Part 23
Einmal erwachte sie. Es war nach Mitternacht. Und er nutzte die Gelegenheit, die Umschläge zu erneuern und ihr zu trinken zu geben. Kaum, daß sie die Kissen wieder berührte, entschlummerte sie aufs neue.
Otten vermeinte auf dem Korridor ein leises Geräusch vernommen zu haben. Als er nachsah, stand Heinrich Koch vor ihm, und der alte Klaus wartete auf der Treppe.
»Ja, Heinrich, das ist nun so. Kaum gewonnen, schon zerronnen.«
Heinrich Koch schüttelte den feinen Gelehrtenkopf. »Selbst wenn das Schlimmste einträte, Joseph, Frau Maria ist nicht wie jede andere — es bleibt etwas.«
»Etwas.«
»Genug für dich, wo du gar nichts mehr erwartet hattest. Und wohl sogar so viel, daß auch ich noch daran teilhaben kann.«
»Jupp,« sagte der alte Klaus, »Kop hoch. Hal dr Nacke stief.«
Da flog ein Lächeln über Ottens steinerne Züge. »Dat donn ich. Gut’ Nacht.«
Die kurze Ansprache hatte ihm gut getan. Sie wirkte nach und füllte die Stunden aus. »Nur die Knabenfreundschaften haben den langen Atem des Lebens,« dachte er. »Was hinterher kommt, ist nicht mehr uneigennützig. Wo sind alle die Nachfolger geblieben? Mit der letzten Flasche, zu der ich sie einlud, vom Stuhl gefallen. =Habeant sibi.=«
Er träumte vor sich hin. Vom alten Klaus und dem väterlichen Schiff, das er führte. Von Heinrich Koch, dem kleinen, fröhlichen Kameraden, der ihm nie von der Seite gewichen war. Und von dem kleinen Hinterhälter — wie hieß er doch? — Medardus. Medardus Terbroich. Der Name stach ihm ins Gehirn. Medardus — Laurenz. »Sippschaft du. Wir rechnen noch ab.« —
Mit der Uhr in der Hand führte er den Krankendienst aus. Vor Morgengrauen erwachte Frau Maria, um nicht wieder einzuschlafen. »Guten Morgen, Liebste,« sagte er und beugte sich über sie. »Wie fühlst du dich?«
Ihre Augen gingen über ihn hin, streiften die Wände ab und kehrten zu ihm zurück. »Was war das nur? Das Letzte?«
»Du wirst geträumt haben. — Erkennst du mich jetzt?«
»Dich? Weshalb sollte ich dich nicht erkennen, Joseph? Du und Carmen — ach, ruf sie doch.«
»Du bist in Zons, Maria. Hast du noch Schmerzen?«
»Schmerzen — Schmerzen?« murmelte sie. »Ja, ich habe Schmerzen. Eigentlich sind es keine. Nur der Atem. Wenn ich doch nur ein einziges Mal — richtig — atmen könnte.«
Kurz darauf packte sie ein schwerer Anfall. Sie rang nach Luft, daß sich der Körper bäumte, und krampfte die Hände in das Leinentuch. Ohne Zaudern griff Otten zu, brachte sie in sitzende Stellung und streichelte ihr liebkosend die feuchte Stirn. Sie versuchte zu sprechen. In kurzen, hastigen Stößen ging ihr Atem. »Danke,« sagte sie endlich.
Nachher lag sie, ohne zu reden. Immer vergeblich bemüht, die Atemnot zu meistern. So fand sie der Arzt.
Als Otten ihn hinausgeleitete, machte er ein Sorgengesicht. »Das Fieber ist gestiegen. Wir können nichts tun, als bei der Behandlung bleiben. Versprechungen machen kann ich nicht.«
»Sie müssen.«
»Ich kann es nicht.«
»Gestatten Sie mir, einen zweiten Arzt zuzuziehen.«
»Ich wollte Sie gerade selber darum bitten. Haben Sie einen Vorschlag?«
»Geheimrat Bartels in Köln. Er war unser Hausarzt.«
»Ich werde ihn sofort von der Station aus telephonisch herüberbitten. Zum Nachmittag können wir gemeinsam hier sein.«
Auf seinem Zimmer fand er zu seiner Verwunderung Koch. »Was willst ~du~ hier?«
»Vorbeugen, daß du nicht unvernünftig wirst, Joseph. Unsere Kranke schlummert. Sofort streckst du dich auf das Sofa und versuchst ebenfalls zu schlafen. In zwei Stunden wecke ich dich. Und wenn unsere Kranke früher aufwacht, früher. Mein Wort darauf. Bedenke, daß du deine letzte Kraft für die kommende Nacht brauchst.«
Ohne zu verhandeln, willfahrte er.
Am späten Nachmittag brachte der Arzt den Kölner Geheimrat. Im Städtchen war das Leben heute reger. Die Karnevalswelle ging selbst an diesem einsamen Strande nicht vorüber, ohne seinen Puls zu erhöhen. Frau Maria hatte das Anrollen des Wagens vernommen. Aus der Ferne hörte sie Gesang und wirre Musik. »Was ist das für ein Tag?« fragte sie.
»Rosenmontag.«
»Rosenmontag ... Schön ist der Name.«
Die Ärzte traten ein. Der Geheimrat schüttelte Otten lange die Hand. Er hatte zu seinen eifrigsten Bewunderern gezählt. Dieser hagere Mann mit dem verwitterten Gesicht und dem grauen Haar war Otten? Er hätte ihn nur an den stahlblauen, aufblitzenden Augen erkannt.
»Herr Geheimrat, wenn Sie ihr nicht helfen können, schaffen Sie ihr Erleichterung. Sie hat ein Anrecht darauf.«
»Ich weiß, und ich werde das meine dazu tun.«
Nach einer Viertelstunde, während der Kollege am Bett blieb, nahm er Otten beiseite. »Das Herz ist aufgerieben, es leistet keinen Widerstand. Die Lungenentzündung allein hätte das nicht vermocht. Ich habe ihr Kampfer gegeben, um die Herzschwäche zu heben. Das täuscht über ein paar Stunden hinweg. Aber — wie gesagt — es ~täuscht~ nur hinweg.«
»Leiden soll sie nicht!«
»Geben Sie ihr in der Nacht noch einmal von diesen Tropfen. Das Bewußtsein der Schmerzen wird dadurch aufgehoben. Sie war eine tapfere Frau, Herr Doktor.«
»Ah — — sie war — —!« —
Und wieder war er mit seiner Frau allein. Er hatte die Fensterläden geschlossen, daß kein Ton der Außenwelt in ihr Beieinander dringen sollte, und das Licht fortgestellt, daß nur ein Schein über ihnen lag. Und während es Nacht wurde und Stunde auf Stunde vorüberzog, Stunden, die nur nahmen und nichts brachten, erzählte er in leisem Flüsterton immerfort, immerfort. Von all den Jahren, von denen sie nichts wußte, und die doch ihr gehört hätten gleich all den früheren, weil seine Sehnsucht sie wie ein scheuer Vogel umflattert hätte.
»Nun hole ich alles nach,« sagte sie mit fliegendem Atem. »Alles mit einemmal.«
Und er erwiderte, und es war wie eine Selbstanklage: »Was hast du für ein Leben gehabt — —«
Sie strich mit der Hand über die Decke, als ob sie seine Seele glätten könnte. Er mußte sich zu ihr beugen, um sie zu verstehen.
»Keine Frau war glücklicher. Denn ich durfte nicht nur eine Liebe, ich durfte ein Trost sein. Wer kann soviel von sich sagen. Und daß ich dein Trost sein durfte — das macht mein Leben — herrlich.«
»Maria, nun ist die Reihe an mir.«
»Siehst du — sie ist auch an dich gekommen. Und wenn du — Carmen hilfst — gib acht, wie das Gefühl — ein Leben aufwiegen kann. Hilf Carmen, Joseph. Was du ihr tust — tust du der Mutter.«
Die Beschwerden steigerten sich. Er reichte ihr die Tropfen, und sie dämmerte dahin. Noch einmal sprach sie, mit großer Anstrengung. »Ist — der Morgen da? Ich — möcht’ ihn sehen.«
Er öffnete die Läden und ließ das junge Tageslicht herein. Die Morgensonne glitzerte durch die Scheiben.
»Sonne — —! Du — Carmen — und die Sonne.«
»Sie hat nie anders als Maria geheißen.«
»Joseph —,« stieß sie hervor, »du —!« Und sie blickte in die Sonne ...
Plötzlich öffneten sich ihre Augen weit. Sie sah ihren Mann an. Sie wollte noch etwas sagen, und es gelang ihr nicht mehr. Sie mühte sich um ein Abschiedswort. Und es wurde ein herzzerreißendes Lächeln.
Er hielt sie in beiden Armen. Ganz fest an seiner Brust. Und er las in ihren Augen, was sie noch wünschte: »Küß mich, Joseph.«
Da legte der Mann seinen Mund auf den ihren und küßte ihr den letzten Odem von den Lippen — —
Als die Ärzte nach einer Stunde kamen, fanden sie ihn, den Arm noch immer um die Tote gelegt. Und als sie wieder gegangen waren, saß er wie vorher. Den ganzen Morgen über. Mit seinen Gedanken allein.
Erst gegen Mittag kam er auf die Diele. Heinrich Koch und der alte Klaus erhoben sich von ihren Sitzen.
»Joseph —«
»Es ist schon gut.«
»Eine Depesche — an Frau Maria.«
Er nahm sie entgegen. »An Frau Maria im Himmel.«
»Joseph,« sagte Heinrich Koch, »ich habe sie lieb gehabt, wie keine andere Frau.«
»Ein Hinterbliebener mehr.«
»Zwei,« sagte der alte Klaus, »zwei mehr, Jupp.« Und er zerbrach vor Erregung die Tonpfeife und stampfte hinaus.
»Willst du nicht die Depesche öffnen?«
»Ach so.« Er riß den Streifen auseinander und las. Zuerst Moritz Lachners Unterschrift. Dann den Text. »Terbroich und Carmen wollen morgen früh nach dem Süden reisen. Meine Aufklärungen von Carmen als unglaubwürdig abgelehnt.«
Joseph Otten las zweimal. Und wie er das zweite Mal las, lachte er hart vor sich hin. »Geduld ...«
»Nachrichten von Carmen, Joseph?«
»Sie wird morgen hier sein.«
»Gott sei Dank.«
Otten schritt über die Diele hin und her. »Übermorgen wollen wir sie beerdigen.« Und er blieb stehen und blickte nach der Decke. »Hier, damit wir sie in der Nähe haben, wenn wir sie brauchen. Tote binden stärker als Lebende. Du nimmst mir wohl die notwendigen Besorgungen ab, Heinrich.«
»Alles. Kümmere dich um nichts. Soll ich auch an Carmen telegraphieren?«
»Ich gehe selbst zur Station. Ich habe noch einen Spaziergang vor, einen Geschäftsweg, was weiß ich? Da ist ein Wille, ein Testament Marias, das vollzogen werden muß, damit ihr kleiner Schatz nicht gestohlen wird.«
»Kann ich dir den Weg nicht abnehmen?«
»Nein,« sagte Joseph Otten, »den Weg kann mir kein Mensch abnehmen.«
Er nahm nur ein Glas Wein. Etwas anderes zu genießen, ließ er sich nicht überreden. Oben in der Schlafkammer stand er in Hut und Havelock lange vor der Toten. Die Kirchenuhr schlug eine Nachmittagsstunde. Da riß er sich los.
»Ich geh’ jetzt, Maria.«
Und er ging. Schweigend um die Stadt herum und schweigend über die lange, öde Chaussee, die vor drei Tagen seine Frau gegangen war. Das fiel ihm ein, als er einherschritt. »Sie hat ihren Auftrag ausgeführt. Ich darf nicht zurückbleiben.«
Als die Station in Sicht kam, beeilte er sich.
»Ich hab’ einen Auftrag. Ich hab’ die Konsequenzen meines Lebens zu ziehen. Daran kommt keiner vorbei, und wenn er sich auf die einsamste Insel gerettet hätte. Eine vom Wind verschlagene Woge rollt heran und holt mich herunter. Und ob ich mir die Konsequenzen meines Lebens anders gedacht hätte, fröhlicher, leichtlebiger — danach wird nicht gefragt. Es handelt sich nicht mehr um dich, es handelt sich um die, die du nachlässest, Joseph Otten. Also bist du noch zu etwas nütze. Schlafe ruhig, Maria.«
Der Zug war des Fastnachtsdienstags wegen wenig besetzt. Er nahm einen Platz in einem Kupee erster Klasse und blieb allein. Gemächlich fuhr der Zug von einer Station zur andern. Er merkte es nicht. Er saß in seiner Ecke und grübelte.
»Es gibt einen Ausgleich. Weil ich an keiner Frau vorüber konnte, ohne sie schön zu finden, muß ich im Alter ausziehen, die Tochter zu schützen.«
»Vor solch’ einem Burschen. Das ist das ärgste.«
Übermüdet schloß er die Augen. Und wie auf einer Pflichtwidrigkeit betroffen, schnellte er hoch.
»Bleib munter, Joseph, bleib munter. Nachher gibt’s Zeit zum Schlafen die Menge.«
Da stand der Dom und reckte seine Schwurfinger. Und Otten reckte sich auch, verließ den Bahnhof und betrat seine Vaterstadt.
Er war in ein Tollhaus gekommen. Der Kehraus des Karnevals wirbelte durch Straßen und Gassen. Heute noch leben wir, morgen schon sterben wir. Genießt, genießt! Der Aschermittwoch wartet vor der Tür.
»Fastelowend kütt eran, Spille mer op der Büsse. Alle Mädcher kriegen ’ne Mann, Ich un och min Söster!«
sang ihm eine wilde Schar Kostümierter, heiser von den Strapazen der Festtage, das alte Karnevalsliedchen in die Ohren, und eine andere Schar nahm gellend die Weise auf:
»Dä Fastelowend kütt eran, Wat gitt dat Freud und Loß! Jitz schaff mer sich ’ne Flaabes an, Dann kömmt uns nit Verdroß!«
Otten schlug den Kragen seines Mantels hoch und zog den Hut in die Augen. Wie ihn das Treiben anekelte. Nur nicht erkannt werden. Die Luft war trunken von dem Lärm, und die Menschen trunken von der Luft. Nun, er war gekommen, um zur Ernüchterung zu verhelfen.
Der Menschenstrom drängte ihn vom Domplatz in die Komödienstraße. Die Straße war die rechte. Vor des jungen Terbroich Haus stemmte er sich gegen den Strom und wurde in die Haustür geschoben. Im Haus war es still. Die Parterrebewohner genossen den Fasching aus. Wer dachte heute an anderes!
Joseph Otten stieg zum ersten Stockwerk hinauf, das Laurenz Terbroich bewohnte. Er war ganz ruhig, als er die Klingel zog.
Nichts rührte sich in der Wohnung. Und Otten ließ das Läutewerk schriller ertönen.
»He, Johann!« rief drinnen eine Stimme. »Natürlich: zum Teufel! Alles verrückt.« Und ein Knurren, halb ärgerlich, halb lachend. Die Tür öffnete sich. Laurenz Terbroich, den schwarzen Domino über die Schultern gehängt, stand dem Besucher gegenüber.
»Sie wünschen?«
»Wenn es auf mich ankommt, nur zwei Worte.«
»Sie sehen, daß ich auf dem Sprunge bin, fortzugehen. Mit wem habe ich die Ehre?«
»Ich bin der Doktor Joseph Otten. Lassen Sie uns hineingehen.« — — —
=XX=
Laurenz Terbroich war unwillkürlich zur Seite getreten. Offenen Mundes starrte er die Erscheinung an. Dann preßte er die schmalen Lippen aufeinander und blähte die Nasenflügel, um seine Bestürzung zu meistern. »Herr Doktor Otten?« fragte er endlich und lächelte mit unterwürfigen Augen. »Sie kommen nach Köln zurück?«
»Extra Ihretwegen.«
Laurenz Terbroich schloß die Korridortür und ließ den Besucher ins Zimmer. »Entschuldigen Sie die Unordnung, Herr Doktor. Mein Diener hat den Nachmittag von mir frei bekommen, des Fastnachtsdienstags wegen. Auch ich wollte noch zu einer Veranstaltung. Man wird in diesen Tagen den Domino überhaupt nicht mehr los. Aber Sie waren ja auch einmal jung und in solchen Dingen nicht der letzte. Nein, wirklich, es sieht hier geradezu beschämend aus.«
Er hastete die Sätze heraus, als wollte er den Besucher gar nicht zu Wort kommen lassen, als wünschte er von vornherein den leichten Ton anzugeben, auf dem sich die Unterhaltung bewegen möchte.
Joseph Otten sah sich aufmerksam um. Der Salon war geschmackvoll in einheitlichem Stil gehalten. An den Wänden hingen alte, schöngerahmte Ölbilder. Auf dem Tisch stand die fußhohe Nachbildung einer Venus in Bronce. Daneben ein dünnstengeliges, halbgefülltes Sektglas venetianischer Arbeit und in metallenem Kühler die leere Flasche. Mit einem ironischen Ausdruck blickte Otten von dem Arrangement auf den Besitzer, der sich verlegen das schmale Backenbärtchen und die rasierte Oberlippe strich.
»Sie haben sich wohl Mut getrunken, Herr Terbroich?«
»Mut? O nein. Aber in dieser Karnevalsstimmung —«
»Ernsthaft. Ist diese Karnevalsstimmung in den letzten Jahren nicht die normale bei Ihnen gewesen?«
»Sie scherzen. Ich bin sonst kein Trinker. Ich wollte nur heute abend gleich in gehobener Stimmung sein.«
»Sie haben etwas Besonderes vor?«
»Nichts Besonderes gerade. Der übliche große Kehrausball.«
»Allein?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine, ob Sie mit meiner Tochter hinzugehen gedachten?«
»Mit Ihrer — Tochter?«
»Herr Terbroich, Sie tun ja gerade, als ob Sie von der Existenz meiner Tochter kaum Kenntnis hätten? Mir wäre das weiter nicht unlieb, aber bleiben wir bei der Wahrheit, oder, falls Ihnen das Wort nicht geläufig sein sollte, auf realem Boden.«
»Herr Doktor, Ihre verletzende Unterstellung —«
»Bitte,« sagte Otten. »Ich komme erst in zweiter, dritter Linie in Betracht. Nicht wahr, das empfinden Sie selber? Und wir wollen hier keine Silben stechen. Dazu ist die Situation nicht angetan und die Zeit zu kostbar. Also Sie kennen Carmen sehr genau, Herr Terbroich?«
In Laurenz Terbroichs Augen spielten unruhige Lichter. Seine schmalen Lippen zuckten nervös. »Selbstverständlich,« erwiderte er kurz. »Wir sind doch Jugendfreunde.«
»Würden Sie mir wohl ein wenig von Entwicklung und Ziel dieser Freundschaft erzählen?«
»Derartige Liebesgeschichten dürften Sie doch zu wenig interessieren.«
»Ah — Liebesgeschichten. Vorhin nannten Sie das — Jugendfreundschaft. Ich sehe, wir verstehen uns bereits besser.«
»Ich verstehe Sie ganz und gar nicht, Herr Doktor.«
»Ich möchte Sie nicht gern von Ihrem Vergnügen zurückhalten, Herr Terbroich. Marschieren wir deshalb geradeaus, und wir können uns in einer Viertelstunde eine freundliche Verbeugung machen.«
»Was bezwecken Sie denn eigentlich? Das ist doch kein Tag zu ernsten Auseinandersetzungen.«
»Für mich sind die Tage gleich geworden. Wären sie es nicht, so ließen Sie mir doch keine andere Wahl. Und daß Sie selber ernste Auseinandersetzungen voraussehen, beweist mir Ihr Ausspruch. Bitte, sprechen Sie weiter.«
»Herr Doktor, ich verwahre mich ausdrücklich dagegen —«
»So sprechen Sie doch endlich weiter!« — Das klang wie ein Befehl.
»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« murmelte Laurenz Terbroich.
»Mit anderen Worten: Sie wünschen, daß ich fragen soll. Nun, ich kann ja auch das. Also Sie lieben Carmen —?«
»Wir mögen uns sehr gern.«
»Ihr mögt euch sehr gern ... Und Carmen liebt Sie wieder?«
»Sie bringt mir die gleichen Gefühle entgegen.«
»Sehr diplomatisch ausgedrückt. Aber damit kommen wir nicht weiter. Was sind das für Gefühle, die Sie erwähnen?«
Über des jungen Mannes Gesicht glitt ein trotziges Aufbegehren. »Das sind unsere eigenen Angelegenheiten.«
»Nicht doch, Herr Terbroich. Wenn ich in denselben Ton verfalle, gibt es ein Unglück.«
Laurenz Terbroich zuckte zusammen und warf einen scheuen Blick auf den unheimlichen Frager, der hager und sehnig vor ihm aufgerichtet stand. »Haben Sie nicht auch Ihre kleinen Geheimnisse gehabt, als Sie jung waren?«
»Das habe ich. Aber ich hatte sie nicht allein. Die andere teilte sie mit mir.«
»Das ist auch hier der Fall. Carmen und ich sind uns vollkommen klar.«
»Worüber?«
»Über unsere Liebe, oder unsere Freundschaft — oder wie Sie es nennen wollen.«
»Nicht, wie ich es nennen will. Ich will hören, wie Sie beide es nennen. Sie schweigen —? Also sagen wir, Sie sind sich über Ihre Liebe klar. Und wie gedachten Sie, diese Liebe auszugestalten? Denn man steckt sich doch irgend ein Ziel.«
»Das haben wir vorläufig noch der Zukunft anheimgegeben.«
»Diese Zukunft scheint mir aber sehr nahe zu liegen. Nehmen wir an, daß morgen schon diese Zukunft wäre. Was ist Ihnen? Morgen wird ein Tag wie alle anderen sein. Was würden Sie also morgen tun?«
Laurenz Terbroich nestelte die Knöpfe seines Dominos auf und zu. »Wenn Sie es wünschen,« sagte er dann und mühte sich, eine Zuvorkommenheit in seine Sprache zu legen, »wenn Sie es wünschen, werde ich heute abend noch mit Carmen darüber reden.«
»Weichen Sie mir nicht immer aus.«
»Ich weiche Ihnen durchaus nicht aus. Ich bin so gutmütig, mir Ihre Inquisition gefallen zu lassen, obwohl Sie am wenigsten ein Recht dazu hätten —«
»Wollen Sie bei der Sache bleiben?«
»Sie können doch nicht einfach Ihre ganzen Lebensmaximen auf den Kopf stellen.«
»Für mein Kind,« sagte Otten eisig, »könnte ich noch etwas ganz anderes, als meine sogenannte Lebensweisheit über den Haufen werfen. Merken Sie sich das.« Er lenkte ein. »Aber das vermögen Sie noch nicht zu verstehen. Sie müßten sein wie ich und ein Leben gelebt haben wie ich. Ich will nicht zu streng mit Ihnen ins Gericht gehen.«
»Ich könnte Sie auch nicht als Richter anerkennen. Es gäbe Frauen genug, die ich gegen Sie anführen könnte.«
»Sie reden von anderen Menschen und ich rede von meiner Tochter, Herr.«
»Nun ja?«
»Von meiner Tochter! Das ist ein Unterschied!«
»Das ist, wenn Sie gestatten, ganz einfach unlogisch.«
»Es ist ~meine~ Logik, weil es ~meine~ Tochter ist. Es würde mich um Ihretwillen sehr betrüben, wenn Sie sich dieser Logik verschlossen zeigen sollten.«
Sein Blick wich nicht von Terbroich, dessen Gesicht sich unwillig färbte. »Dieser Logik bin ich nicht gewachsen.«
»Sie gedachten, morgen mit meiner Tochter eine Reise nach dem Süden zu unternehmen.«
»Wer behauptet das?«
»Ich bin nicht engherzig genug, Menschen, die sich lieben und die obendrein mündig sind, Vorschriften machen zu wollen. Nur den Grad der Liebe muß ich wissen. Daß Carmen fest auf Ihre Ehrlichkeit baut, dessen bin ich gewiß. Sie würde sonst nicht so weit mit Ihnen gegangen sein, denn über ihren Stolz sind wir uns ja wohl einig.«
»Carmen ist eine viel zu große und freie Natur, als daß sie den landläufigen Heiratsgedanken eine solche Wichtigkeit beimäße.«
»Nicht Heiratsgedanken. ~Treu~gedanken.«
»Wir sind uns treu.«
»Und werden es bleiben? Denn das wäre die Ehe.«
»Das hängt nicht allein von mir ab.«
»Sie lügen, Mensch.«
Laurenz Terbroich fuhr auf. Die beiden Männer standen sich hart einander gegenüber.
»Sie lügen. Denn Sie möchten mich glauben machen, es könnte auch von meiner Tochter abhängen. Und ebenso belügen Sie meine Tochter, indem Sie ihr ewige Treue vorspiegeln, während Sie nur das schöne Spielzeug noch nicht missen möchten. Noch nicht. Aber Sie werden keinen Schritt weiter gehen, Terbroich, das verspreche ich Ihnen. Ich mahne Sie. Es ist meine Tochter.«
»Sie beschimpfen mich in einer unverantwortlichen Weise.«
»Der Schimpf ist sehr schnell behoben. Antworten Sie klar und ohne Umschweife: Wollen Sie Carmen heiraten?«
»Daran ist augenblicklich gar nicht zu denken. Wenn Carmen auch über einiges Vermögen verfügt, so würde das doch nicht ausreichen, um einen schuldenfreien Haushalt zu ermöglichen. Die Fabrik aber erträgt zur Zeit nicht noch einen Haushalt, wie ich ihn gewohnt bin und wie ich ihn bei einer Verheiratung führen müßte, neben dem meines Vaters. Ganz abgesehen davon, daß die Fabrik modernisiert und vergrößert werden muß, was ungeheure Summen beansprucht, die beschafft werden wollen.«
»Das war ehrlich. Also ist eine Heirat ausgeschlossen, und wir hätten uns nur noch mit dem Fall zu befassen, daß Sie unverheiratet zu bleiben gedächten, um Ihre und Carmens Liebe zu sanktionieren. Sagen Sie mir, daß jeder im anderen den Lebensgefährten sehen will, und ich gehe.«
Laurenz Terbroich spielte mit dem Glas, das er vom Tische nahm. »Wie kann ein Mensch so langfristige Versprechungen geben! Noch dazu für sich und einen zweiten Menschen?«
»Sie sollen es nur für sich allein. Und nur für die Zeit, die Sie nach ehrlichem Ermessen übersehen.«
»Das — kann ich.«
»So werden Sie also zunächst mit mir gehen und Ihre Verlobung rückgängig machen.«
Laurenz Terbroich zuckte zusammen, daß das Glas, mit dem er spielte, gegen die Tischkante klang. »Sind Sie — bei Sinnen?«
»Sie geben demnach zu, daß die Verlobung besteht. Dieselbe, die Sie mit Ihren rednerischen Jongleurkünsten meiner Tochter auszureden verstanden. Kein Wort! ... Teufel, was für ein minderwertiges Subjekt! Und mit so was muß ich mich befassen!«
»Ist die Unterredung zu Ende?«
»Wollen Sie in sich gehen? Wollen Sie mit mir kommen und sich als anständiger Mensch erweisen?«
»Ich gebe Carmen frei.«
»Wie großartig! Meine Tochter, Herr! Man verfügt nicht über Dinge, die einem nicht gehören.«
»Ich verfüge. Das ist meine Erklärung.«
»Soll das heißen?« —
»Ja,« sagte Laurenz Terbroich und hielt das Glas gegen das Licht.
Joseph Otten trat an den Tisch. Seine Hand berührte die Broncefigur der Venus. »Terbroich, Sie wissen nicht, was Sie sagen. Sie sprechen von meiner Tochter.«
»Ich weiß das sehr wohl. Aber ich bin mir selbst der Nächste.«
»Und Sie wagen es, sich ein Geschenk zu erschleichen, das für ein Leben ist? Zu erschwindeln?«
Laurenz Terbroich zuckte mit den Achseln. »Diese allzu seriöse Behandlung —«
Joseph Otten ließ ihn nicht zu Ende reden. Plötzlich war alles Blut aus seinem Gesicht gewichen. Seine Hand spannte sich um die kleine Broncefigur, und mit kurzem, jähem Schwung schlug er Terbroich die Kante des Sockels in die Schläfe. Wie vom Blitz getroffen stürzte Laurenz Terbroich zusammen, fiel mit halber Wendung gegen den Tisch und glitt mit dumpfem Aufschlag zu Boden.
»Insekt — —,« sagte Otten, betrachtete den Broncesockel, der rein geblieben war, und stellte die Figur auf den Tisch zurück. Laurenz Terbroich lag regungslos am Tischfuß. Die Hand hielt er krampfhaft um das Venezianerglas geschlossen, das gesprungen war. Der Domino hing um seinen Körper.
Otten streifte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ich habe ihm eine Wohltat erwiesen. Und ich vollziehe meine Wohltaten gern ohne Lärm. Meine und Marias Tochter gehört nicht in den Mund der Leute. Sprechen wir also nicht mehr von unseren Wohltaten.«