, und da Marten noch nichts sagte, fragte er: „Na, im Anfang war er aber wohl recht kurz angebunden, der Herr?“

Die Stute im Stalle wieherte, und der Wallach in der Sperrdeichsel antwortete ihr mit einem grummelnden Tone. Nur Marten wußte noch keinen Ton zu finden.

„Wundert’s dich nicht, daß es schon so stark gefroren hat?“ fragte Steffen, und seine Hände bebten, daß er kaum die Ringkoppel öffnen konnte.

Jetzt zuckte Marten die Achseln, krümmte den Nacken und machte mit der Hand eine so eigentümliche und heftige Geste, als wollte er die Luft von sich abwehren.

Steffens Augen wurden starr, sein Blut stockte. Er brachte den Gaul in den Stall, schüttete ihm eine Wanne voll Häcksel ein und trat auf die Küchendiele.

Marten stand vor dem Schranke und schnitt sich ein Stück Brot.

„Du siehst mich ja gar nicht an!“ rief Steffen mit dumpfer Stimme, „redest auch kein Wort?“

Marten hustete. „Es ist mir ’n schweres Angehen, dir den Ausfall mitzuteilen,“ ließ er sich endlich mit unsicherer Stimme vernehmen, „aber es muß doch ’raus!“

„Es muß ’raus?! Was muß ’raus?“ schrie Steffen außer sich und klammerte sich an die Treppenlehne.

Hustend antwortete Marten, indem er an Steffen vorbei sah: „Der gnädige Herr war wie ein Teufel und wollte mich umbringen, als ich von dir anfing und ’n gutes Wort für dich einlegte. ‚Nichts mehr von dem!‚ schrie er mich an. Der taugt nicht für den Hof, das ist ein Träumer, ein Döskopf, der würde mir nur alle Jahre denselben Ärger machen, der muß an den Schandpfahl ...“

Steffen keuchte und lehnte sich mit der Stirn gegen die Kaminwand.

„Ich blieb aber lange stehen,“ fuhr Marten gleichmäßigen Tones fort, „und sagte: Herr Baron werden verzeihen, es ist doch mein Bruder. -- Ja, genau so sagte ich. Da pfiff er zwei riesige Hunde herbei, die ganz blutrote Augen hatten, und prophezeite mir: ‚Sollte dein Bruder sich unterstehen, mir wieder unter die Augen zu kommen, sollen ihn diese beiden da ’n Galopp lehren, den er in seinem ganzen Leben noch nicht gelaufen ist.‘“

Aufheulend krümmte sich Steffen auf die Lehne. „Gibt’s keinen Gott im Himmel, wenn keine Gerechtigkeit auf Erden ist?“ Und er stampfte die Treppe, daß es dröhnend durchs Haus ging.

Marten nahm Brot und Wurst in die Hand und aß.

„Was wird denn aus mir und meinem Bruder? fragte ich den Herrn in meiner Angst und Not,“ fuhr er in seinem grausamen Berichte fort.

„Ja, was wird nun aus uns?“ fiel Steffen keuchend ein und kratzte sich an dem Kamin die Finger wund.

Marten zögerte einen Augenblick und blinzelte nach dem Ächzenden hinauf; dann begann er wieder: „Da sagte der Herr: ‚Das kümmert mich den Teufel nicht! Ich habe gute Leute genug, denen ich den Hof geben kann.‘ -- Und da ich dem Herrn nun auch zu Füßen fiel, ihn an unsere Väter erinnerte und wie sie sich niemals hätten ’was zu schulden kommen lassen, daß er darum doch gnädig verfahren möchte mit ihrem Sohne -- ich meinte natürlich mit dir, meinem Bruder -- da schien sich der Herr auf einmal zu besinnen, er pfiff ’ne Weile vor sich hin, sprach leise mit dem Rentmeister und sagte ganz plötzlich zu mir: ‚Du bist ja auch ein Oelkers-Sohn‘. -- Ja, so sagte er. Darauf tat er einen tiefen Griff in den Sack, ließ das Korn langsam durch seine Finger fallen und sagte: ‚Das Korn ist recht,‘ -- sagte er. Ja. Hierauf sah er mich wieder an und wiederholte: ‚Du bist ja auch ein Oelkers-Sohn!‘ Und dann ging er mit großen Schritten hin und her, und auf einmal blieb er dicht vor mir stehen und fragte: ‚Kannst du den Meierbrief bezahlen?‘ Ja, sagte ich, ohne an ’was zu denken -- und da ich das Geld zufällig bei mir hatte, so kriegte ich’s gleich ’raus und zählte es dem Herrn vor und sagte: Das wollte ich gleich da lassen, wenn er mir den Meierbrief für dich mitgeben wollte .... für dich, sagte ich natürlich ...“

Steffen richtete sich mit einem Ruck auf, spreizte die Hand gegen den Kamin und sah groß aufgerissenen Auges auf den Bruder herab, der nun Messer und Brot hinlegte und seinen Bericht mit allerhand entschuldigenden und beruhigenden Gesten vollendete: „‚Gut‘, sagte hierauf der Herr, ‚ich will nicht hart sein, ich will euch den Hof lassen, ihn aber nicht deinem Bruder, sondern dir vermeiern‘ ... Ja, so sagte er. Na, da kannste denken, Bruder“ ...

Er konnte nicht weiter reden, denn ein fürchterlicher Schrei gellte zu ihm herab. Schwankend und bebend, mit beiden Händen nach einem Halt in der Luft suchend, stand Steffen auf der Treppe.

Marten machte wieder eine seiner redenden Gesten, ja, er zeigte sich fast verletzt. „So arg, Bruder, brauchste doch nicht zu tun. Es ist jedenfalls besser für dich, daß ich den Hof habe, als wenn ihn irgend ein Fremder gekriegt hätte. So kannst du doch dein ganzes Leben auf ’m Hofe bleiben und ihn wie dein eigen ansehen.“

Steffen zuckte zusammen, seine Augen schienen sich mit Blut zu füllen, aber er hielt sich und fragte mit tonloser Stimme: „Haste den Meierbrief?“

Marten nickte und zog die Achseln.

„Haste ihn wirklich?“ ächzte Steffen abermals und wankte zwei Stufen herab.

Marten zog eine steife, gelbliche Urkunde aus der Kitteltasche, faltete sie auseinander, hielt sie Steffen hin, deutete mit dem Finger auf die Schrift und las: